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In "Die bekanntesten erotischen Novellen von Guy de Maupassant" entfaltet der Meister der Kurzgeschichte seine exquisite Fähigkeit, das Spiel der Sinne und das Verlangen der Menschen zu schildern. Maupassants literarischen Stil, geprägt von Schärfe und Psychologie, verwebt prägnante Prosa mit einer tiefgründigen Thematisierung menschlicher Beziehungen und Leidenschaften. Die Novellen sind ein Spiegel der Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die sowohl die Lust als auch die sozialen Konventionen hinterfragt und dabei eine verführerische Erzählweise nutzt, die den Leser in den Bann zieht. Guy de Maupassant, geboren 1850 in der Normandie, war ein scharfer Beobachter der menschlichen Natur und ein Pionier der modernen Erzählkunst. Sein abwechslungsreiches Leben als Reporter, Reisender und Teil der Pariser Bohème brachte ihm zahlreiche Einblicke in die verschiedenen Facetten des Lebens, die er eindringlich in seinen Werken verarbeitete. Die oft kontroversen Themen seiner Geschichten, die sowohl Freizügigkeit als auch die Herausforderungen des Verlangens thematisieren, resultieren aus seiner persönlichen Erfahrung und seiner kritischen Haltung gegenüber der damaligen Gesellschaft. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich für die Entwicklung der erotischen Literatur und die Nuancen menschlicher Beziehungen interessieren. Maupassants Geschichten laden dazu ein, die Grenzen der konventionellen Moralkodizes zu hinterfragen und eröffnen einen faszinierenden Zugang zu einem oft vernachlässigten, aber wichtigen Genre der Literatur. Tauchen Sie ein in die Welt der Sinnlichkeit und der komplexen Emotionen, die durch Maupassants Feder lebendig werden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung mit dem Titel Die bekanntesten erotischen Novellen von Guy de Maupassant bündelt eine sorgfältig kuratierte Auswahl von Prosa, in der Sinnlichkeit, Beobachtungsgabe und gesellschaftliche Schärfe zusammenfinden. Im Mittelpunkt stehen die Erzählungen Die Nichten der Frau Oberst, Die Schwestern Rondoli, Die Wirtin und Das Zeichen. Die Zusammenstellung macht die Spannweite sichtbar: vom umfangreicheren, in Kapitel gegliederten Text bis zur kompakten Novelle. Ziel ist es, einen prägnanten Zugang zu jener Seite des Maupassant’schen Œuvres zu eröffnen, in der Erotik nicht Selbstzweck ist, sondern Erkenntnismittel über Menschen, Masken, Machtspiele und die stillen Gesetze gesellschaftlicher Ordnung.
Der Band versammelt keine Dramen, Gedichte oder Briefe, sondern ausschließlich erzählende Prosa. Er bietet Novellen und Erzählungen in unterschiedlichen Längen und Bauformen: eine in 28 Kapiteln entwickelte Erzählung, eine Folge in drei Teilen sowie kurze, in sich geschlossene Stücke. Dadurch lässt sich verfolgen, wie Maupassant Dramaturgie, Tempo und Perspektive je nach Umfang variiert. Wer seine Romane oder die große Gesamtausgabe sucht, liegt hier bewusst nicht richtig; die vorliegende Auswahl hat den Zweck, die erotisch akzentuierte Kurz- und mittlere Form exemplarisch zu zeigen und zugleich die narrative Ökonomie dieses Autors erfahrbar zu machen.
Maupassant gilt als einer der prägenden Erzähler des späten 19. Jahrhunderts und ist dem Realismus wie auch naturwissenschaftlich geschärften Beobachtungshaltungen verpflichtet. Seine Erotik ist keine bloße Ausschmückung, sondern eine Methode des Hinsehens: Sie legt Wünsche frei, enthüllt Verhältnisse und entlarvt Konventionen. Die vorliegenden Texte zeigen, wie fein er Alltagsszenen, Begegnungen und soziale Räume skizziert, um daraus Spannung zu gewinnen. Das Unaufgeregte seines Tons lässt umso deutlicher die Verstörungen hervortreten, die aus Blicken, Andeutungen und kleinen Verschiebungen in Beziehungen entstehen.
Verbindende Themen dieser Sammlung sind Begehren, Macht, Täuschung und soziale Maskerade. Maupassant zeigt, wie Normen Körper und Sprache regulieren und wie Begierden Nischen finden, in denen sie dennoch aufscheinen. Ehe, Status, Geld und Ansehen bilden den Resonanzraum, in dem seine Figuren handeln. Der erotische Impuls ist dabei Auslöser von Komik und Tragik, Mittel der Selbsterkenntnis und Anlass zur Selbsttäuschung. Wiederkehrend ist die Spannung zwischen gesellschaftlicher Fassade und privatem Impuls, zwischen ritueller Höflichkeit und plötzlicher Enthemmung, zwischen Selbstbild und dem Blick der anderen.
Stilistisch vertraut diese Prosa auf Knappheit, Präzision und die Wirkung des Details. Maupassant komponiert Szenen mit klarer Linienführung, schärft Konturen durch pointierte Beobachtungen und setzt Ironie, Rhythmus und Überraschung ein, ohne den Fluss zu stören. Erzähler und Figurenrede greifen ineinander, wodurch Tonlagen wechseln können: lakonisch, spöttisch, zärtlich, unerbittlich. Beschreibungen dienen nicht dem Dekor, sondern der Psychologie; ein Gegenstand, eine Geste, ein Raum genügt, um Charaktere zu beleuchten. So entfaltet sich eine Dichte, die den Leser in die Zwischenräume von Reden, Schweigen und Andeutungen zieht.
Die Schauplätze reichen von privaten Innenräumen bis zu öffentlichen Sphären, von Gasthäusern und Salons bis zu Reise- und Übergangssituationen. Solche Orte sind Katalysatoren der Handlung: Sie erzeugen Nähe, Versuchung, Beobachtbarkeit oder Anonymität. Das Milieu wird nicht exotisiert, sondern in seiner Funktion gezeigt, soziale Rollen zu formen und zugleich Reibung zu erzeugen. Wo Konventionen herrschen, entstehen Rituale; wo Rituale herrschen, öffnet sich Raum für Regelbrüche. Diese Spannungen tragen die Erzählungen, sie bestimmen Dynamik, Tempo und die Art, wie Momente der Entscheidung plötzlich heraufziehen.
Die Figurenzeichnung meidet Schablonen. Frauen erscheinen nicht als bloße Projektionsflächen, Männer nicht nur als Triebträger; beider Begehren und ihre Strategien werden mit gleicher Klarheit erfasst. Maupassant zeigt die Intelligenz von Figuren, ihre Verletzlichkeit und die Taktiken, mit denen sie in engen sozialen Bahnen Spielräume gewinnen. Gerade im erotischen Feld, in dem Macht und Verletzbarkeit eng beieinanderliegen, kommt seine psychologische Genauigkeit zur Geltung. Die Nuance zählt: eine Verzögerung, eine falsche Intonation, ein zu langer Blick – kleine Differenzen mit großer Wirkung.
Ein tragendes Merkmal ist die kontrollierte Ironie. Sie demütigt nicht, sondern schafft Abstand, der Erkenntnis ermöglicht. Humor und Grausamkeit stehen mitunter nah beieinander; Heiterkeit kann in Melancholie kippen. Maupassant moralisiert nicht, doch er zeigt Folgen, und er vertraut auf die Urteilskraft der Leserinnen und Leser. Das Erotische wird dabei nie laut, sondern bleibt oft in der Sphäre des Andeutbaren. Gerade diese Zurückhaltung steigert Intensität und Deutungsreichtum, weil sie die Vorstellung verpflichtet und den Sinn für Zwischentöne schärft.
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer formalen Strenge und ihrer gedanklichen Klarheit. Sie sind zugleich Zeitbilder und überzeitliche Studien über Wunsch, Rolle und Risiko. Wer heutige Debatten über Geschlechterrollen, Konsens, Machtverhältnisse und soziale Performanz liest, entdeckt in Maupassants Prosa Vorläufer analytischer Perspektiven. Seine Erzählungen sind kompakt genug, um unmittelbar zu wirken, und komplex genug, um wiederholte Lektüre zu belohnen. Dass sie ohne pädagogischen Zeigefinger auskommen, macht ihren Reiz und ihre argumentative Kraft in literarischen Gesprächen und im Unterricht aus.
Die vorliegende Ausgabe präsentiert die genannten Erzählungen in deutscher Sprache und wahrt die jeweilige innere Gliederung. Die Nichten der Frau Oberst entfaltet sich kapitelweise, Die Schwestern Rondoli erscheint in drei Teilen; Die Wirtin und Das Zeichen stehen als eigenständige Stücke. Dadurch wird die formale Vielfalt sichtbar, ohne den Lesefluss zu stören. Die Auswahl konzentriert sich auf narrativ geschlossene Texte und vermeidet paratextuelle Ablenkungen. So entsteht ein kompakter Band, der das thematische Profil bündelt und zugleich die Werkzeuge sichtbar macht, mit denen Maupassant Spannungen aufbaut und auflöst.
Für die Lektüre empfiehlt sich zweierlei Zugang: Entweder beginnt man mit den kürzeren Erzählungen, um Ton, Haltung und Motivik kennenzulernen, und wendet sich anschließend dem umfangreicheren, kapitelweise voranschreitenden Text zu; oder man liest entlang der Themen, etwa von Täuschung über Macht zu Offenbarung. In beiden Fällen entsteht ein Weg durch Varianten desselben Grundkonflikts: wie Individuen in dichten Netzen aus Konvention und Begehren handeln. Diese Wege sind spoilerfrei gangbar, weil die Faszination in Beobachtung, Sprache und Atmosphäre liegt, nicht in überraschenden Wendungen allein.
Diese Sammlung lädt dazu ein, Maupassant als Meister der konzentrierten Beobachtung neu oder wieder zu entdecken. Wer sie als erotische Novellen liest, wird eine Schule des Hinsehens finden; wer sie als Gesellschaftsprosa liest, eine Schule des Hörens auf Untertöne. Der Band führt vor, dass Sinnlichkeit in der Literatur Erkenntnisarbeit leistet: Sie tastet an Grenzen entlang, prüft Rollenbilder und macht sichtbar, was man nicht sagen darf und dennoch tut. In diesem Spannungsfeld behaupten die Texte ihre Gegenwart – präzise, leise, nachhallend, und von einer Klarheit, die auch heute überrascht.
Guy de Maupassant (1850–1893) gilt als einer der prägnantesten Erzähler des 19. Jahrhunderts in Frankreich. In der Tradition des Realismus und an den Rändern des Naturalismus verband er scharfe Beobachtung, stilistische Klarheit und oft beißende Ironie. Seine Texte porträtieren bürgerliche Milieus, flirrende Begierden und die Zufälligkeit des Schicksals, ohne Pathos, aber mit präziser Ökonomie. Als Meister der Kurzgeschichte prägte er die Form des Conte ebenso wie den psychologisch pointierten Gesellschaftsroman. Seine Wirkung reicht weit über seine Epoche hinaus und prägt bis heute Vorstellungen davon, wie knappe, dichte Prosa menschliche Schwächen sichtbar machen kann.
Aufgewachsen in der Normandie, erhielt Maupassant seine Schulbildung unter anderem in Rouen; früh wurde sein Talent von Gustave Flaubert erkannt, der ihn literarisch förderte und auf strenge Ökonomie des Ausdrucks verpflichtete. Kontakte zu Émile Zola und dem Kreis der Naturalisten schärften sein Gespür für gesellschaftliche Beobachtung, ohne ihn auf Doktrin festzulegen. Erfahrungen aus dem Deutsch-Französischen Krieg und aus dem Pariser Verwaltungsdienst ergänzten sein Reservoir an Stoffen und Typen. Diese Einflüsse bilden den Hintergrund seiner späteren, oft illusionslosen, doch empathischen Erzählhaltung, die nüchterne Darstellung, ironische Distanz und präzises Dialoghandwerk miteinander verbindet.
Seine publizistische Laufbahn begann Maupassant neben einer Anstellung im Staatsdienst; journalistische Beiträge und Prosaskizzen bereiteten den literarischen Durchbruch vor. 1880 festigte die vielbeachtete Erzählung Boule de Suif seinen Ruf und öffnete den Weg zu einer außergewöhnlich produktiven Phase. In rascher Folge erschienen Kurzgeschichtenbände und Romane, die ein breites Publikum fanden und von der Kritik als beispielhaft für Klarheit, Tempo und psychologische Treffsicherheit gewürdigt wurden. Parallel hielt er enge Verbindungen zur Presse, was seinen Realismus im Alltäglichen verankerte. Die sichere Beherrschung von Perspektivwechseln und Pointen machte ihn zum Referenzautor für die moderne Kurzprosa.
Maupassant schrieb sowohl Romane wie Une vie, Bel-Ami und Pierre et Jean als auch Hunderte von Contes. Prägend sind seine ökonomische Erzählweise, die präzise Zeichnung sozialer Rollen und ein oft abruptes, doch motiviertes Ende. Figuren handeln weniger heroisch als beiläufig, getrieben von Begehren, Angst oder der Macht des Zufalls. Die Erzählung Das Zeichen zeigt exemplarisch, wie Missverständnisse, gesellschaftliche Codes und Selbstbild miteinander kollidieren: Ein kleiner Impuls setzt eine Wirkungskette in Gang, die Konventionen entlarvt. Solche Konstellationen erlauben psychologische Schärfe ohne moralisierenden Ton, getragen von knappen Bildern und rhythmischem Satzbau sowie präziser Interpunktion.
Die Schwestern Rondoli entfaltet, mit leichter Hand und sarkastischer Tönung, das Spiel von Begehren und Projektion, das Reisen als Bühne der Selbsttäuschung nutzt. Die Wirtin konzentriert sich auf Machtverhältnisse und Abhängigkeiten in scheinbar banalen Beziehungen; das Milieu der Gastwirtschaft wird zum Brennspiegel sozialer Masken. Gemeinsam mit Das Zeichen demonstrieren diese Stücke Maupassants Fähigkeit, Situationen rasch zu etablieren, Spannungen leise zu verschieben und am Ende eine ernüchternde Klarheit zu erzwingen. Sie zeigen ihn als Autor, der die Verführbarkeit des Blicks ebenso registriert wie die feinen Mechanismen, mit denen Status, Sprache und Zufall Entscheidungen formen.
In den 1880er Jahren steigerte Maupassant sein Pensum erheblich, zugleich suchte er Abstand vom Pariser Betrieb, reiste häufig und arbeitete diszipliniert an Serien von Erzählungen. Die gesundheitliche Belastung wuchs gegen Ende des Jahrzehnts; sie beeinträchtigte sein Arbeiten und führte zu Rückzug und Krisen. 1892 kam es zu einem Zusammenbruch; er starb 1893 in Paris. Diese späten Jahre minderten seine Produktivität, doch nicht die Präsenz seines Werks. Zeitgenössische Stimmen schwankten zwischen Bewunderung für die technische Meisterschaft und Vorbehalten gegen den Pessimismus; in der Rückschau überwiegt die Anerkennung für seine stilistische Präzision.
Maupassants Vermächtnis beruht auf der Verbindung von erzählerischer Ökonomie, illusionsloser Gesellschaftsanalyse und menschlicher Anteilnahme. Seine Kurzprosa wirkt bis heute nach, in Literatur, Film und Erzählschulen, und dient als Modell für dichte Szenenführung und wirkungsvolle Schlusspunkte. In deutscher Sprache sind zahlreiche Übersetzungen zugänglich; die hier versammelten Erzählungen, darunter Die Schwestern Rondoli, Die Wirtin und Das Zeichen, bieten einen kompakten Zugang zu Themen, die modern geblieben sind: Wahrnehmung und Täuschung, Zufall und Entscheidung, Begehren und Konvention. Seine Texte laden zur erneuten Lektüre ein, weil sie mit knappen Mitteln komplexe soziale Situationen sichtbar machen.
Guy de Maupassant (1850–1893) schrieb den Großteil seiner Novellen zwischen 1880 und 1890, in einer Phase beschleunigter gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche in Frankreich. Die in dieser Sammlung versammelten erotischen Stücke stehen im Kontext seiner realistischen und naturalistischen Kurzprosa, die knapp, beobachtend und häufig ironisch die Verhältnisse der Dritten Republik spiegelt. Erotische Motive dienen dabei nicht bloß der Reizung, sondern der Analyse von Macht, Geld und sozialer Stellung. Zeitgenössische Leserschaften begegneten solchen Texten in Zeitungen und Magazinen ebenso wie in preiswerten Sammelbänden. Der Autor bewegte sich souverän zwischen Feuilleton, literarischer Zeitschrift und Buchmarkt, was die rasche Verbreitung seiner Novellen begünstigte.
In den Jahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 etablierte sich die Dritte Republik, geprägt von politischer Konkurrenz zwischen Monarchisten, Republikanern und Katholiken wie Antiklerikalen. Die blutige Niederschlagung der Pariser Kommune hinterließ ein dauerhaftes Trauma und verschob die Debatte um Ordnung, Moral und Bürgerrechte. Während konservative Kräfte soziale Disziplin einforderten, setzten republikanische Regierungen in den 1880er Jahren auf Schulreformen und eine säkulare Öffentlichkeit. Dieses Spannungsfeld aus offizieller Tugend und privater Doppelmoral bot Maupassant reiches Material. Seine erotisch gefärbten Novellen sondieren den Abstand zwischen öffentlichen Normen und tatsächlichen Praktiken, zwischen bürgerlicher Fassade und den meist ökonomisch codierten Intimitäten des Alltags.
Literarisch stand Maupassant unter dem Einfluss von Gustave Flaubert, der ihn zur knappen, bildhaften Prosa anhielt, sowie der Naturalisten um Émile Zola und die Brüder Goncourt. Das Format der kurzen, pointierten conte war im 19. Jahrhundert etabliert und passte perfekt zur neuen Medienökonomie. Viele seiner Erzählungen erschienen zunächst in Pariser Blättern wie Gil Blas oder Le Gaulois, teils unter dem Pseudonym Maufrigneuse, bevor sie in Sammelbänden zusammengetragen wurden. Diese Produktionsweise beförderte eine unmittelbare Reaktion auf aktuelle Debatten, einschließlich Fragen von Sexualität, Heirat, Erbschaft und sozialer Mobilität, und schärfte die erzählerische Ökonomie der Texte.
Die 1880er Jahre waren durch eine explosionsartige Ausweitung des Pressewesens und der billigen Buchproduktion gekennzeichnet. Neue Drucktechniken, Holzschliffpapier und ein wachsendes Lesepublikum schufen Märkte für kurze Prosatexte, Reiseberichte und leichte Unterhaltung mit doppeltem Boden. Internationale Zirkulation wurde durch Übersetzer und Zeitschriftennetzwerke erleichtert; die Berner Übereinkunft von 1886 regelte erstmals umfassender Urheberrechte, ohne informelle Nachdrucke völlig zu verhindern. In deutschsprachigen Ländern gelangten Maupassants Erzählungen rasch in Zeitungen, Heftreihen und Buchausgaben. Verleger etikettierten thematisch zugespitzte Zusammenstellungen oft markant – etwa als erotische Novellen –, um unterschiedliche, teils neugierige, teils gelehrsame Lektüreerwartungen anzusprechen.
Die Darstellung von Sexualität stand in Frankreich unter dem Regime der Sittenpolizei und eines regulierten Prostitutionswesens, das in vielen Städten Häuser der Toleranz duldete. Zugleich erlebten Medizin und Jurisprudenz eine zunehmende Pathologisierung weiblicher und männlicher Begehren. Debatten über Ehe, Scheidung – die Loi Naquet von 1884 führte die Ehescheidung wieder ein – und außereheliche Beziehungen prägten den Diskurs. Maupassants Novellen greifen diese Spannungen auf, indem sie Anbahnung, Tausch und Kalkül im intimen Bereich sichtbar machen, ohne dabei die Figuren zu psychologisieren. Die erotische Note wird so zum Instrument, um Normbrüche, Heuchelei und die ökonomische Dimension des Gefühlslebens zu beleuchten.
Im Zentrum steht häufig der bürgerliche Haushalt und sein Personal: Dienstmädchen, Wirtinnen, Näherinnen und kleine Angestellte, deren prekäre Lage Abhängigkeiten erzeugt. Solche Milieus erlauben es, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und soziale Aufstiegsstrategien zu zeigen, die sich über Charme, Körper und Kontaktkapital artikulieren. Maupassants Ton bleibt distanziert und lakonisch; statt moralischer Verurteilung bietet er eine Beobachtung von Rollen und Routinen. Das erotische Element betont dabei weniger Exzess als soziale Praxis, die von Konventionen, Schamgrenzen und ökonomischen Zwängen gerahmt wird. Diese Perspektive macht seine Kurzprosa zugleich zeitgebunden und aufschlussreich für langfristige Debatten über Geschlecht und Klasse.
Die Mobilität der Belle Époque – Eisenbahnlinien, Dampfschiffe und neue Hotels – veränderte Begegnungsräume. Reisen verbanden Geschäftsleute, Touristen und Arbeitssuchende über Grenzen hinweg. Mediterrane Ziele standen hoch im Kurs; Italien galt als nahes, sinnlich aufgeladenes Reiseziel. Diese Infrastruktur bildet in manchen Erzählungen die Kulisse für flüchtige Bekanntschaften und rollende Dialoge zwischen Sprachen und Sitten. Solche Kontexte erlauben es, Attraktion und Missverständnis, Höflichkeit und Berechnung unter Reisenden zu erkunden. Im Hintergrund stehen Reiseführer, Fahrpläne und maritime Linien, die die Europäisierung des Alltags konkret machten und damit auch neue, gelegentlich komische oder pikante, Situationen hervorbrachten.
Die Erinnerung an den Krieg von 1870/71 prägte eine ganze Generation, auch wenn die erotischen Novellen selten unmittelbar kriegerische Szenen berühren. Das Gefühl nationaler Kränkung und eine skeptische Sicht auf heroische Posen schlagen sich bei Maupassant in Figuren nieder, die von Pragmatismus, Selbstbehauptung und gelegentlich Zynismus getragen sind. Erotik erscheint hier nicht als romantische Ausnahme, sondern als Teil alltagspraktischer Strategien in einer Gesellschaft, die Aufstieg und Ansehen eng an Besitz, Auftreten und Beziehungen koppelt. Diese Perspektive relativiert Idealbilder von Liebe und Loyalität und macht Platz für Beobachtungen, in denen Vorteil und Vergnügen ineinandergreifen.
Parallel zu juristischen und sozialen Debatten expandierten Medizin und Psychiatrie. An der Pariser Salpêtrière demonstrierte Jean-Martin Charcot seine Forschungen zu Hysterie; Sexualität, Nervenleiden und Erbbiologie wurden in populären und gelehrten Diskursen intensiv verhandelt. Maupassant selbst litt später unter den Folgen einer Syphiliserkrankung, was seinen Blick für Angst, Zwang und körperliche Fragilität schärfte. Auch wenn die hier versammelten Novellen vor allem sozialrealistisch verfahren, färbt die zeitgenössische Sprache von Gesundheit und Degeneration ihre Welt. Begehren erscheint zugleich als Vitalität und als Risiko, reguliert von Ärzten, Sittenhütern und einem Publikum, das zwischen Neugier und Empörung schwankt.
Die Tradition der erzählerischen Erotik in Frankreich reicht von Boccaccios Nachleben über La Fontaines Contes bis zu den contes grivois des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Maupassant knüpft daran an, jedoch ohne barocke Derbheit; er bevorzugt Pointen, Alltagsrealien und eine nüchterne Diktion, die die Situationskomik trägt. Der Ton wechselt zwischen heiterer Bosheit und melancholischer Lakonie. Damit unterscheidet sich seine Erotik von pornografischer Direktheit: Andeutung, Blickregie und soziale Codes leisten die Arbeit. Das macht die Texte feuilletontauglich und schützt sie zugleich vor den gröbsten Zensurmaßnahmen, die offenkundige Obszönität sanktionierten.
Die Schwestern Rondoli entstand in der Mitte der 1880er Jahre und wurde wie viele Erzählungen Maupassants zunächst im Pariser Pressebetrieb lanciert. Die Geschichte nutzt eine Reise nach Italien als Rahmen, was an die touristische Expansion jener Jahre erinnert, in denen Dampferlinien und Bahnverbindungen den Mittelmeerraum erschlossen. Der Text spielt mit nationalen Klischees, Sprachen und kleinen Missverständnissen, um Fragen der Anziehung und des Arrangements zu verhandeln. Statt psychologischer Tiefenbohrung dominiert eine beobachtende, oft komische Oberfläche, die zeigt, wie leicht sich Begehren in Situationen und Rituale sozialer Begegnung verwandelt.
Die Wirtin, eine Übersetzung von La Patronne, gehört zu den Erzählungen, die in Gasthäusern und kleinen Etablissements angesiedelt sind – Orten, an denen Reisende, Matrosen, Handwerker und Kaufleute aufeinandertreffen. Solche Schauplätze fungieren als soziale Mikrokosmen mit eigenen Regeln, in denen Autorität, Gastfreundschaft und ökonomischer Druck ineinander spielen. Die Figur der Patronne steht für eine weibliche Handlungsmacht, die zugleich von Sitte und Geschäft getrieben ist. In Frankreich waren Wirtshäuser Gegenstand regelmäßiger Kontrollen durch Polizei und Steuerbehörden; gerade diese institutionelle Präsenz verleiht den Geschichten ihre Mischung aus Publizität, Indiskretion und vornehmer Verschwiegenheit.
Das Zeichen, die deutsche Bezeichnung für Le Signe, erschien in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre und lebt von den kodierten Gesten einer urbanen Kultur. In der Welt der Boulevards, Salons und Schaufenster wurde Kommunikation zunehmend performativ: Blicke, leichte Bewegungen und das Spiel mit Accessoires signalisierten Verfügbarkeit oder Distanz. Maupassant interessiert weniger die moralische Bewertung als die Funktionsweise solcher Zeichenökonomien. In einer Gesellschaft, die Ansehen und Diskretion hochhält, generieren kleinste Signale Missverständnisse, Chancen und kleine Skandale. Die Erzählung fügt sich damit in seine kartografische Erkundung der Pariser Öffentlichkeit und ihrer halb privaten Zonen ein.
Die Nichten der Frau Oberst ist in vielen deutschsprachigen Ausgaben nicht Maupassant, sondern Leopold von Sacher-Masoch zuzuordnen, einem österreichischen Autor des späten 19. Jahrhunderts. Dass der Text in manchen Sammlungen neben Maupassant erscheint, verweist auf verlegerische Praktiken populärer Editionen, die erotische Stoffe verschiedener Herkunft bündelten, teils ohne strenge editorische Trennung. Solche Überschneidungen sind ein Produkt des internationalen Nachdruckmarkts und der Etikettierung erotischer Novellen für ein breites Publikum. Für die historische Einordnung ist wichtig, die unterschiedliche Provenienz zu beachten: französischer Realismus hier, österreichisch-deutschsprachige Tradition der erotischen Fallgeschichte dort.
Zeitgenössisch wurden Maupassants erotische Kurzprosa in Frankreich weithin gelesen und oft als geistreich, aber zynisch kommentiert. Kritiker lobten die stilistische Ökonomie, monierten jedoch gelegentlich die Kälte des Blicks. Rechtliche Anfechtungen wegen Obszönität blieben im Vergleich zu anderen Skandalen der Ära begrenzt, nicht zuletzt weil Andeutung und Ironie vieles entschärften. In den deutschsprachigen Ländern kursierten Übersetzungen zeitnah; die Aufnahme schwankte zwischen ästhetischer Bewunderung und moralischer Skepsis, abhängig von presse- und zensurpolitischen Rahmenbedingungen. Leihbibliotheken und Familienzeitschriften setzten Filter, während Heftreihen und Zeitungsfeuilletons pointiertere Stoffe verbreiteten.
Im 20. Jahrhundert verschoben psychoanalytische, soziologische und genderhistorische Ansätze den Blick auf Maupassants Erotik. Freud und seine Schule sensibilisierten für unbewusste Dynamiken, während Sexualwissenschaft und Soziologie die Institutionen von Ehe, Prostitution und Liebesökonomie neu beschrieben. Nach 1945 und verstärkt seit den 1960er Jahren führten Marktliberalisierung und Reformen der Sittenparagrafen zu einer offeneren Publikationspraxis. Editionen etikettierten Erzählungen häufiger als erotisch, um neue Leserschichten anzusprechen, zugleich traten historisch-kritische Ausgaben mit präziserer Zuschreibung hinzu. Film- und Fernsehbearbeitungen machten einzelne Motive populär, ohne den lakonischen Ton vollständig übertragen zu können.
Als Sammlung kommentiert diese Auswahl die sozialen Logiken der Belle Époque: die Ökonomie der Blicke, die Strategien der Annäherung, die Verschiebungen zwischen öffentlicher Moral und privater Praxis. Zugleich spiegelt sie eine Editionsgeschichte, in der Übersetzungen, alternative Titel und gelegentliche Fehlzuschreibungen – bis hin zu Dopplungen von Die Wirtin oder Das Zeichen – das Bild der Texte prägen. Historisch lesbar wird weniger eine Feier der Sinnlichkeit als ein Protokoll ihrer Bedingungen. Spätere Deutungen haben die Analyse von Klasse und Geschlecht vertieft und Maupassants Umgang mit Andeutung, Witz und Beobachtung als dauerhafte Stärke bestätigt.
Eine angesehene Hausherrin versucht, Sitte und Anstand in ihrem Umfeld zu wahren, während Verwandte und Bekannte ihren Neigungen folgen und soziale Regeln austesten. In episodenartigen Kapiteln verknüpft die Erzählung Beobachtungen, Annäherungen und Missverständnisse, die zwischen Etikette und Begehren pendeln. Der Ton ist satirisch und leicht, mit einem scharfen Blick für Heuchelei und die kleinen Komödien der Gesellschaft.
Die fortlaufende Struktur nutzt wiederkehrende Schauplätze, Blicke und Gesten, um die Dynamik von Macht, Verführung und Selbsttäuschung herauszuarbeiten. Nicht die großen Enthüllungen, sondern die feinen Verschiebungen in Haltung und Sprache treiben die Geschichte voran. Das Ergebnis ist ein Reigen diskreter Episoden, in denen Moralvorstellungen und persönlicher Wunsch aufeinanderprallen.
Ein Reisender gerät in Italien in den Sog zweier Schwestern und erlebt ein Wechselspiel aus spontaner Anziehung, Eifersucht und vergnüglicher Verwirrung. Aus der Reiseanekdote wird ein lebhaftes Sittenbild, in dem flüchtige Leidenschaft und pragmatische Alltagsklugheit aufeinandertreffen. Der Ton ist beschwingt und ironisch, mit feiner Selbstironie des Erzählers.
Die drei Teile variieren Begegnungen und Erwartungen und zeigen, wie leicht Projektionen eine zarte Liaison verfärben. Gesten, Andeutungen und soziale Codes steuern das Geschehen mehr als große Entscheidungen. So entsteht eine elegante Miniatur über Begehren und die Kunst der Ausrede.
Im Mittelpunkt steht eine durchsetzungsfähige Gastgeberin, die mit Charme, Übersicht und Berechnung Gäste und Dorfgemeinschaft zusammenhält. Zwischen Reisenden und Einheimischen entfalten sich kleine Machtspiele, ökonomische Abhängigkeiten und kokette Annäherungen. Nüchterner Realismus verbindet sich mit Situationskomik und scharfer Figurenzeichnung.
Der Gasthof dient als Bühne, auf der Wünsche verhandelt und Grenzen getestet werden. Was als Alltagsgeschäft erscheint, entpuppt sich als feines Geflecht aus Taktik, Gefühl und Erscheinung. Die Erzählung betont die soziale Intelligenz der Titelfigur und den subkutanen Humor der Szene.
Eine Dame aus guter Gesellschaft setzt mit einem scheinbar harmlosen Zeichen eine Kette von Annäherungen in Gang, die ihre makellose Fassade erschüttert. Das kurze Stück spielt mit Blicken, Missverständnissen und der Macht der Andeutung. Eleganter, leicht spöttischer Ton legt die Kluft zwischen Sitte und Lust frei.
Die Handlung lebt von Präzision: ein Fenster, ein Signal, eine Reaktion – mehr braucht es nicht, um die Mechanik des Begehrens zu zeigen. Ohne große Enthüllungen entsteht eine pointierte Studie über Eitelkeit, Selbstdarstellung und die Risiken der Koketterie. Der Schluss setzt eine trockene Pointe statt eines dramatischen Höhepunkts.
Die Texte kreisen um das Spannungsfeld von gesellschaftlicher Konvention und persönlichem Begehren: Blicke, Zeichen und kleine Rituale steuern Begegnungen stärker als offene Bekenntnisse. Typisch ist der ironische, beobachtende Ton, der Heuchelei aufdeckt, ohne die Figuren zu denunzieren. Erotik erscheint als soziale Praxis – subtil, verhandelt, oft komisch gebrochen.
Stilistisch dominieren Klarheit, Ökonomie und pointierte Szenenführung: kurze Setzungen, präzise Details, knappe Wendungen. Wiederkehrende Motive sind Reise und Durchgangsorte (Zug, Gasthof), das Spiel mit Spiegelungen und die Kunst des Andeutens. So entsteht ein feines Mosaik, in dem Lust, Macht und Status immer wieder neu justiert werden.
Ein feiner und eisiger Dezemberregen strömte auf die Rue d’Assas nieder, die beinahe ausgestorben dalag. Das gleichmäßige Geräusch des fallenden Regens wurde nur hie und da von pfeifenden und heulenden Windstößen unterbrochen. In dem kleinen Salon der Madame Briquart saßen vier Personen beisammen; zunächst sie selbst, die ehrbare Witwe eines Obersten jener schönen, nun bald sagenhaft gewordenen Kürassiere. Die würdige Dame trug ihre sechzig Jahre mit derselben Heiterkeit, wie sie in der Ehe die Hosen getragen hatte, da der Herr Oberst einem »on dit« zufolge nur an der Spitze seines Regimentes ein tapferer Mann gewesen war. Trotzdem hatte Madame Briquart durchaus nicht das Aussehen eines Mannweibes; im Gegenteil, sie war eine frische, liebenswürdige alte Dame, aber von der Art derjenigen, bei denen ein Augenzwinkern genügt, um ihren Willen ein für allemal durchzusetzen.
Neben ihr blätterte Julia, ihre junge Nichte, in einem Album, während Florentine, deren Schwester, an einer Stickerei arbeitete.
Man hörte der Vorlesung eines nicht weiter anspruchsvollen Romanes zu, den ein etwa fünfzig Jahre alter Herr, Cousin Georg, wie man ihn nannte, vortrug, verfolgte aber dabei seine eigenen heute abend etwas melancholisch gefärbten Gedanken.
Ein stärkerer Windstoß ließ das Haus beinahe erzittern. Madame Briquart fröstelte und schmiegte sich tiefer in ihren Fauteuil mit einer fast wollüstigen Regung, die ein plötzlich eintretender Kontrast zu unserer Lage manchmal in uns aufsteigen läßt. Auch die Gäste des Salons hatten ein ähnliches Gefühl, das sie je nach ihrem individuellen Charakter verschiedenartig ausdrückten.
Julia hob den Kopf und murmelte:
»Welch schreckliches Wetter.«
Florentine senkte den ihrigen auf ihre Arbeit nieder, wie eine Lilie, die unter dem Ansturm des Windes ihr Haupt neigt. Georg unterbrach seine Vorlesung, sah zunächst aufmerksam zu Florentine hinüber und sagte dann mit zufriedenem Lachen:
»Ja, ja, liebe Tante, jetzt ist es gemütlicher in Ihrem Salon als zum Beispiel auf einer Straße in den Champs-Elysées.«
»Allerdings«, erwiderte die alte Dame, »und ich fürchte daher, daß unsere Freunde uns heute abend im Stich lassen und wir unseren Tee ganz unter uns einnehmen werden.«
»Das glaube ich auch, denn das müßte schon ein Geisteskranker oder ein stark Verliebter – was ja ungefähr dasselbe ist – sein, der sich heute in diesem alten Faubourg verirrte, wo die Straßen einem ausgefahrenen holländischen Mühlweg gleichen.«
»Ein Liebhaber! Pah!« sagte Julia, »so etwas gibts hier nicht.«
»Wirklich?« erwiderte Georg Vaudrez etwas ironisch, »sind Sie dessen sicher?«
»Vollständig … Also, mein lieber Herr Georg, fahren Sie nur ruhig fort mit der Leidensgeschichte Ihrer Romanheldin! Es wird Sie niemand unterbrechen.«
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, als das Rollen eines herrschaftlichen Wagens sich hören ließ und hart unter der Haustüre abbrach. Die Torglocke schrillte.
»Sollte das wahrhaftig ein furchtloser Besuch für uns sein?« fragte Madame Briquart.
Ehe man ihr noch antworten konnte, öffnete sich die Salontüre, und die alte Kammerfrau der Obristin meldete den Grafen Saski.
Bei Nennung dieses Namens gruben sich die feinen Fältchen an den Schläfen Vetter Georgs etwas tiefer ein, und ein rosiger Schimmer flammte auf Julias Wangen auf.
»Ah, wie liebenswürdig von Ihnen, dem Unwetter getrotzt zu haben, um uns zu besuchen«, sagte Madame Briquart freundlich zu dem neuen Gast und streckte ihm ihre weiße Hand hin, auf die der junge Mann nach russischem und polnischem Gebrauch, der leider in Frankreich ganz abgekommen war, einen respektvollen Kuß drückte.
»Gnädige Frau, auch eine Promenade nach Kamtschatka würde mir reizvoll erscheinen, wenn ich erwarten könnte, Sie dort zu treffen«, erwiderte der Graf galant der Dame des Hauses, während aber seine Blicke über den Kopf derselben zu Julia hinüberschweiften.
»Sie sind ein Schmeichler! Aber nach einem solchen Akte des Heroismus, im stärksten Unwetter hier hinauszudringen, ohne andere Aussicht als eine Tasse Tee bei Einsiedlern zu nehmen, kann man Ihnen nicht böse sein.«
Eine Zeitlang setzte sich die Unterhaltung in ähnlichem Tone fort; da näherte sich der junge Mann unmerklich Julia und begann halblaut mit ihr zu plaudern. Seit seinem Eintritt in den Salon war es wie ein kleiner Hauch auf die Gäste gefallen. Georg sprach überhaupt nicht mehr. Florentine hatte ihre Stickerei ruhen lassen und blätterte still in dem Buche, das Georg auf dem Tisch hatte liegenlassen. Madame Briquart warf einen ein klein wenig boshaften Blick auf ihre Umgebung und zog sich dann zurück, was anscheinend von niemandem bemerkt wurde.
Es schlug elf Uhr. Karoline brachte den Tee, den die jungen Mädchen servierten, und bereits um Mitternacht konnte der arme Hausmeister konstatieren, daß der letzte Besucher dieser seiner ruhigsten Mieter sich verabschiedet hatte und er also in vollster Sicherheit sich dem süßen Schlummer überlassen könne.
Einige Wochen verstrichen, ohne in der Existenz unserer Freunde eine bemerkenswerte Änderung herbeizuführen. Indes lag irgend etwas in der Luft, irgendein Ereignis, das entscheidend in das Schicksal der beiden jungen Mädchen eingreifen sollte.
Julia und Florentine waren die Töchter eines richtigen Vetters der Obristin, die für diesen Freund ihrer Jugend eines jener schwer zu charakterisierenden Gefühle empfunden hatte, die nicht mehr Freundschaft und doch noch nicht Liebe sind, die zwei Menschen aber so eng aneinander ketten, daß nichts die Bande zu trennen vermag als der Tod.
Der war es auch, der den armen Hektor, als er zwei Jahre lang verwitwet war, heimführte, ohne ihm Zeit zu irgend etwas anderem zu lassen, als seine beiden Töchter zu Madame Briquart zu schicken und dazu mit zitternder Hand zu schreiben.
»Ich liege im Sterben, nimm sie auf!«
Und sie hatte sie aufgenommen, sie erzogen und fragte sich oft, welche Zukunft die beiden holden Wesen wohl erwarten möge, die sie liebte, als wenn sie ihre eigenen Kinder gewesen wären.
»Jung, schön und arm«[1q], sagte sie sich, »wie gefährlich! Welche Enttäuschungen und Leiden mögen sie erwarten!« Und dann entrang sich gewöhnlich ein schwerer Seufzer ihren sonst immer lächelnden Lippen.
An diesem Morgen hatte die Frau Oberst ihr Kotelett nur halb verspeist und die halbe Flasche Chambertin, die sie als hygienische Maßregel zu jeder Mahlzeit trank, fast unberührt gelassen. Als der Kaffee serviert war und Karoline das Speisezimmer verlassen hatte, heftete Madame Briquart plötzlich ihre Augen auf Florentine und sagte ohne jede Einleitung:
»Mein Kind, würdest du wohl etwas dagegen haben, gnädige Frau zu werden?«
Das junge Mädchen schlug die Augen auf, errötete und sagte lächelnd:
»Durchaus nicht, Tante! Das hängt davon ab, mit wem ich mein Leben verbringen müßte.«
»Hm! Nun, mit jemandem, der dich anbetet.«
»Der sie anbetet?« fragte lachend Julia. »Also Neuigkeiten, Tante?«
»Meine Liebe«, wandte sie sich dann an ihre Schwester, »mache dich auf etwas Schreckliches gefaßt! Ein Antrag naht! Tante laß uns nicht sterben vor Ungeduld!«
