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Wenn ein unsterbliches Wesen, jenseits von Zeit, in einer Hülle gefangen ist, versucht es alles Erdenkliche, um sie zu zerstören. Eine Seele, die ohne ihre Hälfte nichts ist. Ist es noch immer ein Mensch, auch wenn man erkennt, dass es eine Puppe ist? Die Realität ist doch oft verzweifelnd... Ein Mädchen versucht ihre Schwester, geplagt von einer unheilbaren Krankheit, auf dem Weg in die Abyss zu begleiten. Alle Stricke reißen für Hoffnung, Liebe und Vernunft. Sie greift aber eine Notlösung aus. Ein Ultimatum. Wenn alles zu spät ist, beginnt erst die Erlösung. Sie erzielt dies mittels inhumaner Wege, während sich das Schicksal dreht und triste wiederholt und der Tod schließlich eine Besänftigung darstellt. Doch, wie bereits erwähnt, ist Diavolette kein Mensch... Sie und ihre Schwester haben, seit sie Kinder waren, den Traum, die Welt zu einem schöneren Ort zu machen. Doch Monster sie alle sind. Ein Monster ist die tiefe Natur um uns, in uns und mehr. Alles scheint normal zu sein. Lassen Sie sich nicht täuschen. Schon von Anfang an stecken Sie in einer Falle fest. Diavolette hat einen geringen Schwierigkeitsgrad: es herrschen hauptsächlich persönliche traumatische Konflikte, welche ineinanderfließen. Die erste Hälfte stellt uns die Welt, ihre Figuren und ihre emotionalen Zwickmühlen vor. Die zweite Hälfte lässt alles in den Abgrund stürzen und die Realität verliert an Bedeutung.. Ein Roman voll mit Komplexität, Philosophie und Emotionen - eine harte Lektüre, die es wert ist.
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2025
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„Man sollte niemanden festhalten, der geht, sonst trifft man nicht den, der kommt."
– eine alte Muse
„Und jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre verabschieden und die schwere Kunst üben, zur rechten Zeit zu gehen.
…
Fast zu heftig strömst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher wieder, dadurch dass du ihn füllen willst!“
– Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
1. Nachtbetrachtung
2. Dem Lichte möglich
3. Der glücklichste Tag
4. Die Vergänglichkeit des Willens
Löwenmutter, Löwenvater: Pars Prima
5. Rabenmädchen im Rabenhof
6. Flugsturz
1,5. Nachtbetrachtung: Ultimatum
7. Goldkuckuck
8. Dein Feuer im Nacken
Löwenmutter, Löwenvater: Pars Secunda
3,5. Der glücklichste Tag: Ultimatum
7.5. Goldkuckuck: Ultimatum
Dead Man Walking
Diavolette: Ultimatum
1979, eine von der anstrebenden Neuzeit verpestete Kleinstadt im Süden Frankreichs, in der zwei Wesen jungen Träumen nachstreben.
Sie trafen sich bei der Kreuzung wie immer, als sie getrennte Wege beschreiten mussten. Es war täglich so. Sie mussten sich immer noch daran gewöhnen. Aber nicht mehr heute. Sie dürften heute nicht mehr an den Tag denken, als es schon immer so war. Oder noch immer. Aber das, sie wusste es. Sie wusste vieles. Und noch mehr.
Nur ihre Freundin nicht.
Die Menschen logen täglich, stritten täglich, gaben sich die kalte Schulter täglich. Sie zeigten jede Art von Abwesenheit des Herzens, was die Zwillingsschwestern so stark bedauerten, doch für sie war dies nun mal normaler Alltag. Graue Häuser, rostige Brücken, farbenleere Wiesen. Sie hatten den Wunsch, der Mensch lernte seine Emotionen neu kennen.
O Leben / Ich kann dich nicht verstehn
Weshalben ich lebe / Nur um wieder zu gehn
Als sich Diavolette (djavɔl‘ɛt, di-a-wo-LETT) im Spiegel betrachtete posierend, ein Antlitz aus einem gotischen Stil hervorgekerbt, hatten ihre innere Intention und Gefühlslage ihre Pein besser erklären können als ein Blick, ihr Blick, aus einem bunten Sommerkleid hervorstechend jemals könnte, da dieses trügerische, sinnliche Sein eines kleinen Geistes, so wahrlich und so gut und schön, nicht mehr als zerbrochen hätte gelten dürfen, wenn man nach den Regeln des Neurologen ginge.
Das Cerebrum war gespalten, nur der Saft war noch nicht entronnen.
Klick. Klack. Klick. Klack.
Ein Rad dreht sich. Ein Quadrat schneidet. Eine Pyramide bringt den Abgrund. Eine Sphäre herbergt alle kosmischen Formen.
Die kosmischen Formen, die ihr in diesem Moment in den Sinn kamen, ja, sie trugen nichts Sonderbares bei, als dass sie nicht hätte ahnen können, meine Diavolette, dass sie unzufrieden war.
Ihr Lächeln war das heimtückischste, denn sie war der Ansicht, dass alles in Ordnung sei, doch nicht, ich kenne sie.
Meine Diavolette.
Klick. Klack. Klick. Klack.
Die Puppe begann sich zu drehen, sie warf einen langen Blick auf ihre sanften Konturen, die durch die scharfen Knochen und Rippen und Becken Unebenheiten verursacht hatten, aber in einem ausgewogenen Spiegel hatte sie besser anglisieren können als ihre Freundin:
„Dame misérable.“
Sie hatte geseufzt, als sie nach dem Plumpen ihres Hintern gegriffen hatte, die Finger über die dünne Muskelschicht gleiten ließ und palpitierte, als sie sich jene offene Wunde aufgeschürft im Beckenbereich breit erstreckt zu pflegen anstrengte, aber mit einem Blick allein.
Mund leicht geöffnet, nach Luft schnappend, sie hatte dabei ein wenig die Stirn gerunzelt, als ihre Augen vor Schauder sich öffneten und der Bass im Hintergrund leise anzuheben begonnen hatte.
Klick. Klack.
Bamm.
Sie dachte daran, was sie heute im Wald gemacht hatte.
Schauder, Schauder, schauderte es sie? Sie hatte ein Haar, ihr Körper ein Haar, im Winde knappe verlegt ihr Pelz, ihr Kopfhaar, sie hatte nicht zu sehr lamentieren gewollt, als die ihres Zeigefingers Fingernägel glatte über die raue Oberfläche tanzten und dabei ein noch frisch herausgekrochener Bluttropfen das Licht begrüßte, das dumpfe, grüne Licht von der Bettstehlampe hatte zu wenig an die Natur erinnert, als dass sie unter dem Nachthimmel nicht hätte erspähen können: Ihre Brunst. Eine Brunst, o Brunst, eine Brunst, oh! So kalt! Sie hatte sich die Arme um die Schultern geworfen, auf die Knie gefallen, ihr bereits verdampfter Bluttropfen nach Nussöl riechend kühlte die Aura um sie weiter ab, in flüssiger Strömung und in Wellen ihre Blase pestbefallen gestaltet.
Ihr feuchtes Schwarzhaar legte sich erst nach einer Zeit wieder, unter der Wasseroberfläche vergeht die Zeit langsamer. So für den Betrachter. Sie? O Diavolette! Kannst du nicht den Finger ebenso anheben für eine niedliche Miene, für einen Glanz verlorener Schönheiten, deinesgleichen, deiner Ehre und deiner Erleuchtungsstrahlen?
Strahlen verdampft. Strahlen hatte sie zerstören wollen.
Klick. Klack. Klick-
Sie stieß einen Kreisch aus, hatte ihre Krallen unter die Haut vergraben und riss an ihrer Haut, entlang ihrer Arme und letztendlich, letzter Stopp: Hände.
Unterarminnenseite, feine Fäden blutiger Substanz.
Oberarmaußenseite, dünne Striche blutiger Substanz.
Sie weinte, heulte wie ein Fuchs den Schwanz entbehrt, hatte sich nicht mehr zu schützen sich fühlen können, sein Phantomschwanz hielte ihn geborgen. Ein Nest, verbrannt, die Eier darin liegend-
Spiegelei.
Ein geplatztes Ei.
Sie war ein Ei, und ihre Schale, die rote Kruste von Fäden gefärbt leicht angeschlagen.
Es war gegen die Kante geworfen worden.
Sie hatte die Bestie in sich, ein gutes Zeichen, sie strotzte nur von Lebenszeichen. Sie war stolz darauf. Sie hatte sich gefreut. Nach brennender Passion öffnete sie stählern die Augen, die Augenlider trübe und gläsern, ihr Glas die Augen schwer und aufgerieben. Dann, sie zischte nach oben, stand auf Fußballen und Arme ausgestreckt, die restlichen lose dranhängenden Bluttropfen durch die Höhe geschossen.
Sie hatte ein Lächeln. Ihre Fangen zeigten sich fletschend, als sie das Leben grüßte.
Das gotische Nachtkleid, ärmellos, der Nacken freiliegend, ihr Dekolleté einen jugendlichen Reiz reminiszierend.
Ihr Vater klopfte an der Türe, Türe geschlossen, Stimme durchbrochen.
„Schatz, Diavolette, o Mäuschen, nagst du mir? Alles in Ordnung, stehst du noch?“
„Ich stehe…auf Glatteis…und möchte tanzen.“
Die dunkelblaue Blume auf ihrem Schlaftisch blühte noch.
Sie begann wahrlich zu tanzen.
Der Griff zu fest am Hals, schleichend zwischen ihren fein definierten Brüsten hinab und beim Bachnabel angehalten, um schlussendlich mit einer Hand den SchAmbreeich, mit der anderen ihren Mund abzudecken.
„Doch die Musik…sie hat aufgehört… Wo ist die Musik? Ich sehe sie nicht…“
Ein Nebel vor ihrem Auge, als das andere geschlossen lag. Eine Wolke. Sie wusste. Sie kannte. Sie verstand.
„Grüne Rosen…gibt es nicht…“
Das Licht ging aus.
Sie fiel um, für sie schwamm sie in Wasser, fiel.
Es war eine zarte Ewigkeit, als sie dann vergangen war, landete sie auf der kalten Realität genannt Fußboden mit Nägeln.
Sie war eine Puppe, so schön, so jung, so zart.
Sie hatte eine Träne zu vergießen beschworen, doch sie blieb trocken.
Sie befeuchtete ihre Fingerspitzen mit ihrem Sabbel, schaute auf in die dunkle Decke.
Ihr Himmel.
Klick. Klack.
Als ihr Vater den Fall wahrgenommen hatte, blickte er herein, besorgt, es bangte ihm.
Sie schaute auf, nicht erschrocken, ihre Miene blieb den Emotionen fern. Sie hatte ihn sich vorgestellt. So schön war er. Wie sie es gewollt hatte. Und immer wollen wird. Das Gotische. Sie spielte dem Tod ein Symposium. Dem Inanimierten eine Seele überreicht.
Der mechanische Kopf des Vaters hing am Nacken seines fragilen Astes, eingehüllt in Tuch und goldenen Verzierungen, dünner als dünn und stärker als stark. Sie hatte ihn erschaffen. Sie hatte ihn. Sie hatte. Sie-
O Diavolette, meine Süße…
Siehst du ihn auch? Ja, ich sehe ihn…
Sie lag am Boden, in Flüssigkeit getränkt und grinste vor sich hin.
Meine Puppe.
Ihre Arme hatten das Bluten gestoppt und sie symbolisierte ein gebrochenes Kreuz.
Der Nebel vor ihrem Auge blieb hängen. Ihr Stern.
Nein. Kein Stern.
Falsch anglisiert.
Misérable.
„Mein Liebes… O Misérable!“
Seine Lippen bewegten sich nicht wirklich. Die Schatten spielten Tricks.
Sie ergötzte sich daran.
Der Bass, er hatte aufgehört zu spielen.
Doch nun spielt er weiter.
Seitdem ihr Vater mit ihr im Raum ist.
Klick. Klack. Klick-
Das Kabel, seine Wirbelsäule, ließ nach, das Kinn seines schwarzen Kopfes schlug gegen seinen Brustkorb.
Bamm. Bamm. Bamm. Bamm.
Metallenes Holz.
Ihr Herz pochte.
Mein Herzensfeuer, es verbrennt dich / Leide unter Liebesarmut
Will dich küssen, will dich zärtlich / Wie ein Plüschtier, Liebeshabgut
Aber nicht mehr für lange.
„So geschieht es…“
Während das Mädchen sich dem Schlafe gab, so flatterte es vor dem Fenster, als ein Rabe abhob und über ein anderes schneeweißhaariges Mädchen großer Kopfschmerzen, mit den Fingerspitzen die Stirn massierend, glitt, zurückgesehen und nicht bemerkt, dass ein Kuckuck ihm ein Ei gestohlen hatte.
Als Diavolette das Apartment verließ, hörte sie nicht nur ein trauriges Husten in naher Ferne, welches sie sofort erkannt hatte, sondern trug auch ein im Sommer schwarzes Langarmshirt mit aufgeschnittenem Kragen, um sie des Dampfes mild zu erlösen, mit einem knappen Rock à la Noire de Retro, und zerfranstem Haar.
Und einer hautdünnen Strumpfhose à le tissu respirant.
Sie war letzte Nacht schwimmen gewesen.
Unter dem Sternenhimmel.
Klick. Klack.
„…Ich komme zurück…“, flüsterte Diavolette mit einer Tasche in der Hand und das Fahrrad in Sicht ihrer Angiella (ɑ̃ʒje‘la, o-schi-el-LA), welche sich am Lenker abstützend schon sehnsüchtig gewartet hatte.
„Schwarz? Lang? Ist dein Hirn durchgebrannt?“
„Mich friert es…“
Sie schwenkte mit ihrer Hüfte, Flatter-Flatter ihres Rockes, knapp weniger zeigend als nur ihre halben vollen Oberschenkel.
Zweifünftel ihres Oberschenkels.
Angiella schluckte.
Klick. Klack.
Diavolette schaute zum Fenster zurück, ein Geschoss ihrer Augenblicke, als sie gedachte, er hätte ihr zu folgen gedacht, doch nein, sie war nur noch aufgeheizt vom gestrigen Versuch fehlgeschlagen.
„Wir gehen“, so Angie-Belle.
„Wir fahren…“, laut Diavolette.
„Ich hinten…“
„Unter der glühenden Sonne?“
Diavolette nickte.
Baldigst saß sie auf dem hinteren Teil des Rades, Angiella schloss sich bald der Führung von der vorderen Seite des Fahrrades an.
Ihre etwas größere Freundin wusste nicht recht, ob Diavolette‘s Wangen erröteten oder ob die Sonne sie bereits gestochen hatte, doch was ihr an Niedrigkeit mangelte, behielt sie in Gewogenheit in Balance.
„Partons.“
„Comm-veux.“
Klack. Klick.
Bamm.
„Warum versuchst du zumindest nicht, Angie, dich um deine Kopfschmerzen zu kümmern, die dich der Monate Dauer plagen…?“
„Wenn es nach dem ginge, Diavolette, so müsste ich mein Leben lang nach einem Heilmittel suchen, doch fand es nur in deiner Hand, als du mir zum Aufstehen verhalfst.“ Jene schwieg und blickte über die Schultern dieser hinweg. „Wie schnell vergeht ein Jahr? Doch es scheint mir, als hätte der Sensenmann keinen Stress und lässt sich Zeit, und ich frage mich, liest er die seine Uhr nur falsch? Kann er Sympathie mit dir haben und stellt sie absichtlich Minuten nach?“
„Auch der Tod hat eine Familie…die sich um ihn kümmert.“
„Der Hass liebt seine Schwester, auch wenn er es nur ungern zugibt.“
Angiella lachte engelhaft und griff nach dem Schenkel ihrer Schwester, um ihr ihre Verbundenheit zu ihr zu demonstrieren, doch hielt inne, als sie merkte, dass sie fror.
„…Bsus(b5) Chord.“
„Ich bin kein Musikfanatiker.“
„Kunst sollte etwas Wundervolles sein, etwas, um die Emotionen darzulegen, wenn Worte nicht reichen oder man sich selbst nicht öffnen kann. Es ist eine Projektion, es ist ein Verheimlichen im Licht. Man erwartet vom Betrachter, dass man einen nackt kennt in voller Pracht, und nur die Pracht erkennt hinter dem Makabren. Hörst du das Piano?“
„Nein…?“
„Angiella, warum trägst du deinen Namen? Weil ein Gott dich herausgefordert hat, dich lieb heißt, weil ein Erschaffer Empathie mit dir aufbauen wollte, um dich zu lieben wie eine verlorene Tochter? Wenn du die verlorene Tochter bist, warum muss er dich einmal loslassen müssen und verbringt nicht das Leben mit dir? Das Herz ist ein fragiles Instrument: Menschen verletzen, Menschen können aber nicht heilen. Man sagt, Zeit heilt alle Wunden, doch ich sehe es nicht so. Niemand soll es so sehen. Zeit sticht ein Tattoo in deinem tiefsten Inneren, die sogenannte Wunde, das Trauma, dein Trauma, aber wie jedes Tattoo, wenn man es entfernen möchte, wenn man könnte, bleibt mit Narben übersäht zurück. Oder in besseren Worten: Jedes Tattoo, wenn am frischsten, ist am kontrastvollsten, am schwärzesten, doch mit der Zeit verblasst es, zu lange der Sonne ausgesetzt wird der Prozess beschleunigt. Die Sonne ist Zeit. Die frische Wunde trägt am meisten Leben…“
„Was bedeutet es, sein Tattoo zu pflegen? Dieses Trauma, Diavolette…wenn es Farben trägt?“
Wir spazierten samt Fahrrad, es war aber keine Spazierfahrt, es war ein Schweben über den Grund der Welt hinweg, als die pechschwarzen Vögel uns wie Geschosse umschwebten und begleiteten, allesamt Geräuschen und leisesten Worten, die die lautesten Bedeutungen mit sich führten. Eine verschwommene Welt, als wir den Hügel hinabsausten, losgelassen vom Griff und Arme in die Lüfte, die Bremse nicht initiiert, Beine ausgestreckt. Wir wollten einem Drachen nachahmen, doch die Imitation fiel farbenlos aus, als eine bunte Wolke so fern über uns uns im Stich ließ letztendlich.
„Ein Farbenblinder kennt die Farben nicht. Erzähle ihm von den Farben dieser Welt, und seine Welt wird zusammenbrechen. Seine Naturgesetze brechen zusammen, verlieren jegliche Bedeutung. Wie kann er dir verzeihen, wie könnte die Wissenschaft dir verzeihen? Hat sich Einstein bei Newton entschuldigt, weil er mit seiner Theorie die Welt des anderen auf den Kopf stellte, auf dessen ein Apfel einst gefallen war? Die Wissenschaft lebt weiter. Man muss weiterleben. Doch wie kann der Mensch weiterleben? Ich habe das Wort vergessen, ich habe es vergessen, Angiella…“
„Grotesk? Grotesk, wie meine Kopfschmerzen am Morgen?“
„Ist der Tod grotesk, Angiella? Trennt er uns, oder verbindet er uns?“
„Die Liebenden sehnen sich aus zwei distanziertesten Welten…trist.“
„Wie kannst du den Tod respektieren ohne das Leben? Wie kannst du das Leben respektieren, ohne dem Tod in das Auge geblickt zu haben?“
Diavolette platzierte die eine Hand auf die Schulter ihrer Chauffeurin, mit der anderen zog sie das untere Augenlid dieser nach unten, die restlichen Finger kratzten ehrfürchtig die Wange streichelnd. Ehe sie einen Mucks von sich geben konnte, betätigte jene die Bremse und beide schlugen beinahe einen Salto, als das Hinterrad von der Erde losließ.
„Können Menschen schweben, Angiella? Wir schweben gerade, schon die ganze Zeit… Nur weißt du es noch nicht.“, führte Diavolette aus, während ein kalter Schweißtropfen Angiella’s Nacken entlang ronn und das letzte Rad endgültig wieder Touch mit der Erde erhielt. „Manche Menschen verwechseln das Fliegen mit Fallen… Das Schweben, jedoch, wenn sie in Gefahr schweben und der Tod imstande ist seine Kinder zu umarmen“, flüsterte sie, als sie ihre Freundin von hinten, stillgestanden, umarmte, „das verwechselt niemand mit nichts, und es ist ein euphorisches Gefühl. Ich kenne es…“
„Ich werde dich niemals verlassen, Diavolette…“
„Sag das nicht, und versprich es nicht mit Worten, sondern mit deinem Herzen. Wirst du mir dein Herz geben, Angiella?“
Die kalte Hand umschmeichelte das Gesicht ihrer Partnerin und sanfte drehte sie den Blick und richtete diesen auf sich selbst, leicht nach vorne gelehnt und Kinn seitlich gegen die Schulter jener gedrückt, kuschelsam wie eine Katze und leichtfühlig wie ein Insekt, das auf deiner Haut krabbelt und kurz davorsitzt, dich zu stechen und dein Blut zu entnehmen; sie genoss jeden Moment mit dem Leben, denn der Tod…
„Wirst du mir dein Herz geben, Angiella?“, fragte sie, als die Zeit stillstand und zwei Autos beinahe ineinander fuhren, weil sie dem motorisch instabilen Rad auszuweichen gewollt und die Kurve nur noch knapp gekratzt hatten. In einer gekrümmten Geraden. Windschutzscheibe an Windschutzscheibe. Das Rad stand still, das Rad des Lebens. Beweg dich, dreh dich, und kratz nicht. Lasse nicht in Stich, lass dich nicht stechen.
Das Insekt sitzt hinter dir, o Zarte, sie sitzt hinter dir!
„Dein Rotes?“, fragte sie, als der Raum für sie zu eng sich verwandelt hatte und jede Silbe wie eine Monosilbe im monotonen Takt eines Monometers taktlos die Stunde ankündigte: Schlaf.
„Ich bin farbblind, Angiella, aber ich würde es erkennen, und dich immer…nur, würdest du mich auch erkennen wollen, wenn wir in der gleichen Welt wieder vereint wären? Deine Farben sind nicht die meinen. Aber ich verspreche dir, ich werde dich heilen.“
„Versprich es nicht mit Worten, Diavolette, sondern mit deinem Herzen…“ „Fühlst du es?“ Sie nahm die Freundeshand in die ihre, führte sie zu ihrer Brust, um den eigenen Herzschlag erfühlen zu lassen.
Klick. Klack. Klick. Klack.
„Du fühlst es. Es schlägt nur für dich. Nicht für mich. Er weiß es.“
Ich weiß es.
Autos hupten, Menschen begannen zu fluchen und auszusteigen aus ihrer sicheren Kapsel, begannen die Außenwelt zu verdammen und Schritte zu wagen, während die Welt um den zwei Mädchen stillstand und farbenlos. „Der Rabe ist mein Bote…“
Klack. Klick.
„Er übersendet meine Worte, die ich nicht sagen kann…transferiert, was mein Herz nicht preisgeben kann.“
Dort drüben war die Schule. Fünf Minuten entfernt. Nur noch zu Fuß gehen, und mehr Minuten mussten geplant werden. Es wurden mehr Minuten geplant. Angiella musste allein weiterfahren, als Diavolette unter einer Straßenlampe stehenblieb und hinaufblickte, sich wunderte, warum das Licht zu dieser Stunde nicht brannte.
Dann, ein Rabe krächzte, schenkte ihr Worte, die sie noch nicht gefasst hatte, und zeigte ihr erfreutes Lächeln, als sich die Morgenröte allmählich zu zeigen zu pflegen begann. Sie schritt weiter, hörte einen Funken, die Lampe glühte wieder. Die schweren Wolken über ihrem Kopf verloren an pechschwarzer Farbe und gewannen allmählich einen Grauton.
„Ich erinnere mich an diese Straßenlampe“, dachte sich Angiella, als sie ein letztes Mal über die Schulter hinweg nach hinten schaute und ihre Freundin, ihre Partnerin, Schwester dort stehen sah. „Dort haben wir zum ersten Mal ein fremdes Kätzchen gestreichelt… Schwarz wie die Nacht, und doch so rein.“ Diavolette war gegangen und das Licht brannte weiter. Schade, denn durch das Licht der Sonne wurde sie wieder bagatellisiert, abgedämpft.
„Vielleicht teilten wir einst eine gemeinsame Seele.“
„Haben…wir uns wiedergefunden…?“
„Was denkst du?“
„…Wir sind eins…“
„Diavolette, wie können wir unseren Traum erfüllen und die Welt schöner gestalten? Wie ich sehe, ist es uns nur möglich, den Behälter, den Inhalt aber nicht zu verändern.“
„Gestatte mir, es zu demonstrieren…“
Diavolette sah, dass ein Mann in Anzug in jenem Augenblick vorbeischritt, welche Tatsache sie sich zu Nutzen machte und ihn folgenderweise ansprach: „Entschuldigen Sie, Monsieur. Sind sie depressiv und wollen Ihre Umstände ändern?“
„Was Sie anbieten, das kaufe ich nicht“, entgegneter er kurz und bündig, arrogant. Verletzt schaute das schwarzhaarige Mädchen glänzender Augen zu ihrer Schwester auf: „Wie du siehst, können wir nur die Landschaft ändern, den Menschen aber nicht.“ Dahinter steckte eine gewisse Wahrheit, denn dank dieser Zwillinge war ein abgestorbener Friedhof und eine Lichtung am Waldrand, wo einst ein chemischer Unfall stattgefunden hatte, wieder zu neuem Leben erblüht, mit Grün und Blümchen, Dezimeter einnehmend. „Wie wahrlich du doch realisierst…“
Angiella zitterte kurz am ganzen Leibe, als sie sprach: „Ich trage so viel Hass in mir, ich muss mich einfach bewegen.“ Sie hob an mit den Hüften und Beinen zu tanzen, während sie eine schon bekannte Melodie summte, welche am Anfang der Geschichte bereits stand, und zwar in ihrer Ganzheit, ohne Fehler und ohne Lücken.
Daraufhin erwiderte jene: „Und ich trage so viel Liebe in mir, dass ich mich zurücklehnen kann.“
Das Rad war abgestellt, sie schritten durch das Eingangstor und wollten den Schulgrund betreten. Aus naher Ferne hörten sie eine Stimme sich nähern, ein Akkumulieren gedächtnisloser Erinnerungen, die ein Widererregen erzeugten, aber dennoch persönlich waren. Zu.
Ambre (ɑ̃ bʁ, O-br).
Ein flamboyantes Schulmädchen mit luftigem Haar und zu viel weniger Schminke, das in dieselbe Klasse wie Diavolette und Angiella ging, aber in Körper ihnen weit voraus war, in Psyche aber keineswegs superior. Niemals. Ich könnte niemals…
Ambre war mit ihren zwei Burschen gerade an jenem Paar vorbeigeschritten, als unter ihrem meuchlerischen Atem erhört wurde: „Geld stinkt nicht, nur minderwertige Huren.“
Klick. Klackick. Tusch!
Ein lauter Knall erfüllte die Mauer, als das Fahrrad umfiel ohne kleinste Instanz. Der Lenker schien angekratzt und stark verbogen. Das Gerüst küsste den Boden und würde nie mehr wieder fliegen.
Fliegen?
Fallen.
„Seid ihr Zwillinge?”, fragte Ambre, als ob sie die zwei zum ersten Mal gesehen hätte.
Angie: „Wir sind keine Zwillinge.”
Dia: „Wir sind Zwillinge.”
„Sie sagt, wir seien Zwillinge.”
„Uff, aber wer hat Recht?”
Dia: „Jeder für sich.”
Die Göre analysierte sie für einen schmerzvollen Moment und erlöste sie, indem sie endlich weiter schlenderte und gähnte: „Wie auch immer.”
„Sie schläft…mit den Insekten…“, hauchte Diavolette herabschauend zu Ambre hinaufschielend, ihre Augen waren nämlich lediglich auf Mundhöhe.
Sie wurde vom der donna magiore Parfüme weggefegt, ein Blumenduft, welcher eine süße Note von Verwesung aufwies, jedoch von jungem, adoleszentem Triebsinnen gefüllt einen einnehmen hätte können, wäre man in Not.
„Ich habe früher geglaubt…dass eau de toilette Toilettenwasser heißt.“
Lautes Schweigen.
„…Dieser Witz funktioniert nur, weil dieses Buch auf Deutsch ist.“
Beklemmendes Schweigen.
„Mein Piano ist verschwunden…aufgelöst… Jetzt nehme ich nur noch einen rasanten Bass wahr…mein Herz…“
„Ich werde ihr niemals verzeihen. Kah!“
Angiella musste keuchen, als sie sprach, hustete vehement doch kaum bemerkbar. Als sie sich vorerst nicht beruhigen konnte, erhöhten sich die Dezibel und ihr Husten erklang besorgniserregender und besorgniserregender. Diavolette stand nebenbei, bis es Klick machte, und sie sprang zu ihrer Seite.
Klick. Klack. Kli- „Kah!“
„Wieder…und öfter… Du hörst auch nicht!“
„Es ist nichts, Diavolette, mir ist nur leicht schlecht…“
Als sie zum Eingang eilten und die Toilette-Toilette im Erdgeschoss vorfanden, wies das Shirt Diavolette’s einen helleren, fast schon weißlichen Ton auf. „Es ist nicht mehr Sommer“, flüsterte sie, auf den Rücken jener klopfend, die über die Kloschüssel gebeugt sich übergab und übergab und sich nicht zu übergeben aufhörte, nicht aufhören nicht wollte, aber nicht konnte. Der Wille zum Leben hatte sie allmählich verlassen.
„Es wird wieder, es wird wieder, ich glaube an dich… Du wirst dieses Insekt schon bald loswerden.“ „Ambre…? Scherz nicht…!“
Hust! Hust! Hust! Hust! Unglück!
„…Oder ich. Wenn man einen Spiegel vor dich stellt. Oh, hier stehe ich schon… Mon ange! Hey! Angie!“
Hust! Letzter!
Als der finale Brocken ihren Rachen verlassen hatte, war der Korpus eines halbverdauten Insekts erschienen, welches, zu keiner-beiden Verwunderung, im Toilettenwasser, eau de toilette, landete und leblos dahinschwamm. Oder sich treiben ließ. Sich trieb. Schwebte.
„…Es ist gefallen…“, stöhnte Diavolette.
Stöhnte? Warte, ist das ein Schreibfehler?
„Ich brauche einen Arzt, Dia! Ich kann so nicht…!“
„Träne nicht! Bleib bei mir! Nicht entschlafen!“
Einschlafen und entschlafen…zwei Seiten eines Aspektes.
Sie brach zusammen, wohl im Arm; schien verdammt, doch war noch wach.
„Du hast mir jetzt zum letzten Mal einen Anfall, hörst du mich?! Angie! Deine farbenfrohe Welt, ich brauche sie!“
Zwei Seelen in zwei verschiedenen Welten…
Doch was in beiden gleichbleibt:
das Leuchten der Sirene.
Unter Angiella‘s keuchendem Atem: „So geschieht es…“
„Servas! Das Kreuz-Rot is da!“
Ach herrje.
Ein paar Wochen zuvor:
Dies ist die Sequenz einer lebensfrohen Natur eines Seelenpaares, welches sich nach erbittertem Getrenntsein langer Zeit wiedergefunden hat, als Sterne noch zwischen ihren ungeborenen Seelen schwebten und sie nach einander sehnen ließen, bis das Bluten des Herzens eines Tages aufhören sollte, und dies soll nur ein Ausschnitt ihres Lebens miteinander sein.
Ein junger verliebter Mann verließ das Spielzeuggeschäft mit einem frisch gekauftem Katzenplüschtier, welches mit schwarzem Fell zwar das Gegenteil einer Frohnatur wie seiner Begleiterin sein sollte, doch eine perfekte Mischung aus Süße und Realismus, denn für ihn war sie ein gefährlicher Panther, den er doch gern von der Ferne aus betrachtete und damit eine Zufriedenheit in sich trug, die manch einer gar nicht ertragen könnte und nach mehr strebte. Er schämte sich gar nicht dafür, es in seiner Hand schützend zu halten, wie eine Woge, woraufhin zwei kleine Schulmädchen ihm nachblickend sich einsagten:
„Ist das für die Freundin?“ „Ich glaube, ja!“ „Mein Gott, ist er ein Süßer!“ „Die Glückliche!
Unbewusst dieser Konversation fuhr der Junge fort und sah von fernerer Ferne jemanden vor dem Eingang des Café Rayons Marins, „Meeresstrahlen“, stehend warten, ein Mädchen, das in alle Richtungen blickte und energetisch sich unter Kontrolle halten wollte, doch mit den Beinen zappelte und die Hände vor sich haltend, summte, ein summendes Lied vollführte und gleichzeitig sich erhoffte, niemand möge ihre peinliche Aufführung miterleben. Sie hatte sich äußerst lieblich angezogen und geschminkt, obwohl ihr Gesicht an sich nur wenig Schminke benötigte, da dadurch ihre feinen, genau im richtigen Ausmaß befindlichen Sommersprossen noch mehr zur Geltung kämen, welche bei ihr gar nicht fehl am Platz waren. Als sie plötzlich bemerkte, dass ihr Erwarteter auf sie zuschritt, sprang sie förmlich auf und konnte das freudige Lächeln nicht aus ihrem Gesicht schlagen, wofür zwar erneut Scham aufkam und sie die eine Hand sachte vor dem Munde hob, aber schließlich es doch sein ließ und gedachte, im Moment mitzufließen und sich darauf einzulassen, denn, wie sie es wusste, war es nicht das erste tägliche Treffen mit ihm, doch konnte ein jedes Mal ihre Freude nicht unterdrücken, als ihr ganzer Körper gegen ihren Willen pure Euphorie verspürte und sie jeden einzelnen Moment und jeden Atemzug genießen wollte, ihr jede Angst und jedes klägliches Befinden aus dem Leben gedrückt wurden, gar katapultiert, denn sie sagte sich sogar ein, dass sie froh darum war, die Schmerzen aus ihrem Gedächtnis zu schlagen, allein dadurch, sein Auftreten zu erblicken. Es war gar kein verzauberter Moment, doch schien trotzdem bezaubernd, dass ein mancher Passant dies mitbekam und Neid verspürte, manch einer sofort umdrehte oder hastig vorbeischritt, oder gar andere sich mitfreuten und den beiden diesem Unbewussten heimliche Sympathieblicke schenkten. Obschon das Mädchen das Gefühl nicht loswerden konnte, dass ein böser, pestilenter Fluch über sie geherrscht haben müsste, so verträumt, wie sie war, so konnte sie dennoch ihre Zweifel für die Momente verschwinden lassen und auf die folgenden Sekunden eingehen.
Jener nahm die Hände hinter seinem Rücken hervor und zeigte, auf fünf Meter Entfernung, das besagte Plüschtier, und, wie ihr euch vorstellen könnt, platzte jene beinahe vor Lachen, rief „Fio!“ und begann auf ihn zuzulaufen, mädchenhaft. Wie ein Mädchen normal lief. So dachte er. Wie ein Mädchen nun mal lief, er hatte es immer merkwürdig gefunden, wie stereotypisch so manche Personen sein können, doch fand es in diesem Moment witzig und genoss ihr mädchenhaftes Verhalten. Er breitete die Arme aus und blieb stehen, ließ jene ihn anspringen, welche ihm dadurch einen ziemlichen Stoß verpasst hatte, da sie vergessen hatte zu bremsen, und beide fielen beinahe um, doch er konnte seine Balance noch rechtzeitig wiedererlangen und sie schauten sich dabei an, grinsten, verloren sich in ihren Augen und drückten sich fest an sich.
Nach einer Minute trennten sie sich körperlich und grüßten sich wie normale Menschen. Solche Augenblicke waren ihnen noch immer unangenehm, denn grundsätzlich redeten sie sich, jeder für sich, ein, dass sie nicht verliebt waren und nur platonisch miteinander agierten.
Ein jeder Außenstehende konnte dem widersprechen und sich amüsiert auf die Stirn greifen.
„So, das wäre der Liedtext, von dem ich gesprochen habe.“
Fio drückte Angiella zwei Blätter Papier in ihre Brust, was für einen merkwürdigen Anblick im Café sorgte, doch niemand kümmerte sich darum, und diese antwortete verlegen und noch immer nicht recht wissend, warum sie sich auf diesen Deal eingelassen hatte: „Wie gesagt, ich überlege es mir, ich traue mich nicht vor anderen zu singen… Ich bin nicht gut darin, ich tue es nämlich nur beim Duschen.“ „Perfekt!“ „Was, perfekt?“ „Jeder startet klein.“ „Klein? Wie du meinst…“
Angiella begann mit ihrem Haar zu spielen.
„Es muss ja noch nicht mit den anderen Bandmitgliedern sein, sondern nur mit mir. Ich kann gleichzeitig nur Schlagzeug spielen, aber das sorgt schon allein für einen ziemlichen coolen Klang. Der Rhythmus, wenn deine Stimme dann so richtig einsetzt und ich mich ins Schwitzen schlage!“ „Stelle ich mir jetzt nicht gerade sehr schmackig vor.“
Er lachte laut und stellte sich beide bloß.
„Es würde mir…sehr viel bedeuten, Angiella, wenn ich mit dir spielen könnte. Es ist nämlich von mir selbst geschrieben und ich habe mir so einiges dabei gedacht, und das kann ich mir nur mit deiner wundervollen Stimme vorstellen. Bei Träumen bin ich sehr streng, und meine Vision, das ist…dich an meiner Seite zu haben.“
„Hast du diese Rede auch geprobt?“ „Nein, alles improvisiert, auch der kleine Racker da.“ Er deutete auf das Miezekätzchen. „Ich bin zufällig an dem Geschäft vorbeigekommen und habe mich daran erinnert, dass ich dir einmal etwas mitnehmen wollte, schaute rein und erinnerte mich daran, dass ich mir so vor einem Monat versprochen habe, ihn dir mitzunehmen. Er war der letzte, den es im Regal gab, also bekam ich schon Herzpumpen. Haha!“
Das frohe Mädchen wusste nicht recht, wie mit ihren Emotionen umzugehen, als sie seinem Schwärmen lauschte.
„Der Auftritt wäre Anfang nächsten Schuljahres, also knapp drei Monate noch. Ich dränge zwar nicht, aber-“
„Wisst ihr schon, was ihr bestellen wollt?“, unterbrach ihn gemein die Kellnerin mit einer lockeren und nichtsahnenden Stimme. Angiella konnte Fio gerade noch unterbrechen, als er sich darüber beschweren wollte: „Ja! Bitte, sag du zuerst, ich muss noch geschwind den Namen nachlesen…“ „Du nimmst immer denselben Becher. Aber ja, bitte einmal einen Verlängerten, ich möchte später wegen dem Eis schauen“ „Sehr gerne“, so die Kellnerin, „und für die Freundin?“
„Willst du nicht auch einmal probieren…? Du hast nämlich schon öfter davon gesprochen.“ „Ja, ich mein, ja…“, las die Begleiterin in ihrer Eiskarte vertieft und nickte überhörend zustimmend zu, gab ein Daumen hoch, musste an sein frisches, rasiertes Gesicht denken und fragte sich, ob er ein Rasiergel benutzte und wie es roch, konnte sich nämlich nichts darunter vorstellen, wie das Enthaaren funktionieren sollte, denn sie würde sich schneiden und schneiden und bräuchte jemanden zum Wundenlecken, wie eine Katzenfamilie, wobei ihr nur ein Einziger in Frage käme…
„Nein!“, versuchte sie das Bild zu verdrängen.
„Nein? Also doch-“
„Ich meine, ja! Alles gut, ich war nur kurz…“
Das dritte Rad schritt fort, um sich um die anderen Bestellungen zu kümmern.
„Alles in Ordnung? Tut mir leid, falls ich dich mit meiner Musik unter Druck setze oder dir zu nahe komme…“, zappelte er eingeschüchtert.
„Du scheinst immer so hektisch, wenn wir beisammen sind, Fio.", lächelte Angiella verlegen, legte die Karte beiseite, hatte bereits vergessen, nach was sie gesucht hatte.
„Es ist nur so, dass ich so viel zu sagen habe und Angst habe, dass ich nicht alles loswerden kann, was mir mein Herz aufträgt."
„Es wird aber immer ein nächstes Mal geben, nicht wahr? Dafür werde ich sorgen, Fio, es wird sich nichts ändern."
„Du schenkst mir so viel Kraft, Angiella, weißt du das überhaupt? Für einen Außenstehenden so mondän und gewöhnlich, für mich aber die Welt, dass es keinen Sinn macht, wie rigoros mein Herz zu tanzen beginnt!" Ihm donnerte es, wie schräg er geklungen haben mochte. „Es ist nur so, dass mir die Zeit mit dir gefällt, mehr nicht. Das Leben wird mit dir nur ein bisschen einfacher."
Ihm entkam am Ende doch noch ein warmes Lächeln und er versteckte sich hinter einem angedeuteten Nieser, welcher jene Sympathisantin zum Kichern ermutigte und die dicke Luft mit Gelassenheit und Weltoffenheit zu entwirren versuchte.
„Natürlich, aber ich will auch nicht, dass dein Leben zu einfach wird." Auf ihre koketten Worte erstarrte Fio klopfender Brust. „Würde doch langweilig, nicht?", zwinkerte sie und winkte ihm gediegen und strahlend zu, während sie immer mehr und mehr in ihrem eigenen Träumeland zu schweben drohte, ganz hin und weg und eingerissen ihre weltlichen Gedankenvorgänge, welche lediglich ein oberflächliches Tun in diesem Moment repräsentierten und hingegen ihr eigentliches Fleisch erweichte, sie in eine existentielle mentale Verfassung versetzte, da, wie ein jeder diesen Moment einmal gehabt haben wird, diese besondere Person dich der Zeit beraubt und du jegliches Zeitgefühl verlierst, als dein Herz die Kontrolle übernimmt und dein Kopf charmant nur noch eine hohle Kiste war, bereit und leise, hoffnungsvoll auffordernd mit süßen, abersüßen Erinnerungen der Momente mit jener Person gefüllt zu werden, bis dass sie überginge, Freude überginge, in die äußere Welt strömte und diese bunt und lebendig befleckte, unkontrollierbar und, ach so bittersüß, die Augen sich hinter dem Vorhang der Lider versteckten und eine pinke, so verlogene Welt erlebten, mit dem Herzen miterlebten, mit deinem Ich durchlebten, alles perfekt schien und du nur hofftest, es möge nicht zerbrechen. Die Erwartung, Hoffnung, Illusion. Du haltest dich an einem seidenen Faden fest, hängst an diesem, umarmst ihn, lassest dich von aller Hitze und Komfort einnehmen und betend hast du diesen Moment ergriffen und fühlst dich jenseits aller Regeln und Gesetze dieser Welt, herrschest als König oder Königin über das deine Reich, welches, mein Armer, meine Arme, doch nur die deine Fantasie ist.
Du betest für ein Wohl, betest zu einem Gott, der doch du nur bist und stoßest auf taube Ohren, welche der Liebe zugewandt stehen, und fühlest dich verlassen, von deinem eigenen Selbst.
Wie verräterisch Hoffnung sein kann, wenn sie nicht auf Papier geschrieben steht.
„Oder stimmt doch?"
„Huh? Ah! Ja, ich, äh... Ich höre zu."
„Okay...? Jedenfalls, was sagst eigentlich du dazu?"
„Ich? Meine Meinung? Wieso willst du meine Meinung dazu wissen?"
„Weil sie mir wichtig ist...? Es sind meine Haare. Ich weiß, ich soll mich wohl mit ihnen fühlen, eine alte Dame schenkte mir einst ein Kompliment, da sie so füllig seien, doch ein Fremder kann auch nur so viel Gutes sagen. Deswegen, Angiella!"
„Huh?"
„Sag mir Gutes!"
„Wie?"
„Würdest du sie mir schneiden?"
„Auf keinen Fall! Frag Diavolette, sie schneidet sie mir immer!"
„Wer ist Diavolette?"
„Ach, haha, niemand... Vergiss es."
Fio schien deutlich verwirrt, doch ließ es sein.
„…Kann diese Diavolette mir einen Haarschnitt verpassen?“
„Bist du ein kompletter Idiot?“
„Nein, ich bin ein Vollzeit-Hirngespinst.“
Jene kicherte, doch versuchte ernst zu bleiben.
„Ich will sie nur beschützen, sie ist nämlich sehr verschlossen und hat nur mit mir… Naja, Dinge.“ „Ihr haltet zusammen?“ „Nichts kann zwischen uns kommen. Wir haben so viel miteinander durchgemacht, es ist so, als wären wir ein und dieselbe Person. Manchmal denke ich mir, das ist auch der Fall, auch wenn es mir dann Angst einjagt, denn wer bin ich dann? Ein Niemand? Bin ich ohne Dia ein Niemand? Wie kann ich allein existieren… Das Ding ist, Fio, tut mir leid, falls ich kompletten Müll erzähle, aber es scheint mir, als wolle ich abhängig sein. Ich brauche jemanden an meiner Seite, verstehst du? Ich kann nichts für mich selbst tun, denn ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu bewundern, sondern nur die anderen, die mir etwas bedeuten. Das Leben…kann grausam sein, wenn man nicht weiß, wohin. Aber nach dem Tod ist ja auch nichts. Warum sollte ich mir einen Druck machen, dieses und jenes im Leben zu schaffen? Denn ich weiß, für Diavolette…“
„…Glaubst du etwa, dass Diavolette ewig leben wird?“
„Weil Diavolette ewig leben wird, und das länger wie ich, bin ich damit einverstanden, für sie alles zu tun, was sie braucht, alles. Alles. Wenn ich mein Leben aufgeben müsste, damit sie erblühen kann, ich würde es tun sofort. Mir liegt nicht viel an mir…das haben mir die Jahre langer Qualen beigebracht. Wenn du versuchst, besser als dein Potenzial zu sein, versagst du, bekommst du Schläge.“
„Wie meinst du, Schläge?“
„Ich…rede nur Blödsinn. Schon wieder. Teheh…“
Schweigen.
„Ihr hält zusammen…wie eine Familie. Ich meine, eine funktionierende Familie. Das respektiere ich.“
„Hast du auch eine, auf du dich verlassen kannst?“
„Si…zum Glück. Wenn einer im Familienkreis etwas braucht, arbeiten alle dafür. Gemeinsam, jeder hat jeden, jeder hat einen Traum und diesen Traum teilt er mit jedem anderen. Ist witzig, wirklich. Wir nennen es die protezione famigliare.“
„Wirklich? Ich dachte, nur rote Menschen täten das.“
„ICH BIN KEIN KOMMUNIST.”
Jeder patriotische Franzose im Café war zutiefst erschüttert und erschrocken und starrte Fio an.
„Manchmal habe ich meine Emotionen nicht unter Kontrolle, schätze ich mal.“ „Die Noroides…“ „Wer?“ „Niemand.“
Fio hatte noch nie von diesem Namen gehört, doch fasste nicht gebündelten Mut genug, um nachzufragen, da er zwar wusste, dass jene Begleiterin belesen und verträumt sein konnte, meditierte…
„Du bist Italiener?“ „Mir ist die Familie zwar heilig, aber leider wuchs ich in einer dysfunktionalen Familie auf. Meinen Vater kenne ich nicht und meine Mutter ist schon eine Zeitlang weg… Nur mein großer Bruder bleibt übrig, mit dem ich unglaublich eng verbunden bin. Sein Schicksal ist das meine. Wir sehen uns jeden Tag bei ihm in der Wohnung, tauschen uns aus und können uns Ratschläge geben. Ehrlich sein. Und dumm. Er ist so menschlich!“ „Wie schön…“, gab sie unüberlegt von sich. „Er ist auch ein Halbblut. Wir wissen, wie wir uns fühlen. Gemeinsam abnormal ist ja wieder normal, nicht?“ „Du bist normal, Fio… Für mich bist du der besonderste normale Mensch.“ „Und nur das zählt?“ „Und nur das zählt“, kicherte sie.
„…Solange du einen Traum hast, für den du leben kannst. Das ist wichtig, Angiella. Ich will nämlich, dass du einen Traum hast.“
„Wirklich…? Wie meinst du?“
„Wenn du nämlich keinen eigenen Traum hast, dann hilf mir zumindest, meinen eigenen zu erfüllen.“
Die Verliebte, negierend, dass sie es war, lehnte sich nach vorne, Augen groß und Ohren gespitzt, ihr ganzes Wesen und Vertrauen traute sie in diesem Augenblick jenem an. „Was für einen Traum?“
Unter ihrem heißen Atem.
Er hielt inne und ihre Blicke blieben Momente verbunden.
Er überlegte, wie er es formulieren sollte, bis ihm seine Gedanken klar und deutlich einflüsterten: „Dass sie glücklich ist im Leben.“
Aber wie sollte er es ihr formulieren? Er spürte, er konnte nicht.
„…“
Die Kellnerin kehrte zurück und teilte den beiden ihre Getränke aus.
Sie traten in die Realität zurück.
„Dankeschön.“
„Vielen lieben Dank!“
…
„…“
„…Aber ich bin verwundert, eigentlich trinkst du gar keinen Kaffee.“
Sie schaute überrascht auf ihre Tasse, die für sie plötzlich wie aus dem Nichts erschienen war.
„Oh... Ja... Schon.“
Während Angiella ihn anhimmelte, hörte sie wohl nicht zu.
So Fio: „Durch die Sonne kannst du die Schatten nicht sehen.“
Angie: „Gerade durch die Sonne bemerkt man erst die Schatten.“
Sie warteten und probierten, aus ihren Tassen zu trinken. Der Herr war überaus glücklich und pries die hohe Qualität des Kaffees.
Die Zweite jedoch verzog ihr Gesicht und spuckte in die Serviette aus.
„…Es schmeckt mir leider doch nicht so, wie erwartet, heheh…“, grinste sie peinlich berührt und wusste nicht, was zu tun mir ihren Händen, doch wurde schleunigst unterbrochen von ihrem Lieben, welcher schon aufspringen wollte: „Du wolltest dir ein Eis bestellen und sie verputzt sich sofort! Sie soll wieder herkommen!“
„Nein, nein, nein, nein! Alles gut, Fio! Ich bestelle einfach, wenn sie wiederkommt!“
„Angenagelter Hund, jetzt hast du aber nichts zum Trinken, Angiella... Tut mir leid, ich hätte gleich reagieren sollen.“
„Achtest du nicht darauf, was die anderen von dir denken könnten? Du scheinst mir nämlich ein sehr freier Mensch zu sein.“
„Andere vergessen dich schneller als du sie. Merk dir das. Der Einzige, der dich kritisieren darf, ist dein Spiegelbild.“
Sie war überrascht über diese plötzliche Aussage und lehnte sich zurück, war ebenso in tiefen Gedanken vertieft. Sie begutachtete sein Dasein und musste erneut auf sein wohlgeformtes Gesicht achten und so rutschte es ihr halblaut heraus: „Aber ernsthaft, du solltest mal dein Haar zurückgelen. Du hast ein viel zu hübsches Gesicht.“ „Oh, wirklich? Ich mein, ich könnte es einmal probieren, aber weiß nicht...“
