Die Abenteuer des Roderick Random - Tobias Smollett - E-Book

Die Abenteuer des Roderick Random E-Book

Tobias Smollett

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Beschreibung

In "Die Abenteuer des Roderick Random" entführt Tobias Smollett die Leser in die facettenreiche Welt des 18. Jahrhunderts, in der er mit scharfer Beobachtungsgabe und lebendigem Sprachstil die Erlebnisse des titelgebenden Protagonisten schildert. Roderick Random, ein junger, abenteuerlustiger Anwalt, begibt sich auf eine Reise durch die sozialen Schichten und geografischen Weiten Schottlands und Englands. Smollett kombiniert aberwitzige Begebenheiten mit einer scharfen Gesellschaftskritik, indem er Themen wie Armut, Identität und den ewigen Kampf um soziale Anerkennung behandelt, was das Werk zu einer schillernden Errungenschaft der britischen Aufklärung macht. Tobias Smollett, selbst ein Produkt seiner Zeit, brachte nicht nur persönliche Erfahrungen als Seemann und Soldat in seine Werke ein, sondern war auch ein scharfer Kritiker der sozialen Misstände seiner Zeit. Geboren in das schottische Hochland, vereinte er in seiner literarischen Karriere, die von Romanen, Essays und Theaterstücken geprägt ist, seine Leidenschaft für das Schreiben mit einer tiefen Beobachtungsgabe für menschliche Schwächen und gesellschaftliche Probleme. Diese Kombination aus persönlicher Erlebnisse und seiner kritischen Haltung beeinflusste maßgeblich die Ausformulierung von Roderick Randoms Abenteuern. Für Leser, die an lebendigen Charakteren und packenden Erzählungen der britischen Literatur interessiert sind, bietet "Die Abenteuer des Roderick Random" einen einzigartigen Einblick in die Herausforderungen, Freuden und Schwierigkeiten des Lebens im 18. Jahrhundert. Smolletts meisterhafte Erzählkunst und sein scharfer Humor machen dieses Buch zu einer zeitlosen Lektüre, die sowohl unterhält als auch zum Nachdenken anregt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Tobias Smollett

Die Abenteuer des Roderick Random

Bereicherte Ausgabe. Klassiker der schottischen Literatur
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Nolan Shepherd
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547808930

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Abenteuer des Roderick Random
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ein junger Außenseiter treibt wie ein aufgewühltes Wrackholz durch die Strömungen einer Gesellschaft, die ihn verschlucken oder verwandeln will. Diese Bewegung, unruhig und doch zielstrebig, ist der Pulsschlag dieses Romans: ein Weg aus der Provinz hinaus in die weite Welt, durch Kasernen, Kajüten und Gassen, immer auf der Suche nach Anerkennung, Nahrung und einem Platz in der Ordnung der Dinge. Die Abenteuer sind bunt, die Prüfungen scharf, die Einsichten bitter und komisch zugleich. Was bleibt, ist die Frage, ob Erfahrung den Charakter läutert oder lediglich die Haut dicker macht – und wie viel Glück der Tüchtige braucht.

Die Abenteuer des Roderick Random von Tobias Smollett erschien 1748 und zählt zu den prägenden Werken des frühen englischen Romans. Smollett, ein schottischer Autor des 18. Jahrhunderts, verbindet hier das Erbe der Schelmenliteratur mit der sozialkritischen Energie seiner Zeit. Entstanden in einer Epoche rasanter politischer, ökonomischer und imperialer Dynamik, zeigt das Buch eine Gesellschaft in Bewegung – und die Reibungen, die daraus entstehen. Es bietet einen jungen Protagonisten, dessen Herkunft ihn benachteiligt, dessen Temperament ihn vorantreibt und dessen Beobachtungsgabe die Welt scharf konturiert. Ohne die Zukunft vorwegzunehmen, zeichnet Smollett den Lauf eines Lebens an der Kante.

Als Klassiker gilt das Buch, weil es die Formen der frühen Prosa mit einer seltenen Mischung aus Tempo, Witz und Beobachtungsscharfheit belebt. Es greift Motive der spanischen Pikaro-Tradition auf, überführt sie in britische Verhältnisse und prägt damit die Entwicklung des Romans zwischen Satire und Realismus. Die lebendigen Milieuszenen, die Kraft der Episoden und der souveräne Ton des Erzählers wirkten stilbildend. Spätere Autorinnen und Autoren fanden hier Vorbilder für komische Zuspitzung, gesellschaftliche Diagnose und erzählerischen Schwung; nicht selten wird Smollett als Vorläufer jener polyperspektivischen, urbanen Romankunst gelesen, die das 19. Jahrhundert groß gemacht hat.

Der Inhalt lässt sich knapp so umreißen: Ein verarmter junger Schotte verlässt seine Herkunftswelt und sucht in London, auf See und anderswo nach Chancen, Schutz und Zugehörigkeit. Die Stationen sind vielfältig – Lehrzeit, Schiffsplanken, Krankenlager, Gasthäuser, Amtsstuben – und jedes Umfeld prüft ihn auf andere Weise. Betrug, Freundschaft, Täuschung, Glücksfälle: Alles drängt sich in rascher Folge. Der Roman zeigt, wie ein Einzelner im Geflecht aus Geburt, Geld und Beziehungen navigiert, ohne zu verraten, wohin der Kurs schließlich führt. Die Absicht ist klar: die Mechanik sozialer Auf- und Abstiege sichtbar zu machen, und das mit Funken schlagender Erzählfreude.

Tobias Smollett war ausgebildeter Chirurg und kannte das Leben an Bord ebenso wie die Härten öffentlicher Institutionen. Diese Erfahrungen geben den Seestücken und medizinischen Episoden ihre Unmittelbarkeit. Doch er war nicht nur Chronist, sondern Satiriker: Er beobachtet Autoritäten, Routinen und Rituale, deckt Eitelkeiten und Missstände auf und hält zugleich den Blick offen für Zähigkeit und Witz der Schwachen. Smollett veröffentlichte in einem literarischen Feld, das sich erst formte; sein Roman zeigt, wie kräftig die neue Gattung Wirklichkeit abbilden und prüfen konnte, ohne ihr zu erliegen. Die Wirklichkeitsnähe speist sich aus Kenntnis, nicht aus bloßer Behauptung.

Erzählt wird in der ersten Person – eine Stimme, die bekennt, verteidigt, spöttelt und staunt. Die Episodenreihe ist kunstvoll verschachtelt: kurze, krachende Szenen wechseln mit ruhigeren Passagen, in denen Reflexion und Erinnerung Raum gewinnen. Typisch ist die Balance aus grobem Humor und präziser Detailfreude. Figuren erscheinen pointiert, bisweilen karikiert, doch bleiben sie erkennbar Teil eines sozialen Systems, das die Einzelnen formt. Das Timing der Komik treibt die Handlung voran; die Moral entsteht aus Konfrontation statt aus Lehrsatz. So entsteht eine Bewegung des Probierens und Scheiterns, die das Romangeschehen elastisch, überraschend und doch in sich plausibel macht.

Zentrale Themen sind soziale Herkunft und Selbstentwurf, Patronage und Meritokratie, Gewalt und Fürsorge in Institutionen, aber auch die fragile Würde des Einzelnen. Der Roman zeigt, wie Zufall und Kalkül einander überlagern, wie Türen sich durch Beziehungen öffnen und durch Vorurteil wieder schließen. Geld und Ehre, Bildung und Überleben, Liebe und Loyalität: Aus diesen Spannungen speist sich die Energie der Episoden. Besonders eindringlich ist, wie Körperlichkeit – Hunger, Krankheit, Erschöpfung – mit moralischen Konflikten verschränkt wird. Wer keinen festen Stand in der Gesellschaft hat, muss ständig improvisieren; diese Improvisation ist zugleich Tugendprobe und Selbsterhaltungskunst.

Die Satire ist scharf, aber nicht kalt. Wo Autorität brutal, Bürokratie stumpf und Etikette hohl werden, setzt Smollett auf Überzeichnung, Komik und genaue Beobachtung. Doch zwischen Spott und Groteske blitzen Freundschaft, Dankbarkeit und Beharrlichkeit auf. Rodericks Stimme wechselt von trotzig zu verletzlich, von stolz zu lernbereit – und macht erfahrbar, wie Charakter nicht nur aus Prinzipien, sondern aus Notlagen entsteht. Die moralische Welt des Romans ist deshalb beweglich: Schuld und Einsicht verteilen sich unsauber, und gerade darin liegt seine Überzeugungskraft. Der Leser wird zum Komplizen einer Prüfung, nicht zum Zeugen einer fertigen Lehre.

In der Literaturgeschichte markiert das Buch einen frühen Durchbruch Smolletts als Romanautor und festigt seine Rolle neben anderen Wegbereitern des englischen Romans. Sein elanvoller Ton, die satirische Spannweite und die Genauigkeit der Alltagsdetails beeinflussten nachfolgende Generationen, insbesondere in der Tradition des komisch-realistischen Gesellschaftsromans und der Abenteuerprosa. Die maritime Imaginationskraft wirkte über das 18. Jahrhundert hinaus und prägte die Darstellung von Soldaten- und Seefahrerwelten. Auch die Idee, soziale Kritik durch episodische Komik zu schärfen, fand Nachhall. So steht das Werk am Beginn einer Linie, die bis ins 19. Jahrhundert reichen sollte.

Klassisch ist der Roman nicht nur als historisches Dokument, sondern als Formlabor: Er verbindet den Schwung der Schelmenliteratur mit der Genauigkeit des entstehenden Realismus. Er zeigt, wie erzählerische Perspektive Autorität gewinnt, ohne Unfehlbarkeit zu beanspruchen. Er macht erfahrbar, wie Schauplätze – Deck, Gasse, Stube – nicht bloße Kulissen, sondern Handlungsmotoren sind. Und er führt vor, wie Witz als Erkenntnismittel funktioniert. In dieser Verbindung liegt seine bleibende Bedeutung: Er steht an der Schwelle zwischen geformter Satire und offener Gesellschaftsstudie und macht sichtbar, wie der Roman zum vielstimmigen Archiv seiner Gegenwart werden konnte.

Wer das Buch heute liest, spürt das Tempo und die Sinnlichkeit seiner Prosa: Gerüche, Geräusche, Gesten sind dicht gesetzt, die Szenen haben Schwung, die Dialoge – vermittelt über den Erzähler – tragen. Die Figur Roderick lädt zur Identifikation ein, ohne sich dem Urteil zu entziehen. Die Fülle der Milieus ermöglicht eine Reise durch das 18. Jahrhundert, in der Neugier und Skepsis sich die Waage halten. Diese Mischung aus Nähe und Distanz erzeugt ein Leseerlebnis, das zugleich unterhält und prüft. Man lernt mit der Figur, nicht über sie – und bleibt deshalb in Bewegung, bis die letzte Seite sich schließt.

Smolletts Roman ist heute relevant, weil er über Prekarität, Aufstiegshoffnungen, institutionelle Macht und die Notwendigkeit von Solidarität spricht. Er zeigt, wie Menschen in unsicheren Zeiten Wege finden, und prüft, was Charakter unter Druck bedeutet. Die Qualitäten sind klar: erzählerischer Mut, satirische Klarheit, plastische Weltentwürfe, eine Stimme, die auch in der Härte Wärme bewahrt. Seine dauerhafte Anziehungskraft liegt in der Verbindung von Abenteuerlust und Gesellschaftsdiagnose. Wer sich auf diesen Text einlässt, entdeckt nicht nur ein Stück Literaturgeschichte, sondern ein Instrument zur Gegenwartsdeutung – ein Buch, das alt ist und doch mit frischer Luft die Gegenwart durchzieht.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Der picareske Roman Die Abenteuer des Roderick Random (1748) von Tobias Smollett erzählt in Ich-Form den Lebensweg eines jungen Schotten, der aus prekären Verhältnissen aufbricht und in einer Folge von Prüfungen, Zufällen und Begegnungen reift. In satirisch zugespitzten Episoden eröffnet der Text ein Panorama des 18. Jahrhunderts: vom ländlichen Schottland über London bis aufs Kriegsschiff und in die Kolonien. Die Erzählung verbindet Reise-, Ausbildungs- und Liebesgeschichte, ohne ein geschlossenes Gesellschaftsbild zu behaupten. Stattdessen verdichtet sie Erfahrungen von Armut, Ehrgeiz, Hierarchie und Gewalt zu einer Abfolge von Situationen, die soziale Mechanismen sichtbar macht und zugleich den zähen Aufstiegswillen ihres Helden betont.

Zu Beginn stehen Herkunft und frühe Verluste. Roderick wird als Sohn ungleicher Eltern geboren; familiäre Spannungen und wirtschaftliche Beschränkungen prägen seine Kindheit. Nach dem Tod naher Angehöriger ist er auf wechselhafte Verwandtenhilfe und eine harte Schulausbildung angewiesen. Förderliche Förderung bleibt selten, Demütigungen sind häufig. Ein seefahrender Onkel erscheint gelegentlich als verlässliche Stütze, kann jedoch keine dauerhafte Sicherheit bieten. Ausgestattet mit Witz, lernbegierig, aber mittellos, entscheidet Roderick, sich nicht in der provinziellen Enge festzusetzen. Er verlässt seine Heimat, getrieben von Aussicht auf Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Anerkennung, und richtet seinen Blick auf größere Zentren, in denen Talent, Glück und Protektion neue Wege eröffnen könnten.

Der erste Versuch, Fuß zu fassen, führt in medizinisches Handwerk. Als Lehrling bei einem groben Landchirurgen erfährt Roderick die Grenzen ständischer Ordnung ebenso wie die Spielräume praktischer Geschicklichkeit. Konflikte, Beleidigungen und knappe Mittel treiben ihn weiter Richtung Süden. In London trifft er auf Strap, einen treuen Barbiergesellen, dessen Freundschaft zum wiederkehrenden Halt wird. Gemeinsam durchstreifen sie ein Milieu aus Wirten, Vermittlern und Glücksrittern, in dem Versprechen schnell, Einkommen unsicher und Rückschläge gewöhnlich sind. Zwischen Gelegenheitsarbeit, Schulden und kleinen Chancen formt sich Rodericks Ziel: fachliche Anerkennung als Chirurg und gesellschaftlicher Aufstieg, die beides Disziplin, Schutzpatrone und günstige Konjunkturen verlangen.

Der Weg in den Dienst auf See eröffnet neue Möglichkeiten und Risiken. Als Gehilfe der Chirurgie an Bord erlebt Roderick den Maschinenraum des Empire: Drill, Krankheiten, Mangel und die Willkür ranghoher Offiziere. Große Expeditionen und Gefechte rahmen den Alltag, der weniger von heroischer Tat als von Organisation, Leid und Zufällen bestimmt ist. Satirisch gezeichnete Vorgesetzte und Kameraden spiegeln Korpsgeist, Eitelkeit und Kompetenz in wechselnden Mischungen. In diesem Umfeld lernt Roderick, Körper und Hierarchien zu lesen, Entscheidungen unter Druck zu treffen und Verbündete zu finden. Der Dienst schärft seine Profession, doch die Unsicherheit des Soldatenlebens lässt die Suche nach stabileren Perspektiven fortbestehen.

Nach Entlassungen und Heimkehrphasen beginnt eine bürgerliche Episode. Roderick versucht, seine Kenntnisse zu monetarisieren, knüpft Kontakte und begegnet Narcissa, einer jungen Frau aus besserer Gesellschaft. Die Anziehung ist stark, doch Standesdifferenzen, Vormünder und ökonomische Schranken erschweren jede Annäherung. Parallel kursieren Versuchungen der Großstadt: windige Projekte, falsche Freunde, schnelle Kredite. Strap bleibt loyale Konstante, während Roderick zwischen Pflichtgefühl, Ehrgeiz und Gefühlen balanciert. Die Liebesgeschichte tritt als Prüfstein für Charakter, Geduld und soziale Intelligenz hervor, ohne die materiellen Bedingungen aus dem Blick zu verlieren, die in dieser Welt über Anerkennung, Freiheit und die Möglichkeit einer verbindlichen Lebensgestaltung entscheiden.

Um seine Chancen zu erhöhen, erweitert Roderick seine Ausbildung. Er reist aufs Festland, studiert Praktiken der Chirurgie, begegnet Ärzten, Studenten, Veteranen und Abenteurern verschiedenster Nationen. Die Stationen liefern komische, scharf beobachtete Szenen, in denen Fachwissen, Titel und Reputation verhandelt werden. Sprachliche und kulturelle Hürden, prekäre Finanzen und Rivalitäten fordern Improvisationstalent. Zurück in Britannien steht er besser gerüstet da, doch nicht frei von Risiken: Brüche mit Gönnern, Duelle, Prozesse und plötzliche Engpässe zwingen zu Kurskorrekturen. Der Roman hält die Spannung, indem er Erfolge andeutet, sie relativiert und neue Hindernisse nachschiebt, wodurch Rodericks Beharrlichkeit und Lernfähigkeit fortwährend auf die Probe gestellt werden.

Erneute Fahrten auf See und Unternehmungen im Handel oder als Freibeuter vergrößern den Aktionsraum. Roderick erlebt Stürme, Krankheiten, diplomatische Verwerfungen und opportunistische Bündnisse, die das Zeitalter der Kriege und Kolonien prägen. Mit medizinischem Können, Mut und Taktik gelingen punktuelle Fortschritte, die jedoch durch Verluste, Gefangennahmen oder Verrat schnell infrage stehen können. Die Episoden zeigen, wie Glück und Geschick untrennbar verwoben sind und wie dünn die Schicht der Ordnung über Gewalt und Not liegt. Gleichzeitig wachsen praktische Autorität und Netzwerk, die ihn näher an das Ziel rücken, eine unabhängige Existenz und gesellschaftliche Anerkennung zu sichern.

Allmählich ziehen sich die Linien zusammen. Rodericks berufliche Kompetenz, seine erprobten Freundschaften und die Hartnäckigkeit in Herzensdingen erzeugen neue Optionen. Gegenspieler aus Familie, Verwaltung und Halbwelt versuchen, Besitz, Reputation und Beziehungen zu kontrollieren, während Unterstützer – alte Kameraden, dankbare Patienten, nüchterne Vermittler – Spielräume eröffnen. Strategische Zurückhaltung löst offene Konfrontation ab, List ergänzt Tapferkeit. Die Frage, ob Herkunft und Vermögen unüberwindbare Hürden bilden oder ob Leistung, Loyalität und glückliche Fügung eine Tür öffnen, wird zugespitzt. Ohne endgültige Wendungen vorwegzunehmen, bereitet der Roman eine Lösung vor, die persönliche Bindung, materielle Grundlage und soziale Stellung in ein neues Gleichgewicht bringt.

Die Gesamtbotschaft bündelt satirische Gesellschaftsanalyse und individuelle Bewährungsprobe. Die Abenteuer veranschaulichen, wie sehr Aufstieg im 18. Jahrhundert von Protektion, Kapital und Zufall abhängt, und wie Institutionen – Schule, Marine, Markt, Gericht – zugleich Ordnung versprechen und Ungleichheit reproduzieren. Rodericks Weg demonstriert Resilienz, Anpassungsfähigkeit und die Bedeutung verlässlicher Gefährten, ohne Elend, Gewalt und Täuschung zu romantisieren. Liebe, Beruf und Ehre erscheinen als erreichbare, aber fragile Güter, deren Bestand Kompromisse und Umsicht verlangen. So vermittelt der Roman die Einsicht, dass persönliche Tüchtigkeit Wirkung entfalten kann, wenn sie Gelegenheiten erkennt, Verbündete bindet und den Zwang der Verhältnisse nüchtern kalkuliert.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Abenteuer des Roderick Random ist im Großbritannien der 1730er und 1740er Jahre verankert, einer Phase intensiver imperialer Expansion, kriegerischer Auseinandersetzungen und rascher Urbanisierung. Der Handlungsraum erstreckt sich von ländischen Regionen Schottlands über Glasgow und London bis zu Hafenstädten wie Portsmouth und Plymouth, weiter über den Atlantik in die Karibik und an französische Küsten. In dieser Zeit verdichteten sich die Netzwerke von Krieg, Handel und Kolonialwirtschaft. Hafenviertel, Werften und Kriegsschiffe prägten den Alltag ebenso wie Armenquartiere, Schenken und Schuldtürme. Das Buch nutzt diese topographische Breite, um soziale Gegensätze und die Risiken mobiler Existenzen im imperialen Zeitalter sichtbar zu machen.

Die erzählte Welt ist die einer Seekriegs- und Handelsmacht, deren Knotenpunkte zwischen Königreich und Kolonien pendeln. Britische Kriegsschiffe der Linienflotte, private Kaperfahrer, Werftarbeiter, Wundärzte, Kaufleute und einfache Seeleute bilden das Personal dieser Epoche. London fungiert als Metropole der Kredite, Stellenvermittlung und Patronage, zugleich als Schauplatz von Armut, Betrug und Krankheiten. Schottland liefert eine Herkunftsszenerie sozialer Grenzlagen, während die Westindischen Kolonien, spanischen Küsten und französischen Häfen die globale Reichweite britischer Ambitionen markieren. Die zeitliche Klammer der 1730er und 1740er Jahren bringt politische Krisen, Kriege und Reformansätze zusammen, die Handlung und Themenrahmen des Romans stark bestimmen.

Die anglo-schottische Union von 1707 schuf das Königreich Großbritannien, hob das schottische Parlament auf und öffnete schottischen Händlern den Zugang zu englischen Kolonialmärkten. Zugleich blieben konfessionelle Spannungen und regionale Loyalitäten bestehen, verstärkt durch die Folgeaufstände der Jakobiten 1715 und latent bis 1745. Diese strukturelle Neuordnung brachte schottische Migranten nach London, wo sie Chancen und Vorurteile zugleich erwarteten. Im Roman wirkt diese Konstellation in der Herkunft des Protagonisten nach: Schottische Identität trifft auf englische Metropole, soziale Ambition auf Abwertung. Die erzählten Diskriminierungserfahrungen in London veranschaulichen Nachwirkungen der Union im Alltagskonflikt der 1740er Jahre.

Die Ära Sir Robert Walpoles (1721–1742) steht für politische Stabilisierung durch Patronage, Ämtervergabe und Haushaltsdisziplin, aber auch für verbreitete Korruptionsvorwürfe. Walpoles System der Place-Besetzungen und Pensionen band Abgeordnete und Beamte, während Oppositionskreise um William Pulteney Reformrhetorik pflegten. Nach Walpoles Sturz 1742 blieb das Patronagegefüge in Verwaltung und Marine prägend. Der Roman spiegelt diese Verhältnisse, wenn er Karriereschranken ohne Protektion, das Geflecht von Gönnerschaft, Bestechung und Dienstposten sowie die ökonomische Prekarität von Zuwanderern nachzeichnet. London erscheint als Drehscheibe, in der Ämter und Anstellungen weniger nach Qualifikation als nach Beziehungen und Zahlkraft verteilt werden.

Der Krieg um Jenkins’ Ohr (1739–1748) entstand aus Handelskonflikten mit Spanien, insbesondere Kontrollen der spanischen Küstenwache gegen britischen Schmuggel in Spanisch-Amerika und dem Asiento-Hintergrund seit 1713. Nach dem propagandistisch ausgeschlachteten Ohren-Vorfall von 1731 erklärte Großbritannien 1739 den Krieg. Admiral Edward Vernons Eroberung von Porto Bello 1739 entfachte Begeisterung, trieb Werbung und Mannschaftsaufkommen und eröffnete karibische Operationen. Der Roman knüpft an diese Kriegsmobilmachung an: Er führt Figuren in den maritimen Dienst, zeigt die Verheißung von Prisen und Aufstieg sowie die brutale Realität auf See, die Kriegspropaganda und materielle Not entlarvt.

Der Feldzug gegen Cartagena de Indias (März–Mai 1741) wurde zum Fiasko britischer Kriegführung. Vernons imposante Flotte und General Thomas Wentworths Landtruppen scheiterten an spanischer Verteidigung unter Blas de Lezo, tropischen Krankheiten, Logistik- und Koordinationsmängeln. Zehntausende erkrankten an Gelbfieber, Malaria und Ruhr; die britischen Verluste waren verheerend, die Kampagne wurde abgebrochen. Smollett diente selbst als Schiffsarztgehilfe in Vernons Karibikexpedition, und der Roman verdichtet diese Erfahrung: Elende Sanitätsversorgung, Mangel an frischem Proviant, Korruption bei Ausrüstung und die unzureichende Versorgung Verwundeter erscheinen als detailreiche, historisch fundierte Anklage gegen organisationelle Defizite der Marine.

Mit dem Eintritt Frankreichs 1744 verschmolz der Konflikt in den Seeaspekten mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748). Britische Operationen im Ärmelkanal, Atlantik und an französischen Küsten führten zu Gefangennahmen britischer Seeleute. Viele wurden in Brest, Rochefort und anderen Depots interniert; Austausch über Kartellschiffe erfolgte unregelmäßig, die Unterbringung war oft karg und krankheitsfördernd. Der Roman greift diese Realität auf, wenn er Gefangenschaft, Entbehrung und Willkür der Bewacher schildert. Er demonstriert, wie geopolitische Rivalitäten das Leben einfacher Matrosen bestimmten, deren Leiden in offiziellen Kriegsberichten kaum vorkamen.

Die Praxis der Zwangsverpflichtung zur See, das Impressment, bildete in Kriegszeiten ein Rückgrat der britischen Flottenbemannung. Unter königlichem Vorrecht und mit gerichtlichen Press-Warrants rekrutierten Presskommandos in Hafenstädten wie London, Bristol und Liverpool, was regelmäßig Unruhen auslöste. Rechtssicherheit war brüchig; Freistellungen wurden ignoriert, und soziale Randgruppen traf die Gewalt am stärksten. Im Roman erscheinen Überrumpelung, Drohung und körperliche Gewalt als typische Rekrutierungsinstrumente. Dadurch wird sichtbar, wie staatliche Kriegslogik in ziviles Leben eingriff und wie dünn die Grenze zwischen nationalem Dienst und persönlicher Entrechtung im 1740er-Jahre-Britannien verlief.

Die Disziplin an Bord wurde durch die Articles of War und das Kommandogefüge gesichert. Floggings, Kettenhaft, Rationen aus Pökelfleisch und Schiffszwieback, Wassermangel sowie die Macht der Zahlmeister über Proviant und Kleidung prägten den Alltag. Prisenregelungen versprachen Beuteanteile, führten aber zu Streit und Ungleichheit. Der Roman macht die strukturelle Gewalt sichtbar: Willkür strenger Offiziere, Unterschlagungen durch Pursers und die soziale Kluft zwischen Kajüte und Mannschaftsdeck. Indem er konkrete Praktiken benennt, verbindet er Disziplinierungsregime mit materieller Not, was die britische Seemacht als institutionell robust, aber moralisch und administrativ gefährdet erscheinen lässt.

Die medizinische Lage der Marine war prekär: Skorbut, Typhus, Ruhr und Fieber dezimierten Besatzungen stärker als Gefechte. 1747 führte James Lind an Bord der HMS Salisbury sein berühmtes Skorbut-Experiment durch; die systematische Versorgung mit Zitrusfrüchten setzte sich jedoch erst später durch. Chirurgie beruhte auf Lehrlingsausbildung, improvisierten Instrumenten und knappen Arzneien. Der Roman, geprägt von Smolletts chirurgischer Praxis, zeigt amputierte Gliedmaßen, schlecht belüftete Lazarette, mangelhafte Quarantäne und die Hierarchie zwischen Ärzten, Wundärzten und Pflegern. Er stellt damit die medizinische Verwaltung der Marine als entscheidendes Kriegsrisiko aus, nicht als bloßes Randproblem.

Die atlantische Wirtschaft der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts basierte auf Zucker, Sklavenarbeit und transozeanischem Handel. Das Asiento von 1713 erlaubte britischen Akteuren den Sklavenhandel nach Spanisch-Amerika, förderte jedoch Schmuggel und Konflikte mit der spanischen Küstenwache. Jamaika und Barbados waren Zentren von Zuckerproduktion und Kapitalakkumulation. Kaperkrieg und Konvois prägten die Seewege. Im Roman erscheinen Westindienfahrten, Erwartung von Reichtum und die Begegnung mit kolonialer Härte als narrative Knotenpunkte. Die Verbindung von Krieg und Handel, von Prisenhoffnung und menschlicher Ausbeutung, bildet den historischen Rücken der erzählten Abenteuer.

Londons soziale Krise kulminierte in der sogenannten Gin Craze. Das Gin-Gesetz von 1736 sollte den Konsum eindämmen, wurde jedoch massenhaft umgangen; die Folgen waren Alkoholmissbrauch, Kriminalität und öffentliche Unordnung bis in die 1740er Jahre. Armenviertel, überfüllte Mietshäuser und schlecht bezahlte Gelegenheitsarbeit prägten den Alltag. Der Roman spiegelt diese Verhältnisse in Wirtshäusern, Gassen und Hinterzimmern, in denen Betrug, Glücksspiel und gesundheitlicher Verfall gedeihen. So wird die Metropole nicht als glänzender Aufstiegsort, sondern als riskantes Terrain sichtbar, in dem soziale Verwahrlosung und moralische Gefährdung staatliches Handeln herausfordern.

Die Kreditökonomie expandierte, getragen von Wechseln, Vorschüssen und informellen Darlehen, während Schuldtürme wie das Fleet Prison und das Marshalsea säumige Zahler einsperrten. Periodische Insolvency Acts im Umfeld der 1740er Jahre gewährten begrenzte Erleichterungen, änderten jedoch nichts am System der Haft für kleine Summen. Gläubigerwillkür, Kosten des Verfahrens und Korruption bei Gefängnisverwaltern waren verbreitet. Der Roman verknüpft diese Fakten mit biografischer Gefährdung: Der Schritt vom hoffnungsvollen Ankömmling zum verschuldeten Gefangenen ist kurz. Dadurch beleuchtet er die Härte einer Ökonomie, die soziale Mobilität verspricht, aber Kleinschuldner systematisch diszipliniert.

Die medizinische Berufsordnung befand sich im Umbau. 1745 trennten sich die Londoner Chirurgen institutionell von der Barber-Surgeons’ Company und gründeten die Company of Surgeons, ein Schritt zu stärkerer Professionalisierung. Zugleich blieb die Regulierung fragmentiert: Das Royal College of Physicians beanspruchte Autorität über Ärzte, Apothekenwesen und Ausbildung variierten regional. Lehrlingsverträge, Privatunterricht und Hospitäler wie das 1739 gegründete Foundling Hospital prägten die Praxis. Der Roman zeigt den Zugang zur Chirurgie als von Geld, Gönnerschaft und Reputation abhängig. Er legt offen, wie Standespolitik und Zertifikate über Lebenswege entschieden, unabhängig von praktischer Tüchtigkeit.

Infrastruktur und Reisebedingungen bestimmten Risiko und Reichweite sozialer Mobilität. Das System der Turnpike Trusts dehnte seit dem frühen 18. Jahrhundert Mautstraßen aus, doch Überlandreisen blieben gefährlich. Berüchtigte Highwaymen wie Dick Turpin, hingerichtet 1739, illustrieren verbreitete Straßenkriminalität. Postkutschen, überfüllte Herbergen und betrügerische Betreiber boten Raum für Überfälle und Täuschungen. Der Roman nutzt solche Stationen, um den prekären Übergang zwischen Provinz, Hafen und Metropole zu inszenieren. Reisegefährdung fungiert als Realie einer Epoche, in der das Versprechen größerer Reichsweite mit alltäglicher Rechtsunsicherheit verschränkt war.

Der Roman fungiert als gesellschaftliche Kritik, indem er das Gefüge eines Kriegs- und Handelsstaats aus der Perspektive der Abhängigen betrachtet. Er attackiert die Willkür des Impressment, die Korruption der Versorgungsämter, die Brutalität der Borddisziplin und die Unfähigkeit der maritimen Sanität, Kriegsrisiken zu mindern. In London legt er Patronage, Kreditzwänge und städtische Verelendung offen. Durch die Darstellung anti-schottischer Vorurteile macht er sichtbar, wie nationale Integration soziale Abwertung nicht aufhob. So wird das Imperium als System dargestellt, das Gewinne zentralisiert und Kosten auf Seeleute, Migranten und Arme abwälzt.

Politisch wirft das Buch ein Licht auf die Kluft zwischen offizieller Kriegsrhetorik und der Realität administrativer Mängel. Es entlarvt die Diskrepanz zwischen Versprechen von Prisen, Aufstieg und Ehre und den Erfahrungen von Hunger, Krankheit und Haft. Indem es Debtor’s Prisons, Gin-Krise und Straßenkriminalität einbindet, zeichnet es ein Panorama struktureller Unsicherheit, in dem Recht und Macht zugunsten der Begünstigten wirken. Die Kritik zielt weniger auf einzelne Täter als auf Institutionen: Marine, Amtsstuben, Gefängnisse. Daraus entsteht ein historisch präzises, politisch scharfes Bild der Ungleichheit im Großbritannien der 1740er Jahre.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Tobias George Smollett (1721–1771) war ein schottischer Romanautor, Satiriker, Chirurg, Historiker und Übersetzer, dessen Werk zu den prägenden Leistungen der britischen Aufklärung zählt. Er führte den englischen Roman mit kräftiger Komik, sozialer Beobachtung und picaresker Energie voran. Bekannt sind insbesondere The Adventures of Roderick Random, The Adventures of Peregrine Pickle, The Adventures of Ferdinand Count Fathom, The Adventures of Sir Launcelot Greaves und The Expedition of Humphry Clinker. Daneben verfasste er eine erfolgreiche Geschichtsdarstellung Englands, eine pointierte Reiseliteratur und eine einflussreiche Übersetzung von Cervantes’ Don Quixote. Sein Oeuvre verbindet medizinisch-maritime Erfahrung mit literarischer Satire.

Smollett stammte aus Dunbartonshire in Schottland und erhielt eine solide Schulbildung, bevor er eine chirurgische Ausbildung in Glasgow absolvierte. Er besuchte Vorlesungen an der University of Glasgow und trat anschließend als Chirurgengehilfe in den Dienst der Royal Navy. Seefahrt, koloniale Kriegführung und Karibikerfahrungen prägten seine Wahrnehmung von Autorität, Leid und Kameraderie und lieferten späteres Stoffreservoir. Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien richtete er seinen Lebensweg zunehmend auf die Literatur. Früh machte er als Dichter mit The Tears of Scotland (1746) auf sich aufmerksam, einem zeitgenössisch vielbeachteten Gedicht von politischer Brisanz.

In London suchte Smollett zunächst dramatischen Erfolg. Sein Jugendstück The Regicide fand auf der Bühne keinen dauerhaften Platz, wurde jedoch publiziert und bezeugt seine Ambition, tragische Stoffe mit Zeitkritik zu verbinden. Den Durchbruch erzielte er mit The Adventures of Roderick Random (1748), einem Episodenroman, der scharfzüngige Satire mit Beobachtungen aus medizinisch-maritimem Alltag verknüpft. Das Buch traf den Nerv eines Publikums, das nach lebendigen, weltzugewandten Erzählungen verlangte, und begründete Smolletts Ruf. Der Autor etablierte sich damit im literarischen London als energische Stimme, deren Komik stets von ernstem Gesellschaftssinn unterlegt blieb.

Auf den Erfolg folgten rasch The Adventures of Peregrine Pickle (1751) und The Adventures of Ferdinand Count Fathom (1753), die Smolletts Repertoire an satirischen Mitteln erweiterten. 1755 veröffentlichte er seine vielgelesene Übersetzung von Don Quixote, die seine Affinität zur spanischen picaresken Tradition unterstrich. Zugleich wurde er eine feste Größe im Literaturbetrieb als Mitgestalter und späterer Herausgeber des periodischen The Critical Review. Ein scharfes Urteil brachte ihm juristische Anfechtungen und 1759 eine Verurteilung wegen Verleumdung ein. Finanzielle und intellektuelle Reichweite gewann er durch seine populäre Complete History of England, die breite Leserschaft fand.

Die 1760er-Jahre markieren einen Höhepunkt produktiver Vielseitigkeit. The Adventures of Sir Launcelot Greaves erschien zunächst in Fortsetzungen und mischte Rittertopoi mit zeitgenössischer Satire. Politisch trat Smollett als Herausgeber des Wochenblatts The Briton (1762–1763) hervor, das die Administration des Earl of Bute unterstützte und in eine publizistische Fehde mit The North Briton mündete. Nach den heftigen Auseinandersetzungen suchte Smollett Erholung auf dem Kontinent. Travels through France and Italy (1766) bündelte seine Beobachtungen in zugespitzter, oft misanthropisch gefärbter Prosa. Zeitgenossen wie Laurence Sterne verspotteten diesen Ton, doch das Werk blieb als Zeugnis der Reisekultur bedeutsam.

In den späten 1760er-Jahren veröffentlichte Smollett The History and Adventures of an Atom (1769), eine als fernöstliche Chronik getarnte politische Satire, die gegenwärtige Konflikte chiffriert reflektiert. Sein letzter Roman, The Expedition of Humphry Clinker (1771), greift die Briefromanform auf und bündelt reifes komisches Können, präzise Figurenzeichnung und gesellschaftliche Beobachtung. Die gesundheitlich belasteten letzten Jahre verbrachte Smollett überwiegend in Italien, wo er 1771 in Livorno starb. Bis zuletzt blieb er literarisch aktiv, überarbeitete frühere Arbeiten und hielt Verbindung zum britischen Verlagswesen, dessen Anforderungen er mit Professionalisierung und produktiver Energie begegnete.

Smolletts Nachruhm ruht auf der Verbindung aus erzählerischem Drive, satirischer Schärfe und empirischer Anschauung. Seine Romane prägten die episodische Tradition des englischen Romans, während die Reiseprosa und die Geschichtswerke seine Bandbreite zeigen. Zeitgenössische und spätere Leser erkannten in ihm einen Hauptvertreter neben Henry Fielding und Samuel Richardson; die picareske Schule Spaniens und Cervantes lieferten wichtige Vorbilder. Die Wirkung reicht bis ins 19. Jahrhundert, als viktorianische Autoren seine Vitalität schätzten. Heute wird Smollett als Wegbereiter des realistisch-satirischen Romans gelesen, dessen Figuren- und Gesellschaftsbilder weiterhin literarhistorisch resonanzfähig sind.

Die Abenteuer des Roderick Random

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorwort
Apolog
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Fünfunddreißigstes Kapitel
Sechsunddreißigstes Kapitel
Siebenunddreißigstes Kapitel
Achtunddreißigstes Kapitel
Neundundreißigstes Kapitel
Vierzigstes Kapitel
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel
Fünfundvierzigstes Kapitel
Sechsundvierzigstes Kapitel
Siebenundvierzigstes Kapitel
Achtundvierzigstes Kapitel
Neunundvierzigstes Kapitel
Fünfzigstes Kapitel
Einundfünfzigstes Kapitel
Zweiundfünfzigstes Kapitel
Dreiundfünfzigstes Kapitel
Vierundfünfzigstes Kapitel
Fünfundfünfzigstes Kapitel
Sechsundfünfzigstes Kapitel
Siebenundfünfzigstes Kapitel
Achtundfünfzigstes Kapitel
Neunundfünfzigstes Kapitel
Sechzigstes Kapitel
Einundsechzigstes Kapitel
Zweiundsechzigste Kapitel
Dreiundsechzigstes Kapitel
Vierundsechzigstes Kapitel
Fünfundsechzigstes Kapitel
Sechsundsechzigstes Kapitel
Siebenundsechzigstes Kapitel
Achtundsechzigstes Kapitel
Neunundsechzigstes Kapitel

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Unter allen Spielarten der Satire ist keine so ergötzlich und von allgemeinem Nutzen wie jene, die gleichsam beiläufig in den Ablauf einer fesselnden Geschichte eingefügt ist, die jeden Vorfall auf das Leben zurückführt und alltägliche Szenen mit allen Reizen der Neuheit ausstattet, indem sie sie von einem ungewöhnlichen und amüsanten Gesichtspunkt aus darstellt, während sie sich doch in jeder Einzelheit an das natürliche Empfinden wendet.

Des Lesers Neugier wird befriedigt, wenn er die Abenteuer einer Person verfolgt, zu deren Gunsten er voreingenommen ist; er nimmt Partei für ihre Sache, er fühlt mit ihr im Unglück; gegen die Urheber ihres Elends wird Empörung in ihm erweckt, die menschlichen Leidenschaften werden entflammt, der Gegensatz zwischen entmutigter Tugend und übermütigem Laster tritt aufreizender in Erscheinung, und indem jeder Eindruck mit doppelter Kraft auf die Vorstellung wirkt, behält das Gedächtnis den Sachverhalt, und das Herz bessert sich durch das Beispiel. Die Aufmerksamkeit wird nicht durch ein bloßes Verzeichnis von Charakteren ermüdet, sondern angenehm zerstreut durch die ganze Vielseitigkeit der Phantasie, und die Wechselfälle des Lebens treten unter ihren besonderen Umständen auf und öffnen so dem Witz und Humor ein weites Feld.

Der Roman verdankt seinen Ursprung zweifellos der Unwissenheit, der Eitelkeit und dem Aberglauben. Hatte sich in den finsteren Zeiten der Welt ein Mann durch Weisheit oder Tapferkeit Ruhm erworben, so zogen Familie und Anhänger ihren Nutzen aus seinen vortrefflichen Eigenschaften, priesen seine Tugenden und schilderten seinen Charakter und seine Person als heilig und übernatürlich. Das gemeine Volk schluckte den Köder mit Leichtigkeit, flehte um seinen Schutz und zollte den Tribut der Huldigung und Lobpreisung sogar bis zur Anbetung; seine Heldentaten wurden der Nachwelt mit tausend Übertreibungen überliefert, wurden als Ansporn zur Tugend wiedererzählt; seinem Andenken wurden göttliche Ehren erwiesen und Altäre errichtet, um jene zu ermutigen, die seinem Beispiel nachzuahmen suchten; und daraus entstand die heidnische Mythologie, die nichts anderes ist als eine Sammlung überspannter Romane. Als Wissen und Geistesbildung zunahmen, wurden diese Geschichten mit den Schönheiten der Dichtkunst ausgeschmückt; damit sie sich der Aufmerksamkeit besser empfahlen, wurden sie in der Öffentlichkeit, bei Festen, zur Belehrung und Freude der Zuhörer gesungen und als Ansporn zu Ruhmestaten vor Beginn einer Schlacht erzählt. So wurden die Tragödie und die epische Muse geboren und gelangten mit zunehmendem Geschmack für das Schöne zur Vollkommenheit. Es ist kein Wunder, daß die alten Römer und Griechen an einer Prosadichtung keinen Gefallen finden konnten, nachdem sie so viele bemerkenswerte Ereignisse in der von ihren besten Dichtern in Versen abgefaßten Verherrlichung kennengelernt hatten; deshalb finden wir bei ihnen zur Zeit ihrer Blüte keinen Roman, es sei denn, man wolle die ›Cyropädie‹ von Xenophon so bezeichnen; und erst als nach dem Einfall der Barbaren in Europa die Künste und Wissenschaften wieder auflebten, trat etwas dieser Art in Erscheinung. Als jedoch die Gemüter der Menschen durch Pfaffenlist und -trug zum vernunftwidrigsten Grad der Leichtgläubigkeit verleitet wurden, tauchten die Romanschriftsteller auf und füllten, ohne Rücksicht auf Wahrscheinlichkeit, ihre Werke mit den ungeheuerlichsten Übertreibungen. Wenn sie es mit den alten Dichtern schon nicht an Genie aufnehmen konnten, so waren sie doch entschlossen, sie an Erfindungsgabe zu übertreffen und sich mehr an die Wundergläubigkeit als an die Urteilskraft ihrer Leser zu wenden. Also nahmen sie die Schwarze Kunst zu Hilfe, und statt den Charakter ihrer Helden durch den Adel der Gesinnung und des Handelns zu stützen, statteten sie dieselben mit körperlicher Kraft, Gewandtheit und einem extravaganten Benehmen aus. Obgleich es nichts Lächerlicheres und Unnatürlicheres geben konnte als die von ihnen gezeichneten Gestalten, fehlte es ihnen nicht an Gönnern und Bewunderern, und tatsächlich begann die Welt bereits vom Geist der fahrenden Ritterschaft vergiftet zu werden, als Cervantes[1] durch ein unnachahmliches Spottwerk den Geschmack der Menschen besserte, indem er die Ritterschaft vom rechten Gesichtspunkt aus darstellte und den Roman auf weitaus nützlichere und unterhaltsamere Zwecke hinlenkte, indem er ihn den Soccus anlegen und auf die Torheiten des alltäglichen Lebens hinweisen ließ.

Die gleiche Methode wurde von anderen spanischen und von französischen Schriftstellern angewandt, und von niemandem erfolgreicher als von Monsieur Lesage, der in seinem ›Gil Blas‹ mit unendlichem Humor und Scharfsinn die Bübereien und Schwächen des Lebens geschildert hat. Ich habe mein vorliegendes Buch nach seinem Verfahren gestaltet, wobei ich mir allerdings die Freiheit nahm, von ihm abzuweichen, wo mir seine besonderen Umstände ungewöhnlich, verstiegen oder für jenes Land eigentümlich erschienen, in dem der Schauplatz liegt. Die Mißgeschicke Gil Blas' sind größtenteils dergestalt, daß sie eher Heiterkeit als Mitleid erregen: er selbst lacht über sie; und die Übergänge von Unglück zu Glück oder zumindest Wohlsein sind bei ihm so jäh, daß weder dem Leser die Zeit bleibt, ihn zu bemitleiden, noch ihm selbst, mit dem Ungemach vertraut zu werden. Dies Verhalten weicht meiner Meinung nach nicht nur von der Wahrscheinlichkeit ab, sondern verhütet jene edle Entrüstung gegen die schmutzige und lasterhafte Gesinnung der Welt, die den Leser beseelen sollte.

Ich habe versucht, bescheidenen Wert im Kampf mit jeder Schwierigkeit darzustellen, der ein freundloser Waisenknabe preisgegeben ist, sowohl aus dem eigenen Mangel an Erfahrung als auf Grund der Selbstsucht, Mißgunst, Bosheit und niederträchtigen Gleichgültigkeit der Welt. Um ihm eine günstige Voreingenommenheit zu sichern, habe ich ihm die Vorteile von Geburt und Erziehung zugestanden, die, wie ich hoffe, im Laufe seiner Mißgeschicke den Freigeborenen wärmer für ihn einnehmen werden, und obgleich ich voraussehe, daß manche Leute Anstoß nehmen werden an den niedrigen Handlungen, in die er verwickelt ist, bilde ich mir ein, der Einsichtsvolle wird nicht allein die Notwendigkeit spüren, jene Situation zu beschreiben, auf die er in seiner erbärmlichen Lage natürlich beschränkt werden muß, sondern wird es auch unterhaltsam finden, jene Bezirke des Lebens zu betrachten, in denen die Stimmungen und Leidenschaften nicht verhüllt sind durch Verstellung, Förmlichkeit oder Erziehung und in denen die sonderbaren Eigentümlichkeiten der Veranlagung so in Erscheinung treten, wie die Natur sie eingab. Ich brauche mir aber, glaube ich, nicht die Mühe zu machen, ein Verfahren zu rechtfertigen, das solchermaßen von den besten Schriftstellern, deren ich bereits einige erwähnte, gutgeheißen wurde.

Jeder intelligente Leser wird auf den ersten Blick wahrnehmen, daß ich in den Tatsachen nicht von der Natur abgewichen bin, im wesentlichen sind sie alle wahr, obgleich die äußeren Umstände verändert und entstellt wurden, um zu vermeiden, daß die Satire persönlich wird.

So bleibt mir nur noch, meine Gründe darzulegen, warum ich einen Nordbriten zur Hauptperson dieses Werkes machte; es sind vornehmlich folgende: Ich konnte ihm um ein Geringes eine solche Erziehung zuteil werden lassen, wie sie mir der Adel seiner Geburt und seines Charakters zu verlangen schien und wie sie durch so spärliche Mittel, wie mein Romanentwurf sie vorsah, in England wahrscheinlich nicht erlangt werden könnte. Ferner konnte ich unbefangenes Benehmen in einem entlegenen Teil des Königreiches zutreffender schildern als an jedem anderen Ort in der Nähe der Hauptstadt, und schließlich rechtfertigt die Reiselust der Schotten mein Verhalten, einen Abenteurer aus dieser Gegend stammen zu lassen.

Damit der zartfühlende Leser nicht Anstoß nehme an den bedeutungslosen Flüchen aus dem Munde einiger Personen in diesen Memoiren, erlaube ich mir vorauszuschicken, daß ich mir einbildete, nichts könne wirkungsvoller die Unsinnigkeit solch nichtswürdiger Verwünschungen bloßstellen als eine naturgetreue und wörtliche Wiedergabe der Unterhaltung, in der sie auftauchen.

Apolog

Inhaltsverzeichnis

Ein junger Maler verfertigte in einer Anwandlung von lustiger Laune eine Art Genrebild, worauf sich ein Bär, eine Eule, ein Affe und ein Esel befanden. Um sein Gemälde auffallender, launiger und moralischer zu machen, charakterisierte er jede Figur durch ein Emblem aus dem Menschenleben.

Dem Petz gab er die Tracht und die Stellung eines alten, zahnlosen und betrunkenen Soldaten; der Uhu hockte auf dem Henkel eines Kaffeetopfs mit einer Brille auf der Nase und schien Zeitung zu lesen; und der Esel saß, mit einer sehr stattlichen Allongeperücke ausgeschmückt (die dennoch seine langen Ohren nicht verbergen konnte), einem Affen Modell, der mit Malergerätschaften versehen war.

Diese possierliche Gruppe machte lachen und erhielt allgemeinen Beifall, bis ein arger Schalk den Wink fallenließ, das Ganze sei ein Schmähwerk auf die Freunde des Künstlers. Kaum war diese Äußerung laut geworden, als ebendie Leute, die vorher dem Stücke Beifall gegeben hatten, unruhig zu werden begannen, ja sich sogar einbildeten, sie wären mit den Figuren im Gemälde gemeint.

Unter anderen erschien ein würdiger bejahrter Mann, der in der Armee mit vielem Ruhm gedient hatte, höchst aufgebracht über die vermeinte Beleidigung, in dem Logis des Malers, den er zu Hause fand. »Hör Er, Herr Affenkopf«, sagte er zu ihm, weiß Er wohl, daß ich nicht übel willens bin, Ihm zu zeigen, daß Bruder Petz wohl seine Zähne, aber nicht seine Tatzen verloren hat? So betrunken bin ich noch nicht, um nicht Seine Unverschämtheit einzusehen. Beim Element! die Kiefer ohne Gebiß sind 'n verdammt skandalöses Schmähwerk. Aber bildet Euch nicht ein, daß, weil ich alle Hauer verloren habe, ich nicht mehr um mich herumhauen kann.«

Hier wurde er durch die Ankunft eines gelehrten Arztes unterbrochen, der mit wütendem Blick auf den Angeklagten losstürzte und rief: »Weil der Esel große Ohren hat, so soll der Pavian kleinere haben, meint Ihr etwa? – Nur keine Ausflüchte und Winkelzüge gesucht. Beim Barte des Äskulap! Da ist kein Haar in dieser Perücke, das nicht zum Zeugnis dafür aufstehen wird, daß du mich persönlich mißhandelt hast. – Sehen Sie nur, Herr Hauptmann, wie das armselige Wichtchen die Locken ganz akkurat kopiert hat. Die Farbe ist zwar freilich anders, aber ihr Bau wie auch das Toupet sind sich völlig gleich.«

Indem er dies mit mächtig lauter Kehle erwies, trat ein ehrwürdiger Ratsherr herein. Er watschelte auf den Delinquenten zu und rief: »Ich will dir Meerkatzengesicht zeigen, daß ich mehr kann als Zeitungen lesen, und zwar ohne Hilfe einer Brille. Da ist eine Handschrift von dir, Bürschchen. Hätt ich dir damals das Geld nicht vorgeschossen, so würdest du selbst einer Eule geglichen haben, da du bei Tage dein Gesicht nicht hättest zeigen dürfen, du undankbarer, ehrenschändrischer Bube!«

Umsonst erklärte der erstaunte Maler, es sei nicht im geringsten seine Absicht gewesen, irgendein Individuum zu beleidigen oder dessen Charakter zu schildern. Allein die drei Männer behaupteten, die Ähnlichkeit sei nur zu sehr in die Augen fallend, das lasse sich gar nicht ableugnen, und beschuldigten ihn der Unverschämtheit, der Bosheit und der Undankbarkeit. Da das Publikum ihr Geschrei hörte, so blieb der Hauptmann ein Petz, der Doktor ein Langohr und der Senator ein Uhu all ihr Leben lang.

Christlicher Leser, ich bitte dich um Gottes Barmherzigkeit willen, erinnere dich dieses Beispiels, indes du die folgenden Bogen durchläufst, und suche nicht dir zuzueignen, was ebensogut einigen hundert Menschen zugehört. Wenn du auf einen Charakter stoßen solltest, der dich in irgendeinem nicht günstigen Lichte zeigt, so geh bei dir zu Rate und erwäge, daß ein Zug kein Gesicht ausmacht und daß, wenn du dich vielleicht durch eine unförmige Nase auszeichnest, zwanzig von deinen Nachbarn in ebendem Falle sein mögen.«

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Meine Geburt und Sippschaft

Ich wurde im nördlichen Teile unseres vereinigten Königreichs im Hause meines Großvaters geboren. Dieser Mann besaß ein ansehnliches Vermögen und großen Einfluß, hatte sich bei manchen Gelegenheiten um sein Land verdient gemacht und durch seine tiefe Gesetzeskunde Ruf erlangt. Als Richter machte er davon mit dem besten Erfolge Gebrauch, und zwar zumal gegen Bettler, gegen die er eine ganz besondere Abneigung hatte.

Mein Vater, sein jüngster Sohn, verliebte sich in eine arme Verwandte, die bei dem alten Herrn als Haushälterin lebte; er heiratete sie heimlich, und ich war die erste Frucht dieser Ehe. Meine Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft einen Traum, der sie höchlich beunruhigte. Sie quälte ihren Mann mit ungestümen Anliegen so lange, bis er endlich einen hochländischen Wahrsager über das nächtliche Gesicht konsultierte. Diesen suchte er im voraus durch ein Geschenk zu einer günstigen Auslegung zu stimmen; allein der Mann war unbestechlich.

Der Traum, den man ihm vorlegte, hatte folgenden Inhalt: Meine Mutter kam mit einem Tennisball nieder, und der Teufel, der zu ihrem äußersten Entsetzen Hebammenstelle vertrat, schlug denselben so heftig mit einem Tennisschläger, daß sie ihn augenblicklich aus dem Gesichte verlor. Über diesen Verlust ihrer Erstgeburt war sie eine Zeitlang untröstlich; endlich kehrte der Ball mit der Heftigkeit wieder zu ihr zurück, mit welcher er verschwunden war, und fuhr unter ihren Füßen in die Erde. Unmittelbar darauf schoß ein schöner Baum voller Blüten auf, deren Geruch auf ihre Nerven so mächtig wirkte, daß sie erwachte.

Der aufmerksame Seher versicherte meinen Eltern nach einigem Besinnen, ihr Erstgeborner würde weit und breit herumreisen, mancherlei Fährlichkeiten und Beschwerlichkeiten zu Wasser und zu Lande erdulden und endlich in sein Vaterland zurückkehren, wo er grünen und blühen und zu Ehren kommen würde. Wie richtig dies prophezeit war, wird aus der Folge erhellen. Nicht lange nachher meldeten einige dienstfertige Personen meinem Großvater, es fielen zwischen seinem Sohn und der Haushälterin gewisse Vertraulichkeiten vor. Dies beunruhigte ihn dermaßen, daß er einige Tage darauf zu meinem Vater sagte, es wäre nun höchste Zeit für ihn, seine eigene Wirtschaft anzufangen, und er habe für eine Partie gesorgt, gegen die er vernünftigerweise nichts einwenden könne. Mein Vater merkte wohl, daß er seine Lage nicht würde verhehlen können, und legte daher ein offenherziges Geständnis ab.

»Ich habe«, führte er zu seiner Entschuldigung an, »deshalb nicht um Ihre Einwilligung angesucht, liebster Vater, weil ich doch wußte, daß es zu nichts helfen könnte und daß Sie, wenn Sie meine Neigung erführen, Maßregeln treffen würden, die es mir gänzlich unmöglich machten, glücklich zu werden. Gegen die Geburt, Tugend, Schönheit und den Verstand meiner Frau«, fügte er hinzu, »lassen sich gar keine Einwendungen machen, und was das Vermögen anlangt, so acht ich darauf ganz und gar nicht.« Der alte Herr, der alle seine Leidenschaften, eine ausgenommen, aufs beste in Schranken zu halten wußte, hörte ihn bis zu Ende mit großer Gelassenheit an und fragte darauf ganz kaltblütig, wovon er denn sich und seine Frau zu ernähren gedächte.

»Ich kann«, versetzte dieser, »nie in die Gefahr geraten, Mangel zu leiden, solange meines Vaters zärtliche Liebe fortdauert; und die zu erhalten, darauf werden meine Frau und ich mit der größten Ehrerbietung bedacht sein. Ich bin übrigens überzeugt, daß Ihre Güte mich jetzt auf einen solchen Fuß setzen wird wie meine Brüder und Schwestern, denen Sie, als sie sich etablierten, die behaglichste Lage gaben, ganz unserm Stande und Vermögen gemäß.«

»Eure Brüder und Schwestern«, sagte mein Großvater, »hielten es nicht unter ihrer Würde, mich in einer so wichtigen Sache, wie das Heiraten ist, um Rat zu fragen. Auch Ihr, denk ich, würdet in dem Stück Eurer Schuldigkeit nachgelebt haben, wenn Ihr nicht ein Kapital insgeheim zurückgelegt hättet. Davon könnt denn Ihr und Euer Weib zehren; ich habe nichts dagegen. Doch verlang ich, daß ihr alle beide noch vor heute abend mein Haus räumt. In kurzem werd ich Euch in Euer neues Logis die Rechnung schicken, was mich Eure Erziehung gekostet hat; und ich will das bei Heller und Pfennig wieder ersetzt wissen. – Ihr habt die Grand tour[2] gemacht, Sir, seid ein feiner, artiger junger Mann, Ihr werdet schon in der Welt fortkommen. Ich wünsche Euch viel Vergnügen und bin Euer gehorsamer Diener.«

Mit diesen Worten verließ der alte Herr meinen Vater in einer Lage, die man sich leicht denken kann. Inzwischen traf dieser ohne Zögern seine Vorbereitungen, denn er kannte seines Vaters Gesinnungen zu gut und zweifelte keinen Augenblick, daß dieser Vorwand, ihn loszuwerden, ihm sehr angenehm sein würde. Da nun dessen Entschlüsse so unwandelbar waren wie die Gesetze der Meder und Perser, so hielt er einen Versuch mit Bitten und Flehen für völlig fruchtlos. Sonach zog er, ohne weiter einen Versuch zu machen, mit seiner Gattin nach einer kleinen Meierei, die ein alter Bedienter seiner Mutter bewohnte.

Sie lebten hier eine Zeitlang in einem Zustande, der sich mit ihren Wünschen nach den feineren Bequemlichkeiten des Lebens und für ihre zärtliche Liebe übel vertrug. Doch wollte mein Vater dies lieber erdulden als einen unnatürlichen und unbeugsamen Vater um Beistand anflehen. Allein meine Mutter, welche alle die Unbequemlichkeiten voraussah, denen sie ausgesetzt sein würde, wenn sie an diesem Orte niederkäme (ihre Schwangerschaft nahte sich dem Ende), beschloß, ohne ihrem Mann etwas davon zu sagen, sich verkleidet in das Haus meines Großvaters zu begeben.

Ihre Tränen und ihr Zustand, schmeichelte sie sich, sollten ihn zum Mitleid bewegen und ihn mit einem Zufall aussöhnen, der nicht mehr zu ändern war. Sie wußte die Bedienten so geschickt zu täuschen, daß sie diese als eine unglückliche Frau einließen, die Ehebeschwerden vorzutragen hätte. Man führte sie demnach bei meinem Großvater ein, vor dessen Forum besonders alle Fälle aus der skandalösen Chronik gehörten.

Sie entdeckte sich ihm, sobald sie allein waren, fiel ihm zu Füßen und bat ihn auf das rührendste um Verzeihung. Zugleich stellte sie ihm die Gefahr vor, die nicht nur ihrem, sondern auch seines Enkels Leben drohte, mit dem sie niederzukommen im Begriffe sei.

Es täte ihm leid, gab er zur Antwort, daß ihre und seines Sohnes Unbesonnenheit ihm ein Gelübde abgenötigt hätten, das es ihm unmöglich machte, ihr nur im geringsten beizustehen. Er habe bereits seine Gedanken hierüber eröffnet und bitte sie, ihn nicht ferner durch ihre Zudringlichkeit zu belästigen. Mit diesen Worten entfernte er sich.

Diese grausame Begegnung machte auf meine Mutter einen so heftigen Eindruck, daß sie auf der Stelle von Wehen ergriffen wurde. Hätte nicht eine Magd, deren Liebling sie war, ihr auf die Gefahr hin, meinem Großvater mißfällig zu werden, mitleidig beigestanden, sie und die unschuldige Frucht ihres Leibes wären als Opfer der Strenge und Unmenschlichkeit des Alten zu beklagen gewesen.

Die arme Person brachte meine Mutter mit vieler Mühe in eine Bodenkammer hinauf, wo diese sogleich von einem Knaben entbunden ward, der die Geschichte von seiner unglücklichen Geburt nun selbst erzählt.

Kaum erfuhr mein Vater diesen Vorfall, so flog er in die Umarmung seiner teuern Gattin, mich überhäufte er mit väterlichen Liebkosungen. Indessen konnte er sich einer Tränenflut nicht erwehren, als er sah, wie die traute Besitzerin seines Herzens (für deren Gemächlichkeit er Morgenlands Schätze gern hingegeben hätte) auf einem mit Scherwolle ausgestopftem Bett in einem jämmerlichen Kämmerchen lag, außerstande, sich gegen die rauhen Anfälle der Witterung zu schützen.

Es läßt sich gar nicht denken, daß der alte Herr nichts von dem gewußt haben sollte, was in seinem Hause vorging; er stellte sich aber so und spielte den äußerst Erstaunten, als einer seiner Enkel, von seinem verstorbnen ältesten Sohne, der als sein mutmaßlicher Erbe sich bei ihm aufhielt, ihm dies erzählte. Er beschloß sogleich, keine Mittelstraße einzuschlagen, sondern schickte meiner Mutter stracks (es war den dritten Tag nach ihrer Niederkunft) den gemessenen Befehl, das Haus auf der Stelle zu räumen, und jagte die Magd aus dem Hause, die ihr das Leben gerettet hatte.

Dieses Benehmen erbitterte meinen Vater dermaßen, daß er zu den schrecklichsten Verwünschungen seine Zuflucht nahm und auf bloßen Knien den Himmel anflehte, seiner nie zu gedenken, wenn er jemals die barbarische Handlung dieses Mannes vergesse oder vergebe. Das Fortbringen unter solchen Umständen war meiner Mutter nicht wenig nachteilig. Dies und Mangel an allem Notwendigen in ihrer ersten Wohnung, wozu noch Betrübnis und Angst kamen, verursachten ihr eine Auszehrung, die ihrem Leben in kurzem ein Ende machte. Mein Vater, der sie, wie schon gesagt, zärtlich liebte, ward durch ihren Tod so tief getroffen, daß er sechs Wochen lang seiner Sinne beraubt blieb.

Während der Zeit brachten die Leute, bei denen er wohnte, das Kind zu dem alten Herrn. Als dieser die tragische Erzählung von dem Tod seiner Schwiegertochter und den bejammernswerten Zustand seines Sohnes erfuhr, ward er so erweicht, daß er den Kleinen zu einer Amme schickte. Zugleich befahl er, seinen Sohn nach seinem Hause zu bringen, wo er in kurzem den Gebrauch seiner Vernunft wiederbekam.

Der hartherzige Richter mochte nun entweder wirklich einige Gewissensbisse über die grausame Behandlung seines Sohnes und seiner Tochter empfinden, oder (was wahrscheinlicher ist) er fürchtete sich, sein guter Name möchte in der Nachbarschaft leiden; genug, er bezeigte sich über sein Verfahren gegen meinen Vater sehr reuevoll. Dieser versank, sowie sich sein Wahnsinn verloren hatte, in eine tiefe Melancholie, und einige Zeit danach verschwand er. Ungeachtet aller nur ersinnlichen Nachforschungen konnte man nicht entdecken, wo er geblieben war; ein Umstand, der viele Leute auf den Gedanken brachte, er habe sich selbst in einem Anfalle von Verzweiflung aus dem Wege geräumt. Wie ich alle diese speziellen Nachrichten von meiner Geburt erhalten habe, wird man aus der Folge ersehen.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Ich werde von meinem Großvater vernachlässigt, von meinem Schulmeister mißhandelt und an Widerwärtigkeiten gewöhnt

Es fehlte nicht an Personen, die gegen meine Oheime[3] den Verdacht hegten, daß sie am Schicksal meines Vaters Anteil gehabt hätten, um sich durch seinen Tod der Erbschaft zu versichern, die ihm nach dem Hinscheiden des alten Herrn zufallen mußte. Diese Vermutung stützte sich darauf, daß keiner von ihnen während der Zeit, in der er sich in Ungnade befand, die allermindeste Neigung, ihm zu helfen, verriet; vielmehr nährten sie durch alle nur erdenklichen Kunstgriffe des Vaters Groll gegen ihn und bestärkten ihn in dem Entschluß, seinen Sohn dem Mangel und Elend preiszugeben. Verständige Leute hielten dies jedoch für eine bloße Grille. Wären meine Verwandten einer so schwarzen Tat fähig gewesen, schlossen jene, so würden sie mir auch ein meinem Vater ähnliches Schicksal bereitet haben, da mein Leben ein neues Hindernis für ihre Ansprüche war.

Inzwischen wuchs ich allmählich heran. Meine ungemeine Ähnlichkeit mit meinem Vater machte mich zum Liebling aller unsrer Zinsbauern, die dem Verstorbnen noch gut waren. Sie taten alles für mich, was ihre dürftigen Umstände nur gestatteten. Allein ihre Gewogenheit war nur eine schwache Stütze gegen die eifersüchtige Feindschaft meiner Oheime und Vettern. Je mehr Anlagen ich verriet, desto unversöhnlicher wurde ihre Abneigung.

Als ich sechs Jahre alt war, hielten sie meinen Großvater so blockiert, daß ich ihn nicht anders als verstohlenerweise zu sehen bekam. Ich schlich mich nämlich unterweilen ins Feld hin, wenn er da auf einem Stuhle saß und seinen Arbeitern zusah. Er streichelte mir alsdann die Backen, sagte, ich sollte mich immer gut aufführen, und versprach, für mich zu sorgen.

Ich wurde einige Zeit danach in die Schule eines benachbarten Dorfes geschickt, das seit undenklichen Zeiten zum Sprengel des alten Herrn gehört hatte. Da er aber weder Kostgeld für mich bezahlte noch mich mit Kleidungsstücken, Büchern und andern Notwendigkeiten versah, so befand ich mich in einer höchst elenden und verächtlichen Lage. Der Dorfpräzeptor, der mich bloß aus Furcht vor meinem Großvater kostenlos unterrichtete, bekümmerte sich wenig darum, ob ich im Lernen Fortschritte machte oder nicht. Trotz allen diesen Schwierigkeiten und ungünstigen Umständen nahm ich stark im Lateinischen zu. Sobald ich imstande war, leidlich zu schreiben, quälte ich meinen Großvater so mit Briefen, daß er meinen Lehrer zu sich kommen ließ und ihn wegen der Sorgfalt, die er auf meine Erziehung wendete, heftig beschimpfte. Er sagte, wann immer ich wegen Urkundenfälschung an den Galgen käme, wäre es meines Lehrers Schuld. Mein Blut läge auf seiner Seele.

Der Schulfuchs, der sich vor nichts mehr als vor seines Patrons Ungnade fürchtete, versicherte bei seiner Ehre, der Knabe hätte seine Geschicklichkeit seinen natürlichen Talenten und seinem anhaltenden Fleiße zu danken und keineswegs dem in der Schule genossenen Unterricht oder der erhaltenen Aufmunterung. Was er nun erlernt habe, könne er ihm freilich nicht wieder nehmen, wofern der gestrenge Herr ihm nicht die Macht einräume, seine Finger untüchtig zu machen. Auf die Art hoffe er, mit Gottes Hilfe den jungen Burschen an weiteren Fortschritten zu verhindern.

Das, wozu er sich anheischig gemacht hatte, erfüllte er redlich. Unter dem Vorwande, ich hätte unverschämte Briefe an meinen Großvater geschrieben, bohrte er in ein Brettchen fünf Löcher, durch die ich alle Finger meiner rechten Hand stecken mußte, und befestigte es mit einer Peitschenschnur dermaßen an meinem Gelenk, daß ich mich wirklich der Feder nicht bedienen konnte.

Indessen wurde ich dieses Abhaltungsmittel in wenigen Tagen durch einen Zufall los. Ich kam mit einem meiner Kameraden in Streit, der mich wegen meiner Armut und meiner Buße verhöhnte. Dieser unedelmütige Vorwurf brachte mich so auf, daß ich ihn mit meiner Handmaschine auf den Kopf schlug. Die Wunde ging bis auf den Hirnschädel, und er stürzte blutig und besinnungslos zu meinem und der andern Knaben größtem Schrecke zu Boden. Diese liefen sogleich zum Schulmeister, um ihm den Vorfall zu melden. Ich ward für diese Mißhandlung so grausam gezüchtigt, daß der Eindruck, den dies auf mich machte, nie erlöschen wird, wenn ich auch Methusalems Alter erreichte. Ebensowenig wird sich bei mir der Widerwille und Abscheu gegen den unbarmherzigen Tyrannen verlieren, der mich mit dieser Strafe belegte.

Die Verachtung, die mir mein dürftiges Äußeres von allen zuzog, die mich sahen, der beständige Mangel, dem ich ausgesetzt war, und mein Stolz, der keine Beleidigung erdulden konnte, dies alles verwickelte mich in unzählige verdrießliche Abenteuer. Ich ward dadurch endlich an Widerwärtigkeiten gewöhnt und zu Unternehmungen angeregt, die weit über mein Alter hinausgingen.

Öfters ward ich gar unmenschlich für einen Frevel gegeißelt, den ich nicht begangen hatte. Man nannte mich im ganzen Dorf einen Vagabunden und bürdete mir daher jeden Unfug auf, dessen Urheber unbekannt war. Ich ward mehrmals beschuldigt, Gärten, in die ich nie gekommen war, geplündert, Katzen, die ich nie gestoßen, getötet, Pfefferkuchen, die ich nicht angerührt, aufgenascht und alte Weiber, die ich nie gesehen hatte, beschimpft zu haben. Ein stammelnder Zimmermann sogar hatte Beredsamkeit genug, meinen Lehrer zu überzeugen, ich habe ein mit Schrot geladenes Pistol in sein Fenster hinein abgefeuert, wiewohl meine Wirtin und deren ganzes Haus bezeugten, ich hätte zu der Zeit, da dieser Mutwille verübt worden war, schon längst ruhig im Bett gelegen.

Einmal ward ich gepeitscht, weil ich mit genauer Not dem Ertrinken entgangen war, als eine Fähre, auf der ich mich befand, umschlug. Ein andermal, als ich von einer Quetschung wiederhergestellt war, die ein mit einem Karren über mich hinrennendes Pferd mir gemacht hatte; und ein drittes Mal, weil ich mich von einem Bäckerhunde hatte beißen lassen. Kurz, ich mochte schuldig oder unglücklich sein, die Züchtigung und das Mitleid dieses Despoten von Schulmeister äußerten sich stets gleich.

Weit entfernt, durch diese höllische Methode geschmeidiger zu werden, siegte vielmehr mein Unwille über die sklavische Zucht, die bisher meinen Gehorsam erzwungen hatte. Je mehr ich an Jahren und Kenntnissen zunahm, desto mehr sah ich die Ungerechtigkeit und Barbarei seines Betragens ein. Mit Hilfe einer außergewöhnlichen Veranlagung und durch Unterstützung und Anweisung des Unterschulmeisters, der meinen Vater auf seinen Reisen begleitet hatte, machte ich im Verstehen der klassischen Schriftsteller, im Schreiben und Rechnen erstaunliche Fortschritte. Daher kam es, daß ich noch vor meinem zwölften Jahr von jedermann für den Besten in der Schule erklärt wurde. Dies, mein kühner Mut und meine körperliche Stärke, wodurch ich mir fast alle Kameraden meines Alters unterwürfig gemacht hatte, verschafften mir bei ihnen so vielen Einfluß, daß ich gegen meinen Verfolger Pläne zu schmieden begann und die Hoffnung hatte, ihm in sehr kurzem Trotz bieten zu können.

Als ich das Haupt einer Verschwörung von dreißig Knaben war, wovon die meisten ungefähr meine Jahre hatten, beschloß ich, eh ich meinen großen Plan ausführte, ihre Herzhaftigkeit auf die Probe zu stellen, um zu sehen, wieweit ich mich darauf verlassen könne. Zu dem Ende griff ich an ihrer Spitze einen Trupp handfester Lehrjungen an, die sich eines uns zu unserer Erlustigung angewiesenen Platzes bemächtigt hatten und Kegel darauf spielten. Allein ich mußte zu meiner Kränkung sehen, daß mein Korps in einem Augenblick in die Flucht geschlagen und einem meiner Kameraden durch eine Kugel, die ihm einer von unsern Gegnern nachwarf, das Bein zerschmettert wurde. Diese Niederlage hinderte uns indes nicht, uns nachher in verschiedene Scharmützel mit ihnen einzulassen. Wir warfen uns darin von weitem mit Steinen, und ich trug Wunden davon, deren Narben noch zu sehen sind. Jene Attacken erneuerten wir so oft, daß die Feinde ihrer endlich überdrüssig wurden, ihre Eroberung aufgaben und uns im ruhigen Besitz unseres Territoriums ließen.

Wollt ich all die Siege erzählen, die ich mit den Verschworenen erfocht, so würd ich kein Ende finden. Unser kleines Heer ward endlich der Schrecken des ganzen Dorfes, so daß, wenn ein verschiedenes Interesse dasselbe in zwei Parteien teilte, die eine sich gemeiniglich wegen Beistandes an Roderick Random (so hieß ich) wandte, um ihrer Partei das Übergewicht zu verschaffen und ihre Gegner in Furcht zu erhalten.

Inzwischen nutzte ich jeden Feiertag, den wir bekamen, um meinen Großvater zu besuchen. Aber nur selten erhielt ich bei ihm Zutritt. Ihn belagerte beständig eine zahlreiche Schar von Enkelinnen, die zwar stets in Zank und Streit lebten, aber, sobald ich erschien, sich gegen ihren gemeinschaftlichen Feind vereinigten.

Sein Universalerbe, der ungefähr achtzehn Jahre alt war, trachtete nach nichts als nach Fuchsjagd; auch war er in der Tat zu weiter nichts tauglich, wiewohl mein Großvater sehr viele Sorgfalt auf seine Erziehung verwandt hatte und ihm einen Lehrer im Hause hielt, der zugleich Küsterstelle mit versah. Jener junge Aktäon, der von seinem Großvater die Antipathie gegen jeden Notleidenden ererbt hatte, erblickte mich nie, ohne daß er seine Jagdhunde gegen mich losließ und mich nötigte, in einer oder der anderen Bauernhütte eine Freistätte zu suchen. Zu solchen christlichen Zeitvertreiben munterte ihn sein Lehrer auf, der jede Gelegenheit ergriff, sich bei der aufgehenden Sonne beliebt zu machen. Der alte Herr, merkte er wohl, konnte nach dem Lauf der Natur nicht mehr lange leben, da er schon am Rande der Achtzig war.

Das Benehmen jenes schurkischen Schmeichlers machte mich gegen ihn so erbittert, daß ich eines Tages, als er mich mit seinen Hunden in einem Meierhofe belagerte, wo ich meine Zuflucht genommen hatte, einen großen Kieselstein nach ihm schleuderte. Als ein trefflicher Schütze erreichte ich mein Ziel und schlug ihm vier Vorderzähne aus, wodurch er denn zu seinem Küsteramte auf immer untauglich ward.

Drittes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Ankunft und Schilderung meines Oheims. Ein blutiges Gefecht und ein fruchtloser Versuch

Um die Zeit kam der einzige Bruder meiner Mutter, der als Schiffsleutnant lange außer Landes gewesen war, wieder in seine Heimat zurück. Da er meine üble Lage erfuhr, besuchte er mich und schaffte mir aus seinem geringen Vermögen alles Benötigte an. Zugleich beschloß er, diese Gegend nicht eher zu verlassen, als bis er meinen Großvater dahin vermocht habe, mir eine artige Summe für die Zukunft auszusetzen. Diesem Unternehmen war er nun gar nicht gewachsen. Er kannte den Charakter des alten Herrn nicht und wußte ebensowenig, wie man sich gegen die Menschen zu benehmen hat; das war ihm bei seiner See-Erziehung ganz fremd geblieben.

Er war ein Mann von starkem Gliederbau, die Beine etwas krumm, sein Nacken übermäßig breit, und seinem Gesicht sah man deutlich an, daß es die hartnäckigsten Angriffe der Witterung ausgehalten hatte. Sein Anzug bestand in einem Soldatenrock, den der Schiffsschneider für ihn umgeändert hatte, in einem streifigen, flanellenen Wamse, einem Paar roten Beinkleidern, mit Pech lackiert, sauberen, grauwollenen Strümpfen, breiten silbernen Schnallen, die drei Vierteile seiner Schuh bedeckten, einem Hut mit einer silbernen Tresse, dessen Kopf anderthalb Zoll über den Rand hinausragte, einer schwarzen, rundgelockten Perücke, einem karierten Hemd, einem seidenen Halstuch, einem Hieber[4] mit einem kupfernen Griff, einem vor Alter glänzenden, gestickten Wehrgehänge und einem tüchtigen eichenen Prügel unter dem Arm.

In diesem Aufzuge machte er sich mit mir, den seine Freigebigkeit sehr anständig herausgeputzt hatte, auf den Weg zu meinem Großvater. Bei unserer Ankunft wurden wir von Melamp und Cäsar begrüßt, die der junge Herr, mein Vetter, sobald er uns nur gewahrte, auf uns losließ. Ich kannte die Tücke dieser Tiere nur zu gut und wollte daher Fersengeld geben; allein mein Oheim ergriff mich mit der einen Hand, schwang mit der anderen seinen Knüttel, und mit einem Streich lag der mutige Cäsar der Länge nach ausgestreckt am Boden. Melamp fiel ihn jetzt von hinten an; da er nun befürchtete, Cäsar möchte sich wieder erholen, so zog der Oheim seinen Hieber, drehte sich um und sonderte durch einen glücklichen Hieb Melamps Kopf von seinem Rumpf.

Nunmehr kam der Fuchsjäger nebst drei Bedienten, die mit Mistforken und Dreschflegeln bewaffnet waren, den Hunden zu Hilfe, die sie leblos auf dem Platze fanden. Mein Vetter geriet durch den Tod seiner Lieblinge so in Wut, daß er seinen Begleitern befahl, heranzurücken und Rache an dem Mörder zu üben, den er mit allen den Verwünschungen und Schmähungen belud, die ihm sein Zorn nur eingab. Allein mein Oheim trat ihnen keck und wohlgemut entgegen, und der Anblick seines blutigen Mordgewehrs machte, daß seine Gegner in größter Eile zurückwichen. Nun ging er auf ihren Anführer los und sagte: »Hör mal, Bruder, deine Köter haben mich mir nix, dir nix geentert; ich mußte mich meiner Haut wehren. So ist's wohl das beste, du läßt uns ungehindert unseres Weges gehen.«

Ich weiß nicht, ob der junge Squire das Verlangen meines Oheims, Frieden zu machen, falsch auslegte oder ob das Schicksal, das seine Hunde betroffen hatte, ihm mehr als gewöhnlich Herz eingab – genug, er riß einem von seinem Gefolge den Dreschflegel aus der Hand und näherte sich dem Leutnant in angreifender Stellung. Dieser setzte sich in Positur, ihn zu empfangen, und äußerte sich dabei wie folgt: »Was, du Lümmel von 'nem Hurensohn willst mich in den Grund segeln? Wart, ich will dich zusammenschlagen zu Pappmus!« Diese Erklärung und ein Schwenken mit dem Hieber schien dem Zorn des jungen Mannes Einhalt zu tun. Er blickte hinter sich, und siehe, seine Begleiter waren ins Haus gelaufen, hatten die Tür zugeschlossen und es ihm allein überlassen, den Handel auszuführen.

Nun ging die Friedensunterhandlung an, die mein Vetter folgendermaßen einleitete: »Wer, zum Teufel, bist du? Was willst du hier? Irgend so ein Strolch von Seemann, denk ich, der desertiert und Spitzbube geworden ist! Aber glaub ja nicht, daß du mir entkommst. An den Galgen sollst du Hund! Dafür werd ich sorgen. Dein Blut soll fließen für das meiner Hunde! Verfluchter Schuft! Meine Hunde hätt ich nicht hergegeben, um deine ganze Sippschaft vom Galgen zu retten, du elender Lumpenhund!« – »Halt's Maul, verdammter Lümmel«, schrie mein Oheim, »kein Wort mehr, oder ich klopf dir deine betreßte Jacke aus! Mit dem Eichenknüppel werd ich dich massieren. Verlaß dich drauf!« Mit diesen Worten steckte er sein Seitengewehr ein und griff zum Prügel.