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Ein Monster in Menschenhaut. Das Humane im Grotesken... Die Kleine erhält eine Aufgabe: das "Allgute" in der Menschlichkeit finden. Sie verliert immer wieder jegliches Glück, doch gibt ihre Hoffnung nicht auf. Egal, welcher fleischige Horror sie herausfordert, der sie wie Schleim umgibt, die Welt einnimmt und immer sichtbarer wird. Was bleibt ihr denn sonst noch übrig? Sie ist ja unsterblich, und Menschen sterben. Sie darf nur nicht ihre eigene Seele verlieren, sonst bleibt nur noch eine eisige Puppe übrig... Geben auch Sie nicht nach der ersten Hürde auf. Die Kleine tut es ebenso nicht. Piuggilla hat einen mittleren Schwierigkeitsgrad: Konflikte erstrecken sich über das Privatleben hinaus bis zur Gesellschaft und zum Land. Eine mutige Philosophie für nicht schwache Nerven, doch Einsicht für den Starken.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Sommer 2024 – Sommer 2025
„Wenn wir einen Menschen hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt.“
– Hermann Hesse
„Verzweiflung und ohnmächtige Wut führen schließlich in die tragischste Form des Selbsthasses, in den Suizid.“
– Reinhard Haller, Die dunkle Leidenschaft
„You still shall live – such virtue hath my pen – Where breath most breathes, even in the mouths of men.“
– Shakespeare, Sonnet 81
„[…] und jene schwer zu erringende Meeresstille der Seele, die der apollinische Grieche Sophrosyne nannte, […] als lehrbar bezeichnet.“
– Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik
Dieses Buch ist ein fiktionales Werk, das in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Österreich spielt. Die enthaltenen historischen Bezüge und Darstellungen dienen ausschließlich der künstlerischen Gestaltung, historischen Genauigkeit und Immersion.
Jegliche Verherrlichung oder Verharmlosung des Nationalsozialismus, seiner Ideologie oder seiner Verbrechen ist ausdrücklich nicht beabsichtigt. Dieses Werk distanziert sich in jeder Form von nationalsozialistischem Gedankengut. Die Erwähnung historischer Ereignisse und Personen erfolgt ausschließlich zur Darstellung eines realistischen zeitgeschichtlichen Hintergrunds.
Gemäß den Bestimmungen des österreichischen Verbotsgesetzes 1947 (BGBl. Nr. 13/1945, zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 113/2023) ist jede Form der Wiederbetätigung (§ 3g VerbotsG) sowie die Leugnung, Verharmlosung oder Rechtfertigung des Holocaust (§ 3h VerbotsG) in Österreich strafbar. Dieses Werk erfüllt keine dieser Tatbestände und steht in keinerlei Widerspruch zu diesen gesetzlichen Bestimmungen.
Ebenso wird das Abzeichengesetz (BGBl. Nr. 84/1960, zuletzt geändert durch BGBl. I Nr. 19/2019) beachtet, das die Verwendung und Verbreitung verbotener Symbole regelt. Sollte es im Rahmen der historischen Darstellung zu Erwähnungen von Symbolen oder Bezeichnungen aus der Zeit des Nationalsozialismus kommen, geschieht dies rein aus dokumentarischen und künstlerischen Gründen und nicht zur Propagierung entsprechender Inhalte.
Der Autor dieses Werkes spricht sich ausdrücklich gegen jede Form von Extremismus, Antisemitismus und totalitären Ideologien aus.
1. Schmelzende Schneeflocke
1,5. Pirán
2. Schwäne aus dem See
3. Sommerlicher Sprühregen
4. Süße Stromschnelle
5. Schnatternde Zahnlücken
6. Dovael
6,5. Das Z in Zinder
7. Das geaschte Kitz
8. Durch das Tor der Raison
9. Das Denkmal der Hoffnung
10. Piuggilla
Eine Pest wütete, der Zweite Weltkrieg.
Schon im darauffolgenden Jahre würde der Einmarsch der Roten Armee den Sieg andeuten, im zweiten folgenden Jahre würde der verheerende Verlust bei Stalingrad die Nationalsozialisten zum Umdenken animieren, jedoch, dank eines unermüdlichen Geistes, würden der Konflikt in die Länge gezogen werden und die Menschen weiters im Strudel der Überlebensexistenz herumgeschleudert und, viele, verschluckt werden, nie mehr wieder ausgespien, nie mehr wieder bei Namen genannt, keine Plage, keine Krankheit so groß wie der Abgang der menschlichen Vernunft, was Piuggilla (pjud-DSCHIL-la) zutiefst bemitleidete.
Sie trauerte um die Absenz der Vernunft, doch betrauerte sie keinesfalls. So hatte die Vernunft sich selbst dazu entschieden zu fliehen, ehe sie ins Unreine gezogen würde, und da hatte sie Recht, denn viele Menschen konnten ihre eigenen Grenzen nicht wahrnehmen und überschritten den Rubikon der Zeit, welche sie ermahnte, ermahnte, ermahnte, doch niemand hörte zu, vor allem niemand, der der Sprache mächtig war. Würde ein Baby fliehen? Würde ein Rehkitz fliehen? Würde ein traditioneller Landsmann fliehen? Würde ein leerer Soldat der Dritten Armee zurückkehren? Erst, wenn ihm der Kopf vom Halse hinge, doch nicht einmal dies würde er bemerken.
Was Piuggilla’s Schicksal ist, das weiß niemand. Doch es gibt solche, die an sie glauben. Darauf kann sie stolz sein.
Das Schicksal ist ein sich drehendes Rad…
Es war 1941.
Es tobte ein Schneesturm über dem Reichsgau Oberdonau.
Ein junges Mädchen irrte durch jenes Waldgebiet zwischen Mitterholzleiten, Schneegattern und Sankt Johann am Walde, welches vom Januarwinterschnee vergraben lag und wo ein Meter tiefer Schnee am Boden nicht selten, sondern die Norm war. Zu dieser Zeit schneibte und regnete es überdurchschnittlich, wie es die Einwohner der Gaue des angeschlossenen Österreichs noch nie erlebt hatten, sodass dies Schlagzeile machte in allen Städten und umliegenden Dörfern. Die Angst vor einer Erkältung oder einem Eiskastentod, wie ruhmhabgierige Journalisten dieses Phänomen tituliert hatten, war groß, keiner traute sich mehr hinaus, Nahrungsmittelknappheit neben den bekannten wirtschaftlichen Krisen war die Norm neben der Heizung, welche oftmals ausblieb, da das dicke Eis die Baumstämme eingenommen hatte und somit keiner gefällt werden konnte und die Eingänge der Minen unzugänglich gestaltet wurden. Kein Atem war warm genug, dass er den Körper von sich aus erwärmen könnte, vielerlei Kleidung wurde nur noch als Dekoration, nicht als Schutze benutzt, da jeder, egal wie warm eingedeckt, durch die Kälte verbrannt wurde. Und Schuld trug dieses Mädchen, das durch die Wälder gejagt wurde.
Sie floh vor einem Phantom der Feinde, welche nach und nach Form annahmen, jedoch nur durch ihr Gebrülle tatsächlich bemerkbar waren, sonst jagten sie sie nur durch ihre schiere Präsenz und der Gedanke an diese, sodass man hätte meinen können, sie würde sich selbst jagen, ihre Gedanken sie selbst, weil sie dachte, so war sie im Visier der Exekution.
Ihr Körper war leicht wie eine Feder, mit jedem flotten, fliegenden Schritt konnte sie einen Meter mühelos beschreiten, keine Fußspuren blieben zurück, da sie kein Gewicht hatte. Allein ihre Tränen, welche wie Kristalle auf der dicken Schneeschicht übriggelassen wurden, dienten als Fährte für die braunen Jäger.
Sie schluchzte und wimmerte, sie hatte sich nach bekannten Gesichtern gesehnt, welche, ach, wäre es doch möglich, hinter einem schattigen Baume erscheinen mögen, welche wie aus dem Nichts ihr Rettung und Wohl bescheren mögen, welche sie aus dieser Zeitschleife zerren mögen, welche sie erretten mögen! Wie lange rannte sie schon, in diesem und seit dem letzten Leben? War es noch ein Geist, oder zwei Geister, welche Todesmomente auf sich genommen hatten und an Schwere zunahmen? Sie wollte sich selbst fühlen, sie wollte im Schnee versinken, so wünschte sie sich, dass ihr Leiden an Gewicht gewönne, dass ihr Leiden sich in Gewicht verwandeln würde, sodass sie vermenschlicht unterginge. So war sie nur eine Form, ein Phantom der menschlichen Gene, welche, in dieser Gegend spärlich, aus Freundlichkeit nach ihr strebten, nicht aus Blutslust, wie die tollwütigen Hunde es in sich trugen und diese sie gleichsam Propeller antrieben.
Sie hatte genug, sie wollte ihr Dasein so nicht mehr verbringen. Sie wollte menschlich untergehen. Sie wollte nicht mehr kämpfen und sich beweisen, sie wollte nicht mehr gegen den Fluss der Menschlichkeit kämpfen, gegen Historia, welche ihr angeblich ebenso feindlich gesinnt war, doch nur neutrale Betrachterin und Erfasserin der Geschehnisse war, sie behütete, aber beschützte nicht. Sie interessierte sich sehr dafür, schickte ihre Boten jener göttlichen Wesen diesen hinterher, als Schutzengel, welche die Geschichte erfassen würden und wussten, wann ihr letztes Blatt beschrieben entstehen würde. Nur sie allein wussten, wo die Geschichte weitergehen würde, doch es schmerzte sie immer auf das Neue, eine alte Seite umzublättern, damit die Neue drankäme, aber alle vorherigen zum ersten Male Schatten und Vergessenheit erleben müssten. Auch in diesem Moment war ein Bote bei dem Mädchen, welches die Nazis hinter sich ihr auflauern wahrnahm.
Sie stockte, sie wurde langsamer, nicht weil sie außer Atem kam, sondern weil ihre Seele sich verflüchtigte und ihrem Körper nicht mehr Treibstoff gab, dass er kämpfen möge, wenn doch schon das Innerste der Innereien sich dagegen sträubte, noch zu funktionieren.
So war das Mädchen durch die Bäume gehaust und am Rande einer Lichtung angekommen, am Rande des Waldes, an welcher Stelle ein glatter, aus Erde und Schneemasse bestehender Abgrund zu finden war. Ihre Beine hielten an, als sie nach vorne blickte und die ferne Weite des Landes vor sich erblicken hatte können.
Hinter dem eisigen Nebel waren feine Rauchspuren verbrannter Häuser zu sehen, durch welche Panzer und Infanterie marschiert waren. Es sollte Tag sein, doch der Himmel trug ein seichtes Rot in sich, welches durch die Flammen ferner Nationen hervorgerufen war, welche im Feuer des stählernen Krieges ertranken. Sie erinnerte sich an die Bahnen der Geschichte, an den Weltkrieg, in dem sie gefangen war, evozierte, dass dies eine Neuigkeit für sie war, ein einmaliges Ereignis an Zerstörung, wie sie es noch nicht erlebt hatte. Ihre feuchten Augen waren fixiert auf dem Horizont, welcher leise Töne an Schusswaffen abgefeuert emittierte, die erst jetzt für sie wahrnehmbar waren. Sie erschrak, griff nach ihrem Herzen, welches gegen ihre zarte Brust pochte, nur bedeckt durch ein zerrissenes weißes Abendkleid, welches sie seit Tagen in Isolation, im Versteck, auf der Flucht trug. Sie spürte keine Kälte, nur Hitze, ihr Atem war ohne Hauch. Tränen formten Kristalle, wenn sie von ihrem Kinn fielen. Sie stockte, sie blieb, sie verharrte.
Sie war menschlich.
„Fatu…nabula…“, hatte ihr Mund kaum artikulieren können.
In diesem Moment ertönte ein Schuss hinter ihr, welcher auf sie gerichtet war und ihr durch den Oberkörper drang, das Einschussloch fein, das Ausschussloch jedoch mit Hautfetzen, Fleischklötzen und blutigen Fäden beschmückt war. „Haha! Haha! Jawohl!“, kreischte der Hauptmann voller Euphorie, ein unschuldiges Reh angeschossen zu haben, mit seiner Patrone markiert zu haben. Die Wucht hatte die zarte Engelin nach vorne getrieben, katapultiert, als sie die Balance verlor und den Hügel hinunterzurollen begann, sich mehrmals überschlug, schlapp war, sich aber nicht darum bemüht sah, sich aufzustemmen und weiter zu rennen. Sie ließ sich von der Gravitation ziehen und musste sich geschlagen sehen, als sie mit einem zärtlichen Lächeln auf dem Bauch lag, welcher jene blutige Pfütze herbergte, ausströmen ließ, sodass der Schnee um sie herum wie eine Blume zu erblühen begann, rote Formen und Risse einnahm. Bald verwandelte dieser sich in ein Wasser, welches förmlich zu brennen und zu verdampfen begann, als ihr kochendes Blut die Natur berührte und sie belebte.
Fußstampfen von oben.
Halt.
„Los, los!“
Man hatte gar nicht das schöne Wunder betrachten wollen und können, welches um das Mädchen entstanden war, denn aus dem geschmolzenen Schnee waren feine Lilien gedrungen, die Grashalme perforierten die nasse Schneemasse und drückten sich durch, gewannen. Der Anführer der Nazijagdtruppe hatte sein Kommando von sich gegeben, auf welches seine zwei Jagdhunde, abgemagerte und mit Opium aufgeputschte Schäferhunde, zum Mädchen gesprintet, auf sie gesprungen waren und an ihr knurrend zu zerren begannen, ihre Seiten zerfleischten und so viel Brocken aus ihrem Leib beißen und ausspucken versucht hatten, wie es ihnen nur möglich war. Unbeeindruckt war der Hauptmann nach unten geschlendert, hatte das Spektakel vor sich beobachtet, welches grausame Hundelaute und matschige Laute von sich gab, jedoch keinen menschlichen Laut, da das Mädchen keine Kraft finden konnte, etwas von sich zu geben, keine Einsicht, dass dadurch in ihrem ephemeren Leben noch etwas Erlebenswertes, erlebenswertes Schönes, entstehen möge. Er hatte die Hunde ein, zwei Minuten sich austoben lassen, denn er hatte es als Spiel betrachtet, eine Belohnung für die Beute und die Jagd, gar für den Jagderfolg.
„Aus! Aus!“, schrie er gewaltig und trat sogar einen seiner Hunde weg, als dieser nicht folgte. „Aus, verdammte!“
Er beugte sich nach vorne, über den Hasenkadaver, welcher, außer den Beinen und dem Kopf, nicht mehr wiederzuerkennen war, so zerrissen und massakriert lag er. Das Jagdgewehr in der rechten Hand gehalten und diese an seiner Seite herunterhängen lassend, so griff er nach seiner Mauser und schoss dem toten Kind in den Kopf. „In diesem Zustand würde sie nur grässlichst leiden. Ich gehe nur sicher, dass sie ja weg ist“, redete er sich ein, als hätte er sich selbst einen Vorwurf gemacht und wollte sich verzeihen. „Jetzt ist sie endgültig von uns gegangen.“
„Ihre Eingeweide ist über dem Boden verstreut!“, stammelte der ihn begleitende Soldat neben ihm mit knallroter Birne, ihm war schummrig und nach Hause zu eilen zumute.
Man erwiderte: „Ich brauche deine unnötigen Kommentare nicht, Fritz! Hör mal!“ Der jähzornige Hauptmann packte ihn beim Kragen und zog ihn an sich, er musste ihn leicht heben, sodass er einigermaßen gerade auf ihn hinunterschauen konnte, da er eine Größe von zwei Meter minus sechs Zentimeter herbergte. „Du hast nicht zum ersten Mal eine Tötung miterlebt. Ich weiß doch ganz genau, dass du schon das eine oder andere Mal Gefangene auf der Jagd angeschossen hast!“
„Aber sie war doch nur ein Kind!“
„Du weißt nicht einmal, warum ich sie hinrichten hab lassen.“
„Sie nennen so etwas Hinrichtung…?“
Für weitere Sekunden hatte er ihm den Todesblick gegeben, doch musste nachlassen, da er sich selbst in den glänzenden Augen des jungen Eingeschriebenen wiederfand und sich selbst dabei verachtete. „Ich habe es für das Gemeinwohl getan. Unser Volk verdient diese Plage nicht.“ „Plage?!“ „Sie war nur der Keim. Das Oberkommando hatte weiteres mit ihr vorgehabt. Und nun lass es sein! Ich habe genug für heute.“
Der Turm marschierte breiter Schultern weg, hätte Fritz zurückgelassen, wäre es nicht sein eigenes Pavor gewesen, er müsste in dieser Gegend erfrieren und verhungern. „H-Hauptmann Teiflhunt!“, rannte er seinem Gebieter schwindelig nach, als wäre Fritz auf derselben Augenhöhe wie die Hunde. Er fühlte sich schlechter als die Hunde, und er selbst hatte nichts Falsches getan. Nichts. Aber er hatte ein Gewissen, und dies machte ihn zu einem Menschen. Oder zu einem höheren Wesen. Nicht jeder Mensch war fähig, Empathie zu empfinden. Nicht alle Tiere, diese gab es aber. Und diese zwei Köter vor ihm waren keine von ihnen. Was hätte er tun können? Sollte er ausgerechnet jetzt Schuldgefühle empfinden? Es war bereits getan, geschrieben. Historia schaute mit Mitleid auf diese Geschichte.
Aus seinem Augenwinkel hatte der Rekrut ein Minileuchten wahrgenommen, doch es nicht weiterverfolgt, er dachte, er müsste schon Geister sehen.
Ich begab mich hinunter zur Erde und ergriff sie aus dem Licht heraus, sprach meinen Segen aus, nahm das Pergament hervor und unterzeichnete das Datum, den Namen des heutigen Tages und das wievielte Mal sie den Tod schon erlebt hatte.
Piuggilla war der Name des Kindes, merkt ihn euch.
So geschieht es…
Jeder wird nun wissen, dass meine Worte kein Schmuck sind, dass ich es wage über die Schattenseite der Menschen zu singen. Auch wenn dies nur ein Lied ist, soll es mahnen an das Ungesehene, Nicht-Erlebte…
Der freie Wille ist das Schlimmste, das dem Menschen widerfahren ist. Oder, wie man ihn auch nennen kann: Freiheit. Wenn er so viel Freiheit hat, dass er andere versklaven kann und sie für sich arbeiten lassen kann, nicht wie in anderen Kreisen in der Tierwelt, in denen jeder seine gleichwertige Rolle hat und für sich selbst leben kann. Nun ist man abhängig vom anderen, ob man es einsehen will oder nicht. Wer kann noch allein existieren? Und wenn jemand sagt, der Mensch sei ein soziales Tier, so frage ich: Wie kann er die anderen ihrer Freiheit berauben? Hat ein Wolf den gleichen Stolz und den gleichen Egoismus wie der Mensch? Beneidet der eine Vogel den anderen, wenn er höher fliegen kann wie der andere? Der eine Fisch tiefer als der andere?
Dass ich zu solchen Gedanken fähig bin, stimmt mich traurig.
Stolz dem Durstigen, der in Zweifel ertrinkt.
In einer Welt, wo die Früchte faulig am Aste hängen und jenes Wasser das Blut der Gefallenen ist, wo jenes Holz von Insekten durchfressen ist und jene Insekten die Körper jener Trostlosen sind, die von ihren Sinnen eingenommen waren, in einer ewig traumhaft scheinenden Illusion des Lebens den Weg des Berges hinaufmarschieren mit all ihrem Gebäck, mit all ihren Lastern. O wenn doch nur der Rucksack übergehen würde, er allein, doch auch die Beine zerren die jenen Erschlagenen hinter sich nach, die die Rache des Erbosten gespürt hatten, welcher, wenn er doch nur Herr seiner eigenen Bahn wäre, mit der Hand zuschlug. Der Andere, gepriesen sei seine Vernunft, griff nach dem Stein und erschlug den Einen. Nun war der Andere an sein Schicksal gefesselt, musste in die Ferne des Himmels blicken, welcher schon schwarz gefärbt war, und nur eine Aussicht hatte in seiner Pilgerschaft zur Erlösung seiner Sünde, die ihm aufgezwungen worden war. O wie glückselig wäre der Andere, wenn der Eine ihn nicht in Versuchung gelockt hätte! O wie glücklich wäre der Herr, stünde er nicht in Versuchung selbst!
Eine verdammte Seele war am Kopfe des Hains angelangt, als er jenseits der Grashalme blicken konnte, welche ihm über das Haupt reichten. Ein Baum, das Schicksal der Schicksalträgerinnen, erstreckte sich vor ihm wie eine andere Welt, die Zweite, denn massiv war er, größer als sein Sichtfeld es ihm zuließe, weiter entfernt er noch lag als ein hundert Kilometer. Ein jeder, der nun Angst bekommt, darf diese Angst als seine Unbedeutsamkeit dem Universum gegenüber betrachten. Der Baum war beschmückt mit goldenen Adern und mit goldenem Vliese zu seinen Füßen, wo die grünäschernden Gräser zu ihm hingezogen wurden und gegen den Wind des Lebens arbeiteten, welcher vom Baum wegströmte. Hinauf die Arme, hinauf die Haut, welche krustig und saftig war, goldener Honig und goldenes Blut, Bernsteintränen formten sich entlang den Ritzen und Rillen, welche an seinem Korpus verteilt lagen. Wäre ein einziges Blatt genügsam, um die menschliche Welt zu bedecken, so seid erleichtert, doch an jedem Ast hingen hunderte dieser Blätter und jeder Ast war nur eine Tochter des Hauptastes, welche wie Pfaufedern an den Seiten und am Rücken des höheren Baumes leuchteten und den Raum um sich herum einnahmen, wie die Blase des höheren Wesens, welcher der Baum war. Er lächelte, wenn er weinte, und war er zornig, lächelte er, denn er verheimlichte seine Emotionen gegenüber seinen Töchtern, welche die Apokalypse der vergangenen Zeit erlebt haben durften.
Siehe dort über dem Pirán, der Lebensbaum und die dirigierende, versorgende Wurzel aller lebendigen Welten, auch der Himmel blutete, waren zersplittert und durch ihn führten die Blutrillen die Stränge des Schicksals entlang wie der Bote des Alls. Das gesamte Sichtfeld des Pilgers wurde erleuchtet, als der Himmel eine unendliche Tiefe trug, hinaus in das Pseudo-All floss, doch der Himmel war zu tief, als dass irgendein Wesen jemals die Sterne erreichen würde, denn sie waren desillusioniert, denn sie befanden sich schon im Stern des Alls. Der Baum pulsierte, mit jedem Puls wedelten sanfte die Äste und mit ihm die Blätter und die Regenpfützen, welche wie Wasserfälle dessen Fingern entlangkrabbelten und in den grenzenlos distanzierten Erdboden fielen, wenn, beschriebe man dieses Szenario auf Mutter Erde, Planet der Menschlinge, die Wolken bereits den Grund versteckt hielten.
Mit seinem edlen Kleid trotzte der Baum jeder Leidenschaft des Verlustes, denn mit Genügsamkeit und offener Freude opferte er seine Früchte, sie reiften zur Genüge und waren bereit, vom Nichts konsumiert zu werden. Würde man sagen, die Früchte trügen Leben, so war dies eine minderwertige Unterschätzung, denn die Früchte tragen Leben, welche Leben gebären und unter den Seelen wandern. Und mit jedem dieser ist eine Geschichte verbunden, ein Wisch, denn wie unbedeutend eine einzige Lebensgeschichte ist im Anblick des Kosmos. So mag es einen einschüchtern, zu denken, man sei doch motiviert zum Guten zu neigen, doch mache es einen Unterschied? Wie die Seele dreigeteilt ist, so ist jedes Bestreben im Gleichgewicht und jede Überschreitung dieses Eifers lässt nur unwillkommen zu, dass in sein Haus eingetreten wird. So mag er respektvoll scheinen, dich durch die Türe eintreten zu sehen, doch wünschte er es sich, dich durch das Fenster hinauszuwerfen.
Defenestration, meine Lieben.
Dies hat seinen eigenen Namen.
Fleischlich, weise, moralisch. Überwiegt eine dieser Eigenschaften, ist das Wesen der Hybris gefallen.
Und ein jeder ist mutiger als der andere…
„Es kommt ein neuer Pilger…“
Eine entblößte, durch das Fleisch der Frucht abgedeckte Dame schaute gelangweilt in den Graben des Landes, als sie eine kleine Ameise ausgemachte hatte und die Finger über das Gesicht tanzen ließ, so lag sie in einer durchsichtigen Flüssigkeit, welche ihrem Gemüt glich: offenkundig grau. Sie war eine der randgefährdeten Wanderinnen der Geschichte, deren Bedeutung noch nicht genannt werden darf. Sie klopfte gegen das Glas ihres Käfigs und schaute um sich, als in einem Kilometer Entfernung eine andere aufwachte und zufällig in dieselbe Richtung blickte und den Blick erwiderte.
„Arin!“
Diese gähnte und ließ sich nicht von der Aufregung der Weiteren anstecken und verharrte in einer müden Stellung, als sie auf dem Bauch lag und den Nacken anspannte, die Augen nach oben wandte und die nun heftiger zerfallenden Himmelsscheiben bemerkte. Es triefte nun noch mehr Licht durch, doch nur in einem geöffneten Winkel von ihr aus, über der Krone des Baumes war noch stabile Sicherheit des Risses vorhanden. So Arin: „Immer wieder bereue ich es, das Zeitliche zu segnen. Es lernt niemand, und so bete ich: Darf ich einmal mit Amnesie zurückkehren? Du! Du reizt mich, doch der Zorn in mir ist immer mit Lust verbunden.“ „Dich gelüstet es, nach mir zu streben? Dia! Sie hat gesagt, sie will mich in den Arm nehmen, ach!“, antwortete ein drittes junges Mädchen, welches ein Katzenplüschtier in den Armen hielt und ihr Gesicht in die Schulter ihrer Zwillingsschwester vergrub, welche, weitere Kilometer entfernt, mit ihr gemeinsam eine ausgehöhlte Frucht teilte. Schon sprachen drei Schicksalsträgerinnen miteinander.
„Sie hat Ja gesagt!“
„Nerv nicht“, so die gähnende Schwester.
„Di-a, Lie-bes!“, konnte die Partnerin nicht widerstehen, woraufhin die Gelangweilte von vorhin ausrief: „Wie sehr es mich dünke, ebenso in meiner Blase eine Geliebte zu haben! Allein und verborgen, so leide ich, meine Gedanken sind meine Pflaster, doch seine Lippen einzig die Medizin- O Juristei würde mich einsperren, würde ich ihm gewaltsam unsere Zukunft vorschwärmen!“
„Bin ich froh, dich immer irgendwo einsam in einer Grotte aufzufinden, Myneira!“, entgegnete Angiella, die Schwester der Diavolette, die, ihr Gesicht abgewandt, sich von dieser ganzen Szenerie entfernen wollte, doch indirekt verbunden blieb, da ihre Blutsverbundene ihren Körper als Polster benutzte, beinahe auf ihr oben lag, so sehr ergötzte sie sich wie ein Kind.
„Nenn mich Kind, wenn ich keins bin, denn’s wahre Kind ist Kindlein Gill‘ allein!“
Die Mannschaft hörte diesen Ausspruch und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ein einsames Wesen, welches auf der Spitze, unter der Grenze des Himmels, an einem schmalen, zerbrechlichen Ast des Baumes hing und ebenso in diesem Moment erst aufwachte, genauer gesagt, als jener Pilger den Baum erblickte.
„Nicht, nicht… Lasst mich gehen“, war Piuggilla desorientiert, als sie sich zu erinnern versuchte, was gerade geschehen war. „Wie bin ich dieses Mal, warum muss ich immer…!“
„Gilla, Kleines, du weißt doch: Bevor wir wieder ausgestreut werden, kann sich niemand an die Leben erinnern!“, versuchte Angiella sie aufzumuntern, doch die erste, Myneira, die gelangweilte Naturgöttin, hauchte giftig: „Wenn dich allein ich vergessen könnte.“
So wahr es war, nicht jede Fatanebula war gleichzeitig wach.
Als man zum ersten Mal ihren Namen aussprach, fürchtete sich Piuggilla. Wieso…?
Fatanebulae, die Naturgöttinnen alles Lebens, jede ein anderes Element, eine andere Aufgabe, eine andere Last. So war auch Piuggilla eine unter ihnen: die Fatanebula der Angst. Sie steht in Verbindung mit Unwetter und kaltem Wasser, vergräbt sich in eisigen Schnee so sehr beglückt wie die Fatanebula der Liebe im glühenden Strand Afrikas. So befand sich Pirán, der sagenumwobene mythische Baum, auf dem wahren Psychonpedion, eine jene Ebene der Psyche, des Geistes, des Lebensblutes, auf dem die Weide der Seele liegt und gedeiht, zugrunde geht, kümmere man sich nicht um den Geist, und blüht auf, wenn man Euphorie verspüre. So möchte doch jedes Wesen glücklich sein und glücklich leben, doch nicht jeder kann dies, da die Gedanken jeder hat. Erst durch die Gedanken kam das Böse, das Moralische, das Streben nach dem Besten. Erst nach diesem Streben entstand das Schlechteste und dadurch das Grau, das mindere Gute und höhere Schlechte, das zu vermeiden ist. Wie glücklich der doch ist, der vom Schlechtesten kommt und im dunklen Grau nun haust! Wie miserabel der, der vom Höchsten auf das helle Grau gefallen ist, den verspottet, der im dunklen Grau verbleibt und sich wünscht, es möge immer so weiter gehen!
So gibt es auch bei den Fatanebulae Gut und Böses, aber niemals moralisch Gutes und moralisch Schlechtes. Es gibt Gut und Schlecht, es gibt Gut und Böse, dessen Unterschied man gerne vertauscht. So ist die Fatanebula des Hasses geliebt, von ihren Engsten und von den anderen Schwestern, so kann auch die der Liebe in Rage geraten und Tod bringen. So kann die der Angst auch Mut fassen und die Welt verändern…
Der Tod einer jeden Fatanebula beschwört ein historisches Ereignis, das erst in den Geschichtsbüchern zu lesen sein wird.
So kann eine niemals sterben, nur die Welten wechseln, wenn ihr materieller Körper in jener Welt zugrunde gerichtet worden ist oder sie sich selbst dafür entscheidet. So ist eine jede Fatanebula unsterblich, doch verhaltet sich oftmals gerne sterblich, da sie genug hat. Es beginnt alles mit der Hoffnung, die ihren Geist befleckt, der Fleck sich ausbreitet und die Frucht dann vom Baum fällt…
„Ich habe gesehen, wie deine Frucht fiel, Piuggilla“, konnte man Diavolette neutraler Miene reden hören. „Du bist gestorben… Ich nehme an nicht sehr menschlich, denn du hast geschrien, als du fielst.“
„Ja… Wahrscheinlich. Ich kenne mich. Du wartest?“
„Ich versuche nicht einzuschlafen, aber eine gewisse Gelse hier will mich immer dazu überreden!“
„Hehe, tut mir leid, Dia…“
Wenn eine Fatanebula einschläft und im Prozess eins mit Pirán wird, so wird sie auf die Welt zurückgeschickt. Nachdem die Frucht gefallen und verstorben war, so wächst eine neue nach. Im Interim diskutieren und philosophieren die verbleibenden Nymphen über das Leben und ihre Ansichten, sie reden theatralisch und kathartisch, denn nur die Eindrücke und Gefühle und Gedanken ihrer vergangenen Zeiten sind eingebrannt, doch konkrete Erinnerungen fehlen. Dies mag schwierig sein, doch nur dadurch können sie geistig gesund bleiben. Eine einzige jedoch weigert sich seit einigen Malen des Gebens und Wiedergebärens.
Es war die jene kleine Wassernymphe.
„Möchtest du nicht reden, Piuggilla? Wir alle hören dir zu. Es ist unglaublich wichtig, vertraue uns, Kleines…“
„Und wenn du dies nicht dir wünschest, so verhalte ich mich so, als kümmere es mich einen Dreck“, hörte man die eigentliche Initiatorin dieses Gespräches auflachen, woraufhin Angiella entgegnete: „Du wirst dich doch nur verstellen, aber verlogen zuhören, Myneira!“
Gilla umarmte sich selbst, weinte seit Sekunden schon, doch ließ es nicht anmerken. Hätte sie ein Plüschtier zum Ausweinen, eine Partnerin für symbiotisches Leben… So beneidete sie Angiella zutiefst.
„Wie sehr schadet mir das Reden! So will ich allein mit mir reden. Ich kenne meinen Schmerz und kann ihn mir selbst auftragen, so leide nur ich allein. Rede nicht dazwischen, Angie! Es rede nur ich…“
Sie konnte noch die Einschusswunde wahrnehmen und ihr Magen schnürte sich zusammen, es brannte ein eisiges Feuer, zog sie auseinander und doch zerquetschte er ihre Gedärme, sodass ihr die Luft ausblieb. Die Bisse, das Blei, das Schweigen und das Knurren. Sie hatte an diesem Tag endgültig ihr Vertrauen auf die Menschen verloren. An die Nähe. Sie wollte nicht mehr hinunter, auf gar keinen Fall…
Die anderen bemitleideten sie, doch bald widmeten sie sich ihren eigenen Überlegungen und feurigen Planungen und Konzepten.
Es war so, als hätte man sie bereits vergessen.
„Ich wünschte, ich würde ich leben, ich wünschte, ich würde nicht leben!“, weinte die Kleine im Stillen. „Es ist nicht echt. Es ist nicht echt. Ich bin nicht echt. Ich bin nicht echt. Mein Schmerz ist nicht echt. Wenn ich nicht echt wäre, wenn ich nicht echt wäre, wenn ich nicht echt wäre! Ich wünschte! Ich wünschte! Ich wünschte, ich würde nicht leben, dann hätte ich diesen Schmerz nicht!“
Piuggilla war schlecht mit Zahlen, und dies konnte man daran erkennen, dass sie gerne Jahre und Tage und Wochen und Monate verwechselte oder gar nicht bemerkte, dass sie einen Nuller ausgelassen hatte. So konnte sie auch nicht jemandem beichten, wie lange sie in ihrer klaustrophobischen Furcht vor der Welt vegetierte, denn sie sah die eine Frucht fallen, die andere nachwachsen. So waren auch die Zwillinge vom Ast gefallen, als das plötzliche Knacken des Holzes sie aufweckte und in ihr großes Pavor erzeugte. Sie sah in Zeitlupe das Fruchtfleisch am Grunde des Grabens, zwischen den Erdflächen versunken, aufprallen und zermatschen, denn nur sie und eine weitere konnten so tief blicken. Wie ein aufgeschlagenes Ei befände sich ein menschliches Embryo im Inneren im Eigelb, so sah sie die zwei Schwestern in der grünen Pfütze ihres eigenen Blutes, im Blut der Frucht, die ihre Mutter war, liegen. Zerfetzt sogar, Diavolette rollte sogar der Kopf weg, was daran gelegen haben müsste, dass sie exekutiert worden war. Was im Leben unten auf der Sphäre der materiellen Wesen geschah, die wirkte sich ebenso auf die metaphysischen Körper der Fatanebulae aus. Man konnte, war man wach, während die andere schliefen, genau mitverfolgen, was geschah. Die Freude im Schlaf, wenn sie sich wälzte, das stumme Aufschreien vor Schmerz, oder plötzlich runterkommende Hautfetzen.
Piuggilla hatte dies alles gesehen, gekannt, erkannte sofort die Indizien. So hatte sie Angst, hier zu entschlafen und im Jenseits aufzuwachen. Dies klingt jetzt verquer, als seien die Plätze vertauscht worden, doch dies ist nur aufgrund der Perspektive der Fatanebulae.
„Uff… Gilla, Kleines, du noch hier?“, seufzte Dia, welche nach schier jahrelangem Wachsen wieder die Augen öffnen konnte und instinktiv nach oben blickte, ihren neben ihr ruhenden Zwilling beiseitetrat und sich ans Glas, die gläserne Membran der Frucht, lehnte. „Du nicht gestorben? Ich beneide dich… Aber auch nicht. Du weißt, ich weiß.“
Jene konnte nur zurückstarren und wandte nach ungemütlichem Augenkontakt den Blick ab und hatte fortgesetzt, die fernen Bäume ihrer Welt zu zählen. So weit entfernt lagen die doch nicht, dachte sie sich, doch wenn man an die Maße der Kilometer gewohnt war, so erschienen sie einem wie Meter und bald Zentimeter, verlor man sich in seinen Gedanken und seiner Zeit.
Sie bedauerte es manchmal, dass es keinen männlichen „Fatanebulus“ gab, denn dies war mythologisch nicht möglich. Eine Frau ist die, die erhaltet und in die Welt setzt, und so verhalten sich auch die Emotionen. Sie bekommen Inspirationen und Impulse von der Außenwelt, passen sich an und entwickeln sich und geben dann in Form von Reaktionen zurück, sei es Lachen oder hasserfülltes Zerstören. So befand sich eine jede Fatanebula in jedem lebenden Wesen und Konstrukt, gleichzeitig und doch nicht an Zeit gebunden. Es gibt Gründe für die Traurigkeit, und sie war schwanger mit entsetzlichen Visionen, und sie hieß Piuggilla. Wie eine jede zum Namen kam, ist ein Rätsel und darf nicht erforscht werden.
„Wie wäre es, du gehst als Nihilistin zurück, Gilla?“
Sie zog die Aufmerksamkeit der Schwachen auf sich und sofort wurde Diavolette Gehör geschenkt. „Als Nihilistin, genau, du glaubst an das Nichts. Und das Nichts kann ja gefüllt werden, nicht? Oder kann verstanden werden als jener Zustand, in dem du nur auf Instinkte reagierst. Du denkst nicht. Du lässt alles auf dich wirken. Wie wäre es damit?“ Es war skurril, ein Leben dafür zu verschwenden, doch, wenn man bedenke, dass sie schon tausende und Millionen von Malen lebten, war die Idee gar nicht so dumm. „Ich gebe dir ein Ziel: Binde dich an einen Menschen. Genau. Versuche, die Emotionen von Menschen zu verstehen und nachzuvollziehen. Dass sie sich füllen. Vielleicht wird dir das helfen. Andere Menschen, wenn sie vor Gefühlen platzen, so zu sehen. Du wirst viel zurückbekommen. Trauer gewöhnlich gibt nur, und das ist die Aura der Hilflosigkeit, die sie in sich trägt. Es ist ein falsches Geben. Sie nimmt nur. Sie reißt dich in ihre eigene Blase und nimmt dich auf.“
„Ich…“
„Versuche es. Piuggilla. Wandere ohne genaues Ziel, aber denke daran: Fremde Emotionen sind oft der beste Lehrer. Vor allem für jene, die noch am Wachsen sind. Die ihr volles Potential sowohl noch nicht erkannt haben als noch nicht besitzen. Ich weiß, wovon ich rede. So war es mit Arin der Fall… Sie kann aber nicht lernen. Deswegen leidet sie jede Sekunde, ohne es zu merken.“
War es eine Ausrede, dass sie für immer unter dem See begraben liegen wollte? In der Tiefe unter der Kälte und den Fischen, welche sie in Ruhe und Besonnenheit umgaben? Wo Farben verschwommen sich vermischten und somit keine klare Linie zwischen Rot und Blau entstünde? Gäbe es ein Licht, das ihr Herz durchbrechen würde, wenn sie unter der dicken Eisschicht schlummern wollte auf ewig?
Wie lange hatte es für sie gedauert, bis sie sich daran gewohnt hatte? So wäre die Antwort: Nicht in diesem Leben.
Sie erinnerte sich genau an das Datum des letzten Lebens, welches sie auf der Flucht verbracht hatte und hatte somit alte Unruhen mitgenommen in diese Welt, welche für sie ein verschwommener Canvas des Sternenhimmels über ihr war, den sie in den nächsten Momenten durchschreiten würde, doch sie nicht wusste, wie verzerrt diese Momente sein würden, wie lange sie sein würden, wie lange diese überhaupt ungebrochen existieren könnten.
Ihr zarter Körper schwebte förmlich in der Luft mitten im eiskalten Wasser des Bonini Sees, ohne Energie aufgemuntert begann sie zum Seeboden zu gleiten und dann Fuß zu fassen, wo, wie am Monde, Staubpartikel sich durchwirbelten, als sie schwerelos auftraf, schon wie am Monde gelebt hatte, da sie geschmeidig ihre Bewegungen durchführte und einen Schritt nach dem anderen setzte, als sie somit gelassen, trübsinnig gen Bergspitze marschierte.
Sie hatte nicht weitergehen wollen, sie wollte begraben liegen. Sie erinnerte sich, dass sie in einer anderen Welt einmal sechzig Jahre am Seegrund verbracht hatte, die anderen ihrer Art sich Sorgen um sie gemacht hatten und sich auf die Suche nach ihr begeben hatte, aber ohne Erfolg sie aufgesucht haben würden. So fühlte sie sich hingezogen zum Meer, zur endlosen Tiefe, wo auch sie einmal ihre Orientierung und ihr Bewusstsein verlieren würde, dass auch sie niemals wieder auftauchen müsste, könnte, da sie nicht mehr konnte, da sie vergessen leben wollte, somit auch sich selbst vergessen, wenn sie müsste, wenn dies bedeutete, sie hätte ihren Frieden. Frieden nur darin, wenn sie nicht mehr wüsste, wer sie war, was sie war, was die Welt um sie war, die Welt außerhalb ihrer kleinen Blase, die sie in ihrer Zerbrechlichkeit und wiederholt aufgekommenen Animosität, welche auf sie gerichtet war, vergötterte, niemals aufopferte, oder dies niemals zuließe, oder außer Historia zwang sie dazu. Sie spürte, dass die Zeit knapp geworden war, dass eine innere Uhr tickte und tockte, dass sie aufgehen müsste, wenn nicht ein Albtraum vorher aufginge. Sie musste sich entscheiden: Albtraum im Davor oder Albtraum im Nachhinein.
Sie entschied sich für den Albtraum im Nachhinein, denn vielleicht könnte sie ihn ja noch zum Positiven wenden, was sie aber lieber gar nicht versucht hätte, denn ihre Zeiten hatten sie genarbt, ihr die Hoffnung entzogen, anders zu denken. So symbolisierten ihre Fußschritte Mut, eine zerbrechliche, gar zerstückelte Hoffnung auf ein Neues, auf eine Aussicht in die Zukunft, befleckt von der Vergangenheit, aber angeschienen von der Sonne, die kommen wird.
Ja, so fasste sie Mut, denn mit diesen Gedanken konnte sie sich animieren, pushte ihren gesamten Körper vorwärts, welcher nach oben hin gerichtet war, als die Schritte steiler wurden und der Sand, wie es hier beschrieben wird, wie sie die Erde aufgenommen hatte, sie abrutschen ließ, sie in Zeitlupe zu fallen begann, aber nichts dagegen unternahm, denn sie hätte die Reaktionsfähigkeit dafür, Halt wiederzuerlangen, doch ließ es zu, ließ den Lauf der Zeit schwinden und den Lauf des Glückes entschwinden, als sie somit mit sanfter Gewalt der Gravitation ihr Gesicht in den Sand vergraben wahrnahm und nach und nach ihr gesamter Oberkörper und Körper auf diesem lagen.
Sie wollte gar nicht aufstehen, sie wollte gar nicht weitermachen.
Doch sie musste kämpfen, sie hatte ihre Gedanken und ihre Traurigkeit, die sie daran erinnerte, dass es einen Grund gab, traurig zu sein, und deswegen müsste es auch einen Grund geben, glücklich zu werden.
Diese Gedanken verschafften ihr Hoffnung.
Sie musste daran glauben, dass nicht alles auf dem Pergament ihres Boten, ihres Schutzengels, geschrieben stand, dass sie das Pergament zerreißen könnte, dass sie manche Worte anders hätte deuten können, sie somit in ihrer Fantasie ein neues überraschendes Phänomen der Gleichgültigkeit entdeckte, welches ihr Schutz gäbe. Gleichgültig, weil sie das Ende wüsste. Gleichgültig, weil sie den Anfang wusste. Gleichgültig, weil sie im Moment lebte und gar nicht verstand, was vor sich gehen würde. Diese Neugierde hatte sich einst in Gleichgültigkeit verwandelt, doch die alte Natur dieser Charaktereigenschaft war noch irgendwo tief in ihr begraben, sie musste nur daran glauben und es herausholen, extrahieren, wie das brennende Blut ihres Kadavers, an welchem die teuflischen Jagdhunde zerrten und ihren Dickdarm mit ihren scharfen Zähnen herausgerissen hatte und furios mit ihren Köpfen auf den Boden schlugen, um zerfetzte Überreste ihres Seins…
Sie tränte, sogar unter dem See tränte sie.
Glück, wo war ihr Glück?
Welche Form hatte es angenommen? Wieso verstand sie nichts mehr darunter und davon? Seit wann?
„Ich will sterben, ich will sterben, ich will sterben…!“
Als ihre glühend heißen Zähren ihren trockenen Wangen entlangronnen und diese den Sand berührten, so entstand aus der Nichtigkeit der Möglichkeiten eine Wasserlilie, jede Tropfenberührung hatte eine Wurzel sprießen lassen, aus welcher weitere Glieder entstanden, weitere Blätter und Ranken, weitere Blüten, die unter Wasser wie Diamanten zu funkeln begannen und in ihrer weißen Pracht existierten, als würden sie in einer Unterwasserblase leben, sein können, als wäre dies ein anderes Universum. Die Wassernymphe hatte aufgesehen, fasste Boden mit ihren Händen und drückte sich empor, schaute auf ihre Narbe und auf ihr Grab, welches nun die Pflanzen waren, und ergötzte sich daran, fühlte sich jünger, menschlicher, gewann Vertrauen.
Was sehe ich da, ein Lächeln?
Ein stolzes Lächeln? Und jetzt schließt sie die Augen! Sie genießt den Moment! Sie lebt ihn, durchlebt ihn, belebt ihn! Und wie sie wiederbelebt ist!
So steige auf, Piuggilla, mein sanftmütiges Lilienbouquet!
Ihre Tränen waren ihr Blut, ihr Blut war Zeichen ihrer Trauer.
Auf allen Vieren krabbelte sie den Strand entlang, hinauf, immer näher der Wasseroberfläche, welche in naher Zukunft sie berühren, durchdringen würde…
…Und sie brach durch.
Als Piuggilla herausgestiegen war, schnaufte sie tief ein und schluckte das restliche Wasser in ihrem Mund, welches der Körper, wie jenes in ihrer Lunge, sofort assimilierte.
Sie streckte ihren Hals nach hinten, Gesicht parallel zum Zenit des Himmels, ließ die Morgensonne auf sich wirken, welche in dünnen Strahlen ihr von der Winterkälte umwobenes Gesicht streichelte. Zwei Bauern hatten gute hundert Meter entfernt geheimniskrämerisch das junge Mädchen erblickt, waren erstaunt, hielten inne, da rannte einer von ihnen weg, um die anderen des naheliegenden Dorfes zu benachrichtigen, dass jemand zurückkehrte aus dem Teich des Gottesgesuches. Der Zweite, da er humpelte und einen schweren Mantel in diesem beißenden Frost trug, machte nur langsam Fortschritt, doch war begabt in der Krautmedizinerei, hatte seinen kleinen Zauberbeutel immer dabei, wessen Inhalt die Nymphe nur gut kannte.
Sie verblieb lange in dieser aufsaugenden Haltung, ihr schulterlanges schneeweiße Haar, niemals vom Wasser berührt und davon angeheftet worden, flatterte luftig in der Brise, die einen jeden Normalsterblichen wie Feuer versengte. Sie aber genoss es, diese Stille und diese Ruhe, welche sie neuentdeckt hatte. Sie würde es immer wieder schaffen, denn sie hatte in der Trauer Glück gefunden, dechiffriert, nun kalkuliert und auf Wunder gewettet, und gewonnen. Ihr zerrissenes Gewand war nicht mehr zerrissen, sondern frisch, war durch und durch ohne Feuchtigkeit, nahezu welk, da es ein Bestandteil ihres Wesens war, da Menschen in dieser Form an sie glaubten, geglaubt hatten, auf antiken Vasen und Malereien so dargestellt worden war, denn nur die Fantasie hatte ihr Form gegeben. Ohne Menschengedanken würde sie mit den anderen ihrer Art nicht existieren, lebte also im Gefängnis des Geistes, wurde geboren in Ketten, welche aber weltenlang waren, eine Pseudofreiheit sie dadurch in ihren Klauen hielt.
Dürr und flexibel war sie, krümmte im Aufwachen ihren Rücken, ließ ihren Bauchnabel den Boden berühren, Schulter nach hinten und emporgerichtet. Sie meditierte, wollte nur spärlich aufstehen, und als sie dies dann tat, war ihr schwindelig, brach stehend in sich zusammen und umarmte sich selbst, da es ihr plötzlich grauste.
Sie schwitzte.
Dennoch war diese Luft angenehm, roch aber das Allokieren jenes Mannes, welcher nach ihr zu rufen begann. Hastig aber begann sie zu flüchten, schritt durch die Bäume, welche jenseits des Ufers lagen, und, wie in ihrer alten Erinnerung, tanzte sie auf der Schneeschicht. Aufgrund ihrer blassen Haut, weißen Haares und weißen Kleides konnte der Herr sie nicht verfolgen, als er sie zuerst im Schnee aus den Augen verlor und keine Spuren von ihr erblickte. Dieser begann sich zu wundern, welch Geschöpf sie war, ob sie tatsächlich eine Gottheit war, auf das die Menschen warteten, da sie irrgläubig waren, jeden See als Portal der Seele der Natur verstanden und auch daran glaubten, beteten, aber von den Stadtmenschen belächelt wurden, da sie, wenn sie der antiken Mythen begabt waren, sie als zurückgeblieben und steinern titulierten und Poesie als Unwahrheit abwerteten, als Mittel der Erklärung des Geistes akzeptierten, aber niemals als Beweis oder Fundament.
Der Mann ging auf die Knie, sah durch seinen bauschigen Bart allzu weise aus, und begann zu beten, denn für ihn war dies eine Offenbarung, welche ihm keine Antworten gab.
Gar keine.
Währenddessen war ein weißer Blitz durch die Sträucher geflogen, hastete und wurde von den Grashalmen unter dem Schnee angetrieben, welche sie als ihre Kinder bezeichnete, als die noch nicht geborenen, aber schon ausgestreuten und ausgezeichneten. Es kitzelte sie die Fußsohle, wenn sie den warmen Schnee von sich stieß und sich nach vorne stieß, sich selbst ankurbelte, als jeder geschmolzene Schnee auf ihr Getriebe tröpfelte und einölte, sie geschmeidiger denken und laufen konnte, beinahe auch zu lachen begann, als diese Freiheit und Frostkälte sie umarmten, sie evozierte, welch Gefühl dies doch war, einmal in ihrem Element zu sein, wo sie nur durch einen nichtjagenden Jäger verfolgt würde, welcher schon stand und nur schaute, den Wind befragte und nur Flüstern als Antwort bekam, welches der Liedtext der Hymne der Wassernymphe war, der die Lobmusik ihres Schwebens war. Waren es die Zehenspitzen, mit welchen sie auf dem Boden ankamen? War sie schon mehr eine Hirschkuh oder eine Katze auf leisen Sohlen, gespaltener Füße, durch deren Spalt die glückwünschenden Schneeflocken wirrten und glitten?
Wie ein Mensch aus dem Norden, der am Strand das neue Klima guthieß, so hieß sie den Winter gut, da für sie die Sonne Waldbrand war, welcher ihr gesamtes System ergriffe, berührte sie Sols Arme. Eis war für sie warm, Schnee schon wie der brennende Sand am Mittelmeer, welches unter dem Feuerauge am Himmel ständig anständig betrachtet wurde. So stellte der Frühling für sie die reinste Pein dar, da die normale Wärme für sie eine Sauna war, aus der sie aber nicht entkommen könnte, in welcher sie nicht einmal transpirieren könnte, da der Schweiß sich sofort auflösen würde und der Dampf sie von ihnen verbrennen würde und sie daran schleichend krepieren würde. So konnte sie nur mit Wut an die anderen Schwestern denken, welche sich gar keine Gedanken darum machten. So wollte sie einen Puppenkörper haben…
Könnte sie damit wie die Zwillingsschwestern leben? In der Sonne sein? Aber auch im Schnee, wenn sie nichts mehr spüren würde? Nur ihr Geist sein würde, aber dieser nicht verbrennen könnte?
Nein, sie wollte echt bleiben…
Was einer Fatanebula in einem Leben geschieht, dies hat Konsequenzen auf alle ihre nächsten Leben, auch wenn diese auf der Zeitengerade früher liegen als später, denn Fatanebulae sind nicht an Zeit gebunden.
So hatte Piuggilla nach trostvollen Minuten der Besinnlichkeit den Waldkomplex durchquert und hielt abrupt am Rande an, ergriff mit ihrer kleinen Hand einen Baumstamm und bremste somit ihre Geschwindigkeit, hob aber beinahe ab, so wuchtig war ihr Anfliegen.
