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In "Die beiden Dianen" entführt Alexandre Dumas die Leser in eine abenteuerliche Erzählung, in der Liebe, Intrigen und der Kampf um Ehre und Freiheit im Mittelpunkt stehen. Die Geschichte kreist um zwei Frauen, die durch ihr Schicksal und ihre Entscheidungen miteinander verbunden sind. Dumas, bekannt für seinen lebendigen Erzählstil und die dramatische Charakterzeichnung, verwebt hier historische und fiktionale Elemente zu einem fesselnden Plot, der den Leser in eine vergangene Zeit voller Leidenschaft und Konflikt entführt. Das Buch spiegelt die politischen und sozialen Spannungen des 17. Jahrhunderts wider, die Dumas meisterhaft einfängt und damit einen scharfen Kommentar zu Fragen von Identität und Loyalität bietet. Alexandre Dumas, einer der größten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war Zeitzeuge der Neuen politischen Strömungen und sozialen Umwälzungen in Frankreich. Sein multikultureller Hintergrund — als Sohn eines französischen Adligen und einer afrikanischen Sklavin — gab ihm eine einzigartige Perspektive auf Themen wie Freiheit, Diskriminierung und Ehre. Dumas' Erfahrungen und seine Faszination für turbulente historische Ereignisse formten seine romantischen und abenteuerlichen Erzählungen, darunter auch dieses Werk. "Die beiden Dianen" ist ein Muss für Leser, die sich nach packenden Erzählungen und lebendigen Charakteren sehnen. Dumas' meisterhafte Prosa und die komplexen menschlichen Beziehungen bieten nicht nur spannende Unterhaltung, sondern laden auch zur Reflexion über die eigene Geschichte und Identität ein. Tauchen Sie ein in dieses fesselnde Werk und entdecken Sie die zeitlosen Themen, die auch heute noch relevant sind. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwei Namen, eine Machtfrage: Identität wird zur Waffe. In Die beiden Dianen nutzt Alexandre Dumas die Spiegelung zweier Frauen, um die Mechanik von Einfluss, Herkunft und Ansehen offenzulegen. Der Roman zeigt, wie private Bindungen sich in politische Hebel verwandeln und wie höfische Rituale das Persönliche in Strategien überführen. Aus der Spannung zwischen Gefühl und Pflicht entsteht ein Drama, das nicht im Geheimen verharrt, sondern die Öffentlichkeit des Hofes als Bühne braucht. So entfaltet sich ein vielschichtiges Bild von Liebe, Loyalität und List, in dem jede Geste zur Entscheidung werden kann.
Alexandre Dumas (1802–1870) zählt zu den prägenden Stimmen des französischen 19. Jahrhunderts. Die beiden Dianen ist ein historischer Roman aus der Mitte dieses Jahrhunderts, entstanden in einem literarischen Umfeld, das den Fortsetzungsroman und das breite Zeitungsfeuilleton kultivierte. Dumas verband populäre Spannung mit historischer Imagination und erreichte damit ein Massenpublikum, ohne die Ambition literarischer Gestaltung aufzugeben. Der Roman führt in die Renaissance Frankreichs, an den Hof der Valois, und zeigt, wie Geschichte als erzählerischer Stoff lebendig wird. Diese Verbindung aus Faktischem und Fiktionalem begründet seinen Rang im Kanon.
Im Zentrum steht die Verflechtung zweier Frauen gleichen Namens, deren Lebenswege einander spiegeln und voneinander abhängen. Um sie herum spannt sich ein Netz aus familiären Bindungen, dynastischen Interessen und persönlichen Loyalitäten. Der Hof bildet den Resonanzraum, in dem jedes Gerücht Gewicht bekommt und jede Entscheidung Folgen hat. Dumas entwirft eine Folge von Begegnungen, in denen der Konflikt zwischen innerer Neigung und äußerer Pflicht immer wieder neu verhandelt wird. Ohne den Verlauf vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Die Ausgangslage ist einfach benannt, doch ihre Konsequenzen sind vielgestaltig und überraschend.
Der Roman gilt als Klassiker, weil er zentrale Themen der Moderne in ein historisches Gewand kleidet: die Frage, was eine Person ausmacht; die Macht des Namens und der Herkunft; die Verletzlichkeit des Ansehens; das Ringen zwischen privatem Glück und öffentlicher Rolle. Dumas zeigt, wie Identität nicht nur erlebt, sondern gemacht und verteidigt wird. Dabei verweigert er einfache moralische Etiketten: Tugend und Berechnung, Treue und Opportunismus stehen in wechselnden Konstellationen. Diese Ambivalenz trägt die Erzählung über ihre Epoche hinaus und ermöglicht immer neue Lektüren, die auf unterschiedliche Gegenwarten reagieren.
Als erfahrener Autor historischer Stoffe zeichnet Dumas die Renaissance nicht museal, sondern als dynamischen Raum der Möglichkeiten. Der Valois-Hof erscheint als Ort spektakulärer Repräsentation und fragiler Stabilität, umgeben von adeligen Interessen, höfischer Etikette und kultureller Selbstinszenierung. Geistige Öffnung und politisches Kalkül, Fest und Gefahr, Nähe und Distanz – all das verschränkt sich im Tagesgeschäft der Mächtigen. Ohne in Details zu verlieren, nutzt der Roman anerkannte historische Hintergründe als sinnstiftende Folie, auf der die Figuren handeln. So entsteht Atmosphärisches, das die Handlung trägt, statt sie zu erdrücken.
Dumas’ Erzählkunst verbindet Tempo mit Klarheit. Szenen beginnen am Punkt der höchsten Spannung, Dialoge verdichten Motive, Übergänge setzen präzise Impulse. Der Autor beherrscht das Wechselspiel von öffentlichem Auftritt und privatem Gespräch, von Ballsaal und Kabinett, von Andeutung und Enthüllung. Wiederkehrende Motive – Maskierung, Botschaften, Blickregime – strukturieren die Handlung, ohne schematisch zu wirken. Charakteristische Mittel des Fortsetzungsromans, etwa Zuspitzung am Kapitelende, erhalten die Leselust, während der innere Konflikt der Figuren die dramaturgische Tiefe sichert. So entsteht Spannung, die nicht verbraucht, sondern angereichert wird.
Besonders auffällig ist, wie der Roman weibliche Handlungsräume ernst nimmt. Die beiden titelgebenden Figuren sind keine bloßen Projektionsflächen, sondern Akteurinnen, die Ressourcen und Risiken abwägen, Verbündete suchen und Grenzen verschieben. Ihre Entscheidungen haben Folgen, die über Privates hinausreichen. Damit zeigt Dumas, wie in einem männlich dominierten System strategische Klugheit, Selbstbehauptung und Fürsorge politisch wirksam werden. Die Komplexität der Figuren weckt Empathie, ohne Kritik auszuschließen. Gerade diese Balance zwischen Nähe und Distanz verleiht der Darstellung eine Würde, die das Buch bis heute trägt.
Literarisch steht Die beiden Dianen in jener Entwicklungslinie, in der der historische Roman zum Labor gesellschaftlicher Phantasien wurde. Dumas formte Erwartungen an das Genre: dass es Bildkraft mit reflektierter Geschichtssicht verbindet, Abenteuer mit Ideenreichtum, Anschaulichkeit mit Ambivalenz. Sein Werk beeinflusste die populäre Erzählkultur nachhaltig, weil es zeigte, wie breite Leserschaft und anspruchsvolle Dramaturgie einander nicht ausschließen. Der Roman belegt, wie Geschichte erzählbar wird, ohne sich zur bloßen Kulisse zu verflachen – ein Maßstab, an dem zahlreiche spätere Werke gemessen wurden.
Dass das Buch als Klassiker gilt, hat ebenso mit seiner kunstvollen Konstruktion wie mit seiner Wirkungsgeschichte zu tun. Es hat das Bild der Renaissance im kollektiven Gedächtnis mitgeprägt: die Vorstellung von Hof als Theater, von Politik als Choreographie, von Liebe als Spielzug. Doch der Roman bleibt nicht bei Ornamenten stehen. Er legt die Logik von Macht frei, die von Anerkennung, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit lebt. Indem er individuelle Wünsche ernst nimmt, zeigt er die Kosten des Erfolgs und die Lasten der Rolle. Diese doppelte Buchführung von Glanz und Preis macht seine Beständigkeit aus.
Stilistisch überzeugt Die beiden Dianen durch eine Sprache, die zugleich üppig und präzise ist. Bilder sind anschaulich, doch nie bloß dekorativ; sie öffnen Perspektiven auf Haltung und Absicht. Rhythmische Sätze tragen die Handlung, ohne sie zu hetzen. Humor und Ironie erscheinen maßvoll, um das Tragische nicht zu banalisieren. Die Übersetzbarkeit des Textes verdankt sich dieser Mischung aus Klarheit und Klang. Wer das Buch heute liest, spürt eine erzählerische Gastfreundschaft: Der Roman nimmt seine Leserinnen und Leser mit, verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit Sinn für Nuancen und mit dem Vergnügen an Form.
Inhaltlich bleibt das Werk aktuell, weil es Mechanismen zeigt, die jede Zeit kennt: die Herstellung von Zustimmung, das Spiel mit Gerüchten, den Wert eines Namens, den Preis von Nähe zur Macht. Die Frage, wie Herkunft, Geschlecht und öffentliche Erwartung Handlungsmöglichkeiten öffnen oder beschneiden, führt direkt in Debatten der Gegenwart. Auch das Motiv der doppelten Identität – gesehen werden und sein – klingt in heutigen Diskursen über Rollenbilder, Medien und Selbstinszenierung nach. So wird der historische Roman zum Spiegel, der nicht nur Vergangenheit, sondern unsere Gegenwart ausleuchtet.
Die beiden Dianen ist daher mehr als ein brillant erzähltes Abenteuer. Es ist eine Schule des Blicks auf Geschichte als Geflecht aus Entscheidungen, Deutungen und Zufällen. Es lädt ein, an Figuren zu lernen, wie Mut und Klugheit, Treue und Selbstachtung in Spannungsfeldern bestehen. Sein Rang als Klassiker beruht auf erzählerischem Schwung, charakterlicher Tiefe und einer historischen Vorstellungskraft, die Wirklichkeit nicht kopiert, sondern verständlich macht. Wer heute zu diesem Buch greift, findet eine lebendige, kluge und anhaltend relevante Lektüre – ein Werk, das Herz und Verstand gleichermaßen in Bewegung setzt.
Die beiden Dianen ist ein historischer Roman von Alexandre Dumas, dessen Handlung im Frankreich des 16. Jahrhunderts verankert ist. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen gleichen Namens: die einflussreiche Favoritin Diane de Poitiers am Hof Heinrichs II. und eine jüngere Diane, deren Schicksal untrennbar mit dem Königshaus verbunden ist. Um sie herum entfaltet Dumas ein Netz aus Loyalitäten, Rivalitäten und Geheimnissen. Als Gegenpol tritt der junge Edelmann Gabriel de Montgomery auf, dessen Weg ihn in die Nähe beider Dianen führt. Über Politik hinaus verhandelt der Roman die Spannungen zwischen persönlicher Pflicht, Liebe und religiöser Überzeugung, während das Königreich in unruhige Zeiten steuert.
Zu Beginn zeichnet der Roman das Machtgefüge am Hof: Heinrich II. regiert, doch der Einfluss Diane de Poitiers’ prägt Entscheidungen und Karrieren. Catherine de’ Medici beobachtet, taktiert und festigt ihre eigene Position. Die jüngere Diane wächst unter dem Schutz der Älteren heran, zugleich als Hoffnungsträgerin für dynastische Bündnisse und als Figur, deren Herkunft Erwartungen nährt und Gerüchte schürt. Gabriel, idealistisch und pflichtbewusst, gerät früh zwischen die Interessen der Mächtigen. Alte Bindungen und Verpflichtungen knüpfen ihn enger an die ältere Diane, als ihm lieb ist. Aus dieser Konstellation erwachsen leise Konflikte, die sich allmählich in handfeste Entscheidungen verwandeln.
Diane de Poitiers nutzt ihre Stellung, um Verbündete zu platzieren und für die jüngere Diane vorteilhafte Verbindungen zu schmieden. Hochzeiten, Gunstbezeugungen und scheinbar harmlose Gefälligkeiten verschieben Gewichte im Hintergrund. Gabriel wird in heikle Missionen verstrickt, die seinen Ruf zugleich fördern und gefährden. Zugleich treten konfessionelle Spannungen deutlicher hervor: Stimmen der Reform gewinnen Anhänger, während königliche Autorität und traditionelle Kräfte zusammenschließen. Gabriel ringt mit Loyalität und Gewissen, die jüngere Diane mit der Frage, ob sie Objekt von Politik oder handelndes Subjekt sein kann. Zwischen beiden wächst eine zarte Nähe, die jedoch durch Rang, Pflicht und Intrige beständig in Frage gestellt wird.
Ein festlicher Höhepunkt am Hof – ein großes Turnier, inszeniert als Schau königlicher Pracht – markiert den ersten großen Wendepunkt. Was als Ritual der Ehre beginnt, schlägt in einen dramatischen Zwischenfall um, dessen Folgen weit über den Schauplatz hinausreichen. Karrierepläne zerschellen, Verantwortlichkeiten werden verhandelt, Schuldzuweisungen machen die Runde. Für Catherine de’ Medici eröffnet sich ein Gelegenheitsfenster, ihr Gewicht zu vergrößern; für Diane de Poitiers beginnt ein zähes Ringen um Einflussverlust. Die jüngere Diane sieht ihre Zukunft plötzlich ungesichert. Gabriel, direkt betroffen, muss zwischen öffentlicher Erwartung und innerem Maßstab navigieren – und entdeckt, dass beides selten gleichzeitig zu erfüllen ist.
Im politischen Nachspiel konsolidieren sich Lager. Räte tagen, Vertraute wechseln die Seiten, und die Sprache der Gunst wird vorsichtiger. Catherine ordnet, beobachtet und wartet; die ältere Diane verteidigt ihren Handlungsspielraum, notfalls mit Hilfe verborgener Wahrheiten. Gabriel sieht sich von verschiedenen Parteien beansprucht und steht vor Entscheidungen, die seine Zukunft unumkehrbar prägen könnten. Für die jüngere Diane verdichten sich die Optionen zu einer engen Auswahl aus arrangierten Bünden und selbstbestimmtem Risiko. Themen wie Legitimität, Treue und die Macht der Reputation durchziehen die Gespräche. Einzelne Enthüllungen lassen ahnen, weshalb manche Figuren handeln, doch die endgültigen Zusammenhänge bleiben lange verhüllt.
Während das Reich in konfessionelle Unruhen gleitet, weitet sich der Blick der Erzählung über den Hof hinaus. In Städten und Provinzen zeigen sich Bruchlinien zwischen Glaubensgemeinschaften, die Politik und Alltagsleben gleichermaßen durchziehen. Gabriel entfernt sich zeitweise von den glänzenden Sälen, lernt die Konsequenzen von Ideologie und Intoleranz konkret kennen und knüpft Kontakte, die nicht nur aus Rang, sondern aus Überzeugung geboren sind. Die jüngere Diane ringt um Handlungsspielraum, versucht Schutz und Selbstbestimmung auszubalancieren. Die ältere Diane justiert ihre Strategien und Verbündeten. Dumas verschränkt private Konflikte mit öffentlicher Erregung, wodurch individuelle Wahl und historischer Druck untrennbar erscheinen.
Eine Kette von Begegnungen und Konfrontationen führt verborgene Motive an die Oberfläche. Ältere Verpflichtungen und gegebene Worte, lange als abstrakte Fesseln empfunden, zeigen konkrete Wirkung. Hinweise auf Herkunft und Anspruch einzelner Figuren werden greifbarer, ohne vollständig Klarheit zu schaffen. Gabriel und die jüngere Diane müssen handeln, bevor andere für sie entscheiden. Eingriffe mächtiger Vermittler – teils wohlwollend, teils eigennützig – komplizieren jeden Versuch, eine private Lösung zu finden. Die Spannung kulminiert nicht in spektakulären Enthüllungen, sondern in der Frage, ob persönliche Integrität neben Staatsräson bestehen kann, und wie viel Verlust an Sicherheit der Gewinn an Freiheit wert ist.
Je näher die Entscheidungen rücken, desto deutlicher treten ihre Kosten hervor. Schlachten im Kleinen wie im Großen – am Schreibtisch, im Ratssaal, auf dem Feld – hinterlassen Spuren. Bündnisse werden neu geknüpft, Loyalitäten erprobt und bisweilen gebrochen. Die beiden Dianen, anfangs als Gegensätze lesbar, spiegeln sich im Versuch, Macht in Schutz zu verwandeln und Schutz in Handlungsspielraum. Gabriel verkörpert das Dilemma zwischen dynastischer Pflicht und persönlicher Bindung. Der Roman wahrt dabei die Perspektive der Figuren: Es sind weniger Siege als bewusste Entscheidungen, die den Fortgang prägen, und das Wesentliche bleibt, was Menschen angesichts unabsehbarer Folgen beizubehalten suchen.
Am Ende steht weniger eine endgültige Auflösung als eine ernüchterte Einsicht in Vergänglichkeit und Verantwortung. Die Strukturen von Hof und Königreich erweisen sich als mächtig, doch nicht unveränderlich; Einfluss verflüchtigt sich, Gewissen bleibt. Die Erzählung bettet Privatschicksale in einen historischen Moment, der Frankreich dauerhaft prägen sollte, und fragt, was Loyalität bedeutet, wenn der Preis hoch ist. Die beiden Dianen und Gabriel werden zu Figuren eines moralischen Prüfstands, dessen Relevanz über ihre Epoche hinausreicht. So behauptet der Roman seine Wirkung als spannungsreiche, zugleich reflektierte Betrachtung über Macht, Liebe und Glaube – und über die Würde der Wahl im Zwang.
Die beiden Dianen spielt im Frankreich der Mitte des 16. Jahrhunderts, unter den letzten Valois-Königen. Die Handlung bewegt sich zwischen königlichem Hof, Residenzen an der Loire und den großen Städten, besonders Paris. Dominante Institutionen sind die Monarchie, die römisch-katholische Kirche und die Parlements als höchste Gerichtshöfe. Adlige Klientelnetzwerke strukturieren Machtzugang und Karriere. Europaweit prägen das Habsburg-Valois-Ringen und der Übergang von Ritterkrieg zu Söldnerheeren die Politik. In dieser Gemengelage beginnen sich konfessionelle Spannungen zu verhärten, während die Krone versucht, durch Edikte, Patronage und Repression die Ordnung zu wahren. Dumas verankert seine Figuren genau in diesen Macht- und Loyalitätsgeflechten.
Ein Schlüsselhintergrund ist das Ende der Italienischen Kriege, besiegelt durch den Frieden von Cateau-Cambrésis (1559). Frankreich akzeptiert Gebietsverluste, gewinnt aber innenpolitische Ruhe – vorerst. Der Hof feiert mit Turnieren und Festen die Rückkehr zum Frieden. In diesem Kontext ereignet sich das berühmte Turnier von 1559, bei dem König Heinrich II. bei einer Lanzeinwirkung schwer verletzt wird und kurz darauf stirbt. Die Szene steht paradigmatisch für den Übergang von ritterlicher Selbstdarstellung zu einer gefährdeten, fragilen Souveränität. Dumas macht aus dieser historischen Zäsur einen dramatischen Katalysator, der die Machtverhältnisse und persönliche Schicksale seiner Figuren verschiebt.
Die Figur Diane de Poitiers, die einflussreiche Favoritin Heinrichs II., verkörpert im Roman die politische Macht der Mätressen am Hof. Historisch kontrollierte sie Ämter, Güter und den Zugang zum König, stützte Kunst und Architektur und prägte Symbole der Herrschaft. Ihr lange anhaltender Einfluss provozierte Rivalität mit Königin Katharina von Medici, die nach Heinrichs Tod die Rückabwicklung von Besitz und Gunst betrieb. Diese Konstellation beleuchtet Dumas, indem er die Mechanismen von Gunst, Patronage und Rache freilegt. Damit zeigt er, wie persönliche Beziehungen die Staatsgeschäfte durchdringen, ohne dabei die realen Kräfteverhältnisse der Epoche zu verfälschen.
Die zweite „Diane“ verweist auf eine junge Frau aus dem Umfeld des Königs mit Nähe zu königlichem Blut, deren historische Entsprechung in Diane de France gesehen wird, einer anerkannten natürlichen Tochter Heinrichs II. Sie wurde im mittleren 16. Jahrhundert politisch vorteilhaft verheiratet und gewann später bedeutende Stellung. Dumas nutzt diese Figur, um Legitimationsfragen, dynastische Interessen und die prekäre Stellung von Frauen am Hof darzustellen. Hinter der poetischen Doppelung der „Dianen“ steht ein realer Diskurs der Zeit: die Balance zwischen Geburt, Ansehen und der durch Heirat und Gunst vermittelten Macht.
Religiöse Spannungen sind ein zentrales Fundament der erzählten Welt. Seit den 1530er Jahren verbreitet sich der Calvinismus in Frankreich, häufig getragen von Handwerkern, Kaufleuten und Teilen des Adels. Unter Heinrich II. verschärft die Krone die Verfolgung: Sonderkammern in Paris und strenge Edikte richten sich gegen „Häresie“. Gleichzeitig operieren protestantische Gemeinden zunehmend organisiert, mit Synoden und Unterstützungsnetzwerken. Dumas spiegelt diese Bewegung, ohne sie zu romantisieren: Sein Frankreich ist eines, in dem Frömmigkeit und Politik untrennbar sind und in dem religiöse Zugehörigkeit zum Test von Loyalität, Patronage und persönlichem Überleben wird.
Fraktionskämpfe prägen die Politik des Hofes. Die Häuser Guise, Montmorency und Bourbon ringen um Einfluss; die Guisen gewinnen unter König Franz II. besondere Macht, gestützt durch familiäre Bande zu Maria Stuart. Katharina von Medici tritt nach Heinrichs Tod als ausgleichende, oft taktierende Regentin auf, die mal mit, mal gegen die großen Häuser agiert. Dumas nutzt dieses Gefüge, um Verschwörungen, Ränkespiele und wechselnde Allianzen vorzuführen. Die historischen Frontlinien – konfessionell, familiär, regional – überlagern sich dabei in einer Weise, die erklärt, weshalb Kompromisse brüchig und Friedensschlüsse stets auf Widerruf sind.
Die Auld Alliance zwischen Frankreich und Schottland bildet einen weiteren Resonanzraum. Maria Stuart wächst am französischen Hof auf und heiratet den Dauphin, den späteren Franz II. Schottische Garden und Adlige sind am Hof präsent, und die internationale Dimension von Heiratspolitik und Kriegsbündnissen wird sichtbar. Während in Schottland protestantische Reformatoren an Einfluss gewinnen, versucht Frankreich, seine Position zu sichern. Der Roman verwebt diese transnationalen Verflechtungen mit persönlichen Loyalitäten. So wird verständlich, warum Entscheidungen am Pariser Hof unmittelbare Rückwirkungen auf britische Inselpolitik und umgekehrt haben.
Die berühmte Turniertragödie um Heinrich II. erhält bei Dumas eine doppelte Bedeutung: Sie ist spektakulärer Hofvorfall und politische Zäsur. Der beteiligte Adlige Gabriel de Montgomery – historisch später dem Protestantismus zugeneigt – wird zu einer Figur, an der sich Fragen von Schuld, Zufall und Staatsräson bündeln. Nach dem Tod des Königs verschieben sich Kräfte zugunsten Katharinas; die Guisen nutzen Franz II., um ihre Agenda zu verfolgen. Diese Abfolge ist historisch nachvollziehbar und erklärt, warum Dumas das Turnier als dramaturgischen Angelpunkt wählt, an dem individuelle Ehre und Staatswohl scharf aufeinanderprallen.
Militärisch steht Frankreich im Übergang zu piken- und arkebusbestimmten Heeren. Festungskrieg und Belagerungen dominieren, beeinflusst von der italienischen Bastionärkunst. Ein markantes Ereignis ist die Rückeroberung von Calais (1558) von England – ein Prestigeerfolg der Guisen kurz vor dem Friedensschluss. Solche Siege nähren Ruhm und Patronage, aber sie lasten die Staatskasse aus und schaffen Veteranenmilieus. In Dumas’ Welt spiegelt sich das durch Offiziere, Söldner und Kriegsunternehmer, deren Loyalität teuer erkauft wird. Die militärische Realität bildet die Folie, vor der ritterliche Turnierideale obsolet erscheinen.
Rechtlich-administrativ steht das Frankreich der Valois unter dem Einfluss der Parlements, die königliche Edikte registrieren und bei Häresieprozessen eine zentrale Rolle spielen. Unter Heinrich II. werden strenge Maßnahmen gegen Protestanten erlassen, darunter Edikte, die Predigt, Druck und Versammlung einschränken. Spezielle Gerichtskammern verfolgen „Ketzerei“. Das sorgt für ein Klima der Überwachung und der Denunziation. Dumas greift diese Verfahren auf, um zu zeigen, wie juristische Instrumente zu politischen Waffen werden. Gleichzeitig bleibt sichtbar, dass Rechtsdurchsetzung regional ungleich ist und vom Zusammenspiel lokaler Amtsträger und Adliger abhängt.
Ökonomisch lasten direkte Steuern wie Taille und indirekte Abgaben wie die Salzsteuer (Gabelle) auf Bauern und Stadtbewohnern. Der Zustrom von Silber aus der Neuen Welt befeuert in Europa Preissteigerungen; auch Frankreich erlebt Teuerung und Verschuldung, was die Krone zur Ämtervergabe gegen Geld treibt. Handelsplätze wie Lyon blühen, regionale Märkte vernetzen Stadt und Land. Diese Rahmendaten erklären die latente soziale Spannung im Romanhintergrund: Adlige suchen Einkünfte am Hof, städtische Eliten sichern Privilegien, während die Landbevölkerung von Kriegslasten und Abgaben bedrückt wird. Die fragile Ordnung schafft Raum für Abenteurer und Vermittler.
Die Druckerpresse ist Motor der Epoche. Calvinistische Schriften aus Genf und heimische Flugschriften zirkulieren trotz Zensur. Universitätsmilieus, humanistische Zirkel und städtische Drucker werden zu Knoten in Debatten über Glaube, Obrigkeit und Sitten. Seit der „Affaire des Placards“ in den 1530ern überwacht die Krone Schriften verschärft. Dumas spiegelt dieses Kommunikationsregime, indem er geheime Botschaften, verbotene Predigten und die Wege des Gerüchts als Handlungstreiber nutzt. Die Welt der Die beiden Dianen ist so auch eine Welt konkurrierender Narrative, in der Deutungshoheit unmittelbare politische Konsequenzen hat.
Höfische Kultur bleibt dennoch prächtig: Feste, Maskenspiele, Jagden und Bauprojekte an der Loire demonstrieren Majestät. Italienische Einflüsse, nicht zuletzt durch Katharina von Medici, prägen Küche, Mode, Zeremoniell und Kunst. Dichtung der Pléiade (etwa Ronsard) und humanistische Bildung gehören zur Selbstrepräsentation der Elite. Die Diskrepanz zwischen Pracht und Prekarität ist historischer Hintergrund und dramaturgisches Mittel. Dumas kontrastiert die ästhetisierte Oberfläche des Hofes mit den Härten einer Gesellschaft, die im Inneren von Misstrauen, konfessionellem Streit und finanzieller Not gezeichnet ist.
Geschlechterrollen und Macht sind ein weiteres Thema. Königinnen, Regenten und Favoritinnen verfügen über reale Hebel: Besitzvergabe, Patronage, Heiratsarrangements, Zugang zum Souverän. Gleichzeitig sind sie moralischer Kritik ausgesetzt und rechtlich beschränkt. Dumas zeigt diese Ambivalenz anhand der „beiden Dianen“ und Katharina von Medici: weibliche Handlungsmacht entsteht aus Nähe zu Institutionen, nicht aus deren Abschaffung. Das entspricht historischen Mustern der Zeit und eröffnet eine Perspektive auf Legitimität, in der Blut, Tugend und Nutzen stets neu austariert werden müssen.
Die soziale Ordnung gründet auf Standesdifferenzen und persönlichen Bindungen. Adlige Haushalte sind politische Werkstätten; Gefolgsleute, Pagen und Sekretäre bilden Netzwerke, in denen Informationen, Gefälligkeiten und Schulden kursieren. Duelle, Fehden und Ehrenkodizes strukturieren Konfliktlösung, auch wenn die Krone versucht, sie zu unterdrücken. In diesem Umfeld erscheinen Dumas’ Intrigen plausibel: Wer Briefe kontrolliert, Zeugen stellt oder Schuldscheine hält, gewinnt Macht. Die Linie zwischen privater Rache und öffentlichem Recht ist dünn, was erklärt, warum Gerichtsbarkeit und Gewaltmonopol der Krone immer wieder herausgefordert werden.
Geografisch bewegt sich die Erzählung zwischen Paris, der Normandie und den Loire-Schlössern – Räume mit unterschiedlichen Ökonomien, Rechtstraditionen und konfessionellen Landschaften. Reisezeit, Relaisstationen der Post und saisonale Wegebedingungen bestimmen Tempo und Reichweite politischer Aktionen. Städte mit starken Zünften und Universitäten unterscheiden sich von adelsdominierten Provinzen, in denen Klientel und Lehnsherrschaft überwiegen. Dumas nutzt diese Differenzen, um Zuflucht, Verfolgung und geheime Treffen glaubwürdig zu verorten und die Distanz zwischen Hofpolitik und Provinzrealität zu zeigen.
Entstehungszeit und Präsentationsform des Romans prägen seine Perspektive. Dumas schrieb in den 1840er Jahren für ein Massenpublikum, häufig in Fortsetzungen. Der Boom des historischen Romans, die Popularität der Geschichtsschreibung (etwa Michelet) und das Bürgertum der Julimonarchie schufen Nachfrage nach nationaler Vergangenheit als Unterhaltung und Reflexion. Dumas’ Arbeitsweise – Quellenlektüre, Dramatisierung, Kooperationen in Werkstattstruktur – zielte auf Tempo, Spannung und szenische Verdichtung. Das Theater und neue Medienmärkte verstärkten die Wirkung. Dadurch werden historische Konflikte nicht nur rekonstruiert, sondern für zeitgenössische Debatten anschlussfähig gemacht, ohne den Faktenkern zu verleugnen.—hm remove hyphen? ensure JSON string is correct without stray dash. We'll adjust sentence to avoid dash. Wait we can't edit mid JSON. I realize we wrote hyphen and commentary in this analysis, not in final. I must craft final content cleanly. Let's redo paragraph 16 in clean final. Correction will be in final channel.
Alexandre Dumas (1802–1870) war einer der populärsten französischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und eine prägende Stimme der Romantik. Als Dramatiker und Romancier verband er historische Stoffe mit rasantem Erzählen und schuf Figuren, die das kollektive Gedächtnis prägten. Seine in Zeitungen vorabgedruckten Abenteuerromane erreichten ein Massenpublikum und festigten das Feuilleton als zentrale Publikationsform. Werke wie Die drei Musketiere und Der Graf von Monte Christo machten ihn international berühmt; zugleich schuf er ein monumentales Œuvre mit Theatertexten, Reiseberichten und Memoiren. Dumas’ Mischung aus Spannung, plastischer Handlung und zugänglicher Sprache begründete einen bis heute wirksamen Kanon populärer Erzählkunst.
Er wuchs in der Picardie auf und zog als junger Mann nach Paris, wo er zunächst als Schreiber im Dienst des Herzogs von Orléans arbeitete. Größtenteils autodidaktisch gebildet, suchte er die Nähe literarischer Kreise und schloss sich dem romantischen Aufbruch an. Prägend waren die historischen Romane Walter Scotts und das Theater Shakespeares, ebenso die Debatten um Freiheit, Gefühl und Geschichte in Frankreich der Restauration. Dumas frequentierte den Kreis um Charles Nodier an der Bibliothèque de l’Arsenal, wo neue dramatische Formen erprobt wurden. Diese Einflüsse lenkten sein Frühwerk auf die Bühne und verankerten es in einer modernen, publikumsnahen Dramaturgie.
Seinen Durchbruch erzielte Dumas im Theater. Das Historienstück Henri III et sa cour feierte 1829 an der Comédie-Française einen beachtlichen Erfolg und begründete seinen Ruf als Erneuerer des französischen Dramas. Mit Antony (1831) setzte er den romantischen Konflikt zwischen Leidenschaft und gesellschaftlicher Norm bildkräftig um; Kean (1836) reflektierte das Verhältnis von Genie und Öffentlichkeit. Die energische Dialogführung, szenische Tempoarbeit und historische Farbigkeit brachten ihm ein großes Publikum. Zugleich zeigte sich seine Fähigkeit, Stoffe zwischen Bühne und Prosa zu vermitteln, was den Übergang zu seriell erzählten Romanen vorbereitete und ihm neue mediale Reichweiten eröffnete.
Ab den 1840er-Jahren wandte sich Dumas verstärkt der Prosa zu und nutzte den Zeitungsfeuilleton als Veröffentlichungsform. Er arbeitete regelmäßig mit Mitarbeitern wie Auguste Maquet zusammen, ohne dass dies seine Autorschaft als Motor der Stoffe und des Stils minderte. In rascher Folge entstanden Le Comte de Monte-Cristo (1844–1846) und Les Trois Mousquetaires (1844) mit den Fortsetzungen Vingt Ans Après (1845) und Le Vicomte de Bragelonne (1847–1850). Charakteristisch sind packende Handlungen, klare Figurenführung und die dramaturgische Ökonomie des seriellen Formats, gestützt von historischer Recherche und einem untrüglichen Gespür für Spannung, und nachhaltige Wirkung.
Neben dem Musketier- und dem Monte-Cristo-Zyklus schuf Dumas weitere vielgelesene historische Romane. Die Valois-Trilogie mit La Reine Margot (1845), La Dame de Monsoreau (1846) und Les Quarante-Cinq (1847) verbindet höfische Intrigen mit politischer Umbruchserfahrung. Mit Die schwarze Tulpe (La Tulipe noire, 1850) entfaltete er eine kunstvoll komponierte Abenteuergeschichte des Goldenen Zeitalters der Niederlande. Der Roman Georges (1843) griff Fragen von Rassismus und Kolonialgesellschaft auf. Darüber hinaus veröffentlichte Dumas Reisebücher wie die Impressions de voyage, autobiografische Schriften wie Mes Mémoires (1852–1854) und vielfältige Feuilletons, die sein Bild als universal produktiver Erzähler festigten.
Dumas engagierte sich öffentlich und verband Literatur mit Unternehmungen. 1847 gründete er in Paris das Théâtre-Historique, um eigene Stücke und Romanadaptionen aufzuführen; ambitionierte Projekte und großzügiger Lebensstil führten jedoch zu finanziellen Belastungen. Er sympathisierte mit republikanischen Ideen und unterstützte 1848 liberal-demokratische Bestrebungen. Nach dem Staatsstreich von 1851 verbrachte er Jahre im Ausland, unter anderem in Belgien. In den frühen 1860er-Jahren hielt er sich längere Zeit in Italien auf, stand der Bewegung für nationale Einheit nahe und leitete in Neapel die Zeitung L’Indipendente. Seine Erfahrungen dort flossen in weitere historische Erzählungen und Reportagen ein.
In seinen späten Jahren blieb Dumas produktiv, doch wechselhafte Einnahmen und die sich wandelnde Medienlandschaft erschwerten stabile Verlagsbindungen. Er starb 1870 in Puys bei Dieppe. Dumas’ Nachruhm ist außerordentlich: Seine Bücher werden weltweit gelesen, vielfach verfilmt und adaptiert, und seine Figuren sind zu Sinnbildern von Loyalität, Rache, Freundschaft und Gerechtigkeit geworden. 2002 wurden seine sterblichen Überreste in das Pariser Panthéon überführt, was seine nationale Bedeutung unterstrich. Sein Erbe prägt Abenteuerliteratur, Serienerzählweise und populäre Geschichtsdarstellung bis heute; zugleich bleibt sein Werk Gegenstand lebhafter Editions- und Rezeptionsforschung, weltweiter Übersetzungen, Neueditionen und wissenschaftlicher Debatten.
Ein Grafensohn und eine Königstochter.
Es war am 5. Mai des Jahres 1551[1q]. Ein junger Mensch von achtzehn Jahren und eine Frau von vierzig kamen aus einem kleinen Hause von einfachem Aussehen und durchschritten nebeneinander das Dorf Montgommery[1], das in der Landschaft Auge[2] lag.
Der junge Mann war von der schönen normannischen; Race mit kastanienbraunen Haaren, blauen Augen, weißen Zähnen und rosenfarbigen Lippen. Er hatte den frischen, sammetartigen Teint der Bewohner des Norden, der ihrer Schönheit vielleicht einwenig das Kräftige benimmt und sie beinahe zu einer weiblichen Schönheit macht. Er war übrigens bewunderungswürdig gestaltet in seinem zugleich starken und biegsamen Wuchse, durch den er sich ebenso zur Eiche als zum Rohr hinneigte. Sein Anzug war einfach aber zierlich; er trug ein Wamms[4] von dunkel veilchenblauem Tuch mit Stickereien von derselben Farbe. Seine Beinkleider waren von demselben Tuch und hatten dieselben Stickereien, wie sein Wamms; lange Stiefeln von schwarzem Leder, wie sie die Edelknechte trugen, gingen ihm bis über das Knie und ein leicht auf die Seite geneigtes, von einer weißen Feder beschattetes Toquet[3] bedeckte eine Stirne, worauf sich die Anzeichen der Ruhe und der Festigkeit erkennen« ließen.
Sein Pferd, dessen Zügel er um seinen Arm geschlungen hielt, folgte ihm, hob von Zeit zu Zeit den Kopf in die Hohe, um die Luft einzuatmen, und wieherte bei den Strömungen, die ihm der Wind brachte.
Die Frau schien, wenn nicht der untersten Klasse der Gesellschaft, doch wenigstens derjenigen anzugehören, welche zwischen diese und die bürgerliche gestellt ist. Ihre Tracht war einfach, aber von einer solchen Reinlichkeit, daß ihr gerade diese außerordentliche Reinlichkeit eine gewisse Eleganz verlieh. Wiederholt forderte sie der junge Mann auf, sich auf seinen Arm zu stützen, doch sie weigerte sich beständig, als ob diese Ehre über ihrer Stellung gewesen wäre.
Während sie so fortschritten und dem äußersten Ende der Straße zugingen, welche nach dem Schlosse führte, dessen massige Thürme man den unansehnlichen Flecken beherrschen sah, war Eines zu bemerken: daß nicht nur die jungen Leute und die Männer, sondern auch die Greise sich bei seinem Vorübergehen tief verbeugten vor dem Jüngling, der ihnen mit einem freundschaftlichen Nicken des Kopfes antwortete. Jeder schien ihn, der, wie man bald sehen wird, sich selbst nicht kannte, als seinen Gebietet und Herrn anzuerkennen.
Als sie das Dorf verließen, schlugen Beide den Weg oder vielmehr den Fußpfad ein, der sich jähe an der Seite des Berges aufwärts zog und kaum für zwei Personen neben einander Raum bot. Nach einigen Schwierigkeiten und auf die Bemerkung des jungen Cavaliers gegen seine Gefährtin, es wäre gefährlich für sie hinten zu gehen, da er sein Pferd am Zügel fuhren müsse, entschloß sich auch die gute Frau, voranzuschreiten.
Der junge Mann folgte ihr, ohne ein Wort zu spreche. Man sah, daß sieh seine nachdenkende Stirne unter dem Gewichte einer mächtigen inneren Beschäftigung neigte.
Es war ein schönes, furchtbares Schloß, das Schloß, dem die beiden an Alter und Lebenslage so verschiedenen Pilger zuwanderten. Vier Jahrhunderte und zehn Generationen waren nöthig gewesen, damit sich diese Steinmasse von ihren Grundfesten bis zu den Zinnen erhob, und, selbst ein Berg, den Berg beherrschte, auf dem man sie erbaut hatte.
Wie alle Gebäude jener Zeit, bot das Schloß der Grafen von Montgommery keine Regelmäßigkeit. Die Väter vermachten es den Söhnen und jeder Eigenthümer fügte, nach seiner Laune oder nach seinem Bedürfnis, dem steinernen Riesen etwas bei. Der viereckige Thurm, die Hauptburg, wurde unter den Herzogen der Normandie erbaut. Dann fügten sich die Thürmchen mit den zierlichen Zinnen und ausgemeißelten Fenstern dem ernsten Thurme bei, ihre steinernen Zierraten im Verlaufe der Zeit vermehrend, als befruchtete die Zeit diese Granitvegetation. Gegen das Ende der Regierung von Ludwig II. und am Anfang der von Franz I. vervollständigte endlich eine lange Galerie mit Bogenfenstern die secularische Zusammenballung.
Von dieser Gallerie oder vielmehr von der Höhe des Hauptthurmes erstreckte sich der Blick an mehren Stellen über die reichen, grünen Ebenen der Normandie. Denn die Grafschaft Montgommery lag, wie gesagt, im Lande Auge, und ihre acht bis zehn Baronien, so wie ihre hundert und fünfzig Lehen gehörten zu den Gerichtsbezirken Argentan, Caen und Alençon.
Endlich kam man vor die große Pforte des Schlosses.
Seltsamer Weise war die mächtige Burg seit mehr als fünfzehn Jahren ohne Herrn[2q]. Ein alter Vogt[5] zog die Pachtzinse ein; Diener, welche auch in dieser Einsamkeit ergraut waren, unterhielten die Burg, die man jeden Tag öffnete, als ob jeden Tag der Herr hätte zurückkommen sollen, die man jeden Abend schloß, als ob der Gebieter am andern Tag erwartet würde.
Der Vogt empfing die zwei Besuche mit derselben Freundschaft, welche Jeder gegen die Frau offenbarte, mit derselben Ehrfurcht, die Jeder dem jungen Mann zu zollen schien.
»Meister Elyot,« sagte die Frau, welche, wie wir gesehen, voranging, »wollt Ihr uns wohl Eintritt in das Schloß gewähren? Ich habe Herrn Gabriel (sie deute auf den jungen Mann) etwas mitzutheilen und kann dies nur im Ehrensaal[6]e thun.«
»Tretet ein, Dame Aloyse,« erwiderte Elyot, »sagt, wo Ihr wollt, was Ihr diesem jungen Herrn zu sagen habt. Ihr wißt, daß Euch leider Niemand stören wird.«
Man durchschritt den Saal der Wachen. Früher wachten zwölf Männer von den Ländereien der Grafschaft beständig in diesem Saale. Seit fünfzehn Jahren waren sieben von diesen Männern gestorben, ohne daß man sie wieder ersetzt hatte. Fünf blieben und lebten hier, thaten denselben Dienst, den sie zur Zeit des Grafen gethan hatten, und warteten, bis die Reihe des Sterbens auch an sie käme.
Man ging durch die Gallerie und trat in den Ehrensaal.
Er war ausgestattet und geschmückt wie am Tage, wo ihn der letzte Graf verlassen hatte. Nur war in diesen Saal, wo sich früher, wie in den Gemächern eines obersten Lehensherrn, der ganze Adel der Normandie versammelte, seit fünfzehn Jahren Niemand mehr gekommen, als die mit der Unterhaltung desselben beauftragten. Diener, und ein Hund, der Lieblingshund des letzten Grafen, der, so oft er eintrat, kläglich nach seinem Herrn schrie, eines Tags nicht mehr hinausgehen wollte und sich Vor dem Prachthimmel niederlegte, wo man ihn am andern Tag todt fand.
Nicht ohne eine gewisse Bewegung seines Gemüths trat Gabriel, —— man erinnert sich, daß man dem Jüngling diesen Namen gegeben hatte, —— trat Gabriel, sagen wir in diesen Saal mit den alten Erinnerungen. Doch der Eindruck, den er von diesen düsteren Wänden, von diesem majestätischen Prachthimmel, von diesen Fenstern empfing, welche so tief in die Mauer einschnitten, daß der Tag, obgleich es zehn Uhr Morgens war, außen stille zu stehen schien, dieser Eindruck war nicht mächtig genug, um ihn auch nur einen Augenblick Von der Ursache abzuziehen, die ihn hierher geführt hatte, und sobald man die Thüre hinter ihm geschlossen, sagte er:
»Nun, meine gute Aloyse, meine liebe Amme, in der That, obgleich Du mehr bewegt scheinst als ich selbst, hast Du doch keinen Vorwand, das Bekenntniß zu verschieben, das Du mir versprochen. Du mußt nun ohne Furcht und besonders ohne Verzug sprechen, Aloyse. Hast Du nicht lange genug gezögert, gute Amme, und habe ich nicht als gehorsamer Sohn lange genug gewartet? Wenn ich Dich fragte, welchen Namen ich zu fuhren berechtigt, welche Familie die meinige, welcher Edelmann mein Vater wäre, da antwortetest Du mir: »Gabriel, ich werde Euch dies Alles an dem Tage sagen, wo Ihr achtzehn Jahre alt seid, und damit das Alter der Volljährigkeit für Jeden, der den Degen zu führen berechtigt ist erreicht habt.« Heute, am 5. Mai 1551 habe ich mein achtzehntes Jahr zurückgelegt, ich bin gekommen, meine gute Aloyse, um Dich aufzufordern, Dein Versprechen zu halten, doch mit einer Feierlichkeit, die mich beinahe erschreckte, antwortetest Du mir: »Nicht im Hause der Witwe eines armen Stallmeisters darf ich Euch Euch selbst entdecken; es muß in dem Schloß des Grafen von Montgommery, und zwar im Ehrensaale dieses Schlosses geschehen.« Wir haben den Berg erstiegen, gute Aloyse, wir haben die Schwelle des Schlosses der edlen Grafen überschritten, wir sind in dem Ehrensaale, sprich also.«
»Setzt Euch, Gabriel, denn Ihr werdet mir erlauben, Euch noch einmal diesen Namen zu geben.«
Der junge Mann ergriff ihre Hände mit einer Bewegung tiefer Zärtlichkeit.
»Setzt Euch,« fuhr sie fort, »nicht auf diesen Sessel, nicht aus diesen Lehnstuhl.«
»Wohin soll ich mich denn setzen, gute Amme?« unterbrach sie der junge Mann.
»Unter diesen Prachthimmel,« antwortete Aloyse mit einer Stimme, der es nicht an einer gewissen Feierlichkeit gebrach.
Der junge Mann gehorcht.
Aloyse machte ein Zeichen mit dem Kopf.
»Nun hört mich,« sprach sie.
»Aber setze Dich doch wenigstens,« sagte Gabriel.
»Ihr erlaubt mir?.«
»Spottest Du, Amme?«
Die gute Frau setzte sich auf die Stufen des Thronhimmels, zu den Füßen des jungen Mannes, der aufmerksam einen Blick voll Wohlwollen und Neugierde auf sie heftete.
»Gabriel,« sagte die Amme, endlich entschlossen, zu sprechen, »Ihr waret kaum sechs Jahre alt, als Ihr Euren Vater verloret und ich meinen Mann; Ihr waret mein Säugling gewesen, denn Eure Mutter starb, als sie Euch zur Welt brachte. Die Milchschwester Eurer Mutter, liebte ich Euch von jenem Tage an wie mein eigenes Kind. Die Witwe weihte ihr Leben der Waise. Wie sie Euch ihre Milch gegeben, so gab sie Euch auch ihre Seele, und Ihr werdet mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, nicht Wahr Gabriel, daß nach Eurer Ueberzeugung mein Geist nie aufgehört hat, über Euch zu wachen.«
»Theure Aloyse,« erwiderte der junge Mann, viele, wahre Mütter hätten weniger gethan, als Du, das schwöre ich, und keine einzige, das schwöre ich ebenfalls, hätte mehr gethan.«
»Übrigens beeiferte sich Jeder um Euch, wie ich mich zuerst beeifert hatte,« fuhr die Amme fort. »Dom Jamet[7] von Croisic der würdige Kaplan dieses Schlosses, lehrte Euch die Buchstaben und die Wissenschaften, und Keiner, wie er sagte, vermöchte Euch einen Vorwurf in dem zu machen, was Lesen und Schreiben und Kenntniß der Geschichte der vergangenen Zeit und besonders der großen Häuser Frankreichs betrifft. Enguerrand Lorien, der vertraute Freund meines verstorbenen Mannes, Perrot Travigny und der ehemalige Stallmeister der Grafen von Vimoutiers, unserer Nachbarn, unterrichteten Euch in den Waffen, in der Handhabung der Lanze und des Schwertes, im Reiten, kurz, in allen Dingen des Ritterthums, und bei den Festen und Spielen, welche in Allencon bei der Vermählung und Krönung unseres gnädigsten Herrn Heinrich II[11]. gehalten wurden, habt Ihr schon vor zwei Jahren bewiesen, daß Ihr die guten Lectionen von Enguerrand benützt. Ich eine arme Unwissende, konnte Euch nur lieben und Gott dienen lehren. Dies zu thun, war ich stets bemüht. Die gute Jungfrau unterstützte mich, und heute mit achtzehn Jahren seid Ihr ein frommer Christ, ein gelehrter Herr und ein vollkommener Waffenmann, und ich hoffe, mit Gottes Hilfe werdet Ihr nicht unwürdig sein Eurer Ahnen, erlauchtester Gabriel, Herr von Lorge, Graf von Montgommery.«
Gabriel stand auf und stieß einen Schrei aus.
»Graf von Montgommery, ich!«
Dann sprach er mit einem stolzen Lächeln:
»Wohl! ich hoffte es und vermuthete es beinahe; höre, Aloyse, in meinen kindischen Träumen sagte ich es einmal zu meiner kleinen Diana. Aber was machst Du denn da zu meinen Füßen, gute Aloyse? Stehe auf und komm in meine Arme, fromme Frau. Willst Du mich nicht mehr als Dein Kind anerkennen, weil ich der Erbe der Montgommery bin? Der Erbe der Montgommery!« wiederholte er unwillkührlich zitternd vor Stolz, während er seine gute Amme umarmte. »Der Erbe der Montgommery! ich führe nun einen der ältesten und glorreichsten Namen von Frankreich. Ja, Dom Jamet hat mich, Reich für Reich, Geschlecht für Geschlecht, die Geschichte meiner edlen Ahnen, —— meiner Ahnen gelehrt. Umarme mich noch einmal, Aloyse! Was wird denn Diana zu Allem dem sagen? Der heilige Godegrand, Bischof von Suez, und die heilige Opportuna, seine Schwester, welche unter Karl dem Großen[9] lebten, gehörten zu unserem Haus. Roger von Montgommery[8] befehligte eines der Heere von Wilhelm dem Eroberer. Wilhelm von Montgommery machte einen Kreuzzug[10] auf seine Kosten. Wir waren mehr als einmal verwandt mit den königlichen Häusern von Schottland und Frankreich, und die ersten Lords von London, die vornehmsten Edelleute von Paris werden mich: Mein Vetter, nennen; mein Vater endlich . . .«
Der junge Mann hielt inne, als ob er plötzlich traurig würde. Doch bald fuhr er fort:
»Ach! bei Allem dem bin, ich allein in der Welt, Aloyse. Dieser hohe Herr ist eine arme Waise, dieser Abkömmling von so vielen königlichen Ahnen hat keinen Vater! Mein armer Vater! ich muß weinen, Aloyse. Und meine Mutter! Beide todt. O sprich mir von ihnen, damit ich erfahre, wie sie waren, nun, da ich weiß, daß ich ihr Sohn bin. Laß hören, fangen wir bei meinem Vater an: Wie ist er gestorben? Erzähle mir das.«
Aloyse schwieg. Gabriel schaute sie erstaunt an.
»Ich frage Dich, wie mein Vater gestorben sei,« wiederholte er.
»Gnädigster Herr, nur Gott allein weiß es,« antwortete sie. »Eines Tags verließ der Graf Jacques von Montgommery das Hotel, das er in der Rue des Jardins Saint-Paul in Paris bewohnte . . . er ist nicht mehr dahin zurückgekehrt. Seine Freunde seine Vettern haben ihn seitdem vergebens gesucht. Verschwunden, gnädigster Herr! Der König Franz I. gab Befehl zu einer Nachforschung, welche ohne Erfolg blieb. Seine Feinde, wenn er als Opfer eines Verraths umgekommen ist, waren sehr geschickt oder sehr mächtig. Ihr habt keinen Vater mehr, gnädigster Herr, und dennoch fehlt das Grab von Jacques von Montgommery in der Kapelle Eures Schlosses; denn man hat ihn weder, lebendig noch todt wiedergefunden.«
»Weil es nicht sein Sohn war, der ihn suchte!« rief Gabriel. »Ach, Amme! warum hast Du so lange stille geschwiegen? Verbargst Du mir meine Geburt, weil ich meinen Vater zu rächen oder zu retten hatte?«
»Nein, sondern weil ich Euch selbst retten mußte, gnädigster Herr. Wißt Ihr, was die letzten Worte meines Mannes, des braven Perrot Travigny, waren, der eine wahrhaft religiöse Verehrung für Euer Haus im Herzen trug? »Frau,« sagte er zu mir einige Minuten, ehe er den letzten Seufzer von sich gab, »Du wirst nicht warten, bis ich beerdigt bin, Du schließest mir nur die Augen und verlässest auf der Stelle Paris mit dem Kinde. Du gehst nach Montgommery, nicht in das Schloß, sondern in das Haus, das wir durch die Güte des gnädigen Herrn erhalten haben. Dort erziehst Du den Erben unserer Gebieter ohne Geheimniß, aber auch ohne Geräusch. Die guten Leute in unserem Lande werden ihn ehren und nicht verraten. Verbirg besonders ihm selbst seinen Ursprung; er würde sich zeigen und ins Verderben stürzen. Er soll nur erfahren, daß er Edelmann ist, das genügt für seine Würde und für das Gewissen. Hat ihn das Alter klug und ernst gemacht, wie ihn das Blut brav und rechtschaffen machen wird, hat er zum Beispiel achtzehn Jahre erreicht, so nenne ihm seinen Namen und seine Abstammung, Aloyse. Er wird dann selbst beurtheilen, was er thun soll und was er thun kann. Doch nimm Dich bis dahin in Acht, furchtbare Feindschaft, unüberwindlicher Haß würden ihn verfolgen, wenn er entdeckt wäre, und diejenigen, welche den Adler erreicht und berührt haben, würden seine Brut nicht verschonen.«
Er sagte mir das und starb, gnädigster Herr, und ich nahm, gehorsam seinen Befehlen, Euch meine arme Waise, Euch, der Ihr kaum Euren Vater gesehen, und brachte Euch hierher. Man wußte bereits das Verschwinden des Grafen, und man vermuthete, daß furchtbare, unversöhnliche Feinde Jeden bedrohten, der seinen Namen führte. Man sah Euch, man erkannte Euch ohne Zweifel im Dorfe, doch in Folge eines stillschweigenden Vertrags befragte mich Niemand, erstaunte Niemand über mein Geheimhalten. Kurze Zeit nachher wurde mir mein einziger Sohn, Euer Milchbruder, mein armer Robert durch das Fieber entrissen. Gott wollte offenbar, daß ich ganz Euch gehöre. Der Wille Gottes sei gesegnet! Alle gaben sich den Anschein, als glaubten sie, mein Sohn wäre der Ueberlebende, und dennoch behandelten Euch Alle mit frommer Ehrfurcht, mit rührendem Gehorsam. Dies geschah, weil Ihr schon dem Gesichte und dem Herzen nach Eurem Vater glichet. Der Instinkt des Löwen enthüllte sich in Euch, und man sah wohl, daß Ihr als Herr und Meister geboren waret. Die Kinder der Umgegend nahmen schon die Gewohnheit an, sich unter Eurem Befehl in Truppen zu bilden. Bei allen ihren Spielen marschiertet Ihr an ihrer Spitze, und keiner hätte es gewagt, Euch seine Huldigung zu verweigern. Als den jungen König des Landes hat Euch das Land aufgezogen, und es bewunderte Euch, als es sah, wie Ihr stolz und schön heranwachset. Die Güte der schönsten Früchte, der Zehnten der Ernte kamen in das Haus, ohne daß ich etwas verlangte. Das schönste Pferd der Weide ward immer Euch vorbehalten. Dom Jamet, Enguerrand und alle Knappen und Knechte des Schlosses leisteten Euch ihre Dienste als eine natürliche Schuld, und Ihr nahmt sie an als Euer Recht. Nichts an Euch, als kühnes, Muthiges, Hochherziges. In den geringsten Dingen ließet Ihr sehen, von welchem Geschlecht Ihr abstammtet. Man erzählt sich noch in den Abendstunden, wie Ihr eines Tags an einen Edelknaben meine zwei Kühe gegen einen Falken vertauschtet. Doch diese Instinkte, diese Aufschwingungen vertiethen Euch nur für die Getreuen, und Ihr bliebet verborgen und unbekannt für die Böswilligen. Der gewaltige Lärm der Kriege in Italien, Spanien und Flandern gegen Kaiser Karl V. trug, Gott sei Dank! nicht wenig zu Eurer Beschützung bei, und Ihr habt endlich gesund und wohlbehalten das Alter erlangt, wo mir Perrot mich Eurer Vernunft und Eurer Weisheit anzuvertrauen gestattete. Doch Ihr, der Ihr gewöhnlich so ernst und so klug, Ihr sprecht nun mit dem ersten Worte für die Verwegenheit und das Geräusch, für die Rache und den Lärmen.«
»Für die Rache, ja; für den Lärmen, nein, Aloyse! Du glaubst also, daß die Feinde meines armen Vaters noch leben?«
»Ich weiß es nicht, gnädigster Herr; nur wäre es sicherer, dies anzunehmen, und gesetzt, Ihr kämet an den Hof, noch unbekannt, doch mit Eurem glänzenden Namen, der die Blicke auf Euch ziehen wird, brav, aber unerfahren, stark durch Euer gutes Verlangen und die Gerechtigkeit Eurer Sache, doch ohne Freunde, ohne Verbündete, sogar ohne persönlichen Ruf, was wird dann geschehen? Diejenigen, welche Euch hassen, werden Euch kommen sehen und Ihr werdet sie nicht sehen; sie werden Euch schlagen und Ihr werdet nicht wissen, von wo der Schlag ausgeht; und Euer Vater wird nicht nur nicht gerächt sein, sondern Ihr habt Euch ins Verderben gestürzt.«
»Gerade deshalb, Aloyse, bedaure ich es, daß ich nicht Zeit hatte, mir Freunde und ein wenig Ruhm zu verschaffen. Ah! wenn ich zum Beispiel vor zwei Jahren Mittheilung erhalten hätte! . . . Gleichviel! das ist nur eine Verzögerung und ich werde die verlorenen Tage wieder einbringen. Auch aus anderen Gründen wünsche ich mir Glück, daß ich die letzten zwei Jahre in Montgommery geblieben bin. Ich gleiche es dadurch aus, daß ich nun den Schritt verdopple. Ich gehe nach Paris, Aloyse, und zwar ohne zu verbergen, daß ich ein Montgommery bin. Ich kann wohl nicht sagen, daß ich der Sohn des Grafen Jacques bin; die Lehen und Titel fehlen eben so wenig in unserem Hause, als im Hause Frankreich, und unsere Verwandtschaft in Frankreich und England ist zahlreich genug, daß ein Gleichgültiger sich nicht auszukennen vermag. Ich kann den Namen eines Vicomte d’Ermés annehmen, Aloyse, und dadurch verberge ich mich weder, noch zeige ich mich. Dann suche ich. . . wen suche ich am Hofe auf? Wende ich mich an den Connetable von Montmorency, an diesen grausamen Paternostersprecher? nein, ich, bin derselben Meinung wie Deine Grimasse, Aloyse... An den Marschall von Saint-Andre? er ist nicht jung und unternehmend genug... Eher an Franz von Guise? Ja, das ist es. M0ntmercy, Saint-Dizier, Bologna haben schon bewiesen, daß er etwas zu thun vermag. Zu ihm werde ich gehen, unter seinen Befehlen werde ich meine Sporen verdienen. Im Schatten seines Namens werde ich den meinigen erobern.«
»Der gnädige Herr wird mir die Bemerkung erlauben, daß der ehrliche und rechtschaffene Elyot Zeit gehabt hat, beträchtliche Summen für den Erben seiner Gebieter zurückzulegen. Ihr könnt ein königliches Feldgeräth führen, und die jungen Männer, Eure Grundholden, sind verpflichtet und werden sich eine Freude daraus machen, Euch in den Krieg zu folgen. Es ist Euer Recht, sie in Eure Nähe zu berufen, wie Ihr wißt, gnädigster Herr.«
»Und wir werden von diesem Rechte Gebrauch machen, Aloyse.«
»Will der gnädigste Herr alle Diener, Knechte und Leute seiner Lehen und Baronien, welche vor Verlangen, ihn zu begrüßen, glühen, nunmehr empfangen?«
»Noch nicht, meine gute Aloyse; doch sage Martin-Guerre, er möge ein Pferd satteln, um mich zu begleiten, habe vor Allem einen Ritt in der Gegend zu machen.«
»Vielleicht gegen Vimoutiers,« sagte die gute Aloyse, mit einer gewissen Bosheit lächelnd.
»Ja vielleicht. Bin ich nicht meinem alten Enguerrand einen Besuch und meinen Dank schuldig?«
»Und der gnädigste Herr wird sehr erfreut sein, mit den Glückwünschen von Enguerrand die eines hübschen kleinen Mädchens Namens Diana zu empfangen; nicht wahr?«
»Dieses hübsche kleine Mädchens« erwiderte Gabriel lachend, »ist meine Frau, und ich bin ihr Mann seit drei Jahren, das heißt seit meinem fünfzehnten und ihrem neunten Jahr.«
Aloyse wurde träumerisch.
»Gnädiger Herr,« sprach sie, »wenn ich nicht wüßte, wie gesetzt und aufrichtig Ihr trotz Eurer Jugend seid, wie ernst und tief jedes Gefühl bei Euch ist, so würde ich mich wohl vor den Worten hüten, die ich Euch zu sagen habe. Doch was für Andere ein Spiel ist, wird für Euch oft eine ernste Sache. Bedenkt wohl, gnädigster Herr, daß man nicht weiß, wessen Tochter Diana ist. Die Frau von Enguerrand, welcher damals seinem Herrn, dem Grafen von Vimoutiers, nach Fontainebleau gefolgt war, fand, nach Hause zurückkehrend, ein Kind in einer Wiege und eine schwere Goldbörse auf einem Tische; in der Börse war nebst einer sehr beträchtlichen Summe die Hälfte eines gravierten Ringes und ein Papier mit dem einzigen Worte: Diana. Bertha, die Frau von Enguerrand hatte kein Kind aus ihrer Ehe und nahm mit Freuden diese andere Mutterschaft an, welche man von ihr verlangte. Als sie jedoch wieder nach Vimoutiers kam, starb sie, wie mein Mann gestorben ist, dem sein Gebieter Euch anvertraut hatte, gnädigster Herr, und eine Frau erzog den verwaisten Knaben, während ein Mann das verwaiste Mädchen aufzog. Doch Beide mit einer ähnlichen Aufgabe betraut, tauschten wir unsere Fürsorge aus, und ich suchte Diana gut und fromm zu machen, wie Enguerrand Euch geschickt und gelehrt gemacht hat. Ihr habt natürlich Diana kennen lernen und seid natürlich an sie anhänglich geworden. Doch Ihr seid der Graf von Montgommery, durch authentische Papiere und öffentliche, unumstößliche Zeugschaft anerkannt, während man Diana noch nicht mit der andern Hälfte des goldenen Ringes zurückgefordert hat. Nehmt Euch in Acht, gnädigster Herr, ich weiß wohl, daß Diana ein Kind von kaum zwölf Jahren ist; doch sie wird größer werden, sie wird von einer reizenden Schönheit sein, und ich wiederhole, bei einer Natur, wie die Eurige ist, wird Alles ernst. Nehmt Euch in Acht; es ist möglich, daß sie stets bleibt, was sie noch ist, ein Findelkind, und Ihr seid zu vornehmer Herr, um sie zu heirathen, und zu sehr Edelmanm um sie zu verführen.«
»Aber meine liebe Amme, da ich abreisen, Dich verlassen und Diana verlassen werde...« sagte Gabriel nachdenkend.
»Gerade das ist es; verzeiht Eurer alten Aloyse ihre zu ängstliche Vorsicht und besucht, wenn es Euch beliebt, das sanfte, niedliche Kind, das Ihr Eure kleine Frau nennt. Doch bedenkt, daß man Euch ungeduldig hier erwartet. Auf baldiges Wiedersehen, nicht wahr, gnädiger Herr Graf.«
»Auf baldiges Wiedersehen und umarme mich noch einmal, Aloyse; nenne mich immerhin Dein Kind, und sei tausendmal bedankt, meine gute Amme.«
»Seid tausendmal gesegnet, mein Kind und mein Herr.«
Meister Martin-Guerre erwartete Gabriel vor der Thüre und Beide stiegen zu Pferde.
Eine Vermählte, welche noch mit der Puppe spielt.
Um schneller fortzukommen, wählte Gabriel ihm wohl bekannte Fußpfade.
Und dennoch ließ er sein Pferd zuweilen langsamer gehen, und man kann sogar sagen, daß er das schöne Thier den Gang seiner Träumerei nehmen ließ. In der That, sehr verschiedenartige Gefühle, bald leidenschaftlich, bald traurig, bald stolz und bald niedergeschlagen, durchzogen abwechselnd das Herz des jungen Mannes. Bedachte er, daß er der Graf von Montgommery war, so funkelte sein Blick und er gab seinem Pferde den Sporn, als wollte er sich in der Luft berauschen, die um seine Schläfe her pfiff, und dann sagte er sich wieder:
»Mein Vater ist getödtet worden und noch nicht gerächt.«
Und er ließ die Zügel in seiner Hand sinken. Doch plötzlich dachte er daran, daß er sich schlagen, daß er sich einen furchtbaren und gefürchteten Namen machen, daß er alle seine Ehren« und Blutschulden bezahlen sollte, und er jagte im Galopp fort, als ob er in der That dem Ruhm entgegen reiten würde, bis er, bedenkend, daß er deshalb seine kleine, so liebenswürdige und so hübsche Diana verlassen müßte, wieder in Schwermuth versank und allmälig nur noch im Schritt ritt, als hätte er dadurch den grausamen Augenblick der Trennung verzögern können. Doch er würde wiederkommen, er hatte die Feinde seines Vaters und die Eltern von Diana gefunden . . . Und Gabriel gab seinem Pferde beide Sporen und flog so rasch als seine Hoffnung. Als er an Ort und Stelle kam, hatte in dieser jungen, ganz für das Glück geöffneten Seele die Freude offenbar die Traurigkeit verjagt.
Ueber die Decke, die den Obstgarten des alten Enguerrand umgab, erblickte Gabriel unter den Bäumen das weiße Gewand von Diana. Bald hatte er sein Pferd an einen Weidenstamm gebunden, bald hatte er mit einem Sprunge über die Hecke gesetzt; strahlend und triumphierend fiel er dem jungen Mädchen zu Füßen.
Doch Diana weinte.
»Was gibt es, liebe kleine Frau,« sagte Gabriel, »und woher rührt dieser bittere Kummer? Sollte uns etwa Enguerrand gezankt haben, weil wir ein Kleid zerrissen, oder unser Gebet schlecht gesprochen? Oder ist etwa unser Dompfaff entflogen? Sprich, Diana, meine Geliebte, Dein treuer Ritter ist hier, um Dich zu trösten.«
»Ach! nein, Gabriel, Ihr könnt nicht mehr mein Ritter sein,« sprach Diana, »und gerade deshalb bin ich traurig, weine ich.«
Gabriel glaubte, Diana sei durch Enguerrand Von dem Namen ihres Spielgefährten unterrichtet worden und wolle ihn vielleicht prüfen.
»Und welches Unglück,« erwiderte er, »oder welches, Glück, Diana, könnte mich je bewegen, auf den süßen Titel zu verzichten, den Du mich hast annehmen lassen und den ich so freudig und so stolz führe? Siehst Du, ich liege vor Dir auf den Knieen.«
Doch Diana schien nicht zu begreifen, und heftiger weinend als je verbarg sie ihre Stirne an der Brust von Gabriel und rief schluchzend:
»Gabriel! Gabriel! wir dürfen uns fortan nicht mehr sehen.«
»Und wer wird uns daran hindern?« versetzte er rasch.
Sie erhob ihr blondes, reizendes Haupt und schlug ihre blauen, in Thränen gebadeten Augen auf; dann sprach; sie mit einer ganz feierlichen und ernsten Miene und mit einem tiefen Seufzer:
»Die Pflicht.«
Ihr reizendes Antlitz hatte einen so trostlosen und zugleich so komischen Ausdruck, daß Gabriel, darüber entzückt, sich eines Lachens nicht erwehren konnte; er nahm zwischen seine Hände die reine Stirne des Kindes und küßte sie wiederholt; doch sie entfernte sich lebhaft und rief:
»Nein, mein Freund, keine Schäkereien mehr. Mein Gott! mein Gott! sie sind mir nun verboten.«
»Was wird Enguerrand ihr Alles erzählt haben?« sagte Gabriel, in seinem Irrthum verharrend, zu sich selbst. »Liebst Du mich denn nicht mehr, meine theure Diana?« fügte er bei.«
»Ich Dich nicht mehr lieben!« rief Diana. »Wie kannst Du solche Dinge annehmen und sagen, Gabriel? Bist Du nicht der Freund meiner Kindheit und der Bruder meines ganzen Lebens? Hast Du mich nicht stets mit der Güte und Zärtlichkeit einer Mutter beandelt? Wenn ich lachte und wenn ich weinte, wen fand ich da unabläßig an meiner Seite, um meine Heiterkeit oder meinen Kummer zu theilen? Dich, Gabriel! . . . Wer trug mich, wenn ich müde war? wer half, mir meine Lectionen lernen? wer schrieb sich meine Fehler zu und theilte meine Strafe, wenn er sie nicht auf sich allein nehmen konnte? abermals Du! Wer erfand tausend Spiele für mich? wer machte mir schöne Sträuße auf den Wiesen? wer nahm mir Stieglitznester aus? immer Du! ich habe Dich aller Orten und jeder Zeit gut, freundlich und mir ergeben gefunden. Gabriel, Gabriel, ich werde Dich nie vergessen, und so lange ich lebe, wirst Du in meinem Herzen leben; ich hätte Dir gern mein Dasein und meine Seele gegeben, und ich träumte nie von Glück, als indem ich von Dir träumte: doch dessen ungeachtet müssen wir uns leider trennen, um uns ohne Zweifel nie wiederzusehen.«
»Und warum? Um Dich dafür zu bestrafen, daß Du boshafter Weise den Hund Phylar in den Hühnerhof geführt hast?« fragte Gabriel.
»Oh! aus einem ganz andern Grunde.«
»Und warum denn?«
Sie erhob sich und ließ ihren Arm an ihrem Kleide herab und ihren Kopf auf die Brust fallen und sprach:
»Weil ich die Frau eines Andern bin.«
Gabriel lachte nicht mehr und eine seltsame Unruhe schnürte ihm das Herz zusammen; mit bewegter Stimme fragte er:
»Was soll das bedeuten, Diana?«
»Ich heiße nicht mehr Diana,« erwiderte sie, »ich heiße Frau Herzogin von Castro, denn mein Gemahl heißt Horazio Farnese, Herzog von Castro.«
Und das kleine Mädchen konnte nicht umhin, ein wenig durch ihre Thränen zu lächeln, als es sagte: Mein Gemahl, mit zwölf Jahren! In der That, es war glorreich, Frau Herzogin! Doch ihr Schmerz erfaßte sie wieder, als sie den Schmerz von Gabriel wahrnahm.
Der Jüngling stand vor ihr, bleich und mit erschrockenen Augen.
»Ist es ein Spiel? Ist es ein Traum?« sagte er.
»Nein, mein armer Freund, es ist die traurige Wirklichkeit,« versetzte Diana. »Hast Du nicht auf dem Wege Enguerrand begegnet, der vor einer halben Stunde nach Montgommery abgegangen ist?«
»Ich habe kürzere Pfade gewählt. Doch vollende.«
»Warum bist Du auch vier Tage lang nicht gekommen, Gabriel? Das ist nie geschehen, und bat uns Unglück gebracht, wie Du siehst. Vorgestern Abend konnte ich kaum einschlafen. Ich hatte Dich zwei Tage lang nicht gesehen, war unruhig, und ließ mir von Enguerrand Versprechen, wenn Du am andern Tage nicht kämest, so würden wir an dem darauffolgenden Morgen nach Montgommery gehen. Und dann hatten wir, Enguerrand und ich, wie in einem Vorgefühl, von der Zukunft, von der Vergangenheit, von meinen Eltern gesprochen, die mich vergessen zu haben schienen. Es ist schlimm, was ich Dir sagen werde, aber ich wäre vielleicht glücklicher gewesen, wenn sie mich in der That vergessen hätten. Diese ganze ernste Unterredung hatte mich, wie sich von selbst versteht, ein wenig betrübt und angegriffen, und ich brauchte, wie gesagt, lange, um einzuschärfen, weshalb ich gestern Morgen etwas später erwachte als gewöhnlich. Ich kleidete mich in aller Eile an, verrichtete mein Gebet und wollte eben hinabgehen, als ich ein gewaltiges Geräusch unter meinem Fenster vor der Hausthüre hörte. Es waren herrliche Cavaliere, Gabriel, gefolgt von Stallmeistern und Edelknaben, und hinter dem Reiterzug eine glänzende, vergoldete Carrosse. Als ich neugierig den Zug anschaute und mich wunderte, daß er vor unserer armseligen Wohnung hielt, klopfte Antoine an meine Thüre und bat mich, auf Befehl von Herrn Enguerrand, sogleich hinabzukommen. Ich weiß nicht, warum ich bange hatte, doch ich mußte gehorchen und gehorchte. Als ich in den großen Saal trat, war er voll von den prächtigen Herren, die ich von meinem Fenster aus gesehen. Ich erröthete und zitterte erschrockener als je, Du begreifst das, Gabriel?«
»Ja« antwortete Gabriel mit Bitterkeit. »Fahre nur fort, denn die Sache wird in der That interessant.«
»Bei meinem Eintritt,« fuhr Diana fort, »kam einer der gesticktesten Herren auf mich zu, reichte mir seine behandschuhte Hand und führte mich vor einen andern Edelmann, oer nicht minder reich geschmückt war als er; dann sich verbeugend, sprach er:
»Durchlauchtigster Herr Herzog von Castro, ich habe die Ehre, Euch Eure Frau vorzustellen. Madame,« fügte er sich gegen mich umwendend bei, »Herr Horazio Farnese, Herzog von Castro, Euer Gemahl.«
Der Herzog grüßte mich mit einem Lächeln. Ich aber warf mich ganz verwirrt und in Thränen ausbrechend in die Arme von Enguerrand, den ich in einem Winkel erblickt hatte.
»Enguerrand! Enguerrand! Dieser Prinz ist nicht mein Gemahl, ich habe keinen andern Gemahl als Gabriel. Enguerrand, sage es doch diesen Herren, ich bitte Dich.«
Derjenige, welcher mich dem Herzog vorgestellt hatte, runzelte die Stirne und fragte Enguerrand mit strengem Tone:
»Was soll diese Kinderei?«
»Nichts, gnädiger Herr; in der That eine Kinderei,« antwortete Enguerrand ganz bleich.
»Und leise sieh an mich wendend: »Seid Ihr toll, Diana! was soll eine solche Widerspenstigkeit? Wie könnt Ihr Euch so weigern, Euren Eltern zu gehorchen, die Euch wieder gefunden haben und Euch zurückfordern!«
»Wo sind sie, meine Eltern?« sagte ich laut. »Mit ihnen will ich sprechen.«
»In ihrem Namen kommen wir, mein Fräulein,« erwiderte der strenge Herr. »Ich bin hier ihr Stellvertreter; wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so seht den Befehl unterzeichnet von König Heinrich lI., unserem Gebieter, und leset.«
»Er reichte mir ein Pergament, versehen mit einem rothen Siegel, und ich las oben auf der Seite: »Wir Heinrich, von Gottes Gnaden;« und unten die königliche Unterschrift: Heinrich. Ich war geblendet, betäupt, vernichtet. ich bekam den Schwindel und das Delirium. Alle diese Menschen hatten die Augen auf mich gerichtet! Enguerrand selbst verließ mich! Der Gedanke an meine Eltern! der Name des Königs! dies Alles war zu viel für meinen armen Kopf. Und Du warst nicht da, Gabriel!«
»Doch mir scheint, meine Gegenwart konnte Euch nicht nothwendig sein,« versetzte Gabriel.
»Oh! doch Gabriel; wärest Du gegenwärtig gewesen, so würde ich noch widerstanden haben; als aber der Edelmann, der Alles zu leiten schien, zu mir sagte:
»Vorwärts, schon genug der Säumniß; Frau von Leviston, Eurer Sorge vertraue ich Frau von Castro; wir erwarten Euch, um in die Kapelle hinauf zu gehen;« da kam mir seine Stimme so gebieterisch vor, er schien so wenig Widerstand zu gestatten, daß ich mich fortführen ließ. Gabriel, verzeihe mir, ich war verwirrt, gelähmt, und hatte keinen Gedanken mehr. . . .«
»Wie! das begreift sich vortrefflich,« erwiderte Gabriel mit einem höhnischen Gelächter.
