Die bekanntesten Werke von Jack London - Jack London - E-Book

Die bekanntesten Werke von Jack London E-Book

Jack London

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Beschreibung

In "Die bekanntesten Werke von Jack London" entfaltet der Autor seine meisterhafte Erzählkunst und beleuchtet die Themen Überleben, Natur und die menschliche Kondition. Die Sammlung umfasst ikonische Geschichten wie "Ruf der Wildnis" und "Wolfsblut", die in einem unverwechselbaren, kraftvollen Prosa-Stil verfasst sind, der den Leser sofort in die eisigen Weiten des Yukon und die unerbittliche Wildnis Alaskas zieht. Londons Realismus und seine philosophischen Reflexionen über das Tier und den Menschen in unterschiedlichen Lebensumständen machen diese Werke nicht nur zu zeitlosen Klassikern, sondern auch zu einem faszinierenden Fenster in die kulturellen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts. Jack London (1876-1916) war ein amerikanischer Schriftsteller und sozialer Aktivist, dessen eigenes Leben von Abenteuern und Herausforderungen geprägt war. Auf seinen Reisen zur Goldsuche im Yukon entwickelte er ein tiefes Verständnis für die Natur und die menschliche Existenz, das sich in seinen Geschichten widerspiegelt. Londons Interesse an sozialen Themen und der Status der Arbeiterklasse zeigt sich in seinem literarischen Erbe, das sowohl unterhaltsam als auch zum Nachdenken anregend ist. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich für die Verbindung zwischen Mensch und Natur sowie die Herausforderungen des Lebens interessiert. Londons außergewöhnliche Erzählweise und die eindringliche Darstellung seiner Charaktere machen diese Sammlung zu einem Muss für Literaturliebhaber und solche, die die Tiefe menschlicher Erfahrungen schätzen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jack London

Die bekanntesten Werke von Jack London

Bereicherte Ausgabe. Der Seewolf, König Alkohol, Wolfsblut, Martin Eden, Meuterei auf der Elsinore, Der Ruhm des Kämpfers
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Alaric Vance
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547682462

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Die bekanntesten Werke von Jack London
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung versammelt die bekanntesten Werke von Jack London in einer konzentrierten, leserfreundlichen Auswahl. Im Mittelpunkt stehen seine prägenden Romane und markanten Erzählungen, die sein literarisches Profil im frühen 20. Jahrhundert geformt haben. Die Edition beansprucht nicht Vollständigkeit, sondern Verständlichkeit und Überblick: Sie führt zentrale Texte zusammen, die Londons Rang als bedeutenden US-amerikanischen Erzähler belegen. Ziel ist es, die Breite seines Schaffens sichtbar zu machen, vom nordischen Abenteuer bis zur Seefahrt, von Großstadtromanen bis zu Hundegeschichten, und dabei thematische wie stilistische Linien herauszuarbeiten, die das Gesamtbild seiner Arbeit tragen.

Der Auswahl liegt die Absicht zugrunde, exemplarische Stationen eines außergewöhnlich produktiven Erzählers in einer sinnvollen Ordnung zugänglich zu machen. Romane und Erzählungen treten miteinander in Dialog, sodass Entwicklungen in Ton, Thema und Perspektive nachvollziehbar werden. Die Sammlung bietet Einstiege für Ersterkundungen und dient zugleich als konzentrierte Wiederbegegnung für Kenner. Sie lädt dazu ein, zentrale Fragestellungen Jack Londons im Zusammenhang zu lesen: das Verhältnis von Natur und Gesellschaft, Arbeit und Risiko, Freiheit und Notwendigkeit. Dabei wird auf handlungsleitende Fakten hingewiesen, ohne Wendungen vorwegzunehmen oder Deutungen vorzugeben.

Im Genreprofil stehen zwei Textsorten im Vordergrund: Romane und Erzählungen. Die Romane zeigen die große Spannweite von Abenteuergeschichten über gesellschaftsnahe Großstadterzählungen bis zu seefahrerischen Stoffen. Die Erzählungen bündeln Pointen und Motive in prägnanter Kürze, häufig in Zyklen aus dem hohen Norden oder aus pazifischen Schauplätzen. Nicht vertreten sind Dramen, Gedichte, Essays, Briefe oder Tagebücher. Innerhalb der hier versammelten Gattungen berühren manche Texte angrenzende Formen, etwa Natur- und Gesellschaftsroman, Seegeschichte, Tier- und Künstlerroman, ohne die Grenzen der Erzählprosa zu verlassen. Dadurch entsteht ein klarer, zugleich vielgestaltiger Überblick.

Die Romansektion reicht von kargen Landschaften des Nordens über die rauen Disziplinen der See bis in urbane Milieus und private Räume amerikanischer Lebenswirklichkeit. Die Erzählungen entfalten eine große Variationsbreite: knappe Abenteuerstücke, psychologisch fokussierte Charakterbilder, Schicksalsminiaturen aus Grenzregionen, maritime Skizzen und Geschichten aus dem Inselraum des Pazifik. Mehrere Texte greifen das Sport- und Arbeitsleben auf, andere kreisen um Reisen, Entbehrungen und Bewährung. So entsteht ein Panorama, das Jack Londons Vielseitigkeit sichtbar macht, ohne die Sammlung mit Nebenwegen zu überladen. Der Schwerpunkt liegt stets auf Werken, die sich in Wirkung und Bekanntheit durchgesetzt haben.

Verbindend sind Themen, die London durch sein Werk verfolgt: Überleben unter extremen Bedingungen, die Bewährungsprobe des Charakters, die Spannung zwischen Gemeinschaft und Eigenwille sowie das Verhältnis von Zivilisation und Wildnis. Figuren geraten in Lagen, die Handlungsfähigkeit, Loyalität und Instinkt prüfen, während moralische Maßstäbe erprobt und neu justiert werden. Der Kampf um Nahrung, Wärme, Sicherheit oder Anerkennung ist nie Selbstzweck, sondern verknüpft mit Fragen nach Herkunft, Verantwortung und Würde. Gerade deshalb behalten diese Texte Aktualität: Sie stellen Grundfragen menschlichen Handelns in zugespitzten, aber erkennbaren Situationen, die Lesende unmittelbar ansprechen.

Eine wiederkehrende Bühne ist das Meer. Es zwingt zur Ordnung, macht Hierarchien sichtbar, setzt Grenzen und eröffnet zugleich Horizonte. Schiffe werden zu Versuchsanordnungen für Macht, Mut und Mitgefühl; Isolation und Kameradschaft stehen in wechselndem Verhältnis. In den pazifischen Erzählräumen treten Erfahrungen der Begegnung, der Fremdheit und des Aushandelns von Regeln hinzu. Die See liefert keine einfachen Antworten, sie prüft die Sprache der Vernunft ebenso wie die des Körpers. Londons maritime Texte verbinden körperliche Konkretion mit gedanklicher Klarheit und zeigen, wie Gefahr und Disziplin Selbstbilder formen, ohne den Reiz des Abenteuers zu romantisieren.

Neben Natur- und Seestoffen treten soziale Fragen hervor: Arbeit und Ausbeutung, Ehrgeiz und Selbstbehauptung, Ruhm und Preis des Erfolgs. Der Blick reicht vom Hafen über Fabriken und Redaktionszimmer bis zu Boxringen und privaten Haushalten. Bildung, Aufstieg und Selbstentwurf erscheinen als verheißungsvolle, aber riskante Wege. Das Thema Alkohol wird als individuelle und gesellschaftliche Herausforderung sichtbar. Klassengegensätze, Medienöffentlichkeit und Erwartungen des Marktes bilden den Resonanzraum, in dem Entscheidungen getroffen werden. So fügen sich Abenteuer und Gesellschaftsstudie ineinander, ohne die Figuren auf Thesen zu reduzieren; die erzählerische Spannung bleibt der Träger der Reflexion.

Stilistisch zeichnet London eine klare, zugängliche Prosa aus, die Anschaulichkeit und Tempo verbindet. Handlung und Landschaft sind knapp, doch präzise gesetzt; Dialoge tragen Konflikte, ohne erklärend zu überfrachten. Erfahrungswissen aus Arbeit, Reise und Seefahrt verleiht Details Glaubwürdigkeit. Das Erzählverfahren vertraut häufig einer nahen Außenperspektive, die Bewegungen, Geräusche, Temperaturen und kleinste Gesten registriert. Gleichzeitig schafft London Raum für innere Beweggründe, die Handlung motivieren, statt sie zu kommentieren. Die Verbindung aus Beobachtung, Rhythmus und Verdichtung ist ein Grund für die anhaltende Lesbarkeit dieser Texte, die sowohl Spannung als auch Deutungsangebote bereithalten.

Orte sind bei London keine Kulisse, sondern Mitspieler. Frost, Dunkelheit und Entfernungen des Nordens formen Entscheidungen, ebenso die Enge und Regelhaftigkeit auf Schiffen. Urbane Räume eröffnen Chancen und erzeugen Druck, ländliche Weiten verlocken und fordern. Der Übergang von einem Milieu ins andere steht oft für die Prüfung eines Lebensentwurfs. In dieser Sammlung begegnen Leserinnen und Leser den Spektren von Kälte und Hitze, Sturm und Stille, Werkbank und Schreibpult. Die Topografien geben den Takt vor, doch sie determinieren nicht: Gerade in der Reibung zwischen Mensch und Umwelt wird Freiheit als Handlungsspielraum sichtbar.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Tiergeschichten, in denen London die Nähe und Differenz von Mensch und Tier mit seltener Eindringlichkeit gestaltet. Hunde und Wölfe erscheinen weder als Menschen noch als bloße Symbole; ihr Verhalten wird respektvoll und genau beobachtet. Daraus entsteht eine Ethik der Aufmerksamkeit, die Gefühle, Instinkt und Lernen ernst nimmt, ohne Sentimentalität. Diese Texte erweitern den Blick auf Gewalt, Fürsorge und Kooperation und stellen Fragen nach Loyalität, Zugehörigkeit und Führung. Sie zeigen, wie stark Grenzerfahrungen die Wahrnehmung schärfen, und eröffnen zugleich einen Zugang zu Londons Denken über Natur und Kultur.

Dass diese Werke als Gesamtheit bedeutsam bleiben, liegt an ihrer doppelten Energie: Sie bieten spannungsreiche Erzählungen und tragen zugleich gesellschaftliche und moralische Fragen. London schrieb für ein breites Publikum und nutzte die Möglichkeiten serieller Veröffentlichung ebenso wie den Roman in Buchform. Seine Texte wurden früh in viele Sprachen übertragen und fanden im deutschsprachigen Raum nachhaltige Resonanz. Die Verbindung aus Prägnanz, Stofffülle und Anschaulichkeit macht sie wiederlesbar. Wer Gegenwart über Grenzsituationen besser verstehen will, findet hier Erzählungen, die zugleich unmittelbar und reflektiert sind, historisch verankert und dennoch offen für neue Lesarten.

Die vorliegende Auswahl lädt zu verschiedenen Lektüregängen ein: thematisch, regional, zwischen See und Norden, oder entlang der Spannweite von Tiergeschichte bis Gesellschaftsroman. Ein Einstieg über einen Roman mit starkem Milieu führt ebenso in Londons Welt wie eine konzentrierte Reihe kurzer Erzählungen. Der Verzicht auf interpretierende Vorgriffe soll die eigene Entdeckung fördern. Die Anordnung der Texte wahrt Klarheit, ohne eine einzige Lesereihenfolge festzuschreiben. Damit richtet sich die Sammlung an neugierige Erstleserinnen und -leser ebenso wie an Wiederentdecker, die Londons Werk im Zusammenhang betrachten möchten, um seine Gegenwärtigkeit neu zu erfahren.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Jack London (1876–1916) war einer der meistgelesenen amerikanischen Autoren der frühen Moderne. Als Romancier, Erzähler und Reporter verband er Abenteuer- und Reiseliteratur mit Elementen des Naturalismus und einer markanten Gesellschaftskritik. Seine Bücher über den Kampf ums Überleben in Natur und Gesellschaft prägten das internationale Bild des amerikanischen Westens und Nordens. Werke wie Der Ruf der Wildnis, Wolfsblut und Der Seewolf machten ihn zum Weltbestseller; zahlreiche Erzählungen und Reportagen erweiterten dieses Profil. London schrieb mit hohem Tempo, aber großer Beobachtungsgabe, und verknüpfte eigene Erfahrungen mit zeitgenössischen Debatten über Evolution, Arbeit, Imperialismus und die Spannungen zwischen Zivilisation und Wildnis.

Aufgewachsen in der San-Francisco-Bucht in einfachen Verhältnissen, arbeitete London schon als Jugendlicher in Fabriken und an den Docks. Er heuerte auf einer Robbenfang-Schooner an, fuhr bis in das Japanische Meer, lebte zeitweise als „Austernpirat“ und diente anschließend in einer Fischereistreife – Stationen, die ihm ein Repertoire an maritimen Stoffen lieferten. Auf Wanderschaften durch die USA erlebte er Obdachlosigkeit und Haft wegen Landstreicherei, Erfahrungen, die später in seine Berichte über Armut einflossen. Entscheidender Antrieb war zugleich eine intensive Selbstbildung in öffentlichen Bibliotheken; hier eignete er sich jene Lektüren und Schreibdisziplin an, die seine spätere literarische Laufbahn ermöglichten.

In den späten 1890er-Jahren besuchte London kurzzeitig die University of California in Berkeley, verließ das Studium jedoch aus wirtschaftlichen Gründen. Als weitgehend Autodidakt orientierte er sich an naturwissenschaftlichen und sozialtheoretischen Autoren wie Charles Darwin, Herbert Spencer und Karl Marx; philosophische Impulse bezog er zudem aus Friedrich Nietzsche. Literarisch wirkten Naturalismus und amerikanischer Realismus ebenso prägend wie die englische Abenteuertradition. Erste Erzählungen erschienen in regionalen und nationalen Zeitschriften; mit dem Band The Son of the Wolf etablierte er sich um 1900 als neue Stimme. Der nüchterne Stil, die explorativen Stoffe und die dramaturgische Ökonomie wurden rasch zu Erkennungszeichen seines Schreibens.

Der Wendepunkt war Londons Teilnahme am Klondike-Goldrausch in den späten 1890er-Jahren. Die Härten des Nordens, Krankheit und Entbehrung lieferten ihm den Stoff für eine Reihe von Nordland-Geschichten, in denen Naturgewalt und Instinkt zentral werden. Darauf gründete sich sein internationaler Durchbruch: Der Ruf der Wildnis (1903) machte ihn schlagartig berühmt; mit Wolfsblut (1906) und der oft anthologisierten Erzählung To Build a Fire vertiefte er Motive von Anpassung, Überleben und Zivilisation. Die Resonanz war breit: Leser fanden Abenteuer, Kritiker diskutierten über Naturalismus, Sozialdarwinismus und ethische Fragen des Verhältnisses von Mensch, Tier und Umwelt.

Neben dem Norden wurde das Meer zu einem zweiten Großthema. Der Seewolf (1904) verbindet Seefahrt, Machtpsychologie und Kulturkritik. Ab 1907 unternahm London eine ausgedehnte Pazifikreise auf einer eigenen Yacht; Reiseberichte und Südsee-Erzählungen wie The Cruise of the Snark und South Sea Tales dokumentieren diese Phase. Als Reporter berichtete er vom Russisch-Japanischen Krieg und schrieb über das Erdbeben von San Francisco. In The People of the Abyss (1903) schilderte er die Armut im Londoner East End, in The Road (1907) seine Erfahrungen des Umherziehens. Diese Sachbücher zeigen ihn als Beobachter sozialer Verwerfungen jenseits bloßer Abenteuerdramaturgie.

Londons politisches Engagement war offen sozialistisch und auf die Lage der Arbeitenden gerichtet; in den frühen 1900er-Jahren kandidierte er in Oakland für kommunale Ämter. War of the Classes bündelte Essays zu Klassenkonflikten. Der dystopische Roman The Iron Heel (1908) entwarf eine repressiv-industrielle Zukunft, die später oft rezipiert wurde. Mit Martin Eden (1909) inszenierte London einen Künstlerroman über Ehrgeiz, Bildung und Markt, während John Barleycorn (1913) als alkoholkritische Erinnerungsprosa seine Selbsterkundung fortsetzte. Parallel betrieb er in Sonoma County eine große Ranch, experimentierte mit Landbau und reflektierte dort über Arbeitsethos, Selbstversorgung und die Zwiespältigkeit der Moderne.

In den späteren Jahren litt London unter gesundheitlichen Problemen, schrieb jedoch weiter mit bemerkenswerter Produktivität. Bis zu seinem Tod 1916 in Glen Ellen hinterließ er ein umfangreiches Werk aus Romanen, Erzählungszyklen, Reportagen und Essays, das früh in viele Sprachen übersetzt und vielfach verfilmt wurde. Sein Nachruhm speist sich aus der Verbindung von packender Handlung, genauer Milieubeobachtung und einer oft widersprüchlichen, aber anregenden Ideendebatte über Natur, Technik, Klasse und Individualismus. Heute gilt er als zentrale Figur des amerikanischen Naturalismus und der populären Abenteuerliteratur, deren Motive in ökologischen und arbeitssoziologischen Lesarten weiterleben.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Jack London (1876–1916), geboren in San Francisco und gestorben in Glen Ellen, schrieb zwischen 1899 und 1916 ein Œuvre, das Nordland-Erzählungen, Seeabenteuer, Südsee-Stoffe, Arbeiter- und Boxerprosa sowie kalifornische Romane umfasst. Seine Laufbahn fällt in die amerikanische Progressive Era (ca. 1890–1920), die von Reformen, Massenmigration, rascher Industrialisierung und imperialer Expansion geprägt war. San Francisco und Oakland fungierten als Drehscheiben des Pazifikhandels und als Bühnen sozialer Konflikte. Die Spannweite vom Yukon über den Nordpazifik bis zu den Inselwelten Ozeaniens verschaffte seinen Texten eine globale Topographie, in der Naturgewalt, Marktlogik und politische Machtkonstellationen die Handlungsmöglichkeiten von Menschen und Tieren gleichermaßen strukturierten.

Der Klondike-Goldrausch (1896–1899) bildet den historischen Resonanzraum vieler Nordlandtexte. Die Routen über Skagway und den Chilkoot Pass, der Aufstieg nach Bennett und die Flussfahrt nach Dawson City am Yukon strukturierten die Migrationswelle von 1897/98. Kanadische Ordnungsmacht (North-West Mounted Police) und harte Wintersaisons mit Skorbut, Hunger und Isolation prägten das Leben am Forty-Mile und an Außenposten wie Circle City. Die Konjunkturzyklen von Goldfunden, Claimspekulation und Frachtraten bestimmten soziale Beziehungen, während indigene Handelsnetzwerke und Schlittenhunde-Logistik die Mobilität sicherten. Dieses Umfeld liefert den verlässlichen Hintergrund für die Mischung aus Abenteuerrhetorik, Naturalismus und ökonomischer Analyse im gesamten Nordland-Komplex.

Die rasche Urbanisierung der Buchtregion um 1900, mit Werften, Konservenfabriken, Jutemühlen und Wäschereien in Oakland und San Francisco, erzeugte Milieus der Lohnarbeit, in denen Akkordtempo, Prekarität und Gewerkschaftsbildung kollidierten. Londons eigene Erfahrungen als Hafenarbeiter, Matrose und „Austernpirat“ im Oakland Estuary in den frühen 1890er Jahren speisten eine realistische Sensibilität für informelle Ökonomien, Schwarzarbeit und Polizeikontrolle. Die Eisenbahnlinien nach Sacramento und die Dampfschifffahrt nach Alaska, Hawaiʻi und Asien verkürzten Distanzen und intensivierten Warenströme. In dieser Kulisse verbinden sich individuelle Aufstiegsfantasien mit strukturellen Zwängen – ein Spannungsfeld, das vielfach seine Arbeiter-, Seefahrer- und Boxergeschichten prägt.

Politisch war London dem amerikanischen Sozialismus zugewandt. Er trat 1901 der Socialist Party of America bei und kandidierte 1901 und 1905 als Bürgermeister von Oakland. Die Progressivbewegung (Theodore Roosevelt, Jane Addams) und die Gründung der Industrial Workers of the World (1905) rahmten Debatten um Monopole, Arbeitsrecht und Armut. Londons Reportage The People of the Abyss (1903) über das Londoner East End verknüpfte städtische Elendsanalyse mit Klassenkritik. Diese ideologischen Auseinandersetzungen durchziehen seine Seefahrtsromane, Nordland-Erzählungen und Kalifornienromane als wiederkehrende Konflikte zwischen Kapital, Arbeit und dem prekären Individuum, das sich in Märkten bewegt, die es nicht kontrollieren kann.

Die literarische Infrastruktur der Jahrhundertwende erlaubte London eine beispiellose Reichweite. Magazine wie The Saturday Evening Post, McClure’s und Collier’s honorierten Kurzprosa hoch und erschlossen Millionenleserschaften. 1903 erwarb Macmillan die Buchrechte an The Call of the Wild für 2.000 US-Dollar; Serialisierungen und Syndikate beschleunigten die internationale Zirkulation. Die standardisierte Illustration, neue Rotationspressen und transkontinentale Eisenbahnen verbanden Autor, Verlag und Publikum. Innerhalb dieses Marktsystems entstanden Zyklen von Nordland-, See- und Südsee-Erzählungen, deren Stoffe aus Reportage, Autobiografie und fiktionaler Verdichtung geschöpft wurden. Die ökonomische Logik des Heftmarkts prägte Erzählrhythmus, Episodik und die kalkulierte Mischung aus Sensation und soziologischer Beobachtung.

Maritime Wirklichkeiten des Nordpazifiks und der Arktis bilden eine zweite große Konstante. London fuhr 1893 auf dem Robbenschoner Sophia Sutherland in die Beringsee, eine Zone, die seit dem Beringsee-Schiedsverfahren von 1893 zwischen US-, britischen und russischen Interessen umstritten war. Pelagische Jagd, Eisschlote, Nebelbänke und die Hierarchien an Bord – vom Quartiermeister bis zum Mann in der Vorschiffskoje – prägten die Erfahrungswelt. San Francisco fungierte als Heimathafen für Schoner, Barkentinen und Dampfer, die bis nach Yokohama und Petropawlowsk kreuzten. Diese maritime Arbeitswelt, mit ihrer harten Disziplin und dem Risiko der Meuterei, durchzieht die Seeabenteuer ebenso wie zahlreiche Kurzgeschichten.

Als Kriegsberichterstatter erlebte London 1904/05 den Russisch-Japanischen Krieg aus Korea und der Mandschurei. Für die Hearst-Presse berichtete er von Frontabschnitten, wurde zeitweilig von japanischen Behörden festgesetzt und beobachtete moderne Logistik, Telegrafie und Massenheere. Die Siege Japans bei Liaoyang (1904) und Mukden (1905) signalisierten die Verschiebung globaler Machtverhältnisse im Pazifikraum. Diese Eindrücke schärften sein Bewusstsein für geopolitische Systeme, Disziplin als soziale Technik und die Ambivalenz technologischer Zivilisation. Die Erfahrung des eingebetteten Beobachters speist die Darstellung kollektiver Gewalt, staatlicher Organisation und individueller Moralentscheidungen in Seeerzählungen, Südsee-Texten und in großstädtischen Milieustudien gleichermaßen.

Die amerikanische Expansion in den Pazifik kulminierte in der Annexion Hawaiʻis (7. Juli 1898) und dem Organic Act (1900). Plantagenkapitalismus, Missionarsgeschichte und die Verdrängung indigener Souveränität schufen koloniale Ordnungen mit mehrsprachigen Arbeitsregimen. Zugleich standen Samoa (Teilung 1899) und die Salomonen (britisches Protektorat ab 1893) für die Verflechtung britischer, deutscher und amerikanischer Interessen. Zwangsrekrutierung („Blackbirding“), Copra-Handel, Missionsstationen und Marinepräsenz strukturierten Alltags- und Machtverhältnisse. London verarbeitete diese Konstellationen zu Südsee-Geschichten, in denen Handelskapitäne, Strandläufer, indigene Akteure und Kolonialbeamte aufeinandertreffen – stets eingebettet in Diskurse über Rasse, Recht, Ökonomie und Gewalt.

Die Weltumsegelung auf der Snark (1907–1909) mit Charmian Kittredge London lieferte unmittelbare Anschauung. Abfahrt am 23. April 1907 aus San Francisco, Stationen u. a. Honolulu, Taiohaʻe (Nuku Hiva), Papeete (Tahiti), Apia (Samoa), Suva (Fidschi) und die Salomonen; das Unternehmen endete krankheitsbedingt in Sydney (1909). Tropenkrankheiten, Navigationsprobleme, Kolonialverwaltungen und Handelsrouten wurden zu Stoffreservoirs. Die Begegnungen mit hawaiischen Paniolo, polynesischen Häuptlingen, australischen Arbeitern und Missionaren schärften seinen Blick für hybride Gesellschaften. Diese dichte Reiseerfahrung trug zur plastischen Geografie und zur ethnografischen Detailfülle in Südsee-Erzählungen und maritimen Romanen bei, ohne je den kommerziellen Rahmen des Massenmarkts zu verlassen.

Das Erdbeben von San Francisco am 18. April 1906 und die darauffolgenden Feuer verwandelten die Stadt in eine Ruinenlandschaft moderner Fragilität. London dokumentierte die Zerstörung in Wort und Bild; Collier’s Weekly veröffentlichte am 5. Mai 1906 seine Foto-Reportage. Der rapide Kollaps von Infrastruktur – Wasserleitungen, Telegraphen, Transport – und die improvisierte Notverwaltung veranschaulichten, wie dünn die Haut der Zivilisation sein kann. Diese apokalyptische Erfahrung verstärkte die Sensibilität für Katastrophendynamiken, Massensolidarität und Eigentumsfragen, die in städtischen Szenen, Seeabenteuern und Naturdramen in variierter Form wiederkehren und die modernistische Skepsis gegenüber urbaner Omnipotenz befördern.

Intellektuell stand London im Feld des literarischen Naturalismus, gespeist durch Charles Darwins Evolutionstheorie und Herbert Spencers Sozialphilosophie. Deterministische Kräfte – Klima, Hunger, Instinkt, Markt – koexistieren mit einer Ethik des Willens, der Disziplin und des Wagnisses. Die Tierfigur als handelndes Subjekt, die Rudelordnung und das Lernen durch Schmerz verweisen auf zeitgenössische Debatten der Biologie und Psychologie. Zugleich dialogieren seine Texte mit US-Autoren wie Frank Norris und Stephen Crane sowie mit Émile Zolas Programm des Naturalismus. Diese ideengeschichtliche Matrix verleiht Nordland-, See- und Südsee-Stoffen eine analytische Tiefe, die das Abenteuer mit Sozialdiagnose verschränkt.

Boxen gehörte zur Populärkultur der 1900er Jahre. London beobachtete den Titelkampf Tommy Burns vs. Jack Johnson am 26. Dezember 1908 in Sydney und kommentierte Johnson vs. James J. Jeffries am 4. Juli 1910 in Reno. Die Professionalisierung des Sports, mediale Inszenierung und Rassenkonflikte verwoben sich mit Fragen männlicher Ehre, Ausdauer und sozialer Mobilität. Die ökonomische Struktur des Preiskampfes – Börsen, Purse, Promoter – spiegelte das Geschäftsmodell der Massenunterhaltung. Diese Konstellation findet ihr Echo in Boxer-Novellen und Arbeitergeschichten, in denen Körperkapital, Training und moralische Standhaftigkeit gegen Marktzwänge und Sensationsgier behauptet werden müssen.

Geschlechterrollen wandelten sich im Zuge der Reformära. Kalifornien führte 1911 das Frauenwahlrecht ein, und die „New Woman“ stellte Konventionen von Ehe, Arbeit und Sexualität infrage. Londons eigene Biografie – Ehe mit Bessie Maddern (1900–1904), Heirat mit Charmian Kittredge (1905) – spiegelt diese Übergänge. Kalifornische Romane und Beziehungsdramen verhandeln Besitz, Autonomie und Begehren in einer Gesellschaft, die zwischen viktorianischem Erbe und modernem Individualismus oszilliert. Die Darstellung tatkräftiger, sportlicher oder bildungsambitionierter Frauenfiguren korrespondiert mit realen Debatten um Scheidung, Erbschaft und Berufstätigkeit und erweitert die sozialen Karten seiner Erzählwelten über reine Abenteuerstoffe hinaus.

Die kalifornische Landschaft, insbesondere Sonoma County, wurde Labor der Moderne. London erwarb 1905 nahe Glen Ellen die „Beauty Ranch“ und experimentierte dort mit nachhaltiger Forstwirtschaft, Rebbau, Damm- und Teichbau. Im Umfeld der nationalen Naturschutzbewegung um Theodore Roosevelt und Gifford Pinchot sowie Kontroversen wie Hetch Hetchy (1908–1913) verband sich Agrarutopie mit Technikglauben. Ländliche Wanderungen, Gewerkschaftsbewegungen und Siedlerträume verschränkten sich zu Erzählungen, in denen Landbesitz, Arbeit und Landschaftsästhetik neu ausgehandelt werden. Kalifornische Romane, die Felder, Obsthaine und Dorfstraßen kartieren, rahmen so eine Gegenwelt zur Stadt und zum Schiff – ohne die Marktlogik zu verlassen.

Wirtschaftliche Zyklen prägten Biografie und Werk. Die Panik von 1893 entließ viele in Vagabondage; London schloss sich 1894 zeitweilig „Kelley’s Army“ an und wurde in Niagara Falls wegen Landstreicherei verhaftet. Die Panik von 1907 erschütterte Banken, Frachtraten und Anzeigenmärkte – mit Folgen für Autorenhonorare. Spekulation und Schulden treiben Figuren in Goldfeldern, auf Frachtern und in Städten zu riskanten Entscheidungen. Der Wechselkurs von Muskelkraft, Bildung, Eigentumstiteln und purem Glück strukturiert Lebenswege. Diese ökonomische Anthropologie – die Rechnung, die stets gemacht wird – verbindet die Nordland-, See- und Städteszenen zu einer Gesamtpoetik des Preises.

Rassentheorien und koloniale Stereotype der Zeit prägten den Diskurs, in dem London schrieb. Wissenschaftlicher Rassismus zirkulierte in Universitäten und Medien; gleichzeitig existierten Gegenströmungen antikolonialer Kritik. In den nordischen Stoffen interagieren Siedler mit Tlingit, Hän oder Inupiat, im Pazifik mit Polynesiern und Melanesiern – stets vermittelt durch Missionsstationen, Kolonialverwaltung und Handel. Kanadisch-amerikanische Grenzregime nach dem Alaska-Kauf (1867) sowie Polizeigewalt und Missionsschulen rahmen Kontaktzonen. Londons Texte oszillieren zwischen Empathie, Exotisierung und zeittypischen Vorurteilen – ein Spannungsfeld, das heute kritische Lektüren verlangt und doch die historische Tiefenperspektive seiner globalen Schauplätze sichtbar macht.

Jack London starb am 22. November 1916 auf seiner Ranch in Glen Ellen, doch sein Werk zirkulierte weltweit weiter. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg lagen deutsche Übersetzungen vor, etwa bei Verlagen wie S. Fischer und Albert Langen; die Popularität in Mitteleuropa basierte auf der Mischung aus Abenteuer, Sozialkritik und Naturerfahrung. Frühe Stummfilme adaptierten Motive der See- und Nordlandstoffe, der Tonfilm setzte dies fort. In der Rückschau bündelt Londons Œuvre markante Bewegungen seiner Zeit – Goldrausch, Progressivismus, Imperialismus, Massenkultur – zu einer Literatur der Grenzerfahrung, in der Individuen gegen Natur, Markt und Macht ihre Handlungsspielräume ausloten.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Wolfsblut

Ein in der Wildnis geborener Wolfshund gerät in menschliche Hände und kämpft zwischen Instinkt und Zivilisation um seinen Platz. Die Geschichte verfolgt seine schrittweise Zähmung und Loyalität gegenüber einem Menschen.

Der Seewolf

Ein gutbürgerlicher Intellektueller wird von dem brutalen, charismatischen Kapitän Wolf Larsen auf See verschleppt. Zwischen Überlebenskampf, Macht und Moral entsteht ein psychologisches Duell auf engem Raum.

Lockruf des Goldes

Der Hund Buck wird in den Yukon verschleppt und muss sich im Schlittenhund-Rudel behaupten. Allmählich folgt er dem uralten Ruf der Wildnis und entdeckt seine ursprüngliche Natur.

Martin Eden

Ein junger Seemann arbeitet verbissen an seiner Bildung und Schriftstellerkarriere, um gesellschaftlich aufzusteigen. Der Roman seziert Individualismus, Klassenunterschiede und den Preis persönlicher Selbstverwirklichung.

König Alkohol

Autobiografisch gefärbte Betrachtung über Alkoholkultur, Männlichkeitsbilder und Abhängigkeit. London beleuchtet Verführung und Zerstörungskraft des Trinkens ohne moralisierenden Ton.

Meuterei auf der Elsinore

Eine Fahrt auf einem Segelfrachter eskaliert in Spannungen zwischen Mannschaft und Offizieren. Der Erzähler beobachtet, wie Disziplin, Gewalt und Klassenkonflikte in offener Rebellion gipfeln.

Kid & Co.

Ein Junge aus San Francisco gerät auf ein Schmugglerboot und in krumme Geschäfte. In rauer Umgebung lernt er rasch über Loyalität, Gesetz und Selbstbehauptung.

Jerry der Insulaner

Ein irischer Terrier durchstreift die Südsee und wird zum Spielball kolonialer Machtverhältnisse. Seine Erlebnisse spiegeln Dressur, Ausbeutung und Zuneigung im Spannungsfeld von Mensch und Tier.

Michael der Bruder Jerrys

Michaels Weg führt vom Schiffshund in die Unterhaltungsindustrie, wo die Härte des Tiertrainings sichtbar wird. Die Erzählung thematisiert Grausamkeit, Mitgefühl und Rettung.

Die Herrin des Großen Hauses

Auf einer kalifornischen Ranch geraten Ehe, Begehren und Freundschaft in eine heikle Balance. Der Roman zeichnet eine moderne Ehedynamik als psychologisches Kammerspiel vor großem Naturpanorama.

An der weißen Grenze

Vor dem Hintergrund des Klondike-Goldrauschs behauptet sich eine selbstbestimmte Frau in rauer Grenzgesellschaft. Abenteuer, gesellschaftliche Konventionen und Liebesfragen prallen aufeinander.

Das Mondtal

Ein Arbeiterpaar flieht aus der Industrie der Bay Area, um ein unabhängiges Leben auf dem Land zu suchen. Die Reise durch Kalifornien verhandelt soziale Not, Gewerkschaftskämpfe und den Traum vom eigenen Boden.

Der Ruhm des Kämpfers

Ein talentierter Boxer ringt zwischen Liebe, Ehre und der gefährlichen Anziehungskraft des Rings. Das Sportdrama beleuchtet Illusionen und Risiken des Ruhms.

Klondike- und Nordland-Erzählungen (u. a. Der Sohn des Wolfs; Die Männer von Forty-Mile; Das weiße Schweigen; In fernem Lande; Auf der Rast; Die Weisheit der Reise; Eine Odyssee des Nordens; In den Wäldern des Nordens; Drei Sonnen am Himmel; Quartier für einen Tag; Negore, der Feigling; Jees Uck; Bastard; Braunwolf; Die Heirat der Lit-Lit)

Geschichten von Überleben, Loyalität und Grenzjustiz im arktischen Norden während des Goldrauschs. Prospektoren, Indigene und Schlittenhunde stoßen in extremen Bedingungen an moralische und körperliche Grenzen.

Südsee- und Pazifik-Erzählungen (u. a. Ein Sohn der Sonne; Das Weib eines Königs; Die glücklichen Inseln; Der König und sein Schamane; Das Vorrecht des Priesters)

Begegnungen zwischen westlichen Abenteurern und Inselgesellschaften verhandeln Handel, Tabus, Macht und Kulturkontakt. Die paradiesische Szenerie kontrastiert mit Härte, List und sozialem Wandel.

Der Seebauer

Eine maritime Erzählung über Arbeit, Wagnis und Unternehmergeist an der Küste. Sie zeigt, wie Überleben und Erfolg vom Zusammenspiel aus Erfahrung, Risiko und Natur abhängen.

Die bekanntesten Werke von Jack London

Hauptinhaltsverzeichnis
Romane
Wolfsblut
Der Seewolf
Lockruf des Goldes
Martin Eden
König Alkohol
Meuterei auf der Elsinore
Kid & Co.
Jerry der Insulaner
Michael der Bruder Jerrys
Die Herrin des Großen Hauses
An der weißen Grenze
Das Mondtal
Der Ruhm des Kämpfers
Erzählungen
Der Sohn des Wolfs
Die Männer von Forty-Mile
Das weiße Schweigen
In fernem Lande
Auf der Rast
Die Weisheit der Reise
Eine Odyssee des Nordens
Das Weib eines Königs
Der Seebauer
Das Vorrecht des Priesters
Ein Sohn der Sonne
In den Wäldern des Nordens
Die glücklichen Inseln
Drei Sonnen am Himmel
Quartier für einen Tag
Negore, der Feigling
Braunwolf
Bastard
Jees Uck
Der König und sein Schamane
Die Heirat der Lit-Lit

Romane

Inhaltsverzeichnis

Wolfsblut

Inhaltsverzeichnis
Erster Teil
1. Kapitel. Auf der Fährte nach Fleisch
2. Kapitel. Die Wölfin
3. Kapitel. Heulender Hunger
Zweiter Teil
1. Kapitel. Kampf mit den Zähnen
2. Kapitel. Das Lager
3. Kapitel. Das graue Junge
4. Kapitel. Die Wand der Außenwelt
5. Kapitel. Das Recht auf Fleisch
Dritter Teil
1. Kapitel. Die Feuermacher
2. Kapitel. Die Knechtschaft
3. Kapitel. Der Ausgestoßene
4. Kapitel. Die Fahrt der Götter
5. Kapitel. Der Bund mit dem Menschen
6. Kapitel. Die Hungersnot
Vierter Teil
1. Kapitel. Der Feind seiner Gattung
2. Kapitel. Der tolle Gott
3. Kapitel. Das Regiment des Hasses
4. Kapitel. Im Rachen des Todes
5. Kapitel. Unzähmbar
6. Kapitel. Der Gebieter
Fünfter Teil
1. Kapitel. Die lange Fahrt
2. Kapitel. Das Südland
3. Kapitel. Des Herrn Besitztum
4. Kapitel. Die Stimme des Blutes
5. Kapitel. Der schlafende Wolf

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel. Auf der Fährte nach Fleisch

Inhaltsverzeichnis

Dunkler Tannenwald dräute finster zu beiden Seiten des gefrorenen Wasserlaufs. Der Wind hatte kürzlich die weiße Schneedecke von den Bäumen gestreift, so daß sie aussahen, als drängten sie sich unheimlich düster in dem schwindenden Tageslicht aneinander. Tiefes Schweigen lag über dem Lande, das eine Wildnis war, ohne Leben, ohne Bewegung, so einsam, so kalt, daß die Stimmung darin nicht einmal traurig zu sein schien. Vielmehr lag es wie ein Lachen darüber, ein Lachen, schrecklicher als jede Traurigkeit, freudlos wie das Lächeln der Sphinx, kalt wie der Frost und grimmig wie die Notwendigkeit. Die unerbittliche, unerforschliche Weisheit des Ewigen lachte da über die Nutzlosigkeit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens.

Und doch war Leben in dem Lande, trotziges Leben noch dazu! Denn den gefrorenen Wasserlauf hinunter zog mühsam eine Reihe wolfsähnlicher Hunde. Ihr dichter Pelz war dick mit Reif bedeckt; ihr Atem fror in der Luft so wie er in dichten Dampfwolken aus ihrem Maule emporstieg und hängte sich als Eiskristalle an die Haare ihres Pelzes. Sie gingen in ledernen Riemen an einen Schlitten gespannt, der hinten nachschleifte. Dieser Schlitten hatte keine Kufen. Er war aus dicker Birkenrinde gefertigt und ruhte mit dem ganzen Boden auf dem Schnee. Das vordere Ende war aufwärts gebogen, um den weichen Schnee, der wie Wellenschaum emporstäubte, aus der Bahn zu schieben. Auf dem Schlitten stand ein langer, schmaler, viereckiger Kasten und noch andere Dinge, wie wollene Decken, ein Beil, ein Kaffeetopf und eine Bratpfanne waren darauf festgeschnallt, doch den größten Raum nahm der lange, schmale, viereckige Kasten ein.

Vor den Hunden wanderte ein Mann auf breiten Schneeschuhen und hinter dem Schlitten ein zweiter. Auf dem Schlitten lag in dem Kasten ein dritter, dessen Mühe und Arbeit vorüber war, ein Mann, den die Kälte der Wildnis niedergeworfen und besiegt hatte, so daß er sich nicht mehr rühren, noch regen konnte; denn Bewegung liebt sie nicht. Das Leben ist für sie eine Beleidigung, denn das Leben ist Bewegung, sie aber strebt danach, alle Bewegungen aufhören zu machen. So läßt sie das Wasser gefrieren, um zu verhindern, daß es ins Meer fließe, so treibt sie den Saft aus den Bäumen, bis sie ins innerste Herz hinein erstarren; und am grausamsten und schrecklichsten verfolgt sie den Menschen und zwingt ihn zur Unterwerfung, ihn, das ruheloseste aller Wesen, das in steter Empörung gegen den Spruch ist, daß am Ende alle Bewegung aufhören soll.

Vor und hinter dem Schlitten wanderten jedoch unablässig und unerschrocken die beiden Männer, die noch lebendig waren. Ihr Körper war in dicken Pelz und weichgegerbtes Leder gehüllt. Ihre Augenwimpern, Wangen und Lippen waren so vollständig mit den Eiskristallen ihres gefrorenen Atems bedeckt, daß die Gesichtszüge unkenntlich waren, was ihnen das Aussehen von gespenstischen Masken gab, von Leichenträgern aus einer spukhaften Welt beim Leichenbegängnis eines Gespenstes. Trotzdem aber waren es Menschen, winzige Abenteurer, die durch das Land der Öde, des Hohnes und Schweigens zogen und kampfbereit sich gegen eine Welt stellten, die so fern, so fremd und ohne Leben war, wie die Abgründe im Weltenraum.

Sie wanderten dahin ohne zu sprechen, denn sie mußten den Atem für die Arbeit des Leibes sparen. Ringsumher herrschte lastendes Schweigen, das ihre Seele bedrückte, wie die Wassermassen den Körper des Tauchers auf dem Meeresgrunde. Es preßte sie mit dem Gewichte der Unermeßlichkeit, der unentrinnbaren Notwendigkeit. Es drängte sie in die tiefsten Winkel ihrer Seele zurück und quetschte aus ihnen, wie den Saft aus der Traube, alles falsche Streben, alle unwahre Begeisterung, alle übertriebene Wertschätzung irdischer Dinge heraus, bis sie sich klein und unbedeutend vorkamen wie Sonnenstäubchen, die mit wenig Klugheit und geringer Weisheit im Fangballspiel der großen, blinden Naturkräfte sich hin und herbewegen.

Eine Stunde verstrich und dann noch eine. Das bleiche Licht des kurzen, sonnenlosen Tages fing an zu erlöschen, als ein ferner, schwacher Laut gleichsam in die Luft emporstieg. Rasch glitt er einige Töne hinauf, bis er zitternd auf der höchsten Note verweilte und dann dahinstarb. Man hätte ihn für den klagenden Ruf einer verlorenen Seele halten können, wenn nicht aller Traurigkeit eine gewisse hungrige, gierige Wildheit beigemischt gewesen wäre. Der Vordermann drehte den Kopf herum, bis seine Augen denen des Gefährten begegneten, dann nickten sie einander verständnisvoll über dem schmalen, länglichen Kasten zu.

Ein zweiter Ruf erklang, der schrill wie eine spitze Nadel durch das Schweigen fuhr. Beide Männer erkannten, daß die Richtung, aus der er ertönte, die Schneewüste war, die sie soeben durchkreuzt hatten. Ein dritter Schrei – wie eine Antwort aus derselben Richtung, aber links von dem zweiten Ruf.

»Sie sind hinter uns her, Bill,« sagte der Vordermann.

Die Stimme klang heiser und geisterhaft; der Mann hatte scheinbar mit Anstrengung gesprochen.

»Das Fleisch ist knapp,« antwortete sein Gefährte. »Ich habe seit Tagen nicht die Spur von einem Kaninchen gesehen.«

Weiter sagten sie nichts, doch lauschten sie aufmerksam auf den Jagdschrei der Verfolger, der dauernd hinter ihnen her ertönte.

Beim Einbruch der Dunkelheit lenkten sie die Hunde in ein Tannengebüsch am Rande des Wasserlaufs und schlugen das Lager auf. Der Sarg neben dem Feuer diente als Sitz und Tisch. Die wolfsähnlichen Hunde drängten sich hinter dem Feuer zusammen, knurrten und bissen sich, zeigten jedoch keine Lust, sich ins Dunkle zu wagen.

»Mir scheint, Heinrich, sie bleiben heute merkwürdig dicht beim Lager,« bemerkte Bill.

Heinrich, der am Feuer hockte und den Kaffeetopf mit einem Stück Eis aufstellte, nickte. Er sprach auch nicht eher, als bis er seinen Platz auf dem Sarg eingenommen und zu essen angefangen hatte.

»Sie wissen, wo ihr Fell am sichersten ist,« versetzte er. »Sie fressen auch lieber, als daß sie sich fressen lassen. Es sind ganz kluge Hunde.«

Bill schüttelte den Kopf. »Oh, das weiß ich doch nicht.«

Sein Kamerad blickte ihn verwundert an. »Zum erstenmal höre ich dich etwas gegen ihre Klugheit sagen.«

»Du, Heinrich,« entgegnete der andere, indem er langsam an den Bohnen kaute. »Hast du vielleicht bemerkt, was für einen Spektakel die Hunde machten, als ich sie fütterte?«

»Sie lärmten allerdings mehr als gewöhnlich,« bestätigte Heinrich.

»Wie viel Hunde haben wir, Heinrich?«

»Sechs.«

»Schön.«... Bill hielt einen Augenblick inne, um seinen Worten größeren Nachdruck zu geben. »Wie du eben sagtest, Heinrich, haben wir sechs Hunde. Ich nahm auch sechs Stück Fisch aus dem Sack. Ich gab jedem Hund einen Fisch, und hatte doch einen zu wenig, Heinrich.«

»Du hast falsch gezählt.«

»Wir haben sechs Hunde,« wiederholte der andere mit vollkommener Seelenruhe. »Ich nahm auch sechs Stück Fisch heraus. Einohr bekam aber keinen. Ich ging hernach an den Sack und brachte ihm seinen.«

»Wir haben aber nur sechs Hunde,« behauptete Heinrich.

»Du, Heinrich,« fuhr Bill fort, »ich will nicht sagen, daß es alles Hunde waren, aber sieben haben Fisch bekommen.«

Heinrich machte eine Pause im Essen, blickte über das Feuer hinweg und zählte die Hunde.

»Es sind jetzt nur sechs,« sagte er.

»Ich sah den andern über den Schnee weglaufen,« beharrte Bill mit kühler Bestimmtheit, »und ich zählte sieben.«

Heinrich blickte ihn mitleidig an. »Ich werd' mich mächtig freuen, wenn die Fahrt erst vorüber ist.«

»Wie meinst du das?« fragte Bill.

»Ich meine, daß unsere Fracht hier dir auf die Nerven fällt und du anfängst, Gespenster zu sehen.«

»Daran hab' ich auch gedacht,« antwortete Bill ernsthaft. »Drum, als ich das so quer über den Schnee laufen sah, untersuchte ich denselben und sah Spuren darin. Dann zählte ich die Hunde, und es waren und blieben sechs. Die Spur ist noch im Schnee. Willst du sie sehen? Ich kann sie dir zeigen.«

Heinrich erwiderte nichts, sondern kaute schweigend weiter, bis er den Rest der Mahlzeit mit einer Tasse Kaffee hinuntergespült hatte. Dann wischte er sich mit dem Rücken der Hand den Mund ab und sagte: »Du glaubst also, es war –«

Eia langgezogener, furchtbar trauriger Ton, der irgendwo aus der Dunkelheit hervorkam, unterbrach seine Rede. Er hielt inne, um zu lauschen. Dann schloß er den Satz mit einer Handbewegung nach dem Geheul hin, – »einer von denen?«

Bill nickte. »Ich möchte hunderttausendmal lieber das, als was andres glauben, und du hast ja selbst den Lärm gehört, den die Hunde machten.«

Ein Geheul nach dem andern, wobei eines immer wie die Antwort auf das andere klang, verwandelte die Stille ringsum in den lärmenden Tumult eines Tollhauses. Von allen Seiten kamen die Töne, und die Hunde drängten sich angstvoll aneinander und so dicht um das Feuer herum, daß die Hitze ihnen den Pelz versengte.

Bill warf mehr Holz auf die Glut, bevor er sich eine Pfeife anzündete.

»Ich denke, du bist ein bißchen melancholisch gestimmt,« bemerkte Heinrich.

»Du, Heinrich...« Er sog nachdenklich eine Weile an der Pfeife, bevor er fortfuhr: »ich dachte gerade daran, wie viel hunderttausendmal glücklicher doch der da dran ist, als wir, du und ich, es je sein werden.«

Dabei deutete er mit dem Daumen abwärts auf die Kiste, auf der sie saßen.

»Wenn wir, Heinrich, du oder ich, sterben, können wir glücklich sein, so viel Steine auf unsere Kadaver zu bekommen, daß die Hunde davon abgehalten werden.«

»Aber wir haben auch keine Verwandten und kein Geld und all das, wie der da,« entgegnete Heinrich. »Eine lange Reise als Leiche ist etwas, was wir uns nicht leisten können.«

»Was mich wundert, Heinrich, ist, was so 'n Mensch wie der da, der im eigenen Lande ein vornehmer Herr war und sich um Essen und Trinken und ums Nachtquartier nie hat zu sorgen brauchen, – was so einer hierher in diesen gottverlassenen Winkel kommt, das kann und kann ich nicht recht einsehen.«

»Er hätte ein hohes Alter erreichen können, wenn er zu Haus geblieben wäre,« stimmte Heinrich bei.

Bill öffnete den Mund, um zu sprechen, besann sich jedoch eines andern. Er deutete statt dessen in das Dunkel hinein, das wie eine Mauer sie auf allen Seiten umgab. Es waren in der dichten Finsternis weder Formen, noch Gestalten zu erblicken, nur ein Augenpaar konnte man wie glühende Kohlen darin leuchten sehen. Heinrich deutete mit einer Kopfbewegung nach einem zweiten und einem dritten Augenpaar. Ein Kreis glühender Augen schien sich um das Lager zu ziehen. Hin und wieder bewegten sich die glühenden Punkte, verschwanden, um einen Augenblick später wieder aufzutauchen.

Die Ruhelosigkeit der Hunde hatte zugenommen, sie rannten in einem Anfall plötzlicher Angst nach der Innenseite des Feuers und drängten sich an die Männer heran. Bei der wilden Flucht war einer dicht am Feuer zu Falle gekommen, und während der Geruch seines versengten Pelzes die Luft erfüllte, winselte er vor Schmerz und Angst. Unterdessen hatte sich der Kreis glühender Augen unruhig hin- und herbewegt und einen Augenblick sogar ein wenig zurückgezogen, aber wieder kehrten die leuchtenden Punkte an den früheren Platz zurück, als die Hunde ruhiger wurden.

»Heinrich, es ist ein großes Unglück, daß wir keine Patronen mehr haben.«

Bill hatte seine Pfeife ausgeraucht und half dem Gefährten, auf die Tannenzweige, die sie noch vor dem Abendessen auf den Schnee gelegt hatten, die wollenen Decken und Pelze zum Nachtlager auszubreiten. Heinrich brummte zustimmend und machte sich daran, seine Mokassins aufzuschnallen.

»Wie viele Patronen haben wir noch, sagtest du?« fragte er.

»Drei,« war die Antwort. »Ich wünschte, es wären dreihundert. Dann wollte ich ihnen schon was zeigen, den verdammten Bestien.«

Bill schüttelte ärgerlich die Faust nach den glühenden Augen hin und fing ebenfalls an, sich die Mokassins auszuziehen, die er am Feuer aufstellte.

»Ich wünschte, diese Kälte möchte mal endlich nachlassen,« fuhr er fort. »Wir haben nun schon vierzehn Tage lang fünfzig Grad gehabt, und ich wollte, ich hätte mich nie auf diese Fahrt begeben, Heinrich. Mir gefällt sie nicht! Mir ist nicht wohl dabei, und wenn ich einmal beim Wünschen bin, so möcht' ich, die Fahrt wäre erst vorbei, und du und ich, wir säßen am Feuer in Fort Mc. Gurry so um diese Zeit des Tages, und spielten Karten. Ja, das möcht' ich!«

Heinrich brummte und kroch ins Bett. Beim Einduseln weckte ihn die Stimme des Gefährten.

»Hör mal, Heinrich – den andern, der dazukam und den Fisch bekam –, warum bissen den die Hunde nicht weg? Das beunruhigt mich.«

»Du plagst dich zu sehr, Bill,« kam schläfrig die Antwort. »Du warst doch vorher nie so. Nun hör 'mal auf und schlafe, dann bist du morgen wieder frisch und munter. Du hast dir den Magen verdorben, und das quält dich!«

Die Männer schliefen unter derselben Decke schwer atmend nebeneinander. Das Feuer brannte herunter und der Kreis glühender Augen zog sich immer enger um das Lager. Die Hunde drängten sich angstvoll aneinander und knurrten jedesmal drohend, wenn ein Augenpaar näher herankam. Einmal wurde der Lärm so toll, daß Bill erwachte. Er kroch vorsichtig aus dem Bett, um den Schlaf seines Kameraden nicht zu stören, und warf mehr Holz auf das Feuer. Als es aufflammte, zog sich der Augenkreis weiter zurück. Zufällig blickte er nach den sich zusammendrängenden Hunden hinüber, rieb sich die Augen und blickte schärfer hin. Darauf kroch er unter die Decken zurück.

»Du, Heinrich,« sagte er, »hör doch mal, Heinrich!«

Dieser, aus dem Schlafe erwachend, brummte: »Was ist denn los?«

»Nichts,« war die Antwort. »Nur daß es jetzt wieder sieben sind. Ich hab' sie eben gezählt.«

Heinrich beantwortete die Kunde mit einem Brummen, das in ein Schnarchen überging, als der Schlaf ihn übermannte. – Am Morgen erwachte Heinrich zuerst und trieb den Gefährten zum Aufstehen an. Der Tag brach erst drei Stunden später an, obgleich es schon sechs Uhr war, und so ging Heinrich in der Dunkelheit umher und kochte das Frühstück, während Bill die Decken zusammenrollte und den Schlitten zur Abfahrt bereit machte.

»Hör mal, Heinrich,« fragte er plötzlich, »wie viel Hunde sagtest du, daß wir hätten?«

»Sechs.«

»Falsch!« verkündete Bill triumphierend.

»Wieder sieben?« fragte Heinrich.

»Nein, aber fünf, denn einer ist weg.«

»Höll und Teufel!« rief Heinrich wütend, ließ das Frühstück stehen und kam, um die Hunde zu zählen.

»Du hast recht,« erwiderte er. »Fett ist fort.«

»Und wie ein geölter Blitz ging es mit ihm, als er erst los war. Nichts war mehr von ihm zu sehen.«

»Wie sollte es auch?« erwiderte Heinrich. »Sie verschlangen ihn gewiß gleich lebendig. Ich wette, er bellte noch, als sie ihn hinunterschluckten, die verdammten Bestien.«

»Er war immer ein bißchen dämlich,« meinte Bill.

»Aber kein dummer Hund sollte so dämlich sein, daß er hinliefe, um Selbstmord zu begehen.« Dabei ließ Heinrich den Blick prüfend über die übrigen Hunde gleiten, als wollte er sich die Charakterzüge jedes Einzelnen vergegenwärtigen.

»Ich wette, das würde keiner von den andern tun.«

»Die könnte man nicht mal mit 'nem Knüppel vom Feuer jagen,« stimmte Bill bei. »Ich dachte immer, daß es mit Fett nicht ganz richtig wäre.«

Und dies war die Grabrede auf einen toten Hund bei einer Nordlandfahrt – nicht dürftiger als die manches anderen Hundes und manches Mannes.

2. Kapitel. Die Wölfin

Inhaltsverzeichnis

Als das Frühstück verzehrt und die wenigen Lagergerätschaften auf den Schlitten gepackt waren, drehten die Männer dem hellen Feuer den Rücken und verschwanden in der Dunkelheit. Sogleich begann wieder das fürchterlich traurige Geheul, das auf verschiedenen Seiten wie antwortend durch Kälte und Dunkelheit tönte. Der Männer Gespräch verstummte. Um neun ward es Tag. – Mittags erglänzte der Himmel im Süden in rosigem Lichte, aber die Rosenfarbe verblaßte schnell. Das graue Tageslicht, das zurückblieb, dauerte bis drei Uhr, wo es ebenfalls erblich, und nun breitete die Polarnacht ihr dunkles Leichentuch über die einsame, schweigende Welt.

Als die Dunkelheit hereinbrach, erklang das Geheul rechts, links und im Rücken näher, ja, mehr als einmal so nahe, daß die müden Hunde vor Angst zitterten und in der Aufregung durcheinander gerieten.

Nach einem solchen kurzen Aufenthalt, als Bill und Heinrich das Gespann wieder in Ordnung gebracht hatten, sagte jener: »Ich wünschte, sie möchten ein anderes Wild irgendwo aufspüren und uns in Ruhe lassen.«

»Sie fallen einem wirklich gräßlich auf die Nerven,« stimmte Heinrich bei. Weiter sagten sie nichts, bis das Nachtlager aufgeschlagen wurde.

Heinrich beugte sich über den Topf, in dem die Bohnen brodelten, und in den er kleine Stückchen Eis hineintat, als ein lauter Schlag und ein Ausruf von Bill sowie das scharfe Knurren und das Wehgeschrei eines Hundes ihn zusammenfahren ließ. Er richtete sich auf und sah noch, wie eine dunkle Gestalt über den Schnee lief und in der Finsternis verschwand. Dann erblickte er Bill, halb triumphierend, halb niedergeschlagen, unter den Hunden, wie er in der einen Hand einen dicken Knüttel, in der andern das Schwanzende eines gedörrten Lachses hielt.

»Die Hälfte hat die Bestie doch gekriegt,« verkündete er, »aber ich gab ihr dafür auch einen tüchtigen Klapps. Hörtest du sie schreien?«

»Wie sah sie denn aus?« fragte Heinrich.

»Sehen konnte ich nicht. Aber sie hatte vier Beine und ein Maul und Haare und sah wie ein Hund aus.«

»Es muß ein zahmer Wolf gewesen sein, glaub' ich.«

»Verdammt zahm, was es auch ist, wenn es so zur Fütterung kommt und sein Stück Fisch holt.«

Als das Abendbrot vorüber war und die beiden Männer auf dem länglichen Kasten saßen und ihre Pfeife schmauchten, zog sich der Kreis glühender Augen wieder dichter zusammen.

»Ich wünschte, sie möchten auf ein Rudel Elche oder was Ähnliches stoßen und uns zufrieden lassen,« sagte Bill.

Heinrich brummte etwas, was nicht wie eine Zustimmung klang, und eine Viertelstunde saßen sie schweigend da, wobei Heinrich ins Feuer und Bill auf den Augenkreis starrte, der in der Dunkelheit dicht hinter dem Feuer flimmerte.

»Ich wünschte, wir könnten von hier in einer Tour nach Mc. Gurry fahren,« begann Bill wieder.

»So hör endlich einmal mit deinem Gewünsch und Gekrächz auf,« brach Heinrich ärgerlich los. »Ich sag' dir, du hast dir den Magen verdorben. Schluck eine gute Dosis Natron runter, dann wird dir besser und deine Gesellschaft angenehmer werden.«

Am folgenden Morgen wurde Heinrich durch gräßliche Flüche aus Bills Munde geweckt. Er stützte sich auf den Ellenbogen und sah den Gefährten neben dem flackernden Feuer mitten unter den Hunden mit wutverzerrtem Gesicht und scheltend erhobenen Armen stehen.

»Hallo!« rief Heinrich. »Was ist denn los?«

»Frosch ist weg!« war die Antwort.

»Nein!«

»Ich sage ja!«

Heinrich sprang aus den Decken und lief auf die Hunde zu. Er zählte sie und stimmte dann in die Verwünschungen ein, womit sein Kamerad den Mächten der Wildnis fluchte, die ihnen abermals einen Hund geraubt hatten.

»Frosch war der stärkste von allen,« bemerkte Bill zuletzt.

»Und er war auch nicht dämlich,« fügte Heinrich hinzu, und das war innerhalb zwei Tagen die zweite Grabrede.

Das Frühstück wurde in düsterer Stimmung eingenommen und die vier noch übrigen Hunde vor den Schlitten gespannt. Der Tag war eine Wiederholung der vorhergegangenen. Die Männer wanderten stumm über die gefrorene Erde, und das Schweigen wurde nur durch das Geheul ihrer Verfolger unterbrochen, die ihnen unsichtbar folgten. Mit dem Einbruch der Dunkelheit am frühen Nachmittag klang das Geheul wieder näher, wie die Verfolger ihrer Gewohnheit gemäß näher kamen; die Hunde wurden aufgeregt und furchtsam und verwickelten sich in ihrer Angst in den Strängen, was die beiden Männer noch mehr entmutigte.

»So, das wird die dummen Dinger doch wohl festhalten,« sagte Bill am Abend voller Befriedigung, als er sich von seiner Arbeit aufrichtete.

Heinrich ließ den Kochtopf stehen und kam, um zu sehen, was der andere gemacht hatte. Bill hatte nicht nur die Hunde angebunden, sondern dies nach der Art der Indianer mit Stöcken getan. Um den Hals eines jeden Hundes hatte er einen ledernen Riemen so dicht befestigt, daß der Hund ihn mit den Zähnen nicht fassen konnte, und an diesen Riemen hatte er einen vier oder fünf Fuß langen Stock gebunden, und das andere Ende des Stockes mit einem zweiten Lederriemen an einem Pfahl im Boden festgemacht. So konnte der Hund wegen des Stockes weder an den einen noch an den anderen Lederriemen gelangen, um ihn zu durchnagen. – Heinrich nickte zufrieden mit dem Kopfe.

»Es ist das einzige Mittel, um Einohr festzubinden,« sagte er. »Denn der beißt durch das Leder so glatt, als wenn es mit 'nem Messer durchschnitten wäre, nur daß es ein bißchen länger dauert. – Morgen werden sie alle am Platze sein.«

»Darauf kannst du eine Wette eingehen,« bekräftigte Bill. »Wenn morgen einer fehlt, so will ich keinen Kaffee haben.«

»Die wissen ganz genau, daß wir kein Pulver und kein Blei mehr haben,« bemerkte Heinrich beim Schlafengehen, indem er auf den Kreis glühender Punkte deutete. »Wenn wir ihnen nur eins auf den Pelz brennen könnten, so würden sie mehr Respekt haben. Sie kommen jede Nacht näher heran. Sieh eine Weile nicht ins Feuer, sondern scharf darauf hin. Sahst du den da?«

Die Männer amüsierten sich eine Zeitlang damit, die Bewegungen der undeutlichen Gestalten am Rande des Feuerscheins zu beobachten. Wenn sie die Augen fest auf ein im Dunkel leuchtendes Augenpaar hefteten, so fing die Gestalt des Tieres an, allmählich Form anzunehmen, und sie konnten dann und wann die Formen sich bewegen sehen.

Ein Lärm unter den Hunden zog die Aufmerksamkeit der Männer an. Einohr ließ ein flehendes Gewinsel hören, strebte am Ende seines Stockes ins Dunkel hinein und ließ nur davon ab, um von Zeit zu Zeit mit den Zähnen wahnsinnige Angriffe auf den Stock zu machen.

»Sieh doch mal, Bill,« flüsterte Heinrich.

Im vollen Feuerschein schlich von der Seite verstohlen ein Tier herbei, das einem Hunde auffallend ähnlich sah. Es bewegte sich mit einer Mischung von Argwohn und Kühnheit, beobachtete vorsichtig die Männer, heftete aber seine volle Aufmerksamkeit auf die Hunde. Einohr strebte am äußersten Ende des Stockes nach dem Eindringling hin und winselte kläglich.

»Der Narr, der Einohr, scheint sich nicht sehr zu fürchten,« sagte Bill leise.

»Es ist eine Wölfin,« flüsterte Heinrich zurück, »und das erklärt die Flucht des Dicken und des Frosch. Sie ist der Köder für das Rudel. Sie lockt die Hunde heraus, und dann stürzen sie alle drauf und fressen sie auf.«

Das Feuer knisterte. Ein Stück Holz fiel mit lautem Geprassel heraus. Bei dem Geräusch sprang das fremde Tier ins Dunkel zurück.

»Heinrich, ich glaube –« fing Bill an.

»Was denn?«

»Ich glaube, das war die Bestie, der ich eins mit dem Knüttel versetzte.«

»Ohne Zweifel,« war Heinrichs Antwort.

»Und hier möchte ich mir die Bemerkung erlauben,« fuhr Bill fort, »daß die Vertrautheit des Tieres mit Lagerfeuern verdächtig und unanständig ist.«

»Es weiß ganz sicher davon mehr, als ein anständiger Wolf wissen sollte,« gab Heinrich zu. »Ein Wolf, der so viel weiß, daß er mit den Hunden zur Fütterung kommt, hat Erfahrungen gehabt.«

»Der alte Villan hatte mal einen Hund, der mit den Wölfen auf und davon lief,« fuhr Bill nachdenklich fort. »Ich muß es wissen, denn ich schoß ihn da drüben im Rudel am »Kleinen Stock« auf einer Elchweide, und der alte Villan weinte wie ein Kind. Er sagte, er hätte ihn drei Jahre lang nicht gesehen. Die ganze Zeit war der bei den Wölfen gewesen.«

»Ich glaube, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Wolf ist eigentlich ein Hund und hat manch liebes Stück Fisch aus der Hand eines Menschen gefressen.«

»Wenn ich könnte, wie ich wollte, so sollte der Wolf, der eigentlich ein Hund ist, am längsten gelebt haben,« erklärte Bill. »Wir können nicht noch mehr Hunde verlieren.«

»Aber du hast nur noch drei Patronen,« warf Heinrich ein.

»Ich will auch auf einen ganz sicheren Schuß warten,« war die Antwort.

Am Morgen schürte Heinrich das Feuer und kochte das Frühstück, während sein Kamerad noch schnarchte.

»Ich konnt's nicht übers Herz bringen, dich zu wecken,« sagte Heinrich, als er ihn darauf zum Frühstück rief. »Du schliefst so schön.«

Bill fing schlaftrunken an zu essen. Er bemerkte, daß seine Tasse leer war, und streckte die Hand nach dem Kaffeetopf aus. Aber der Topf stand neben Heinrich und war zu weit entfernt.

»Hör mal, Heinrich,« sagte er vorwurfsvoll, »hast du nicht was vergessen?«

Heinrich blickte sich um und schüttelte den Kopf. Bill hielt ihm die leere Tasse hin.

»Du kriegst keinen Kaffee,« verkündete Heinrich.

»Ist er alle geworden?« fragte Bill besorgt.

»Das hoffe ich nicht.«

»Denkst du, ich werde mir den Magen dran verderben?«

»Ich hoffe auch das nicht.«

Die Röte des Ärgers stieg in Bills Gesicht empor. »Dann möchte ich allerhöflichst bitten, daß du dich erklärst,« sagte er.

»Treiber ist weg,« antwortete Heinrich.

Ohne Hast und mit der Miene eines Menschen, der sich in sein Geschick ergibt, drehte Bill den Kopf herum und zählte von seinem Platze aus die Hunde.

»Wie ist das geschehen?« fragte er ruhig.

Heinrich zuckte die Achseln. »Weiß nicht. Wahrscheinlich hat Einohr ihn losgemacht. Selber hätt' er's nicht tun können, das ist sicher.«

»Der verfluchte Spitzbub!« Bill sprach ernst und langsam ohne ein Zeichen des Ärgers, der in ihm tobte. »Weil er sich nicht selbst losbeißen konnte, mußte er's mit Treiber tun.«

»Na, Treibers Müh und Arbeit ist jedenfalls vorbei. Wahrscheinlich ist er um diese Zeit schon verdaut und galoppiert im Bauche von zwanzig Wölfen im Lande umher,« war Heinrichs Grabrede auf diesen letzten verlorenen Hund. »Trink einen Schluck Kaffee, Bill.«

Aber Bill schüttelte den Kopf.

»So sei doch nicht närrisch,« nötigte Heinrich und hob den Topf in die Höhe.

Doch Bill schob die Tasse zur Seite. »Ich ließe mich eher hängen, als daß ich's täte. Ich habe gesagt, ich wollte keinen Kaffee, wenn ein Hund fehlte, und ich will auch keinen.«

»Der Kaffee ist aber verdammt gut,« meinte Heinrich.

Aber Bill war eigensinnig und aß sein Frühstück trocken, indem er es nur mit den gemurmelten Flüchen über den Streich, den Einohr ihm gespielt hatte, hinunterspülte.

»Heut' abend bind' ich sie aber weit voneinander an,« sagte Bill, als die Wanderung begann.

Sie waren wenig mehr als hundert Meter gegangen, als Heinrich, welcher der Vordermann war, sich bückte und etwas aufhob, an das er mit dem Schneeschuh gestoßen hatte. Es war so dunkel, daß er es nicht sehen konnte, aber er erkannte es am Gefühl. Er warf es rückwärts, wo es an dem Schlitten aufsprang und bis zu Bills Schneeschuhen hüpfte.

»Vielleicht kannst du's noch brauchen,« sagte Heinrich.

Bill ließ einen Ausruf hören. Es war alles, was von Treiber übrig war, – der Stock, womit er angebunden gewesen war.

»Sie haben ihn mit Haut und Haar aufgefressen,« verkündete Bill. »Der Stock ist so kahl, wie 'ne Pfeife. Sogar die Lederriemen an beiden Enden sind weg. Sie müssen verdammt hungrig sein; und ich sehe schon, sie werden uns auch noch kriegen, bevor die Fahrt vorbei ist.«

Heinrich lachte trotzig. »Ich bin zwar von Wölfen noch nie so sehr verfolgt worden, aber ich hab' Schlimmeres im Leben durchgemacht. Es braucht mehr als so 'ne Handvoll vertrackter Bestien, um dir und mir den Garaus zu machen, Bill, mein Sohn.«

»Das weiß ich doch nicht,« meinte Bill voll böser Ahnung.

»Schön, du wirst es wissen, wenn wir nach Mc Gurry kommen.«

»Ich glaube nicht recht daran,« beharrte Bill.

»Dein Magen ist nicht in Ordnung, und das quält dich,« belehrte Heinrich. »Dir fehlt eine tüchtige Dosis Chinin, und die werd' ich dir verabfolgen, wenn wir nach Mc Gurry kommen.«

Bill brummte unwirsch zu dieser Diagnose und versank in sein früheres Schweigen. Der Tag verging wie die andern alle. Um neun Uhr wurde es hell, und um zwölf erwärmte die unsichtbare Sonne den südlichen Horizont, worauf das kalte Grau des Nachmittags einsetzte, das drei Stunden später in dunkle Nacht versank.

Gerade als die Sonne die machtlose Anstrengung zu scheinen machte, zog Bill die Büchse unter den Stricken des Schlittens heraus und sagte: »Geh nur ruhig weiter, Heinrich, ich will sehen, was ich tun kann.«

»Du tätest besser, beim Schlitten zu bleiben,« ermahnte ihn der Gefährte. »Du hast nur drei Patronen, und man weiß nie, was noch kommen kann.«

»Wer unkt nun?« versetzte Bill triumphierend.

Heinrich gab keine Antwort und wanderte allein weiter, indem er oft ängstliche Blicke in die graue Einöde warf, worin der Gefährte verschwunden war. Eine Stunde später traf er auf Bill, der die Biegungen, die der Schlitten machen mußte, abgeschnitten hatte.

»Sie sind über eine weite Fläche verstreut,« meldete er. »Sie folgen uns und schauen zugleich nach Raub aus. Du siehst, sie haben uns sicher, nur daß sie wissen, sie müssen auf uns warten. Mittlerweile suchen sie alles Eßbare auf, was ihnen in den Weg kommt.«

»Du meinst doch wohl nur, sie glauben uns sicher zu haben,« warf Heinrich ein.

Aber Bill hörte nicht auf ihn. »Ich habe einige gesehen. Sie sind fürchterlich mager. Seit Wochen, glaube ich, haben sie keinen Bissen gehabt außer Fett, Frosch und Treiber, und es sind ihrer so viele, daß das nicht weit gereicht hat. Ja, furchtbar mager sind sie. Die Rippen sehen wie ein Waschbrett aus, und der Bauch ist dicht unter dem Rückgrat. Sie sind verzweifelt, kann ich dir sagen, und werden noch toll werden, dann paß aber auf.«

Ein paar Minuten später ließ Heinrich, der nun hinter dem Schlitten ging, ein leises, warnendes Pfeifen hören. Bill wandte sich um und schaute, dann hielt er ruhig die Hunde an. Hinter ihnen trabte um die letzte Biegung des Weges und deutlich sichtbar auf der Bahn, die sie eben zurückgelegt hatten, schleichend eine Gestalt in dickem Pelze. Die Nase hielt das Tier dicht am Boden, und trabte mit eigentümlich leichten, gleitenden Schritten. Als die Männer stehen blieben, blieb es auch stehen, hob den Kopf, schaute sie fest an und sog durch die Nasenlöcher zuckend die Witterung ein.

»Das ist die Wölfin,« sagte Bill.

Die Hunde hatten sich im Schnee niedergelegt, und er ging an ihnen vorüber zu dem Gefährten. Zusammen betrachteten sie das seltsame Tier, das sie seit Tagen verfolgt und sie das halbe Gespann gekostet hatte.

Vorsichtig machte das Tier immer ein paar Schritte vorwärts, bis es auf etwa hundert Meter herangekommen war. Dann stand es mit erhobenem Kopfe neben einer Tannengruppe still und studierte mit Auge und Nase die beobachtenden Männer. Es blickte dieselben in seltsam gespannter Weise an wie ein Hund, aber ohne die Zuneigung eines solchen, vielmehr lag in dem Blick die Gier des Hungers, grausam wie seine Zähne und unbarmherzig wie die Kälte.

Es war für einen Wolf groß, seine hagere Gestalt zeigte die Umrisse eines Tieres, das zu den größten seiner Art zählte. »Es hat eine Schulterhöhe von gut zwei und einem halben Fuß,« bemerkte Heinrich, »und ich wette, es ist nicht weniger als fünf Fuß lang.«

»Und was für eine sonderbare Farbe für einen Wolf!« versetzte Bill. »Noch nie hab' ich einen roten Wolf gesehen, und dieser sieht ganz zimmetfarben aus.«

Nun war wohl das Tier nicht zimmetfarben, denn die vorherrschende Farbe seines Felles war die des echten Wolfes, nämlich grau, dennoch lag darüber ein rötlicher Schimmer, der kam und ging und mehr einer Augentäuschung glich, denn bald sah dasselbe grau, entschieden grau aus, bald zeigte es jene seltsame Färbung, für die es keine rechte Bezeichnung gab.

»Es sieht wie ein großer Schlittenhund aus,« sagte Bill. »Ich würd' mich gar nicht wundern, wenn es mit dem Schwanz wedelte. – Holla, du Hund,« rief er ihm zu. »Komm mal her, wie du auch heißen magst.«

»Es hat nicht ein bißchen Angst vor dir,« lachte Heinrich.

Bill drohte ihm mit der Hand und rief ihm laut zu, aber das Tier verriet keine Furcht. Die einzige Veränderung, die an ihm zu bemerken, war eine erhöhte Spannung. Es betrachtete die Männer mit der mitleidslosen Gier des Hungers. Sie waren Fleisch, und da es hungrig war, wäre es, wenn es das gewagt hätte, gern vorwärts gegangen und hätte sie gefressen.

»Hör mal, Heinrich,« sagte Bill, indem er unwillkürlich die Stimme senkte, »wir haben zwar nur noch drei Patronen, aber es ist ein sicherer Schuß. Ich könnte nicht fehlen. Es hat uns drei Hunde entführt, und dem sollte Einhalt getan werden. Was sagst du?«

Heinrich nickte zustimmend. Bill zog vorsichtig die Flinte heraus und hob sie empor. Allein bevor er sie bis zur Schulter brachte, sprang die Wölfin zur Seite und verschwand unter den Tannen.

»Das hätt' ich wissen können,« schalt Bill laut, als er die Flinte an ihren Platz zurücklegte. »Natürlich versteht ein Wolf, der zu den Hunden zur Fütterung kommt, auch was von Feuerwaffen. – Ich sag' dir's jetzt gerade heraus, Heinrich, die Bestie ist an all unserm Unglück schuld. Wir hätten noch sechs statt der drei Hunde, wenn die nicht gewesen wäre. Die ist aber zu schlau, um offen geschossen zu werden, also werd' ich mich in den Hinterhalt legen, und da werd' ich ihr eins auf den Pelz brennen, so wahr ich Bill heiße.«

»Du mußt dich nur nicht zu weit entfernen,« warnte der Gefährte. »Wenn das Rudel dich angreift, so helfen drei Patronen ebensowenig wie drei Hilferufe in der Hölle. Die Tiere sind verdammt hungrig, und haben sie dich erst einmal umringt, dann bist du sicher verloren.«

Sie schlugen an jenem Abend das Lager frühzeitig auf. Drei Hunde konnten den Schlitten nicht mehr so schnell und so lange ziehen, als es sechs getan hatten, und sie zeigten deutlich, daß sie ermüdet waren. Auch die Männer gingen früh schlafen, nachdem Bill sich noch vorher überzeugt hatte, daß die Hunde so weit voneinander angebunden wären, daß sie sich nicht gegenseitig losbeißen könnten.

Allein die Wölfe waren dreister geworden, und mehr als einmal wurden die Männer aus dem Schlafe geweckt, wenn jene so nahe kamen, daß die Hunde vor Angst und Schreck wild wurden. Dann war es notwendig, mehr Holz auf das Feuer zu werfen, um die frechen Angreifer in sicherer Entfernung zu halten.

»Ich hab' die Matrosen von Haifischen erzählen hören, die ein Schiff verfolgten,« bemerkte Bill, als er, nachdem er das Feuer geschürt hatte, wieder unter die Decke kroch. »Diese Wölfe sind aber wie Haifische auf dem Lande. Sie verstehen ihr Geschäft besser als wir und folgen unserer Spur nicht zum Vergnügen. Sie kriegen uns; sie kriegen uns ganz sicher, Heinrich.«

»Sie haben dich schon halb und halb, wenn du so redest,« versetzte Heinrich ärgerlich. »Man ist schon halb besiegt, wenn man es eingesteht, und du bist halb gefressen, wenn du noch weiter so schwatzest.«

»Sie haben bessere Leute als dich und mich gekriegt,« antwortete Bill.

»Ach, hör auf mit deinem Unken! Das bekommt einer auf die Dauer satt.«

Heinrich drehte sich verdrießlich auf die Seite, wunderte sich jedoch, daß Bill nicht böse wurde. Das sah ihm nicht ähnlich, denn ein scharfes Wort kränkte ihn leicht. Heinrich dachte noch lange vor dem Einschlafen darüber nach, und sein letzter Gedanke war: ›Es läßt sich nicht leugnen, Bill ist fürchterlich trübselig gestimmt. Ich werd' ihn morgen ein bißchen aufheitern müssen.‹

3. Kapitel. Heulender Hunger

Inhaltsverzeichnis

Der Tag begann günstig. Kein Hund war in der Nacht verschwunden, und in besserer Stimmung begaben sich die Männer auf die Fahrt durch das Schweigen, die Dunkelheit und die Kälte. Bill schien die trüben Ahnungen der letzten Nacht vergessen zu haben und scherzte und spaßte sogar mit den Hunden, die um die Mittagszeit den Schlitten an einer schlechten Wegstelle umgeworfen hatten.

Die Verwirrung war fürchterlich. Der Schlitten war zwischen einem Baumstamm und einem ungeheuren Felsblock eingeklemmt und noch dazu um und umgekehrt. Die Männer waren gezwungen, die Hunde auszuspannen, und als sie sich über den Schlitten beugten, um ihn aufzurichten, bemerkte Heinrich, daß Einohr zur Seite schlich.