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Ein actionreicher historischer Thriller, so spannend wie Dan Brown und so atmosphärisch wie Carlos Ruiz Zafón.
»Thriller der Extraklasse: Leidenschaftlich, brutal, historisch exakt.«
Hamburger Morgenpost
Barcelona, 1888: Als der junge Gelehrte Daniel Amat die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, kehrt er nur widerwillig in seine Heimat zurück. Am Grab begegnet er dem Journalisten Bernat Fleixa, der glaubt, dass es Mord war. Doch die Polizei will nicht ermitteln. Als Daniel dann noch das mysteriöse Tagebuch seines Vaters in die Hände fällt, das auf ein geheimes Manuskript verweist, und immer öfter schrecklich zugerichtete Frauenleichen in den Altstadtgassen entdeckt werden, fragt sich Daniel: War sein Vater einem grausamen Verbrechen auf der Spur?
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Seitenzahl: 720
Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
Die Eröffnung der großen Weltausstellung in Barcelona im Jahr 1888 steht kurz bevor, und ein grausamer Serienkiller treibt sein Unwesen in der Stadt. Immer wieder tauchen Leichen von jungen Frauen auf, die schrecklich zugerichtet wurden.
Währenddessen erhält der junge Oxfordprofessor Daniel Amat Nachricht vom Tod seines Vaters. Nur zögerlich macht er sich auf den Weg in seine Heimat Barcelona, da das Verhältnis zu seinem Vater zuletzt alles andere als gut war. Dort angekommen trifft er auf den Journalisten Bernat Fleixa, der ihn davon zu überzeugen versucht, dass sein Vater keines natürlichen Todes gestorben ist. Zuerst will Amat dem keinen Glauben schenken, doch dann taucht ein mysteriöses Tagebuch auf, das Hinweise auf ein verschollenes Manuskript der Anatomie enthält. Als die Polizei sich weigert zu ermitteln, weiß Amat, dass etwas nicht stimmt. Zusammen mit Fleixa macht er sich auf die Suche nach dem Mörder und wird immer weiter hineingezogen in die düsteren Geheimnisse der alten und verwinkelten Stadt …
Autor
Jordi Llobregat interessiert sich leidenschaftlich für Geschichte, im Besonderen für die Entwicklung von Städten. Neben dem Schreiben arbeitet er in einer Firma, die sich mit Stadtentwicklung befasst. Außerdem ist er der Direktor des Krimi-Festivals Valencia Negra. Er hat bereits mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und ist Mitglied der Autorengruppe El Cuaderno Rojo. Llobregat lebt in Valencia, hatte aber zu Barcelona schon immer eine enge Verbindung, da seine Familie mütterlicherseits dort ihre Wurzeln hat. »Die Anatomie des Teufels« ist sein erster Roman. Weitere Informationen auf vesaliussecret.com.
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Jordi Llobregat
Die Anatomie des Teufels
Thriller
Deutsch von Stefanie Karg
Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »El secreto de Vesalio« bei Ediciones Destion, einem Imprint von Editorial Planeta, S. A., Barcelona.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.1. Auflage
© der Originalausgabe 2015 by Jordi Llobregat Mateu
Published by special arrangement with The Ella Sher Literary Agency
© der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Blanvalet Verlag, Neumarkter Str. 28, 81673 München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion: Kirsten Brandt
Umschlaggestaltung: © www.buerosued.de
Umschlagmotiv: © mauritius images/MiRafoto.com/Alamy; Arcangel Images/Miguel Angel Munoz Pellicer
NG · Herstellung: sam
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-16938-1V002www.blanvalet.de
Für dich, Mutter
Kurz und einfach ist der Pfad der Spekulation, aber er führt uns nirgendwo hin; lang und beschwerlich ist der Weg des Experimentes, aber er lässt uns die Wahrheit erkennen.
Galen, 216 n. Chr.
Heute kann man seine Irrtümer entdecken und morgen ein neues Licht auf genau das werfen, was man heute für sicher hält.
Moses Maimonides
1185 n. Chr.
Man lebt durch den Geist, alles andere ist sterblich.
Andreas Vesalius
1564 n. Chr.
1
1888, Barcelona, Port Vell. In der Nähe der Lazaretomole
Nachdem er die Schemen zum dritten Mal betrachtet hatte, fluchte der alte Mann mit zusammengebissenen Zähnen. Um ihn herum herrschte Stille, eine Stille, die nur von den Schlägen des Wassers gegen den Bootsrumpf unterbrochen wurde. Windböen peitschten den Regen gegen das Boot und durchnässten die Plane, die die Tabakkisten bedeckte. Zu dieser frühen Morgenstunde waren der Alte Hafen und der Kai in Nebel getaucht, und die vor Anker liegenden Boote und die Gebäude der Werften bildeten darin nur ein paar Tupfer. Das Ufer war kaum zu erkennen, und so dicht zwischen den Wellenbrechern des Hafens zu fahren, war sehr riskant. Doch das hatte er nun schon hunderte Male getan, und das würde er noch weitere Male so halten. Das allein beunruhigte ihn nicht. Das ungute Gefühl, als lastete ein Stein in seinem Magen, rührte von der Gewissheit, dass am Ende dieser Nacht irgendetwas verdammt schiefgehen würde.
Der Wind frischte schon wieder auf und brachte noch mehr Bewegung in das Wasser. Der Alte ließ die von zahllosen Falten umgebenen Augen über sein Boot schweifen, vom Bug, wo sein Sohn döste, zum Baumwollsegel, das gut am Mast festgemacht war und sich aufblähte. Mit geübten Griffen zog er an der Leine, und als er befriedigt feststellte, dass sich das Segel mit Luft füllte, vertäute er sie an der Holzbeting. Er ballte die Fäuste, und seine Finger, die in Wollhandschuhen steckten, protestierten wie alte Taue. Ungeachtet seiner dicken Kleidung kroch ihm die Kälte in die Knochen. Er seufzte. Die Arbeit fiel ihm von Tag zu Tag schwerer, bald würde er das Boot nicht mehr führen können. Er spürte, dass er die Jahrhundertwende nicht mehr erleben würde, und wohl auch nicht diese Wunderwerke, über die alle Welt sprach. Was gingen ihn diese verdammten Maschinen an? Welcher Irre konnte denn lärmende Apparate den kräftigen Armen eines Mannes vorziehen? Er spuckte ins Wasser und zog das Steuer um ein Viertel herum.
Den Montjuic ließen sie Backbord, und allmählich zeichneten sich die Umrisse der Stadt ab, die zuvor unsichtbar im Nebel gelegen hatte. Der alte Mann lenkte sein Boot ganz in die Nähe der Lazaretomole, an den Kai, an dem man ihn mit seiner Fracht erwartete, vor möglichen Beobachtern von der Burg und auch vor den Dampfschiffen verborgen, die zu dieser Tageszeit die Gewässer befuhren.
Die Strömung trieb sie in Richtung der Felsen. Er umklammerte die Pinne, um den Kurs zu korrigieren, doch plötzlich wurde er auf eine Bewegung auf der Wasseroberfläche aufmerksam. In der Nähe des Hafenbeckens war der Nebel nicht ganz so dicht, und er konnte in der Gischt den Wellenbrecher erkennen. Ein paar Meter weiter, zwischen Hölzern und Takelageresten, trieb ein großes Bündel. Doch plötzlich war es vom Meerwasser bedeckt und verschwand. Der alte Mann schnalzte mit der Zunge und wartete ab. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Handelsschiff einen Teil seiner Ladung verlor. Ein Glücksfall für den Finder.
Die Zeit verstrich, und er gestand sich zähneknirschend ein, dass seine Sinne ihm einen üblen Streich gespielt hatten. Gerade wollte er das Boot aus der Strömung nehmen, als er ein Plätschern vernahm. Der Gegenstand kam auf einmal wieder hoch und schaukelte nun auf den Wellen einige Faden näher. Der alte Mann musste so breit lächeln, dass er seine schwärzlichen Zähne zeigte, und er steuerte mit der Pinne. Als er das Fundstück erreichte, stellte er fest, dass es eine Eichenkiste war, so groß wie ein Weinfass. Die gestempelten Marken auf dem Holz zeigten ihm, dass die Kiste aus Frankreich kam. Sie war noch bestens verschnürt, und das war wichtig: Das Wasser hatte die Ladung nicht verderben können.
Franzosen transportierten normalerweise Porzellan, edle Stoffe und Spirituosen. Egal was, jede Handelsware würde einen ordentlichen Gewinn bringen. Er machte die Pinne fest und sah wieder zu seinem Sohn.
»He! Aufstehen! Nimm dir den Bootshaken!«
Der Junge blickte ihn verständnislos an, doch dann sah auch er die Kiste, die neben ihnen trieb. Taumelnd richtete er sich auf und wühlte unter der Bank, schob ein Fischernetz und ein paar Taue zur Seite, bis er die lange Stange mit dem Eisenende und dem spitzen Haken gefunden hatte. Er befolgte die Anweisungen seines Vaters und bekam zuletzt mit der Stange eine der Schnüre an der Kiste zu fassen. Der alte Mann hantierte inzwischen selbst mit einem Haken und zog an der anderen Seite. Nach und nach gelang es ihnen, ihre Beute zum Boot zu ziehen. Dann machten sie sich daran, sie an Bord zu hieven.
»Los! Vorsichtig … Heiliger Himmel!«
Die spitzen Finger einer Hand krallten sich in den Arm des alten Mannes. Wie gelähmt starrte der Alte sie ungläubig an, während ihn das Gewicht ins dunkle Wasser zu ziehen drohte. Doch bevor er reagieren konnte, brachte eine Welle das Boot ins Wanken, und die gespenstische Erscheinung verschwand vor seinen Augen, als hätte es sie niemals gegeben.
Der Junge rannte über das Deck und riss das Tuch von der Schiffslaterne. Im Licht war deutlich zu sehen, dass neben der Kiste ein Wesen trieb, das sich unter allergrößten Mühen über Wasser hielt, indem es sich an die Schnüre klammerte. Anstelle seiner Augen klafften zwei dunkle Höhlen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer grotesken Grimasse, als es zu sprechen versuchte, doch es brachte nur ein unverständliches Stammeln hervor, gefolgt von einem Stöhnen. Das Wesen schien der Brandung keinen Moment länger trotzen zu können.
Nach kurzem Zögern wies der alte Mann seinen Sohn an:
»Achte darauf, die Kiste ruhig zu halten.«
Der Junge rührte sich nicht vom Fleck. Fahlbleich konnte er seinen Blick nicht von dieser Kreatur wenden. In dem Augenblick wurden sie durch eine Welle von ihr getrennt.
»Zum Teufel, Junge!«
»Vater, sind … Sind Sie sicher?«
Die Kiste versank allmählich.
»Komm schon!«
Der Junge nahm wieder die Stange in die Hand und rammte den Haken ins Holz, sodass er die Kiste gegen das Boot stemmen konnte. Sein Vater klemmte seine Füße unter die Bank, um einen sicheren Stand zu haben, und packte mit beiden Händen den Arm, den ihm das Wesen entgegenstreckte. Er fühlte sich kalt und glitschig an. Der alte Mann schloss die Augen, holte tief Luft und zog mit aller Kraft.
Das Wesen rollte über das Deck, bis es auf dem Rücken zu liegen kam. Der alte Mann hatte beinahe einen Fischschwanz erwartet, doch der Körper besaß tatsächlich Beine. Er war nackt, hatte keine Körperbehaarung, und die Haut war so bleich, dass sie durchsichtig schien. An seinem Unterleib zeichneten sich schwärzliche Ränder einer schrecklichen Wunde ab. Der Junge musste bei dem Anblick an die geschuppten Fische in der Auktionshalle denken.
Der alte Mann näherte sich zögernd, beugte sich vor und betastete auf der Suche nach einem Lebenszeichen den Rumpf. Er erschauderte, als er noch weitere Wunden entdeckte, die quer über den Brustkorb verliefen. Er drückte leicht dagegen, und seine Hand versank mit einer Leichtigkeit im Fleisch, als wäre es Butter. Ein ekelerregender Gestank strömte aus dem Inneren. Der alte Mann wankte davon und stürzte zwischen die Tabakkisten, er konnte sein Entsetzen nicht beherrschen. Sein Sohn eilte ihm zu Hilfe, und aneinandergeklammert betrachteten sie die übel zugerichtete, reglose Gestalt.
»Vater, was haben wir uns da an Bord geholt?«
»Bei Gott, ich habe keine Ahnung.«
Plötzlich zuckte ein Leuchten durch den Körper, und unter der Haut schien eine Zeichnung auf, die dem Geäst eines Baumes glich. Nach einem kurzen Flackern verschwand das Licht so schnell, wie es aufgetaucht war. Vater und Sohn bekreuzigten sich im gleichen Atemzug.
Rückkehr
Vierundzwanzig Tage vor der Eröffnung der Weltausstellung
2
»Das ist alles für heute, meine Herren.«
Auf die Ruhe im Hörsaal folgte plötzlich Lärm, als die Studenten von den Sitzbänken aufstanden. Der junge Hochschullehrer am Rednerpult suchte seine Papiere zusammen, steckte sie in seine Aktenmappe und blickte den Studenten auf ihrem Weg zum Ausgang nach. Er wollte ernst wirken, doch sein Lächeln verriet ihn. Damit endete seine zweite Woche als Dozent an der Universität, an der er selbst erst vor wenigen Monaten sein Studium abgeschlossen hatte.
Er ging zu einem der hohen Fenster des Hörsaales. Draußen hing der Himmel voller dunkler Wolken, doch anders als sonst vermochte das Grau der Umgebung sein Glücksgefühl nicht zu trüben. Ein langer, gewundener Weg hatte ihn bis zu diesem Pult geführt, und, verdammt, diesen Platz hatte er sich verdient. Er ließ seinen Blick über die Gebäude des Hofes schweifen. Fast hätte er zufrieden geseufzt, als er hinter seinem Rücken seinen Namen rufen hörte.
»Professor Amat!«
In der Tür wartete ein Student.
»Ja, bitte?«
»Entschuldigen Sie bitte, Herr Professor, Sir Edward möchte Sie sehen.«
»Ich komme gleich.«
Wie gut sich das anhörte. Professor. Professor und Mitglied des Magdalen College, eines der renommiertesten Colleges der University of Oxford. Er vertrat Professor Brown, der leider wegen seiner Gicht ausfiel, aber das schmälerte keineswegs sein eigenes Verdienst. Sicher würde er bald eine eigene Stelle erhalten. Die Gelegenheit hatte sich ergeben, und er gedachte nicht, sie verstreichen zu lassen. Er packte seine Sachen und verließ unter den neugierigen Blicken der Studenten den Hörsaal, in dem er in diesem Trimester den Altgriechisch-Unterricht abhalten würde.
Draußen, im Freien, ordnete er seinen Talar. Regen, gepaart mit einem eisigen Wind, prasselte auf den Hof nieder. Es war schon Ende April, doch es war nach wie vor kalt. Er eilte über den ungepflasterten Weg und nahm bewusst die Geräusche wahr, die aus den Hörsälen drangen und durch das ganze College tönten. Die Vorlesungszeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Er ließ die Kapelle, in der gerade der Chor probte, rechter Hand liegen und schritt durch den Torbogen in einen Innenhof, der von efeuüberwucherten Gebäuden umgeben war. Ohne zu zögern, nahm er den Kiesweg, der die Gartenanlage diagonal teilte. Er wurde durchnässt, doch das machte ihm nichts aus, er fühlte sich so wohlgemut, dass er sich beherrschen musste, nicht vor Freude loszuhüpfen.
Walter hielt ihm die Tür auf, sobald er ihn kommen sah. Der alte Mann war eine Institution im College. Die Studenten spaßten, er wäre schon seit der Gründung der Universität als Pförtner tätig, was jedoch unwahrscheinlich war, da diese mehr als vierhundert Jahre zurücklag. Dennoch, beim Anblick des rosinenartig verschrumpelten Körpers und des faltigen Gesichts fragte man sich, ob das Gerücht nicht einen wahren Kern barg. Der alte Mann war bestens für seinen Kleinhandel bekannt, schließlich konnte er Tabak, Likör und andere Delikatessen zu einem angemessenen Preis beschaffen. Selbstverständlich war solcherart Handel im College verboten, weshalb Walters Geschäfte florierten.
»Mr Amat … Oh, entschuldigen Sie bitte« – das aufgesetzte Lächeln war verräterisch –, »Professor Amat …«
Daniel nickte und grüßte zurück. Er wusste, Walter schätzte ihn, obwohl der alte Mann ihn für einen »verfluchten Ausländer« hielt, zumindest hatte er ihn so bei ihrer ersten Begegnung tituliert.
»Mr Walter, wie geht es Ihnen heute Morgen?«
»Vermutlich nicht so gut wie Ihnen. Es ist teuflisch kalt, und mir tun alle Knochen weh.«
»Ich glaube, mit einer Jodlösung ginge es Ihnen bestens. Ich kann Ihnen auch einen hervorragenden Arzt empfehlen.«
Der Pförtner setzte eine beleidigte Miene auf.
»Für wen halten Sie mich? Ich gehe doch auf meine alten Tage nicht zu einem Quacksalber.«
Daniel lächelte.
»Sir Edward erwartet mich.«
»Selbstverständlich, Professor, nur zu! Hinauf mit Ihnen! Lassen Sie sich bloß nicht von einem siechen Greis aufhalten, der bald das Reich der Lebenden verlässt.«
Daniel konnte nicht anders, er lachte schallend.
»Danke, Mr Walter. Vielleicht benötige ich später noch eine Flasche aus Ihren Beständen.«
»Mal sehen, was ich tun kann.« Walter versuchte eine resignierte Miene aufzusetzen. »Ich kann Ihnen aber nichts versprechen.« Er machte kehrt und verschwand vor sich hin murmelnd im Dunkel der Pförtnerloge.
Auf seinem Weg nach oben war Daniel in Gedanken bei den berühmten Professoren, die diese Treppenstufen vor ihm betreten hatten. Schnell war er im ersten Geschoss angelangt. Die Tür des Rektorenzimmers am Ende des kurzen Flures war angelehnt. Daniel klopfte vorsichtig an. Eine Stimme bat ihn herein.
Das Arbeitszimmer des ehrwürdigen Rektors war schlicht. Der Teppich auf dem Fußboden stieß wie eine Welle an den Schreibtisch, der den Raum beherrschte, und an den Wänden zogen sich Bücherregale aus Nussbaum entlang. Im Hintergrund links, zwischen zwei Ohrensesseln, prasselte ein Feuer in einem Kamin im viktorianischen Stil, über dem ein Gemälde der Schlacht von Bannockburn prangte. Daniel kannte das Arbeitszimmer nur allzu gut. Er hatte viele Stunden darin verbracht, von denen einige zu den glücklichsten zählten, an die er sich erinnerte. In seinen ersten Jahren hier war der Rektor sein Tutor gewesen, und mit der Zeit war aus der anfänglichen Freundschaft fast so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung geworden.
»Lieber Mr Amat, bleiben Sie doch nicht in der Tür stehen.«
Mit seinen über fünfzig Jahren – ersichtlich an den Augenschatten und dem glatten Haar, das sich eindeutig auf dem Rückzug befand – hatte sich Sir Edward seinen gutmütigen Gesichtsausdruck bewahren können. Der in den erlesensten Intellektuellenzirkeln hoch angesehene Historiker besaß ein beträchtliches Renommee als Redner. Vor zehn Jahren war der Experte für Klassische Sprachen, also das Fach, das Daniel nun lehrte, nach dem Tod seines Vorgängers zum President aufgestiegen, zum Rektor – wie er sich lieber bezeichnete.
»Und, wie ist es Ihnen heute ergangen?«, erkundigte er sich.
Daniel versuchte seine Gedanken zu ordnen, aber er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Er fühlte sich gleichermaßen euphorisch und bedrückt.
»Hm … Großartig, Sir Edward.«
»Das freut mich sehr. Wie Sie wissen, setze ich hohe Erwartungen in Sie.«
»Danke, Sir, ich hoffe, ich habe Ihr Vertrauen verdient.«
Der Rektor wischte den Zweifel mit einer Geste weg und verlagerte das Gewicht auf seinem Sitz hin und her, um es sich bequemer zu machen.
»Wann sind Sie noch einmal nach Oxford gekommen? Vor sechs Jahren?«
»Vor fast sieben Jahren.«
»Sieben! Wie die Zeit vergeht, unglaublich.« Er kniff die Augen zusammen. »Ich weiß noch, wie Sie frisch aus Barcelona angekommen in dieser Tür standen.«
Daniels Miene verdüsterte sich. Der Rektor schwelgte ungeachtet seiner Reaktion weiter in Erinnerungen.
»Ja. Sie waren nach den Regengüssen in der Nacht völlig durchnässt und hatten nichts weiter als einen Koffer dabei. Ihre ersten Worte waren vollkommen unverständlich, und Ihre Erscheinung … Mein Gott, einfach furchtbar! Einen Moment lang hatte ich sogar das Gefühl, ich müsste die Polizei rufen, haben Sie das gewusst?«, fragte er und lachte los.
Daniel schüttelte den Kopf.
»Ich habe mich stets gefragt, aus welchem Grund Sie hierhergekommen sind. Sie sind diesbezüglich immer sehr diskret gewesen.«
»Sie wissen selbst, dass Oxford als die beste Universität der Welt gilt. Ganz einfach, ich wollte hier studieren.«
»Ja, ja, gewiss.« Sir Edward richtete sich in seinem Lehnsessel auf. »Jedenfalls steht fest, dass Sie schon seit langer Zeit nicht mehr dieser jugendliche … Aus Ihnen ist ein richtiger Mann geworden mit einer brillanten Zukunft.«
»Das hoffe ich, Sir.«
»Aber natürlich, Mr Amat«, verkündete der Rektor enthusiastisch. »Sie haben Mr Brown in diesen zwei Wochen mehr als zufriedenstellend vertreten. Das ist auch der Grund, weshalb ich mit Ihnen reden wollte.«
Sir Edward legte vor seinen nächsten Worten eine Pause ein.
»Ihre Befähigung steht außer Frage. Sie haben all unsere Erwartungen übertroffen. Gestern fand die monatliche Versammlung der Mitglieder des Fachbereichs statt. Dabei haben wir unter anderem einstimmig beschlossen, Ihnen für das restliche Studienjahr eine Stelle im Fach Klassische Sprachen anzubieten. Wie finden Sie das?«
Daniel war tief ergriffen. So schnell hatte er nicht mit dem Angebot gerechnet. Angesichts der Reaktion seines Schützlings wurde Sir Edwards Lächeln immer breiter.
»Nun, was halten Sie davon? Nehmen Sie an oder nicht?«
»Selbst… Selbstverständlich, Sir. Natürlich. Das ist … Das ist ja fantastisch! Ich bin Ihnen sehr dankbar, Sir.«
»Unsinn. Dieses Angebot ist allein das Ergebnis Ihrer eigenen Anstrengungen. Sie haben einen Einsatz gezeigt, der uns alle verblüfft hat, und zwar ohne jede Ausnahme. Ich habe selten jemanden erlebt, der so begabt ist wie Sie.«
Der Rektor stand auf und ging zu einem Tablett mit Getränken. Er schenkte großzügig zwei Gläser Brandy ein.
»Ich glaube, auch meine Tochter wird sich über diese Nachricht freuen, meinen Sie nicht?«, sagte er schmunzelnd. »Allein der Gedanke, dass Sie bald mein Schwiegersohn werden, freut mich. Bekanntlich werden wir heute einen ganz besonderen Abend feiern. Ihre Verlobung zu verkünden, stimmt mich froh. Alexandra ist alles, was ich noch habe. Sie werden Sie glücklich machen, da bin ich mir sicher.«
»Ich liebe Ihre Tochter.«
Der Rektor nickte zufrieden. Er reichte Daniel ein Glas und flüsterte:
»Aber ich warne Sie, nicht dass Sie mir später noch Vorwürfe machen. Alexandra ist, genau wie ihre Mutter, ein großartiges Geschöpf. Sie ist schön, sie ist begabt, sie ist gut auf das Führen eines Haushaltes vorbereitet, aber … Sie hat dieses unerträglich impulsive walisische Temperament«, verkündete er augenzwinkernd. »Wales ist schließlich das Land der Drachen!«
Beide lachten schallend. Daniel schätzte diesen Mann sehr, der bald sein Schwiegervater sein würde. Er hatte ihn in größter Not aufgenommen. Ohne Erklärungen einzufordern, hatte er ihm sein Wissen und seine Freundschaft angeboten. Als Daniel meinte, alles verloren zu haben, hatte Sir Edward ihm eine neue Chance geschenkt. Niemals würde er sich für all das revanchieren können, was er von ihm erhalten hatte.
»Lassen Sie uns anstoßen, Mr Amat, auf die Enkel, die Sie mir schenken werden!«
Die Gläser klirrten, und Daniel befeuchtete höflichkeitshalber seine Lippen. Dann stand er auf und ließ sein Getränk fast unangetastet auf dem Tisch stehen.
»Sir Edward, vor dem Dinner heute Abend muss ich noch einige Dinge erledigen. Wenn Sie gestatten, ziehe ich mich zurück.«
»Selbstverständlich, das hätte gerade noch gefehlt. Die Gerüchte sind bis zu mir gedrungen, dass Ihre Gefährten für Sie eine gewisse Feier ausrichten. Keine Sorge, meine Lippen sind versiegelt! Doch eines rate ich Ihnen, kommen Sie bloß nicht auf die Idee, zu spät zum Essen zu erscheinen! Sonst bringt Alexandra Sie noch um.«
Sir Edward lachte belustigt und geleitete Daniel zur Tür.
»Ah.« Er hielt inne. »Fast hätte ich es vergessen. Warten Sie einen Moment.«
Er ging wieder zum Schreibtisch zurück und suchte zwischen den Papieren, bis er mit triumphierender Miene einen senffarbenen Umschlag in die Luft reckte.
»Diese Nachricht ist heute Morgen für Sie angekommen.«
»Eine Depesche? Für mich?«
»Ja, so ist es. Sie wurde in Barcelona aufgegeben.«
Daniel nahm den Umschlag aus der Hand des Rektors entgegen. Dabei ließen ihn seine Nerven im Stich, und er strauchelte beinahe. Doch dem älteren Mann entging Daniels Verstörung, und so konnte er die Depesche schließlich unauffällig in die Manteltasche stecken.
»Wenn Sie erlauben, lese ich sie später. Ich muss noch viel erledigen.«
»Ja, nur zu.«
Daniel eilte hinaus und lief so schnell, wie es seine zitternden Beine zuließen.
In seinem alten Zimmer ließ er sich auf den Stuhl fallen. Der Studienabschluss, die Vertretung für Professor Brown und die Verlobung mit Alexandra, alles hatte sich so überstürzt, dass er nicht einmal Zeit für den Umzug gefunden hatte. Seine Truhen warteten in einer Ecke. Er musste noch die Bücher und einige Kleidungsstücke einpacken. Doch im Moment war das alles für ihn belanglos. Die Euphorie vom Morgen war verschwunden. Das unverhoffte Stellenangebot und die bevorstehende Heirat schienen zum Leben einer anderen Person zu gehören. Er blickte auf den kleinen Umschlag, der auf dem Schreibtisch auf ihn wartete.
Wie war das möglich? Nach so langer Zeit?
Wie so oft in den vergangenen sieben Jahren fasste er mit einer unbewussten Geste in den Nacken. Seine Finger fuhren über die verhärteten Narben, die das Feuer für immer und ewig in seine Haut gebrannt hatte. Beinahe hätte er gelacht. Wie naiv war er doch gewesen, als er gedacht hatte, alles könnte mit Vergessen enden. Eine schlichte Depesche genügte, um diese Hoffnung zunichtezumachen.
Er stand vom Stuhl auf, nahm den Umschlag in die Hand und riss ihn auf. Darin steckte ein rosafarbenes Blatt Papier, das in der Mitte gefaltet war. Er strich es mit zitternden Fingern glatt. Ohne tatsächlich zu lesen, überflogen seine Augen die filigrane Schrift, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er seinen Blick fokussieren konnte.
Sieben Jahre waren mit einem Schlag weggewischt.
Er ließ die Hand sinken und lehnte sich gegen den Fensterrahmen. Zu seinen Füßen verschwand die Grünanlage des College in dem stetigen dunklen Regen. Nach all den Jahren hatten sie ihn gefunden. Zwar hatte er gewusst, dass dies früher oder später eintreten würde, aber er hätte nie für möglich gehalten, dass es auf diese Weise geschehen würde. Er fragte sich, ob er nun irgendeinen Schmerz oder Kummer fühlen sollte, aber er spürte nur Wut und Schuld. Er schloss die Augen, drückte die Stirn gegen das Fenster und versuchte Herr über die Beklemmung zu werden, die in ihm anwuchs. Zuerst verkrampften seine Kiefer, dann verhärtete sich sein ganzer Körper. Der Schmerz zuckte wie ein Peitschenhieb durch die alte Narbe. Er knüllte die Depesche zusammen und warf sie weit von sich. Erst dann kamen ihm die Tränen.
3
Schnarchen erfüllte die Kammer. Trotz des Lakens, mit dem das Fenster notdürftig verhängt war, drang Tageslicht ins Zimmer – ein typisches Zimmer in einer Absteige in El Raval. Ein Quartier, üblicherweise nur für eine befristete Zeit, um sich aufs Ohr zu hauen, winzig, kaum belüftet, mit fleckigen Wänden, so gut oder schlecht wie jedes andere. Der Mieter dieser Unterkunft wohnte nun schon seit fünf Monaten hier.
»Bei Gott und allen Heiligen!«
Ein hässlicher Mann mit auffällig hervorquellenden Augäpfeln schälte sich aus den Decken. Verwirrt sah er sich in der Kammer um. Als er einen Fuß auf die Holzdielen setzte, sackte er auf den Strohsack zurück, hielt sich den Schädel und fluchte in gedehnten Lauten, als wäre seine Kehle voller Sand.
»Wein aus dem Elsass! Und eine Beule!«
Brummend torkelte der Mann aus dem Bett. Er richtete seine schmächtige Gestalt auf und wankte unsicher und nur unter Mühen zu dem Tisch, der ihm auch als Schreibtisch diente. Mit der Hand fegte er einen Haufen alter Zeitungen und bekritzelter Blätter zur Seite, bis er endlich mit einem triumphierenden Schrei eine schwere Messinguhr in die Luft hielt. Er öffnete den Deckel, doch als er feststellte, dass die Zeiger fast schon auf Mittag standen, war seine Benommenheit schlagartig verschwunden.
»Das kann doch nicht wahr sein! Es kann nie im Leben so spät sein!«
Nur mit der Unterhose bekleidet lief er durch das winzige Zimmer. Ununterbrochen vor sich hin fluchend, füllte er die Waschschüssel auf und spritzte sich energisch kaltes Wasser ins Gesicht. Doch der Schmerz hinter der Schläfe ließ einfach nicht nach, und er tauchte den ganzen Kopf in die Schüssel. Zitternd trocknete er sich mit dem Zipfel einer Decke ab, und binnen einer Minute hatte er Hose, Hemd und Stiefeletten angezogen. Er nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse auf dem Tisch, was er sofort bereute. Der Kaffee war kalt und schmeckte wie abgestandenes Wasser. Ihm fiel ein, dass er den Kaffeesatz schon vier Mal verwendet hatte. Er griff zum Strohhut, nahm das karierte Jackett vom Bügel und ging aus dem Zimmer. Auf der Treppe richtete er sich die Fliege.
»Señor Fleixa!«
Ein Mann mit einer gewaltigen Wampe versperrte ihm den Weg und musterte ihn zornig aus zusammengekniffenen Augen. Er stank nach Knoblauch, was nicht gerade hilfreich war, um den Kater zu vertreiben.
»Ah, Señor González! Ich habe gerade an Sie gedacht. Wie geht es Ihrer werten Frau Gemahlin?«
»Sie schulden mir drei Monatsmieten! Ich setze Sie demnächst vor die Tür!«
»Drei Monate? Wie kann das angehen? Also, machen Sie sich keine Sorgen, mein Freund. Ich erhalte bald ein paar Außenstände für einige Kurzmeldungen, dann begleiche ich umgehend diese lächerliche Schuld. Sie wissen, wir als renommierte Journalisten haben gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen, und dann hatte ich auch noch ein paar unvorhergesehene Ausgaben.«
»Ich kenne Ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen zur Genüge. Letzten Monat haben Sie mir genau das Gleiche gesagt.«
»Das muss ein Missverständnis sein. Ihre Gattin war so liebenswürdig, mir Aufschub zu gewähren.«
»Jacinta? Wann haben Sie mit ihr gesprochen?«
»Gestern Mittag.«
»Aber gestern ist sie doch zur Mittagsmesse gegangen …«
»Dann war es eben danach. Hören Sie nicht weiter auf mich. Sie können sich nicht vorstellen, wie vergesslich ich manchmal bin.«
Die Miene des Zimmerwirts wurde misstrauisch. Fleixa begriff, dass es wohl nicht sonderlich klug gewesen war, Jacinta in diese Angelegenheit zu ziehen und die Abmachung zu erwähnen, die sich nach ihrer leidenschaftlichen Begegnung am Vortag ergeben hatte. Das ganze Viertel wusste, dass Señor González begriffsstutzig war, aber womöglich ahnte er allmählich doch, welche Hörner ihm seine Frau zuweilen aufsetzte. Jedenfalls musste Fleixa die Sache so schnell wie möglich beenden. Rechts von González ergab sich eine Lücke, und er schlüpfte hindurch, noch ehe der Zimmerwirt reagieren konnte.
»Warten Sie einen Moment!«
Fleixa stellte sich taub und stürmte die Treppe hinunter.
»Ich verspreche Ihnen, Ende des Monats bezahle ich«, rief er, sobald er unten angekommen war.
Als er durch die Haustür auf die Straße trat, verfolgten ihn noch immer die Beleidigungen des Señor González.
Gut in sein Jackett gehüllt, schritt er zügig aus. Fäulnisgeruch strömte durch das Viertel. Das Gedränge in El Raval war üblich, seit dort vor Jahren Fabriken gebaut worden waren und sich die engen Straßen mit Einwanderern aus ganz Spanien füllten, die von der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften angezogen wurden. Trotz allem wohnte Fleixa gern in El Raval, denn dank der vielen unterschiedlichen Menschen war dies ein Ort voller Leben. Wasser rann wie ein Bach über die Pflastersteine, die Kanalisation konnte nicht all den Regen aufnehmen, der seit Tagen fiel, und die Straßen wurden zu Schlammgruben. Fleixa blickte abwechselnd zum Boden und zum Himmel.
»Wenn es weiter so regnet, werden wir eines Tages noch zu einem Hafen. Was für ein Frühlingsende!«
Er kam am Lebensmittelhändler vorbei, der gerade einen Eimer auf die Straße leerte, und an ein paar Kohlehändlern, die ihre Karren vor sich herschoben und dabei unverhohlen eine Gruppe Frauen anstarrten. Der Journalist grüßte die Frauen, wie stets. Trotz der Kälte waren sie nur leicht bekleidet und suchten Schutz in einem Hauseingang. Eine der Frauen, an deren Hals ein Kind mit völlig zerzausten Haaren hing, löste sich aus der Gruppe und ging auf Fleixa zu.
»Dolors hat dich gestern Nacht gesucht, du Schlitzohr.«
»Hallo, Manuela! Was hast du denn angestellt? Heute Morgen kommst du mir besonders hübsch vor.«
Die Frau strich sich durchs Haar und bedachte ihn mit einem Lächeln, das ihre Zahnlücken offenbarte. Der tiefe Ausschnitt gab den Blick auf ihre üppigen Brüste frei, an die sie das schlummernde Kind presste. Ihr Atem stank nach Schnaps und Zwiebeln, und der Geruch von verbranntem Holz umgab sie.
»Ich weiß nicht, wie du das siehst, Schatz, aber wenn du genug von ihr hast, kannst du zu mir kommen.«
Nun lächelte Fleixa.
»Komm, sei ein braves Mädchen und sag ihr, dass ich sie heute Nacht besuche.«
Manuela schnaubte und strich sich über den Rock, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging zu ihren Gefährtinnen zurück.
Fleixa verließ die Gasse in Richtung Ramblas, die zu dieser Tageszeit sehr belebt waren. Mit Obst und Gemüse beladene Karren auf ihrem Weg zum Markt La Boquería, Pferdeomnibusse und die Straßenbahn der Linie Plaza de Cataluña mit ihrem Bimmeln machten sich den Platz streitig mit Ammen, Streichholzverkäuferinnen, Blumenhändlern, Zeitungsjungen und Müßiggängern. Fleixa hielt sich nicht weiter auf, er bog in die Calle del Pi ein und erreichte nach ein paar Minuten den Sitz der Zeitung.
Den Correo de Barcelona gab es nun seit elf Jahren. Seither war es dem Blatt gelungen, sich einen Platz unter den wichtigsten Tageszeitungen der Stadt zu erobern. Jeden Morgen riefen die Zeitungsjungen seinen Namen aus, neben dem Diari de Barcelona mit monarchistischer Gesinnung, der La Vanguardia der Liberalen oder dem kürzlich gegründeten Noticiero Universal, der sich unabhängig gab. Die anspruchsvollen Zeitungsleser in Barcelona gierten nach Nachrichten, und dank der Tageszeitungen waren sie bestens informiert. Der Sitz des Correo nahm die vier Geschosse eines altertümlichen Gebäudes im gotischen Stil ein. Das in Stein gehauene Eingangsportal verlieh dem Gebäude die ehrwürdige Note, die den Besitzer der Zeitung befriedigte. Kaum hatte Fleixa das Portal durchschritten, begrüßte ihn der Pförtner mit dem abfälligen Tonfall, den er bei allen Angestellten der Zeitung verwandte, mit Ausnahme des Chefredakteurs.
»Señor Fleixa, Sie sind spät dran.«
»Serafín, Nachrichten haben keinen Zeitplan.«
»Das erzählen Sie mal Señor Sanchís! Ich habe bis hier unten gehört, wie er Ihren Namen gebrüllt hat.«
Don Pascual Sanchís war der Chefredakteur des Correo de Barcelona. Niemand konnte sich daran erinnern, wann er das letzte Mal gelächelt hatte. Vielleicht an dem Tag, an dem Josep Llanera über die kompromittierende Liebesaffäre von Stadtrat Rusell berichtet hatte und auf der Straße drei Auflagen verkauft worden waren. Die Rauchschwaden ließen das Büro des Zigarrenliebhabers wie ein Auslandsbüro der Times erscheinen. Wenn er sie nicht gerade rauchte, kaute er auf einer imposanten Montecristo herum, die stets in seinem Mundwinkel hing. Sanchís war dafür berüchtigt, die Zeitung mit eiserner Hand zu leiten, und dies war auch der tatsächliche Grund für den Erfolg des Correo de Barcelona.
Besorgt stieg Fleixa die Treppen hoch. Die Lage war schlecht, wenn Sanchís schon nach ihm suchte und noch dazu verärgert war. Noch übler stand es, wenn er erfuhr, dass er mit dem versprochenen Artikel immer noch nicht weitergekommen war. Aber war es etwa seine Schuld, dass sich sein Informant nicht blicken ließ? Drei Abende hintereinander war er vergeblich zur vereinbarten Zeit in die Taberna de Set Portes gegangen. Beim letzten Mal hatte sich die Sache etwas kompliziert. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte Fleixa getrunken und einige Partien Karten gespielt. Er hatte verloren. Davon überzeugt, dass ihn das Glück nicht zwei Mal am selben Abend im Stich lassen würde, war er mit der Straßenbahn zur Pferderennbahn gefahren, wo er die nächsten fünfzehn Duros verlor … Dazu kamen noch die sechzig Duros, die er der Negra schuldete, einer berüchtigten Wucherin. Sie war die einzige Person gewesen, die sich bereit erklärt hatte, für ihn zu bürgen, und nun steckte er in einem ordentlichen Schlamassel. Die Zeitung würde ihm keinen weiteren Vorschuss gewähren. Diese Möglichkeit hatte er so weit ausgereizt, dass er ohnehin für den Rest des Jahres gratis arbeiten müsste.
Schnaufend erreichte er das Stockwerk mit der Redaktion. An der Tür liefen ihm ein paar Männer aus der Druckerei über den Weg, die ihn grüßten. Er beachtete sie nicht weiter und ging in das Büro, das er sich mit einem Kollegen teilte. Auf seinem Schreibtisch, von dem unter den Papierstößen und den Staubschichten der letzten Wochen fast nichts mehr zu sehen war, lag ein Paar großer Schuhe, dessen Besitzer sich hinter der Morgenausgabe verschanzte.
»Guten Tag«, grüßte Fleixa und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.
Von der anderen Seite der aufgeschlagenen Zeitung kam eine fröhliche Stimme.
»Sieh an, Don Bernat Fleixa höchstpersönlich! Was für eine Ehre, dass er sich in der Redaktion blicken lässt.«
»Red keinen Unsinn, Alejandro!«
Alejandro Vives leitete seit vier Jahren das Ressort Politik. Der Journalist war lang wie eine Straßenlaterne und hatte kleine Augen, und alle witzelten, dass seine beachtliche Nase schneller bei einer Nachricht war als sein Hirn. Es war stets bestens gelaunt, selbst wenn er sich mit Fleixa unterhielt. Im Großen und Ganzen war er der Einzige, der ihn ertrug.
»Na, schon wieder eine harte Nacht?«
Fleixa versuchte den Sarkasmus seines Kollegen einzuschätzen. Alejandro las einfach weiter und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
»Ja, sie war etwas schwierig«, gab Fleixa schließlich zu. »Wie geht es Sanchís heute?«, fragte er, um schnell das Thema zu wechseln.
»Ich glaube, er hatte vor ein paar Minuten Sehnsucht nach dir.«
»Gut, dann soll er sich noch weiter nach mir sehnen.«
Während Fleixa in den Schubladen seines Schreibtischs Tabak suchte, warf er einen flüchtigen Blick auf die Zeitung, die Alejandro vor sich hielt, die neueste Ausgabe des Correo. Plötzlich riss er verblüfft den Mund auf, und auch seine Augen wurden immer größer, als er die Kurzmeldung las.
Am letzten Wochenende wurde ein Mann gefunden, der im Hafen im Wasser trieb. Er hauchte sein Leben aus, als ihn im Morgengrauen zwei Fischer entdeckten, die dem Unglückseligen nicht mehr helfen konnten. Der Tod ist, wie aus den gleichen Quellen verlautet, auf einen unglücklichen Unfall zurückzuführen, der sich in der Nähe der Lazaretomole ereignete. Die Polizei hat ein Verbrechen ausgeschlossen, weshalb den Familienangehörigen gestattet wurde, über die sterblichen Reste zu verfügen. Anscheinend handelt es sich bei dem Toten um einen renommierten Arzt, dessen Identität jedoch nicht preisgegeben werden soll. Die Trauerfeier und die Beisetzung finden heute um 12.00 Uhr auf dem Montjuic-Friedhof statt.
Unter der Nachricht stand der Name Felipe Llopis.
»Verdammt noch mal, was ist aus meiner Reportage geworden?«
Fleixa lief schnurstracks durch die Redaktion zum Büro des Chefredakteurs. Auf dem Weg begegnete er einigen Kollegen, die sich ihre belustigten Mienen verkniffen, als sie ihn vorbeieilen sahen. Bestimmt wussten sie schon, dass sein Artikel durch diese Kurzmeldung ersetzt worden war. Das brachte ihn noch mehr in Rage. Ohne sich mit Anklopfen aufzuhalten, stieß er die Glastür auf, die unter der Wucht von der Wand zurückprallte. Hinter einem Tisch voller Druckfahnen und Fernschreiben sowie Ausgaben der Konkurrenz saß ein Mann, der so dick war, dass sein Büro zu klein schien. Er blickte auf, und als er den Redakteur erkannte, kniff er die Augen zusammen und runzelte die Stirn.
Fleixa fragte beleidigt:
»Warum hast du meinen Bericht nicht gebracht?«
»Der Tod von hundert Hühnern auf den Bauernhöfen von Sants ist natürlich unbedingt einen Aufmacher wert«, erwiderte eine sanfte Stimme hinter seinem Rücken.
Ein junger Mann, mit einem makellosen Anzug bekleidet, saß lächelnd in einem Sessel. Felipe Llopis trug sein blondes Haar stets mit Öl geglättet, und Schnauzbart und Kinnbart waren so sorgfältig gestutzt, dass sie wie ein Dreieck auf seinem länglichen Gesicht lagen. Sein elegantes Auftreten brachte alle Stenotypistinnen der Redaktion in Wallungen, und sein Charme hatte ihm in seiner Zunft ein gewisses Renommee als gewandter Journalist eingebracht. Niemand wusste, wo er seine Nachrichten hervorzauberte (vor allen anderen Kollegen!). Genau aus diesem Grund hatte der Correo ihn vor weniger als einem Jahr von der La Campana abgeworben. Für Fleixa war Llopis ein vollkommener Schwachkopf.
»Mann Gottes, Llopis, ich habe schon gesagt, dass hier etwas zum Himmel stinkt.«
»Das muss an dir oder an deinem ekligen Jackett liegen, werter Freund.«
»Hör mal …«
»Ruhe!«
Sanchís’ dröhnende Stimme hallte von den Glasscheiben wider. Die übrigen Redaktionsmitglieder gaben vor weiterzuarbeiten, doch tatsächlich waren alle gespannt, was in dem Büro vorging. Der Chefredakteur wandte sich an Llopis.
»Felipe, lass uns später weitersprechen. Und mach die Tür zu, wenn du gehst.«
Der junge Reporter verabschiedete sich von Sanchís mit einer geschmeidigen Geste, und als er an Fleixa vorbeikam, schnalzte er mit der Zunge und zwinkerte ihm zu. Fleixa sah ihm nach und ballte dabei die Fäuste so fest, dass er die Fingernägel spürte. Sanchís deutete auf einen Stuhl.
»Verdammte Scheiße! Pascual, was hat das zu bedeuten, dass du mir den zugesagten Platz wegnimmst?«
»Setz dich und halt den Mund!«
Der Journalist nahm widerwillig Platz und überhörte geflissentlich die zweite Aufforderung.
»Warum steht der Mist von diesem Buchstabenklauber in meiner Nachrichtenspalte?«
»Zuallererst, das ist meine Spalte und nicht deine, so wie der ganze Rest dieser verdammten Zeitung. Dieser Buchstabenklauber, wie du ihn nennst, bringt mir schließlich Neuigkeiten. Und was treibst du in der Zeit?«
»Ich habe bald die Informationen zusammen, von denen ich dir erzählt habe. Ich bin ganz nah dran. Die Nachricht wird einschlagen wie eine Bombe.«
Der Chefredakteur schüttelte den Kopf, sodass sein Doppelkinn im Takt bebte. Fleixa musste bei dem Anblick an diese hässlichen englischen Hunde denken.
»Wie lange kennen wir uns schon?«, fragte Sanchís.
Fleixa zuckte die Achseln.
»Verflixt, du machst es mir wirklich nicht leicht. Du tauchst zu Unzeiten auf, arbeitest, wann es dir gerade passt, und seit Wochen bringst du mir nur belanglose Geschichten.« Der Chefredakteur bedachte Fleixa mit einem fast mitleidigen Blick. »Wir kennen uns jetzt schon seit Jahren, aber so habe ich dich noch nie erlebt. Sieh dich doch einmal an! Deine Kleidung, diese verquollenen Augen. Du stinkst! Hast du wieder gespielt? Wie hoch sind deine Schulden inzwischen?«
Fleixa schwieg.
»Ich will es dir ganz offen sagen, ich überlege, dich zu ersetzen.«
Der Chefredakteur deutete auf das Redaktionsbüro. »Llopis trägt teure Anzüge und spielt den feinen Pinkel. Ja, er ist ziemlich eingebildet, aber er riskiert jeden Tag etwas. Er geht an die richtigen Orte, er schnüffelt wie ein Spürhund herum, und er liefert mir genau das, was ich haben will: Nachrichten! Es ist gar nicht so lange her, da hast du das auch getan. Das hier ist eine Tageszeitung, und wir Zeitungsleute leben davon, Neues zu bringen. Sieh dir doch mal Barcelona an. In ein paar Tagen wird hier die Weltausstellung eröffnet. Die Stadt ist im Wandel. Die ganze Welt ist im Wandel, und Leute wie Llopis wissen, wo es langgeht.«
Fleixa musste schlucken.
»Gib mir noch etwas Zeit.«
Sanchís schüttelte erneut den Kopf, wobei die Fleischmasse seines Gesichtes bebte. Dann holte er deutlich vernehmbar Luft und verschränkte seine behaarten Hände im Nacken. Bis er weitersprach, ließ er so viel Zeit verstreichen, dass sich der ganze Zigarrenrauch zu setzen schien.
»Ich weiß, ich werde es noch bereuen … Ich gebe dir eine Woche, sieben Tage. Keinen einzigen mehr. Dann treffe ich eine endgültige Entscheidung, ist das klar?« Er zeigte zur Tür. »Jetzt raus mit dir! Und um Himmels willen, nimm endlich einmal ein Bad!«
Fleixa stand auf, und auf seinem Weg durch die Tür konnte er den Chefredakteur noch brummen hören.
»Eine Tageszeitung, verflucht noch mal, das hier ist eine verdammte Tageszeitung!«
Das Klappern der Schreibmaschinen und das Raunen der Gespräche nahmen den gewohnten Rhythmus wieder auf. Fleixa sah, dass Llopis von einem Haufen junger Redakteure umringt wurde. Als er sich beobachtet fühlte, hob er herausfordernd das Kinn. Als Antwort zeigte Fleixa ihm den Mittelfinger und kehrte ihm den Rücken.
Auf dem Rückweg zu seinem Schreibtisch schrillte eine Alarmglocke in seinem Kopf, was aber nichts mit Llopis und dem Streit zu tun hatte. Er fluchte lautlos. Auf einmal hatte er das Gefühl, als wäre ihm im Verlauf der letzten Stunde etwas entgangen, etwas Wichtiges, irgendein Detail. Doch er kam nicht darauf. Er schnaubte verzweifelt. Der Kater der letzten Nacht war ihm auch nicht gerade beim Grübeln behilflich.
»Wie ist es dir ergangen?«, erkundigte sich Vives, als er in das gemeinsame Büro zurückkam.
»Es hätte schlimmer sein können.«
Sein Kollege saß immer noch zurückgelehnt auf seinem Stuhl und las in der Zeitung. Auf einmal leuchtete bei Fleixa ein Lämpchen auf. Er beugte sich über den Tisch und suchte zwischen seinen Notizen.
»Wie spät ist es?«, fragte er.
»Wieso? Was ist mit deiner Uhr? Hast du sie wieder ins Leihhaus gebracht?«
»Verdammte Scheiße, sag mir endlich, wie spät es ist«, brüllte Fleixa.
»Es ist fast eins, wa…?«
Die Papierstöße wirbelten auf, als Fleixa aus der Redaktion rannte.
4
Der Montjuic-Friedhof bot sonst eine herrliche Sicht auf das Meer, doch nicht an diesem Tag. Die Glocken der Kirche von Poble Sec hatten gerade zwölf Uhr Mittag geschlagen, aber der Himmel war fast nachtdunkel. Die Marmorgrabmäler im Regenkleid schimmerten im Schein der Blitze auf. Heilige, Engel und Madonnen beweinten die Wut des Himmels und wurden lebendig, sobald Daniels Blick auf sie fiel. Er fasste sich an die Nasenwurzel und schloss die Augen. Nach der langen Anreise aus Oxford war er erschöpft.
Er verlagerte das Gewicht, um bequemer zu stehen, und unter seinen Schuhen knirschte der Kies, als würde er auf einen Teppich aus Kakerlaken treten. Der Trauergottesdienst war nur kurz und ohne großen Pomp verlaufen, was seinem Vater zweifellos gefallen hätte. Man hatte ihn aufgefordert, ein paar Worte an die Trauergemeinde zu richten, doch Daniel hatte das abgelehnt. Er dachte an den Mann mit den eleganten und feinen Manieren zurück, der nach dem Tod seiner Frau für ihn zu einem Fremden geworden war. Die Medizin hatte die Lücke gefüllt, die sie hinterlassen hatte und die danach das Familienleben bestimmte. Es war ihm, als könnte er noch die strenge Stimme hören, deren Echo von den Wänden im Haus widerhallte und Stille einforderte, damit der bedeutende Mann ungestört arbeiten konnte. Ruhe, immer diese Ruhe, die nur unterbrochen wurde, um seine Söhne an ihre Hausaufgaben oder an ihre Zukunft zu erinnern, die durch ein unausweichliches Schicksal bestimmt zu sein schien: seinem Beispiel zu folgen und herausragende Mediziner zu werden, noch bessere Mediziner.
Er hatte es nicht geschafft.
Daniel sah zu einem anderen Grab, das dahinter lag. Das war die Ruhestätte seines Bruders. Unbewusst strich er mit der Hand über die Narben im Nacken. Er biss sich auf die Lippen und konzentrierte sich auf das Gefühl der Erleichterung, das ihm der Regen vermittelte, dabei wusste er sehr wohl, dass selbst diese Sintflut nicht ausreichte, um seine Albträume fortzuspülen. Er beobachtete die wenigen Trauergäste. Um das ausgehobene Grab reihten sich einige lederne Regenschirme, und darunter standen dicht beieinander vier Männer, die dem Anlass entsprechend lange schwarze Mäntel sowie Filzzylinder trugen, ehemalige Kollegen seines Vaters. Ihnen allen war der teilnahmslose Gesichtsausdruck der Menschen gemein, die schon den Tod von vielen anderen erlebt hatten.
Auch ein Vertreter der lokalen Behörden war zugegen, ein Sekretär der Stadtverwaltung. Schließlich und endlich hatte sein Vater stets die besten gesellschaftlichen Beziehungen gepflegt. Die Beerdigung des herausragenden Mediziners und Professors Don Alfred Amat i Roures war keine Nichtigkeit, auch wenn bei dem Unwetter der Beamte bald eine Ausrede vorbringen würde, um sich schnell zu verdrücken.
Rechterhand, etwas abseits, hatten sich vier oder fünf Studenten eingefunden. Unter dem Sturzregen gingen sie unbehaglich auf und ab, drückten ihre Mäntel fest an sich und suchten wohl, wenn auch offensichtlicher, nach einem Vorwand für ihr Gehen. Daniel meinte einen Flachmann kreisen zu sehen.
Insgesamt zählte er nicht mehr als ein Dutzend Trauergäste, wenn er die beiden Totengräber dazurechnete, die sich mit den nassen Hanfseilen unter dem Sarg abmühten. Ein aufopferungsvolles Leben zum Wohle der Medizin, nur um unter einem Haufen Erdreich zu enden, umgeben von einer Ansammlung fremder Personen. Der Sarg gelangte mit ruckartigen Bewegungen, die keineswegs feierlich klangen, nach unten, bis ein Platschen anzeigte, dass er am Grund angekommen war. Währenddessen betete der Pfarrer – unter dem Schutz eines Regenschirms, den ein durchnässter Messdiener hielt – mit feierlicher Stimme einen Psalm aus dem Buch Salomo. Die Totengräber zogen die Seile wieder hoch, und die letzten Worte des Pfarrers verloren sich in dem Geräusch der Seile, die gegen das Holz schrammten. Daniel beugte sich vor und kratzte eine Handvoll klumpige Erde zusammen, die er ins Grab warf. Der Aufschlag auf dem lackierten Eichensarg war überall auf dem Friedhof zu vernehmen. Daniel war selbst überrascht, dass sein Vater nicht aus dem Sarg stieg, um ihn zu tadeln, weil er so einen Lärm verursachte. Nun kamen die Schaufeln zum Einsatz, und alle hatten es mit dem Abschied eilig. Zu dem Regen war noch ein eisiger Wind hinzugekommen, der vom Meer hochstieg. Es gab gewiss angenehmere Orte als den Montjuic-Friedhof, um den Nachmittag zu verbringen.
Zuerst kamen die wenigen ehemaligen Kollegen, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen hatten, auf Daniel zu und kondolierten ihm. Besonnene Mienen, mitleidvolle Worte und die Würdigung der Verdienste seines Vaters. Was für ein großer Mediziner, was für ein unermüdlicher Kämpfer für die Interessen der Wissenschaft … Eine endlose Reihe ewig gleicher Lobeshymnen, die Daniel vernahm, ohne sie zu hören. Er nickte und schüttelte automatisch Hände, doch den Blicken wich er aus. Dann kam der letzte der Professoren näher, auf einen Gehstock gestützt. Er hatte keinen Regenschirm dabei und trug zu seinem Schutz nur einen Hut, von dem das Wasser über seine Augen troff.
»I-i-ich möchte Ihnen mein aufrichtiges B-b-beileid ausdrücken. W-w-wirklich, ich bedaure den T-t-tod Ihres Vaters s-s-sehr.«
Daniel bedankte sich, reichte dem Trauergast die Hand und sah sich nach dem Nächsten in der Reihe um. Doch der Mann ging nicht weiter, er räusperte sich und flüsterte in abgehackten Sätzen weiter.
»M-m-mein Name ist Joan G-g-gavet. Ich bin gewissermaßen ein F-f-freund Ihres V-v-vaters gewesen.«
Daniel nickte desinteressiert.
»I-i-ich hoffe, n-n-nach all den Jahren stellt Ihre Rückkehr nach B-b-barcelona für Sie wenigstens eine gewisse B-b-befriedigung dar.«
»Das kann man nicht sagen. Tatsächlich erlebte ich, kaum am Bahnhof angekommen, einen kleinen unangenehmen Vorfall.«
»W-w-was sagen Sie da?«
»Ach, eigentlich nichts«, erwiderte Daniel, der es schon bereute, das Thema überhaupt angeschnitten zu haben. »Diebe haben mein Gepäck gestohlen. Der eine Koffer enthielt zwar nur Kleidungsstücke sowie einige persönliche Gegenstände, aber die sind schwer zu ersetzen.«
»H-h-herrje, das tut mir aber l-l-leid.«
»Danke, es ist nicht so wichtig. Außerdem beabsichtige ich ohnehin nicht, lange in Barcelona zu bleiben.«
»Ach, n-n-nein?« Der Mann wirkte enttäuscht. »Das ist aber sch-sch-schade, sonst hätten wir Gelegenheit gehabt, u-u-uns ein wenig zu u-u-unterhalten. Aber es hat mich sehr g-g-gefreut, Sie begrüßen z-z-zu können.«
Nach den Worten duckte sich dieser kuriose Mediziner und zog im Regen von dannen.
Auch die übrige Trauergesellschaft löste sich auf wie eine Schar Raben, die davonflattert. Daniel wollte es ihnen gleichtun, doch dann wurde er auf eine jugendliche Gestalt aufmerksam, die still neben dem Grab stand. Ihre Miene wirkte so bedrückt, dass Daniel Mitleid mit dem jungen Mann spürte. Nach allem gab es einen Menschen, der seinem Vater aufrichtige Wertschätzung entgegenbrachte. Der junge Mann sah auf und richtete seine mandelförmigen Augen auf Daniel. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck, als bereute er, mehr als notwendig preisgegeben zu haben. Er zog den Kragen des Mantels hoch, um sein Gesicht zu verdecken, und verschwand schnell auf dem Pfad.
Als das Raunen der Gespräche der Lebenden verstummt war, war nur noch das Ächzen der Schaufeln zu hören, die das Erdreich anhäuften. Daniel atmete tief ein und füllte seine Lunge mit Luft, die die Feuchtigkeit des Meeres enthielt. Nach einem letzten Blick zog er den Zylinder tief ins Gesicht und wollte auch aufbrechen, doch plötzlich umfing ihn der Duft von Jasmin wie eine Liebkosung. Auf der anderen Seite des Pfades erspähte er vor dem wolkenverhangenen Himmel die Silhouette einer schwarz gekleideten Gestalt neben einer Zypresse.
Daniel fragte sich, ob es eines dieser Trugbilder wäre, die einen Friedhof bevölkern. Er näherte sich ganz langsam dem Bild, als befürchtete er, es könne sich auflösen. Die Frau hob ihr Kinn und lächelte Daniel durch den Musselinschleier an. Sie schürzte die Lippen und beobachtete ihn mit ihren Augen, die noch genauso grün waren, wie Daniel sie in Erinnerung hatte. Sie trug Spitzenhandschuhe, mit der rechten Hand hielt sie den Regenschirm, und mit der linken presste sie den Persianermantel schützend an sich. Das pechschwarze Haar war hochgesteckt, nur eine Strähne hatte sich gelöst und zitterte im Wind. Daniel blieb wenige Schritte vor ihr stehen. Sie sahen sich lange an und erwogen, wie fremd sie einander im Laufe der Jahre geworden waren. Schließlich ergriff die Frau das Wort.
»Señor Amat.«
Daniel erwiderte ihre Begrüßung mit einer Verbeugung. Es fiel ihm unglaublich schwer, seine zitternde Stimme zu beherrschen.
»Irene. Das ist sehr … liebenswürdig, dass Sie gekommen sind.«
»Ich habe Ihren Vater sehr geschätzt. Seiner Beerdigung beizuwohnen, war das Mindeste, was ich tun konnte.«
Daniel musterte sie genau, er suchte nach den Spuren der jungen Frau, die er in der Vergangenheit gekannt hatte. Abgesehen von ihrer Stimme schien sie unverändert. Sie hatte ihren karibischen Zungenschlag abgelegt, klang ernster. Aus der Handtasche zückte sie ein Spitzentaschentuch, hob den Schleier und wischte sich über die Augen. Die Bewegung dauerte kaum länger als ein Wimpernschlag, doch sie reichte, um deutlich zu erkennen, dass sie Mulattin war.
»Es ist viel Zeit vergangen«, brachte Daniel hervor.
»Zu viel Zeit.«
»Wie geht es …?«
»Mir geht es hervorragend, danke für Ihr Interesse.«
Sie blickte nach links. Unterhalb vom Eingang zum Friedhof wartete ein Mann in einem Kutscherumhang. Einen Moment lang drückte die Miene der Frau Besorgnis aus, doch sie fand sofort die Fassung wieder, nur ein kurzes Zittern ihrer Hand beim Verstauen des Taschentuchs verriet sie.
»Ich muss gehen.«
Daniel wollte sie aufhalten, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. Auch sie schien diese letzten Worte zu erwarten, doch da sie nicht ausgesprochen wurden, drehte sie sich um und ging den Pfad hinunter. Erst jetzt lief er ihr aus einem Impuls heraus nach und fasste sie am Ellbogen. Dabei kam er ihr so nahe, dass er die Wärme ihres Körpers spürte. Erinnerungen überschlugen sich in seinem Kopf, und der Friedhof um ihn herum schien sich aufzulösen. Da fiel ihm auf, dass sie ihn durch den Schleier feindselig anstarrte. Doch erst ihre Frage riss ihn aus seiner Starre.
»Was fällt Ihnen ein?«
»Ich hätte mich mit Ihnen in …«, sagte er ohne nachzudenken.
»Aber Sie haben es nicht getan, und vielleicht war es auch besser so.«
»Ich würde Sie gern treffen, ehe ich wieder abreise.«
»Das geht nicht. Nicht mehr.«
Sie riss sich von seiner Hand los und lief weiter.
Daniel folgte ihr mit dem Blick, er beobachtete, wie sie auf dem Weg verschwand, von den Zypressen vor dem Regen geschützt.
Wieder allein, betrachtete Daniel ein letztes Mal den Ort, an dem sein Vater nun ruhte, dann begab auch er sich auf den Weg zum Friedhofseingang. Die Begegnung mit Irene hatte ihn erschüttert. Wie dumm! Wieso war ihm nicht vorher der Gedanke gekommen, dass sie anwesend sein könnte? Ihr Anblick hatte in ihm Gefühle geweckt, die er längst vergessen geglaubt hatte. Wieso nahm ihn das nach so langer Zeit noch mit? Er führte nun ein neues Leben, hatte eine Heirat in Aussicht und noch dazu die renommierte Stelle eines Professors. Er hatte die Zukunft, die viele anstrebten. Irene stand für die Vergangenheit. Eine Vergangenheit, die abgeschlossen war.
Bevor er die Straße erreichte, unterbrach ein Keuchen seine Gedanken.
»Señor Amat? … Dieser verdammte Regen!«
Ein nicht gerade großer Mann in einem karierten Jackett mit Fliege und mit einem Strohhut auf dem Kopf, durch den das Wasser tropfte, verbeugte sich nach Atem ringend vor ihm. Die beschlagene Brille war verrutscht und gab den Blick auf seine hervorstehenden Augen frei. Der Mann blinzelte und versuchte sich das Wasser aus dem Gesicht zu wischen, und sein Lächeln ließ den Schnauzbart zu einer albernen Grimasse verrutschen. Daniel konnte sich nicht daran erinnern, den Mann während der Trauerfeier gesehen zu haben.
»Kenne ich Sie?«
Der Mann reichte ihm seine nasse Hand.
»Ich heiße Bernat Fleixa. Hier ist meine Karte.«
Daniel nahm sie behutsam entgegen. Als er die Rückseite las, zog er die Augenbrauen hoch.
»Journalist?«
»Ja, Señor, vom Correo de Barcelona.«
»Was wollen Sie von mir?«
»Mich einen Moment mit Ihnen unterhalten, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Daniel gab ihm die Visitenkarte zurück und ging einfach weiter.
»Ich wüsste nicht, worüber ich mit Ihnen reden sollte.«
Fleixa heftete sich bis zum Friedhofsausgang an Daniels Fersen.
»Also, eigentlich geht es eher um etwas, was ich Ihnen sagen kann. Wissen Sie, dass Sie Ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten sind? Natürlich viel jünger.«
»Sie haben ihn gekannt? Ah, natürlich, ganz bestimmt«, erwiderte Daniel ironisch, ohne stehen zu bleiben.
»Dr. Amat und ich, wir hatten eine gewisse Vereinbarung. Eigentlich …«
»Sehen Sie, Señor Fleixa.« Daniel drehte sich abrupt um. »Wenn Sie tatsächlich Umgang mit meinem Vater gepflegt hätten, dann wüssten Sie, dass er Journalisten verabscheute. Für ihn waren Zeitungen nicht mehr als plumpe Pamphlete, die die übelsten Verleumdungen veröffentlichen. Seiner Meinung nach sollten anständige Leute nicht einmal ein Wochenblatt in die Hand nehmen. Mit einem Vertreter Ihrer Zunft hätte er kein Wort gewechselt.«
»Aber mit mir hat er nicht nur geredet, er hat sogar den Kontakt zu mir gesucht.«
Daniel seufzte, all die Empfindungen der letzten Zeit hatten ihn gänzlich erschöpft. Die anstrengende Reise, die Bestattung, Irene … Er wollte nur noch ausruhen, einige Stunden am Stück schlafen und dann wieder den Zug zurück in sein wahres Leben nehmen.
»Bitte geben Sie mir eine Minute«, bat Fleixa. »Wenn Sie mich angehört haben und es dann immer noch wünschen, werde ich Sie nicht mehr belästigen.«
Daniel gab keine Antwort, sondern ging schneller.
»Warten Sie! Sie begreifen es nicht. Ihr Vater und ich, wir waren verabredet, aber er ist nicht erschienen. Man hat ihn daran gehindert.« Der Journalist senkte die Stimme und sah sich misstrauisch nach allen Seiten um. »Señor Amat, ich glaube, Ihr Vater wurde ermordet.«
5
Das Europa, eines der vielen Cafés in den Arkaden der Plaza Real, war in den letzten Jahren Mode geworden. An diesem Nachmittag waren jedoch nur einige Tische besetzt. Zwischen den Rauchschwaden der Zigarren diskutierte eine Gruppe Stammgäste die neuen Abgaben auf Getreide.
Daniel und der Journalist hatten sich an einem Tisch etwas abseits niedergelassen, sie schwiegen, während der Kellner ihre Getränke servierte. Als sie endlich allein waren, ergriff Daniel das Wort.
»Señor Fleixa, zuallererst, warum sollte ich Ihnen vertrauen?«
»Weil Ihr Vater das auch getan hat. Hören Sie …«
»Nein, jetzt hören Sie mir einmal zu! Nicht dass Sie mich missverstehen. Dass ich hier bin, widerspricht den simpelsten Regeln des gesunden Menschenverstands. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand den Tod meines Vaters herbeiwünscht. Das ist für mich einfach nicht nachvollziehbar. Ich gebe Ihnen fünf Minuten, um mir alles zu erklären. Danach gehe ich durch diese Tür, und Sie werden mich nie wiedersehen.«
»Das scheint mir verständlich«, meinte Fleixa. Er trank den Absinth aus, den der Kellner vor ihn gestellt hatte, und räusperte sich. »Vor etwa drei Wochen erhielt ich in der Redaktion eine Nachricht von Ihrem Vater. Er forderte mich darin auf, ihn unverzüglich in der Kirche von San Miguel del Puerto zu treffen.«
Daniel nickte. Das war typisch für seinen Vater, dass er eine Einladung so formulierte, als wäre sie ein Befehl.
»Sprechen Sie weiter.«
»Wir haben uns für den nächsten Tag verabredet. Während unserer Unterhaltung sah er sich ununterbrochen nach allen Seiten um, und manchmal hörte er sogar mitten im Satz auf. Er redete sehr hastig, so als wollte er unser Treffen so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ich schien ihm nicht sonderlich zu gefallen, und irgendwie fand er auch diese fast heimliche Form unserer Begegnung nicht gerade angemessen. Aber offensichtlich suchte er Diskretion, denn sonst hätte er mit mir ein Treffen in der Zeitung oder in der Universität vereinbart. Fest steht, kaum saßen wir auf den Kirchenbänken, hat er mir ohne weitere Erklärungen diese Papiere übergeben.«
Fleixa legte einen grauen Aktendeckel auf den Tisch, der mit Lederbändern verschnürt war.
»Was ist das?«
»Das frage ich mich auch«, erwiderte der Journalist, der nun die Knoten löste und den Aktendeckel aufschlug. »Ihr Vater erzählte mir, dass er seit einiger Zeit an einer Studie über die hygienischen Verhältnisse in den Elendsvierteln der Stadt arbeitete. Er hatte schon seit Monaten Daten zusammengetragen und in La Barceloneta Dutzende Untersuchungen vorgenommen. Ich weiß nicht, ob Sie den Teil der Stadt überhaupt kennen. In den letzten Jahren hat sich La Barceloneta sehr verändert. Es haben sich dort einige Bau- und Abrissfirmen niedergelassen und auch das Stahlwerk La Maquinista Terrestre y Marítima sowie das Gaswerk La Catalana de Gas. Das Viertel ist sehr dicht bevölkert, viele Familien aus ganz Spanien sind auf der Suche nach Arbeit dorthin gezogen. Ihr Vater berichtete mir, dass es bei der Studie darum ging, den Zusammenhang zwischen den unsäglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Leute und den Krankheiten herauszufinden, unter denen sie litten. Dieses Dossier ist das Ergebnis seiner Untersuchung.«
Daniel verbarg seine Überraschung nicht. Es war merkwürdig, dass sein Vater aus eigener Initiative so eine Herausforderung gesucht hatte. Als Mediziner hatte er die Reichen und Mächtigen von Barcelona behandelt, für einige Persönlichkeiten war er sogar Leibarzt gewesen, er hatte beste Beziehungen zum Großbürgertum der Stadt unterhalten und gemeinhin mit seiner gesellschaftlichen Stellung geprahlt. Solche Dinge aufzuzeigen, würde ihm nicht viele Sympathien einbringen.
»Mein Vater hat niemals …«
»Genau«, stellte Fleixa fest. »Selbstverständlich war das nicht gerade eine Aufgabe, um Ruhm einzuheimsen, ganz im Gegenteil. Doch Ihr Vater hat sich für diese Aufgabe sehr engagiert, zumindest konnte ich das aus der Lektüre dieser Papiere schließen.« Er unterbrach seine Ausführungen und bestellte, fast schreiend, noch einen Likör. »›Und was soll ich mit den ganzen Papieren anfangen?‹, habe ich damals Ihren Vater gefragt. Ich bezweifelte sehr, dass meine Zeitung Interesse daran hätte, sich mit den bedeutendsten Unternehmern von Barcelona anzulegen, von denen einige außerdem noch Anteilseigner des Correo sind. Doch Ihr Vater sagte mir, dies sei nur ein Teil der ganzen Angelegenheit.«
Daniel zog die Augenbrauen hoch.
»Als er in La Barceloneta mit seinen Recherchen begann«, erläuterte der Journalist weiter, »konnte er, wie nicht anders erwartet, diverse Todesursachen feststellen. Vor allem gab es Arbeitsunfälle, aber auch Infektionen wegen des unsauberen Wassers, Räude, Lungenentzündung, Tuberkulose … und Hunger. Für diese armen Leute gehört der Tod zum Alltag, und Ihr Vater hat das wochenlang aufgezeichnet. Mit der Zeit hat er sich immer intensiver mit seiner Studie befasst. Er stellte Hygieneregeln auf, forderte das Rathaus auf, Maßnahmen für die Wasserversorgung und die Kanalisation zu ergreifen, behandelte die Kranken persönlich, und er bezahlte sogar ihre Medikamente aus der eigenen Tasche. Als Gegenleistung schenkten ihm die Bewohner ihren Dank und ihr Vertrauen.«
Fleixa leerte das zweite Glas, dann sprach er weiter.
