Die atlantische Magd - Ralf Blittkowsky - E-Book

Die atlantische Magd E-Book

Ralf Blittkowsky

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Beschreibung

Sie muss erst eine andere werden, um wieder zu sich selbst zu finden. Als die Tochter deutscher USA-Emigranten nach zwölf Jahren Kontakt zu ihrer Vergangenheit sucht, lüftet sich der Schleier, der sie inzwischen umgibt. Innerhalb von zwölf Jahren lebt sie an drei verschiedenen Orten der noch jungen Bundesrepublik. In Essen heiratet sie einen Gewerkschaftler, der nach zwei Jahren vor ihren Augen ermordet wird. Sie flieht nach Hamburg, beginnt als Hofhilfe auf einem Bauernhof, später wird sie Magd sein. Nach über vier Jahren wird sie in ihrem Zimmer ermordet. Nach und nach emittiert der Mordfall den kühlen Atem des Kalten Kriegs.

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Seitenzahl: 2037

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Ralf Blittkowsky

Die atlantische Magd

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Mord an einem Wintermorgen

Am Ring

Fall in rätselhafter Absicht

Verdeckte Visite

Brenzlige Abfuhr

Die Schwester

Schmerzvolle Irritation

Juwel auf der Bahre

Riskanter Bumerang

Überrascht und verfolgt

Fluchterwachen

Entschluss trotz erheblicher Bedenken

Barbaras Zorn

Merkwürdiger Fund am Strand

Zweifel

Jenseits der Erinnerung

24 Stunden bis zum Boarding

Bordhektik

Transatlantik

Schwierig, aber nicht unmöglich

Über die Grenze

Fern, ganz nah

Ungeahnte Temperamente

Tochter‘s Drift

Endlich Deutsch

Hängende Mundwinkel

Keimender Verdacht

Sonntagnachmittagsspaziergang

Berlin Surprise

Berliner Nachwehen

Wirbel

Endstation Hamburg

Eine Bleibe

Wandlungen zur Magd Grit

Leichensicht

Nächtliche Irritation

Die Vernehmung

Bei Anruf Mord

Auf dem Kommissariat

Fallstränge

Post aus Poppenbüttel

Unamerikanische Umtriebe

In Freiheit

Wohin die Wege führen

Unvorhersehbares geschieht

Tragik des Erinnerns

Begegnungen

Impressum neobooks

Mord an einem Wintermorgen

Aus früh morgendlichem Nebel zog eine noch frische Fuchsspur quer über das Schneefeld zum Waldrand hin. Blutstropfen im weißen Schnee ließen ahnen, dass der frühmorgendliche Räuber sein Opfer gefunden und sich mit seiner Beute davongeschlichen hatte. Dass sich hinterm Haus Fußspuren aus verschiedenen Richtungen zum und vom Kellereingang wegbewegten, bemerkte Bauer Lennartz erst, als er aus der knarrenden Holztür des Gänsestalls heraus ins kühle Freie trat und beim Einatmen von Morgenluft plötzlich stockte. Irritiert spurtete der Bauer zur nur wenig verschneiten Rasenfläche und blickte den pfeilförmig sich teilenden Gangspuren nach, die zu einem Busch auf der rechten und in einen angrenzenden Hain auf der linken Seite verliefen. Hinter dem Hain zur Linken, wohin er als Erstes ging, um nachzusehen, erschrak er wegen zweier verschiedener Fußspuren - der eine Fußabtritt war größer, der andere kleiner. Nach der Größe der Fußspur zu urteilen, gehörte sie ebenfalls einer Frau.

Fassungslos starrte Bauer Lennartz abwechselnd auf die Schneespuren, die zum und vom Kellereingang weg sich auf der schneebedeckten Wiese aus zwei Richtungen verteilten. Als Licht in der Küche angeknipst wurde, zuckte Bauer Lennartz erschrocken zusammen.

„Hat der Fuchs wieder gerissen? Komm rein, Malte, daran ändert sich nichts, auch wenn du noch länger in der Kälte dumm rumstehst.“

Der Bauer drehte sich zum Haus, sah, dass Gattin Frederike sich aus dem geöffneten Fenster herauslehnte. Winkend appellierte sie, reinzukommen. Einen vorerst letzten Blick auf die Spuren werfend, ging der Bauer in Überlegung zurück zum Haus, ob er zuerst Frederike von merkwürdigen Schneespuren erzählen oder die Kellertür kontrollieren sollte. Nur, gleich drei Fußspuren auf einmal sahen kaum nach Einbruch aus, aber, was könnte sonst letzte Nacht passiert sein? Nachts hinter einem Bauernhaus herumzuschleichen, noch dazu bei Außentemperaturen unter null, unglaublich!?“

„Was stehst du denn solange in der Kälte auf unserer schneebedeckten Wiese hinterm Haus herum, Malte? Hält sich wohl nicht lange“, fragte Bäuerin Frederike ihren Mann in der Küchentür.

„Sieh dir das Mal an, was sich letzte Nacht hinterm Haus zugetragen hat. Ist ja nicht zu fassen!? Ich muss gleich runter in den Keller. Das Schloss wurde bestimmt heute Nacht aufgebrochen.“

„Einbrecher, bei uns? Wer …?“

„Glaub ich nicht, Frederike. Hinterm Haus finden sich drei verschiedene Fußspuren, zwei aus zwei verschiedenen Gangrichtungen zum Kellereingang und wieder zurück.“

„Wie jetzt, zwei oder drei?“

„Drei, aber nur zwei, die zum Kellereingang führen. Sieh selbst nach, wenn du mir nicht glaubst. Keine kräftigen Stiefelabdrücke, wahrscheinlich von zwei Frauen, die wohl nacheinander heute Nacht zum Kellereingang gingen. Was sie da suchten, kannst du dir wohl denken.“

„Was wollten die bloß hier, während wir schliefen? Wer sich da auch anschlich, war doch nicht etwa oben?“

„Nicht die geringste Ahnung, nur ein Gefühl. Wer nachts durch den Keller geht, wohin will der wohl?“

„Eingebrochen in unsere Räume? Allein der Gedanke ist so schrecklich.“

„Genau werde ich das erst wissen, sobald ich mir ein Bild gemacht habe, was in der Nacht genau passiert ist. Nachdem, was ich heute Morgen hinterm Haus sah, sind meine Erwartungen nur zu betrübt.“

„Bei uns gibt’s doch nichts zu holen. Schnapp dir zur Vorsicht ‘nen Spaten, wenn du in den Keller runtergehst, Malte!“

„Angst kannst du dir sparen, Frederike. Wer da auch immer bei uns war, hat sich schon längst vom Acker gemacht. Ich will euch nur in unserer Küche sitzen sehen, wenn ich wieder rauf komme, dann weiß ich hoffentlich Näheres.“

Eine nicht sichtbare Tür öffnete sich im Flur, Hofhilfe Utes brauner Pferdeschwanz zeigte sich, um kurz darauf mit einer Milchkanne hineinzukommen. ‚Ist was‘, fragend, sah sie Bauer und Bäuerin, ihrerseits grübelnd, an. Ohne eine Antwort abzuwarten, stellte Ute fest: „Grit ist ja noch nicht unten. Sie hat den Hühnerstall noch nie vergessen. Ich renn‘ mal rauf, um das verschlafene Luder zu holen.“

Und schon verschwand Hofhilfe Ute schimpfend die Haustreppe rauf.

„Fürchte, wir kommen nicht drum rum, die Polizei zu rufen.“

„Wenn‘s denn sein muss. Diese Spuren, wer macht nur so was?“

Zwei Minuten später zuckten Bäuerin Frederike beim Decken des Frühstückstisches und Bauer Malte auf dem unteren Absatz der Kellertreppe erschrocken zusammen, als sie einen schrillen Schrei aus dem oberen Stockwerk hörten. Sekunden später noch einer – zwei ins Mark stechende Angstschreie, und das unmittelbar hintereinander. Utes Schreie kamen von oben aus dem Korridor mit den Schlafzimmern.

Schneller als Bauer Malte die Kellertreppe hochkam, schaffte es die Bäuerin, die Haustreppe aufwärts zu hasten. Ute stand in der geöffneten Zimmertür von Grits Zimmer und zeigte tränenüberströmt hinein, während sie ihre andere Hand zitternd vors Gesicht hielt. Frederike schnellte durch den Korridor zum Ort des Geschehens und zögerte nicht, ins Zimmer hineinzusehen, Utes zittrig zeigendem Arm zu folgen. Hinterm Bettrahmen ragten Grits nackte Füße hervor. Sie lagen in einer Blutlache mit dem Oberkörper auf der Bettdecke. Frederike schlug mehrmals wütend auf den Türrahmen, unterstrich jammernd ihre Fassungslosigkeit.

Bauer Malte drängte sich an den beiden wie reglos starrenden Frauen vorbei ins Zimmer. Er ging gefasst einige Schritte vorwärts, um aus nächster Nähe zu sehen, was passiert war, was Grit passiert war.

Im Nachthemd die Bettkante halb runtergesunken kniete Grits Leiche im eigenen Blut, das sich über den Läufer zur Blutlache ausgelaufen hatte. Ihr strohblonder Kurzhaarkopf lag leblos quer über dem Laken, beide Arme nach vorne gestreckt. Von hinten drängte die Bäuerin ihren Mann zur Seite, wollte sich weinend über Grits Leichnam stürzen, der wohl schon vor Stunden ausgeblutet auf dem Boden lag. Der Bauer fasste seiner schluchzenden Frau an der Schulter, zog sie hoch und führte sie zurück in den Korridor. „Hier ist alles zu spät. Verschließ das Zimmer und bring meine Frau erst Mal in unser Schlafzimmer, Ute“, zischte Bauer Lennartz. „Ich geh runter und ruf die Polizei. Nicht zu fassen, man wird wach, orientiert sich, ein Tag wie jeder, assoziiert man, und einige Zimmer neben unserem ist ein Mord passiert.“

„Und dass, während wir schliefen. Wer macht nur so was? Ausgerechnet Grit, die keiner Fliege etwas zuleide tun konnte.“ Unter Klagen und Heulen schob der Bauer seine Frau, vorsichtig zurückbewegend über die Schwelle der Zimmertür in den Korridor zurück.

„Ein Mord, hier auf dem Hof, wo Sie und ich wohnen.“ Hofhilfe Ute sah den Bauern ebenfalls verheult an.

„Nach was sieht’s denn aus? Sieht so aus, als hätten wir heute Morgen eine Tote zu beklagen. Frag mich nicht, wer, warum. Ich habe keine Ahnung, wer in unserer Nähe so brutal wütete. mit Ahnungen kann ich daher nicht viel anfangen. Grit wurde diese Nacht aus dem Schlaf gerissen und ihr wurde die Kehle aufgeschlitzt. Sie verlor viel Blut - ein qualvoller Tod.“

„Beim Allmächtigsten, mein Zimmer ist doch am nächsten dran, und ich habe nichts gehört.“

„Das wirst du … der Polizei … Ich muss runter, die Polizei verständigen. Wird hektisch werden hier in den nächsten Tagen, aber wer rechnet denn mit so was: Mord an einer Magd auf einem abgelegenen Bauernhof.“

Während der Bauer im Eiltempo die Treppe herunterflitzte, lehnten die Ältere und die Jüngere verwirrt und immer wieder schluchzend an der Korridorwand. Sie glitten dann hinunter, heulten gemeinsam weiter, stammelten immer wieder: „Grit, Grit, wer nur hat dir das angetan?“

„Und nun“, flüsterte Ute unter Tränen. „Ist mal mit ihr etwas gewesen? Aus dem Korridordunkel starrte Frederike die allzu naive Fragerin an und wiederholte ungläubig: „... gewesen? Was soll denn mit Grit gewesen sein? Vier Jahre und ein paar Monate war Grit bei uns. Du weißt ja selber, wie sie gerackert hat. Malte erzählte mir gerade, als wir dich schreien hörten, dass ihm heute Morgen seltsame Schneespuren auf der Wiese hinterm Haus aufgefallen sind. Hast du davon etwas bemerkt, Ute?“

„Ja, stimmt, dass da jemand war, hatte ich vorhin beim Gang zum Kuhstall bemerkt.“

„Und das sagst du erst jetzt erst?“

„Wann hätte ich denn erzählen sollen, es ging ja alles so schnell heute Morgen. Haben denn die Spuren was … beim Allmächtigen, ich kann es noch gar nicht fassen.“

„Warum sollten Fußspuren sonst hinterm Haus sein? Werde ich mir trotzdem gleich mal ansehen. ‚Spuren aus verschiedenen Richtungen führten zum Kellereingang und wieder zurück‘, erzählte mir Malte vorhin. Schon das allein wäre ein Fall für die Polizei, nun aber ein Mord in unserem Haus!? Sieht so aus, als ob die Spuren mit dem Mord zusammenhingen, einfach furchtbar das Ganze! Nicht auszudenken, Einbruch in mörderischer Absicht, ausgerechnet bei uns. Als ob man urplötzlich aus seinem Leben gedrängt wird, herrje.“

Inzwischen war Malte Lennartz die Treppe runter in das kleine eingerichtete Büro hinten im Flurtrakt zum Telefon geeilt, hob den Hörer ab und wählte den Polizeiruf 112. Nur mit Mühe und nach mehrmaligem Verstottern schaffte der Bauer es, von Mord zu sprechen und zu erklären, wer das Mordopfer war. Der Polizeibeamte am Apparat verweigerte ihm anfangs, abzunehmen, dass eine Magd das Opfer sei, er riet stattdessen, den Hausarzt zu holen. Der würde schon, wenn was sei, alles Notwendige in die Wege leiten. Als Lennartz dann auf die Blutlache am Tatort hinwies, reagierte der Polizeibeamte endlich, nahm die Adresse des Bauernhofs auf und sicherte zu, den Fall an das Hamburger Kriminalkommissariat weiterzuleiten.

Genervt verließ Bauer Lennartz sein Büro, ging zurück in den Flur. Die Türklinke der Kellertür schon gedrückt, trat er noch mal einen Schritt zurück, schaute zurück zur Treppe und rief fragend aufwärts, ob ‚alles in Ordnung’ sei. Geradezu idiotische Frage, auf die er keine Antwort bekam.

In der Drehbewegung zog seine Hand die Kellertür auf, mit der anderen knipste er das Kellerlicht an und ging flott die Kellertreppe runter. ‚Wenn ich mir nur vorstelle, dass diese Sprossen letzte Nacht leise, heimtückisch, um zu morden gleich mehrmals herauf- und heruntergegangen worden sind!? Trotzdem, nur eine von beiden Spuren kann die vermutliche Mörderin getreten haben. Einfach absurd, Grit in aller Heimtücke den Garaus zu machen.“

Der Kellerraum mit der Kellertür nach außen lag im Dunkeln. Als der besorgte Bauer das Raumlicht andrehte, flackerte es zuerst bedrohlich, ging aber nicht aus, sondern erhellte stattdessen den Kellerraum.

Lennartz erschrak, obwohl er sich hätte denken können, was ihn erwarten würde. Die Kellertür war ein Stück weit angelehnt. Durch den Spalt strömte kalte Morgenluft ein. Das Türschloss, alt und verrostet, war vermutlich bei einem tückisch eingeführten Draht aufgesprungen. Misstrauisch blickte er sich um, schätzte ab und sah skeptisch zur fensterlosen Tür des Kellerausgangs hin. Dann drehte Bauer Malte das Licht aus und orientierte sich im dunklen Keller mit einer Taschenlampe. Wer einbrach, hatte sich wohl mit einer Taschenlampe orientiert. Die Mörderin musste die Kellertreppe raufgeschlichen sein und oben die Kellertür zum düsteren Flur geöffnet, kurz ins Haus hineingehört haben. Dunkel, mucksmäuschenstill, alle schliefen, wie auch anders. Dass Gefahr im Verzug war, ahnte ja keiner. Hinter der Kellertür lag die Haustreppe zu den Schlafräumen. Dann war die Täterin herauf- und den Korridor entlang geschlichen, bis zu Grit Zimmer. Sie muss es unweigerlich sofort gefunden haben. Aus Vertrauen schloss Grit ihr Zimmer nie ab. Wäre auch eine Leichtigkeit gewesen, auch dieses Schloss zu knacken. Wer mordete, war ins Zimmer hineingeschlichen, hatte sie mit vor ihren Mund gehaltene Hand aufgeweckt und dann brutal ermordet – so kann es passiert sein!? Aber warum ausgerechnet Grit? Unsere Magd, die die ganzen Jahre, seit sie bei uns ist, keinerlei Außenkontakte hatte. Jedenfalls keine, die ich erinnere. Moment mal, Grit blutete auch aus dem Kopf. Eine Schusswunde, wahrscheinlich wurde sie mit Schalldämpfer zugefügt. Wer auch immer Grit das antat, hatte sie doppelt hingerichtet. Ein Rachemord vielleicht, und so was bei uns. Darum soll, darum muss die Kriminalpolizei sich kümmern.

Als Bauer Lennartz im dunklen Kellerraum sich den Tathergang szenisch vorstellte, wusste er plötzlich nicht mehr, wie ihm geschah. Wer nachts in und durchs Haus geschlichen war und gemordet hatte, muss genau gewusst haben, wo Grits Zimmer lag. Das Haus musste zuvor schon länger beobachtet worden sein, um zu herauszufinden, welches Grits Zimmer war, oder? Jedenfalls hatte ich bei meinem späten Rundgang gestern Abend niemand hinterm Haus bemerkt. Niemand Verdächtigen, der oder die, wie sonst in Frühling, Sommer oder Herbst, sich entschuldigend wieder Hof entfernte, sobald er ihm oder ihr nähertrat. Meist kam es aber gar nicht erst dazu, höflich zu nachzufragen, was sie suchten.

Gegen elf Uhr vormittags fuhr ein dunkelgrüner Polizei-Mercedes durch das Hoftor und parkte vor dem Bauernhaus. Bauer Lennartz öffnete die Haustür, ging dem aussteigenden Polizisten mit ungutem Gefühl darüber entgegen, dass sich in den nächsten Tagen eine angespannt traurige Stimmung über seinen Hof legen würde.

Zögerlich, immer wieder seinen nächsten Schritt abschätzend, kam der Polizist Bauer Lennartz entgegen:

„Ganz schön rutschig hier draußen. Hatten Sie uns vorhin angerufen?“

„Lassen Sie sich Zeit, denn ich kann’s sowieso noch gar nicht richtig fassen, was diese Nacht im Haus vorgefallen ist. Unsere Hofhilfe entdeckte unsere Magd gegen acht Uhr heute Morgen. Sie wurde in ihrem Zimmer ermordet, bei uns oben im Haus.“

„Ganz schön kalt hier draußen. Dass wir so weit draußen einen Fall annehmen, bin ich ehrlich nicht gewohnt. Hinterstes Poppenbüttel, wo man so was am wenigsten vermutet. Ich musste erst mal tüchtig suchen, um hierher zu finden.“

„Nun sind Sie ja hier, und es wartet Arbeit auf Sie.“

„Ihre Magd also hat’s erwischt?“

„Ja, vorhin hatte sie unsere Hofhilfe in ihrer Blutlache hinterm Bett aufgefunden.“

„Das sagten Sie schon. Wer macht denn so was, und so weit draußen?“

„Keine Ahnung, finden Sie‘s heraus.“

„Ich komme erst einmal, um mir ansehen und aufnehmen, was vorgefallen ist. Werde mal einen Blick auf den Tatort werfen und dann gleich den Leichenwagen anfordern. Wo geht’s denn zum Tatort, Herr Lennartz?“

„Ja, kommen Sie. Erst mal ins Haus, bitte. Wir sind noch alle so geschockt von dem, was letzte Nacht passiert ist, wie Sie sich vorstellen können.“

Der Polizist folgte Bauer Lennartz ins Haus hinein und durch den Flur die Holztreppe hinauf in den ersten Stock.

„Die Tote war Ihre Magd und wohnte in Ihrem Haus, auf demselben Stock, wie Sie, nicht? Ist so was überhaupt üblich?“

„Davon, was üblich ist und was nicht, habe ich nicht die geringste Ahnung. Sie, ähm, also Grit, arbeitete ja in Haus und Hof und rackerte schon mehrere Jahre bei uns. Ich mag nicht darüber nachdenken, welche Fehlstände in den nächsten Tagen und Wochen auf meinem Hof auftreten werden. Grits Ausfall reißt jedenfalls eine schwer zu stopfende Lücke auf dem Hof.“

„Sie und ihre Frau schlafen doch auch in einem dieser Zimmer, oder?“ Der Polizist deutete mit gezücktem Kugelschreiber nach rechts.

„Ja, Frederike, meine Frau, hat sich wohl verzogen. Fertig mit den Nerven, wie ich und wohl auch unsere junge Hofhilfe Ute, die Grit gegen acht heute Morgen fand. Wir stehen übrigens schon vor Grits Zimmer. Ich hab’ die Tür vorhin wieder geschlossen.“

„Dann will ich mal.“

Der Polizist öffnete vorsichtig die Zimmertür, gerade soweit, um durch den Türspalt hindurch zu passen. Die Zimmertür lehnte er hinter sich an, um sie nach kurzem wieder aufzustoßen und herauszutreten.

„Sie haben recht, sieht nach ‘ner Gewalttat aus. Nach allem, was ich auf die Schnelle feststellen konnte, sind der Frau zwei tödliche Verletzungen zugefügt worden.“

„Zwei, der Kopfschuss, nicht wahr? Aber dass da noch eine ist ..., scheint mir entgangen zu sein.“

„Neben dem Kehlschnitt, der bereits tödlich gewesen sein musste, wurde die Tote noch in den Kopf geschossen. Wahrscheinlich ein aufgesetzter Schuss!? Anzunehmen ist auch, dass die verwendete Schusswaffe einen Schalldämpfer hatte, weswegen Sie letzte Nacht wohl nichts von der Tat gehört hatten. Vielleicht hat aber Ihre Gattin etwas gehört?“

„Oh, da müssen Sie meine Frau fragen. Ich jedenfalls habe die Nacht, wie ein Murmeltier durchgeschlafen. Folglich kann ich keine Ahnung haben, zu welchem Zeitpunkt der Mord geschah.“

„Ablauf und den Tatzeitpunkt ermittelt ein Inspektor aus Hamburg. Ich bin nur ein zufällig diensthabender Streifenpolizist, der ausgerechnet samstagvormittags seinen Dienst schob, um das Grundlegende aufzunehmen.“

„Die Leiche liegt schon viel zu lange hier. Wird sie denn nicht abgeholt werden?“

„Bei Mord wird eine Frauenleiche von der Gerichtsmedizin obduziert werden. Ich werde mich gleich mal über Polizeifunk mit der Zentrale beraten, was die sagt.“

„Was wir hier genügend haben, ist, an so einem Tag wie diesem, Zeit. Wir, drei zurzeit auf dem Hof, sind wie gelähmt. Also tun Sie, was Sie tun müssen.“

„Natürlich, ich werde den Tatort erst mal abbinden, dass ja keiner mehr ins Zimmer hineinkann, bis die Leiche nachher abgeholt wird.“

„Keine Sorge, der Korridor oben ist für uns bis auf Weiteres Tabu.“

Der Polizist drehte sich zur Treppe, schnellte die Stufen hinunter und hinterließ dem ihm nachblickenden Bauern:

„Ich hole dann mal kurz das Absperrband aus dem Wagen.“

„Ist doch nicht nötig. Schlüssel und …“

„Ja, muss auch mit der Zentrale telefonieren, die Kavallerie verständigen und den Leichenwagen ordern.“

Trübsinnig einen Blick zur verschlossenen Zimmertür werfend, folgte Bauer Lennartz dem Polizisten Stufe für Stufe abwärts, öffnete die Haustür und entließ den Polizisten auf den Hof. Dann ging der Bauer ins Wohnzimmer, wo er fast erschrak. Seine Frau saß noch im Bademantel stumm im Sessel, würdigte ihren Mann keines Blicks, fragte nicht mal was, höhlte nur mit starren, auf einen Punkt gerichteten Augen die Wand aus. Der Bauer wandte sich dem Fenster zu, beobachtete durch den leichten Nebel den durchs Handmikrofon sprechenden Polizisten in seinem Wagen. Als sich die Wagentür wieder öffnete, ging Bauer Lennartz zurück in den Flur, um den Polizisten an der geöffneten Haustür zu empfangen.

„Anders als ich vermutet hatte. Die Leiche soll zur Obduktion in die Pathologie nach St. Georg. Kann dauern, bis der Leichentransporter hier draußen ankommt, einige Stunden wird‘s wohl noch brauchen. Ich mach‘ noch das Band vor die Tür zum Tatort, danach verschwinde ich wieder. Meine Aufgabe ist erfüllt, alles Weitere ermittelt der Inspektor der Mordkommission, der sicher bald auch hier auftauchen wird.“

Am frühen Nachmittag fuhr ein Lieferwagen auf den Hof. Bauer Lennartz kam gerade mit einem schon Rost ansetzenden Werkzeugkasten aus der Scheune. Sich erinnernd, dass Arbeit freimache und von Sorgen entbände, hatte er sich vorgenommen, seine Wartezeit auf Ereignisse, die sich so jäh angekündigt hatten, mit Reparatur des kaputten Gänsestalls abzufedern.

Mehrere Männer in Laborkitteln und mit langen Ledertaschen stiegen aus dem geparkten Lieferwagen aus. Lennartz schritt ihnen entgegen, wohl wissend, wer soeben angekommen war.

Ein älterer Mann mit Halbglatze und im beigen Overall kam dem Bauer entgegen, fragte, ohne sich zuvor vorzustellen:

„Heute Morgen soll sich bei Ihnen im Haus ein Kapitalverbrechen ereignet haben? Hat einiges gedauert, bis wir informiert wurden.“

„Gut, dass Sie kommen. Gleich hier oben im Haus! Ich schließ‘ Ihnen auf. Unsere Magd, letzte Nacht.“

„Wem das Licht ausgeknipst wurde, interessiert uns nicht, nur der Tatort! Wir untersuchen, und versuchen, uns ein wahrheitsgetreues Bild von dem zu machen, was letzte Nacht geschah. Wie sie umkam und das ganze warum, weshalb, und so, interessieren den Inspektor und seine Leute, uns dagegen nicht.“

„Ah ja, da ...“

„Noch was?“

„Ja, heute Morgen bemerkte ich mehrere Fußspuren im Schnee hinter unserem Haus, die von letzter Nacht stammen müssen. Die Kellertür wurde zudem aufgebrochen. Kleine Sohlengrößen, vermutlich stammen sie von Frauen. Beide müssen letzte Nacht irgendwann ins Haus eingebrochen sein.“

„Da Laus mich doch ’n Affe! Steuert man nichts ahnend durch die Hamburger Einöde, und dann tummeln sich da die schlimmsten Untaten. Ist ja der reinste Luftkurort hier, wo Sie leben.“

„Ach, seit das Desaster heute Morgen entdeckt wurde, nicht mehr. Folgen Sie mir erst mal! Im ersten Stock ist’s passiert. Das Zimmer der Toten ist gleich oben an der Haustreppe, sie wurde wohl im Schlaf überrascht und ermordet.“

Einen seiner Kollegen wies der Mann im weißen Overall schon im Gehen an:

„Werner, sieh‘ dir mal an, was der Herr Bauer gerade berichtete. Hinterm Haus diese Schneespuren und die aufgebrochene Kellertür. Mach am besten ein paar Fotos von den Spuren im Schnee ehe der Schnee schmelzen.“

„Ich hab’ die Kellertür vorhin geschlossen und was von innen davorgestellt. Am besten sieht sich Ihr Kollege die aufgebrochene Kellertür von innen auch mal an. Der Kellereingang ist im Haus hinter der Treppe zu den Schlafräumen. Wenn Sie reinkommen, laufen Sie direkt auf die Tür zum Keller zu.“

Ohne weitere Absprache verschwand der Angewiesene hinter der Hauswand.

Lennartz führte drei Männer in Overalls hoch zum Tatortzimmer und beobachte durch die offene Zimmertür, wie die Ermittler ihre Arbeit aufnahmen. Der Bariton eines für ihn nicht sichtbaren Ermittlers ließ den zu neugierigen Bauern zusammenzucken:

„Sie können ruhig etwas anderes tun, Herr Bauer. Das hier wird dauern!“

Lennartz fühlte sich ertappt. Ging gedankenschwer, langsam die Treppe runter, öffnete die Haustür, um begonnenem Tagewerk weiter nachzugehen. Kaum, dass er den Hofboden betrat, fuhr ein weiterer, diesmal schwarzer Lieferwagen durch das Hoftor. Der Fahrer parkte neben dem zuvor auf den Hof gefahrenen Lieferwagen. Lennartz ging zurück und öffnete wieder die Haustür.

Auf beiden Seiten des Lieferwagens sprangen Autotüren auf und zwei Männer unterschiedlichen Alters in schwarzen Anzügen, krawattiert, kamen auf den Bauern, noch auf der Haustreppe stehend, zu.

„Wir sollen hier eine Leiche abholen, wurde uns gesagt“, sagte der Vordere, während der andere, sich auf dem Hof umblickend, fallen ließ: „Keinen Kadaver, eine Leiche.“

„Ihren Witz können Sie sich sparen! Lennartz, übrigens, mein Name. Die Ermordete liegt im oberen Stockwerk. Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.“

„Wie ich sehe, ist die Vorhut schon eingetrudelt. So soll es auch sein. Die Liegelage, wie die Leiche aufgefunden wurde, ist eingezeichnet, der Tatort abfotografiert! Die Leiche kann nun abtransportiert werden, wofür wir da sind! Fahrt in die Frische, fast wie ein Betriebsausflug.“

„Hans?“

„Ja, richtig! Ans Werk! Führen wir dem Allmächtigen zu, was sein’s sein soll.“

„Sie sollen doch nur abholen und mitnehmen, nicht schäkern. Folgen Sie mir bitte ins Haus!“

„Moment, wir holen noch den Sarg aus dem Wagen, dann können Sie uns zeigen, wo wir heben und legen sollen.“

Nach knapp zwanzig Minuten fuhr der Leichenwagen mit Grits Leiche im Sarg wieder vom Hof. Bauer Lennartz stand ihm nachsehend vor seinem Haus. Frederike kam kurz vor der Abfahrt aus der Haustür heraus, schmiegte sich an ihren Mann. Ärgerlich schüttelte er sie ab, erklärte trotzig, dass er weiterarbeiten müsse. Schicksal bedeute noch lange keinen Arbeitsaufschub.

Auf dem Hof vergingen die nächsten Stunden nur langsam. Erkennungsdienst war länger im Haus. Die beiden Frauen blieben im Wohnzimmer wie blockiert, waren stundenlang weder zu sehen noch zu hören. An diesem schwarzen Tag hing es an ihm, dem Haus- und Hofherrn, sich zusammenzureißen, Stehvermögen und Kraft für das Notwendigste, das an so einem Tag zu erledigen war, zu zeigen und für sich selbst zu finden. Die paar Schweine im Stall erwarteten schon längst Futter, wie die Stute im Pferdestall, die Kühe und der Ochse ebenso. Zunächst galt es aber, den defekten Gänsestall zu reparieren. Sonst würde am nächsten Morgen noch eine Gans fehlen, und der Fuchs bekäme seine verlässliche Nahrungsquelle, was niemals passieren durfte! Was letzte Nacht nur ein paar Zimmer vom Doppelbett entfernt Unglaubliches geschah, hätte niemals passieren sollen! Einfach zu fürchterlich das Ganze! Grit wurde auf die bestialischste Weise, die man sich nur vorstellen konnte, in ihrem Bett im Schlaf ermordet, und gerade wurde ihre Leiche vom Hof gefahren. Umgebracht auf seinem Hof, wie sich das anhört.

Durch eine der vielen Ritzen der Innenwand des Gänsestalls sah Lennartz nach etwa einer Stunde, wie ein Mann im weißen Overall einem zweiten, noch unbekannten größeren Mann im Wintermantel die morgendlichen Fußspuren im Schnee sowie die unterschiedlichen Gangwege zeigte. Minuten später waren die beiden Männer wieder verschwunden und Lennartz setze seine Stallreparatur fort.

Als er dabei war, das Gitter auszutauschen, hörte Bauer Lennartz plötzlich eine ihm unbekannte Stimme hinter sich sagen: „Hier stecken Sie also. Ist gar nicht so leicht, jemand Ansprechbaren auf Ihrem Hof zu finden.“

Lennartz, in der Hocke, drehte sich erschrocken um und starrte einem großen Mann im dunklen Wintermantel an. Der Bauer erhob sich ziemlich flink, eine Zange fallen lassend und reichte dem fremden Mann seine Hand, denn er ahnte schon, um wen es sich handelte: den angekündigten Inspektor der Hamburger Mordkommission.

„Und Sie sind“, spürte der Bauer fragend die Inspektorenhand in seiner.

„Greifenfall. Inspektor Greifenfall, Mordkommission Hamburg.“

„Mordkommission, ach, natürlich! Ist meine Frau denn nicht im Haus?“

„Keine Ahnung, ich brauchte ja auch nicht klingeln, denn die Haustür war angelehnt. Übrigens, sonst nicht zu empfehlen. Unsere Leute haben ja oben noch zu tun. Das Poltern bei Ihnen oben ist ja nicht zu überhören! Also bin ich die Treppe rauf, hab’ mir den Tatort schon mal angesehen. Auch ich würde mich fragen, ‚wer macht denn so was‘, aber einer der Kollegen nahm mich beiseite und erzählte mir von dem Einbruch letzte Nacht. Drei Fußspuren im Schnee, das allein ist schon so seltsam wie verdächtig.“„Drei, du meine Güte, wo kommt die dritte denn noch her? Die beiden hinterm Haus hatte ich heute Morgen entdeckt, als ich noch nicht wusste, was los ist.“

„Zwei, vermutlich Frauen, nach der Größe der Fußspuren zu urteilen ...“

„Ja, sie lassen wohl keinen anderen Schluss zu.“

„Also die beiden Frauen, eine war die Täterin, die andere tatverdächtig, dann wird‘s düster, schlichen aus unterschiedlichen Richtungen nachts zum Kellereingang, um ins Haus einzubrechen. Die beiden hatten aller Wahrscheinlichkeit nach unterschiedliche Ambitionen. Was genau da geschah, wird noch untersucht werden müssen. Da es zwei Richtungen sind, aus denen sie kamen, liegt es nahe, dass die beiden hintertrieben agierenden Damen kontroverse Absichten verfolgten. Weshalb sie wohl nicht zur gleichen Zeit in Ihr Haus eindrangen. Ich glaube, so kann man sich das vorstellen, was letzte Nacht passierte.“

„Wenn Sie’s sagen, erst diese merkwürdigen Fußspuren hinterm Haus und kurze Zeit später Grits Leiche. Sagen kann ich Ihnen schon mal im Voraus, was Sie auf dem Hof auch anfassen werden, Grit hat’s berührt. Und jetzt klebt Blut dran, ihr Blut! Ich weiß noch gar nicht, wie wir uns heute Abend wieder zur Ruhe betten sollen. Ein paar Meter von mir, von uns, in unserem Haus wurde ein lieber Mensch ermordet! Grit konnte doch niemand was zuleide tun, ich kapier‘ das nicht.“

„Oh, ich kann auch am Montag wiederkommen, Herr Lennartz. Trauer geht vor! Wenn Sie jemanden wünschen, der Sie und Ihre Frau psychologisch beraten soll, wird sich das sicher finden lassen.“

„Nein, nein, schon gut, Inspektor Greifenfall. Muss ja trotzdem weiter gehen auf dem Hof! Wenn ich nur überfliege, was hier alles auf mich wartet, oje, oje.“

„Unsereiner kann nie ausfallen, wissen Sie. So ein Hof steht nie still! Und wenn der Bauer einmal ausfällt, wächst einem schneller alles über den Kopf, als es mir lieb sein kann.“

„Ich weiß, Inspektorenfragen sind lästig. Wie ein unbändiger Wasserfall im Sturm, oder so ähnlich!? Vorerst habe ich auch nur ein paar Fragen zur Toten: Wer war sie, und was genau hat sie auf dem Hof gemacht? Wie lange war die Tote bei Ihnen schon tätig? Ich muss mir erst mal ein Bild von dem hier machen. ‚Mord auf einem Bauernhof bei Poppenbüttel‘, klingt nach Gähnappell in der Titelei einer Regionalzeitung.“

„Unterschätzen Sie das hier bloß nicht, Herr Inspektor. Wir, die wir auf dem Hof leben, sind jedenfalls unschuldig, das sag ich Ihnen gleich.“

„Oh nein, die Tat muss mit diesen Schneespuren zusammenhängen, das ist schon jetzt offensichtlich. Zunächst muss ich aber erst wissen, wer die Ermordete überhaupt war, das verstehen Sie doch?“

„Natürlich!“

„Waren Ihnen in letzter Zeit Ereignisse in Verbindung mit der Ermordeten aufgefallen, die Ihnen verdächtig erschienen und Ihnen im Gedächtnis geblieben sind?“

„Verdächtig, mir? Nein! Grit war über Jahre unsere treue, verlässliche Magd. Die ersten drei Jahre war sie Hofhilfe, dann Magd, müssen Sie wissen. Alles, was wir ihr auftrugen, erledigte sie, ohne zu murren.“

„Wie lange lebte die Tote denn auf Ihrem Hof?“

„Schätze vier Jahre und ein paar Monate.“

„Wie, nur vier Jahre, relativ kurz, finden Sie nicht?“

„Grit hatte sich in diesen Jahren halt hochgerackert von einer Erntehelferin zur Magd. Wir verweigerten uns ihr nicht, da sie viel mehr konnte, als sie vorgab.“

„‘... als sie vorgab‘, das interessiert mich. Sie hatte also ein Leben vor ihrer Magdexistenz! Wissen Sie, welches?“

„Nein, hm, ich konnte Grit, äh, die Tote, wann und wo, beim Säen, beim Ernten, im Stall oder sonst wo nach ihrer Vergangenheit fragen, sie wich mir immer wieder aus. Einmal aber sagte sie mir, sie hätte mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen. Ihre Vergangenheit sei so schräg verlaufen, dass Worte darüber zu vergeuden, sich nicht lohne. Damit war das Thema abgeschlossen, und Grit ließ mich wie angewurzelt stehen.“

„Muss ja amüsant gewesen sein mit ihr.“

„Manchmal zu amüsant. Die tägliche Hofarbeit ist zu allen Jahreszeiten Knochen brechend schwierig, nervend, zeitraubend, aber erforderlich.“

„Und wer könnte anderes im Sinn mit ihr gehabt haben?“

„Da fragen Sie mich was. Ich jedenfalls weiß es nicht.“

„Wenn Sie noch mal zurückdenken, woran erinnert Sie Ihre verstorbene Magd am ehesten.“

„Grit war nicht ‚unsere Magd‘! Sie konnte hier tun und lassen, was sie wollte. Sie hätte auch anderes nicht zugelassen!“

„Also eine recht resolute Frau, die Ihnen auf der Nase herumtanzte, verstehe ich das richtig?“

„So wiederum auch nicht, da wäre ich schon gegen gewesen. Ihre Pflichten in Haus und Hof waren je nach Saison, komme, was wolle, stets zuerst zu erledigen. Auf sie war zu allen Jahreszeiten Verlass - bis eben heute Morgen.“

„Deutsche Tugend, und weiter.“

„Nicht nur.“

„Fällt Ihnen ein Beispiel, eine besondere Begegnung mit ihr ein, Herr Lennartz?“

„Ich hatte mich schon öfters gefragt, was für eine Frau Grit sei. So direkt erinnere ich mich, dass vor vielleicht drei Jahren im Sommer Fremde am Feldrand auftauchten.“

„So was kommt bei Ihnen hier draußen vermutlich öfters vor?“

„Im Sommer häufiger, ja, nur diesmal waren es jüngere Ausländer, die sich wohl verlaufen hatten. Meine Frau und ich staunten nicht schlecht, als Grit vom Trecker heruntersprang und zu diesen Fremden hinrannte. Sie müssen sich vorstellen, ziemliche Hitze und sie in Arbeitskleidung. Wir warteten auf sie beim Trecker, aber Grit rannte einfach weg und ließ uns dumm aussehen. Was an für sich unbegreiflich war, denn als der Vorfall passierte, war sie noch keine Magd, half ja nur und hatte Pflichten, aber niemals das Recht, einfach so vom Feld zu verschwinden und uns stehenzulassen.“

Der Bauer schlug verärgert mit der Faust an die Stallwand, worauf Gänse im Hintergrund losgackerten.

„Regen Sie sich doch nicht noch auf, Herr Lennartz. Was passierte denn damals konkret?“

„Anstatt ans Feld zu fahren, unterhielt sie sich in sichtbarer Entfernung mit den Fremden. Mir platzte damals fast der Kragen! Ziemlich wütend stampfte ich ihr entgegen, von der wartenden Arbeit weg. Die gemischte Gruppe, die einen Kreis um Grit herum gebildet hatte, löste sich sofort auf, als ich kam, wohl, weil sie bemerkt hatten, dass ich nicht sehr erfreut war. Gerade noch hörte ich, wie die Gruppe sich von Grit verabschiedete und Grit erwiderte auch noch etwas. Stellen Sie sich mal vor, von dem, was ich hörte, verstand ich kein einziges Wort.“

„Wie denn das?“

„Grit hatte wohl die ganze Zeit mit diesen Touristen Englisch gesprochen.“

„Wenn Sie doch kein Wort verstanden hatten?“

„Englisch erkennt wohl jeder, schon wegen der britischen Alliierten hier oben. Ich hab’ Grit auch gleich zur Rede gestellt, sie ausgeschimpft, was sie sich vorstelle, von der Arbeit einfach so zu verschwinden und uns stehen zu lassen. Sie grinste nur, hinterließ, bevor sie zurückrannte, dass sie ziemlich junge Briten nach dem Alster-Wanderweg gefragt hätten. Sie hätte es genossen, nach Jahren wieder auf Englisch ein paar Worte wechseln zu können.“

„Woher sie so gut Englisch sprach, wissen Sie selbst heute nicht?“

„Nein, vielleicht weiß Frederike, meine Gattin, mehr. Sie hat Grit ja all die Jahre fast mehr mit ihr als mit mir gesprochen.“

„Ich stehe ja erst am Anfang meiner Ermittlung. Erntehelferin, die sich auf Englisch unterhielt? Mein neuer Fall wirft schon jetzt andere Schatten, als ich auf der Hinfahrt vermutete. Dann werde ich mich mal ins Haus begeben, um mich mit Ihrer Gattin zu unterhalten.“

„Gahn se bidde in de döns. Ick kume liek. Mien Keerl kume jüst de liek.“

Gehen Sie bitte ins Haus. Ich und mein Mann kommen gleich nach

„Wie bitte?“

„Ach, Plattdeutsch! Das war das Einzige, was Grit aus dem Häuschen brachte, dass aber so richtig! Sie ertrug es nicht, wenn in ihrer Gegenwart Plattdeutsch gequasselt wurde. Unser Trick, um Persönliches zu bereden, das Grit nicht mitkriegen sollte. Setzen Sie sich in die geheizte Stube, Inspektor, ich komme gleich nach.

„Dann bis gleich. Ich geh mal wieder ins Haus, um nachzusehen, wie weit meine Leute mit dem Tatort sind.“

„Wenn mein Weib nicht gleichkommt, müssen Sie nach ihr rufen. So richtig verkraften, dass ein paar Meter von unserem Schlafzimmer letzte Nacht ein Mord geschah, wird Frederike, glaube ich, lange nicht.“

„Wer kann das schon, ich geh‘ dann mal.“

I Verstrickungen

Am Ring

Samstagabends, halb zwölf p.m. in einem Vorort von Scranton, Pennsylvania.

Erwartungsvolles Drängen in eine zum Bersten überfüllten Wrestling-Halle. Nervös, aufgeladene Atmosphäre, viele weiße und einige dunkelhäutige Männer und Frauen verteilen sich über die Ränge. Zahlreiche stimulierende Männerstimmen aus den Sitzreihen rund um den grell beleuchteten Ring, dagegen diszipliniertes Warten auf den Tribünenrängen. Gespräche, Zuprosten, Zwistigkeiten unter Platznachbarn, welche spontan abbrachen, kaum, dass der Minutenzeiger die zwölf übertickte. Angespannt harrte jeder und jede auf die Fanfare, die den Gladiatoreneinzug in den Ring begleiten sollte.

Mehrfach gestoßen windete sich eine etwa dreißigjährige strohblond gelockte Frau zunächst an schmalgesichtigen Smokings, dann an einer grölenden Gruppe älterer Soldaten in Uniform vorbei. Von Mal zu Mal nach ihr grapschende Hände abwehrend, Verbalentgleisungen ungeachtet hinter sich lassend, stürmte die adrett aussehende Frau im schicken Übergangsmantel vorwärts, ihrem reservierten Sitzplatz entgegen.

Die überhastet eilende junge Frau war spät dran. Die Fahrt von Boston, wo sie lebte und arbeitete, bis nach Scranton hatte länger gedauert als einkalkuliert, obwohl sie schon am frühen Nachmittag ihre Wohnung verlassen hatte und in ihren ebenso schicken Rover losgefahren war.

Die junge, stürmische Frau hielt inne, orientierte sich einen bewegten Rang aufwärts. Ihr Sitzplatz lag wohl mittendrin in einer von ihren Sitzen erhobenen, anfeuernden Männermenge. Ausgerechnet! Kaum hatte sie sich an den ersten Männerbäuchen vorbeigedrängt, stoppte die Fanfare und schlagartig wurde es in der Halle still.

Die Hallenatmosphäre – pulsierend, zum Bersten gespannt. Die beiden umjubelten Wrestlingattraktionen konnten jeden Moment Einzug halten. Und sie, die vorwärts hetzende Frau? Sie drehte sich voller Spannung zum Ring. Mit einem Mal war ihr Platzstreben vergessen, so kurz vor dem Beginn. Sie nahm verärgert die sich aneinanderreihenden Schulterwände vor sich wahr, ärgerte sich und sprang hoch und höher, versuchte über Schultern hinweg den Blick zum noch leeren Ring zu ergattern. Ergattern schon, aber nicht zu halten. Oh, diese Weiber vor ihr mit ihren turmhohen Hüten!? Ungeduldig wechselte sie mehrmals ihre Position. Bemühte sich, so viel Ringsicht zu ergattern, wie sie nur konnte, getrieben von nur einem Ziel: Melon Jim, ihren Wrestlingboliden, fighten und siegen sehen.

Sie stieß, schubste und wurde geschubst, von der Seite gestoßen und ergatterte immer wieder nur einen Blickfetzen. Gierend nach Blicken, vorbei an hektisch aufspringenden Köpfen, die ihren Kampfenthusiasmus grölend Richtung Ring skandierten, wo inzwischen beide Wrestler sich szenisch umtanzend zum Fight anheizten. Zwischen zwei Rückenschwenks entdeckte sie plötzlich einen noch freien, ausgemacht guten Stehplatz und strebte ihm zu. Denn inmitten einer Reihe von anfeuernden Hosenträgern schien bessere Ringsicht zu sein. Gerade rechtzeitig zum Beginn schaffte sie es, auszukeuchen und einen Stehplatz mit Ringperspektive zu ergattern.

Ein älterer Mann in dunkelblauem Zweireiher und Schlips stieg durch die Seile in den Ring. Er stellte sich in die Mitte und schwenkte jovial herausfordernd sein verkabeltes Mikrofon, wartete sich umsehend und mehrmals sich räuspernd ab.

Wie alle im Saal verfolgte die auch zuvor aufgefallene Frau gespannt, wie Rüschenhemd sein Mikrofon zum Mund führte, hörte, wie sein sonorer Bass aus den Hallenlautsprechern Abendankündigungen herausströmte. Zwei Wrestler tanzten aus gegenüberliegenden Ringecken mit Box-, Schlag- und Ausweichbewegungen zur Ringmitte hin. Übliche Beschimpfungen unter Wrestlern im Ring gingen in Begrüßungsapplaus und Zwischenrufen unter.

Ann Lindemann, so hieß die Frau, erschrak plötzlich, als kräftige Hände sie an ihrer Schulter packten und sie dreist weiterschoben. Fast wäre sie dabei gestürzt. Gerade noch schaffte sie es sich, auf einen vorderen Männerrücken zu stützen, worauf ein verschwitztes Männergesicht sich verärgert zu ihr umblickte. Kaum, dass er erkannte, dass die Störerin eine attraktive Frau war, prostete er ihr mit der Bierflasche zu.

Der Moderator in der Ringmitte kreischte amplitudisch hochvibrierend: „Melon Jim – The Challenger from Pennsylvania!“ Rund um den Ring tanzten inzwischen leicht bekleidete Damen in hohen, weißen Cowboystiefeln und hellblauen Fransenblusen. Auf breiten, bunten Schildern stand jeweils der Namen eines angekündigten Wrestlers, unterlegt von dazu eingespielter Country & Western-Musik: Melon Jim gegen Coup Bill.

Ann Lindemann reckte sich wieder mal in Schulterhöhe des ihr die Ringsicht verstellenden Smokings und rief lautstark anfeuernd: „Melon, Melon!“ Gefangen im Anfeuerungsjubel ‚gib’s ihm, pass auf seine Linke auf‘ klapste ihr von hinten jemand auf die Schulter. Irritiert, mit feurigen Augen drehte sie sich um. Ein Bariton mit Schnauzbart, oder umgekehrt, hatte sich vorgenommen, sie zu beschwichtigen: „Ist doch nur Spaß! Prickelnde Unterhaltung! Erst kriegt‘s der eine, dann der andere! Auf die Linke aufzupassen, bringt gar nichts, Lady!“ Daneben drehte sich ein jüngerer Mann südlichen Teints um, ergänzte ziemlich barsch: „Keine Ahnung, wie! Hören Sie auf, so zu schreien, Miss. Der alte Kerl hat doch sowieso keine Chance!“, und ein Dritter erteilte ihr sich umdrehend folgende Abfuhr: „Maul halten, Lady, Sie erobern gerade die falsche Reihe! Eine Faust von Coup Bill, und Sie können ihren Helden von der Matte aufwischen. Wird eh‘ Zeit, dass ihr Methusalem seine Leviten lesen lernt. Was suchen Sie also noch in unserer Höhenlage? Schweigen Sie besser. Gegen sein Epitaph wehren Sie sich vergebens.“

Schockiert wandte sich Ann Lindemann um, starrte grimmig zu einem Hallenscheinwerfer, dessen Licht bedenklich wackelte, dann aber weiterleuchtete.

Die Ringglocke ertönte, der Fight begann. Fäuste prallten gegeneinander, erste Greifmanöver und Schwingungen Richtung Body. Schmerzerfülltes Brüllen im Ring, stampfend sich abschätzende Wrestlerfleischmassen täuschten einander, wo der initiale Griff anzusetzen sei. Dann, Trennung, Atemholen aus Gift und Galle spuckender Distanz.

Plötzlich, kaum eine Minute bis zur ersten Ringpause: Melon Jim lag im Würgegriff schon auf der Matte, drehte sich um die eigene Achse. Coup Bill drückte Melon Jim mit flacher Hand nieder, mit der anderen setzte er mehrmals an, des Gegners Oberschenkel von unten zu umfassen, was ihm auch nach mehreren Ansätzen gelang. Mit enormer Kraft zog Coup Bill Melon Jim an den beiden Unterschenkeln hoch, regelrecht in den Handstand, dass der Wrestlerkopf knapp über dem Ringboden bedrohlich baumelte. Sobald Coup Bill Melon Jim kerzengrade aufgerichtet hatte, ließ er seinen Gegner gestisch lächelnd wieder los und zu Boden krachen. Kaum lag Melon Jim ausgesteckt auf dem Ringboden, packte Coup Bill beide Beine, zog seinen so überwältigten Gegner triumphierend im Kreis herum. Appellierende Anfeuerungsrufe aus dem Publikum, aber auch betretenes Schweigen. Melon Jim am Boden, aber nicht ganz. Aus niedergerungener Zwangslage heraus schaffte Melon Jim, ein Bein frei zu winden, und mehrmals energisch in Richtung Coup Bill’s Bauch zu treten. Doch auch das nutzte nichts. Coup Bill fasste ein Bein und drückte es kraftvoll nach hinten, dass Melon Jim im Bemühen, aufzustehen, an Höhe zu gewinnen, auf den Rücken zurückfiel und reglos liegen blieb.

Kaum hatte er es geschafft, sich zu erheben, versetzte Coup Bill ihm einige harte Faustschläge gegen die Brust. Melon Jim fiel erneut zurück und blieb ausgestreckt am Boden liegen.

Dem Sieg, so früh, ganz nah. Der vom Ringrichter demonstrativ angezählte Countout zählte die Anti-Melon-Jim-Fraktion in der turbulent erregten Halle ab drei laut mit. Coup Bill, schon in Siegerpose, entfernte sich und boxte unter wild entbrandendem Jubel in die nach allen Ringseiten durchschwirrte stickige Hallenluft.

Trotz ihres nicht gerade günstigen Blickwinkels hielt es sie nicht mehr länger, Melon Jim angeschlagen und angezählt sich am Boden wälzen zu sehen. Schiedsrichter Finch zählte aufwärts, am erhobenen Arm hoch fingernd. Der Gongschlegel schien bereits schlagbereit angesetzt zu sein.

Bei Zahl 6 durchdrang eine Frauenstimme mutig laut schon hektisch aufwühlenden Ringtumult: „Melon, you do succeed! I am on your side. Please, don’t disappoint myself!“

Melon, du hast Erfolg! Ich bin an deiner Seite. Bitte enttäusche mich nicht.

Irritiertes Raunen quirlte durch alle Publikumsreihen. Glühend gespannte Augenpaare verfolgten ringsum, was in den angezählten letzten Sekunden im Ring vor sich ging. Der Ringmoderator setzte schon sein Mikrofon zur Verkündigung des ersten Siegers dieses Abends an. Vollkommen unerwartet, zum Staunen aller richtete sich Melon Jim bei acht auf, hievte sich gelenkig in den herausfordernden Wrestlerschritt, spottete, grinste frech, boxte ein paar Mal in die Ringluft. Coup Bill kam zögerlich von den Seilen zurück, signalisierte mit Handzeichen seinem zur Kampffortsetzung bereiten Gegner so was wie ‚du willst mich bezwingen? Versuch es, wenn du noch nicht genug hast.‘ Ein paarmal in die Luft boxend nahm der Herausgeforderte die Herausforderung an. Ging in Angriffshaltung gebückt auf Melon Jim zu, aber kassierte, sobald Coup Bill in die Ringmitte sich vorgetanzt hatte, einen treffsicher platzierten Tritt in die Magengrube, woraufhin er kopfüber krachend zu Boden ging. Coup Bill wälzte sich zwar vor Schmerzen, stand aber wieder auf und blinzelte arglistig Melon Jim zu.

Wieder erstauntes Raunen in der Halle! Der Wrestlingkampf sollte also weitergehen, war noch nicht ausgestanden. Der tönende Gong beendet die erste Runde.

Melon Jim wrestelte in den nächsten beiden Runden mit leichten Vorteilen für sich. In der vierten Runde presste ein Beugegriff Melon Jims Coup Billys Oberschenkel ziemlich brutal zusammen. Coup Bill humpelte, und ein weißes Handtuch flatterte zugunsten Melon Jims in den Ring.

Pause bis zum nächsten Fight!

Kaum war die Pause angekündigt, zwängte sich Ann Lindemann verschwitzt, freudig erregt in Richtung Ausgang. Ihr Ziel hieß Melon Jims Backroom. Nicht nur, um dem Wrestler zum Sieg zu gratulieren, sondern auch, um ihrem muskulösen Favoriten mit Grips hinter der Stirn Nahe sein zu können. Ein freundlich lächelnder Security-Hüne wird mich schon zu den Backrooms durchwinken.

Vorbei am Wartegedränge vernahm die voraneilende Frau plötzlich ihren Namen aus der passierten Menge. ‚Miss Lindemann‘ wurde ihr vonseiten an einer Tribünenwand lehnender Männer nachgerufen: „Miss Lindemann, was machen Sie denn hier? Ausgerechnet Sie inmitten dieses auf Krawall gepolten Schuppens?“ Verdutzt hielt sie inne, ging neugierig ein paar Schritte rückwärts, um zu erfassen, ob die Männerstimme demjenigen gehörte, den sie spontan assoziiert hatte. Mit erstaunter Miene, die vermitteln sollte, dass Zeit knapp sei, drehte sie sich dem Sprecher zu, schaute stumm aufwärts. Ein schlanker, schon älterer Mann in hellblauem Hemd und altmodischen Hosenträgern, einen Pappbecher in der Hand schwenkend hatte seine Kundin von vor einem Jahr entdeckt.

„Noch nicht unter Fittichen, Miss Lindemann? Ach, wäre ich nur jünger ... Was machen Sie denn hier im hintersten Scranton, und dazu noch spätabends in solch einer verloderten Wrestlinghalle? So was ist doch kein Platz für Sie, oder hab’ ich da was verpasst?“

„Immer noch ganz der Alte, was? Sie sitzen doch sonst in Big Apple hinterm Schreibtisch wie festgeleimt?“

„Festgeleimt? Ja, sicher, warte, dass wer eintritt und sich einen fahrbaren Untersatz leistet. Sonst, nur gestern und heute nicht! Ihre Bissigkeit scheinen Sie ja in dem einen Jahr nicht verloren zu haben, wie? Fährt er wenigstens gut, Miss Lindemann?“

„Auch noch samstagabends dieselben Fragen? Muss man so was in Ihrer Branche eigentlich auswendig lernen?“

„Oh, nein, Miss Lindemann! Dass Sie sich für ausgeschlagene Zähne und Platzwunden interessieren, hatten Sie mir gar nicht erzählt.“

„Ich Ihnen nicht erzählt? Ach, Mister …?“

„Cummings! Wohl unser Schicksal. Unsereinen behält man nicht. Kein Jahr, und schon wird das Blatt mit unserer Telefonnummer aus dem Notizbuch herausgerissen.“

„Oh, so würde ich das nicht sehen. Wenn der Rover schrottreif gefahren sein wird, erinnere ich mich wieder Ihrer, versprochen! Nur, die Zeit, wie fast überall im Leben, drängt.“

„Das waren Sie doch vorhin, nicht? Ganz anders, als ich Sie mir vorgestellt hätte. Ist doch nicht schlimm, wenn mal einer zu Boden geht! Kratzer, blauer Fleck, und weg!“

„So, wie haben Sie sich mich denn vorgestellt?“

„Sie, und dieser muskelbepackte Wrestler? Sie sind doch nicht mit dem Rover die ganze Strecke von Boston bis Scranton runtergefahren?“

„Ach, Mr. Cummings, das passt jetzt gar nicht. Ich muss dringend nach Melon Jim sehen. Wir können ja wieder telefonieren, wenn ich einen Neuen brauche. Vorerst aber bestimmt nicht! Fährt übrigens prima – mein Rover.“

„Natürlich, Miss Lindemann, Marotte von uns, überall und zu jeder Zeit zu akquirieren. Ja, was wollte ich sagen, der Wrestler mit der zerquetschten Melone, Wahnsinn? Sehen Sie nur nach ihm, ha, ha, und grüßen Sie ihn von mir. Wir fänden bestimmt etwas Passendes in seiner Größe! Visitenkarte?“

Als der Automobilverkäufer kurz hinter sich griff, seiner früheren Kundin mit seinem Pappbecher zuprosten wollte, war sie schon in der vorbeiziehenden Menge verschwunden.

„Wer war denn das, Ken?“, fragte, Richtung Ring guckend, ein glatt rasierter Schlipsträger über die Schulter. „Sieht ja hübsch aus, die Miss! Ist die vielleicht noch zu haben?“

„Wer, die Lindemann? Hast wohl nicht zugehört, was? Zum Abschminken, und für uns Schönen zu clever. Für die musst du einen Kurs extra mit Prädikat ablegen! Möchte nur wissen, was so eine in einer Wrestlinghalle unter lauter Schwachköppen und Angebern wie uns beiden zu suchen hat? Im wirklichen Leben verkehrt die mit der Hautevolee.“

„Wall Street?“

„Falsch? Die bei Minusgraden noch Mäuse machen!“

„Militär?“

„Nicht ganz! Nicht Leichen! Mäuse – das aber milliardenfach.“

„Rüstung. Deine kesse Lady ist doch nicht etwa ein Weißkittel, die Puffpaffs und Haumichdraufs zusammenschraubt?“

„Nein, könnte zur bekannten Nylonfraktion gehören, wenn sie nicht anders drauf wäre, als alle, die dir mal begegneten. Dass sie den ganzen Tag nur Kaffee macht und sich einen englischen Sportwagen der Extraklasse leisten kann, brachte ich schon damals in keinen überzeugenden Zusammenhang. Junge Misses, wie sie, ledig, attraktiv, zu viel Selbstbewusstsein und jede Menge Stolz begegnen einem nur, wenn man die erlesensten, superfeinen Karossen verhökert. Ausgelesener Geschmack und äußerst temperamentvoll! Musst mal hören, wenn sie spricht. Du glaubst, sie hätte manche Worte für dich erfunden, so beschlagen kann sie sein.“

„Hm, das kann auch an deiner miserablen Schulbildung liegen.“

„Steuer, Farbe, Lack - alles musste bei der bis aufs i-Tüpfelchen stimmen. Kannst du es ihr nicht besorgen, hast du bei ihr unweigerlich verschissen. Musste mehrmals Abbitte leisten, damit sie mir wieder ihre Aufmerksamkeit schenkte.“

„Ach, hör auf! Aufmerksamkeit? Sitzt an der Quelle, und trotzdem fehlt dir das gewisse Gespür, dir so eine kesse Lady gefügig zu machen, Unfug, sag‘ ich.“

„Wenn ich‘s dir doch sage. Eh du dich versiehst, winkt sie dir zum Abschied an der Officetür. Bis du sie wieder auf der Matte hast, hast du dir die Finger wund gewählt.“

„Was für ‘nen Rover hast du ihr denn verhökert?“

„Was schon? Wer Rover bei uns bestellt, will Außergewöhnliches. Das weißt du, das weiß ich!“

„Angeber! Eine spätpubertäre Miss! Konntest du nicht vom Fließband ihr was aufschwatzen, jedenfalls was Amerikanisches? Ausländische Wirtschaftserzeugnisse auf unseren Straßen brummen zu sehen, ist so demütigend.“

„Nein, Miss Lindemann wollte einen britischen Rover! Nicht irgendeinen, sondern einen ganz Bestimmten, welcher ihr, wie vorgestellt, aus England auch fahrbereit nach Monaten geliefert wurde!“

„Bin ich froh mit meinen Ford-Kunden! Von denen braucht keiner sich was vorzustellen, denn die kommen und gehen wieder genügsam. Fährt doch alles sowieso geschniegelt und gestriegelt vom Fließband.“

„Äußerst seltene Kundenkategorie, fast schon erlesen. Erst recht bei ihrem Alter! Mit Marke und Liste voller sich vorgestellter Details kam sie zu mir ins Büro. Ein Sportwagen sollte es sein. Nur wer kauft sich einen Sportwagen im Winter? Und dass, wenn es draußen schneit, friert, als wollte der Weihnachtsmann Eskimo werden? Einen Rover Jet 1 mit Gasturbinenantrieb! Sie hätte das Ding im Herbsturlaub am Sunset-Boulevard in Los Angeles vorbeifahren sehen, und sich spontan in ihn, wohlgemerkt, in einen Sportwagen, verliebt.“

„Ungewöhnlich bei jungen Misses, dass sie sich Autoschnauzen krallen.“

„Das hat sie wirklich mir erklärt! Neu, nach ihrer Façon – sie könne es sich leisten.“

„Hat sie eben Glück, dass sie nicht in Detroit arbeitet. Dann wäre sie meine Kundin geworden, und ich wäre viel schneller mit ihr fertig gewesen! So ein Ford ist jede Meile wert!“

„Da irrst du dich aber gewaltig, mein Freund. Was die will, setzt sie auch durch, egal wie groß der Widerstand ist. Als sie zuerst in unseren Laden kam, vor meinen Schreibtisch trat und sich vorstellte, dachte ich an Irrweg und Gebrauchtwagenhändler. Eher an was Kleines, leicht zu Steuerndem, ohne Schrammen Einzuparkendes, und so. Als sie mir dann ihren Karossenwunsch in allen Details auseinanderdividierte, war ich so was von den Socken! Was meinst du, wie oft ich bei Rover im englischen Coventry transatlantisch anrufen musste, nur um das eine oder andere Detail mit denen abzustimmen? Allein das Dunkelgrün des Lacks. Wie viele Ferntelefonate es brauchte, bis der anspruchsvollen Dame der Farbton passte? ‚Britisch Racing Green‘, wer weiß denn so was auf Anhieb?“

„Ich, aber wer kann sich das noch leisten – Farbton von Autolack? Sie ist doch gerade mal dreißig und so viel Kröten verdient so eine doch auch noch nicht?“

„Halt, die Lindemann schon! Hast ja gehört, wenn sie will, kreischt sie über alle Köpfe hinweg einen angezählten Wrestlergreis wieder auf die Beine. Als ich über eine ihrer unverzichtbaren Besonderheiten den Kopf schüttelte, drehte sie sich postwendend um, verschwand kurzerhand durch die Ladentür in der vorbeiziehenden Fußgängermenge. Abends, kurz vor Ladenschluss klingelte das Telefon und ihre ausgelassen, heiter klingende Stimme war am Apparat. Sie entschuldigte sich, könne es nicht mehr erwarten, den Rover selber zu lenken, sei eben temperamentvoll, manchmal allerdings auch launisch! Zwei Charakteristika, die für ihren Job zwingend notwendig seien, um ‚nicht unterzugehen‘, wie sie sich damals ausdrückte. Durch die Blume erzählte sie mir dann genauer – wohl aus ... ach, was weiß ich, was für eine Art Job das in der Rüstungsbranche sei. Sie war vor ein paar Monaten zur Sekretariatsleiterin eines angesehenen Rüstungsunternehmens in Boston aufgestiegen, stell dir das mal vor. Von wegen spätpubertär.“

„Sekretariatsleiterin, Mann. So jung, an so was kommen doch sonst nur die mit den orthopädischen Strümpfen. “

„Irrtum, wie du siehst, geht’s auch anders. Wir hatten uns schon verabschiedet, als sie mich fragte, ob ich mich nicht über ihren Namen gewundert hätte.“

„Über ihren Namen gewundert?“

„Ja, sie schreibe sich Lindemann mit Doppel-n, erzählte sie mir ohne Umschweife. Sie hätte sich dagegen entschieden, ihren Nachnamen zu amerikanisieren. Überall würde sie sonst gefragt werden, ob sie Deutsche sei, nur nicht von mir. Weswegen, stellte sie mich gleich zur Rede.“

Einigermaßen verstört fragte ich sie daraufhin, ob sie denn Deutsche sei. Eine Kraut-Lady, und mir den Kopf verdrehen? Nur, weil sich mich darauf aufmerksam machte, natürlich. Über ihren unamerikanischen Nachnamen stutzte ich zwar etwas bei der Vertragsaufsetzung, aber als dann die erste Anzahlung überwiesen wurde, war das Thema restlos gegessen.“

„Deine Miss Lindemann ist wahlberechtigte amerikanische Staatsbürgerin und Tochter deutscher Emigranteneltern, in den USA geboren und aufgewachsen, stimmt‘s?“

„Richtig getippt! Wenn ich mich richtig erinnere, geboren als Tochter deutscher Einwanderer oben in Wisconsin, lebt und verdient in Boston.“

„So was soll vorkommen. Deine finanzkräftige, aber etwas rätselhafte Kundin ist bestimmt nicht die Einzige, die im Land unbegrenzter Möglichkeiten an der deutschen Schreibweise ihres Nachnamens hängen bleibt. Möchte nicht wissen, wie viel Schmidt, Schmitz, Schmied und Schimmelpfennig zwischen New Hampshire und Kalifornien in den Adressbüchern stehen. Wieso hatte sie dich überhaupt danach gefragt? Sie hat doch schon ihren Spitzenjob.“

„Weiß nicht, sie hatte es erwähnt, als hadere sie noch mit ihrer Anerkennung.“

„Anerkennung, was ist denn das für eine? Legt sich automobilen Luxus zu, mit dem sie auf jedem Boulevard, auf jedem Highway ins Auge sticht, aber sorgt sich um ihren deutsch klingenden Nachnamen? Du hattest doch bestimmt abgewiegelt und ihr zu verstehen gegeben, dass sie in den USA heißen könne, wie sie wolle, wenn sie nur den Zaster pünktlich hinblättere.“

„Nein, in dem Moment, so kurz vor Ladenschluss und die plötzliche Trübung ihrer Stimme. Sie tat mir leid.“

„Oh, Mitleid, vielleicht auch bei den Platzwunden der nächsten Fights? Ihr ist es egal, an wen du weiterverkloppst. Macht ganz schön was her, wie sie durch die Halle flitzt.“

„Vielleicht hatte sie sich vorher mit ihrem Bruder gestritten, ach, was weiß ich?“

„Mit ihrem Bruder, willst du mir hier und jetzt ihre Familiengeschichte entwickeln? Von einer Kundin aus dem letzten Jahr? Wieso sollte sich denn ausgerechnet ihr Bruder am Nachnamen seiner Schwester stoßen? Der muss ihn als Produkt seines Erzeugers doch erst recht tragen, oder? Lindemann, der Männliche.“

„Nein, Lindemann heißt der Bruder nicht. Lindy – er hat den Nachnamen aus Karrieregründen amerikanisiert.“

„Lindy, glaub‘, dem hab‘ ich schon mal gehört, nur in anderer Beziehung, aber in welcher?“

„Genau, ihr Bruder hatte mir nach Wochen nämlich Dampf gemacht, mich mit Rover direkt in Verbindung zu setzen! Bei Farbunstimmigkeiten der Bezüge, und später, als sich die Lieferung verzögerte.“

„Ihr Bruder rief dich an? Die beiden hatten ihre Familienbande ziemlich weit für ‘nen Autokauf gespannt, findest du nicht? Ich jedenfalls mag so was nicht, wenn sich jemand Drittes ins Geschäft einmischt.“

„Anfangs wusste ich gar nicht, wer da in der Leitung war und worum es sich überhaupt handelte. Bis der Anrufer mir erklärte, er sei Dr. Lindy, der ältere Bruder von Miss Lindemann. Er wollte sich selbst mal melden und sicherstellen, dass der Rover sich nur leicht verzögere, unbedingt aber mit allen gewünschten Detailoptionen seiner Schwester von der Rampe liefe.“

„Hä, das klingt nach Staatsakt für die Kleine.“ Cummings sah nervös zum Ring.

„Gleich geht’s weiter. Komm‘, lass uns diesmal bis ganz nach vorne durchquetschen.“

Vor der Rangtreppe blieb der Freund plötzlich stehen, drehte sich zu Cummings um, blickte ihn entgeistert an und sprach erstaunt vor sich hin:

„Lindy, der Lindy? Ist das nicht der mit der Panzerabwehrwaffe, die dreiviertel der Nazilandser plattmachte?“

„Yeah, genau das ist er! Hat seine Schwester mir bei einem Besuch erzählt, welche Persönlichkeit ihr Bruder nach wie vor ist. Auch in Zeiten niederer Temperaturen eine ziemliche große Nummer als Rüstungsingenieur mit Sitz im gleichen Bostoner Rüstungsunternehmen wie Sie – natürlich höchste Ebene.“

„Moment mal – seine Schwester tanzte aus Boston an, du schiebst deine Stunden aber in Brooklyn?“

„Na und, als ob Entfernungen für moderne Menschen einen Unterschied ausmachen. Sie arbeitet im selben Gebäude wie ihr älterer Bruder, nur ein Stockwerk tiefer! Bibbern zurzeit ja alle vor Kälte im Rüstungssektor, deshalb assistierte der Bruder wohl seiner jüngeren Schwester beim Verhandeln mit unserer schmuddeligen Branche.“

„Na, ich könnte mir auch Schöneres denken. An uns vorbei rennen einige zu ihren Sitzplätzen. Der Gong zur zweiten Runde ertönt gleich, komm, lass uns beeilen.“

„Genug gequatscht! Dass aus der Menge auftauchende Ex-Kundinnen so viel Zeit beanspruchen? Ein zerknirschter Wrestlingfan, dem ich noch einen Deal andrehen könnte, wäre mir heute Nacht lieber. Lindy, nicht zu fassen!“

Fall in rätselhafter Absicht

„Das passt nicht“, durchschnitt CIA-Agent Edwin Hawknights texanischer Akzent kopfschüttelnd spätabendliche Bürodüsternis.

„Was passt dir denn nicht, Lieutnant“, fragte abwartend die kräftige Stimme von Kollege Gaspard Engelheim aus dem von einer Schreibtischlampe schwach beleuchteten Bürohalbdunkel heraus.

„Kannst du nicht endlich mit diesen verflixten Militärrängen aufhören, Gass. Passen nicht mehr in unsere Zeit. Statt Feuer zu speien, ist frieren angesagt.“

„Noch bibberst du nicht und intern können wir verdiente Epauletten ruhig zeigen. Übrigens sitzt Eisenhower seit zwei Monaten im Weißen Haus und kommt aus derselben Gegend wie du. Als Republikaner mag Ike bestimmt noch Militärränge. Wenn du, natürlich in Ehren, entlassen wirst, stehen doch alle stramm, garantiert.“

„Das dauert noch frühestens zwölf Jahre, Gass, und was bis dahin …“

„… leiden wir bestimmt nicht an Arbeitsmangel, egal, ob ein Konföderierter oder Unionist den Präsidentenstuhl im Weißen Haus besetzt.“

„Ja, und, Epauletten mag keiner mehr sehen, passen auch nicht so gut zum Ausspähen von Wollpelzen und Grizzlymützen. Im Kalten Krieg pirschen sich Wodkasäufer und Borschlöffler viel heimtückischer an uns heran, und wir müssen ebenso heimtückisch vorgehen. Militärische Ränge sind höchstens noch was fürs Erinnerungsalbum.“

„Welches du nicht hast.“

„Klingt nicht gerade, als könnte der Abend ausgelassen bei Billard und Whisky enden, Captain.“

Engelheim knipste seine Schreibtischlampe heller. Hawknight, unvermittelt seine Augen abschirmend, bemerkte, dass Engelheim sich auf seinem Bürostuhl aufgerichtet hatte und ihn scharf ansah.

Einen Stuhl seitlich heranziehend und sich seitlich an den Schreibtisch setzend, sagte Hawknight ganz bei der Sache: „Uns fallen zwar im Handdrehen etliche Kerle ein, die wir mal unter die Lupe nehmen sollten. Ich aber wüsste einen, der aus dem Rahmen fällt. Einen, auf den du nie kommst, wenn ich es dir nicht verrate.“

„Was du nicht sagst, in den USA etwa?“

„Natürlich, die Spur köchelt und wir müssten ihn unmittelbar kontaktieren. Vertuschung in Verzug, verstehst du.“

„Wie, am FBI vorbeilavieren?“

„Nun ja, das wäre nicht das erste Mal. Die Spur könnte ein Fass zu denen aufmachen und uns Arbeit abnehmen.“

„Ich weiß nicht, Ed? Irgendwer vom FBI pisst uns so sicher wie das Amen in der Kirche ans Bein, wenn wir in amerikanischen Gewässern fischen. Vergiss nicht, da gibt es ein Gesetz, das der CIA verbietet, innerhalb des Territoriums der USA zu agieren.“

„Was soll das FBI schon aus Sam oder Georg herausquetschen? Werden höchstens abgeführt, abgeurteilt, Hauptsache dingfest und die Bande gefährdet nicht mehr die Staatssicherheit. Nur stumm nutzen uns links fantasierende Staatsfeinde nichts, Gass.“

„Du hast doch wen Bestimmtes im Auge, Ed, nicht? Spuck es endlich aus, oder willst du mich so spät noch scharfmachen?“

Hawknight schnaubte und setzte mit einer rhetorischen Frage fort:

„Wenn ich nur wüsste, was der Grund war?“

„Grund, wofür, Ed?“

„Sagen wir mal so, das FBI scheint seiner Lieblingsbeschäftigung abtrünnig zu werden.“

„Lieblingsbeschäftigung abtrünnig zu werden, lass mal raten? Rote Jungs hopsnehmen und vor dem HUAC erst mal zerreißen lassen?“

„Oder von McCarthy mit seinem Extra-Ausschuss. Leider keines von beiden, denn diesmal scheint er anders zu laufen. Hochmerkwürdig fürs FBI-Verhalten uns gegenüber.“

„Wie, nicht länger Kleinkrieg, das wäre mal was Neues.“

„Irgendeine Strategie wird schon dahinterstehen, weiß nur nicht welche, denn überraschend plötzlich scheint das FBI seinen eigenen Makel nicht mehr zu mögen?“

„Komm schon, Ed, was ist los? Fabulierst schon lange nach Dienstschluss so vieldeutig Unwahrscheinliches. Du hast doch was Konkretes in der Hinterhand?“

„Ganz recht, einen inoffiziellen Tipp von meinem FBI-Bekannten.“

„Hä?“

„Du weißt schon, dieser große Schlanke, dem die Frauen nachjagen, kaum dass er die Schwelle von Kasino oder Bar überschritten hat.“

„Du triffst dich noch immer mit ihm, Ed? Wollte er an was schnüffeln, an dem du gerade dran bist? Ich hoffe für dich, Ed, dass euch niemand zusammen gesehen hat.“

„Ja, ja, wenn Hoover mit uns verkabelt wäre, wäre das sein größter Triumph.“

„Den Pokal kann er sich von mir aus schon mal ins Dienstzimmer stellen, aber auf den Spirit kann er lange warten. Nein, anders als du denkst, Gass. Letzten Samstagabend war ich in New York, mein FBI-Kumpel und ich treffen uns dann, wenn’s die Gelegenheit zulässt, in einer Bar zum Schwatzen und Zuprosten.“

„Warum warst du denn in New York, wenn ich fragen darf, Ed?“

„Ach, nur so, sieh’s als Wochenendvergnügen eines einsamen Firmenangehörigen.“

„Weil du deiner Zeit nicht mächtig warst, triffst du deinen FBI-Kumpel spätabends, und sämtliche Disharmonien nivellieren sich auf einmal.“

„So ähnlich, er kam verspätet, nachdem seine Brut einen Kommunistentreff in Manhattan aufgemischt hatten …“

„Willst du mir ‘nen Bären aufbinden, Kommunistenplausch in Manhattan?“

„Jedenfalls nicht in Nähe der Wall Street! Soweit wagten sich Kommis nicht vor, wenn dich das in den Sitz zurückbringt. Es war schon nach zwölf, als er sich zu mir an den Tisch setzte, und dazu noch ziemlich nervös. Wir erzählten irgendwas, fast ‘ne Stunde, als er mitten im Talk und ohne Ankündigung seine Razzialiste vom Abend aus der Jackentasche zog, sie entfaltete und das handbeschriebene Blatt mit aufgelisteten Namen vor mir auf den Tisch ausbreitete. Mein Kumpel nickte nur und forderte mich so auf, zu lesen. Kannst du dir vorstellen, Gass, wie perplex ich war. Das FBI zeigt mir eine frische Razzialiste, das ist, wie …“

„Ein Treffen zwischen Hoover und unserem Dulles? Du hast hoffentlich nicht dankend abgelehnt.“

„Bist du aufmerksam, kannst du dir gratulieren, wenn nicht, dein verflixtes Pech! Wunderte mich auch, diese überraschende Offenherzigkeit, stank trotzdem irgendwie hintertrieben, rätselhaft, aber wer schaut schon einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Also ließ ich meinen Blick über das gleiten, was in dem Papier aufgelistet war.“