Die Amulettmagier - Natascha Honegger - E-Book

Die Amulettmagier E-Book

Natascha Honegger

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Beschreibung

Isalia, Jerino, Valeria und Alessandro wären eigentlich ganz normale Jugendliche, wären da nicht ihre leuchtenden Augen und ein seltsames Amulett, das ihre Schicksale miteinander verbindet und sie vor eine große Aufgabe stellt: Eine Prophezeiung besagt, dass sie auserwählt sind, Aria, ihr geliebtes Heimatland, von dem skrupellosen Tyrannen Arkamoor Salsar zu befreien und dem Volk seine Freiheit zurückzugeben.Ausgestattet mit der Magie der Luft, des Wassers, des Feuers und der Erde beginnt für sie das größte Abenteuer ihres Lebens. Ein Abenteuer, in dem nicht nur ihre Freundschaft, sondern auch die zarte Liebe von Isalia und Jerino auf eine harte Probe gestellt wird.

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Seitenzahl: 723

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Natascha Honegger

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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind

zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.papierfresserchen.de

[email protected]

© 2012 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Telefon: 08382/9090344

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Erstauflage 2012

Titelbild und Illustrationen: Natascha Honegger

ISBN: 978-3-86196-131-4 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-193-0 - E-Book (2020)

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Inhalt

1.Teil: Vier Elemente

Prolog: Element Luft

Alaista Karantan

Besuch im Waisenhaus

Unterwegs

Eine ungewöhnliche Begegnung

Eine unfaire Verhandlung

Meuterei auf hoher See

Rot wie Feuer, Grün wie Erde

Die Falle

Die alte Zauberin

Dentratan – Festung des Bösen

Beobachtet

Zentesas – Stadt der Magie

Die fünf Vulkane

Gedankenzauber

Neosis – Die Stadt unter der Asche

Das Nichts

Gefangen im Land der Ängste

Das Tor nach Nemsral

Nemsral – Die Hauptstadt der Unterwelt

Die geheimen Tagebücher des Arkamoor Salsar

Zurück nach Zentesas

Der Ankanzius

2.Teil: Die Schlacht um Dentratan

Soilera

Der Plan

Die Reise

Der Fluch der Göttin

Das Zeichen

Elferra

Das Geheimnis der Obiliuscenze-Mine

Der letzte Geheimgang

Wiedersehen auf feindlichem Boden

Die Gefangene

Der letzte Kampf

Epilog

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Wenn die Dunkelheit versucht, das Licht zu binden,

und der letzte Widerstand zu brechen scheint,

dann, ihr Magier, bedenket immer:

Ohne Gutes auch kein Böses sei.

Am Tag der letzten freien Insel Fall,

beginnt der Prophezeiung Hall.

Vier Kinder werden dann geboren sein:

das erste Grün, das zweite Rot, das dritte dunkles und das letzte helles Blau.

Doch erst, wenn sich alle Elemente einen

und die Fehler der Vergangenheit in klarem Licht erscheinen,

dann, sobald der letzte Schnee des Winters schwindet,

wird sich der Zauberer Heer bei der Alten Eich‘ einfinden.

So entsteht ganz ohne Acht

zwischen Licht und Dunkel eine Schlacht.

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1.Teil: Vier Elemente

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Prolog: Element Luft

Ein Unwetter zog über eine kleine Stadt namens Merlina an der nördlichen Küste des Landes Aria. Es stürmte heftig und es goss wie aus Kübeln. Blitze tauchten alles in ein schauriges Licht und der Donner grollte wie ein wütendes Tier. Gewaltige Wassermassen schlugen unaufhaltsam gegen die steil abfallenden Klippen und versprühten einen salzigen Schauer, bevor sie zurück in die tobende Gischt fielen.

Bei diesem schrecklichen Wetter stand eine junge Frau auf dem höchsten Punkt der Küstenlinie und blickte mit wehendem Haar auf das offene Meer hinaus. Ein mächtiger Wasserzyklon suchte dort wirbelnd seinen Weg und der auffrischende Wind heulte und pfiff um die Ecken der nahegelegenen Häuser. Hätte es jemand gewagt, die schützenden Mauern der Stadt zu verlassen, so wäre er zweifellos in den Abgrund gerissen worden, an dessen Ende die aufgewühlte See tobte.

Nicht so die zierliche junge Frau, deren Schönheit man unter den wallenden Tüchern nur erahnen konnte. Einzig ein sanfter Lufthauch durchdrang die blaue Aura, die sie, ausgehend von einem kleinen Stoffbündel in ihren Armen, wie eine Hülle umgab. Es war ein Baby, fest eingewickelt in warme Decken, sodass nur das kleine, rundliche Gesicht sichtbar war. Das Mädchen schlief ruhig und völlig unbeeindruckt von dem Unwetter, das um es herum tobte, unwissend, welche Kräfte ihm angeboren waren.

Die junge Frau seufzte leise und wandte sich dann von den Klippen ab. In ihren blauen, freundlichen Augen glitzerten Tränen und sie schien dem Sturm ebenso wenig Beachtung zu schenken wie ihre Tochter.

Zielstrebig lief sie durch die vielen verwinkelten Gassen der Stadt bis zu einem alten, heruntergekommenen Haus, welches ein wenig abseits von Merlina stand. Die ehemals weiße Farbe war längst abgeblättert und der Wind peitschte die alten Fensterläden auf und zu. Immer wieder schlugen sie mit einem lauten Knall gegen die Wände, bis sie letztendlich aus den Angeln gerissen und weggeweht wurden.

Dieser trostlose Ort war nichts anderes als das örtliche Waisenhaus.

„Das ist die einzige Möglichkeit“, dachte die junge Frau. „Es ist besser, wenn sie weit weg von ihrem Geburtsort aufwächst, weit weg von allen Gefahren …“

Sie drückte das Baby an sich, gab ihm einen letzten Kuss auf die Stirn und legte es behutsam vor der Eingangstür des Gebäudes auf den Boden. Dann nahm sie vorsichtig das Bruchstück eines Amuletts aus ihrer Tasche hervor und legte es um den Hals des Kindes. Es war aus reinem Gold und mit hellblauen Steinen reich verziert, welche, als sie die Haut des Mädchens berührten, in einem so hellen Licht erstrahlten wie der Vollmond in wolkenlosen Sommernächten. Ein letztes Mal nahm der Sturm in seiner Heftigkeit zu, doch noch immer schlief das Kind so friedlich wie zuvor, und die junge Frau seufzte erleichtert.

Sie wusste, dass es ihr das Herz brechen würde, wenn das kleine Mädchen noch einmal seine magisch leuchtenden Augen öffnen und sie ansehen würde, mit seinem unschuldigen und unwissenden Blick.

„Hoffentlich werde ich dich irgendwann wieder sehen, meine Isalia“, dachte sie voller Liebe. „Vielleicht, ja vielleicht können wir dann gemeinsam ein normales Leben führen … Vielleicht ist dann alles vorbei …“

Sie legte einen kleinen Umschlag in den Umhang des Kindes. Sie wollte sicher sein, dass der Brief gefunden wurde, auch wenn er nicht mehr als einen einzigen Namen enthielt: Isalia. Das Kind sollte in diesem Namen erzogen werden, dem Namen, den seine Mutter für es bestimmt hatte.

Ein letztes Mal schaute sie auf das winzige Gesicht, das dem ihren schon jetzt ähnlich sah, dann erhob sie sich mit wehenden Tüchern.

Um ihr Kind machte sie sich keine Sorgen. Wind und Wetter, Blitze und Donnergrollen, dies alles gehörte zu seinem magisches Element. Dem Element der Luft.

Nach einem letzten schmerzvollen Blick zurück auf ihre Tochter verschwand die Frau in der Dunkelheit und der Sturm verschluckte das Geräusch ihrer Schritte.

Das kleine Mädchen blieb zurück, unwissend, dass seine Zukunft schon vor der Geburt bestimmt worden war, eine Zukunft, die ihm viel Ruhm oder aber den Untergang bringen würde.

*

Madame Seirone

Aufmerksam blickte sich Isalia, von allen nur Isa genannt, in der Dunkelheit um. Ihre blauen Augen leuchteten hell in der Schwärze der Nacht und suchten die Umgebung nach verdächtigen Bewegungen ab. Sie konnte alles so klar sehen wie am helllichten Tag: die Ziffern der Wanduhr, das alte, abgenutzte Sofa und auch die trüben Fenster, durch die das Mondlicht in milchigem Weiß fiel.

Still und verlassen lag die düstere Eingangshalle unter ihr. Die anderen Bewohner des Waisenhauses schliefen noch tief. So weit, so gut.

„Kommt“, flüsterte sie und drehte sich zu ihren beiden Freundinnen um, die angespannt im Schatten des Ganges warteten, wo sie niemand außer Isa entdeckt hätte. Vor allem eine von ihnen, Serilena, hätten wohl viele übersehen, denn ihre Haut war von dunkler Farbe und ihr Haar tiefschwarz. Nur das Weiße ihrer Augen wäre auch für Menschen ohne besondere Sehfähigkeiten sichtbar gewesen.

Das dritte Mädchen, das sich schüchtern an Serilena presste, nannten alle Pentrilla, doch im Grunde wusste niemand, wie sein richtiger Name lautete. Es hatte langes, braunes Haar, eine helle, fast schon durchscheinende Haut und braune, mandelförmige Augen. Serilena und Pentrilla waren Waisen – genau wie Isa –, aber in ihrer Art und ihrem Äußeren hätten sie nicht unterschiedlicher sein können. Trotzdem waren die drei Mädchen Freundinnen, beste Freundinnen sogar.

Serilenas Mutter, eine Fremde, die eines Nachts hochschwanger in Merlina aufgetaucht war, war bei ihrer Geburt gestorben. Ihre letzten Worte hatte niemand verstanden, denn sie sprach eine den Bewohnern von Merlina unbekannte Sprache. Nur den Namen des Babys hatte man herausfinden können: Serilena.

Pentrillas Geschichte war jedoch weit düsterer als Serilenas. Sie hätte niemals ihren ersten Geburtstag feiern können, wäre der Zufall ihr nicht zu Hilfe gekommen. Halb ausgehungert und bereits zu schwach, um zu schreien, war sie im nahen Wald von einer Gruppe Jäger gefunden und ins Waisenhaus gebracht worden. Ihre Eltern hatten das wehrlose Kind dort ausgesetzt, ob es Verzweiflung gewesen war oder nicht, das wusste niemand.

Was Isa selbst anbelangte, so hatte man ihr erzählt, dass man sie vor der Waisenhaustür gefunden habe. Die Tatsache, dass ihre Eltern gewollt hatten, dass sie weiterlebte, hatte Isa stets als beruhigend empfunden, auch wenn sie glaubte, ihnen niemals verzeihen zu können.

Irgendwo schlug eine Tür mit voller Wucht zu und Isa zuckte erschrocken zusammen. Von Pentrilla kam ein erschrockenes Keuchen.

Unbeweglich standen die drei Mädchen im Schatten und warteten darauf, entdeckt zu werden. Es verging eine Minute, dann zwei. Die Gänge und die Eingangshalle blieben leer. Isa beobachtete den Sekundenzeiger, der sich wie in Zeitlupe vorwärts bewegte, ehe er erneut die Zwölf überschritt. Noch immer keine Geräusche. Keine Schritte. Kein Rascheln von Stoff. Sie entspannte sich und gab ihren Freundinnen ein Zeichen. Die Luft war rein. Vorsichtig begann sie, die lange Treppe in die Eingangshalle hinabzusteigen und überstieg die dritte Stufe, da diese fürchterlichen Lärm machte, wenn man sie berührte. Alles ging gut, bis …

Padam, Padam, Padam. Das Mädchen erstarrte. Ein leises, beständiges Pulsieren drang an sein Ohr. Isa hatte es bereits in der vergangenen Nacht vernommen, das leise Klopfen, das sich wie ein pulsierendes Herz anhörte. Sie hatte wach im Bett gelegen, weil sie einfach das Gefühl nicht loswerden konnte, dass draußen in der Welt irgendetwas vor sich ging, das ihr Leben grundlegend verändern würde. Es war ein ungewöhnliches Kribbeln, irgendwo in ihrer Magengrube, wie die Ruhe vor dem Sturm. Doch sie konnte nicht sagen, ob es ein gutes oder schlechtes Gefühl war. Vielleicht ein bisschen von beidem.

Serilena war neben dem Mädchen stehen geblieben und sah es fragend an. „Was ist?“

„Hört ihr das auch?“, flüsterte Isa beunruhigt. „So ein merkwürdiges Geräusch, ein Pochen …“

„Ein Pochen?“, fragte Serilena erstaunt und hielt die Luft an, um zu lauschen. „Ich höre nichts.“

„Also ich auch nicht“, meinte Pentrilla gedämpft und fügte dann etwas hysterisch kichernd hinzu: „Hörst du vielleicht dein Herz? Hat die furchtlose Isa etwa Angst?“

Diese schüttelte den Kopf und murmelte ernst: „Nein, mein Herz ist es nicht.“

„Dann siehst du vielleicht nicht nur besser als wir, sondern hast auch ein besseres Gehör“, vermutete Serilena und legte den Kopf schief, während sie erneut mit angestrengtem Gesichtsausdruck in die Dunkelheit horchte.

„Kaum“, murmelte Isa und winkte ab, nachdem sie eine weitere Sekunde dem Geräusch gelauscht hatte. „Nicht so wichtig. Gehen wir lieber weiter, ehe wir erwischt werden.“

Langsam schoben sich die Mädchen voran, bis sie den Ausgang des Waisenhauses erreichten. Die alte hölzerne Tür quietschte in den Angeln, als Isa die Klinke mit beiden Händen nach unten drückte und sie vorsichtig aufschob. Dann traten sie in die Nacht hinaus.

Helles Mondlicht flutete die Landschaft und gab den Blick auf einen schmalen, mit Gras überwucherten Kiesweg frei. Einige verkümmerte Bäume streckten ihre kahlen Äste wie einen Baldachin über ihn und erinnerten an die einstige Pracht einer stolzen Allee. Doch diese Zeiten waren längst vorüber und nur die skelettartigen Überreste waren geblieben.

Doch statt dem Pfad zu folgen, verließen ihn die Kinder ohne Umschweife und huschten dann geräuschlos durch das feuchte Gras. Sie alle wussten, dass das eiserne Tor am anderen Ende des Weges zu dieser Zeit längst versperrt und unmöglich zu überwinden sein würde. Die drei gelangten zu einer hohen Mauer aus bröckelndem Gestein und folgten ihr bis zu einem Teil, der so weit in sich zusammengefallen war, dass man mühelos darüber hinwegsteigen konnte. Zeit und Witterung hatten beste Arbeit geleistet, doch das Waisenhaus hatte glücklicherweise nicht genug Geld, sie instand zu setzen.

Kaum hatten die Kinder die Mauer hinter sich gelassen, wich ihre bedrückte Stimmung und schlug in eine Art Vorfreude um. Ausgelassen, manchmal schlendernd, manchmal laufend, folgten sie der ungepflasterten Landstraße hinauf zur Stadt.

„Was denkt ihr? Wird uns Madam Seirone etwas aus unserer Zukunft offenbaren?“, flüsterte Pentrilla den anderen mit glitzernden Augen zu.

Madam Seirone war eine fahrende Wahrsagerin, die vor wenigen Tagen in Merlina haltgemacht hatte. Eigentlich war Magie in Aria bei Todesstrafe verboten, doch der Herrscher hatte die alte Frau bisher unbehelligt ihrer Wege ziehen lassen, sei es, weil sie keine echte Wahrsagerin war oder aber weil sie sich sehr geschickt seinen Schergen zu entziehen wusste. Hier in Merlina war allerdings noch niemals jemand wegen Magie hingerichtet worden. Zu abgelegen und unwichtig war die Stadt.

„Zum Glück“, dachte Isa bei sich, denn ihre magisch leuchtenden Augen hätten ihr in anderen Städten zweifellos zum Verhängnis werden können. Dass sie noch ein Kind war, spielte da keine Rolle.

„Isa?“ Ihre beiden Freundinnen starrten sie fragend an und holten sie in die Gegenwart zurück.

„Ja?“

Serilena tätschelte ihre Hand und lächelte. „Wir haben dich gefragt, was du denkst, dass sie in deiner Zukunft sieht?“

Isa runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich weiß nicht, ob ich so erpicht darauf bin, zu sehen, wie übel meine Zukunft aussieht. Ihr solltet euch da besser auch keine zu großen Hoffnungen machen.“

Pentrilla verzog das Gesicht und verschränkte schmollend die Arme vor der Brust. „Ach komm schon“, murrte sie. „Sei keine Spielverderberin!“

Isa schwieg, konnte ein Lächeln jedoch nicht ganz unterdrücken. Pentrilla dachte in ihrer vor Energie stets übersprudelnden Art immer positiv. Nur wenige Dinge konnten ihre Stimmung trüben oder ihre Beherrschung ins Wanken bringen.

Die Mädchen hatten Merlina erreicht und traten an das südwestlich gelegene Stadttor heran. Die zwei Wachen in den ausgeblichenen, blauen Uniformen arianischer Soldaten, die dieses eigentlich bewachen sollten, waren nirgendwo zu sehen. Vermutlich saßen sie ihren Wachdienst in einer der nahen Tavernen ab und gaben sich dem Rausch des Alkohols hin. Schließlich war um diese nächtliche Stunde sowieso nur selten etwas los.

„Diese Dummköpfe!“, dachte Isa. Sollte es jemals wieder zu einem Angriff auf die Stadt kommen, waren die Bürger diesem schutzlos ausgeliefert.

Nicht einmal das Tor hatten sie geschlossen. So betraten die Kinder unbehelligt die Stadt und folgten der gepflasterten Hauptstraße zum anderen Ende von Merlina. Irgendwo miaute eine Katze und ein Hund bellte laut, bis ihn eine wütende Frauenstimme ermahnte, endlich still zu sein. Ratten und Mäuse huschten kreuz und quer über den Weg und verschwanden dann zwischen den Häusern.

„Und du bist dir sicher, dass wir Madame Seirone in den Höhlen finden?“, fragte Pentrilla Serilena gerade zweifelnd. „Wäre es in der Stadt nicht viel gemütlicher für sie?“

„Sie ist eine Einzelgängerin“, kam Isa ihrer Freundin zuvor. „Und falls sie tatsächlich im Besitz von magischen Kräften sein sollte, ist das womöglich der Grund, wieso sie überhaupt noch lebt.“

„Glaubst du, dass sie eine Magierin ist?“, fragte Pentrilla und ihre Augen weiteten sich. „Eine echte, wie man sie aus den Sagen kennt?“

Isa zuckte die Schultern. Woher sollte sie das denn wissen? Sie war schließlich keine Hellseherin.

Endlich passierten die Kinder das Haus des Schreiners und ließen Merlina durch ein weiteres Tor hinter sich.

Als die Mädchen durch das hohe Gras zum Rand der Klippen hochstiegen, verschwand der Mond ganz plötzlich hinter den Wolken. Isas Freundinnen blieben abrupt stehen und warfen einen unsicheren Blick in den Himmel.

„Wenn der Mond nicht bald wieder kommt, dann können wir unmöglich zur Höhle der Wahrsagerin hinabsteigen“, meinte Pentrilla besorgt, und Isa glaubte, ein leichtes Zittern darin zu vernehmen. „Wenn wir auf dem Weg einen Fehltritt machen, stürzen wir die Klippe hinunter.“

Isa nickte. Es gab nur einen einzigen Ort, an dem man die steil abfallende Küste hinabsteigen und so Madame Seirones Unterschlupf erreichen konnte: einen schmalen Pfad, ungefähr drei Fuß breit und steinig. Man hatte ihn zu jener Zeit erbaut, da Merlina noch nicht durch eine Stadtmauer geschützt gewesen war und die Höhle als Zufluchtsort für die Menschen gedient hatte. Der Pfad war damals jedoch fast dreimal so breit gewesen, sodass ihn auch Kutschen hatten befahren können.

Isa warf wie ihre Freundinnen einen kurzen, prüfenden Blick zum Himmel, ehe sie diese beruhigte. Die Wolke, die den Mond verdeckte, war nicht besonders groß und würde bald vorübergezogen sein.

Die seltsame Gabe, auch des Nachts sehen zu können, hatte das Mädchen schon lange. Mit fünf Jahren hatte es begonnen und seit jenen Tagen war seine nächtliche Sicht immer ein wenig besser geworden. Auch jenes magische Leuchten seiner Augen, das es seit seiner Geburt von allen anderen Menschen unterschied, war stärker geworden. Mittlerweile funkelten sie so hell wie die Sterne am dunklen Himmelszelt. Die Tatsache, dass Isas Augen magisch waren, war auch der Grund, weshalb sie sehr sorgsam darauf achtgab, dass nicht allzu viele Leute von ihnen wussten. Es war nun nicht so, dass sie niemals unter die Menschen ging, nein, denn sie mochte die Stadt sehr, doch sie vermied es, wenn möglich, ihnen direkt in die Augen zu blicken oder im Schatten zu stehen.

Auch verließ sie das Haus normalerweise nur tagsüber bei Sonnenschein und versuchte, fremden Leuten aus dem Weg zu gehen. Nur heute hatte sie sich dazu entschlossen, bei Dunkelheit zu Madame Seirone zu gehen. Denn die Waisenhausleiterin sah es nicht gerne, dass ihre Schützlinge Wahrsagerinnen besuchten.

In diesem Augenblick kam der Mond wieder zum Vorschein und die Mädchen, die den Rand der Klippe erreicht hatten, konnten den Abstieg zur Höhle wagen. Isa übernahm die Führung, Serilena und Pentrilla folgten ihr.

Der Pfad war steil abfallend und wand sich in mehreren Schlaufen die fast senkrechte Klippe hinunter.

Als sie etwa die Hälfte der rund siebzig Meter hohen Felswand hinter sich gebracht hatten, tauchte vor ihnen ein schmaler Spalt im Gestein auf. Dieser war der Eingang zur Höhle, die im Augenblick Madame Seirones Unterschlupf war.

Vorsichtig betraten die Mädchen die Eingeweide der Klippe. Hinter dem Felsenriss führte ein Gang in eine riesige Halle voller Stalaktiten und Stalagmiten. Das ständige Tropfen von Wasser erfüllte die Höhle und es roch ein wenig modrig.

Und dort, in der Mitte der Felsenhalle, erleuchtet vom Schein Hunderter Kerzen, stand ein farbenfrohes Zelt aus Tüchern. Der starke Geruch nach Räucherstäbchen und leise, fremdartige Klänge wie von hölzernen Flöten drangen daraus hervor.

Die Freundinnen näherten sich langsam dem Zelt und fühlten sich wie in eine andere Welt versetzt. Alles hier wirkte so magisch und geheimnisvoll. Die Kerzen warfen Schatten wie lebendige Wesen an die Wände und die Flötenmusik schien von verschiedenen kleineren Holzröhrchen auszugehen, die durch die Luftströme in der Höhle Töne erzeugten.

Endlich hatten die Mädchen Madame Seirones Behausung erreicht und schoben die Tücher am Eingang beiseite. Fast bedächtig traten sie in den kleinen Raum, der dahinter lag. Durch diese Bewegung wurden verschiedene gläserne Glöckchen geläutet, die der alten Frau den ankommenden Besuch ankündigten.

„Madam Seirone heißt euch herzlich willkommen“, erklang eine leise, ein wenig raue Stimme und die alte Wahrsagerin trat durch einen Perlenvorhang aus dem hinteren Teil des Zeltes heraus. Ihr langes, weißes Haar war mit einem Schleier bedeckt. An den Rändern hingen kleine, silberne Münzen, die bei jeder ihrer Bewegungen leise klimperten. Hoheitsvoll ließ sie sich auf ein Kissen sinken, vor dem ein Tisch mit einer Kristallkugel stand. „Ich habe euch erwartet.“

„Es tut uns leid, dass wir so spät kommen, aber …“, begann Isa.

„Ihr müsst mir nichts erklären und auch Entschuldigungen könnt ihr euch sparen. Lasst uns lieber mit dem beginnen, was ihr wissen wollt. Du!“, sagte die Wahrsagerin und deutete plötzlich auf Isa. „Mit dir möchte ich beginnen. Deine Aura ist außergewöhnlich stark. So etwas habe ich schon seit vielen Jahren nicht mehr erlebt. Nicht mehr seit …“

Die Frau hielt inne und nahm sie genauer in Augenschein. Plötzlich zuckte sie zusammen und ihre Augen weiteten sich. „Ich kann es nicht glauben. Das ist unmöglich“, flüsterte sie.

Isa war verwirrt. Sie wusste nicht, was sie auf die seltsame Reaktion der Frau erwidern sollte. „Ist irgendetwas nicht in Ordnung mit mir?“, fragte sie deshalb mit schnell schlagendem Herzen.

„Nein, überhaupt nicht. Es ist alles in bester Ordnung. Ich war nur etwas überrascht, dich hier zu treffen. Komm, setz dich.“

Vorsichtig ließ Isa sich auf einem der weichen Kissen gegenüber der Wahrsagerin nieder. Die anderen beiden Mädchen nahmen ebenfalls Platz. Isa konnte spüren, wie diese sich bedeutungsvolle Blicke zuwarfen.

Doch nun konzentrierte sie sich wieder auf die Wahrsagerin. Was würde sie ihr wohl über ihre Zukunft sagen? Würde sie ihr vielleicht erklären, wieso sie so seltsam auf sie, Isa, reagiert hatte? Als würde sie sie bereits kennen?

Madam Seirone beugte sich zur Kugel hinab. Bläulicher Nebel bildete sich darin und nach einiger Zeit wurde der Blick der Frau trüb. Es schien, als würde ihr Geist den Körper zurücklassen und in eine andere Welt übertreten, die Welt der Zukunft.

Als sie zu sprechen begann, kam ihre Stimme von weit her, als komme sie aus dem Jenseits. „Ich sehe eine Prophezeiung, die schon vor deiner Geburt gesprochen wurde, und ich sehe drei andere Kinder, deren Geschichten dicht mit der deinen verstrickt sind. In eurer Hand liegt das Schicksal Arias und eure Zukunft steht in Verbindung mit eurer Vergangenheit“, hauchte die alte Frau geheimnisvoll. „Krieg steht bevor, schon bald.“ Ihre Worte hallten noch sekundenlang durch den Raum und lagen wie ein geheimnisumwobener Bann über dem Mädchen.

Dann kehrte die Wahrsagerin mit einem Schlag in die Gegenwart zurück, gab einen erschrockenen Aufschrei von sich und riss die Augen auf.

„Mögen dir alle guten Geister gnädig sein“, hauchte sie leise. „Unser Schicksal liegt in deiner Hand, Hoffnungsträgerin.“

Dann blickte sie sie aus tiefblauen Augen an, und Isa hätte schwören können, ganz plötzlich das zu spüren, was sie auch immer in sich selbst gespürt hatte: Magie, geheimnisvolle, uralte Magie.

*

Das Goldene Amulett

Es war die Nacht vor Isas 13. Geburtstag, an dem sich alles ändern sollte. Die Nacht, die ihr bisheriges Leben völlig auf den Kopf stellte.

Seit der Vorhersage waren bereits zwei Wochen vergangen. Madame Seirone war noch in derselben Nacht wie vom Erdboden verschwunden und zu allem Überfluss hatte man Isa nun auch ihre beiden Freundinnen Serilena und Pentrilla genommen: Eine reiche, unfreundliche Familie, die weit weg von Merlina in der Stadt Menserza lebte, hatte sie vor wenigen Tagen aufgenommen und war mit ihnen in einer protzigen Kutsche fortgefahren.

Beim Essen am Vorabend ihres Geburtstags war Isa so ruhig und verschlossen wie noch nie zuvor. Sie fühlte sich schrecklich alleine und in ihrem Kopf dröhnte das unheimliche Pulsieren, das sie mittlerweile ununterbrochen, Tag und Nacht, verfolgte. So laut wie Paukenschläge dröhnte es in ihren Ohren und ihr Kopf drohte, zu bersten. Padam. Padam. Padam.

Sie wollte einfach nur ihre Ruhe, doch die anderen Mädchen plapperten und plapperten und wollten einfach nicht still sein.

„Du bist bestimmt schon sehr aufgeregt wegen deines Geburtstags“, kommentierte ein blondes Mädchen, dessen Namen Isa nicht einmal kannte. Syrillia? Syria? Oder doch Syra? Sie konnte sich nicht daran erinnern.

Padam. Padam. Padam.

„Nein“, erklärte Isa wahrheitsgetreu und fürchtete, ihr Kopf würde explodieren.

„Aber warum denn nicht?“, fragte ein anderes Mädchen mit schwarzen Locken.

„Keine Ahnung.“ Isa musste sich zurückhalten, das Mädchen nicht wütend anzuschreien und zu schütteln. Am liebsten hätte sie ihre Hände auf die Ohren gepresst und wäre aus dem Speisesaal gestürmt.

„Also ich verstehe dich, mir geht es an meinen Geburtstagen auch so“, meinte ein drittes und ließ Isa vom Stuhl aufspringen.

„Ihr versteht gar nichts“, schrie sie und die anderen blickten sie erschrocken an. Als sie die entsetzten Blicke sah, bereute sie ihre hitzige Reaktion sofort und setzte sich wieder auf ihren Stuhl. „Ich habe seit Tagen Kopfschmerzen“, fügte sie rasch hinzu und sah, dass sich die Mädchen wieder entspannten.

„Vielleicht solltest du dich etwas ausruhen“, meinte eines von ihnen mitfühlend.

Isa nickte ihr zu, erhob sich dann erneut und quälte sich in das Zimmer, das sie mit zehn anderen Mädchen teilte. Wenn nur dieses Pochen aufhören würde …

Mit offenen Augen lag Isa in ihrem Bett und lauschte auf das Atmen der anderen. Sie konnte es kaum hören durch den Aufruhr in ihrem Kopf, doch solange sie sich darauf konzentrierte, war der Schmerz nicht ganz so schlimm.

Während das Mädchen wach im Bett lag, ohne dass es seinen dringend benötigten Schlaf fand, fasste es schließlich einen Plan: Es würde die Quelle dieser grauenhaften Tortur suchen und unschädlich machen. Koste es, was es wolle!

Isa wartete noch eine Weile, dann erhob sie sich langsam aus ihrem Bett. Die anderen Waisenkinder schliefen tief und fest. Darauf bedacht, keinen Laut zu machen, stand sie auf und durchquerte das Zimmer.

Dann schlich das Mädchen leise zur Treppe und hinab in die Eingangshalle. Schnellen Schrittes durchquerte es den Raum, als die Wanduhr eben begann, zwölf Uhr zu schlagen.

„Mitternacht. Jetzt bin ich 13!“, dachte Isa.

Doch die Freude musste warten. Erst musste sie dafür sorgen, dass dieses seltsame Hämmern aufhörte.

PADAM. PADAM. PADAM.

Noch lauter, noch schmerzvoller als jemals zuvor. Isas ganzer Körper schien zu vibrieren.

PADAM. PADAM. PADAM.

Ihr Blick fiel auf eine hölzerne Tür, auf der ein Schild mit den Worten Zutritt verboten prangte.

Die Wohnung der Waisenhausleiterin.

Langsam näherte sie sich dem schwarz gestrichenen Holz und drückte die Klinke nach unten. Abgeschlossen.

„Mist!“, dachte sie. „Was soll ich jetzt tun?“

Das Pulsieren war mittlerweile so laut, dass sie nur noch an eines denken konnte: Weg hier! Doch innerlich wollte sie etwas anderes. Sie wollte dem hämmernden Geräusch folgen und seine Quelle finden. Sie ausschalten.

Mechanisch strich Isas Hand über das Türschloss. Es gab einen bläulichen Blitz, dann ein Klicken und das Schloss war offen.

Der Mund des Mädchens klappte verblüfft auf, doch es hatte seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle: Wie von selbst schoben seine blassen Hände die Tür auf und seine Beine traten in den Raum. Es war, als hätten sie ein Eigenleben entwickelt, das ihm ganz und gar nicht gefiel.

Ein kleiner Wandschrank kam in Isas Blickfeld. Soweit sie das beurteilen konnte, war er die Quelle des Lärms, doch ihr Kopf dröhnte nun so heftig, dass sie kaum mehr einen klaren Gedanken fassen konnte. Hilflos musste sie mit ansehen, wie sie an das Schränkchen herantrat und erneut mit ihren Fingern über das Schloss fuhr.

Ein Blitz, ein Klicken.

Isa stöhnte und wollte sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn die Waisenhausleiterin sie bei ihrem Einbruch erwischte. Doch was hätte sie denn tun sollen? Sie war machtlos gegen die Kräfte, die hier am Werk waren …

Vorsichtig stellte sich das Mädchen auf die Zehenspitzen und linste ins Innere. Sein Blick glitt über glitzernden Schmuck, goldene und silberne Münzen und sogar einige wenige Edelsteine. Ein Schatz, wie es ihn noch niemals zuvor gesehen hatte. Doch der Anblick ließ Isa seltsamerweise so kalt wie Eis. Sie war nicht hergekommen, um etwas zu stehlen, nein. Sie war hergekommen, um sich etwas zurückzuholen. Ihr Eigentum.

Und dort lag es, jenes Stück, das Isa begehrte: ein Amulett aus purem Gold, geschmückt mit Edelsteinen von der Farbe des blauen Himmels an klaren Sommertagen. Es wurde von einer ebenso blauen Aura umgeben, die so hell leuchtete, dass vermutlich jeder normale Mensch auf der Stelle erblindet wäre. Doch Isas Blick wurde davon magisch angezogen und ein warmer Strom aus purer Energie erfasste und liebkoste sie.

Wie in einem Rausch streckte das Waisenmädchen die Hand danach aus und berührte es. Seine Hände hoben es heraus und strichen darüber wie über einen längst verloren geglaubten Schatz.

Und in jenem Augenblick, in dem Isas Haut das Schmuckstück nach langen Jahren zum ersten Mal wieder berührte, verschwand das Pochen in ihrem Kopf und machte einer leisen, wunderschönen Melodie Platz.

Und da war noch etwas, das Isa viele Jahre nicht mehr gespürt hatte: das Gefühl vollständig zu sein.

Nach unzähligen Minuten begann ihr Gehirn, ganz langsam wieder zu arbeiten, und sie betrachtete zum ersten Mal bewusst, was sie da in der Hand hielt.

Es war ein fein gearbeitetes Schmuckstück, einer Adligen würdig, und vermutlich Teil eines größeren Amuletts. Wie Isa bereits zuvor festgestellt hatte, schien es aus purem Gold zu bestehen, verziert mit mehreren hellblauen Edelsteinen. Diese waren es auch, von denen das strahlend blaue Leuchten ausging. Es hatte den Anschein, als hätte jemand eine bläuliche Flüssigkeit hinter Kristallglas gesperrt, in ihrer Konsistenz der von Nebel ähnlich.

Das Gold war in einer außergewöhnlichen Struktur gearbeitet worden, die so aussah, als wären zwei Stränge aus Edelmetallen miteinander zu einem Ganzen verflochten worden. Es war ein Kunstwerk, keine Frage.

Isa fuhr fasziniert über das wertvolle Stück und hörte weder die Tür noch die schnellen Schritte, die sich ihr näherten.

„Was tust du da?!“, rief eine wütende Stimme und riss das Mädchen aus seinem tranceähnlichen Zustand. Erschrocken wirbelte es herum und stand ganz plötzlich der Waisenhausleiterin gegenüber, die sich wie ein bedrohlicher Schatten hinter ihm aufgebaut hatte. „Wie kannst du es wagen, hier einzudringen?!“

„Ich …“, begann Isa und überlegte sich bereits fieberhaft eine Ausrede. „Ich wollte nicht …“

Da fiel der Blick der Frau auf das leuchtende Amulett in Isas Hand und sie taumelte erschrocken zurück. Blankes Entsetzen flammte in ihren Augen auf und sie zeigte stumm auf das Schmuckstück.

„Wie … Was …“, stotterte sie, dann durchschnitt ihr Schrei die Stille und ließ Isa zusammenzucken. „Nein!“ Die Frau begann, am ganzen Körper zu zittern und zu zucken, als würde sie Höllenqualen leiden. Doch Isa konnte nicht erkennen, was die Ursache dafür war. Das Amulett vielleicht?

Die Augen der Waisenhausleiterin nahmen einen wahnsinnigen Ausdruck an. Speichel troff aus ihrem Mundwinkel. „Du!“, keuchte sie und zeigte anklagend auf Isa. Dann brach sie zusammen. Mit einem dumpfen Schlag traf ihr lebloser Körper auf dem Boden auf.

Isa rannte. Ihre Beine trugen sie so schnell wie der Wind und hielten nicht inne, ehe sie die Klippen erreichten. Keuchend stützte sie ihre Hände auf die Knie und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen.

Was hatte sie nur getan? Was war geschehen?

Verwirrung und Verzweiflung wechselten sich in rascher Folge ab und heiße Tränen rannen in Strömen über ihre Wagen. Immer wieder flimmerte das Bild der Toten vor ihr auf: die blicklosen Augen, die niemals wieder sehen würden, der geöffnete Mund …

Isa wurde speiübel und sie konnte nur mühsam den Brechreiz unterdrücken, der in ihr aufstieg. Mörderin! Der Gedanke war so schrecklich, dass er sie in die Knie zwang. Zitternd kauerte sie im weichen Gras, das Gesicht in den Händen verborgen. Sie hatte getötet. Sie war schuld daran, dass …

„Nein!“, schrie Isa und stieß diese Gedanken grob von sich. „Ich trage keine Schuld an dem, was eben passiert ist! Ich habe nichts getan!“ In ihre Augen war ein kämpferischer Ausdruck getreten. „Aber du!“ Sie holte das Amulett aus ihrer Tasche und musterte es voller Abscheu. „Du bist schuld an ihrem Tod!“ Und mit diesen Worten schleuderte Isa es ins Meer hinaus. „Verschwinde!“, schrie sie ihm hinterher. „Lass mich in Ruhe!“

Dann erhob sie sich und lief weinend zurück ins Waisenhaus. Aber ein ganz kleiner Teil von ihr bereute bereits, dass sie das Amulett fortgeworfen hatte …

*

Alaista Karantan

Es war kein normaler Traum, jedenfalls keiner von der Art, wie ihn Isa jemals zuvor erlebt hatte. Alles schien so wirklich zu sein: die Umgebung, die Geräusche, selbst der Geruch …

Sie befand sich in einem ihr unbekannten Raum. Von den Wänden bröckelte bereits der Putz und der Schein mehrerer Fackeln ließ Licht und Schatten unruhig über das unebene Gestein tanzen. Es schien, als wären sie zu lebendigen Wesen erwacht, dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit um die Vorherrschaft zu kämpfen.

Isa beobachtete dieses Spiel eine Weile länger, ehe sie sich von dem Anblick abwandte. Der Geruch nach Staub und Zerfall lag in der trockenen Luft und rief ein unangenehmes Durstgefühl in Isas Hals hervor. Sie schluckte und fuhr mit der Zunge über ihre spröden Lippen. Dann schaute sie sich vorsichtig um.

Das Gewölbe musste Jahrhunderte alt sein, wenn nicht noch älter. An den Wänden reihten sich mehrere schwarz getünchte Regale, in denen verschiedene Objekte standen. Da gab es alte, in Leder gebundene Bücher, verschiedene, mit gefährlich aussehenden Essenzen gefüllte Fläschchen und eine Auswahl von Tontöpfen unterschiedlicher Größe.

All dies wäre an sich schon beunruhigend genug gewesen, doch Isa spürte zu allem Überfluss auch noch die bedrohliche Präsenz eines Fremden in ihrer Nähe.

Sie hielt nach ihm Ausschau, konnte ihn jedoch erst entdecken, als sie sich einige Schritte weiter in den Raum hineinwagte.

Die Gestalt hatte Isalia den Rücken zugekehrt und beugte sich über einen eisernen Kessel. Ein dunkler Kapuzenmantel umhüllte sie und Isa konnte nur die langen, dürren Finger sehen, die aus den weiten Ärmeln hervorlugten.

Ein brodelndes Geräusch lenkte die Aufmerksamkeit des Mädchens auf den Kessel, der zur Hälfte mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Isa vermutete, dass es Wasser war, doch sicher war sie sich nicht.

Die Gestalt griff nach einer Phiole, wog sie kurz in den Händen und schraubte schließlich den Deckel ab. Isa sah, wie sie daran roch und dann zufrieden nickte. Kurz darauf ergoss sich ein feines, dunkelrotes Rinnsal in den Kessel. Dunkelrot wie Blut …

Isa schreckte zurück und musste ein Stöhnen unterdrücken. War das wirklich Blut? Oder täuschte sie sich? Alle ihre Härchen stellten sich zu Berge und sie spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. Halt suchend tastete sie nach der Wand und lehnte sich dagegen. Alles drehte sich in ihrem Kopf. Der Mann hatte Blut in den Trank geschüttet, da war sie sich sicher!

Das Geräusch von Flüssigkeit, die auf Flüssigkeit traf, ließ sie zusammenzucken. Ein Zischen erklang und roter Dampf erfüllte die Luft. Isa hatte Mühe, sich nicht von der Szene abzuwenden. Doch sie musste wissen, was hier vor sich ging! Wieder fasste die Gestalt, die zweifellos ein Magier war, in einen der Tontöpfe auf dem Regal. Dieses Mal brachte sie einige kleine schwarze Steine von der Größe einer Haselnuss zum Vorschein.

Das Mädchen sog scharf die Luft ein.

„Höllensteine!“, dachte es. Isa hatte von diesen sagenumwobenen Steinen schon oft gehört. Es wurde gesagt, dass sie großes Unglück über all jene bringen, die sie mit reinem Herzen berühren. Und wenn man einen von ihnen aufbreche, so trete eine schwarze Flüssigkeit heraus, die die Haut verbrenne.

Mit einem durchdringenden Zischen und der Bildung einer tiefschwarzen Dunstwolke versanken auch die Steine im Kessel.

Nun begann sich die Farbe der Substanz zu verdunkeln. Die Luft im Raum schien dicker zu werden und Isa konnte kaum noch atmen. Die Gläser auf den Regalen begannen, zu klimpern, und alles schwankte, als würde die Erde beben. Eine unerklärliche Panik ergriff von Isa Besitz.

Sie wollte, dass der Traum endete, wollte so schnell wie möglich von dieser Gestalt weg. Warum erwachte sie nicht?! War es vielleicht gar kein Traum? Aber wie sollte sie hierher gekommen sein, wenn nicht im Schlaf?

Der Magier ging weiter seinen dunklen Machenschaften nach, warf Zutaten in den Kessel und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Erste Gläser krachten klirrend zu Boden und zerbrachen in tausend Stücke. Steine lösten sich aus den Wänden und von der Decke.

Isa nährte sich dem Mann. Was machte er da bloß? Er begann, Worte in einer fremden Sprache zu murmeln. Es waren düstere, längst vergessene Worte. Zuerst so leise, dass man es kaum hören konnte, dann immer lauter und lauter, bis er schrie.

Vermutlich war es eine magische Formel, eine Beschwörung, ein Zauber. Die Stimme war kräftig und tief und voll unbändigem Hass, und all dies schienen die Worte wiederzugeben.

Dann gab es einen lauten Knall, der die letzten, heil gebliebenen Glasgefäße zerspringen ließ. Gelbe Wolken stiegen aus dem Kessel empor und wirbelten durcheinander.

Und dann sah Isa es zum ersten Mal im Dunst dieses teuflischen Ortes: das Dunkle Amulett, genannt Alaista Karantan, ein tiefschwarzer, magischer Gegenstand mit blutroten Steinen. Wie ein dunkles Omen schwebte es über dem Kessel und ließ Isa Böses erahnen.

Sie wich zurück und zwickte sich hysterisch in den Arm. Sie wollte endlich aus diesem Albtraum erwachen, doch es ging nicht.

Der Mann griff das Amulett aus der Luft und begann, schaurig zu lachen. „Dreißig Jahre hat es gedauert, um herauszufinden, wie ich dich erschaffen kann, doch jetzt gehörst du mir, Alaista Karantan, mir ganz alleine.“ In diesem Augenblick drehte er sich um und starrte das Mädchen mit seinen blutroten, erbarmungslosen Augen an, die selbst unter der Kapuze noch deutlich zu sehen waren. Isa erstarrte vor Schreck und wich dann langsam zurück.

Sie wusste, wer dieser Mann war! Bisher hatte sie erst von einem einzigen Menschen gehört, der rote Augen hatte: Arkamoor Salsar, seines Zeichens König von Aria.

Er war der Mann, der vor fast 13 Jahren das ganze Land in einem einzigen blutigen Feldzug unter seine Herrschaft gezwungen hatte und jegliche Anwendung von Magie mit dem Tode bestrafen ließ. Und das, obwohl er selbst ein Magier war! Er war blutrünstig, brutal und rücksichtslos.

Da schreckte Isa endlich aus dem Schlaf hoch. Sie lag schweißgebadet in ihrem Bett und ihre Hand klammerte sich so fest in ihre Decke, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten bereits das Zimmer und die meisten Betten waren schon leer, doch ihre Gedanken waren zu weit entfernt, um dies alles wahrzunehmen. Bruchstückhafte Erinnerungen an ihren Albtraum flatterten durch ihre Gedanken. Blut, ein dunkles Amulett, diese roten Augen …

Sie schauderte. Zum Glück hatte sich dies alles nur in ihrem Kopf abgespielt!

*

Besuch im Waisenhaus

Nachdem sich Isa kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hatte, um die Bilder des schrecklichen Albtraums fortzuwischen und ihre Gedanken zu ordnen, streifte sie sich ein einfaches Baumwollkleid über und schlurfte den Flur entlang in Richtung Treppe. Sie fühlte sich so elend, als wäre sie von jemandem verprügelt worden.

Langsam stieg sie die Stufen hinab, mehr mit ihren Gedanken, als mit der Umgebung beschäftig. Erst als sie bereits am Fuß der Treppe angelangt war, fiel ihr Blick auf eine Gruppe hektisch tuschelnder Kinder, die sich über einen reglosen Körper beugten.

Isa erstarrte zur Salzsäule. Einige entsetzte Stimmen drangen an ihr Ohr.

„Was ist geschehen?“, fragte ein Mädchen. „Ist sie tot?“

„Ich … ich weiß nicht“, antwortete seine Nachbarin zitternd. Lautes Gepolter kündigte die Köchin des Waisenhauses an, die nur Sekunden später durch eine der Türen stürzte und die Kinder keuchend und schneeweiß im Gesicht zur Seite drängte. „Oh, ihr guten Götter!“, rief sie aus und legte den Kopf in ihre Hände. „Wir müssen umgehend einen Arzt verständigen!“

Nichts konnte Isa vom Anblick des reglosen Körpers ablenken, dessen Augen glasig an die Decke starrten. Ihr Atem ging schwer und sie hatte das Gefühl, irgendjemand drücke ihr die Luft ab. Keuchend griff sie sich an ihre Kehle und begann, zu taumeln. Blind tastete sie nach dem Treppengeländer, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

„… ist zusammengebrochen.“

„Der Anblick war zu viel für sie …“

Stimmen drangen bruchstückhaft an ihr Ohr, undeutlich und wirr. Langsam tauchte sie aus dem schwarzen Nichts der Bewusstlosigkeit empor und trieb hinauf zum Licht. Sie blinzelte benommen.

„Isalia? Mädchen, hörst du mich?“ Irgendjemand fächerte ihr Luft zu. Übelkeit stieg in ihr hoch, und noch ehe sie irgendetwas sagen oder tun konnte, musste sie sich übergeben.

„Isalia, geht es dir gut?“, fragte die Köchin, die neben ihr kniete und mit besorgter Miene über ihr Haar strich.

„Blendend“, krächzte Isa und musste husten.

Die Frau hob mahnend einen Finger. „Über so etwas macht man keine Scherze, Mädchen. Das war eine ernst gemeinte Frage.“

Isa sah zu dem Ort, an dem zuvor die Tote gelegen hatte. Die Köchin folgte ihrem Blick.

„Wir haben die Leiche weggebracht“, erklärte die Frau mitleidig und seufzte. „Ihr Herz war schon immer sehr schwach. Die Heiler gaben ihr nicht mehr lange zu leben …“

Isa hörte ihr kaum zu, denn sie merkte, dass ihr erneut übel wurde. „Ich muss hier raus!“, stieß sie hervor.

„Ja, du hast recht. Die frische Luft wird dir gut tun.“ Die Köchin half ihr auf die Beine und wollte sie hinausbegleiten, doch Isa riss sich los und stürzte keuchend durch die Tür.

Dann endlich, endlich spürte sie die frische, kühle Morgenluft auf ihrer Haut und die Übelkeit legte sich etwas. Ihre Lungen füllten sich bei jedem Atemzug und auch ihr Kopf begann, sich langsam wieder zu klären.

Die Köchin trat neben Isa und umfasste sanft ihre Schultern. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte sie besorgt.

„Nein. Es ist nur etwas zu viel für mich. Ich muss nachdenken“, antwortete das Mädchen leise.

„Bist du dir sicher?“

Isa nickte entschlossen und schlurfte dann durch das hohe Gras davon. Sie spürte, wie ihr der nachdenkliche Blick der Frau folgte.

Das Mädchen umrundete gedankenverloren das Haus und setzte sich an einen Baumstamm. Von hier aus konnte man es weder vom Haus noch von der Straße her sehen und so konnte es in Ruhe die Geschehnisse der letzten Nacht noch einmal überdenken.

Was war passiert? Und wieso gerade an Isas 13. Geburtstag? Wie viel hatte sie geträumt und wie viel war Wirklichkeit gewesen? Die Fragen über das Geschehene schwirrten wie angriffslustige Wespen durch Isas Kopf und stachen und piesackten sie. Worte wie Magie, Tod und Amulett spukten ununterbrochen durch ihren Geist.

Um sich abzulenken, fasste sie vorsichtig in ihre Tasche und wollte den kleinen Würfel hervornehmen, mit dem sie und ihre Freundinnen früher so oft gespielt hatten. Doch statt auf Holz stießen ihre Fingerspitzen auf angenehm warmes Metall. Wie schon in der Nacht zuvor durchströmte sie bei dieser Berührung eine Woge des Glücks, der Wärme und der Vollkommenheit. Isa zuckte zusammen.

„Was zum …“, stieß sie hervor und ihre Augen weiteten sich. Das war doch nicht möglich, oder? Sie hatte das Amulett ins Meer geworfen! Rasch zog sie den Gegenstand hervor, den sie berührt hatte. Ein Amulett, Gold mit blauen Edelsteinen. Es war DAS Amulett.

Isa stöhnte auf. Das wurde ja immer besser!

Dennoch drückte sie das Schmuckstück an ihre Brust und betrachtete es in den ersten morgendlichen Strahlen der Sonne. Die Schönheit, die das Amulett im Tageslicht preisgab, überwältigte sie und sie vergaß, dass sie es in der letzten Nacht noch hatte loswerden wollen. Die Edelsteine glitzerten und funkelten und das Gold glänzte wie neu.

Ein sanfter Wind strich flüsternd durch den Garten und ließ die Grashalme hin und her wogen. Das Blattwerk über dem Mädchen raschelte und knisterte und eine Biene flog summend an seinem Ohr vorüber. Doch dann, ganz plötzlich änderte sich Isas Wahrnehmung.

Die Welt verstummte, schien einzufrieren und urplötzlich spürte sie ungewöhnliche Schwingungen in der Luft, deren Zentrum das Amulett zu sein schien. Isas Herz setzte einen Schlag aus und ihr Atem stockte. Sie war sich nicht ganz sicher, ob dies ein Grund zur Panik war …

Ohne es verhindern zu können, erfasste sie mit einem Mal eine unendliche Müdigkeit und sie sank in sich zusammen.

Ihre Gedanken begannen, sich wirr zu durchmischen, ihre Sicht verschwamm. Nur das Amulett leuchtete strahlend hell in ihrer Hand und sprach ihr Mut zu.

Und so glitt sie erneut in die seltsame Traumwelt, die sie am Abend zuvor bereits betreten hatte, eine Welt, die viel zu echt schien für einen normalen Traum.

Das Amulett wollte ihr eine weitere Geschichte aus der Vergangenheit erzählen …

Dieses Mal befand sich Isa nicht mehr in der unheimlichen unterirdischen Halle, in der König Salsar seine düsteren Pläne geschmiedet hatte.

Stattdessen stand sie in einem kleinen Raum, in dem sich zwei Personen aufhielten. Die eine war ein blondes Mädchen um die zwölf Sommer mit hüftlangem Haar und klugen hellblauen Augen, die andere ein dunkelhaariger Mann, auf dessen Haupt eine silberne Krone glitzerte.

„Attillia ist nicht mehr sicher vor diesem Arkamoor Salsar, Vater! Du musst mir glauben! Als König dieser Insel ist es deine Pflicht, die Menschen zu beschützen.“ Das Mädchen sprach mit leiser, aber eindringlicher Stimme auf den Mann ein.

Isa erkannte, dass sie sich in einer Zeit befand, in der König Salsar bereits einen Großteil von Aria seinem neuen Reich einverleibt hatte. Denn die Insel Attillia, früher auch die Insel der Magier genannt, war die letzte gewesen, die unter die Herrschaft des Tyrannen fiel.

„Das ist vollkommen unmöglich, Pamina“, antwortete der Mann entschieden und schüttelte den Kopf. „Arkamoor Salsar ist nicht stark genug, uns zu unterwerfen. Der Schutzzauber der Insel ist uralt und sehr mächtig. Tausende von Magier haben ihn über viele Jahre hinweg beständig gestärkt und außerdem leben hier auf der Insel Zauberer aus dem ganzen Land. Er müsste gegen eine Übermacht gewinnen, selbst wenn er die Banne bräche.“ Der Mann hatte eine angenehm ruhige Stimme und sprach mit der Prinzessin voller Geduld und Freundlichkeit. Doch seine Tochter wollte sich mit den Erklärungen nicht zufriedengeben.

„Ich weiß, dass Attillia eine Insel voller Magie ist! Aber König Salsar hat ein Amulett erschaffen, das …“

„Du hast geträumt. Es gibt kein Amulett, das so stark sein könnte, wie du es mir beschrieben hast. Und außerdem …“ In jenem Augenblick klopfte es an der Tür und der König unterbrach sich. „Herein!“

Die Tür wurde geöffnet und ein Diener trat mit langen Schritten herein. „Majestät, Prinzessin“, er verbeugte sich vor den beiden und wandte sich dann an den Inselkönig. „Ein Bote verlangt, Euch zu sehen. Es geht um die Gelder aus dem Süden …“

„Lasst ihn nur herein“, befahl der König und der Mann verbeugte sich höflich, ehe er nach draußen ging, um den Boten hereinzubitten.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, stampfte Pamina auf den Boden. „Ich weiß, dass es wahr ist“, zischte sie ihrem Vater ärgerlich zu. „Ich weiß, dass das Amulett erschaffen wurde. Ich weiß, dass Kassandra mit ihrer Prophezeiung richtig lag. Vater, Attillia wird fallen!“ Dann glitt sie durch eine andere Tür hinaus. Ihre Augen glitzerten voller Zorn und Verzweiflung.

Die Szene änderte sich. Pamina stand vor einer hölzernen Tür und klopfte gegen das dunkle Holz. Nichts tat sich. Noch einmal schlug sie dagegen, etwas stärker dieses Mal und da wurden Schritte im Innern laut.

Quietschend öffnete sich die Tür einen Spaltbreit und jemand spähte hindurch.

„Ach, du bist es, Pamina. Komm doch herein.“ Die Tür wurde ganz geöffnet und gab den Blick auf eine Frau um die fünfzig Jahre frei. Ein sanftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Was führt dich hierher, mein Kind?“, fragte sie und ließ das Mädchen eintreten. Ihre Stimme klang etwas rau, wie die einer sehr alten Frau.

„Oh Kassandra!“ Pamina sah sie flehend an und schien mit ihrer Beherrschung zu ringen. „Ich brauche deine Hilfe.“

„Kindchen, was ist denn los?“ Besorgt musterte sie das Mädchen. „Ist dir nicht gut?“

„Mit mir ist alles in Ordnung. Es geht um die Insel. Ich …“ Pamina stockte und schloss die Augen. „Ich habe solche Angst, dass sie nicht mehr sicher ist.“

„Wie kommst du denn auf diese Idee?“, fragte Kassandra etwas verunsichert, dann schien sie zu begreifen. „Du hast die Prophezeiung gehört? Hast du etwa bei der Ratsversammlung gelauscht?“

„Nein! Ich meine … ja, aber es ist nicht nur die Prophezeiung, die mich das glauben lässt …“, hauchte Pamina. „Ich hatte gestern einen schlimmen Traum. Ich glaube, es war ein Wahrtraum.“

Von einem Wahrtraum hatte Isa noch nie etwas gehört. Es musste wohl etwas Magisches sein. Vielleicht etwas in der Art, wie sie es gerade erlebte? Ja, das wäre möglich …

Kassandra setzte sich nachdenklich und bedeutete Pamina, es ihr gleichzutun. „Ein Wahrtraum“, murmelte Kassandra erschrocken. „Das ist … unerwartet. Doch erzähl mir, was du geträumt hast. Alles: wie es sich angefühlt hat, aus welcher Sicht du die Szene gesehen hast und um was und wen es ging. Vergiss nicht, erzähle mir jedes Detail, auch wenn es dir noch so unwichtig erscheint. Denn sollte sich dein Traum tatsächlich als wahr herausstellen, könnten auch nur die kleinsten Lücken schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.“

Und so begann Pamina, zu erzählen. Sie sprach über jenen Traum, den Isa vergangene Nacht selbst durchlebt hatte: die Erschaffung eines unheimlichen schwarzen Amuletts.

Kassandra hörte aufmerksam zu und unterbrach sie nicht. Nur hin und wieder nickte sie mit dem Kopf oder fuhr sich mit den Fingern durch ihr Haar. Als Pamina nach einer Weile endete, legte sich Stille über das Zauberhaus.

„Hm, hm“, war das Einzige, was Kassandra eine ganze Weile lang sagte, während sie nachdachte. „Mal überlegen.“ Dann endlich nickte sie bedächtig und faltete ihre Hände ineinander. „Die Intensität des Traums, die vielen Details … dies alles weist tatsächlich auf einen Wahrtraum hin. Ich denke, es ist eine weitere Warnung oder ein Hinweis, den uns das Schicksal sendet. Ein solch mächtiges Amulett, wie du es beschrieben hast, ist nur sehr schwer zu besiegen, vor allem dann, wenn es von einem mächtigen Magier wie Salsar erschaffen wurde“, meinte Kassandra schließlich vorsichtig. „Ein solches Amulett“, fuhr sie fort, „habe ich schon einmal gesehen. Nicht in seinem Original, aber in einem Buch. In einem sehr, sehr alten Buch.“

Kassandra befeuchtete ihre Lippen und erhob sich dann mit einer erstaunlichen Leichtigkeit. Bedächtig trat sie an ein Regal voller Bücher und glitt daran entlang. „Alaista Karantan. Die Worte sind in einer alten Sprache gesprochen. In der Ursprache der Magie“, erklärte sie, während sie weiter die Buchrücken entlangfuhr.

„Altarianisch“, hauchte Pamina leise.

„In der Tat. Wie du weißt, beherrsche ich sie beinahe fließend, doch die Bedeutung dieser beiden Worte … Ich kenne sie nicht.“

Ihr Finger stoppte bei einem dicken Buch, auf dessen Rücken in abblätternden Lettern etwas stand, das Isa nicht lesen konnte. Die Frau tippte einmal darauf, murmelte „Ah, hier ist es“ und zog es vorsichtig aus dem Regal heraus. Es schien tatsächlich uralt zu sein und hatte wohl schon bessere Zeiten erlebt. Die Seiten waren dick und vergilbt und der Umschlag zerschlissen. Als Kassandra es aufschlug und darin blätterte, wirbelte Staub auf. Das Mädchen, das neugierig aufgestanden und neben sie getreten war, musste laut niesen.

„Hier ist es“, murmelte die Zauberin plötzlich und zeigte auf eine Seite mit dem Bild zweier fast identischer Amulette. Isa hielt die Luft an, als sie erkannte, dass das eine ein Gesamtbild des Amulettes war, von dem sie ein Stück besaß. Das andere war das Dunkle Amulett.

Währenddessen wanderten Kassandras Augen bereits flink über den langen Text, der in einer fremden Sprache geschrieben war. Isa vermutete, dass dies die sagenumwobene altarianische Sprache war, doch sicher war sie sich nicht.

Pamina hatte sich ebenfalls über das Buch gebeugt. Sie unternahm anscheinend den Versuch, die Worte zu entziffern, gab nach einiger Zeit jedoch auf und setzte sich gegenüber von Kassandra auf einen Stuhl.

Nach Stunden, wie es Isa vorkam, schlug die Zauberin das Buch schließlich zu und blickte Pamina besorgt an.

„Es gibt, wie ich befürchtet habe, nur ein einziges Amulett, das auf deine Beschreibung zutrifft: das Höllenamulett, in die alte Sprache übersetzt Alaista Karantan. Dieses Amulett, oder vielleicht besser diese Art von magischen Amuletten, taucht in der Geschichte Arias vor über 2000 Jahren das erste und letzte Mal auf. Ein uns unbekannter Verfasser schrieb dazu: „Und ein düster Amulett ward aus Licht erschaffen und knechtete die Welt.“ So wird es in einem Dokument geschildert, das über einen großen Magierkrieg berichtet. Fast hundert Jahre lang brachte es Verzweiflung, Angst und Tod mit sich, ehe es, der Quelle zufolge, zerstört werden konnte. Die Überlieferungen dazu sind lückenhaft und unvollständig, teils auch nahezu unglaubwürdig, da von Mächten die Rede ist, die wir uns nicht einmal im Traum vorstellen können: die Magie der Alten.“

„Die Magie der Alten?“

Kassandra nickte. „Es heißt, dass die Magier der alten Welt sehr viel mehr Magie besaßen als irgendjemand in der heutigen. Wieso das so war, wissen wir nicht, doch es ist gewiss, dass das Dunkle Amulett selbst jenen Männern und Frauen zugesetzt zu haben schien. Lange Jahre suchten sie nach einer Möglichkeit, es zu zerstören, ehe sie eine solche auch tatsächlich fanden. In der Überlieferung heißt es, dass ein Alaista Karantan nur durch einen ihm ebenbürtigen Zwilling zerstört werden könne, ein Amulett, dessen Kräfte dem Licht dienen: ein sogenanntes Lichtamulett.“ Kassandra schwieg einen Moment und ließ Pamina die Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten.

„Lichtamulett?“ Pamina zögerte. „Der Ausdruck kommt mir irgendwie bekannt vor …“ Sie strich sich ihr langes Haar aus der Stirn. „Als hätte ich schon einmal davon gehört.“

„Das ist kein Wunder. Erinnerst du dich an die Geschichten, die ich dir früher immer erzählt habe? Die Geschichten über die Magischen Vier?“

Pamina dachte nach und nickte nach einer Weile. „Sie lebten vor ungefähr sechzig Jahren und waren vier Zauberer, von denen jeder eine elementare Gabe besaß: Luft, Wasser, Feuer und Erde. Ein goldenes Amulett verband ihre Kräfte und sie konnten damit Dinge tun, zu denen niemand sonst in der Lage war.“

„Ganz genau!“, bestätigte Kassandra. „Und dieses Amulett war ein Lichtamulett.“

Pamina schaute sie verständnislos an. „Ein Lichtamulett? Wieso denn das? Ich dachte, seit 2000 Jahren hätte es kein Alaista Karantan mehr gegeben, das man damit hätte zerstören können?“

„Das ist richtig. Man erschuf das Lichtamulett nicht aus dem Grund, dass es ein dunkles zu besiegen gab, sondern weil man damals einen offenen Krieg mit der Unterwelt verhindern wollte.“ Als Kassandra erkannte, dass Pamina nicht verstand, fügte sie erklärend hinzu: „Damals herrschte ein mächtiger König im Land unter der Erde. Ein Krieg stand kurz bevor, doch der Magierrat wollte sinnloses Blutvergießen verhindern. Seine Mitglieder waren verzweifelt und kamen schließlich auf die Idee, dass nur ein Zauberspruch der Alten ihnen noch helfen konnte. Von denen gibt es nicht mehr viele, die uns bekannt sind, und die meisten sind Alltagszauber, die mündlich von Generation zu Generation überliefert wurden.

Es stellte sich schließlich heraus, dass nur eine einzige magische Formel für den Plan des Rates geeignet war: eine schriftliche Überlieferung über die Erschaffung eines Amuletts, das seinen Trägern ungeahnte Mächte verleiht.“

Kassandra schien in ihren Erinnerungen zu schwelgen. „Der Rat entschloss sich, jenen Zauber anzuwenden. Ich habe die Magier davor gewarnt, doch sie wollten nicht auf mich hören. Wie du siehst, haben wir nun die Bescherung.“

Sie hielt inne. „Was weißt du sonst noch über die Amulettmagier von damals?“

Pamina dachte nach. „Nicht viel. Sie waren eine Legende, doch eines Tages verschwanden sie spurlos und man hat sie nie wieder gesehen.“

„Ja, das ist die offizielle Version.“

Pamina horchte auf. „Und die inoffizielle?“

Kassandra trat an eines der Fenster und blickte nach draußen. „Nachdem die Magischen Vier ihre Aufgabe in der Unterwelt erfüllt hatten, wandten sie sich von uns ab und beschlossen, fortan den Kontakt zum Rat und allen anderen Mitgliedern unserer Gemeinschaft zu vermeiden.“

Paminas Augen weiteten sich. „Sie haben uns verraten? Wieso?“

„Sie hatten ihre Gründe und ich hätte mich an ihrer Stelle nicht anders entschieden, doch ich habe jetzt keine Zeit, dir dies genau zu erklären.“

Kassandra wirkte traurig, als sie über die einstigen Amulettmagier sprach. „Jedenfalls ist einer von ihnen irgendwann vom Pfad des Lichts abgekommen und hat den Erdmagier und die Wassermagierin getötet. Sein Name war und ist Arkamoor Salsar.“

„Salsar war ein Amulettmagier?!“, kreischte Pamina und sprang von ihrem Stuhl auf. „Der Arkamoor Salsar?!“

Kassandra nickte und wandte sich vom Fenster ab. „Ich bin mir fast sicher, dass das Alaista Karantan einst das Lichtamulett der Magischen Vier war. Salsar muss eine Möglichkeit gefunden haben, es zu wandeln.“

Pamina sank auf ihren Stuhl zurück und schüttelte nur fassungslos den Kopf. „Das glaube ich einfach nicht. Dann sind wir wirklich verloren“, stöhnte sie leise. „Die Magischen Vier galten als unbesiegbar.“

„Sie waren stark, aber unbesiegbar?“ Kassandra verzog zweifelnd das Gesicht. „Nein, das glaube ich nicht.“

„Bist du dir da ganz sicher?“ Pamina rieb sich die Schläfen. „Wir hätten doch keine Chance gehabt, gegen sie zu gewinnen! Und wenn Salsar das Amulett nun allein beherrscht, würde das ja bedeuten …“ Ihre Augen weiteten sich. „Das würde bedeuten, dass er über alle vier Elemente gebietet!“

„Ja.“ Kassandra nickte mechanisch. Ihrem Gesicht sah man keinerlei Regung an, doch Isa war sich sicher, dass das täuschte. „Aber dennoch … verloren, mein Kind, das hat man erst dann, wenn man die Hoffnung aufgibt. Ich kannte Arkamoor Salsar einst und auch er hat seine Schwächen. Er ist keineswegs unbesiegbar.“ Die Frau strich der Prinzessin sanft über ihre Haare.

„Besteht denn noch Hoffnung, Kassandra?“

„Nun, vielleicht nicht in diesem Augenblick und auch nicht in den nächsten Jahren. Doch der Tag wird kommen, an dem sich das Licht erneut erheben wird.“

„Dann wird Attillia fallen?“

Kassandra antwortete nicht sofort. „Prophezeiungen sind unumstößlich, mein Kind“, begann sie schließlich zögernd. „Sie ereignen sich womöglich nicht so, wie wir uns das vorstellen, doch sie lügen niemals. Die Insel wird fallen, wie auch alle anderen Orte Arias. Doch noch ist nicht alles verloren, denn die Prophezeiung spricht von besseren Zeiten, von Rebellion und Widerstand.“

„Sie spricht von Krieg“, erinnerte Pamina sie zögernd.

„In der Tat. Krieg wird es geben“, flüsterte Kassandra und in ihrer Stimme schwang Sorge mit. „Einen schrecklichen Krieg …“

Pamina schluckte schwer und strich eine Haarsträhne aus ihrem besorgten Gesicht. „Wer wird gewinnen?“

„Das weiß ich nicht. Die Prophezeiung spricht weder von Sieg noch von Niederlage.“

Kassandra seufzte und wollte das Buch schließen, das noch offen auf dem Tisch lag. Doch Pamina ging dazwischen und hielt sie zurück.

„Nein! Ich kann nicht einfach hier herumsitzen, nichts machen und auf eine Prophezeiung hoffen, die sich womöglich als erste nicht bewahrheiten wird. Wenn ein Lichtamulett die einzige Möglichkeit ist, das Alaista Karantan zu zerstören …“, sie blickte der Frau tief in die Augen, „… so müssen wir es erschaffen!“

„Das geht nicht“, murmelte Kassandra und musste den Blick von den starken Augen des jungen Mädchens abwenden.

„Wieso nicht?“

„Es gibt so viele Unsicherheiten bei der Erschaffung eines Lichtamuletts. Bedenke zum Beispiel, dass du die Amulettmagier nicht dazu zwingen kannst, uns zu helfen. Sie sind ihre eigenen Herren, und wenn sie sich entscheiden, mit Salsar gemeinsame Sache zu machen … Niemand kann wissen, wie sie sich entwickeln!“

„Risiken hin oder her! In der Prophezeiung werden Amulettmagier erwähnt! Was ist, wenn es an uns liegt, dieses neue Lichtamulett zu erschaffen? Was ist, wenn das unser Schicksal ist?“

Kassandra nickte langsam und in ihre Augen trat ein kämpferischer Ausdruck. „Du hast recht. Aber wir bräuchten einen sehr starken Magier, der die Gefahr nicht scheut und in den wir vollstes Vertrauen haben. Ich würde es ja selbst tun, aber meine Magie ist sehr geschwächt, weil ich seit Monaten täglich den magischen Schutzwall stärke, um die Insel so lange zu schützen, wie es nur geht“, erklärte sie entschuldigend.

Pamina war voller Tatendrang aufgesprungen und ging nun im Zimmer auf und ab. „Was ist mit mir? Kann ich es denn nicht versuchen?“ Sie blickte Kassandra flehend an. „Bitte.“

„Pamina! Du könntest bei dem Versuch sterben, und selbst wenn nicht … Dieser Zauber braucht so viel Energie, dass du tagelang bewusstlos wärst. Er würde nicht nur sämtliche Magie aus dir heraussaugen, sondern auch jedes bisschen Kraft in deinem Körper. Du bist noch so jung und deine magische Gabe ist noch nicht vollständig ausgebildet! Bedenke das Risiko! Und der Feind könnte jeden Tag angreifen!“

„Ich bin mir der Gefahr wohl bewusst. Doch wenn wir jetzt nicht handeln, ist Aria womöglich für immer verloren! Ohne ein Amulett auf der Seite des Lichts gibt es keine Hoffnung mehr.“ Das Mädchen legte sanft eine Hand auf die Kassandras und tätschelte sie vorsichtig. „Ich habe genügend Magie, um ein Lichtamulett zu erschaffen, nicht wahr?“

„Ja“, murmelte Kassandra etwas unwillig. „Deine Kräfte sind größer als die von manch erwachsenem Zauberer. Aber ein Lichtamulett …“ Sie zögerte.

„Bitte, Kassandra! Sag mir, wie ich es erschaffen kann. Tu es für Aria! Tu es für mich und für all die anderen unschuldigen Menschen!“

Schweigen legte sich über das kleine Haus.

Dann plötzlich nickte Kassandra und erhob sich. „Wie du willst. Ich werde dich anleiten.“

In diesem Augenblick spürte Isa, dass sie aus ihrem Traum aufzutauchen begann. Der Raum verschwamm vor ihren Augen.

Doch gerade, bevor sie erwachte, erleuchtete ganz plötzlich das Lichtamulett selbst in seiner vollendeten Gestalt ihre Gedanken, ehe es auseinanderbrach und bei vier Neugeborenen wieder auftauchte, die alle von einer seltsamen Aura aus Licht umgeben waren: grün wie die Pflanzen, rot wie das Feuer, dunkelblau wie das Wasser und hellblau wie die Luft.

Die Amulettmagier der neuen Ära waren geboren. Und sie, Isa, das Waisenkind aus Merlina, war einer davon.

An dieser Stelle erwachte das Mädchen vollends aus seinem Traum. Am liebsten hätte es noch erfahren, wie Pamina das Amulett erschaffen hatte und was ihr danach widerfahren war. War sie Arkamoor Salsar entkommen? Lebte sie vielleicht immer noch irgendwo in Aria? Wenn ja, musste sie mittlerweile zu einer jungen Frau herangewachsen sein …

Das Geräusch einer sich nähernden Kutsche ließ Isa aus ihren Gedanken hochschrecken. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie noch immer unter dem Baum lag, den Rücken an die raue Rinde gelehnt, und dass es, dem Sonnenstand nach zu urteilen, bereits später Nachmittag sein musste. Sie stand auf und ihre Neugier trieb sie zu dem Teil der Waisenhausmauer, der eingefallen war. Vorsichtig spähte sie durch das dichte Blattwerk auf die Straße. Dort rollte eine prachtvolle Kutsche, gezogen von zwei eleganten Pferden heran und schien genau auf das Waisenhaus zuzuhalten.

Das Mädchen pfiff anerkennend durch die Zähne. „Die sind ganz bestimmt stinkreich“, dachte es.

Noch nie zuvor hatte es eine solch protzige Kutsche gesehen: Sie war vergoldet und fremdartige Wappen und Bilder zierten ihre Wände. Unverkennbar war es eine Kutsche aus dem Süden, da nördliche Kutschen eine andere, etwas einfachere Bauart aufwiesen.