Die Axt der Amazonen - Wolfgang Licht - E-Book

Die Axt der Amazonen E-Book

Wolfgang Licht

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Beschreibung

Penthesilea ist ein Drama von Heinrich von Kleist aus dem Jahre 1808. In ihm thematisiert er den Konflikt zwischen einem stark fühlenden Individuum und einer gesellschaftlichen Ordnung, die dessen natürlichem Empfinden in unnatürlicher Weise entgegensteht. So lesen wir im Internet-Lexikon Wikipedia über dieses Theaterstück. Penthesilea ist die Königin der Amazonen. Dieses Volk, das aufgrund seiner grausamen Vorgeschichte keine Männer unter sich duldet, erhält sich durch einen ungewöhnlichen Brauch am Leben: Der Gott Mars wählt für die Amazonen ein Volk, aus dem diese sich im Kampf Männer erobern sollen, die sie zur Zeugung neuer Kriegerinnen mit sich nehmen. Nach vollzogenem Zeugungsakt werden die Männer wieder in die Freiheit entlassen. Der aus dieser Verbindung entstehende männliche Nachwuchs wird getötet. Nur die Mädchen bleiben am Leben und werden zu neuen Kriegerinnen ausgebildet. Aber soll das ewig so bleiben? Zoe, eine ebenso leidenschaftliche wie erfolgreiche Schauspielerin, die am Stadttheater von L. engagiert ist, soll die Rolle der Amazonen-Königin Penthesilea spielen. Das jedenfalls ist der Plan des Regisseurs: Etwa eine Woche nach dem Osterfest erhält Zoe, aufs Höchste überrascht, einen Brief von Vincent. Vincent, ein ehemaliger Studienkollege, den sie geliebt, und der sich, eines Missverständnisses wegen, von ihr abgewendet hatte. Er teilt ihr mit, der Intendant ihres Theaters habe ihm angetragen, Kleists Penthesilea am hiesigen Schauspielhaus zu inszenieren. Er wünsche sich nun sehr, dass Zoe die Hauptrolle in diesem Stück übernehme, und er erlaube sich auch sogleich, sie am dreiundzwanzigsten April aufzusuchen, um mit ihr über diese Angelegenheit zu sprechen. Nach einigem Zögern übernimmt die Schauspielerin, die nach der Trennung von ihrem Mann Erno allein mit ihrem kleinen Sohn lebt, diese schwierige Rolle und steigert sich während der voranschreitenden Proben mehr und mehr in die Vorstellung, Penthesilea nicht nur zu spielen, sondern selbst Penthesilea zu sein. In Zoe geht ein seltsamer Prozess vor sich. Sie empfindet die Entscheidung, die jetzt hier auf der Bühne fällt, wie eine Entscheidung in ihrem Leben; der Sturz der Penthesilea aus ihrer Imagination könnte auch Zoes eigener sein, ihr Geschick mit Erno betreffend; sie erkennt und spielt, fühlt spielend die Kraft der Penthesilea, ihrem Geschick zu widerstehen. Bald kann die Schauspielerin Spiel und Wirklichkeit nicht mehr voneinander unterscheiden. Eine Katastrophe bahnt sich an.

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Impressum

Wolfgang Licht

Die Axt der Amazonen

Eine Penthesilea-Modifikation in Prosa

Roman

ISBN 978-3-86394-039-3 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1995 bei HAAG + HERCHEN Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2013 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Teil 1

1. Kapitel

Am Karfreitag betritt die Schauspielerin Zoe, von einer Abendvorstellung im Städtischen Theater kommend, ihre Wohnung in der Westvorstadt.

Ihr ist heiß. Sie öffnet ein Fenster im Wohnzimmer, beugt sich weit hinaus, doch die Nachtluft erquickt sie nicht. Sie schließt das Fenster, geht ins Bad, bemüht, die Stelle in der Diele zu umgehen, an der der Fußboden unter ihren Schritten einen knarrenden Laut gibt, von dem Olaf, ihr Kind, in seinem Zimmer, dessen Tür stets offen steht, aufwachen könnte.

Im Bad dreht sie den Wasserhahn auf, bildet aus beiden Handtellern eine Mulde, in die sie ihr Gesicht presst. Das treibt sie, bis sich ihre Haut kühl anfühlt und der Druck in ihrem Kopf nachlässt.

Sie betritt das schmale Zimmer ihres Sohnes, Ein Lichtstreifen aus der Diele liegt über dem Kinderbett. Sie betrachtet die Umrisse der kleinen, gekrümmt liegenden Gestalt, die sich unter der Zudecke abbildet, die im Schlafe sanften Züge, die wie kleine Fächer aufgebogenen Wimpern über den geschlossenen Augen. Sie atmet seinen Duft, unterdrückt das plötzlich aufschießende Verlangen, das Kind anzufassen. In ihrem Schlafzimmer zieht sie sich um zur Nacht. Doch sie ist noch nicht müde. Eine Weile verharrt sie vor Ernos Bett, das, neben dem ihren stehend, mit einer blauen Seidendecke überzogen ist. Es ist ihr in diesem Augenblick, als berge dieses Bett die Erinnerung an Erno in solch starkem Maße, dass sie die kräftige, untersetzte Gestalt ihres Mannes vor sich zu sehen meint: erdbraune Augen im rötlichen Gesicht, seine ihm wohl unbewusste Bewegung, mit der er eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen versucht.

Vor einem Jahr, auf den Tag genau, war er nach einer heftigen Auseinandersetzung aus diesem Zimmer gegangen.

Seitdem hatten sie sich nicht wieder gesehen. Sie setzt sich auf einen Armstuhl neben dem Fenster und überlässt sich der Erinnerung an Erno.

2. Kapitel

Damals, es scheint ihr jetzt wie in einem früheren Leben, hat sie an vielen Abenden vor dem Einschlafen noch in ihrem jeweiligen Rollenbuch gelesen, wobei sie, die Arme über der Bettdecke, Gesten andeutete, einen Satz, eine Sentenz vor sich hinsagte und gelegentlich sogar einen Ausruf tat, wenn sie die Szene fortriss.

Erno hatte ihr vornächtliches Benehmen erduldet, ertragen; es ihrer beruflichen Begeisterung zugutegehalten, darin eine der Eigenheiten gesehen, die man einer Künstlerin nachsehen müsste.

Einmal sprach sie Verse des Heilbronner Käthchens an ihren Geliebten. Vor dem Schlafzimmerfenster hing ein orangefarbener Mond über den Parkbäumen. Ein Vogel, wahrscheinlich eine Amsel, sang ein sehnsüchtig schwermütiges Lied, das, gedämpft durch die geschlossenen Fenster, ihre Worte nicht störte. Sie sprach von ihrer, vielmehr Käthchens, beseligenden Liebe, die voller Selbstaufgabe war. Erno lag so, dass er Zoe den Rücken zuwandte. Plötzlich begannen sich seine Schultern im Rhythmus heftiger werdender Atmung zu bewegen, und es kann sein, dass Zoe, das Käthchen spielend, in einem seltsamen Identifikationsvorgang begriffen, die Wirkung ihres Spiels, ihrer Worte an Erno erproben wollte.

Sie hatte einer Zäsur im Text wegen eine Pause eingelegt, in der der geliebte Graf vom Strahl eine ernüchternde, Käthchen demütigende Bemerkung zu machen hatte. In diesem Augenblick drehte sich Erno ungestüm zu ihr herum, ergriff ihre auf der Bettdecke umherfahrenden Hände, presste und küsste sie. Beugte dann sein Gesicht über ihres, nahe, als versuche er im Schimmer des Mondes ihre Züge zu erkennen: Dass du das gesagt hast! Seine Stimme war unfest, er stammelte vor Erregung. Er hatte ihre Hand losgelassen, sich auf einen Ellenbogen gestützt; strich dann mit der anderen Hand über ihre Schläfe, den Hals, rückte näher, begann sie zu küssen, auf die Stirn, das Gesicht, die Brüste. Und obwohl sie, noch im Bann ihres Spiels, ihn und sich selbst, die Frau Zoe, beobachtete, zog Leidenschaft sie wie in einen Sog, der sie endlich ihres Augenblicksbewusstseins beraubte; ihr einen langen hohen Laut auspresste.

Erno war von ihr geglitten. Sein Gesicht an ihren Leib geschmiegt. Der Mond schien jetzt so hell, dass die Baumkronen draußen im Park Schatten an die Zimmerwände warfen, über ihre Körper, das Laken.

3. Kapitel

In acht Tagen war die Premiere des Stückes. Erno würde diese Aufführung nicht versäumen. Nicht einmal war er einer Erstaufführung, in der Zoe auftrat, ferngeblieben. Und diese Verse, ihr Wortlaut, aber mehr noch Zoes Spiel, ihre Bühnenhingabe an den Partner, würden Erno an ihre Liebe in jener Nacht erinnern. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm jetzt, an diesem Nachmittag, die Sache zu offenbaren, sich ihm anzuvertrauen.

Sie saßen in den Sesseln vor dem Fenster, das im Gegensatz zu denen des Schlafzimmers auf eine verkehrsreiche Straße hinausging, deren Lärm sie nur dadurch auf ein erträgliches Maß dämpfen konnten, indem sie trotz herrschender Schwüle und der verbrauchten Luft im Zimmer das Fenster verschlossen hielten. Zwischen ihnen stand ein Tisch, auf dem Ernos Zeitschriften Platz hatten, Zoes Rollenbuch und ihre beiden Kaffeetassen. An der dem Fenster gegenüberliegenden Wand hing Ernos umfängliche Sammlung von Hieb-, Stich- und Stoßwaffen aus den früheren Epochen der Wehrgeschichte. Da gab es Streitäxte, Morgensterne, Hellebarden, Schwerter und Krummsäbel. Man konnte die Entwicklung des Dolches vom Faustkeil über den Stein- und Knochendolch, den Feuersteindolch, zum Kupfer- und Bronzedolch der Metallzeit verfolgen. Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Äxte, worunter sich als besondere Kostbarkeit die Nachbildung einer sogenannten Amazonenaxt befand. Zoes Blick konnte sich in diesem Moment von den durch die schräg stehende Nachmittagssonne zum Funkeln und Gleißen gebrachten Waffen nicht lösen. Ihr war, als fände sie in der Art, wie sie aufgehängt waren und der im Grunde unerklärlichen Tatsache, dass Erno, der ein pazifistischer Charakter war, sie sammelte, einen Fingerzeig, wie sie ihre Sache am besten beginnen könnte.

Da nahm sie aus den Augenwinkeln wahr, dass Erno sie anschaute. Wann ist es soweit, fragte er plötzlich, und Zoe erschrak, als hätte er ihre Gedanken verfolgen können. Sie wusste auch sofort, dass er die Premiere meinte. In einer Woche, sagte sie. Übrigens, du hast schon Verse aus dem Stück gehört. Verse, sagte er, wann denn? Zoe beugte sich vor, griff nach seiner Hand, mit der er ein Buch hielt. - Gestern. Er sah verdutzt zu ihr. Sie stand auf, trat hinter seinen Stuhl und zog Ernos Kopf an ihren Leib. Sie wiederholte: gestern, gestern Abend, im Schlafzimmer, als wir bevor wir ... uns liebten, sagte sie sehr leise.

Er beugte sich nach vorn über den Tisch, um von ihr loszukommen, drehte sich dann um und starrte sie an: Du hast deklamiert, rief er, offenbar absichtlich dieses Wort gebrauchend, um sie herabzusetzen. Das ... das, was du mir gesagt hast, war Theater? Diese ... Worte, eingelernt? Die Art, wie du mich angesehen hast, der Ton deiner Stimme, Schauspielerei? Ihm schien Speichel den Mund zu füllen. Er umschloss die Flüssigkeit mit Lippen und Wangen, schob sie umher wie einen Brocken, der ihm, dem Manne Erno, zum Bolus werden könnte, an dem er erstickte, bis er ihn zerbeißend, zerdrückend hinunterschluckte mit einem hörbaren Geräusch.

Ich fand sie schön, diese Verse, sagte sie. Ich habe dich nicht täuschen wollen.

Er war aufgestanden, brüsk; hatte eine Bewegung mit der Hand gemacht, als wolle er die Luft zerteilen; kam dann zurück, um seine Papiere vom Tisch zu nehmen. Willst du deinen Kaffee nicht austrinken? fragte Zoe, damit er sich beruhige. Plötzlich vernahm sie das polternde Rattern der Tatrabahn vor ihrem Hause, als höre sie es zum ersten Mal; die Vibration der Gleiskörper setzte sich durch Straße und Haus bis in ihr Zimmer fort. Erno nahm wie unter einem Zwang seine Kaffeetasse auf, sah hinein, schüttelte den Kopf, wobei unklar blieb, ob er Zoes Frage verneinte oder ob ihm der Vorfall unbegreiflich blieb.

Früher, sagte er plötzlich, empfand ich dein Spiel wie eine zweite, neue Wirklichkeit. Ich habe mich an deiner Kunst freuen können, die, wie ich glaubte, unsere persönlichen Gefühle nicht berührte. Aber das ist anders geworden. Wenn ich dich heute üben sehe, dich reden höre, weiß ich nicht, ob du als meine Frau sprichst oder als irgendeine Judith oder Magdalena. Ich kann bei dir Spiel und Wirklichkeit kaum noch unterscheiden; nicht einmal dann, wenn es um Ernsthaftes geht. Denke ich, du redest mit mir, übst du eine Rolle, und glaube ich, du probst einen Text, sprichst du mit mir.

Es war gestern Abend, dachte Zoe, nur ein äußerliches Missverständnis. Ich hätte eigene Worte finden können, sie wären mir zugefallen. Und sie sagte zu Erno: Das sagst du so, aber dann, später, konntest du spüren, was ich fühlte.

Ja, sagte er bitter, gestern dachte ich es, aber heute weiß ich nicht, ob nicht auch das gespielt war. Schließlich gebrauchst du auf der Bühne nicht bloß Worte. Das war boshaft, und Erno wusste es. - Wenn du deinen Empfindungen selbst nicht mehr traust, kann ich dir nicht helfen. Das sagte sie nun auch kühl, und so war das Gespräch auf ungute Weise zu Ende gegangen.

Zoe blickt in die Dunkelheit hinter dem Fenster. Sie atmet tief auf. Heute glaubt sie zu wissen, was damals in Erno vorging. Er konnte sich nicht verzeihen, auf ihre von ihm sogenannten Theatergefühle mit einem Ausbruch wirklicher Leidenschaft reagiert zu haben. In jenen Tagen, wo er vielleicht gehofft hatte, Spannungen, die seiner geschiedenen Frau wegen schon längere Zeit bestanden, auflösen zu können,

Erno war gegangen. Sein Vortrag im »Haus der Technik« begann erst in ein paar Stunden. Zoe hatte das Fenster geöffnet, Verkehrslärm überflutete sie. Die brandenden Geräusche erschienen ihr wie Äußerungen des Lebens. Fließendes, treibendes Leben, jung, daherstürmend. In immer neuen Anfängen begriffen. Zu diesem Zeitpunkt ging ihre Ehe mit Erno ins vierte Jahr.

4. Kapitel

Erno war ihr zum ersten Mal während einer Publikumsdiskussion nach der Premiere von Frischs »Brandstifter« im Städtischen Schauspielhaus begegnet. Das Stück war damals umstritten. Der Disput fand im Theatersaal statt. Wie üblich dauerte es, bis einer der Zuschauer den Anfang machte. Er redete davon, dass der Chor nicht synchron gewesen sei, einer von Zoes Kollegen erwiderte, das sei bei Schauspielern schwer zu machen und auch gar nicht nötig. Ein zweiter Zuschauer warf nun ein, dass er diesen Mangel nicht begreife. Sogar Laienchöre verstünden es, zeitgleich zu sprechen. Die Diskussion drohte an der Frage des Choreinsatzes zu ersticken. Da erhob sich ein Mann von seinem Sitz. Er war etwa Mitte Dreißig, in einen dunkelblauen Anzug gekleidet. Hatte schwarze, glatte Haare, eine eckige Stirn; sein Gesicht war blass, die Ohren gerötet. Er sagte, ohne auf den Chor einzugehen, ihm läge daran, zu erklären, dass ihm das Stück gefallen habe. Und, fügte er hinzu, er wolle, ohne die Arbeit der übrigen Schauspieler gering zu achten, besonders der Darstellerin der Babett für ihre Leistung danken, einer Künstlerin, deren Spiel er immer wieder bewundere.

Eine flüchtige Röte hatte das Gesicht des Mannes überzogen, der sich danach abrupt setzte, als wolle er sich aller auf ihn gerichteten Blicke entziehen. Seine Haltung während des Redens war aufrecht. Bei den letzten Worten lediglich hatte er den Kopf ein wenig gesenkt und gewissermaßen gegen den Bühnenboden gesprochen. Zoe hatte einen angenehmen Eindruck behalten.

Bei einer weiteren Aufführung des Stückes sah Zoe jenen Mann abermals unter den Zuschauern sitzen. Anfangs hatte sie nur die tiefblaue Farbe eines Anzugs, die infolge des einfallenden Bühnenlichts aufstrahlte, flüchtig wahrgenommen, die Erscheinung während des Spiels wieder vergessen, und erst dann durchfuhr es sie wie ein leichtes Erschrecken, als sie am Spielende, allein vor dem Vorhang stehend, einen applaudierenden Mann gewahrte, der mit strahlendem Gesicht zu ihr heraufsah und mehrmals Bravo rief. Da erkannte sie ihn wieder. Diesmal sah sie ihn im vollen Licht, sodass sie sich unwillkürlich in seine Richtung verneigte.

Das nächste Mal traf sie ihn im Klubraum des Theaters in einer Probenpause. In dieser Umgebung, in der ihr alle Dinge, sogar die Beleuchtung vertraut waren, die stets ein Mischlicht war aus Tagesschein, der durch die Fenster drang, und dem Licht der Wandlampen, erkannte sie den Mann, der einen grauen Anzug trug und ein farbiges Hemd, nicht gleich. Und erst, nachdem er sein Kommen erklärte: Er sei hier als Beauftragter des Kulturbundes und bitte sie, eine Lesung im Kreis der Theaterfreunde zu übernehmen, wurde ihr bewusst, dass sie den hartnäckigen Theaterbesucher der letzten Zeit vor sich hatte.

Der vereinbarte Abend war gekommen. Zoe sollte aus Heines »Deutschland, ein Wintermärchen« lesen. Sie liebte Heine, wenn auch mit Vorbehalten. Deutschland! Was fasste dieser Begriff 1842 und wieder heute. Der Dichter beklagte seine betrogenen Hoffnungen von einem einigen, gerechten Lande. So las sie seinen Kummer mit, seine Anklage und seine Hilflosigkeit, die sich hinter romantischer Ironie verbarg.

Der Beifall der Zuschauer war herzlich. Eine Frau war aufgestanden und hatte Zoe im Namen des Arbeitskreises gedankt. Im nachfolgenden Gespräch stellte sich Zoe den Fragen der Zuschauer, und Erno nutzte die Gelegenheit, Genaueres aus ihrem persönlichen Leben zu erfragen.

Eines, gnädige Frau, sagte er, könnten Sie uns verraten, was sagt Ihre Familie zu Ihrer Arbeit, die Sie die Abende kostet, die Feiertage. - Ich bin nicht verheiratet, sagte Zoe.

Wenige Tage später erhielt sie einen Brief von ihm, in dem er sie zu einem Besuch der Hahnschen Konditorei einlud. Sie fand es schön, in dem voll besetzten Kaffee, in dem dennoch jeden Tisch eine Sphäre von Intimität umgab, mit Erno zu plaudern. In sein Gesicht zu blicken, das ihr gefiel, und verstohlen auf seine Hände, deren schmale Finger nicht recht zu seiner untersetzten Statur zu passen schienen.

Zoe erfuhr, dass er Bergbau-Ingenieur war. Die Berichte aus seiner Arbeitswelt kamen ihr vor wie Schilderungen vom wahren Leben; Leute meinesgleichen, sagte sie, führen dagegen eine doppelte Existenz. Sie leben in der sogenannten Realität wie in den Szenen ihrer Fantasie.

Sie wiederholten ihre Besuche in der Konditorei. Nun war Zoe es, die, von ihm gedrängt, von ihrem Beruf sprach. Da gäbe es vieles, sagte er, sich ein wenig vorbeugend, was er genau wissen möchte. Und Zoe folgte seiner Aufforderung gern. Sie erklärte den Aufbau einer Figur, redete von den psychologischen Aspekten einer Rolle, die sehr verschieden aufgefasst werden könnte; sie rief es sich ereifernd, worauf er sie lächelnd ansah. Ich weiß, sagte sie, ich sollte maßvoller sein; aber da widersprach er: Ihre Leidenschaftlichkeit ... Er berührte ihre Finger: Wie Sie sich jedes Mal ganz geben, in Ihrem Spiel, das gefällt mir. In jeder neuen Rolle dann sind Sie mir wieder fremd, ein anderer Mensch und dennoch Sie selbst, gewissermaßen durchscheinend unter der Haut der anderen.

Eines frühen Abends lehnten sie an dem kunstgeschmiedeten Geländer der Kaffee-Terrasse, von wo aus sie einen freien Blick hin über die vor ihnen liegende Garten- und Parklandschaft hatten. Da zog Erno sie an sich, und sein Kuss, der weich war, voll, machte sie atemlos.

5. Kapitel

An einem Sonnabend im April kam Erno, wie verabredet, in ihre Wohnung, um Zoe zum Mittagessen im Brambacher Hof abzuholen. Er saß auf einem ihrer Polsterstühle und wartete, bis sie zum Ausgehen fertig war.

Während sie sich vor dem Spiegel den Hut rückte, bemerkte sie Ernos auf ihr Schlafzimmer gerichteten Blick. Sie wollte die Tür schließen, unterließ es jedoch, aus Sorge, Erno zu verletzen. So erklärte sie, dass ihre Wohnung durch die offenstehende Tür gewissermaßen Fenster nach zwei Himmelsrichtungen habe und das Tageslicht morgens und abends in beide Räume gelangen könne. Erno nickte zu allem nur stumm. Das Glitzern aber aus seinen Augen schwand nicht. So, sagte sie, es ist Zeit zu gehen, und, als er schwieg, noch einmal: Wir können gehen.

Da fasste er sie an den Händen, sagte: Lass uns hierbleiben, und: Bitte. Ihr Gesicht glühte. Er zog ihr die Kostümjacke aus, den Rockbund bekam er nicht auf. Sie tat es selbst, stieg aus dem Rock, ließ ihn zu Boden fallen. Er schob und zog sie auf das Bett. Wie von einem Krampf befallen, drängte, stemmte sie sich ihm entgegen, der sie umfasste, sie zudeckte mit seinem Leib. Ihre Worte lösten sich in Laute auf, einer Ursprache ähnlich. Unwillkürliche Bewegungen ihrer Zungen, Gaumen, Lippen, wie die ihrer Glieder. Tiefes Begrabensein in Umarmungen. Das wollte Zoe.

Sie liebten sich nun, sooft es anging. Ihre verstreute, ineinander gefilzte und -gekrempelte Kleidung, die, als hätte sie ihnen ein Gewalttäter entrissen, auf dem Boden umherlag, über Sessellehnen hing oder einer Tischplatte, markierte die Fluchtwege der Liebenden aus der Welt zueinander. Es war Zoe in diesen Wochen, als müsse sie der auf sie zu, - ihr nachstürzenden Zeit zuvorkommen, die sie irgendwann einmal einholen und ihr auch diese Liebe wieder nehmen könnte.

Doch einmal, sie hielten sich auf dem Fußboden umschlungen, sah sich Zoe, in ihrem Wandspiegel wie in den Raum einer anderen Welt blickend, plötzlich als Fremde, und ihn, Erno, mit jener in einem Kampf begriffen. Da löste sie sich von ihm.

Das Spiegelbild hatte ihr den Tag wieder vor Augen gebracht, an dem ein Mann sie mit Gewalt genommen hatte. Sie stand auf, griff nach ihrer Kleidung, gab es auf, sie zu entwirren und schlug sich eine Decke um den Leib, presste sich in die Lehne eines Sessels. Erno stand vor ihr, hilflos, nackend; ob sie Schmerzen habe? - Nein, keine körperlichen. Der Spiegel. - Was ist mit dem Spiegel? - Ich kann ihn nicht ertragen. - Was? - Die verschlungenen, verkrampften Körper, sagte sie, es ist, als würgten sie einander. - Aber das sind doch wir, bist du und ich. - Lass uns den Spiegel verdecken! - Gut, wenn er dich stört, Ernos Stimme war ein wenig ungehalten. Aber begreifen kann ich dich nicht. Erinnert es dich an etwas? Das fragte er aber in einem so sachlichen Ton, so weit entfernt von einer Ahnung der Wahrheit, dass es ihr unmöglich war, ihm zu antworten. Nein, an nichts. Später, dachte sie, ein andermal werde ich es ihm sagen.

Sie zog ihn zu sich herab, nahm seinen Kopf in beide Hände. Sah ihm in die Augen, lange. Du bist es, nicht wahr, sagte sie. Sage mir, dass du es bist. - Ja, sagte er begütigend, ich bin es. - Und du, sagte sie langsam, wirst immer du selbst bleiben. Dich nicht verwandeln, verändern. Ja, sagte er, und sie konnte sehen, wie rätselhaft ihm ihr Gebaren blieb. Komm, wir wollen uns anziehen. Es ist schade, hatte er später einmal zu ihr gesagt. - Was, hatte sie gefragt, da er nicht weitersprach. - Dass dich Spiegel stören. Und nach einer Weile, ich finde es nämlich aufregend. - Darauf hatte sie geschwiegen.

6. Kapitel

Sie hatten sich in einer Tagesbar verabredet. Als sie kam, sah sie ihn an einem Ecktisch sitzen. Er nickte ihr hinter der Scheibe zu und ging zur Tür, um sie ihr aufzuhalten. Ein Kellner brachte eine offenbar schon bestellte Flasche Sekt. Das lasse ich mir gefallen, sagte Zoe, Sekt am Nachmittag. Nun wüsste ich noch gerne, was es zu feiern gibt. Erno schwieg eine Weile und sagte dann: Wollen wir heiraten? Dabei hatten sich seine Ohren gerötet.

Sie berührte seinen Arm, sind wir es nicht schon, sagte sie leise, beinahe beschwörend. Erno lachte. Also haben wir uns soeben verlobt. Er stieß sein Glas an das ihre.

Ein wenig später betraten sie Ernos Wohnung in der Frankfurter Straße. Sie waren ausgelassen. Erno schaffte einen Imbiss herbei und wieder Sekt. Er versprach, Zoe sollte sich bei ihm niemals als Hausfrau fühlen: Du, eine Königin der Kunst. Da küsste sie ihn, lange. Später tanzten sie. Die Nacht brachte Zoe, vom Schlaf übermannt, auf dem Sofa zu, in eine Decke eingehüllt: und auf dem Teppich, ihr zu Füßen, Erno.

Tage danach, es war ihr zweiter Besuch bei ihm, stieß sie am späten Abend übermütig die Tür zu seinem Schlafzimmer auf und sah in dem durch das Licht der Diele erhellten Raum ein Doppelbett, das von einer Damastdecke überzogen war. Sie stieß einen Überraschungslaut aus, weil sie in einem Augenblick gedacht hatte, Erno habe für sie bereits ein Schlafzimmer angeschafft, bis sie durch Ernos Haltung, die eine gewisse Verlegenheit ausdrückte, begriff, dass dieses Zimmer schon seit Langem so eingerichtet war.

Euer Schlafzimmer, stammelte sie; das dort, das Bett deiner ... Frau. - Meiner ehemaligen, sagte Erno. Hallo! Er fasste Zoe am Arm, was machst du für ein Gesicht!

Zoe war vor das Fenster getreten, blickte in den Nachthimmel: Warum habt ihr euch getrennt, fragte sie. - Norma wollte einen anderen. - Ach, Norma hieß sie. - Heißt sie noch. Erno versuchte es lachend zu sagen. - Und, Zoe zögerte, würde sie dich nicht verlassen haben, liebtest du sie, ihr beide euch, noch heute? - Diese Frage ist hypothetisch. - Das finde ich nicht. Du jedenfalls hättest ihr die Treue gehalten.

Erno legte einen Arm um ihre Schultern, blickte sie an: Lieben wir uns nicht? Und: Damals kannte ich dich noch gar nicht. Doch während sie sich gleichzeitig vorwarf, Erno durch ihr Benehmen zu verletzen, war sie nicht fähig, ihre Verwirrung zu überwinden.

So erklärte sie, an plötzlichem Kopfschmerz zu leiden, es wäre besser, sie ginge und bliebe für heute allein in ihrer Wohnung.

Den folgenden Samstag hatte Zoe die Eboli zu geben und sie dachte an die Äußerung eines Kritikers, der geschrieben hatte, es wäre besser, Zoe hätte die Prinzessin gespielt, anstatt sie zu sein.

Es war Mai. Wind blies Staub durch die trockenen Straßen. Zoe hatte Angst, dass ihr ein Körnchen in die Augen fiel. Ich habe nämlich Kuhaugen, sagte sie lachend zu Erno, der sie ins Theater begleitete.

Bis zum Beginn der Vorstellung war noch Zeit. Sie suchten eine Gaststätte auf. Ein Tisch im Windschatten, die Sonne seitlich, so sieht sie die Passanten und ihre Bewegungen nahe. Die Eboli, sagte sie zu Erno, rächt sich für Carlos’ Missverstehen. - Rächt sich für was? - Dass er sie nicht liebt. - Erno nannte die Eboli ein Monster. Woher nimmt sie das Recht zur Rache? - Sie wurde gedemütigt, sagte Zoe. Es ist der Eboli gleich, ob Carlos schuldig ist oder nicht. Er hat sie verletzt, im Innersten. Ihre Rachetat ist verabscheuungswürdig, aber zu verstehen. Die Prinzessin ist zu bedauern! - Ich weiß nicht, sagte Erno. - Du weißt das nicht? Sie blickte ihn an. Hast du mich nicht spielen sehen? Er schwieg. - Bedauerst du mich, wie ich auf der Bühne agiere oder verabscheust du mich? - Ich bedaure dich, rief Erno in komischer Verzweiflung, und Zoe, nachdem sie ihn lange angesehen hatte, sagte: Weil du mich liebst. Also, fuhr sie mit leiser Stimme fort, die aber durch ihre Klarheit auch an den Nachbartischen deutlich zu hören war, soll ich die Eboli nun spielen oder sein?

Erno hob seine Bierflasche, in der Absicht, sein Glas erneut zu füllen. Sie war leer, und er stellte sie zurück. Ich empfinde nur dein Spiel, nicht die Methoden, die du gebrauchst. Meinst du, ich erkenne da einen Unterschied? Und Zoe glaubte aus seiner Miene ablesen zu können, dass er froh war, dass sich ihre Unterhaltung auf eine Theateraufführung bezog.

Bei Zoes nächstem Besuch, nach dem Kaffee, den sie wie immer an jenem runden Tisch einnahmen, sprang er plötzlich auf, ging auf das Schlafzimmer zu, stieß die Tür auf, und Zoe, die ihm gefolgt war, wich beinahe zurück vor der blendenden Helle des vollkommen leeren Raumes, von dessen Fenster sogar die Gardinen abgenommen waren. Dann rannte sie zu Erno, umschlang ihn. Ich liebe dich, rief sie, und: Jetzt werde ich die Eboli spielen.

7. Kapitel

Sie heirateten im Juli, einen Tag, nachdem die Theaterferien begonnen hatten. Sie waren mit dem Auto zum Standesamt gefahren. Zoe trug ein hellgraues Kostüm und Erno den dunkelblauen Anzug, in dem sie ihn zum ersten Mal im Theater gesehen hatte.

Sie waren zu früh in das Amt gekommen, noch vor der Öffnungszeit. Sie wollten die ersten sein, um den Tag noch ganz vor sich zu haben, der auch ihr erster Urlaubstag war.

Die Angestellte merkte ihnen ihre Ungeduld an. Nein, Musik wollten sie nicht. Wir hatten es doch ausgemacht, sagte Erno. So blieb die Angestellte förmlich. Der Ton ihrer kurzen Rede schlug beinahe ins Mahnende, ja Tadelnde um. Wir sind ja schon ein Paar, hätte Zoe am liebsten gesagt. Und ihr Lächeln, das Dankbarkeit ausdrücken sollte, Verbindlichkeit zumindest, kam der Frau wohl nur sehr fröhlich vor. Eine Fröhlichkeit, in der sie womöglich Leichtfertigkeit oder gar Missachtung des Amtes vermutete. Erno hatte im Warteraum sogar gepfiffen.

Als sie das Gebäude verlassen hatten, küssten sie sich vor seinem Eingang lange. Sie gingen zu ihrem Auto, das in einer Nebenstraße geparkt war. Sie stiegen ein und fuhren ohne weiteren Aufenthalt zu ihrem Urlaubsort an der Ostsee.

Während der Fahrt aßen sie von den Broten, die Zoe gemacht hatte, und tranken, wenn es die Beschaffenheit der Fahrbahn zuließ, heißen Kaffee aus der Thermosflasche.

Am späten Nachmittag erreichten sie das Meer. Sie ließen das Auto mit allem Gepäck auf einem Parkplatz stehen und liefen zur Küste, die Jacken über dem Arm. Sie setzten sich an den Rand des Steilufers und blickten, noch heftig atmend vom Laufen, über die See, deren Oberfläche mit schaumigen Wellen bedeckt war. Der Wind wühlte in Zoes Haar und kühlte ihre Haut. Sie empfand die Luft wie eine weiche, ihren Körper umhüllende Masse, in die sie sich fallen zu lassen große Lust hatte.

Sie beugte sich weit vor über den Rand der Klippe; hob die Arme, als wolle sie springen, sodass Erno sie erschrocken an den Schultern packte: Pass auf! rief er, willst du abstürzen? - Ja, sagte Zoe, aber mit dir! Zusammen werden wir stürzen. Und sie küsste ihn, bis er sich von ihr losmachte und nach Luft rang.

Da sprang sie auf, zog Erno an der Hand hoch. Auf einem steilen, geschlängelten Pfade, sich an den Steinen und Erdbuckeln haltend, stürmten sie hinunter an den Strand. Sie liefen am Meer entlang, dort, wo die Wellen den Sand genässt und verfestigt hatten, barfuß, die Schuhe in der Hand. Gelegentlich ruhten sie aus, auf angeschwemmten oder von den letzten Sturmfluten ausgerissenen Baumstämmen, auf sonnenwarmen Findlingen.

Der Strand verbreiterte sich. Weit und breit kein Mensch. Sie hatten das Gefühl, in einer unendlichen Weite für sich allein zu sein. Da zogen sie sich aus und umschlangen einander. Ich will dich, hatte Zoe geschrien, ja, ja, dich will ich. Und wieder: Ja! Sie lagen nebeneinander. Zoe sah den Himmel über sich: ein ungeheuerlich gewölbter Raum ohne Grenzen.

Zahllose scharfe Schatten kleiner Sandhügel und Unebenheiten gaben dem Strand jetzt das Aussehen eines plastischen Reliefs. Sie nahmen ihre Kleidung auf und gingen weiter.

Noch weit vor einem Seebad trafen sie auf herrenlose Strandkörbe. Sie drehten einen von ihnen mit dem Eingang zur sinkenden Sonne; setzten sich in die nach Creme riechende Kabine.

Zoe spürte Sand in ihrem Haar und auf der Haut ihres Rückens. Der leichte Schmerz war ihr angenehm.

Sie sahen zu, wie die Sonne, orangefarben, in die See tauchte. Das Meer grün, mit weißlichen Schaumstreifen bedeckt, schien zum Horizont hin anzusteigen. Der Strand färbte sich violett. Obwohl es kühl war, froren sie nicht.

8. Kapitel

Anfang September lernte sie Norma kennen, an die sie kaum noch gedacht hatte. Norma war mit ihrem Mann gekommen, um, wie sie bekannt gab, sich für lange, wenn nicht für immer von Erno und seiner berühmten Frau, sie verbeugte sich leicht gegen Zoe, zu verabschieden. Sie war schön, von nordischem Aussehen: braune Haare, blaue Augen mit schmalen hohen Brauen, lachsroter Mund; und sie hatte das Temperament einer Südländerin: Lebhaftigkeit, Lachlust; jedenfalls an jenem Nachmittag. Geheiratet hätten sie nicht, sagte sie, auf ihren Mann blickend, als wolle sie sehen, wie er ihre Worte aufnehme. Es solle eine Pause sein. Nicht besitzen und nicht besessen werden. Wahlverwandtschaft, nur mit dem Segen der Betroffenen.

Das sagte sie wohl mit Rücksicht gegen Erno, sie wollte ihm eine Brücke bauen. Besitz, erwiderte Erno lachend, ist ja, wie wir hier wissen, er machte eine Handbewegung gegen die Runde, nicht unveräußerlich und Abgrenzung jederzeit aufhebbar.