Dicke Luft im Bel Aire - B.E. Fischer - E-Book

Dicke Luft im Bel Aire E-Book

B.E. Fischer

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Beschreibung

Das Bel Aire ist ein exklusives Wohnstift in bester Lage von Kettwig. Viel zu vornehm für den abgehalfterten Kommissar Leonardo Liebig und seinen schlampigen Kollegen Carsten Kosinski. Doch nach zwei unglaublich spektakulären Morden müssen die chaotischen Kommissare das Steuer im Stift übernehmen. Der Mörder - oder sind es mehrere? - streckt seine Arme bis nach Afrika aus. Und während die Kommissare in der Leichenhalle aus- und eingehen, kommen sie der Lösung des komplizierten Falles allmählich näher. Und dann wird Liebig selber vom Jäger zum Gejagten.

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Seitenzahl: 349

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zur Autorin:

B. E. Fischer studierte in Indien und Deutschland Medizin. Vor dem Studium und während des Studiums war sie als Krankenschwester und OP-Schwester tätig. Famulatur in Damaskus/Syrien. Sie bereiste nahezu alle Länder des Vorderen Orients. Sie wohnt in Kettwig, dem mit einem historischen Ortsbild und vielen landschaftlichen Reizen gesegneten „etwas anderen“ Stadtteil im Essener Süden. Im Kettwiger Hummelshain-Verlag sind ihre Bücher „Dogwalker“ (2020) und „Der Korpus“ (2021) erschienen. Zusammen mit anderen Autoren hat sie sich mit einer Kriminalgeschichte an der Kriminalanthologie „Tatort Essen“ (2022) beteiligt. „Dicke Luft in Bel Aire“ ist ihre dritte Kriminalgeschichte über den kauzigen Kommissar Liebig vor dem geografischen Hintergrund des Essener Südens.

Alle in dem Buch erwähnten Personen und Firmen sind rein fiktiv. Jegliche Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen und Firmen sind rein zufällig. Die beschriebenen Gaststätten gibt es wirklich und werden von der Autorin geliebt.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Nachwort

Die schwarzen Vögel mit den toten Augen singen. Du kennst das Lied von Trauer, Tod und Unheil. Hör ihnen zu.

Notrausch, Singleauskopplung aus dem Album Flamingoblau

1

Die Sonne schob sich noch einmal langsam durch die Wolken und warf vorsichtig, ja behutsam einige Strahlen auf das runzelige Gesicht der alten Dame, die es sich auf einem Liegestuhl vor dem angesehenen Seniorenstift gemütlich gemacht hatte. Sie trug ein buntes enganliegendes Kleid mit Blumenmotiven. Es harmonisierte mit den Blumen auf der Auflage der Liege. Heute hatte sie ihren 90. Geburtstag gefeiert. Der Tag war für sie anstrengend gewesen. Alle waren gekommen, ihre Kinder, Enkel und Urenkel. Viele Gratulanten, der Oberbürgermeister und, und, und. Worüber sie sich aber am meisten gefreut hatte, war, dass sie ihren Neffen Carsten nach sehr langer Zeit mal wiedergesehen hatte. Sie gab zu, er sah aus wie ein Clochard, war eigenbrötlerisch und wortkarg. Wie immer hatte er seine Pfeife nicht einmal beim Sprechen aus dem Mund genommen. Aber er war der Einzige, der sie besuchte, weil es ihm ein Bedürfnis war. Nicht aus Mitleid, Neugier, Pflichtgefühl, oder um auf das Erbe zu spekulieren. Nein, er war empathisch, wirkte offen und entspannt. Und er konnte zuhören. Er war intelligent, bescheiden und hätte viel mehr aus sich machen können. Sein Ehrgeiz war nicht sehr ausgeprägt. Es schien ihm zu reichen, dass er in seinem Berufsleben nur als Kriminalbeamter dahindümpelte. Aber die alte Dame liebte ihn so, wie er war. Er hatte es nicht nötig, sich einzuschleimen. Er erwartete nichts von ihr. Carsten Kosinski genoss die kauzigen Kommentare der alten Dame, ihren Scharfsinn und die Erzählungen über die gute alte Zeit, die in Wirklichkeit gar nicht so gut war.

„Na, Frau Hallig, ganz schön anstrengend, so ein Geburtstag“, lachte eine junge Altenpflegerin, die gerade einen leeren Rollstuhl an ihr vorbei schob.

„Zum Glück dauert es bis zum nächsten runden Geburtstag wieder 10 Jahre“, lachte auch Frau Hallig.

Isolde Hallig mochte die junge Altenpflegerin. Noch ging sie in ihrem Beruf auf, wie Frau Hallig gerne zu sagen pflegte. Und die ihren Kindern oft von der netten Schwester Anja erzählte, die ihr den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich gestaltete. Noch war sie mit so viel Liebe und Geduld bei der Arbeit. Irgendwann würde das schon nachlassen. Zwangsläufig. Der Alltag und die Routine würden sie aufzehren und zu einem Roboter mutieren lassen, wie es bei vielen älteren Pflegerinnen der Fall war. Vielleicht waren sie auch einmal voller Elan gewesen. Jetzt hatten sich die Pflegerinnen einen Schutzpanzer zugelegt, einen gesunden Eigenschutz, um das Erlebte nicht mit nach Hause schleppen zu müssen, diese ganze Traurigkeit und das langsame Sterben der Bewohner. Noch war Anja jung. Aber die Zeit verging viel zu schnell.

Als Frau Hallig aufschaute, stand Anja plötzlich neben der Liege. Fröhlich zauberte sie eine Flasche Piccolo hinter ihrem Rücken hervor.

„Ein Piccolöchen wird Ihnen guttun. Zum richtigen Geburtstag gehört doch ein Sekt. Den ganzen Tag nur Säfte und Kaffee, das ist ja wie Walzertanzen ohne Musik.“ Sie kniff der alten Dame ein Auge zu.

„Ich darf doch keinen Alkohol trinken. Mein Herz ist schwach“, protestierte Isolde Hallig ohne Überzeugung.

„Zum Geburtstag sollte man aber anstoßen. Warten Sie, ich hole eben 2 Gläser aus der Küche. Ein Schlückchen für jeden ist doch gar nichts.“ Anja stellte die Flasche auf die Ablage neben der Liege und eilte davon.

Frau Hallig sah ihr nach. Auf den Sekt freute sie sich. Beim Geburtstagsempfang hatte sie nur mit Orangensaft angestoßen. Lächerlich. Sie wurde 90.

Sie musste wohl eingenickt sein und schreckte auf, als Anjas Schatten plötzlich auf sie fiel. Anja hielt das Fläschchen hoch und machte sich an dem Schraubverschluss zu schaffen. Die beiden Sektgläser standen bereits auf der Ablage.

„Hallo, Sie haben ja schon versucht die Flasch zu öffnen“, lachte sie. Isolde Hallig konnte sich nicht erinnern. Anja verteilte den Sekt auf die beiden Gläser. Dann setzte sie sich zu Isolde. Sie prosteten sich zu. Isolde bemerkte nicht, dass Anja keinen Schluck trank. Alkohol war im Stift für das Personal streng verboten. Es hätte sie ihre Stelle kosten können. Anja umarmte noch einmal das Geburtstagskind und goss das Glas hinter ihrem Rücken aus. Isolde genoss den prickelnden fruchtigen Geschmack auf ihrer Zunge. Sie fühlte sich leicht und unbeschwert. Sie hatte die Wirkung von Alkohol ganz vergessen. Wie angenehm. Man sollte sich öfter mal ein Fläschchen gönnen. Mit Carsten, ihrem Neffen, würde sie gerne ein Gläschen trinken, aber der war Diabetiker und durfte nicht. Sie gluckste vor sich hin.

Anja räumte schon die beiden Gläser und das Fläschchen zusammen. Für die persönliche Seite ließ der Pflegebetrieb kaum Zeit.

„Ich bringe mal eben die Gläser zurück und die Flasche in den Abfall“, sagte sie. „Soll ja keiner unsere Orgie mitbekommen. Ich komme gleich zurück und bringe Sie auf Ihr Zimmer.“

Isolde war das recht so. Sie wollte noch ein kleines Nickerchen halten und dann in ihre Wohnung. Ein ganz kleines Nickerchen. Ein ganz…

„Frau Hallig! Frau Hallig! Wachen Sie auf!“ Anja war in Panik. Sie fand Frau Hallig schneeweiß mit geschlossenen Augen in sich zusammen gesunken vor. Sie kramte in ihrem Kittel nach dem Handy und rief den Arzt an.

Dr. Beumer, der Hausarzt des eleganten Wohnstifts war in weniger als fünf Minuten da. Er fand die junge Altenpflegerin in Tränen aufgelöst vor.

„An den Anblick werden Sie sich noch gewöhnen müssen“, tröstete der ältere grauhaarige Mann zynisch.

„Ich habe doch gerade noch mit ihr geredet“, stammelte Anja. Sie dachte daran, dass sie eben noch der Frau einen Piccolo serviert hatte.

„Was hätte ihr Besseres passieren können? Sie war alt, konnte sich mehr erlauben als die meisten Menschen der Welt. Wohlstand im Alter. Wir beiden werden uns im Alter nicht so viel erlauben können. Und so alt muss man auch erst mal werden.“

„Aber so plötzlich…“, stammelte Anja. Die junge Frau sah den Arzt verstohlen an. Der alte Mann mit seinem schütteren grauen Haar und den markanten Lebenslinien in seinem verwitterten Gesicht sah so aus, als wenn er selbst schon den Aufnahmeantrag für das Wohnstift unterschrieben hatte. Aber wenn nicht einmal er das Geld für das Stift auf der hohen Kante hatte. Dann war das Stift wohl so exklusiv und so teuer, dass das benötigte Kapital nur mit einem 8-stelligen Taschenrechner zu errechnen war. Für die Reichen und Schönen eben. Und Schönheit definierte sich nur noch über den Reichtum, alles andere war schon lange nicht mehr da. Aber auch das Geld schwand mit jedem dort gelebten Tag der Bewohner dank eines ausgetüftelten Tarif- und Dienstleistungssystems des Heimträgers.

Der Arzt hatte sich über die Tote gebeugt und mit einer Taschenlampe die Pupillenreflexe überprüft, indem er das untere Augenlid herunterzog.

„Wäre es besser gewesen, sie hätte gelitten und ein langes Siechtum vor sich gehabt? Sie hat sich den besten Tag für ihren Abgang ausgewählt. Ihre ganze Familie war da. Sie hat alle wiedergesehen und konnte sich von allen verabschieden. Gönnen wir ihr den sanften Tod! Sie war schwer herzkrank. Menschen ohne Geld wären an ihrer Stelle schon viel eher an Herzrhythmusstörungen gestorben!“

Er steckte die Lampe in seine Tasche zurück. „Dann wollen wir mal die glücklichen Erben verständigen. Der Totenschein geht an die Heimleitung.“

2

Die Beerdigung auf dem Kettwiger Bergfriedhof verlief wie alle Beerdigungen in Kettwig. Stilvoll und trotzdem bescheiden. Der Sommer hatte sich mächtig ins Zeug gelegt. Der Wind wurde still, der Regen, der am frühen Morgen eingesetzt hatte, hörte auf. Die Sonne gab ihr Bestes, um sich durch die Wolken zu drängen und sich von der alten Dame zu verabschieden. Ihre Strahlen umspielten den Priester, als er rührende Worte zu der Trauergemeinde sprach, und einen dicken Mann mit rotblonden Haaren, als er den Kieselsteinweg hinaufstolperte und sich unter die Gruppe der Trauergäste mischte. Er verschaffte sich mühelos einen Platz neben Carsten Kosinski, dem Neffen der Verstorbenen, indem er seinen mächtigen Körper als Rammwalze einsetzte. Der routinierte Priester übersah die entstehende La-Ola-Welle und brachte seine Trostworte zu Ende.

„Mensch, Leo, du kommst wie immer zu spät“, knurrte Kosinski. Er hatte sich für den heutigen Tag in seinen feinen grauen Anzug geworfen. Der war zwar etwas älter und etwas knitterig, passte aber gerade deshalb hervorragend zu seinem Gesamtbild.

„Was heißt zu spät“, ächzte der dicke Liebig leise und wischte sich mit einem Kleenex den Schweiß aus dem Nacken. „Die Raue hat doch noch gar nicht angefangen.“

Liebig trug einen dunkelblauen Anzug. Das Sakko konnte er wegen seines prallen Bauches nicht schließen. Die schwarze Krawatte verhinderte einen Blick auf die Knopfleiste des weißen Hemdes und auf den weißen Bauch.

Kosinski hatte das Gefühl, dass er dem beleibten Kommissar in die Grube zu seiner Tante stoßen müsste. Leonardo wusste nicht, wie Empathie geschrieben wird und was sie bedeutet. Sein Mangel an Mitgefühl wurde erfolgreich durch ein hohes Maß an Taktlosigkeit ausgeglichen. Tugenden, die ihm vielleicht bei der Arbeit in den Leichensachen halfen, aber nicht gerade hilfreich waren, wenn es galt, Freundschaften zu pflegen.

Kosinski fühlte sich verloren. Wie ein Fremder unter all seinen entfernten Verwandten. Niemand kondolierte ihm, obwohl er seine alte Tante vielleicht am meisten vermisste. Mit ihr starb auch ein Teil seiner Kindheit. Sie war die einzige gewesen, die ihm noch erzählen konnte, was er als Kind so angestellt hatte. Ihre Schwester, seine Mutter, war leider vor kurzer Zeit gestorben, worunter Kosinski jetzt noch litt.

Kosinski hatte nicht gemerkt, dass der Priester seine Rede beendet hatte, bis ihn Liebig in die Seite stieß.

„Frühstück“, sagte Liebig gut gelaunt.

Ein Konvoi von teuren Automarken fuhr über die Ruhrbrücke in den Stadtteil Vor der Brücke, passierte an der August-Thyssen-Straße das Schloss Landsberg, bis er einige hundert Meter weiter auf das Gelände des Wasserschlosses Hugenpoet einbog. Kosinski parkte Liebigs Wagen in einer stillen Ecke des Parkplatzes weitab von den Luxuskarossen der anderen Beerdigungsteilnehmer. Liebig schälte sich aus dem Beifahrersitz heraus und streckte sich.

Hauptkommissar Leonard Liebig war Kosinskis Vorgesetzter und manchmal auch sein Freund. Sie arbeiteten zusammen, stritten sich viel, da jeder seine eigenen Vorstellungen vom Leben und seinen eigenen Rhythmus hatte. Liebig war ein Nachtmensch und kam morgens nur schwer, meistens gar nicht in die Gänge. Kosinski dagegen stand früh auf, und während Liebig noch in den Federn lag, hatte er sich bereits sein zweites oder drittes Pfeifchen angesteckt und ein halbes Dutzend Tageszeitungen durchgelesen, die Katze auf dem Schoß. Als ungleiches Team waren sie trotzdem unschlagbar. Sie ergänzten sich gegenseitig perfekt.

Liebig nahm das ergraute Backsteingemäuer mit den beiden hohen Schiefertürmen und dem barocken Mittelgiebel in Augenschein, während er sich zum wiederholten Mal mit einem Kleenex den Nacken trocknete.

„Weißt du auch, dass Paul Henckels hier gelebt hat und auch hier 1967 gestorben ist?“, fragte er.

„Wer ist Paul Henckels?“

„Der Schauspieler aus der Feuerzangenbowle. Professor Bömmel. Wenn ich mir überlege, dass er damals rein theoretisch bei mir in den Kinderwagen hineingeguckt haben könnte.“

„… und dann den tödlichen Schock erlitten hat.“

Die Trauergesellschaft hatte sich in dem zugewiesenen Parkrestaurant in zwei Gruppen aufgeteilt. Die vornehme Verwandtschaft saß in einer Traube auf der Türseite des Salons, bekannte Gesichter aus der örtlichen Politik hatten sich ihr zugesellt. Kosinski hielt sich von seiner verwandtschaftlichen Bagage fern. Die Bewohner und Mitarbeiter des Heims, und die alten Freunde der Verstorbenen verteilten sich, flankiert von Rollatoren und Rollstühlen, auf der anderen Seite des Raums. Anja, die junge Altenpflegerin, wieselte zwischen den alten Herrschaften hin und her, legte ihnen Servietten auf den Schoß, beugte sich zu ihnen herunter, sprach ihnen ins Ohr und sah ab und zu mit besorgtem Blick zu den Kriminalbeamten hinüber.

Als die Bedienung zierliche Suppennäpfe mit einer dampfenden gelben Flüssigkeit verteilte, hielt Leo sie am Armgelenk fest.

„Was esse ich da gerade?“

„Wir kredenzen Ihnen hier ein Safran-Schaumsüppchen mit Flusskrebsen.“

Liebig hielt den Napf arglos an den Mund und stürzte ihn herunter. Fast im selben Zeitpunkt bemerkte er, dass die Suppe heiß und sehr scharf gewürzt war. Er schreckte hoch und besprenkelte seine schwarze Krawatte mit gelben Flecken. Kosinski legte ihm eine Hand auf die Schulter und stand auf.

„Schwarz und Gelb. Das nenne ich mal ein Bekenntnis zu Borussia Dortmund. Warte, ich besorg dir schnell mal eine nasse Serviette.“

Als Kosinskis Platz frei wurde, hatte Liebig ungehinderte Sicht auf seine Nachbarn zur Seite. Zwei Stühle weiter ein gepflegter alter Herr, hochgewachsen, mit einem Caesar-Kopf und ziemlich vollem grauschwarzem Haar, das nur am linken Seitenscheitel etwas gelichtet war. Sein Cutaway Sakko mit längsgestreifter Hose und dezenter grauer Weste schien übertrieben für den Anlass. Nicht weniger übertrieben war das Outfit seiner deutlich jüngeren Partnerin neben ihm, die ein einfarbiges, aber tief ausgeschnittenes dunkles Oberteil trug und ihren Ausschnitt mit einem schwarzen Chiffon-Schal bedeckt hatte. Wie zufällig lag ihre schwarze Gürteltasche vor ihr neben dem Besteck, die Gürtelschnalle mit dem bekannten GG-Markenzeichen nach oben. Liebig hatte es nicht nötig, das Alter seines Tischnachbarn einzuschätzen. Er hatte nur kurz überlegen müssen, dann fiel ihm ein, mit welchem Zeitgenossen er zu tun hatte. Er hatte leider das Gedächtnis eines Elefanten.

„Leonardo Liebig, 30 Jahre alt, Kriminalhauptkommissar, Dienststelle in Essen-Mitte, mit der Angeklagten nicht verwandt und verschwägert.“

„Es ist schön, dass Sie wenigstens Ihr Alter wissen, junger Freund. Vom Verfahrensrecht scheinen Sie deutlich weniger Ahnung zu haben“, sagte der Mann hinter dem Richtertisch und sah ihn mit kalten Augen über seine Lesebrille hinweg an. Liebig hatte den Eindruck, dass er die Lesebrille nicht benötigte und sie lediglich für seine Showeinlagen einsetzte. Er wandte sich in Richtung der Anklage. „Ich denke, ich werde Ihre Aussage nicht brauchen, weil sie unbrauchbar ist.“

„Herr Vorsitzender“, wollte sich der junge Staatsanwalt melden, der aber von Richter Braun mit einem Handwinken zur Ruhe gebracht wurde.

„Wollen wir mal kurz schauen, ob ich wirklich so falsch mit Ihnen liege, Herr …“ Der Richter tat so, als habe er Liebigs Namen vergessen, und suchte in der vor ihm liegenden roten Ermittlungsakte herum, die Brille weit nach unten geschoben. Es wäre jetzt Liebigs Sache gewesen, seinen Namen zu nennen, aber Liebig verweigerte jede Hilfe.

Der Vorsitzende schob die Akte von sich weg. „Also, Liebig, Sie haben bei der Angeklagten eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Waren Sie dazu berechtigt?“

„Ich denke doch. Es gab einen Durchsuchungsbeschluss des Haftrichters.“

„So, so, gab es den? Ein Durchsuchungsbeschluss teilt dem Beschuldigten üblicherweise mit, welcher Anfangsverdacht gegen ihn besteht. Er ermächtigt die Behörde, die Beweismittel zu sichern, die den Anfangsverdacht erhärten könnten. Ist das richtig, junger Freund?“

„Das ist richtig. Aber ich habe den Beschluss nicht verfasst.“

„Es ist doch schön, Liebig, dass Sie Humor haben. Ich muss Ihnen gestehen, dass mir dieser Humor abgeht, wenn ich Ihren Bericht und dazu noch die Durchsuchungsbescheinigung durchlese.“

Der Richter lehnte sich weit über den Tisch. „Welchen Anfangsverdacht hat denn der Kollege in den Beschluss hineingeschrieben?“

„Wir haben damals den Verdacht gehabt, dass die Angeklagte an einem Einbruch in einen Juwelierladen hier nebenan in Rüttenscheid beteiligt war und sich zumindest als Hehlerin im Besitz der Beute befand, wenigstens von einem Teil.“

„Und so war auch der Durchsuchungsbefehl abgefasst? Sie sollten die in der Wohnung vermutete Beute als Beweismittel sicherstellen.“

„Richtig.“ Liebig wusste längst, worauf der Richter hinauswollte. Aber das konnte doch nicht wahr sein.

„Haben Sie denn irgendwelche Beutestücke bei der Hausdurchsuchung gefunden?“

„Nein, aber …“

Braun wischte seinen Einwand mit einer Handbewegung weg. „Nachdem Sie keine Beweismittel gefunden hatten, haben Sie sich also bei der jungen Dame entschuldigt und die Wohnung verlassen?“

Der Richter zeigte auf die Angeklagte. Sie war eine hübsche Blondine, 19 Jahre alt, wie Liebig aus den Akten wusste, mit dezent aufgespritzten Lippen, die sich zu einem spöttischen Lächeln geformt hatten. Liebig vermutete, dass die Blondine, die ihn so belustigt fixierte, genau wusste, was da vor sich ging.

„Wir hatten keinen Grund, die Wohnung zu verlassen. Es gab Anzeichen, dass die Angeklagte der Prostitution nachging. Ihre Wohnung in der Annastraße sah aus wie Kraut und Rüben, aber ihr Schlafzimmer war aufgemacht wie ein französisches Boudoir. Wir haben verschiedene einschlägige Gegenstände gefunden.“

„Wollen Sie wirklich sagen, dass Sie die Angeklagte wegen des Vorwurfs der Prostitution festgenommen haben?“

„Nein, das will ich nicht. Im Zusammenhang mit diesem Vorwurf haben wir bei der Einsichtnahme in verschiedene Unterlagen vor Ort festgestellt, dass die Angeklagte an dem Vertrieb von Drogen – Amphetamine, Metamphetamine, Kokain – im großen Stil beteiligt war. Das führte schließlich zu der Anklage hier.“

Braun schwieg einen Moment und schob seine Brille hoch und wieder runter.

„Liebig, haben Sie schon mal was von Verwertungsverboten im Strafrecht gehört? Alles, was Sie mir hier präsentieren, kann ich nicht verwerten, weil Sie sich nicht an Regeln gehalten haben. Die Hausdurchsuchung betraf ein Vermögensdelikt. Und wegen Ihrer Zufallsfunde sind wir jetzt bei den Betäubungsmitteln. Wissen Sie was? Ihre gesammelten Pamphlete sind leider total nutzlos. Hier haben Sie sie zurück.“

Braun warf seine rote Akte Liebig vor die Füße.

„Herr Vorsitzender“, sprang der Staatsanwalt auf.

Braun drohte mit dem Finger in seine Richtung. „Herr Kollege, was soll das? Sie werden jetzt der Einstellung des Verfahrens gegen diese junge Dame zustimmen, sonst gibt es einen glatten Freispruch.“

Liebig hatte lange unter dem Vorfall gelitten. Hatte sich bei seinem damaligen Vorgesetzten beklagt und Fragen gestellt, aber nur vorsichtige Antworten erhalten. Nein, Liebig müsse seine Arbeitsweise nicht umstellen, die meisten Richter würden solche Beweise zulassen. Und Liebig solle sich hüten, nach außen zu behaupten, dass Braun das Zimmer der Angeklagten aus eigener Anschauung kenne.

Irgendjemand trug ihm später zu, er habe Braun zu später Stunde mit einem sehr jungen Mädchen in der Ampütte gesehen. Aber Liebig leckte seine Wunden und unternahm nichts mehr.

Eine Hand legte sich auf Liebigs Schulter. Kosinski drückte ihm von hinten die nasse Serviette in die Hand. Es schien, als wenn er jeden einzelnen Gedankensplitter aus dem großen Schädel des Kommissars zusammengefügt hätte.

„Lass gut sein, Leo. Mach dir die Krawatte sauber, und dann gehen wir nach drüben. Ich muss noch mit meinen Verwandten ein paar Worte wechseln.“

„Ich hasse Beerdigungen“, murmelte Liebig. „Man wird zu Leuten eingeladen, die sich schon in der Holzkiste befinden, und kommt mit Leuten zusammen, die man sich in die Holzkiste wünscht.“

3

Gegen 22.00 Uhr saß Alfons Braun mit lang ausgestreckten Beinen auf der Couch in der Bibliothek des Bel Aire-Stiftes. Die Verwaltung hatte die Bibliothek sehr ordentlich mit Tageszeitungen und Magazinen ausgestattet. Wenn Braun am Vormittag keine Zeit zum Zeitungslesen fand, setzte er sich gerne noch am Abend, wenn alle anderen sich zurückgezogen hatten, zu den Zeitungen und informierte sich über die Tagesereignisse. Oder er holte sich ein gutes Buch aus den Regalen, um es ungestört zu lesen. Trotz seines Alters war er an dem Geschehen in der Welt immer noch sehr interessiert. Nachdem er die lästige Beerdigung hinter sich gebracht hatte, war er wieder rundum mit sich zufrieden. Seit 20 Jahren war er nun Pensionär. Er war viel gereist. Mit seiner Frau Uschi. Hatte das neue Leben genossen und seinem Richterdasein nicht eine Träne nachgeweint. Mit 65 war damals Schluss, dann wurden die Richter „vor die Tür gesetzt“. Zu alt, um noch Recht sprechen zu können. Eine stupide amtlich festgeschriebene Grenze ohne Ansehen der Person. Ab einer bestimmten Altersgrenze bist du ausgemustert. Braun hätte noch die Möglichkeit gehabt, als Anwalt zu arbeiten. Anwalt kann man bis zum Tod bleiben. Da kann man auch nix kaputt machen. Für Braun war das nicht in Frage gekommen. Als Richter hatte er die Macht geliebt, die ihm sein Amt vermittelte, die Möglichkeit, junge Menschen, die als Angeklagte vor seinem Richtertisch standen, durch geeignete Strafen zu formen und auf sie für das weitere Leben einzuwirken, aber auch Zuspruch zu geben und in besonderen Fällen Milde walten zu lassen. Auch wenn er nach der Pensionierung neue Aufgaben und eine neue Zufriedenheit gefunden hatte, konnte er nicht verstehen, dass seinem Wirken durch die Altersgrenze ein Ende gesetzt worden war. Er hatte einen Freund, der Chirurg war. Zugegeben, etwas jünger als er. Wie war das aber möglich, dass er noch in Arbeit stand? Warum dürfen Ärzte in Deutschland bis zum Knockdown arbeiten? Braun war ein vorsichtiger Mensch. Er hatte immer ein Schreiben in seiner Notfalltasche, in dem er darum bat, im Notfall das Krankenhaus mit seinem alten Freund zu meiden.

Braun hatte sich bestens in seine neue Lebenssituation eingefunden. Die Seniorenresidenz, in der er lebte, das Bel Aire Wohnstift in Essen-Kettwig oberhalb des Stausees, war zwar sündhaft teuer, aber er konnte sich das Wohnen und die vielen zusätzlich berechneten Leistungen des Stifts mühelos erlauben. Als er noch in Amt und Würden war, hatte er sich zur rechten Zeit mit ein paar mutigen Transaktionen ein schönes Aktienpolster besorgt und dabei von den Tipps des Vaters eines Angeklagten profitiert. Zu Beginn der Pensionszeit konnte er sich zusammen mit Uschi alle seine Träume verwirklichen. Er war mit ihr mehrmals um den Globus gereist, hatte sich jede Kreuzfahrt gegönnt. Dann hatte sich sein Leben schlagartig verändert. Uschi, die so viel jünger war als er, baute geistig ab. Schlimmer noch, sie wurde unansehnlich und fett. Alfons schämte sich für sie, bekannte sich aber nach außen weiterhin zu ihr und erntete das Bedauern und die Anerkennung seiner Umgebung. Von den Kindern kam keine Anerkennung. Als Uschi später ihre eigenen Kinder nicht mehr erkannte und sie ratlos ansah, als wenn sie ihr fremd wären, zögerten sie die Besuche hinaus. Es war eine schlimme Zeit für Braun, der zum Schluss mehr Kontakt zu der jungen Pflegerin hatte als zu den Kindern. Nur manchmal kam der kleine Max noch, das Enkelkind, wenn er nicht anderweitig unterzubringen war. Damals war die kleine Eva noch nicht geplant gewesen. Dieses langsame Ausklinken und die seltenen Besuche wollte und konnte Braun ihnen nicht verzeihen. Auch seine kinderlose Tochter hatte ihre Eltern kaum noch besucht. Angeblich war sie mit ihrem kranken Mann überbelastet gewesen.

Eines Tages lag Uschi dann tot in ihrem Bett. Die Kinder, die über die häuslichen Zustände kaum Bescheid wussten, zeigten sich über den frühen Tod der Mutter erschüttert. Aber der von Braun herbeigerufene Dr. Metz, der befreundete Chefarzt, erzählte nach einem kurzen Blick auf die Tote etwas von altersangepasster Mortalität der Demenzpatientin und vermerkte auf dem Totenschein „Herzversagen“. Starb letztlich nicht jeder an Herzversagen? Da konnte man nichts falsch machen.

Für Braun war eine Schranke gefallen. Er lebte exzessiv, verbrachte Urlaube mit wechselnden Partnerinnen und reiste zu Veranstaltungen an verschiedene Hotspots der Welt. Irgendwann war er fast erleichtert, als ihn sein Freund Dr. Metz nach einem EKG bedenklich anguckte und meinte, dass er zur Ruhe kommen müsste, sonst drohe die ewige Ruhe. Er kaufte sich eine stilvolle Wohnung im Stift, residierte wie ein Pascha und gefährdete mit seinen über 80 Jahren die Unschuld des weiblichen Personals und seiner Bewohnerinnen. Eine junge Frau wie Anja mit ihrer imponierenden Oberweite und dem enganliegenden Kittel passte zwar in sein Programm, aber er war zu flexibel, um ihre deutliche Ablehnung nicht zu übersehen. Wenn er wie zufällig seine Hand auf ihre legte, zog sie die Hand schnell zurück. Wenn er ihr zu nah kam, drehte sie den Kopf weg. Das Stift hielt andere Gelegenheiten für ihn bereit. Hier in der Bibliothek hatte er sie entdeckt. Eine hübsche Frau, knapp über 70 mit einer lustigen Kurzhaarfrisur. Sie war schlank, sportlich gekleidet und wirkte recht gebildet. Ihr kluges Gesicht, das sich ihm aufmerksam zuwandte, hätte aus einem Bildbearbeitungsprogramm stammen können. Er hatte auf die Illustrierte geschielt, die sie gerade las. Ein Golfmagazin. Passte.

Damals hatte er sich innerlich ermahnt, auf seine üblichen Anmachfloskeln zu verzichten, war hochkonzentriert, als er sie ansprach, war charmant, deutete sein Wissen an, ohne es auszukotzen, deutete seine Vermögensverhältnisse an, ohne zu prahlen, und hatte es nach kurzer Zeit geschafft, dass sie sich zum Essen verabredeten. Diese erste Begegnung war jetzt schon einige Zeit her. Das Essen war großartig verlaufen, der anschließende Sex auch.

Inzwischen war der übereinstimmende Wunsch entstanden, innerhalb des Stifts in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Selbst die Pressesprecherin der Bel Aire-Gruppe war auf das elegante Paar aufmerksam geworden und stellte Fotos und ein Interview in den Internetauftritt des Heims. Glück im Alter. Braun stand der Pressekampagne zwar misstrauisch gegenüber, ließ aber das Theater zu, weil er merkte, dass Hannelore Gefallen daran fand.

Manchmal waren die Kinder zu Besuch, öfter als damals, als er sich noch um Uschi und ihre Demenz zu kümmern hatte. Sie beobachteten seine Kontakte zu Hannelore mit Skepsis und sahen Gefahren für ihr späteres Erbe. „Vater, denk an Mutter. Du kannst sie doch jetzt nicht verraten.“ Er gab keine Antworten und dachte daran, dass Hannelore ihm das bot, was er von Uschi über viele Jahre nicht erhalten hatte und was er sich anderweitig holen musste. Er dachte an Anjas feste Brüste und beschloss, Hannelore bei nächster Gelegenheit ein paar neue Brüste zu schenken. Einen Schönheitschirurgen kannte er schon.

4

Gegen 22.05 Uhr klingelte die Schwester Claudia Lindner an der Tür der Bewohnerin Gerda Miller an. Dies war die Zeit, die sie später gegenüber der Polizei bestätigen würde.

„Guten Abend, Frau Miller. Ich bringe Ihnen Ihren Tee.“ Die etwas rundliche Schwester stellte die Teekanne auf ein Stövchen, das sich in der Mitte eines antiken Mahagonitischchens befand.

„Hoffentlich ist der Tee nicht so kalt wie beim letzten Mal“, meckerte die alte Frau schon mal prophylaktisch.

Die Pflegerin schob ihr den Stuhl zurecht und antwortete nicht. Sie arbeitete schon seit 30 Jahren hier im Haus und hatte Routine im Umgang mit alten Menschen. Die meisten waren auch sehr freundlich und dankbar. Frau Miller gehörte allerdings nicht zu ihnen. Vielleicht litt sie darunter, dass ihr einziges Kind, ein katholischer Priester, sie nur selten besuchen konnte. Er lebte in Ruanda. Er kam nur noch nach Kettwig, um Spenden für seine Projekte in Kibuye zu sammeln. Eine Kirche war bereits gebaut, ein Krankenhaus war in Planung. Frau Miller erzählte oft davon, aber gleichzeitig war ihre Missbilligung herauszuhören, dass der Sohn weit weg von ihr in ein für sie unerreichbares Land gezogen war, und dass er dann auch noch einen Teil des Familienvermögens für soziale Zwecke verschwendete. Die Familie ihres verstorbenen Mannes war schon seit Generationen im Fleischhandel marktführend, besaß Schlachthöfe in Europa, Brasilien und Namibia und Anteile an Schlachtbetrieben in der ganzen Welt, um die sich jetzt der Sohn ihrer Schwester kümmerte. Gerda Miller hatte sich das Bel Aire sehr gezielt ausgesucht, nachdem sie erkannt hatte, dass sie von ihrem Sohn keine Fürsorge zu erwarten hatte. Was er ihr an Aufmerksamkeit nicht geben konnte, ersetzte die Aufmerksamkeit des Hauses. Frau Miller hätte jeden Tag ihren Champagner schlürfen können. Es war aber für sie eine größere Befriedigung, das Personal im Haus zu tyrannisieren. Obwohl jede Leistung gesondert bezahlt werden musste, ließ sie es sich nicht nehmen, ständig mögliche und unmögliche Anforderungen zu stellen. Das Personal war überfordert. Auch im Bel Aire gab es Pflegenotstände. Was an Personal vorhanden war, machte einen weiten Bogen um das Apartment der reichsten Bewohnerin des Stifts. Frau Lindner, die Pflegerin, war die Einzige, die sich in ihrer Schicht um die alte Dame kümmerte. Sie war ruhig und ausgeglichen.

„Bringen Sie mich mal eben ins Bett. Ich will schlafen“, forderte Frau Miller sie auf.

„Wollen Sie nicht zuerst Ihren Tee trinken?“

„Haben Sie keine Ohren? Die Plörre trinke ich sowieso nicht. Die können Sie wegkippen“, zischte sie.

„Sie haben ja noch gar nicht probiert“, wagte Frau Lindner einen schwachen Versuch.

„Ich will ins Bett!!!“, zeterte die Alte.

Frau Lindner seufzte: „Wie Sie wünschen.“

Wie konnte diese Frau nur ein so uneigennütziges Kind haben? Wahrscheinlich hatte sie für den Sohn als abschreckendes Beispiel gedient. Und der Sohn hatte sich dafür entschieden, den allergrößten Abstand zu seiner Mutter zu halten, weit weg von ihr. Vielleicht war sie aber früher auch einmal ein ganz anderer Mensch gewesen. Eine liebevolle Mutter, die ihren Sohn verloren hatte, jetzt verbittert und hart. Frau Lindner hatte keine Zeit mehr sich Gedanken zu machen. Der nächste Bewohner forderte sein Recht.

Der Hausmeister Konstantin Katseros, von den Kollegen kurz Katze genannt, schlurfte am späten Abend durch das Stift. Er gehörte nicht zum Sicherheitspersonal, musste aber die Sicherheitsschecks machen, musste nachschauen, ob die Brandschutztüren geschlossen und nicht verkeilt waren, ob keine Fenster aufstanden, ob die Feuerlöscher an Ort und Stelle waren, ob die Brandwarnanlagen funktionierten. War alles mit einem kurzen Blick zu prüfen. Nichts, was ihn überforderte, aber doch eine wichtige Aufgabe, wie der gedrungene Mann mit der großen Stirnglatze meinte. Die Public Rooms wie die Bibliothek sollten nach 24:00 Uhr nicht mehr benutzt werden. Das sollte wohl bewirken, dass sich die Promiskuität unter den alten Leuten auf den privaten Wohnbereich beschränkte. Katze erzählte sehr gerne davon, was er schon an den unmöglichsten Aufenthaltsorten beobachtet hatte. Gleichen Zwecken diente die Anordnung, dass nachts alle Türen geschlossen waren. Wie in jedem guten Hotel, musste man, wenn es einmal später wurde, am Empfang vorbeigehen. Das hatte manche männlichen Bewohner allerdings nicht davon abgehalten, das Gebäude in Begleitung einer Escortdame zu betreten. Auch Alfons Braun hatte früher dazugehört, konnte es sich jetzt aber nicht mehr erlauben. Die Tür zur Bibliothek war halb geöffnet. Katze bemerkte, dass in der Bibliothek noch das Licht brannte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass hier ein lesefreudiger Mensch über seiner Zeitung eingeschlafen war.

Als Katze versuchte, die Tür weiter aufzudrücken, stieß er auf einen Widerstand. Er ging vorsichtig einen Schritt in die Bibliothek hinein. Er sah, dass die Terrassentür auf der anderen Seite geöffnet war und die Nacht schwarz und drohend hereinblickte. Er bemerkte, dass die Stehlampe neben der Couch eingeschaltet war und der Lampenschirm den Oberkörper eines Mannes abdeckte, der irgendwie sehr gekrümmt und unbeweglich auf der Couch zu sitzen schien. Er hielt den Griff der Bibliothekstür in Händen, ging vorsichtig einen weiteren Schritt in den Raum hinein und sah um die Tür herum. Als Erstes merkte er, dass er mit beiden Füßen in einer Blutlache stand. Dann sah er hinter der Tür etwas, das vor Kurzem noch ein Mensch gewesen war und dessen Morgenmantel schwarz vor Blut war. Seine entsetzten Augen wandten sich rasend schnell ab und wanderten in die Mitte des Raumes. Was er dort sah, ließ sein eigenes Blut erstarren. Er schrie wie wahnsinnig. Seine blutigen Fußspuren und seine Schreie begleiteten ihn bis in die Empfangshalle.

Der Anruf des Mitarbeiters am Empfang erreichte die Polizeidienststelle Essen-Mitte um 0.45 Uhr.

5

„Mann, Mann, Mann. Das ist tierisch, unmenschlich, widerlich.“ Liebig schüttelte den Kopf. Er war bei der Mordkommission schon einiges gewohnt, aber dieser Anblick übertraf alles, was er bisher gesehen hatte. Kosinski hielt die Pfeife so fest in seiner Hand, dass die Fingergelenke weiß hervorstachen. Sie standen in dem kleinen Park vor der Terrassentür und ließen soeben die letzten Mitarbeiter der Spurensicherung aus der Bibliothek heraus. Die Männer in den weißen Plastikoveralls defilierten an ihnen vorbei und nickten ihnen zu, als würden sie ihnen ein kurzes Beileid an einem offenen Grab ausrichten. Draußen legten sie ihre Koffer und Geräte ab und zogen sich ihre Einweghandschuhe von den Händen und die Überziehschuhe von den Füßen. Sie stellten sich in einer schweigenden Gruppe zusammen und holten ihre Zigaretten heraus. Keiner von ihnen war mehr Nichtraucher. Die Stiftsverwaltung hatte die Kommissare darum gebeten, den Zugang über den Empfang zu meiden und den Tatort über das Parkgelände zu betreten, damit die älteren Bewohner nicht allzu sehr erschreckt würden. Der Vorfall selbst war gar nicht mehr zu verheimlichen.

„Können wir jetzt rein“, fragte er zu den Leuten von der SpuSi rüber. Einer aus der Gruppe hob den rechten Daumen, ohne sich zu ihm umzudrehen.

Ein junger blasser Beamter, Inspektor Knappmann, wankte auf Liebig zu. Er hatte noch etwas Erbrochenes im Mundwinkel.

„Der Hausmeister hat die beiden gefunden. Heißt Konstantin Katseros. Er weigert sich hierherzukommen. Er befindet sich auf der Krankenstation und wird psychologisch betreut.“

Liebig hatte bereits seinen Schutzanzug angelegt. Die Spuren waren zwar schon gesichert, aber er wusste, dass er gleich mit unangenehmen Flüssigkeiten und Feststoffen in Berührung kommen würde.

„Dann wollen wir mal“, seufzte Liebig und betrat den Bibliotheksraum mit Kosinski und Knappmann im Gefolge. Der Raum war durch die von den Kollegen installierten Scheinwerfer hell ausgeleuchtet. In diesem Licht wirkte die Szenerie, die sich vor ihnen auftat, so unwirklich wie eine präzise inszenierte Horror-Sektion in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett. Dr. Halfmann, der Gerichtsmediziner, hockte gegenüber in einer Ecke hinter der Tür, über einem blutverklebten Bündel gebeugt, aus dem ein nacktes Bein herausragte. Der knochige Fuß mit den vielen blauen Äderungen und dunklen Altersflecken hatte den Hausschuh verloren, der einen halben Meter entfernt lag. Als Liebig mit seinem Gefolge eintrat, hatte Halfmann sich weder aufgerichtet noch umgedreht.

Liebig sprach ihn nicht an, sondern wandte sich der makabren Szene zu, die sich ihm in der Mitte des Raums bot. Auf der Couch zwischen zwei Leuchten saß ein schmaler Mann im eleganten Anzug, die Arme schlaff nach unten. Etwas gekrümmt, als würde er gleich von der Couch sinken. Der Anzug und die Flächen der Couch waren blutgetränkt. Der Hals des Mannes endete in einer glatten blutverkrusteten Schnittfläche mit leichten Hautausfransungen und einem ebenfalls glatten Schnitt der Wirbelsäule. Dem Mann war der Kopf abgeschlagen worden. Hinter der Couch war das Blut bis zu den Bücherregalen hochgekrochen und hatte sich auf die Bücher ergossen.

Vor dem Torso stand ein Tischchen, ein Buch lag darauf mit aufgeschlagenen Seiten. Liebig fiel auf, dass es merkwürdigerweise nicht blutbesudelt war. Es sah sauber und frisch aus, wie untergeschoben. Dahinter befand sich eine Doppelwaage mit zwei Waagschalen. Der abgeschlagene Kopf hatte eine der beiden Schalen abgesenkt. Seine Augen waren geschlossen, der Mund war leicht höhnisch geöffnet. Die Kopfrichtung war nach oben gerichtet, als hätte der Ermordete seinen Mörder zuletzt noch verächtlich angeschaut. Das Blut um die Waage bildete eine rote Samtmatte.

„Wer sind die beiden?“, wollte Liebig von Knappmann wissen.

Knappmann zückte seinen Notizblock, fast froh darüber, dass er seinen Blick von dem Geschehen ablenken konnte.

„Gerda Miller. Eine Bewohnerin aus der 2. Etage von Haus 2. Alter 88 Jahre. Wohnt seit 10 Jahren hier im Stift. Noch sehr fit.“ Knappmanns Stimme wirkte brüchig.

Liebig beugte sich von der Tischseite über die Waagschale. „Und der Mann?“

„Alfons Braun. Aus Haus 3. Alter 85 Jahre. Ein richtiger Playboy. Pensionierter Richter. Sollte demnächst an die Kette gelegt werden von einer …“

„Alfons Braun“, schrie Liebig. „Ich werde verrückt. Mann, Mann, Mann, ich habe ihn nicht erkannt.“

„Wie solltest du auch, ohne Kopf.“ Kosinskis zaghafter Witz verhallte im Unverständnis.

Liebig blickte entsetzt auf den abgetrennten Kopf. Wie hätte er auch in diesem verunstalteten Körper den Richter a.D. erkennen können?

„Mensch, Kosinski, den haben wir noch gestern auf der Beerdigung von deiner Tante gesehen. Den muss aber jemand sehr gehasst haben.“

„Als Richter macht man sich immer viele Feinde. Das ist doch wie bei dir, Leo. Viele Freunde hast du dir in deinem Leben auch nicht erworben“, erklärte Kosinski.

„Die Gerechten haben es in Deutschland schwer. Aber der Mann ist doch schon seit mindestens 20 Jahren pensioniert.“

Kosinski knurrte: „Als du ihn gestern gesehen hast, hättest du ihn nach meinem Eindruck fast erschlagen. Er war mal ein harter Hund. Und er hat mit Sicherheit einige von deinen erwischten Mördern für mindestens 20 Jahre in den Knast gebracht. Die könnten jetzt entlassen worden sein und sich rächen.“

„Er war doch Jugendstrafrichter. Da wird niemand für 20 Jahre in den Knast gesteckt. Bei Mord geht die Höchststrafe vor der Jugendstrafkammer auf zehn Jahre. Passt also nicht.“

„Trotzdem sollten wir den Gedanken nicht zu schnell verwerfen, dass sein Tod etwas mit seiner früheren Richtertätigkeit zu tun hat.“

„Natürlich nicht“, sagte Liebig. „Wir müssen uns mit einem Symbolmord befassen. Die Waage, das Buch, die Hinrichtung. Alles Anspielungen auf die Richtertätigkeit.“

„Der Richter und sein Henker. Alles ist genau umgekehrt. Braun war der Angeklagte, sein Mörder war der Richter und der Vollstrecker. Vielleicht sollten wir die Einschaltung eines Profilers beantragen.“

„Mann, Mann, Mann. Da versucht einer, uns mit dem Holzhammer den von ihm verübten Mord zu erklären. Und du willst dafür noch einen Profiler hinzuziehen. Warten wir erstmal ab.“ Liebig war kein Freund von größeren Arbeitsgruppen und speziell von Sonderkommissionen. Da er einige Erfolge mit seinen früheren Ermittlungsarbeiten aufzuweisen hatte, ließ man ihn gewähren.

„Mach dir das nicht so einfach! Wie passt die Frau ins Bild hinein? Warum wurde sie ermordet?“

„Zur falschen Zeit am falschen Ort. Wahrscheinlich hat sie den Mörder gesehen, oder bei der Tat überrascht“, mutmaßte Liebig.

Der Gerichtsmediziner Dr. Halfmann, hatte sich bisher wie unbeteiligt an dem Körper der toten Frau aufgehalten. Jetzt richtete er sich auf und blickte Liebig an. „Herr Kollege, wollen Sie jetzt schon den Mord vor Ort klären? Oder können Sie so lange warten, bis meine Ergebnisse vorliegen?“

„Ihre Ausführungen sind uns immer willkommen und sicherlich hilfreich und weiterführend“, umschmeichelte ihn Kosinski.

„Und gleich werden Sie uns sagen, dass Sie Näheres erst nach der Obduktion sagen können“, murrte Liebig.

„Ein paar Details könnte ich jetzt schon zur Aufklärung beitragen“, sagte Dr. Halfmann. „Wir haben es mit einer Frau in einem älteren Lebensabschnitt zu tun. Bekleidet in einem Nachthemd und einem Morgenmantel. Ihr wurde die Arteria carotis, die Halsschlagader, durchtrennt. Die Halsschlagader zweigt von der Hauptschlagader ab, die minütlich etwa 5 Liter Blut transportiert. Das erklärt den großen Blutverlust und damit auch die große Schweinerei hier. Das Opfer hat einen recht gnädigen Tod erlitten. Infolge des Blutverlustes arbeitet das Gehirn nicht mehr. Nach Eintritt der Bewusstlosigkeit ist die Sterbephase eingeleitet worden.“

„Noch etwas?“

„Ich mache auf den Langdolch aufmerksam, der sich neben der Leiche befindet. Ich mache ihn zwanglos für die tödliche Verletzung des Opfers verantwortlich. Wie Sie schon sagten, kann ich Ihnen die letzte Sicherheit erst nach der Obduktion verschaffen.“

Liebig trat näher an die Leiche heran. Auf der abgewandten Seite lag fast verdeckt eine schwertartige Stichwaffe mit einer zweischneidigen scharfen Klinge und einem schlichten Kunststoffgriff, insgesamt vielleicht einen halben Meter lang. Die Klinge war schwarz von Blut.

„Okay“, sagte Kosinski. „Da haben wir ja alle Symbole beisammen, die auf eine Szene im Schatten der Justitia hindeuten. Waage, Schwert und Gerichtsbuch. Und wir können rekonstruieren, dass der Mörder gerade mit der Leiche des Richters zu tun hatte, als die alte Dame auftauchte.“

„Richtig, wenn sich das Schwert bei ihrer Leiche befindet, muss der Mörder den Richter vorher mit dem Schwert bearbeitet haben.“

„Oder er hat das Schwert nachträglich zu ihr hingetragen. Aber was ergäbe das für einen Sinn?“

An der Terrassentür gab es Geräusche. Ein Mann im Plastikschutzanzug sah hinein. „Okay“, sagte Dr. Halfmann. „Wenn Sie keine Fragen mehr haben, könnte ich die beiden Leichen jetzt von meinen Mitarbeitern in die Gerichtsmedizin abholen lassen. Danach kann die Spurensicherung die Asservate einsammeln.“

6

Im Terrassenbereich zogen sie ihre Schutzanzüge aus und warfen sie in einen Kunststoffsack. Kosinski holte seine Pfeife hervor und steckte sie zwischen die Zähne. Er merkte, dass Knappmann sichtbar angeschlagen war. „Du siehst etwas grün aus, Knappmann“, sagte er. „Hau dich erst mal hin. Und geh danach mal zum Vertragsarzt. Wenn du wieder besser auf dem Damm bist, kannst du hier mal durch die Wohnungen gehen und die Bewohner interviewen. Vielleicht kriegst du ja auch raus, woher die Waage und das Schwert stammen.“

„Lass die Pfeife stecken.“ Liebig legte seinem Kollegen die Hand auf die Schulter. „Wir beide befragen jetzt mal die zuständigen Nachtschwestern, bevor sie ihren Dienst beendet haben.“

Inzwischen hatte die Morgendämmerung eingesetzt. Das erste Frühlicht tastete sich so vorsichtig in den abgegrenzten Teil des Parks, als habe es Sorge, mit den blutigen Machenschaften der Nacht in Berührung zu kommen.

Liebig fragte an der Rezeption nach dem Schwesternzimmer. Der Rezeptionist wies ihm mit dezenter Stimme den Weg. Erdgeschoss, 2. Haus, hinter dem Fahrstuhl.

Eine junge Nachtschwester mit kurzen brünetten Haaren saß vor dem Display eines Computers. Sie hatte die Arme auf dem Computertisch abgestützt und die Hände vor ihr Gesicht geschoben. Eine ältere korpulente Schwester stand hinter ihr und streichelte tröstend ihre Schulter. Als die beiden Kommissare eintraten, drehte sich die Nachtschwester auf ihrem Stuhl zu ihnen herum. Ihre Augen waren verweint.

„Sie wissen also schon?“, fragte Kosinski.

Frau Lindner, die ältere Nachtschwester, sah kurz zu ihm herüber. „Alichanov vom Empfang. Und dann hat uns auch die Geschäftsleitung schon ein paar Verhaltensregeln gegeben.“

Liebig beugte sich etwas zur Schwester herunter. „Meinen Sie, dass Sie uns schon ein paar Auskünfte geben könnten, Schwester?“

Er wartete die Antwort nicht ab, sondern stellte seine Fragen. „Sie kennen die verstorbene Bewohnerin Miller wohl persönlich. Wann haben Sie Frau Miller zuletzt gesehen?“

„Das war gegen 22.00 Uhr. Ich habe ihr wie jeden Abend vor dem Zubettgehen den Tee gebracht.“

„Haben Sie Frau Miller ins Bett geholfen? Ist sie wirklich zu Bett gegangen?“

„Sie hat ihren Tee verweigert und darauf bestanden, sofort ins Bett