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In "Dickens-Klassiker" versammelt der Leser die ausgefeilten Erzählungen und sozialen Kommentare des Meisterromanciers Charles Dickens, der im viktorianischen England lebte. Die Werke zeichnen sich durch ihren lebendigen Stil, die vielschichtigen Charaktere und die scharfsinnige Analyse der gesellschaftlichen Missstände dieser Zeit aus. Dickens gelingt es, die verschiedenen Schichten der britischen Gesellschaft durch eindringliche Beschreibungen und packende Geschichten lebendig zu machen, wodurch er den Leser nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Themen wie Armut, Kindheit und die Suche nach sozialer Gerechtigkeit durchziehen seine Erzählungen und lassen sie auch heute noch relevant erscheinen. Charles Dickens, ein herausragender Vertreter der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts, erlebte selbst die Entbehrungen seiner Kindheit, was seine Werke stark prägte. Geboren 1812 als Sohn eines gering verdienenden Beamten, wusste er aus erster Hand, wie die Verhältnisse der unteren Klassen aussahen. Seine persönlichen Erfahrungen und sein unermüdlicher Einsatz für soziale Reformen spiegeln sich in seinen Geschichten wider und machen ihn zu einer Stimme der Ungehörten. Das "Dickens-Klassiker"-Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich für Literatur und Sozialgeschichte interessieren. Es bietet nicht nur unterhaltsame Geschichten, sondern auch einen tiefen Einblick in die moralischen und ethischen Fragen des 19. Jahrhunderts. Durch die Kombination von Spannung und gesellschaftskritischen Themen ermutigt Dickens die Leser, ihre eigenen Werte zu hinterfragen und aktiv zu werden. Ein wahres Meisterwerk, das in keiner Bibliothek fehlen sollte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung lädt dazu ein, Charles Dickens in seiner ganzen erzählerischen Spannweite neu zu entdecken. Unter dem Titel „Dickens-Klassiker: Doktor Marigold, Oliver Twist, Klein-Dorrit, Der Weihnachtsabend, David Copperfield, Der Kampf des Lebens und viel mehr“ vereint sie bedeutende Romane, Weihnachtsbücher und kürzere Erzählungen. Der Umfang ist bewusst breit gefasst: von groß angelegten Lebens- und Gesellschaftspanoramen bis zu kompakten moralischen und festlichen Geschichten. Zweck dieser Zusammenstellung ist es, zentrale Facetten von Dickens’ Werk zugänglich zu machen und zugleich die verbindenden Themen sichtbar zu halten, die sein Schreiben geprägt haben: Mitgefühl, Gerechtigkeit, Humor und die unerschütterliche Würde des Einzelnen.
Im Einzelnen umfasst der Band: Der Weihnachtsabend, Oliver Twist, Klein-Dorrit, David Copperfield, Das Heimchen am Herde, Der Kampf des Lebens, Die Silvester-Glocken, Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste, Die Geschichte des Schuljungen, Doktor Marigold, Mrs. Lirripers Fremdenpension und Die Geschichte des armen Verwandten. Die Auswahl vereint vollständige Romane mit repräsentativen Erzählungen und Novellen, die in Dickens’ Zeit große Resonanz fanden und bis heute zu seinen beliebtesten Texten zählen. So ergibt sich ein konzentrierter Überblick über seine wichtigsten Stoffe, Figurenkonstellationen und erzählerischen Verfahren in unterschiedlichen Längen und Tonlagen.
Die Sammlung bildet mehrere Textsorten ab: der Roman als weit ausgreifende Form (Oliver Twist, David Copperfield, Klein-Dorrit), die Weihnachtsbücher als erzählerische Novellen mit moralisch-symbolischer Zuspitzung (Der Weihnachtsabend, Die Silvester-Glocken, Das Heimchen am Herde, Der Kampf des Lebens, Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste) sowie kürzere Erzählungen und Rahmenstücke (Doktor Marigold, Mrs. Lirripers Fremdenpension, Die Geschichte des armen Verwandten, Die Geschichte des Schuljungen). Viele dieser Texte erschienen ursprünglich in Fortsetzungen oder als besondere Jahresendpublikationen und entfalten dadurch eine eigene Dramaturgie, die auf Spannung, Wiedererkennbarkeit und Verdichtung setzt.
Dickens’ Romane in diesem Band zeigen sein Gespür für soziale Brennpunkte und für die formende Kraft von Herkunft und Kindheit. Oliver Twist setzt bei einem Waisenknaben ein, dessen Weg ihn ins Herz öffentlicher Fürsorge und städtischer Schatten führt. David Copperfield erzählt die Entwicklung eines Jungen zum Erzähler seines eigenen Lebens. Klein-Dorrit richtet den Blick auf die Verstrickungen von Familie, Armut und Amtswesen. Diese Ausgangssituationen bilden den Resonanzraum für Fragen nach Selbstbehauptung, Loyalität und dem Recht des Menschen auf ein würdiges Dasein inmitten hartnäckiger gesellschaftlicher Schranken.
Die Weihnachtsbücher bündeln Dickens’ Sinn für das Fest als moralische und emotionale Gegenzeit. In Der Weihnachtsabend tritt der Gedanke von Besinnung, Gemeinschaft und Wandel in einer klaren, einprägsamen Handlung hervor. Die Silvester-Glocken entfalten die Symbolik von Zeit und Aufbruch, Das Heimchen am Herde feiert häusliche Wärme, Der Kampf des Lebens variiert Motive von Konflikt und Versöhnung, und Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste spielt mit Erinnerung und ihrer Last. Diese Novellen verbinden Alltagsnähe mit poetischer Verdichtung und weiten den Blick auf menschliche Möglichkeiten der Erneuerung ohne belehrend zu wirken.
Die kürzeren Erzählungen eröffnen weitere Tonlagen und Perspektiven. Doktor Marigold gibt einer reisenden Händlerfigur Stimme und Würde und zeigt, wie nah Beobachtung und Mitgefühl beieinanderliegen. Mrs. Lirripers Fremdenpension führt in einen Mikrokosmos aus Gästen, Geschichten und sozialen Reibungen. Die Geschichte des armen Verwandten wie auch Die Geschichte des Schuljungen knüpfen an die Tradition von Rahmen- und Binnenerzählungen an, wie sie Dickens in festlichen Sonderausgaben und Zeitschriften pflegte. Stets werden Einzelschicksale exemplarisch, ohne ihre Eigenart dem moralischen Anliegen zu opfern.
Stilistisch zeichnet Dickens eine unverwechselbare Mischung aus Witz, Pathos und genauer Milieustudie aus. Karikaturhaft zugespitzte Figuren treten neben leise gezeichnete Charaktere; sprechende Namen, wiederkehrende Motive und detailreiche Schauplätze erzeugen ein dichtes Gewebe aus Bedeutungen. London erscheint als vibrierender Schauplatz, in dem Gassen, Büros, Wirtshäuser und Wohnstuben gleichermaßen erzählwürdig sind. Das Komische entspringt häufig der Sprache selbst, dem Missverständnis, dem Redeschwall – und dient, wie das Rührende, einer moralischen Aufmerksamkeit, die niemals bloß dekorativ ist.
Erzählerisch nutzt Dickens die Möglichkeiten seriellen Veröffentlichens: episodische Bauweise, pointierte Kapitelenden und das kunstvolle Ebenenspiel von Haupt- und Nebenhandlungen. In David Copperfield entfaltet sich eine eindringliche Ich-Perspektive, während Oliver Twist und Klein-Dorrit in dritter Person vielstimmige soziale Räume öffnen. Die Weihnachtsbücher arbeiten mit Allegorie, Symbol und gelegentlichen übernatürlichen Elementen, um ethische Fragen anschaulich zu verdichten. Gemeinsam ist all diesen Texten ein resonantes Erzählen, das Spannung, Beobachtung und moralische Prüfung in Balance hält.
Die Sprache trägt die Spuren mündlicher Rede: Monologe, szenische Dialoge und charakteristische Sprechweisen schaffen Unmittelbarkeit. Das prägt auch Stücke wie Doktor Marigold, die an öffentliche Lesungen denken lassen. Zwischen Ironie und Anteilnahme kalibriert Dickens seinen Ton so, dass Empörung über soziale Härten in Handlung umschlägt – in Hilfsbereitschaft, Selbstprüfung, Gemeinschaftsgeist. Übersetzungen ins Deutsche tradieren diese Wirkung, indem sie Klang, Rhythmus und Idiomatik nachzeichnen und dadurch die Stimmenvielfalt erhalten, die Dickens’ Welt so lebendig und einladend macht.
Inhaltlich richtet Dickens den Blick auf Strukturen, nicht nur auf Einzelfälle: Armenwesen, Schuldenpraxis, Bürokratie und die Härten eines industrialisierten Alltags werden erfahrbar, ohne dass die individuellen Wege seiner Figuren an Kontur verlieren. Institutionen erscheinen nicht als abstrakte Gebilde, sondern als tägliche Erfahrung in Amt, Werkstatt und Straße. So verbindet sich realistische Beobachtung mit ethischer Reflexion: Gerechtigkeit entsteht nicht allein in Gesetzen, sondern auch im Verhalten von Menschen zueinander – in Fürsorge, Verantwortung und der Bereitschaft, das Gegenüber wahrzunehmen.
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer Fähigkeit, moralische Fragen im Gewand fesselnder Geschichten zu stellen. Sie prägen bis heute Vorstellungen von viktorianischem Leben, urbaner Moderne und weihnachtlicher Kultur des Teilens. Darüber hinaus zeigen sie, wie Literatur Empathie stiftet und gesellschaftliche Horizonte verschiebt, ohne auf plakative Botschaften zu verfallen. Leserinnen und Leser entdecken in ihnen nicht nur historische Milieus, sondern auch vertraute Konflikte: Herkunft und Zukunft, Schuld und Vergebung, Eigeninteresse und Gemeinsinn – Themen, die nach wie vor bewegen.
Diese Sammlung ist so angelegt, dass sie sowohl den ersten Zugang als auch die vertiefte Lektüre unterstützt. Wer den großen Bogen sucht, findet ihn in den Romanen; wer die konzentrierte Form schätzt, greift zu den Weihnachtsbüchern und Erzählungen. Zusammen gelesen, beleuchten die Texte einander: Motive wandern, Themen spiegeln sich, Tonlagen antworten einander. So entsteht ein Panorama, dessen Vielstimmigkeit gerade in der Gegenüberstellung hörbar wird. Möge diese Ausgabe die Basis für erneute Begegnungen mit Dickens bieten – mit offenen Augen für die Menschen, deren Leben er so unvergesslich zu erzählen verstand.
Charles Dickens (1812–1870) gilt als prägendster englischer Erzähler des 19. Jahrhunderts und als Chronist der sozialen Spannungen der Industrialisierung. Die hier versammelten Werke zeigen seine Spannweite: von Der Weihnachtsabend, der das moderne Festbrauchtum mitgeprägt hat, über die Gesellschaftsromane Oliver Twist, David Copperfield und Klein-Dorrit bis zu Weihnachtsbüchern wie Das Heimchen am Herde, Die Silvester-Glocken, Der Kampf des Lebens und Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste. Dazu treten kürzere Erzählungen aus seinen Weihnachtsnummern und Zeitschriften, darunter Die Geschichte des Schuljungen, Doktor Marigold, Mrs. Lirripers Fremdenpension und Die Geschichte des armen Verwandten.
Dickens’ frühe Lebensumstände prägten sein Werk entscheidend. Als Kind erlebte er finanzielle Not; die Inhaftierung seines Vaters in der Schuldneranstalt Marshalsea und seine eigene Tätigkeit in einer Fabrik für Schuhcreme hinterließen dauerhafte Eindrücke von Entbehrung, sozialer Härte und institutioneller Kälte. Diese Erfahrungen spiegeln sich später in der scharfen Kritik an Armenrecht, Bürokratie und Schulwesen wider, die etwa Oliver Twist und Klein-Dorrit durchzieht. Sein Sinn für komische Typen und bittere Ironie erwuchs aus der genauen Beobachtung von Amtsstuben, Werkstätten und Straßenmilieus, die er bereits als junger Mann mit seltener Lebendigkeit schilderte.
Die formale Bildung Dickens’ war begrenzt, doch er bildete sich intensiv autodidaktisch und arbeitete als Stenograf und Parlaments- sowie Gerichtsreporter. Die journalistische Schule prägte seine dialogreiche Prosa, das Gespür für Rhythmus und den Hang zu Serienveröffentlichungen. Literarisch wirkten auf ihn die satirische Tradition des 18. Jahrhunderts, die picaresken Romane, Bühnenmelodramen und die Volks- und Geistergeschichte. Diese Einflüsse verband er mit einer starken Theatralik und szenischem Takt, sichtbar in den Weihnachtsbüchern wie Der Weihnachtsabend, Die Silvester-Glocken oder Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste, deren moralische Parabeln durch knappe, wirkungsvolle Kompositionen tragen.
Mit Oliver Twist entwickelte Dickens den sozialen Roman zur Attacke gegen das zeitgenössische Armenrecht und das System der Arbeitshäuser. Der Roman legt die Widersprüche zwischen offizieller Moral und realer Verwahrlosung offen, führt in die Londoner Unterwelt und verbindet Schreckensbilder mit satirischer Schärfe. Zugleich zeigt er Dickens’ Fähigkeit, ein Netz unvergesslicher Figuren zu schaffen, deren Namen und Idiosynkrasien die Gesellschaft als Bühne spiegeln. Die Resonanz war groß: Leserinnen und Leser verfolgten die Geschichte in Fortsetzungen; Debatten um Armut, Kriminalität und Verwaltung erhielten durch diese populäre Form größere Öffentlichkeit.
Der Weihnachtsabend von 1843 wurde zum kulturellen Wendepunkt. Das Buch bündelt Mitgefühl, Humor und übernatürliche Intervention zu einer Erzählung über Gewissen, Zeit und Verantwortung, die das Bild der festlichen Jahreszeit dauerhaft prägte. Auf der Welle dieses Erfolgs erschienen Die Silvester-Glocken, Das Heimchen am Herde, Der Kampf des Lebens und Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste. Diese Weihnachtsbücher variierten Motive von Erlösung, Erinnerung und Gemeinschaft, setzten auf starke Bildlichkeit und eine Ökonomie der Szenen, die vom Lesepublikum als bewegend und zugleich unterhaltsam angenommen wurde.
David Copperfield, in Fortsetzungen veröffentlicht, gilt als kunstvolle Selbstwerdungsgeschichte eines Erzählers. In ihr kulminieren Dickens’ Stärken: die Kunst der Nebenfigur, die Balance von Komik und Tragik, die Montage von Kindheitserinnerung, Bildungsweg und beruflicher Selbstfindung. Die Reflexion über Sprache, Schreiben und Auftritt, über die Macht der Erzählung, verleiht dem Werk eine besondere Dichte. Zugleich führt der Roman einen moralischen Kompass vor, der persönliches Handeln und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verschränkt, ohne den Unterhaltungswert der episodischen, szenenreichen Struktur zu verlieren.
Klein-Dorrit versammelt die Erfahrung von Armut und Schulden in einer umfassenden Gesellschaftssatire. Das Geflecht aus Gefängnisräumen, Amtsgängen und Familienbande macht die Welt des Kreditwesens und der Verwaltung zum Labyrinth. Der Roman attackiert die lähmende Bürokratie ebenso wie modische Spekulationen und markiert eine reifere, dunklere Tonlage bei Dickens. Die erzählerische Technik der Parallelführung von Handlungssträngen und die genaue Topografie Londons zeigen, wie er das Serielle zur Architektur eines moralischen Panoramas nutzt, in dem individuelle Schicksale die Strukturen der Zeit erkennbar machen.
Neben den großen Romanen prägten erzählerische Miniaturen und Weihnachtsnummern Dickens’ Karriere. Die Geschichte des Schuljungen und Die Geschichte des armen Verwandten entstanden im Rahmen der von ihm herausgegebenen Journale Household Words und All the Year Round; hier erprobte er Stimmenwechsel, Rahmenerzählungen und thematische Variationen von Erinnerung und Status. Doktor Marigold, eine später von Dickens oft vorgetragene Erzählung, verbindet Mitleid und Witz mit rhetorischer Präzision. Mrs. Lirripers Fremdenpension führt die Kunst der charakterstarken Erzählerfigur vor und zeigt, wie Dickens im kurzen Format soziale Milieus pointiert entfaltet.
Dickens’ Werk steht im Zeichen einer ausgeprägten sozialen Ethik. Oliver Twist prangert das Armenrecht an und macht die Folgen institutioneller Gleichgültigkeit sichtbar. Klein-Dorrit entwirft eine bittere Satire auf Schuldenwesen und Staatsbürokratie. Der Weihnachtsabend und die weiteren Weihnachtsbücher übersetzen Moral in erzählerische Handlungsimpulse: Barmherzigkeit, Verantwortungsgefühl und tätige Nächstenliebe. In der Öffentlichkeit engagierte er sich journalistisch für soziale Reformen, unterstützte Einrichtungen wie das Great Ormond Street Hospital und arbeitete mit Angela Burdett-Coutts an Projekten zur Rehabilitation benachteiligter Frauen. Seine Position verband Empathie mit praktischer Wirksamkeit und einer klaren Kritik an systemischer Härte.
Die Bühne seiner öffentlichen Lesungen diente Dickens als moralischer Verstärker. Insbesondere Der Weihnachtsabend und Doktor Marigold eigneten sich für mitreißende Vorträge, die Anteilnahme weckten und häufig wohltätige Zwecke unterstützten. Er verstand Kunst als Ressource bürgerlicher Selbstprüfung und als Auslöser gemeinschaftlicher Rituale. Zugleich vertraute er auf die Popularität serieller Formate, um Reformanliegen in den Alltag der Leserschaft zu tragen. Die kürzeren Weihnachtsgeschichten wie Die Geschichte des Schuljungen oder Die Geschichte des armen Verwandten gaben Randfiguren Stimme und modellierten jene Empathie, die seine gesellschaftskritische Prosa fundiert.
In den späten Jahren intensivierte Dickens seine öffentlichen Lesungen, was seine Gesundheit stark beanspruchte. Er arbeitete unablässig weiter und starb 1870 nach einem Schlaganfall in seinem Haus Gad’s Hill Place; beigesetzt wurde er in der Poets’ Corner der Westminster Abbey. Sein unvollendetes Spätwerk The Mystery of Edwin Drood zeugt von ungebrochener Experimentierfreude, doch die in dieser Sammlung vertretenen Bücher zeigen bereits die ausgereifte Architektur seines Schreibens: dramatische Szenen, erinnerungsgesättigte Motive und ein präziser Sinn für soziale Topografie.
Dickens’ Nachwirkung ist in Kultur und Sprache verankert. Der Weihnachtsabend prägte weltweit Vorstellungen von Festkultur, Wohltätigkeit und Versöhnung; Oliver Twist und Klein-Dorrit beeinflussten Debatten über Armut, Schulden und Verwaltung. David Copperfield machte das Bildungsschicksal des Erzählers zum Modell moderner Selbstdeutung. Die kürzeren Stücke, darunter Doktor Marigold und Mrs. Lirripers Fremdenpension, zeigen seine Meisterschaft im Verdichten. Über Adaptionen für Bühne, Film, Rundfunk und Illustration erreichten seine Figuren neue Generationen. Die in dieser Sammlung vertretenen Werke bleiben lebendige Prüfsteine für moralische Einbildungskraft und gesellschaftliche Verantwortung.
Die in dieser Sammlung versammelten Werke entstanden zwischen den späten 1830er und den späten 1860er Jahren, also im Kern der viktorianischen Epoche. Charles Dickens (1812–1870) schrieb in einer Zeit rapiden sozialen Wandels, in der Großbritannien zur führenden Industriemacht aufstieg, London zur Weltmetropole anwuchs und neue Massenmedien das Lesen demokratisierten. Von Oliver Twist über David Copperfield bis Klein-Dorrit und den Weihnachtsbüchern zeigt die Auswahl, wie Dickens auf unterschiedliche Phasen dieser Epoche reagierte: auf frühe Reformdebatten, die Krisen der 1840er Jahre, die Konsolidierung des Empire und die modernen Rhythmen des städtischen Lebens. Die Texte bündeln Beobachtungen aus knapp drei Jahrzehnten gesellschaftlicher Selbstprüfung.
Die Industrialisierung führte zu beispielloser Urbanisierung. Zuwanderer strömten aus ländlichen Regionen in die Städte, wo sich Armenviertel und sogenannte Rookeries verdichteten. Löhne schwankten, Wohnraum war knapp, und traditionelle Bindungen lösten sich. Oliver Twist erschien erstmals seriell ab 1837 und war Teil einer breiteren literarischen Reaktion auf die soziale Zerrüttung. Dickens schilderte die Großstadt als moralisches und institutionelles Gelände, in dem Kinder, Arbeitsmigranten und Vertriebene besonders gefährdet waren. Seine London-Schauplätze verbinden registrierte topografische Details mit einer Kritik an Strukturen, die Armut reproduzierten, statt sie zu mindern.
Ein zentraler Hintergrund ist das Armengesetz von 1834, das die Unterstützung Bedürftiger auf Arbeitshäuser konzentrierte. Diese Reform sollte Kosten senken und vermeintliche Müßiggangsanreize entfernen, verschärfte aber Notlagen. Dickens verarbeitete die öffentliche Debatte literarisch und journalistisch, indem er die Folgen institutioneller Härte für Familien und Kinder beleuchtete. Der Weihnachtsabend und Die Silvester-Glocken verknüpfen saisonale Solidaritätsappelle mit der Frage, wie Gesellschaften Mitgefühl organisieren. Oliver Twist macht sichtbar, welche Spannungen zwischen gesetzlicher Verwaltung von Armut und bürgerlicher Moralempfindung bestanden, ohne sich auf einfache Lösungen zu verlassen.
Kinderarbeit, unzureichende Bildung und die Anfälligkeit junger Menschen für Ausbeutung waren Dauerstreitthemen. Gesetzliche Eingriffe wie die Factory Acts setzten allmählich Grenzen, während philanthropische Initiativen Ragged Schools etablierten. Dickens unterstützte solche Bemühungen publizistisch und thematisierte Lernen als Weg aus Verwundbarkeit. In David Copperfield wird Bildung zum Gradmesser sozialer Teilhabe, und Die Geschichte des Schuljungen reflektiert, wie schulische Praxis Charakter formt. Die Texte entstanden parallel zu Reformbestrebungen, die Alphabetisierung steigerten und das Klassenzimmer als Ort moralischer und sozialer Erziehung neu bestimmten.
Schulden, Kreditwesen und die Kriminalisierung der Armut prägten die Lebensläufe vieler Stadtbewohner. Das Londoner Marshalsea-Gefängnis für Schuldner – das Dickens aus eigener Familienerfahrung kannte – blieb ein Mahnmal sozialer Härten. Klein-Dorrit verarbeitet dieses Milieu literarisch und richtet den Blick auf Verstrickungen von Familie, Staat und Finanzwelt. Das Thema berührt nicht nur individuelle Schicksale, sondern den institutionellen Umgang mit wirtschaftlichem Scheitern. In einer Ära, in der Kredit das Wachstum befeuerte, aber auch Abstürze beschleunigte, stellte Dickens die Frage nach Verantwortung in einer Ökonomie zwischen Risiko und Rettung.
Bürokratie und Gesetzesvollzug wurden im 19. Jahrhundert massiv ausgebaut, oft jedoch als schwerfällig erlebt. Dickens thematisierte die Trägheit von Behörden und die Kunst, Verantwortung zu vermeiden. In Klein-Dorrit steht das satirische Bild eines Circumlocution Office für administratives Ausweichen und formale Selbstgenügsamkeit. Diese Kritik traf eine Zeit, in der Verwaltungsreformen – man denke an den Northcote-Trevelyan-Bericht von 1854 – Professionalität und Meritokratie stärken sollten. Dickens’ Werke spiegeln die Kluft zwischen Reformrhetorik und Alltagserfahrung und fragen, wie staatliche Strukturen dem Gemeinwohl tatsächlich dienen.
Die Weihnachtsbücher – Der Weihnachtsabend, Die Silvester-Glocken, Das Heimchen am Herde, Der Kampf des Lebens und Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste – verbanden seit den 1840er Jahren eine Saison der Wohltätigkeit mit populärer Erzählkunst. Sie reagierten auf das Bedürfnis nach moralischer Orientierung in einer wettbewerbsintensiven Gesellschaft und halfen, familiäre Wärme, Gemeinschaft und Großzügigkeit als moderne Weihnachtstugenden zu verankern. Ohne Predigtton zeigen sie, wie soziale Bindungen erneuert werden können. Ihre immense Reichweite machte sie zu kulturellen Referenzpunkten, die karitative Kampagnen, Spendenaufrufe und häusliche Rituale beeinflussten.
Die Produktions- und Publikationspraxis prägte Inhalt und Reichweite. Oliver Twist erschien in Bentley’s Miscellany, viele spätere Kurz- und Weihnachtsgeschichten zuerst in den von Dickens herausgegebenen Wochenschriften Household Words (ab 1850) und All the Year Round (ab 1859). Dort erschienen auch Die Geschichte des armen Verwandten (1852 im Weihnachtsheft), Die Geschichte des Schuljungen (frühe 1850er Jahre), Mrs. Lirripers Fremdenpension (1863) und Doktor Marigold (1865 als Weihnachtsnummer). Die seriellen Formate schufen Erwartungsschleifen, förderten Leserbindung und ermöglichten es, aktuelle Debatten nahezu in Echtzeit literarisch zu kommentieren.
Technische Innovationen erweiterten das Publikum. Dampfpressen senkten Kosten, die Eisenbahn verbreiterte regionale Märkte, und die Einführung des Penny Post im Jahr 1840 erleichterte Abonnements sowie Korrespondenz zwischen Verlagen und Lesern. Die Abschaffung der Stempel- und später der Papiersteuer (vollständig 1861) begünstigte günstige Periodika. Telegrafennetze verdichteten den Nachrichtenfluss. Dickens nutzte dieses Medienökosystem, um ein Massenpublikum zu erreichen, das seine Figuren und Schauplätze wie gemeinsame soziale Erfahrung wahrnahm. Die Wiederkehr von Motiven über mehrere Texte hinweg stiftete eine Art kollektives Gedächtnis der Leserschaft.
Politisch war die Zeit von Reformdebatten und Mobilisierung geprägt. Die Chartisten artikulierten zwischen 1838 und den späten 1840ern Forderungen nach allgemeinerem Wahlrecht und Parlamentsreformen. Auch wenn Dickens keinem radikalen Programm verpflichtet war, beobachtete er die soziale Spannung aufmerksam und wandte sich gegen Zynismus und Verwahrlosung öffentlicher Verantwortung. Seine Werke appellieren an bürgerliche Selbstprüfung, ohne sich mit parteipolitischen Parolen zu verbinden. In der zweiten Jahrhunderthälfte erweiterten Wahlrechtsreformen den Kreis der Stimmberechtigten, was die Frage nach Repräsentation und öffentlicher Moral zusätzlich auflud.
Gesundheitliche Krisen wie die Choleraepidemien 1832, 1848–49 und 1854 sowie der Great Stink von 1858 trieben die Sanitätsdebatte voran. Der Bericht von Edwin Chadwick (1842) und der Ausbau der Londoner Kanalisation unter Joseph Bazalgette in den 1860er Jahren veränderten die Stadt. Dickens’ Stadtbilder zeigen die Dringlichkeit solcher Reformen, indem sie Schmutz, Enge und Geruch als soziale Tatsachen registrieren. In dieser Umgebung gewinnen Fürsorge, Nachbarschaft und häusliche Ordnung eine moralische Dimension, die die Weihnachtsgeschichten ebenso wie die großen Romane durchzieht.
Die viktorianische Geschlechterordnung definierte die häusliche Sphäre als weibliche Domäne, doch ökonomische Notwendigkeiten erforderten weibliche Erwerbsarbeit. Mrs. Lirripers Fremdenpension zeigt eine Frau, die unternehmerisch handelt und die prekären Ränder des Dienstleistungssektors sichtbar macht. Das Heimchen am Herde betont den Wert der Häuslichkeit, ohne die äußeren Belastungen zu romantisieren. Rechtlich blieb Coverture bis zu Reformen wie dem Married Women’s Property Act von 1870 prägend. Dickens’ Figuren beleuchten, wie Frauen zwischen Moralideal, Familienpflicht und wirtschaftlicher Realität navigierten.
Ökonomische Zyklen prägten die 1840er und 1850er Jahre. Die sogenannten Hungry Forties waren von Teuerung, Arbeitslosigkeit und politischer Unruhe gekennzeichnet; die Aufhebung der Corn Laws 1846 markierte einen Schritt zu freihändlerischer Politik. Zugleich wuchs der Finanzsektor, begünstigt durch neue Gesellschaftsformen und begrenzte Haftung. Spekulation und Vertrauenskrisen kulminierten in Paniken, etwa 1857. Klein-Dorrit kommentiert die Kultur des Kredits und die soziale Verstrickung zwischen öffentlichen Anstalten und privaten Interessen. Die Werke fragen, wie Wohlstand verteilt wird und welche Risiken auf die Schwächsten abgewälzt werden.
Die Entwicklung moderner Polizeien und Gefängnisse veränderte die Kriminalitätswahrnehmung. Seit 1829 existierte in London eine reguläre Metropolitan Police, und die Presse trug zur Popularisierung von Verbrechensgeschichten bei. Oliver Twist steht in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Tendenzen, die Kriminalität sensationalisierten, und richtet den Blick auf soziale Ursachen und institutionelle Reaktionen. Dickens’ Interesse galt weniger der Romantisierung von Gewalt als der Darstellung von Verwundbarkeit, Versuchung und Schutzbedürftigkeit – ein Spannungsfeld, das auch in kürzeren Erzählungen über familiäre Netze und Abhängigkeiten anklingt.
Die kulturelle Bedeutung von Vortrag und Bühne begleitete die Rezeption. Dickens begann in den 1850er Jahren mit öffentlichen Lesungen und entwickelte daraus internationale Tourneen. Er wählte häufig Weihnachtsstoffe und später auch Doktor Marigold, dessen adressierter Vortragston sich besonders eignete. Diese performativen Formate verstärkten die dialogische Qualität seiner Prosa und erweiterten die Reichweite über die still lesende Öffentlichkeit hinaus. Bühnenadaptionen trugen zusätzlich dazu bei, Figuren und Szenen in das kollektive Gedächtnis einzuprägen, lange bevor das Kino ähnliche Funktionen übernahm.
Die Kurzgeschichten Die Geschichte des armen Verwandten und Die Geschichte des Schuljungen gehören zu den kollaborativ angelegten Weihnachtsnummern seiner Zeitschriften. Sie zeigen, wie Dickens redaktionelle Netzwerke nutzte, um Themen wie Verwandtschaft, Bildung und soziale Stellung auszuleuchten. Der arme Verwandte verweist auf die ökonomische Schieflage der erweiterten Familie, in der Status an Einkommen, nicht nur an Geburt, gebunden war. Der Schuljunge reflektiert pädagogische Ideale und Rückstände, die in den 1850er Jahren breit diskutiert wurden. Beide Texte sind Schnappschüsse einer Gesellschaft im Übergang zur Massenbildung.
Das späte Dickenssche Interesse an Stimme, Erinnerung und Verletzlichkeit prägt Der Behexte und der Pakt mit dem Geiste sowie Doktor Marigold. Letzterer greift auf die Kultur der Straßenhändler zurück und vermittelt soziale Erfahrung im direkten Appell an ein Publikum. Die Verknüpfung von Erzählrahmen, populärem Ton und sozialer Beobachtung spiegelt eine Zeit, in der mündliche und gedruckte Kultur ineinandergriffen. Gleichzeitig berühren diese Texte Fragen nach dem Umgang mit Trauma, Verschweigen und Gemeinschaft, die im urbanen 19. Jahrhundert allgegenwärtig waren, ohne auf individuelle Biografien festgelegt zu sein. Dies stärkte ihre Resonanz in Lesesälen und auf Bühnen gleichermaßen. Dieses Zusammenspiel verschiedener kultureller Ausdrucksformen machte sie besonders wirkungsmächtig und einprägsam. Parteien und staatliche Institutionen standen vor der Aufgabe, narrative und symbolische Ordnungen ebenso zu gestalten wie Rechtsnormen; Dickens nutzte diese Offenheit produktiv und nachhaltig in seinen Werken, die sich zwischen individueller Moral und kollektiver Erinnerung entfalten. Diese Texte zeigen, wie Literatur an gesellschaftlichen Metaphern mitarbeitet und dadurch politische Imaginationen rahmt, noch bevor konkrete Gesetzesreformen wirksam werden konnten. Damit beleuchten sie die symbolische Ebene sozialer Reformen, die in Zeitungen, Salons und öffentlichen Versammlungen verhandelt wurde und Aufmerksamkeit für sonst Übersehenes schuf. Diese Wirkung speiste sich aus ihrer Erzählkraft und aus ihrer Nähe zur alltäglichen Erfahrung städtischer Gemeinschaften in einer sich rasch verändernden Gesellschaft, die zugleich verunsicherte und mobilisierte. Dickens knüpfte an diese Unruhe strategisch an und übersetzte sie in geteilte Bilder und wiedererkennbare soziale Rollen, die Debatten erleichterten, statt sie zu verhärten. Wenn die Sammlung heute gelesen wird, ist auch diese kommunikative Leistung eine historische Quelle für die politischen Gefühlslagen ihrer Entstehungszeit. In ihrer Summe lässt sich die Sammlung als historisches Archiv für die moralischen Vokabeln des viktorianischen Zeitalters lesen, von Armenfürsorge bis Verwaltungskritik, vom häuslichen Ideal bis zur Medienrevolution. Dabei bewahrt sie zugleich die Ambivalenzen, die Reformphasen prägen: den Konflikt zwischen institutioneller Ordnung und lebendiger Solidarität, zwischen Marktlogik und Gemeinsinn. Spätere Deutungen – von sozialhistorischen bis kulturwissenschaftlichen Ansätzen – nutzen diese Spannweiten, um Wandel nachzuzeichnen, den die Texte selbst in erzählerische Form bringen.
Ein Waisenjunge entkommt dem Armenhaus und gerät in die Schattenwelt des Londoner Verbrechens, wo Loyalität und Ausbeutung dicht beieinander liegen. Die Erzählung verbindet Spannung um Herkunft und Identität mit scharfer Sozialkritik an Armut, Behörden und moralischer Heuchelei. Der Ton schwankt zwischen düsterem Realismus und satirischer Beobachtung.
Ein Ich-Erzähler begleitet sein eigenes Aufwachsen von prekären Kindheitsverhältnissen bis zu beruflicher und emotionaler Selbstfindung. Stationen wie Schule, Arbeit und Begegnungen mit Mentoren, Freunden und Versuchungen zeichnen ein Panorama viktorianischer Gesellschaft. Der Ton ist warm, detailreich und selbstironisch, mit Sinn für sentimentale wie komische Momente.
Im Zentrum steht eine Familie, deren Leben vom Schuldengefängnis und undurchsichtigen Finanzstrukturen geprägt ist. Die Handlung verknüpft intime Schicksale mit einer Satire auf bürokratische Lähmung und gesellschaftliche Maskenspiele. Der Ton ist kritisch und melancholisch, zugleich von stiller Menschlichkeit getragen.
Ein harter Geschäftsmann wird in einer Nacht von übernatürlichen Besuchern mit den Folgen seiner Lebenshaltung konfrontiert. Die Geschichte entfaltet eine moralische Prüfung zwischen Geiz und Mitgefühl. Der Ton ist atmosphärisch, leicht unheimlich und am Ende versöhnlich.
Ein armer Bote ringt an der Schwelle zum neuen Jahr mit fatalistischen Botschaften über die Unverbesserlichkeit der Armen. Visionen der Glocken stellen seine Annahmen auf die Probe und öffnen einen Blick auf Hoffnung und Verantwortung. Der Ton ist eindringlich, sozial engagiert und feierlich.
Eine bescheidene Häuslichkeit wird durch Missverständnisse und drohende Entfremdung erschüttert, während ein ‚Hausgeist‘ am Herd für Schutz und Vertrauen steht. Die Erzählung feiert Wärme, Vergebung und die Magie des Alltäglichen. Der Ton ist märchenhaft, sanft humorvoll und herzlich.
In einer ländlichen Gemeinschaft kollidieren Liebe, Ehrgeiz und Loyalität, und ein vermeintlicher Konflikt verlangt ungewöhnliche Großzügigkeit. Im Vordergrund stehen Opferbereitschaft und die heilende Kraft der Versöhnung. Der Ton ist pastoral, romantisch und optimistisch.
Ein Gelehrter schließt eine verhängnisvolle Abmachung, um seine schmerzhaften Erinnerungen loszuwerden, und erfährt die unerwarteten Folgen dieser Leere. Die Geschichte untersucht, wie Leid Empathie ermöglicht und Leben miteinander verbindet. Der Ton ist gotisch, nachdenklich und moralisch pointiert.
Ein reisender Hausierer erzählt mit Witz und Wärme von Verlust, Zuneigung und der Suche nach einem Zuhause. Die Begegnung mit einem Kind stellt seine Welt auf neue Grundlagen und macht Sprache, Fürsorge und Respekt zum Thema. Der Ton ist mündlich, humorvoll und rührend, ohne Sentimentalität zu scheuen.
Eine beherzte Pensionswirtin schildert die kleinen Dramen und Improvisationen des Alltags unter ihrem Dach. Aus Episoden mit Gästen entsteht ein Bild von Not, Zusammenhalt und pragmatischer Nächstenliebe. Der Ton ist plaudernd, komisch und gelegentlich bewegend.
Ein gesellschaftlicher Außenseiter entfaltet die Vision eines Lebens, wie es hätte sein können, und spiegelt damit stille Würde und unerfüllte Wünsche. Realität und Vorstellung greifen ineinander und beleuchten, was Anerkennung bedeutet. Der Ton ist zart ironisch und melancholisch.
Ein ehemaliger Schüler erinnert sich an Unterricht, Streiche und prägende Begegnungen, die das Erziehungssystem entlarven. Die Skizze verbindet humorvolle Beobachtung mit Kritik an Starrheit und Ungerechtigkeit. Der Ton ist leicht, pointiert und nostalgisch gefärbt.
Die Sammlung verbindet Sozialkritik mit Empathie: Armut, Bürokratie, Schuld und Chance werden durch konkrete Lebenswelten greifbar gemacht. Figuren aus unteren Schichten erhalten Stimme und Würde, während Institutionen und Scheinmoral bloßgestellt werden.
Stilistisch mischt Dickens Realismus, Satire, Groteske und Märchenmotive; eingängige Stimmen und wiederkehrende Leitbilder (Glocken, Geister, Heim) strukturieren die Erzählungen. Wiederkehrende Bewegungen führen von Vereinzelung zu Gemeinschaft, von Verhärtung zu Mitgefühl und von Blindheit zu Einsicht.
Marley war tot; damit wollen wir beginnen. Darüber gibt es nicht den mindesten Zweifel. Sein Totenschein war unterschrieben von dem Geistlichen, dem Notar, dem Leichenwärter und dem Hauptleidtragenden. Scrooge unterzeichnete ihn. Und Scrooges Name hat unbedingte Geltung auf der Börse für jede Angelegenheit, an der er beteiligt war.
Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel.
Paßt auf! Ich möchte damit nicht behaupten, daß für mein Wissen ein Türnagel etwas besonderes Totes an sich hätte. Was mich betrifft, ich möchte einen Sargnagel als das toteste Stück Eisen im Handel betrachten. Aber die Weisheit unserer Vorfahren ruht in dem Gleichnis; und meine unberufenen Hände sollen es nicht zerstören, sonst ist es um das Vaterland geschehen. Man wird mir deshalb gestatten, es nachdrücklich zu wiederholen, daß Marley so tot war wie ein Türnagel.
Wußte Scrooge, daß er tot war? Selbstredend wußte er es. Wie wäre es anders möglich gewesen? Scrooge und er waren ja – wer weiß wie lange – Kompagnons gewesen. Scrooge war sein einziger Testamentsvollstrecker, sein einziger Sachwalter, sein einziger Erbe und sein einziger trauernder Hinterbliebener. Und nicht einmal Scrooge war von dem betrüblichen Ereignis genug mitgenommen, daß er sich nicht auch an dem Begräbnistag als ein hervorragender Geschäftsmann erwiesen und diesen durch einen erfolgreichen Handel festlich begangen hätte.
Der Hinweis auf Marleys Begräbnistag führt mich in meiner Erzählung wieder zu dem Punkt zurück, von dem ich ausgegangen bin. Es ist ganz sicher, daß Marley tot war. Das muß klar erkannt sein; sonst ist an der Geschichte nichts Wunderbares, die ich erzählen will. Falls wir nämlich nicht ganz und gar überzeugt wären, daß Hamlets Vater tot ist, ehe das Stück anfängt, würde sein nächtlicher Spaziergang im heftigen Ostwind auf der Terrasse seines Schlosses gar nichts Merkwürdiges an sich haben. Nichts Merkwürdigeres, als wenn irgendein anderer Herr in besten Jahren sich nach Sonnenuntergang noch rasch zu einem Spaziergang in einer windigen Gegend – etwa auf dem St. Pauls-Friedhof – entscheidet, nur um seinem trägen Sohn aus seinem Stumpfsinn aufzujagen. Scrooge ließ Marleys Namen nicht übermalen. Noch nach Jahren stand über der Tür des Warenmagazins »Scrooge und Marley«. Die Firma war unter dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Zuweilen nannten Leute, die Scrooge nicht kannten, ihn Scrooge und zuweilen Marley; er hörte auf beide Namen, denn es war ihm ganz gleich.
Oh, er verstand sich auf Menschenschinderei, dieser Scrooge! Ein erpresserischer, ausbeutender, zusammengrapschender, geiziger alter Sünder; hart und scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen wärmenden Funken geschlagen hat; verschlossen und selbstsüchtig und nur für sich bedacht wie eine Auster. Seine innere Kälte machte seine alten Züge erstarren, seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht voller Runzeln, seinen Gang steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und sie klang aus seiner knarrenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag über seinem Haupt, auf seinen Augenbrauen, auf seinem stoppeligen Kinn. Er verbreitete seine eigene niedrige Temperatur immer um sich her. In den Hundstagen kühlte er sein Kontor wie mit Eis; zur Weihnachtszeit taute er es nicht um einen Grad auf.
Äußere Hitze und Kälte hatten geringen Einfluß auf Scrooge. Keine Wärme konnte ihn erwärmen, keine Kälte ihn frieren machen. Kein Wind war schneidender als er, kein fallender Schnee erbarmungsloser, kein peitschender Regen unerbittlicher. Schlechtes Wetter konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten sich nur in einer Hinsicht rühmen, ihm überlegen zu sein: sie spendeten ihre Gaben oft im Überfluß, und das tat Scrooge nie.
Hielt ihn jemals ein Bekannter auf der Straße an, um ihm freundlich zu sagen: Mein lieber Scrooge, wie steht’s? Wann werden Sie mich einmal besuchen? Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit an, kein Kind fragte ihn, wieviel Uhr es sei, kein Mann und kein Weib hat ihn je nach dem Weg gefragt. Selbst die Hunde der Blinden schienen ihn zu kennen; wenn sie ihn kommen sahen, zupften sie ihre Herren, daß sie in ein Haus träten, und wedelten dann mit dem Schwanze, als wollten sie sagen: Kein Auge ist immer noch besser als ein böses Auge, blinder Herr.
Doch was ging das Scrooge an? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg durch das Gedränge des Lebens zu gehen, jedes menschliche Gefühl in gehörige Entfernung zurückzuweisen – das war es, was Scrooge behagte.
Einmal, es war am besten aller Tage im Jahr, es war der Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Kontor. Draußen war es schneidend kalt und dunstig, und er konnte hören, wie die Leute im Hof draußen prustend auf und nieder gingen, die Hände zusammenschlugen und mit den Füßen stampften, um sich zu erwärmen. Es hatte eben erst drei geschlagen, war aber schon ganz dunkel. Den ganzen Tag über war es nicht hell geworden, und in den Fenstern der benachbarten Kontore erblickte man Lichter, wie rote Flecken in der dicken, braunen Luft. Der Nebel drang durch jede Ritze und durch jedes Schlüsselloch und war so dick, daß die gegenüberstehenden Häuser des sehr kleinen Hofes ganz geisterhaft ausschauten. Wenn man die trübe, dicke Wolke alles verfinsternd herabsinken sah, hätte man glauben können, die Natur wohne dicht nebenan und habe dort eine Großbrauerei eingerichtet.
Die Tür von Scrooges Kontor stand offen, damit er seinen Kommis beaufsichtigen könne, der in einem erbärmlichen, kleinen Raume, einer Art Verließ, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein sehr kleines Feuer; aber des Clerks Feuer war noch so viel kleiner, daß es wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen; denn Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer; und jedesmal, wenn der Diener mit der Kohlenschaufel in der Hand hereinkam, meinte der Herr, es würde wohl nötig sein, ihr Verhältnis zu lösen. Darauf band sich der Clerk seinen weißen Schal um und versuchte, sich an der Kerze zu wärmen, was, da er ein Mann von nicht zu starker Phantasie war, immer fehlschlug.
»Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!« rief eine heitere Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der ihm so schnell auf den Hals rückte, daß er sich erst durch diesen Gruß bemerkbar machte.
»Quatsch«, sagte Scrooge, »dummes Zeug!«
Der Neffe war vom Rennen so warm geworden, daß er ganz glühend war; sein Gesicht war rot und sah hübsch aus, seine Augen glänzten, und sein Atem dampfte.
»Weihnachten dummes Zeug, Onkel?« sagte Scrooges Neffe, »das kann doch nicht Ihr Ernst sein.«
»Ob er es ist!« sagte Scrooge. »Fröhliche Weihnachten? Was für ein Recht hast du, fröhlich zu sein? Was für einen Grund, fröhlich zu sein? Du bist arm genug.«
»Nun«, versetzte der Neffe aufgeräumt, »was für ein Recht haben Sie, griesgrämig zu sein? Sie sind reich genug.«
Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort bereit hatte, sagte noch einmal »Quatsch« und brummte ein »Dummes Zeug« hinterher.
»Seien Sie nicht ärgerlich, Onkel«, sagte der Neffe.
»Was kann ich denn anders sein?« antwortete der Onkel, »wenn ich in einer Narrenwelt wie dieser lebe! Fröhliche Weihnachten! Zum Kuckuck mit den fröhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten für dich anders als ein Tag, wo du Rechnungen bezahlen müßtest, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein Tag, wo du die Bilanz deiner Bücher siehst und bei jedem Posten ein Defizit zwölf volle Monate hindurch entdeckst? Wenn es nach mir ginge«, sagte Scrooge erbost, »dann müßte jeder Narr, der mit seinem fröhlichen Weihnachten herumläuft, mit seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem Pfahl von Stecheiche im Herzen begraben werden. Das wär’ das Richtige!«
»Onkel!« sagte der Neffe.
»Neffe!« antwortete der Onkel erregt, »feiere du Weihnachten nach deinem Geschmack und laß es mich nach meinem feiern.«
»Feiern!« wiederholte Scrooges Neffe; »aber Sie feiern es nicht.« »Laß mich zufrieden«, sagte Scrooge. »Mag es dir recht viel einbringen! Es hat dir ja schon viel eingebracht.«
»Es gibt viele Dinge, die mir Gutes hätten bringen können, und die ich nicht genutzt habe, das weiß ich«, antwortete der Neffe, »und Weihnachten ist eins von diesen. Aber das weiß ich bestimmt, daß ich Weihnachten, wenn es gekommen ist, abgesehen von der Verehrung, die wir seinem heiligen Namen und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit angeschaut habe, als eine liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und des Erbarmens, als die einzige Zeit, die ich im langen Kalenderjahr kenne, wo die Menschen einträchtig ihre verschlossenen Herzen auftun und die andern Menschen betrachten, als wenn sie wirklich Reisegenossen nach dem Grabe wären und nicht eine ganz andere Art von Lebewesen, die für einen ganz andern Weg vorgesehen sind. Und darum, Onkel, ob diese Tage mir gleich niemals ein Stück Gold oder Silber in die Tasche gebracht haben, glaube ich doch, sie haben mir Gutes getan, und sie werden mir Gutes tun, und ich sage: Gott segne dieses schöne Fest!«
Der Diener in dem Verließe draußen klatschte unwillkürlich Beifall. Jedoch einen Augenblick später empfand er das Unschickliche seines Betragens, machte sich an den Kohlen zu schaffen und verlöschte den letzten kleinen Funken gänzlich.
»Wenn Sie mich noch einen einzigen Laut hören lassen«, sagte Scrooge, »so feiern Sie Ihre Weihnachten durch Ihre Entlassung. Du bist ein ganz gewaltiger Redner«, fügte er hinzu, sich zu seinem Neffen wendend. »Es wundert mich nur, daß du nicht ins Parlament kommst.«
»Seien Sie nicht bös, Onkel. Essen Sie morgen bei uns.«
Scrooge sagte, er wolle ihn verdammt sehen, ja, wirklich, das sagte er. Er sagte es ganz ausdrücklich, und daß er dann erst ihn besuchen wolle. Ja wahrhaftig, er sprach sich ganz deutlich aus.
»Aber warum?« rief Scrooges Neffe, »warum?«
»Warum hast du dich verheiratet?« fragte Scrooge.
»Weil mich die Liebe ergriff!«
»Weil ihn die Liebe ergriff!« brummte Scrooge, als ob das das einzige Ding in der Welt wäre, das ihm noch lächerlicher vorkäme als eine fröhliche Weihnacht. »Guten Abend!«
»Aber, Onkel, Sie haben mich ja auch vorher einmal besucht. Warum geben Sie es jetzt als Grund an, weshalb Sie mich jetzt nicht besuchen?«
»Guten Abend!« wiederholte Scrooge.
»Ich brauche ja nichts von Ihnen, ich begehre nichts von Ihnen, warum können wir da nicht gute Freunde sein?«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
»Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so verhärtet zu finden. Wir haben nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich schuld gewesen wäre. Ich habe es diesmal versucht, Weihnachten zu Ehren, und ich will meine Weihnachtsstimmung bis zuletzt bewahren. Also: Fröhliche Weihnachten, Onkel!«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
»Und ein glückliches Neujahr!«
»Guten Abend!« sagte Scrooge.
Trotzdem verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der Haustür blieb er noch stehen, um mit dem Glückwunsch des Tages den Clerk zu grüßen, der, so sehr ihn fror, doch noch wärmer als Scrooge war, denn er gab den Gruß freundlich zurück.
»Das ist auch so ein Narr«, brummte Scrooge, der es hörte. »Mein Clerk mit fünfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern und spricht von fröhlichen Weihnachten. Ich könnt’ mich ins Narrenhaus zurückziehen.«
Der Diener hatte, während er den Neffen hinausließ, zwei andere Personen eingelassen. Es waren zwei behäbige Herren, stattlichen Formats, die jetzt, den Hut in der Hand, in Scrooges Kontor standen. Sie hielten Bücher und Papiere in der Hand und verneigten sich.
»Scrooge und Marley, wenn ich nicht irre«, sagte einer der Herren und blickte auf seine Liste. »Hab’ ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley zu sprechen?«
»Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot«, erwiderte Scrooge. »Er starb heute vor sieben Jahren.«
»Wir zweifeln nicht, daß die Gesinnung seiner Freigebigkeit auch bei seinem Kompagnon vorhanden sein wird«, sagte der Herr, indem er seine Vollmacht hinreichte.
Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen. Bei dem bedeutungsvollen Wort Freigebigkeit erschauerte Scrooge und gab kopfschüttelnd das Papier zurück.
»In dieser feierlichen Jahreszeit, Mr. Scrooge«, sagte der Herr, eine Feder ergreifend, »ist es mehr als gewöhnlich wünschenswert, einigermaßen wenigstens für die Armut zu sorgen, die gerade jetzt in großer Bedrängnis ist. Viele Tausende haben nicht das Lebensnotwendige, Hunderttausenden fehlen die notdürftigsten Bequemlichkeiten des Lebens.«
»Gibt es denn keine Gefängnisse?« fragte Scrooge.
»Überfluß an Gefängnissen«, sagte der Herr, die Feder wieder hinlegend.
»Und die Armenarbeitshäuser?« fragte Scrooge. »Bestehen sie denn nicht mehr?«
»Allerdings. Freilich«, antwortete der Herr, »wünschte ich, sie bestünden überhaupt nicht.«
»Tretmühle und Armengesetz sind also noch in voller Kraft«, meinte Scrooge.
»Beide haben alle Hände voll zu tun.«
»So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, ihr nützliches Bestehen sei gefährdet«, sagte Scrooge. »Ich freue mich, das zu hören«.
»In der Meinung, daß sie doch wohl kaum christlichen Frohsinn und Behagen den Armen für Leib und Seele bereiten«, antwortete der Herr, »haben sich einige von uns zwecks einer Sammlung zusammengefunden, um für die Armen Speise und Trank und Feuerung anzuschaffen. Wir wählen diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am bittersten gefühlt wird und der Reichtum in Freuden schwimmt. Wieviel darf ich für Sie zeichnen?«
»Nichts«, antwortete Scrooge.
»Sie wünschen also ungenannt zu bleiben?«
»Ich wünsche, daß man mich in Ruhe lasse«, sagte Scrooge. »Da Sie mich nach meinem Wunsche fragen, meine Herren, so ist dies meine Antwort. Ich gönne mir auch zu Weihnachten keine Freude und kann nicht dem faulen Volk lustige Tage machen. Ich zahle meinen Beitrag zu den genannten Anstalten. Sie kosten genug, und wem es schlecht geht, der mag sich dorthin begeben!«
»Viele können nicht hingehen, und viele würden eher lieber sterben.«
»Wenn sie eher lieber sterben würden«, sagte Scrooge, »so wäre es gut, wenn sie das ausführten und die überflüssige Bevölkerung verminderten. Übrigens, Sie werden mich entschuldigen, verstehe ich nichts davon.«
»Aber Sie könnten es verstehen«, bemerkte der Herr.
»Es geht mich nichts an«, antwortete Scrooge. »Es genügt, wenn ein Mann sein eigenes Geschäft begreift und sich nicht in das anderer Leute mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten Abend, meine Herren!«
Da sie einsahen, daß weitere Versuche vergeblich sein würden, zogen sich die Herren zurück. Scrooge machte sich wieder mit noch besserer Meinung von sich selbst und in einer angenehmeren Laune als gewöhnlich an die Arbeit.
Währenddem hatten Nebel und Dunkelheit so zugenommen, daß Leute mit brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen voranzuleuchten. Der Kirchturm, dessen brummende Glocke aus einem alten gotischen Fenster in der Mauer gar pfiffig auf Scrooge herniederblickte, wurde unsichtbar und schlug die Stunden und Viertel in den Wolken mit einem zitternden Nachklingen, als ob ihr in ihrem erfrorenen Haupte droben die Zähne klapperten. Die Kälte wurde immer schneidender. In der Hauptstraße an der Ecke des Hofes wurden Gasröhren ausgebessert, und die Arbeiter hatten in einer Kohlenpfanne ein großes Feuer angezündet, um das sich einige zerlumpte Männer und Knaben drängten, die sich die Hände wärmten und mit den Augen vor der behaglichen Flamme blinzelten. Aus den Wasserpumpen, die eben verlassen waren, floß noch etwas Wasser nach; aber bald war es zu menschenfeindlichem Eis erstarrt. Der Schimmer der Läden, in denen Stechpalmenzweige und Beeren in der Lampenwärme der Fenster farbenfreudig leuchteten, überzog die bleichen Gesichter der Vorübergehenden. Die Läden der Geflügel-und Materialwarenhändler wurden eine glänzende Quelle der Freude, mit der es fast unmöglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache wie Kauf und Verkauf zu verbinden. Der Oberbürgermeister gab im Festsaal des Mansion-House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern Befehl, Weihnachten zu feiern, wie es eines Oberbürgermeisters würdig ist, und selbst der arme Flickschneider, den er am Montag vorher wegen Trunkenheit und öffentlich ausgesprochener blutdürstiger Gesinnung mit fünf Schilling bestraft hatte, rührte den Weihnachtspudding in seinem Dachkämmerchen an, während seine abgehärmte Frau mit dem Säugling auf dem Arm ausging, um den Rinderbraten zu kaufen.
Immer nebliger und kälter wurde es, durchdringend, beißend, schneidend kalt. Wenn der gute, heilige Dunstan des Teufels Nase nur mit einem Hauche von diesem Wetter gefaßt hätte, anstatt seine sonst übliche Waffe zu brauchen, dann würde er erst recht gebrüllt haben. Der Inhaber einer kleinen, jungen Stupsnase, benagt und angeknabbert von der hungrigen Kälte, wie Knochen von Hunden benagt werden, legte sich vor Scrooges Schlüsselloch, um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen. Aber bei dem ersten Tone des Liedes:
»Gott grüß euch, froher Gentleman, Mög nichts euch ärgern heut!«
ergriff Scrooge das Lineal mit solcher Kraft, daß der Sänger voll Schrecken entfloh und das Schlüsselloch dem Nebel und der noch eindringlicheren Kälte überließ.
Endlich kam die Stunde des Geschäftsschlusses. Mürrisch stieg Scrooge von seinem Sessel und gab dem harrenden Clerk in dem Verließ stillschweigend die Erlaubnis, zu gehen, worauf dieser sogleich das Licht auslöschte und den Hut aufsetzte.
»Sie wollen, wie ich vermute, den ganzen Tag morgen haben«, sagte Scrooge.
»Wenn Sie nichts dagegen haben, Sir,«
»Es paßt mir nicht«, sagte Scrooge, »und es ist nicht schicklich. Wenn ich Ihnen eine halbe Krone dafür abrechnete, würden Sie denken, es widerfahre Ihnen Unrecht, nicht?«
Der Diener lächelte verzagt.
»Und doch«, sagte Scrooge, »denken Sie nicht daran, daß mir Unrecht geschieht wenn ich einen Tag Lohn für einen Tag ohne Arbeit bezahle.«
Der Diener bemerkte, daß es nur einmal im Jahr vorkäme.
»Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fünfundzwanzigsten Dezember einem den Geldbeutel zu bestehlen«, sagte Scrooge, indem er seinen Mantel bis an das Kinn zuknöpfte. »Aber ich vermute, Sie müssen durchaus den ganzen Tag frei haben. Seien Sie dafür übermorgen um so früher hier.«
Der Diener versprach, daß er kommen wolle, und Scrooge ging knurrend fort. Das Kontor war im Augenblick geschlossen. Der Clerk, dem die langen Enden seines weißen Schals über die Brust herabhingen (denn er konnte sich keines Mantels rühmen), schlitterte zu Ehren des Festes als der Letzte hinter einer Reihe von Knaben, die beim Eisvergnügen war, Cornhill hinunter und lief dann so schnell wie möglich in seine Wohnung in Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.
Scrooge nahm sein melancholisches Mahl in seinem gewöhnlichen melancholischen Gasthause ein; und nachdem er alle Zeitungen gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Abrechnungsjournal vertrieben hatte, ging er nach Hause, um zu Bett zu gehen. Er wohnte in den Zimmern, die seinem verstorbenen Kompagnon gehört hatten. Es war eine trübe Reihe von Zimmern in einem düstern, finstern Gebäude eines Hinterhofes, wo dieses so wenig an seinem Platz stand, daß man fast hätte glauben können, es habe sich dorthin verlaufen und sich nicht wieder herausfinden können, als es noch ein junges Haus war und mit andern Häusern Verstecken spielte. Es war jetzt alt und trist genug; denn niemand wohnte dort, außer Scrooge, da die andern Räume alle als Geschäftsräume vermietet waren. Der Hof war so dunkel, daß selbst Scrooge, der jeden Stein darin kannte, seinen Weg mit den Händen ertasten mußte. Der Nebel und der Frost hingen so dick und schwer über dem schwarzen alten Torweg des Hauses, als ob der Dämon dieses Wetters in bekümmertem Grübeln auf der Schwelle säße. Nun ist es eine Tatsache, daß an dem Türklopfer ganz und gar nichts Besonderes war, abgesehen von seiner Größe. Auch ist es Tatsache, daß Scrooge ihn abends und morgens, seitdem er das Haus bewohnte, gesehen hatte und daß Scrooge von dem, was man mit Phantasie bezeichnet, so wenig besaß wie sonst jemand in der City von London, eingerechnet – wenn es erlaubt ist, das zu sagen, – den Stadtrat, die Aldermen und die Zünfte. Man muß auch darauf hinweisen, daß Scrooge, außer heute nachmittag, mit keinem Wörtchen an seinen seit sieben Jahren verstorbenen Kompagnon gedacht hatte. Und nun möge mir jemand, wenn er es kann, erklären, warum Scrooge, als er seinen Schlüssel in das Türschloß steckte, in dem Klopfer, ohne daß sich dieser verändert hatte, keinen Türklopfer, sondern Marleys Gesicht erblickte.
Ja, Marleys Gesicht. Es war nicht in so undurchdringliches Dunkel gehüllt, wie die andern Gegenstände im Hofe, sondern von einem unheimlichen Leuchten umgeben, wie ein verfaulter Hummer in einem dunklen Keller. Das Gesicht war nicht böse oder zürnend, sondern sah Scrooge an, wie ihn Marley gewöhnlich angesehen hatte, die gespenstische Brille auf die gespenstische Stirn hinaufgerückt. Das Haar starrte seltsam in die Höhe, wie von Wind oder heißer Luft gehoben; und obgleich die Augen weit offen standen, waren sie doch ohne alles Leben. Dies und die leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich; aber seine Schrecklichkeit schien mehr in etwas anderem zu liegen und außerhalb seiner Macht als ein Teil seines Ausdrucks.
Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, war es wieder ein Türklopfer.
Zu sagen, er wäre nicht erschrocken, oder sein Blut hätte nicht ein Gruseln empfunden, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt geblieben war, wäre eine Unwahrheit. Aber er nahm sich mit Gewalt zusammen, legte die Hand wieder an den Schlüssel, drehte ihn um, trat ein und zündete seine Kerze an.
Allerdings zögerte er einen Augenblick, ehe er die Tür schloß, und starrte erst vorsichtig dahinter, als fürchte er wirklich, durch den Anblick von Marleys Kopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Tür war nichts als die Schrauben, die den Klopfer festhielten; und so sagte Scrooge: »Ach was!« und warf sie zu.
Der Knall erscholl durch das Haus wie ein Donner. Jedes Zimmer im Obergeschoß, und jedes Faß in des Weinhändlers Keller drunten schien mit seinem besonderen Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos ins Bockshorn jagen ließ. Er schloß die Tür zu, ging über den Hausflur und die Treppe hinauf, und zwar langsam und das Licht aufputzend, während er hinaufstieg. Man kann ungefähr veranschlagen, daß sich eine sechsspännige Equipage über eine Treppe aus der guten alten Zeit oder auch durch ein schlechtes neues Reichsgesetz kutschieren ließ; und ich möchte behaupten, man hätte über die Treppe bei Scrooge einen Totenwagen hinauftransportieren können; und zwar selbst der Breite nach, mit der Deichsel gegen die Wand und mit der Totenwagentür gegen das Geländer. Und das wäre leicht getan gewesen. Dafür wäre Raum übergenug vorhanden gewesen, und das war vielleicht der Grund, warum Scrooge wähnte, er sähe vor sich geradezu eine Totenwagen-Lokomotive im Dunkel sich hinaufbewegen. Ein halbes Dutzend Gaslampen von der Straße aus hätten den Eingang sonderlich hell gemacht, und so kann man sich denken, daß es bei Scrooges Funzel ziemlich dunkel blieb.
Scrooge aber ging hinauf und scherte sich keinen Pfifferling darum. Dunkelheit ist billig, und das hatte Scrooge gern. Aber ehe er seine schwere Tür zumachte, ging er doch durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch zu nachdrücklich, als daß er nicht dieses Bedürfnis gehabt hätte.
Wohnzimmer, Schlafzimmer, Rumpelkammer, alles war, wie es sein sollte. Niemand unter dem Tisch, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf dem Rost, Löffel und Teller bereit, und das kleine Töpfchen Suppe (Scrooge war erkältet) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett, niemand in dem Alkoven, niemand in seinem Schlafrock, der in ganz verdächtiger Art an der Wand hing. Die Rumpelkammer wie gewöhnlich. Ein alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, ein dreibeiniger Waschtisch und ein Feuerhaken.
Vollkommen zufrieden, machte er die Tür zu, schloß sich ein und riegelte noch zu, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen Überraschung gesichert, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen Schlafrock und die Pantoffel an, setzte die Nachtmütze auf und setzte sich vor das Feuer, um seine Suppe zu löffeln.
Es war wirklich ein sehr kleines Feuer, so gut wie gar keins in einer so bitterkalten Nacht. Er mußte sich dicht daran setzen und sich darüber beugen, um das geringste Wärmegefühl von einer solchen Handvoll Kohlen zu genießen. Der Kamin war vor vielen Jahren von einem holländischen Kaufmann errichtet worden und ringsum mit seltsamen holländischen Fliesen belegt, die bestimmt waren, die Heilige Schrift zu illustrieren. Da sah man Kain und Abel, Pharaos Töchter, Königinnen von Saba, Engel durch die Luft auf den Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Belsazar, Apostel in See gehend auf Marktschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu beschäftigen; und doch kam das Gesicht Marleys wie der Stab des alten Propheten und verschlang alles andere. Wenn jede glänzende Fliese blank und vermögend gewesen wäre, aus den zerstreuten Fragmenten von Scrooges Gedanken ein Bild auf seine Fläche zu zaubern, auf jedem wäre ein Abbild von des alten Marleys Gesicht erschienen.
»Dummes Zeug!« sagte Scrooge und schritt im Zimmer auf und ab.
Nachdem er einigemal hin-und hergegangen war, setzte er sich wieder nieder. Als er den Kopf in den Stuhl zurücklegte, blieb sein Blick wie von ungefähr an der Glocke hängen, an einer alten, nicht mehr gebrauchten Glocke, die zu einem jetzt vergessenen Zweck mit einem Zimmer in dem obersten Stockwerk in Verbindung stand. Es befiel ihn großes Erstaunen und ein seltsamer unerklärlicher Schauer, als die Glocke anhub, sich zu bewegen; erst bewegte sie sich so sachte, daß sie kaum einen Ton von sich gab; aber bald läutete sie laut und mit ihr alle Glocken des Hauses.
Dies mochte eine halbe Minute oder eine Minute gedauert haben, aber es schien eine Stunde zu sein. Die Glocken hörten gleichzeitig auf, wie sie gleichzeitig angefangen hatten. Darauf vernahm man ein klirrendes Geräusch, tief unten, als ob jemand eine schwere Kette über die Fässer in des Weinhändlers Keller zerrte. Jetzt erinnerte sich Scrooge, gehört zu haben, daß Gespenster Ketten schleppen sollten.
Die Kellertür flog mit einem dumpfdröhnenden Krachen auf, und dann hörte er das Klirren viel lauter auf dem Hausflur unten; dann wie es die Treppe heraufkam; und dann wie es gerade auf seine Tür zukam.
»Es ist dummes Zeug«, sagte Scrooge. »Ich glaube nicht daran.«
Marleys Geist erscheint Scrooge.
Aber er wechselte die Farbe, als es, ohne zu verweilen, durch die schwere Tür und in das Zimmer kam. Als es hereintrat, flammte das sterbende Feuer auf, als ob es riefe: »Ich kenne ihn, Marleys Geist!« und fiel wieder zusammen.
Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seiner Zopfperücke, seiner gewöhnlichen Weste, den engen Beinkleidern und hohen Stiefeln, deren Quasten sträubten sich wie sein Zopf und seine Rockschöße und das Haar auf seinem Kopf. Die Kette, die er hinter sich herschleppte, war mitten um seinen Körper geschlungen. Sie war lang und wand sich wie ein Schweif und war (denn Scrooge betrachtete sie sehr genau) aus Geldkassetten, Schlüsseln, Schlössern, Hauptbüchern, Verträgen und schweren Börsen aus Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war durchsichtig, so daß Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knöpfe rückwärts auf seinem Rock sehen konnte.
Scrooge hatte oft behaupten gehört, Marley habe kein Herz im Leibe, aber er hatte es bis jetzt nicht geglaubt.
Nein, er glaubte es auch jetzt nicht einmal. Obwohl er das Gespenst durch und durch vor sich stehen sah; obwohl er den erfrieren machenden Schauer seiner totkalten Augen fühlte und selbst den Stoff des Tuches erkannte, das um seinen Kopf und sein Kinn gebunden war, und das er früher nicht bemerkt hatte, war er doch noch ungläubig und verwahrte sich gegen die Eindrücke seiner Sinne.
»Nun«, sagte Scrooge, barsch und kalt wie gewöhnlich, »was wollt Ihr?«
»Viel!« Das war Marleys Stimme; kein Zweifel.
»Wer seid Ihr?«
»Fragt mich, wer ich war.«
»Nun, wer waret Ihr denn?« sagte Scrooge lauter. »Ihr seid ein besonderes Exemplar für ein Gespenst.« Er wollte sagen »als Gespenst«; aber er ersetzte das »als« durch »für ein«, um auf alle Fälle sich zu sichern.
»Als ich lebte, war ich Euer Kompagnon, Jakob Marley.«
»Könnt Ihr auch sitzen?« fragte Scrooge und sah ihn zweifelnd an.
»Ich kann es.«
»Dann bitte!«
Scrooge stellte die Fragen, weil er nicht wußte, ob ein so durchsichtiges Gespenst sich werde setzen können, und fühlte, daß er ihn recht unangenehm hätte zur Rede stellen können, wenn jener dies nicht gekonnt hätte.
»Ihr glaubt nicht an mich?« fragte der Geist.
»Nein«, sagte Scrooge.
»Welchen Beweis wollt Ihr, außer dem Eurer Sinne, von meiner Wirklichkeit haben?«
»Ich weiß nicht«, sagte Scrooge.
»Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?«
»Weil eine Geringfügigkeit sie stört«, sagte Scrooge. »Eine kleine Störung im Magen macht sie zu Lügnern. Ihr könnt ein unverdautes Stück Rindfleisch, ein Senfklecks, eine Käserinde, ein Stückchen schlechter Kartoffel sein. Wer Ihr auch sein mögt, Ihr seid mehr Unterleib, als Unterwelt.«
Es war nicht eben Scrooges Art, Witze zu machen, auch fühlte er jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit war, daß er sich bestrebte, aufgeräumt zu sein, überlegen zu erscheinen, um seine Aufmerksamkeit auf das Gespenst zu verjagen und um sein Entsetzen niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark in seinen Gebeinen erzittern.
Nur einen Augenblick schweigend diesen starren, erfrorenen Augen gegenüberzusitzen, würde ihn wahnsinnig machen, das empfand Scrooge wohl. Auch war die Tatsache so grauenerregend, daß das Gespenst seine eigene höllische Atmosphäre hatte. Scrooge fühlte sie zwar nicht selbst, aber doch mußte es der Fall sein. Obwohl nämlich das Gespenst ganz regungslos dasaß, bewegten sich seine Haare, seine Rockschöße und seine Stiefelquasten wie von der erhitzten Luft eines Ofens.
»Ihr seht diesen Zahnstocher«, sagte Scrooge und nahm aus dem eben angeführten Grund seine Attacke wieder auf, von dem Wunsch beseelt, wenn auch nur für einen Augenblick den starren, eisigen Blick des Gespenstes von sich abzuwenden.
»Ja«, antwortete der Geist.
»Ihr seht ihn ja nicht an«, sagte Scrooge.
»Aber ich sehe ihn trotzdem«, erwiderte das Gespenst.
»Gut«, meinte Scrooge. »Ich brauche ihn nur hinunterzuschlucken, und mein ganzes übriges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde, die ich selbst erzeugt habe. Dummes Zeug, sag’ ich, dummes Zeug!«
Bei diesen Worten stieß das Gespenst einen gräßlichen Schrei aus und ließ seine Kette so grauenhaft und fürchterlich klirren, daß Scrooge sich an seinen Stuhl festklammern mußte, um nicht in Ohnmacht zu sinken. Aber wieviel größer ward sein Entsetzen, als das Gespenst die Binde vom Kopf nahm, als wäre es ihm zu warm im Zimmer, und die Unterkinnlade auf die Brust herabsank.
Scrooge fiel auf die Knie nieder und schlug die Hände vors Gesicht.
»Gnade!« rief er. »Schreckliche Erscheinung, warum quälst du mich?«
»Mensch mit der weltlich gesinnten Seele«, erwiderte der Geist, »glaubst du an mich oder nicht?«
»Ich glaube«, sagte Scrooge, »ich muß es. Aber warum wandeln Geister auf Erden und warum kommen sie zu mir?«
»Von jedem Menschen wird gefordert«, antwortete das Gespenst, »daß der Geist in ihm unter seinen Mitmenschen wandle und ferne, weite Reisen mache. Wenn nun dieser Geist nicht bei Lebzeiten hinausgeht, so ist er verdammt, durch die Welt zu wandern – ach, weh mir! – und anzusehen, was er nicht mehr mitgenießen kann, was er aber auf Erden hätte mitgenießen und zum Guten hätte ausnutzen können.«
Wieder stieß das Gespenst einen Schrei aus, rüttelte an seinen Ketten und rang die schattenhaften Hände.
»Du bist gefesselt«, sagte Scrooge zitternd. »Sage mir, weshalb?«
»Ich trage die Kette, die ich im Leben geschmiedet habe«, sagte der Geist. »Ich schmiedete sie Glied für Glied und Elle für Elle; mit meinem eigenen freien Willen gürtete ich sie um; und nach meinem eigenen freien Willen muß ich sie nun tragen. Ihre Glieder kommen dir seltsam vor.«
Scrooge zitterte immer heftiger.
»Oder willst du die Schwere und Länge der Kette wissen«, fuhr der Geist fort, »die du selber trägst? Sie war gerade so lang und so schwer wie diese hier vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du an ihr weitergearbeitet. Es ist eine schwere Kette.«
Scrooge schaute auf den Boden herab in der Erwartung, sich von fünfzig oder sechzig Klaftern Eisenketten umschlungen zu sehen; aber er gewahrte nichts.
»Jakob«, sagte er bittend, »Jakob Marley, erzähle mir mehr. Sage mir einen Trost, Jakob.«
»Ich habe keinen zu geben«, antwortete der Geist. »Er kommt aus anderen Sphären, Ebenezer Scrooge, und wird von andern Boten zu andern Menschen gebracht. Auch darf ich dir nicht sagen, was ich dir sagen möchte. Nur ein Weniges mehr als das Bisherige ist mir zu sagen erlaubt. Ich kann nicht rasten, ich kann nicht ruhen, ich kann nur etwas versichern. Mein Geist ging nie über unser Kontor hinaus – merk auf – im Leben blieb mein Geist immer in den engen Grenzen unserer Wucherhöhle; und weite Reisen liegen noch vor mir.«
Es war eine Gewohnheit von Scrooge, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in die Hosentasche zu stecken. Nachsinnend über das, was der Geist sagte, tat er es auch jetzt, aber ohne seine Augen zu erheben oder vom Stuhl aufzustehen.
»Du mußt dir aber viel Zeit genommen haben, Jakob«, bemerkte er in der Art eines Geschäftsmannes, wenn auch mit vieler Demut und Ehrerbietung.
»Viel Zeit!« sagte der Geist.
»Sieben Jahre tot«, sann Scrooge nach. »Und die ganze Zeit über gewandert.«
»Die ganze Zeit», sagte der Geist. »Kein Bleiben, kein Frieden, nur unaufhörlich die Qual der Reue.«
»Du reisest schnell«, sagte Scrooge.
»Auf den Fittichen des Windes«, sagte der Geist.
»Da mußt du doch eine große Strecke in den sieben Jahren absolviert haben«, sagte Scrooge.
Als der Geist das vernahm, stieß er wieder einen Schrei aus und klirrte so grauenvoll mit seiner Kette in dem Todesschweigen der Nacht, daß ihn der Nachtwächter mit vollem Recht wegen Ruhestörung hätte anzeigen können.
»Oh, gefangen und gefesselt, in doppeltes Eisen gelegt!« rief das Gespenst, »nicht zu wissen, daß Zeitalter von unaufhörlicher Mühe sterblicher Geschöpfe vergehen, ehe das Gute, dessen die Erde fähig ist, sich entfalten kann; nicht zu wissen, daß ein christlicher Geist, und wenn er auch in einem noch so kleinen Kreis der Liebe wirkt, in diesem Erdenleben sich selbst belohnende Arbeit genug finden kann! Aber ich ahnte es nicht, ach, ahnte es nicht!«
»Aber du warst doch immer ein guter Geschäftsmann, Jakob«, stotterte Scrooge zitternd, der jetzt begann, das Schicksal des Geistes auf sich selbst zu übertragen.
»Geschäft!« rief das Gespenst, seine Hände wieder ringend. »Der Mensch war mein Geschäft. Die allgemeine Wohlfahrt war mein Geschäft; Barmherzigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe wären alles mein Geschäft gewesen. Der Fleiß in meinem Gewerbe aber war nur ein Tropfen Wasser in dem weiten Ozean meines wahren Geschäfts.«
Er hielt seine Kette weit von sich weg, als ob dies die Ursache seines hoffnungslosen Schmerzes gewesen wäre, und warf sie wieder dröhnend nieder.
