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In "Die Besten Glauser-Krimis" versammelt Friedrich Glauser einige seiner fesselndsten Kriminalgeschichten, die nicht nur durch intricate Plotstrukturen bestechen, sondern auch durch eine tiefgehende psychologische Charakterzeichnung und eine präzise Beobachtung der menschlichen Abgründe. Glausers literarischer Stil ist geprägt von einer klaren, prägnanten Sprache, die den Leser sofort in die düstere Atmosphäre seiner Geschichten einführt und dabei einen realistischen Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zwischenkriegszeit wirft. Diese Sammlung ist nicht nur ein Zeugnis seines Schaffens, sondern auch ein Schlüsseldokument der Schweizer Kriminalliteratur, das weit über die Grenzen des Genres hinaus einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Friedrich Glauser (1896-1938) war ein Pionier des Kriminalromans in der Schweiz, dessen eigenes turbulentes Leben – geprägt von Drogenabhängigkeit und psychischen Erkrankungen – ihn dazu inspirierte, die Abgründe der menschlichen Psyche zu erkunden. Mit einem scharfen Sinn für menschliche Schwächen und sozialen Missständen schuf er Werke, die sowohl spannend als auch tiefgründig sind. Sein persönlicher Kampf spiegelt sich in seinen Erzählungen wider und verleiht ihnen eine ausdrucksstarke Authentizität. Diese Sammlung ist jedem Krimifan ans Herz zu legen, da sie nicht nur die Vielseitigkeit und Tiefe Glausers zeigt, sondern auch die Wurzeln eines Genres erforscht, das auch heute noch relevant ist. Tauchen Sie ein in die packenden Geschichten, die Sie in ihren Bann ziehen und zum Nachdenken anregen werden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Sammlung versammelt unter dem Titel „Die Besten Glauser-Krimis“ zentrale Kurzprosa von Friedrich Glauser, einem prägenden Autor der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Ziel ist es, die Spannweite seiner kriminalistischen Einfälle und die Tiefe seiner Beobachtungsgabe sichtbar zu machen. Die ausgewählten Texte – von „Der alte Zauberer“ und „Der Hund“ über „Die Begegnung“ und „Die Eule“ bis „Totenklage“ – führen in Situationen, in denen Verdacht, Erinnerung und Täuschung ineinandergreifen. Ermittlungen im engeren Sinn stehen neben Momenten des Innehaltens, in denen ein Blick, ein Satz oder ein Fund die Perspektive verschiebt. So entsteht ein Panorama, das weniger auf Sensation als auf Genauigkeit und menschliche Nähe setzt.
Der Band versteht sich nicht als Werkausgabe, sondern als konzentrierte Auswahl wesentlicher kriminalistischer Erzählungen und verwandter Prosastücke. Enthalten sind keine vollständigen Romane, sondern kürzere Formen: Erzählungen, Skizzen, protokollarisch gefärbte Szenen, bisweilen miniaturhafte Notate. Der Bogen reicht von Stücken wie „Der Schlossherr aus England“, „Seppl“ und „Zeno“ bis zu „Das alte Jahr“, „Kuik“ und „Beichte in der Nacht“. Dadurch zeigt die Zusammenstellung, wie variabel Glauser seine Stoffe fasst: mal stringent narrativ, mal tastend, beobachtend, offen für das Ungewisse. Der kriminalistische Impuls bleibt dabei der Fixpunkt, an dem sich die Vielfalt der Formen bündelt.
Die vertretenen Textsorten zeigen Glauser als Meister der kurzen Form. Dialogisch zugespitzte Stücke wie „Verhör“ entfalten Spannung aus Stimme, Takt und Auslassung; erzählende Prosa zeichnet Milieus und Beweggründe mit knapper Hand. Manche Texte nähern sich Erinnerungsstücken, in denen Fremde, Enge oder Gefahr den Ton bestimmen; andere wirken wie Fallskizzen, die Hinweise streuen, ohne sie aufzulösen. Dass kriminalistische Elemente mal im Vordergrund, mal im Untergrund wirken, gehört zum Konzept dieser Auswahl. Sie dokumentiert, wie Glauser aus alltäglichen Situationen, zufälligen Begegnungen und kleinsten Verschiebungen eine Atmosphäre des Rätsels formt, die lange trägt.
Verbindende Themen sind Schuld und Verantwortung, die Härte sozialer Gefüge sowie die Fragilität von Wahrnehmung. Glauser interessiert sich für Randständige, für Menschen im Zwielicht von Zwang und Verlangen, für die kleinen Mechanismen von Druck und Trost. Motive von Rausch und Abstinenz, von Versuchung und Entzug, treten dabei als Triebkräfte zutage, ohne didaktisch zu werden. In Texten, die die Fremde beschwören – etwa in der Legionsszene eines Nationalfeiertags –, begegnen wir Figuren, deren Loyalitäten und Hoffnungen auf die Probe gestellt werden. Immer wieder verdichtet sich darin die Frage: Wie wird eine Grenze überschritten, und woran lässt sie sich erkennen?
Stilistisch verbindet Glauser Nüchternheit mit poetischer Genauigkeit. Seine Sätze sind knapp, rhythmisch gesetzt und auf Wirkung hin gebaut, doch nie ornamental. Entscheidende Informationen erscheinen beiläufig, in Gesten, in Details eines Zimmers, in einem Geruch, den die Figuren nicht loswerden. Die Perspektive bleibt dabei empathisch, ohne Illusionen zu machen: Der Ton ist sachlich, mitunter trocken ironisch, und doch von einer stillen Zuwendung getragen. Milieus werden durch präzise Wortwahl und sorgfältige Szenenführung erfahrbar, regionale Nuancen klingen an, ohne den Fluss zu stören. So entstehen Bilder, die lange nachhallen, weil sie mehr andeuten, als sie aussprechen.
Die anhaltende Bedeutung dieser Texte liegt in ihrer literarischen Konsequenz und in ihrer Menschenkenntnis. Glausers Name steht heute für Kriminalliteratur, die psychologische Glaubwürdigkeit über bloße Effekte stellt; nicht zufällig trägt ein wichtiger deutschsprachiger Krimipreis seinen Namen. Zugleich sind die Stücke zeitlos lesbar, weil sie gesellschaftliche Mechanismen sichtbar machen: die Verkettung von Armut und Zufall, die Macht des Geredes, die Trägheit von Institutionen. Dass der Blick dabei nie zynisch wird, sondern die Würde der Figuren wahrt, erklärt ihre Wirkung bis in die Gegenwart. Wer nach Gründen und Hintergründen fragt, findet hier eine Schule des Hinsehens.
Die vorliegenden Erzählungen lassen sich einzeln genießen und im Echo miteinander lesen. Titel wie „Verhör“, „Ein toter Mann“ oder „Die Begegnung“ markieren Einstiegssituationen, deren Tragweite sich erst aus Zwischentönen erschließt; andere wie „Die Hexe von Endor“, „Die Eule“ oder „Der alte Zauberer“ spielen mit Motiven, die zwischen Aberglauben und Beobachtung vermitteln. „Der erste August in der Legion“ öffnet einen Blick auf das Außen, „Kif“ und „König Zucker“ auf innere Versuchungen. „Nausikaa“, „Juliette“ und weitere Stücke entfalten variierende Tonlagen. Gemeinsam legen sie nahe, langsam zu lesen – und den Spuren zu trauen, die zunächst unscheinbar wirken.
Die Auswahl Die Besten Glauser-Krimis bündelt Erzählungen, die im Umbruch der Jahre 1914 bis 1938 wurzeln. Der schweizerische Landesstreik von 1918, das wirtschaftliche und politische Nachbeben des Ersten Weltkriegs und die autoritäre Wende vieler Nachbarländer ab 1933 bilden einen resonanten Hintergrund. In Glausers Kriminaltexten schlagen sich Unsicherheit, Misstrauen und das Gefühl dünner sozialer Häute nieder. Dörfliche Milieus, Grenzräume und städtische Schattenwirtschaft werden zu Schauplätzen, an denen Loyalitäten zerbrechlich sind. Die in der Sammlung versammelten Titel spiegeln so eine Epoche, in der Recht, Moral und Überleben täglich neu ausgehandelt wurden und Ermittlungen stets gesellschaftliche Risse offenlegen.
Geprägt ist diese Perspektive von Glausers eigener Biografie (1896–1938): Morphinabhängigkeit, wiederholte Einweisungen in Kliniken wie das Burghölzli in Zürich, die Waldau bei Bern oder Münsingen, und ein Leben am Rand bürgerlicher Erwartungen. Seine Erfahrungen mit Beobachtung, Zwang und medizinischer Bürokratie schärften den Blick für institutionelle Gewalt, der in mehreren Erzählungen durchscheint. Zwischen Selbstrettung und Stigma verhandelt er Figuren, die durch Akten, Diagnosen und polizeiliche Register definiert werden. Diese Nähe zum Milieu der Ausgeschlossenen veränderte auch die Tonlage: lakonisch, melancholisch, mit einer Empathie, die zeitgenössische Leserinnen und Leser faszinierte und zugleich irritierte.
Parallel modernisierte sich die Kriminalistik. Fingerabdruckverfahren, Ballistik und kriminaltechnische Labore wurden seit den 1920er Jahren in Mitteleuropa standardisiert; 1923 entstand in Wien die Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission als Keimzelle grenzüberschreitender Zusammenarbeit. In diesem Umfeld entwickelt Glauser eine Erzählweise, die akribische Spurensicherung mit Skepsis gegenüber Behördenroutine verbindet. Der humane Ermittlertypus, den sein Werk verkörpert, agiert zwischen Akten und Alltagsbeobachtung, in Wirtshäusern ebenso wie in Amtsstuben. So gewinnen kleinere Delikte und unscheinbare Zeichen an Gewicht, während übermäßiges Technikvertrauen hinterfragt wird. Verhörsituationen – bis hin zur Beichte in der Nacht – werden dadurch zu Kampfplätzen, auf denen Wahrheit verhandelt wird.
Die Weltwirtschaftskrise nach 1929 traf auch die Schweiz: Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und verschuldete Kleinbetriebe veränderten Alltagsökonomien. Diese Lage spiegelt sich in Motiven wie Versicherungsbetrug, Schwarzarbeit, Schmuggel an Kantons- und Landesgrenzen oder in Spekulationsgeschäften, die soziale Abstiege kaschieren sollen. Glauser zeichnet Milieus, in denen das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit Konflikte anheizt und Loyalitäten käuflich werden. Dabei geraten nicht spektakuläre Großverbrechen, sondern graue Zonen des Überlebens ins Zentrum. Zeitgenössische Leser erkannten darin vertraute Krisenerfahrungen; die nüchterne Darstellung ökonomischer Zwänge trug wesentlich zur Glaubwürdigkeit und zur zurückhaltenden, doch eindringlichen Spannung vieler Geschichten der Sammlung bei. Titel wie König Zucker spiegeln diese Verflechtung von Alltagsökonomie und globalen Warenketten anschaulich.
Ein wiederkehrender Strang betrifft Rauschmittel und ihre Wege. Titel wie Kif verweisen auf eine Zeit, in der internationale Abkommen von 1912 und 1925 die Opium- und Morphinpolitik verschärften und nationale Polizeiarbeit intensivierten. Glauser kennt Konsum, Beschaffung und Entzug aus nächster Nähe und entwirft Figuren, die zwischen medizinischer Diagnose, strafrechtlicher Verfolgung und alltäglicher Not lavieren. Presse- und Aufklärungskampagnen schufen ein Klima, das Süchtige stigmatisierte; zugleich wuchsen Schwarzmarkt und transnationale Netze über Häfen, Bahnhöfe und Pensionen. Diese ambivalente Öffentlichkeit erklärt, weshalb seine drogennahen Geschichten zugleich als authentisch gelobt und als moralisch prekär beargwöhnt wurden.
Von 1921 bis 1923 diente Glauser in der französischen Fremdenlegion, deren Hauptquartier im algerischen Sidi Bel Abbès lag; die Wege führten über Marseille und nordafrikanische Garnisonen. Diese Erfahrungen prägen militärische Disziplin, Kameradschaft, Gewalt und koloniale Hierarchien, die in Erzählungen wie Der erste August in der Legion anklingen. Der Kontrast zwischen der schweizerischen Neutralitätssymbolik des Nationalfeiertags und der Fremde der Kasernenwelt schärft den Blick für Entwurzelung. Auch die Begegnungen mit Sprachen, Religionen und Märkten des Mittelmeerraums erweitern seine Schauplätze und Figurenprofile. So wird Macht als körperliche, bürokratische und kulturelle Praxis sichtbar, nicht nur als juristische Kategorie.
Veröffentlicht wurden zahlreiche Texte zuerst in populären Schweizer Medien wie der Zürcher Illustrierten und anderen großen Blättern. Die reich bebilderten Zeitschriften der 1930er Jahre verlangten klare Szenen, dialogische Verdichtung und gesellschaftsnahe Stoffe – Anforderungen, die Glauser produktiv nutzte. Gleichzeitig begrenzten politische Umbrüche die Reichweite: Nach 1933 erschwerte die Gleichschaltung im Deutschen Reich die Präsenz nichtkonformer Autoren, während die Schweiz eine pluralere Presse bewahrte. Zeitgenössische Kritiken hoben daher seinen realistischen Ton und die präzise Milieuschilderung hervor, verglichen ihn mit europäischen Kollegen und verorteten seine Krimis zwischen sozialer Beobachtung und literarischer Unterhaltung.
Die Sammlung versammelt zudem Stoffe, die kulturelle Rollenbilder variieren: Figuren wie die Titelgestalten aus Die Hexe von Endor, Juliette oder Nausikaa verknüpfen antike und biblische Muster mit modernen Frauen- und Männerrollen der Zwischenkriegszeit. In der Schweiz blieb das Straf- und Prozessrecht kantonal geprägt, moralische Normen wurden in Vereinen, Kirchen und Fürsorgeinstitutionen ausgehandelt. Glauser nutzt diese Vielstimmigkeit von Dialekten, Milieus und Rechtspraktiken, um Ambivalenzen der Schuld sichtbar zu machen. Sein früher Tod 1938 begrenzte die zeitgenössische Wirkung; doch gerade die Verankerung im historischen Alltag machte seine Krimis dauerhaft anschlussfähig und prägend für nachfolgende deutschsprachige Kriminalliteratur.
Schmuggel, Sucht und militärische Disziplin kollidieren, wenn Figuren zwischen Häfen, Lagern und Grenzposten in undurchsichtige Geschäfte geraten.
Der Ton ist herb und weltmüde; die Fälle beleuchten Abhängigkeiten und Gewaltökonomien, in denen Loyalität schnell zur Ware wird.
Zwischen Gutshaus, Dorfstraße und winterlicher Schwelle entfalten sich Verbrechen als Folge von Standesdünkel, Einsamkeit und lange gehüteten Geheimnissen.
Atmosphärische Landschaftsbilder und genaue Milieubeobachtung tragen Ermittlungen, die mehr über soziale Risse als über spektakuläre Wendungen erzählen.
Dialoge und Monologe rücken die Psychologie von Tätern und Zeugen ins Zentrum, wenn Worte unter Druck zur Waffe werden.
Das Setting ist kammerspielartig; der Fokus liegt auf moralischer Grauzone, Unzuverlässigkeit und der Frage, ob Wahrheit im Sprechen oder im Schweigen liegt.
Schein und Täuschung strukturieren Fälle, in denen Magie, Omen und stille Beobachter die Wahrnehmung trüben.
Der Ton schwankt zwischen unheimlicher Suggestion und nüchterner Entzauberung, wobei der Blick für das Alltägliche hinter dem Übernatürlichen scharf bleibt.
Zufallstreffen stoßen Ermittlungen an, die die Identität von Opfern und Beteiligten in Frage stellen.
Die Spannung entsteht weniger aus Action als aus präziser Spurensuche und den Konsequenzen kleiner Entscheidungen.
Begegnungen mit charismatischen Frauen werden zu Projektionsflächen für Begehren, Schuld und Machtspiele.
Der Ton bleibt kühl und analytisch, während romantische Motive kriminalistische Dynamiken anheizen und Erwartungen unterlaufen.
Porträts von Randfiguren zeigen, wie Stigma, Sprachlosigkeit und Herkunft den Weg in oder aus dem Verbrechen prägen.
Die Erzählhaltung ist lakonisch; kleine Gesten und Details entblößen soziale Mechanismen besser als große Geständnisse.
Wiederkehrend sind Abhängigkeit, soziale Kontrolle, die Brüchigkeit von Erinnerung und die Macht der Sprache – Ermittlungen werden als moralische Prüfungen erzählt.
Stilistisch dominieren knappe Sätze, präzise Milieus und ein trockener, gelegentlich sardonischer Grundton; die Bandbreite reicht von fallzentrierter Rätselspannung bis zu psychologisch verdichteten Miniaturen.
Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Strasse noch asphaltiert, und Wachtmeister Studer fluchte nicht allzusehr, obwohl es vom Himmel schüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff[1q]. Ausser dem Wetter störte den Wachtmeister einzig die »Rösti«, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die »Rösti« am Morgen hielt er, der Wachtmeister Studer. Sein Vater, der im Emmental Bauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Grossvater auch; warum sollte er eine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauung funktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der »Rösti«. Studer schob dies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte. Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlen durch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnte man bei diesem Wetter.
Da war die Abzweigung, sie war gerade breit genug, dass ein Güllenwagen durchfahren konnte, rechts ging es steil bergab in ein Bachbett, links stieg ein triefender Wald in die Höhe. Der Wachtmeister dachte an Dinge, an die man eben so denkt, wenn es schüttet und wenn man friert: an einen Jassabend, an seine Amtsstube, an seinen Sohn, der als Setzer bald ausgelernt hatte. Studer hatte ein dickes, rotes Gesicht, das jetzt ein wenig bläulich angelaufen war, und einen vertrauenerweckenden Schnurrbart. Zwischen den vom Rauchen braungewordenen Schneidezähnen spuckte er kunstgerecht, wie ein Achtjähriger, in weitem geradem Strahl, und der Regen war machtlos gegen diese Kunst, und der Wind auch: Das freute Studer. Dass ihm hingegen der Regen die Ärmel herab in die Taschen lief, das ärgerte ihn wieder, so dass er nicht recht wusste, welches Gesicht er schneiden sollte. Es war überhaupt schwer, bei diesem Wetter seinen eigenen Willen durchzusetzen, besonders was das Gesichterschneiden betraf, denn der Regen fuhr ihm manchmal mit seinen nassen Fingern in die Augen[2q], und die breite Krempe des Hutes war ein ungenügender Schutz gegen derartig böswillige Attacken.
Die Strasse wurde steil, Studer fluchte ein wenig, schüttelte den Kopf, dass die Tropfen von seinem Hutrand tangential abflogen. Es war ja schliesslich, dachte er, nicht die Schuld des kantonalen Polizeidirektors, dass er hier in der Nässe herumvagieren musste. Sonst gab man ja dort oben auf anonyme Briefe nicht viel, aber hier schien der Fall doch etwas anders zu liegen, und das Ganze war eine etwas kohlige Geschichte. Wo man da anpacken sollte, war nicht ganz klar, entweder war das Ganze ein Versuch, die Behörde zu blamieren, und da musste man doppelt vorsichtig sein, oder es war etwas ganz Grosses dahinter, ein Sensationsprozess vielleicht, und dann kamen die Reporter von den ausländischen Zeitungen, und man bekam ein wenig internationalen Ruhm weg. Das war nicht zu verachten. Mein Gott, man hatte es ja nicht nötig, man war ja sonst schon in den Fachkreisen bekannt, in Wien besonders, in Paris auch; es hatten sich da ein- oder zweimal ziemlich schwierige Internationale (halb Spione, halb Einbrecher) in der Schweiz wie in einer Mausefalle gefangen. Das sollte doch genügen, besonders wenn die Pensionierung in erreichbarer Nähe stand – noch fünf Jahre ... fünf Jahre wird man doch noch aushalten? Aber – seinen Namen zu lesen, im »Journal« zum Beispiel, mit schmeichelhaften Beiwörtern, das war nicht zu verachten. Etwa so: »Le distingué inspecteur de la sûreté Studer, dont le talent remarquable est bien connu dans les milieux policiers ...« und vielleicht noch seine Photographie dazu. Ja, die Franzosen hatten es los, in der Schweizer Presse war man sparsamer mit lobenden Beiwörtern.
Da kam rechts vom Wege ein Heuschober in Sicht. Ein wenig unterstehen kann man, dachte Studer und fühlte dabei nach seiner Brusttasche. Gut, dass ihm die Frau noch Kognak gerüstet hatte, der würde jetzt gerade lau sein von der Körperwärme, und in der zerfliessenden Sintflut ringsum wäre eine Stärkung doch nicht zu verachten. Studer ging in den Heuschober, das Heu war trocken, er nahm einen Büschel, wischte sich die nassen Schuhe ab, trocknete die Hände an einem sauberen Taschentuch und zog den Brief aus der Tasche, der den Polizeidirektor so aufgeregt hatte. Es stand wenig darin:
»Der Bauer Berthold Leuenberger in Waiblikon begräbt seine vierte Frau. Er ist sechzig Jahre alt, die drei letzten Frauen sind innerhalb von drei Jahren gestorben. Es waren immer junge. Er sagt, das Wasser bei ihm auf dem Hof ist schlecht. Viele meinen etwas anderes. Wann wird das Gericht endlich einschreiten? Wenn das Wasser schlecht ist auf seinem Hof, warum ist er nie krank geworden, noch sein Vieh, Knecht und Gesinde? Jetzt gehet er wieder um, der Bauer, wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verzehren könne. Aber Gottes Gericht ist über ihm, wenn ihn das Gericht der Menschen vergisst.«
Die Schrift war verstellt, das Papier grob, längliche Rechtecke überspannten es wie ein feines Netz. Nach dem Schluss des Briefes musste ihn ein »Stündeler« geschrieben haben, ein Bibelkundiger. In drei Jahren drei Frauen, das war merkwürdig. Aber die Totenscheine mussten doch in Ordnung sein, Studer hatte mit dem Polizeidirektor im Telephonbuch nachgesehen und den Namen eines Arztes gefunden, der als gewissenhaft bekannt war. Dieser Arzt war früher am Spital gewesen, die Polizei hatte bei Unfällen viel mit ihm zu tun gehabt, der Mann war untadelig. Aber man weiss ja, wie es in einer Landpraxis zugeht, man hat nicht viel Zeit, wenn man weit herum Besuche machen muss... und irren ist ja bekanntlich menschlich.
Studer stapfte weiter, ganz wenig hellte sich das Wetter auf, das heisst der Regen hörte auf zu fliessen, dafür senkte sich ein dicker, weisser Nebel über das Land. So dicht war dieser Nebel, dass Studer die Häuser zuerst gar nicht erblickte, aus denen der Weiler Waiblikon bestand. Ein Junge mit halblangen Hosen, die bis zur Mitte der nackten Waden reichten, die Füsse in Holzschuhen, stapfte an ihm vorbei. »Wo ist die Wirtschaft?« fragte Studer. Der Junge glotzte zuerst, dann deutete er mit einer schmutzigen Knabenhand geradeaus und wies nach links, hob dann fünf gespreizte Finger. »Bist du stumm?« Der Junge nickte – also das fünfte Haus links, dachte Studer und stapfte weiter. Das Gastzimmer, das an den kleinen Laden stiess, war klein, nieder und finster. Es musste doch bald Mittag sein. Studer zog den triefenden Mantel aus, zog die Weste straff über seinen Bauch, zog noch den Rock aus, dessen Ärmelenden durchweicht waren, und setzte sich. Dann zog er die Uhr aus der Tasche, eine flache, goldene Uhr, die er an seinem zwanzigjährigen Dienstjubiläum geschenkt erhalten hatte; sie zeigte zehn Uhr. Es war früh. Er hatte Zeit. Lange blieb die Stube leer, kein Mensch zeigte sich, es herrschte in ihr jener ein wenig ekelerregende Geruch (auf nüchternen Magen ist er noch schwerer zu ertragen) von abgestandenem Bier und kaltem Pfeifenrauch. Endlich erschien ein gähnendes Mädchen, das unwillig die Absätze seiner Finken auf dem Boden nachschleifte. Studer bestellte einen Dreier Roten und eine Portion Hammen. Das Fleisch war gut, er bestrich es dick mit Senf, auch der Wein war nicht schlecht. Die Stube war gut geheizt, die nasse Luft von draussen vermochte nicht durch die Doppelfenster zu dringen. Dem Kommissar wurde wohl, seine Augen bekamen einen trockenen und klaren Glanz, und er überlegte, wie er sich am besten an das Mädchen heranmachen könne. Diese Serviertochter musste einmal in der Stadt gedient haben, sie hatte verraufte Dauerwellen und trug ein kunstseidenes, schon ein wenig brüchiges Kleid. Studer hätte es als einen psychologischen Fehler empfunden, eine Dorfmaid zu einer »Consommation«, wie sie in Genf sagten, einzuladen, hier konnte man es riskieren. Das Mädchen bügelte in der Nähe des grossen steinernen Ofens, der von der Küche her geheizt wurde, gestärkte Schürzen. Studer klopfte auf den Tisch. Er war der biedere alte Handlungsreisende, der sich gern eine kleine Zerstreuung gönnt, obwohl die Zerstreuung hier etwas Überwindung kostete. Als das Mädchen mürrisch näher kam, fragte er verlockend, ob sie nicht auch etwas nehmen wolle, es sei so kalt draussen. Das Mädchen schwärmte für Wermut, es holte die staubige Flasche vom Wandbord, sagte: »Excusez« und »wenn's erlaubt ist« und drängte seine Magerkeit ziemlich dicht an den Wachtmeister. Und das Gespräch entspann sich. Studer liess sich Zeit (man muss sich immer Zeit lassen); er reise in Düngemitteln, besonders Thomasschlacke sei jetzt sehr preiswert zu kaufen, ein ausgezeichnetes Phosphordüngemittel, aber er wolle zuerst ein wenig Bescheid wissen über die Leute in der Gegend, sein Auto habe er am Bahnhof gelassen, denn der Weg sei doch gar zu schlecht. Und er plätscherte und plätscherte, und das Mädchen langweilte sich und gähnte. Das war das Richtige, wenn sie gähnte, so ehrlich gähnte, dann glaubte sie ihm seine Geschichte. Und vorsichtig begann er, von den Bauern der Gegend zu reden und zu fragen, wer wohl den grössten Hof habe und welche die besten Abnehmer seien, aber er wolle nur von solchen wissen, die Geld hätten im Haus. Und man habe ihm besonders den Berthold Leuenberger gerühmt, der habe so einen grossen Hof, aber grosse Höfe seien meist verschuldet – ob man etwa bei diesem anklopfen könne? Und was das für ein schönes Kleid sei, das die Jungfer da anhabe, man sehe doch gleich, dass sie nicht von hier stamme, und gute Manieren habe sie, nur wie sie das Glas halte. Das kam alles in einem leise einschläfernden Redestrom, besonders die Komplimente, denn Studer hatte bemerkt, wie ein leises Erschrecken durch den mageren Körper neben ihm ging, als er den Namen Leuenberger nannte. Er säbelte an seinem Schinken herum. Ja, also, dieser Leuenberger, ob es sich wohl empfehle, ihn zuerst zu besuchen? Komme er öfters in die Wirtschaft? In die bleichen Augen des Mädchens neben ihm kam ein seltsames Flimmern. Der Leuenberger habe den Leichenschmaus gestern bei ihnen gehabt.
»Leichenschmaus?« fragte der Wachtmeister, wer denn da gestorben sei.
»Seine Frau.«
Dann sei es wohl nicht günstig, ihn heute zu besuchen. Das Mädchen stiess ein pfeifendes Lachen aus, leerte das Glas, fragte zutraulich, ob es ihr erlaubt sei, noch eins zu trinken; der Wachtmeister nickte, das kam sicher gut, wenn diese Trucke halb betrunken war.
Und bohrte weiter. Also, der Leuenberger habe den Leichenschmaus hier gehabt, wie alt er denn sei, ob er wohl wieder heiraten wolle? Das Mädchen zierte sich. Oh, es werde sich schon eine finden, die nicht alles glaube, eine Couragierte. Es stellte sich heraus, dass der Leuenberger schon zu Lebzeiten seiner Frau oft in der Gaststube seine Abende verbracht hatte, und dass eine Frau noch glücklich bei ihm werden könne. Was ist das für ein Mensch, dachte der Wachtmeister, dieser Bauer, hat nicht genug an vier Frauen, die er unter den Boden gebracht hat, nein, er schafft auf Vorrat, während die letzte noch am Leben ist, sorgt er schon für die folgende. Fast wäre ihm die Frage herausgefahren, ob sie denn nicht Angst hätte, über den Frauen des Leuenberger walte doch kein guter Stern, aber er schluckte die Bemerkung noch rechtzeitig hinunter, untersuchte aufmerksam das Deckblatt seines Stumpens (er hasste es, diese Rauchware am falschen Ende anzuzünden) und schwieg. Denn jetzt war Schweigen am Platz. Der Redestrom rann von selbst, wie aus einem angestochenen Fass, der Wermut hatte seine Wirkung getan. Nur nicht unterbrechen. Er erinnerte sich dunkel, dass ihm ein alter Untersuchungsrichter zu Beginn seiner Laufbahn diesen Rat gegeben hatte: sich unbemerkbar zu machen, wenn der andere einmal loslegt. Aber den Rat brauchte er nicht mehr, er wusste, bei Zeugenverhören, bei fälligen Geständnissen war Schweigen ein so starkes Druckmittel, dass die mittelalterlichen Foltermethoden dagegen zu einem einfachen Kinderschreck zusammenschrumpften.
Und er erfuhr genug, der Wachtmeister, er erfuhr genug, um sich ein ziemlich gelungenes Bild von diesem Leuenberger zu machen. Das Mädchen schilderte ihn ganz gut, als einen grossen, mageren Mann, mit noch dunkelbraunen Haaren trotz seinem Alter. Glattrasiert. Mit seiner ersten Frau hatte er vierzig Jahre zusammengelebt. Das Ehepaar hatte keine Kinder gehabt. Dann war die Frau an einer Lungenentzündung gestorben, vor zehn Jahren. Sie war fromm gewesen, den Bauer aber hatte man nie in der Kirche gesehen, auch nicht in der »Stunde«. Nach dem Tode der Frau war er allein geblieben und hatte den Hof bewirtschaftet mit einer Magd und drei Knechten. Übrigens habe er einen schlechten Ruf, als stehe er mit dem Teufel im Bunde. Das Mädchen lachte und liess Goldplomben sehen; sie glaubte nicht daran, aber Tatsache sei, der Leuenberger habe viel Zulauf, von weit herum kämen Leute, um ihn zu befragen, wenn Krankheit im Stall sei, auch bei Menschen, wenn der Doktor nicht mehr zu helfen wisse. Er stünde sonst gut mit dem Doktor, der Leuenberger, sagte das Mädchen; bei den Krankheiten seiner Frauen habe er immer den Arzt beigezogen, den Doktor Pfister, der sei jedesmal ein-, zweimal hier heraufgekommen, der Leuenberger habe ihn gerufen, aber der Arzt habe nichts Rechtes finden können. Darmkatarrh, bei allen dreien, einmal habe er sogar an Typhus geglaubt, bei der zweiten Frau, aber er habe es dann doch nicht kontrollieren können, denn da sei die Frau schon gestorben gewesen. Ja, der Leuenberger sei arg verhasst, besonders bei den Frommen, und von diesen gehe die Sage aus, er stünde mit dem Teufel im Bunde; als ob es so etwas gebe, einen Teufel. Das Mädchen stiess wieder ihr pfeifendes Lachen aus, sie sei aufgeklärt, sagte sie; bevor sie in dies Kaff gekommen sei, habe sie eine gute Stelle gehabt in der Stadt, und jetzt müsse sie hier unter dem Mond leben, bei den »Ruechen«. Aber der Leuenberger, das sei so der Beste hier herum, immer manierlich, immer »Fräulein Rosa« sagte er, und einmal habe er sogar gefragt, ob sie nicht seine Frau sein wolle, wenn er wieder Witwer sei. Warum nicht? Sie glaube doch nicht alles, was die andern da erzählen, und Angst habe sie keine. Als Frau vom Leuenberger hätte sie dann keine Sorgen mehr, es ginge ihr gut, und der Leuenberger habe ihr versprochen, sie dürfe nach Bern fahren, wann sie wolle, er habe schon lange daran gedacht, sich ein Auto anzuschaffen. Und wenn sie dann so ihre ehemaligen Freundinnen besuchen könne und triumphieren über sie, da nehme sie es noch gern mit dem Teufel auf. Aber jetzt müsse sie in der Küche helfen, es wundere sie überhaupt, dass die Wirtin noch nicht gekommen sei, sie zu holen, sie müsse das Mittagessen kochen, ob der Herr auch hier essen wolle? Ja, sagte Studer, gegen halb eins werde er zum Essen kommen, er wolle jetzt zuerst ein wenig bei den Leuten anklopfen, wegen den Düngemitteln.
Der Mantel war trocken, draussen bemühte sich eine schwindsüchtige Sonne, den milchigen Nebel zu trinken, es gelang ihr schlecht, es war zuviel da; sie gab es auf, von der Anstrengung war sie ein wenig rot geworden. Wachtmeister Studer schritt durch die wenigen Häuser, die rechts und links von der Dorfstrasse lagen, er trat hier ein, trat dort ein, zeigte eine biedere Miene und pries Thomasmehl an. Manchmal, wenn die Frau allein daheim war und der Mann fort, im Wald beim Holzen, wurde er in die Küche gebeten, es war nicht schwer, die Frau auf das gewünschte Thema zu bringen. Aber aus allen Gesprächen, die Studer an diesem Morgen führte, konnte er nur zwei ganz unwägbare Gefühle herausdestillieren: die Furcht, die alle Frauen vor dem Leuenberger hatten, und die Überzeugung, dass der Leuenberger drei Frauen umgebracht hatte. Der anonyme Brief war somit erklärt, aber einen Menschen auf Gerüchte hin zu verhaften, das ging nicht. Studer wurde unsicher. Weibergetratsch, dachte er und sah seinen schönen Sensationsprozess zerfliessen, wie den Nebel vor ihm, der gerade jetzt zwei glänzendrote, zierliche Bäumchen freigab. Sie glühten in der Sonne wie flüssiges Erz, und durch eine sonderbare Gedankenverbindung musste Studer an die Hölle denken, so, wie er sie sich als kleiner Bube vorgestellt hatte.
Sie hatten ihm genug vom Teufel vorgeschwatzt, die Weiber, den ganzen Morgen lang. Schon als Bub sei der Leuenberger ein gar merkwürdiger gewesen und habe mehr gesehen als andere Leute. Eine uralte Grossmutter hatte sich erinnert, dass der Berthel, damals erst elfjährig, am Tag der zehntausend Ritter gegen Abend atemlos heimgekommen war, auf der Schwelle sei er zusammengebrochen, und in der Nacht habe er dann gefiebert. Im Fieber habe er immer von einem schwarzen Mann erzählt, der sei auf einem schwarzen Ross über den Galgenhubel geritten. Und der Ritter, der Mann auf dem Ross, der habe keinen Kopf gehabt, aber er habe dem Jungen immer mit der Hand gewinkt. Seit diesem Tage sei der Leuenberger verändert gewesen. Er habe immer viel gelesen, die dicken Bücher, die sein Vater gehabt habe, sein Vater sei auch ein Kluger gewesen, der habe das Vieh besprechen können, und der Grossvater Leuenberger auch. Sie seien vor Generationen hier eingewandert, die Leuenberger, niemand habe gewusst, woher sie gekommen seien.
Kein Sektionsprotokoll, keine richtiggehende Anzeige. Studer nannte sich einen Idioten. Er hätte doch wenigstens, bevor er hier heraufkam, sich an den Arzt wenden können, der die Frauen behandelt hatte, und diesen fragen, ob ihm nichts aufgefallen sei. Es war dem Wachtmeister ungemütlich zumute, er fröstelte (ob er sich wohl diesen Morgen bei dem Sauwetter erkältet hatte?), fühlte sich hin und her gerissen: Sollte er einfach ins Wirtshaus zurückgehen, dort zu Mittag essen und dann sang- und klanglos wieder nach Bern zurückkehren? Aber es hielt ihn etwas zurück. Man blamiert sich nicht gern, wenn man einmal so lange Dienst getan hat. Und sollte er vor diesem Leuenberger einfach ausreissen? Ganz dunkel, und ohne dass er es hätte formulieren können, kam ihm die Überzeugung, dass das Frösteln einfach ein Zeichen der Angst sei. Was Erkältung! Er hatte schon oft, in noch ärgerem Wetter, stundenlang auf der Strasse irgendeinem aufpassen müssen. Furcht vor dem Leuenberger! Er stampfte wütend vorwärts, aber so blindlings, dass die Sohle in eine Wasserlache klatschte und das Wasser an seinen Hosen in die Höhe spritzte. Den Leuenberger wollte er doch noch sehen. Was Teufelsvisionen, das war Mittelalter, und jetzt gehörte es ins Gebiet der Irrenärzte und der psychiatrischen Gutachten. Den Leuenberger wollte er noch kennenlernen!
Da war sein Hof. Studer stellte fest, dass er geträumt haben müsse, denn die roten Bäumchen waren jetzt gerade neben ihm, also war er kaum zehn Schritte vorwärts gekommen. Er nahm einen Anlauf, die nassen Hosen scheuerten an seinem Knie. Rechts von ihm breitete sich ein riesiger Obstgarten aus, alte Bäume, stellte Studer fest, aber vor noch nicht langer Zeit frisch gepfropft. Und dieser Obstgarten liess eine dunkle Erinnerung in ihm auftauchen. Obstbäume – Schädlinge – Schädlingsbekämpfung.
Was brauchte man zur Schädlingsbekämpfung? Arsenite? ... Vor der Tür des Hauses blieb Studer einen Augenblick stehen. Ein Giftprozess, bei dem er Zeuge gewesen war, ging ihm durch den Kopf. Was waren doch die Symptome von Arsenvergiftung? Durchfall? Ja, was hatte nur der Experte gesagt? Es sei manchmal schwer, eine Arsenikvergiftung festzustellen; die Ähnlichkeit mit anderen Darmkrankheiten sei gross. Nur die chemische Analyse der inneren Organe könne Sicherheit geben. War da der Angriffspunkt? Aber warum hatte dieser Leuenberger (wenn er ein Giftmörder war, und das war doch nicht bewiesen), warum hatte er dann seine Frauen ermordet? Es waren doch alle arme Meitschi gewesen, hatten sie ihm erzählt. Er hatte doch nichts davon. Warum? Er stiess die Tür auf, der Wachtmeister Studer, legte sein Gesicht in biedere Falten und trat in die Küche. Sie war leer. Im Zimmer nebenan hustete jemand, Studer tappte laut auf den Fliesen, nebenan stand jemand auf, die Verbindungstür wurde aufgerissen, in ihr stand ein grosser, alter Mann und blickte auf den Eindringling.
»Was wollt Ihr?« fragte der alte Mann. Studer war in seiner Rolle, er redete ölig von Thomasschlacke und Düngemitteln, und ob er den Bauern vor sich habe. Und während er redete, hatte er Mühe, dem andern in die Augen zu sehen. Es war schwierig, sehr schwierig, die Lider nicht niederklappen zu lassen, dem Blick des andern standzuhalten. Eine alte Redensart ging dem Wachtmeister durch den Kopf: »Der kann auch mehr als Brot essen.« Und während Studer weiterplauderte, kroch ihm eine feuchte Angst den Rücken hinauf, nistete sich im Nacken ein, füllte den Kopf aus, brachte ihn fast zum Platzen, die Augen tränten, er musste den Blick niederschlagen, und dann schwieg Studer.
Der andere wartete, wartete eine geraume Weile. Dann kam von der Tür eine merkwürdig durchdringende Stimme, einen Ton hatte diese Stimme, der Erschütterungen im Körper auslöste, nicht unangenehme, so wie ein leichter elektrischer Strom. »Tretet näher«, sagte die Stimme. »Ihr seid willkommen. Habt kein freundliches Wetter gehabt, um auf den Berg zu kommen.« Pause. »Und zu mir zu kommen, um Eure Düngemittel anzupreisen. Es wird wohl nicht so sehr pressieren. Ihr bleibet zum Essen bei mir, hab' gern einen Gast von Zeit zu Zeit, man hört etwas von der Welt, und gerade jetzt seid Ihr willkommen, jetzt wo ich im Leid bin.«
Wachtmeister Studers Verstand hatte plötzlich jegliches exakte Arbeiten vergessen. Ich mache mich lächerlich, dachte er, während er seinen rundlichen Körper an dem sehnigen des andern vorbeidrückte. Ein helles, warmes Zimmer, die Sonne spritzte viel flüssiges Gelb durch die kleinen Scheiben der Fenster. Es ging wirr zu im Kopf des Wachtmeisters, so einen habe ich noch nicht getroffen, so einen habe ich noch nicht getroffen, dachte er ununterbrochen und fühlte sich als blutiger Anfänger, ohne Überlegenheit, winzig klein, wie ein Büblein in der Schule vor dem Lehrer. Der macht mit mir, was er will, dachte er noch. Studer, Studer, sagte er zu sich selbst, wärst du ins Wirtshaus gegangen, hättest dort gegessen und wärst dann heimgefahren. Studer, was ist mit dir los! Du hast doch schon andere Leute gebodigt, wirst du Angst haben vor so einem Bauer? Du wirst alt, Studer, lass dich pensionieren.
Der Leuenberger war gemütlich; er schien sich glänzend zu unterhalten bei diesem stummen Spiel. »Natürlich«, dachte Studer, »der ist nicht auf meinen vorgeschützten Beruf hereingefallen. Der hat mich gleich erkannt als der, der ich bin. Und so sicher ist er... eine unerschütterliche Sicherheit.« Der alte Leuenberger benahm sich untadlig, machte nicht zuviel Worte, nötigte den Gast auf die Bank am Fenster, setzte sich ihm gegenüber, schwieg. Schwieg lange.
Studer nahm einen Anlauf. »Ihr seid also im Leid?« fragte er, so harmlos als möglich, und auf einen kurzen Augenblick hob er die Augen. Unerträglich, was dieser alte Bauer für einen Blick hatte. Es sah aus, als seien seine Augen aus einem matten Stein, nur dort, wo die Pupillen sassen, drangen zwei spitze Strahlen hervor, anders konnte man das wohl nicht nennen, die trieben einem das Wasser in die Augen. Und Studer klappte wieder mit den Lidern.
»Ja«, sagte Leuenberger, »meine Frau ist gestern begraben worden. Sie ist zu Verwandten gefahren, hat wohl etwas Unrechtes gegessen, sterbend haben sie mir die Leute ins Haus gebracht. Der Doktor hat sie kurz vorher gesehen, kurz vor ihrem Tode. Ein Darmfieber. Ja.« Und Leuenberger schwieg wieder. Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, langfingrige Hände, stellte Studer fest, mit gekrümmten Nägeln daran, gelblichen Nägeln, gewölbt.
In der Küche lief jemand herum. »Rösi«, rief Leuenberger, ganz sanft, es klang wie das Mauzen eines Katers; ein junges Mädchen erschien. »Lauf in die Wirtschaft und sag dort, sie sollen nicht auf den Herrn warten, der Herr isst hier.« Schweigend ging das Mädchen. Auch sie hatte den Blick nicht gehoben.
