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Hinrich Krohn - ehemaliger Tänzer und Schauspieler, jetzt Rentner - lernt bei einer REHA-Kur eine schöne blonde Dame kennen. Eine Fleischerswitwe. Die beiden verstehen sich prima und beschließen, sich nach der REHA zu treffen. Hinrich Krohn ist hin und hergerissen. Soll er oder soll er nicht? Vielleicht die letzte Chance auf ein Liebesabenteuer!? Um zu einer Entscheidung zu kommen, will er sie observiert. So wird er Zeuge ihrer Ermordung und zum Schweigen gebracht. Die Polizei ermittelt im Mordfall an der schönen blonden Fleischerswitwe, nachdem ein Fuß von ihr im Elster-Kanal gefunden wird. Im Bekanntenkreis der Fleischerswitwe gab es illustre Männer und Kunstliebhaber. Darunter ein reicher Holländer, dessen Wunsch es war, sich mit dem Maler Gilbert Krumm im Tod zu verschmelzen. Ebenfalls auf Wunsch des Holländers saß die Fleischerswitwe dem Maler für ein neues Gemälde als Akt Modell. Der Maler Gilbert Krumm war mit seinen 'Vulva-Porträts' in letzter Zeit sehr erfolgreich. Das Gemälde mit der schönen blonden Fleischerswitwe sollte Höhepunkt der New Yorker Ausstellung sein - so wollte es der reiche Holländer. Die Ausstellung in New Yorker wird zum Skandal und führt schließlich zur Lösung des Falles durch die New Yorker Polizei.
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Seitenzahl: 457
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Hinrich Krohn - ehemaliger Tänzer und Schauspieler, jetzt Rentner - lernt bei einer REHA-Kur eine schöne blonde Dame kennen. Eine Fleischerswitwe.
Die beiden verstehen sich prima und beschließen, sich nach der REHA zu treffen.
Hinrich Krohn ist hin und hergerissen. Soll er oder soll er nicht? Vielleicht die letzte Chance auf ein Liebesabenteuer!?
Um zu einer Entscheidung zu kommen, will er sie observiert.
So wird er Zeuge ihrer Ermordung und zum Schweigen gebracht.
Die Polizei ermittelt im Mordfall an der schönen blonden Fleischerswitwe, nachdem ein Fuß von ihr im Elster-Kanal gefunden wird.
Im Bekanntenkreis der Fleischerswitwe gab es illustre Männer und Kunstliebhaber. Darunter einen reichen Holländer, dessen Wunsch es war, sich mit dem Maler Gilbert Krumm im Tod zu verschmelzen. Ebenfalls auf Wunsch des Holländers saß die Fleischerswitwe dem Maler für ein neues Gemälde als Akt Modell.
Der Maler Gilbert Krumm war mit seinen 'Vulva-Porträts' in letzter Zeit sehr erfolgreich. Das Gemälde mit der schönen blonden Fleischerswitwe sollte Höhepunkt der New Yorker
Ausstellung sein - so wollte es der reiche Holländer.
Die Ausstellung in New Yorker wird zum Skandal und führt schließlich zur Lösung des Falles durch die New Yorker Polizei.
Autor...studierte Geophysik, Literatur und Philosophie / freiberuflich seit 1984 als Kolumnist, Fotograf, Kabarettist und Schriftsteller
Kapitel 1 - Sonntag, 28. August - früher Morgen
Kapitel 2 - Ende Mai
Kapitel 3 - Freitag, 29. Juli - später Vormittag
Kapitel 4 - Dienstag 12. Juli - Vormittag
Kapitel 5 - Sonntag 4. September - Vormittag
Kapitel 6 - Dienstag, 12. Juli - Vormittag
Kapitel 7 - Samstag, 10. September - Abend
Kapitel 8 - Dienstag, 12. Juli + Freitag, 15. Juli
Kapitel 9 - Montag, 12. September - Vormittag
Kapitel 10 - Freitag, 15. Juli
Kapitel 11 - Samstag, 24. September - später Nachmittag
Kapitel 12 - Freitag, 12. Juli - Abend
Kapitel 13 - Samstag, 24. September
Kapitel 14 - Sonntag, 17. Juli + folgende Tage
Kapitel 15 - Sonntag, 25. September - früher Morgen
Kapitel 16 - Ende Juli - Anfang August
Kapitel 17 - Dienstag, 27. September - früher Vormittag
Kapitel 18 - Montag, 8. August - Abend + Dienstag, 9. August
Kapitel 19 - Dienstag, 27. September - Vormittag
Kapitel 20 - Mittwoch, 10. August - Sonntag, 14. August
Kapitel 21 - Sonntag, 14. August - Abend
Kapitel 22 - Sonntag, 14. August - später Abend
Kapitel 23 - Dienstag, 27. September - später Vormittag
Kapitel 24 - Freitag, 26. August - früher Vormittag
Kapitel 25 - Mittwoch, 28. September - Vormittag
Kapitel 26 - Freitag, 26. August - Vormittag
Kapitel 27 - Dienstag, 27. September - früher Abend
Kapitel 28 - Freitag, 26. August - Vormittag
Kapitel 29 - Mittwoch, 28. September - Nachmittag
Kapitel 30 - Samstag, 27. August - Nachmittag
Kapitel 31 - Samstag, 27. August - später Abend
Kapitel 32 - Mittwoch, 28. September - Abend
Kapitel 33 - Mittwoch, 28. September - später Abend
Kapitel 34 - Donnerstag, 29. September - früher Vormittag
Kapitel 35 - Samstag, 1. Oktober - Vormittag
Kapitel 36 - Samstag, 1. Oktober - Vormittag
Kapitel 37 - Samstag, 1. Oktober - Vormittag
Kapitel 38 - Sonntag, 2. Oktober - Vormittag
Kapitel 39 - Dienstag, 4. Oktober - Vormittag
Kapitel 40 - Mittwoch, 5. Oktober - Abend
Kapitel 41 - Donnerstag, 13. Oktober - Abend
Kapitel 42 - Freitag, 14. Oktober - Mittag
Kapitel 43 - Freitag, 14. Oktober - Vormittag bis Abend
Kapitel 44 - Samstag, 15. Oktober - später Abend
Kapitel 45 - Samstag, 15. Oktober - Abend
Kapitel 46 - Montag, 17. Oktober - Vormittag
Kapitel 47 - Montag, 17. Oktober - Vormittag
Kapitel 48 - Sonntag, 23. Oktober - Vormittag
Kapitel 49 - Mittwoch, 26. Oktober - Abend
Kapitel 50 - Freitag 28.10. - Abend
Kapitel 51 - Samstag, 29. Oktober - Vormittag
Kapitel 52 - Sonntag, 30. Oktober - später Nachmittag
Kapitel 53 - Sonntag, 30. Oktober - früher Vormittag
Kapitel 54 - Sonntag, 30. Oktober - früher Vormittag
Kapitel 55 - Sonntag, 30. Oktober - Vormittag
Kapitel 56 - Mittwoch, 2. November
Kapitel 57 - Freitag, 4. November - Vormittag
Kapitel 59
JEMAND, der gewohnt ist, mit den Dingen robust umzugehen, wuchtet die alte eisenbeschlagene Holzbohlentür, die sich an der Längsseite des Flachbaues befindet, ins Schloss. Den Geräuschen nach wird ein Riegel vorgelegt. Ein Schlüssel dreht sich knirschend zweimal in einem schmiedeeisernen Schloss, das lange kein Öl gesehen hat.
Das gelbliche Licht einer Straßenlaterne, das durch die drei verdreckten schmalen Kippfenster, die sich knapp unter der Decke befinden, in den Raum dringt, genügt, um links an der Wand eine lange Werkbank mit einer Oberfläche aus Metall und rechts technische Gerätschaften, wie sie vielleicht ein Bäcker verwenden könnte, oder ein Fleischer erkennen zu können. Aber es ist niemand anwesend, der dies tun könnte.
Der Körper, der an der Stirnseite des Raumes gegenüber der schweren Tür an einem Haken, der seinerseits an einer Metalltraverse, die von Winkeleisen getragen wird, hängt, ist keiner Sinneswahrnehmung mehr fähig. Er hat keinen Kopf und erinnert an einen antiken Torso, weil ihm auch die Beine von den Hüftgelenken an fehlen. Der Metallgegenstand, der sich an der linken Seite des Beckens am Sitzbein befindet, gehört zu einem künstlichen Hüftgelenk. Es ist die Prothesenpfanne.
Im Oberschenkelknochen des Beines müsste ein entsprechendes Gegenstück des künstlichen Gelenkes der Prothesen Schaft stecken.
Die Oberarme bis zum Ellbogen hängen noch seitlich am Körper, was für einen echten antiken Torso unüblich wäre. Der Körper ist nackt.
Vom Brustbein abwärts bis zum Beckenboden ist der Körper aufgebrochen worden, wie es ein Jäger bei großen Wildtieren nach erfolgreicher Jagd tut. Die beiden Brüste, die rechts und links des geöffneten Körpers hängen, sowie der Körperbau sind deutlich weiblich. Die äußeren und inneren Genitalien wurden aus dem Becken entfernt.
Durch eine offenstehende Tür an der rechten Wand, die sich zwischen den technischen Arbeitsgeräten befindet, kommt man in ein scheinbar unbenutztes, aber aufgeräumtes und sauberes Büro. Schreibtisch, Drehstuhl, zwei Regale voll mit Ordnern, in der rechten Ecke tischhoch ein kleiner Tresor. Dunkelbraun lackiert. 'Firma Franz Jäger Berlin, 1936'. Und eine 200-Liter-Tiefkühltruhe, deren Display den funktionierenden Betrieb anzeigt.
Eine Tür, fast so massiv wie die Eingangstür, führt in einen weiteren rundherum mit weißen Kacheln gefliesten fensterlosen Raum. Genau in der Mitte des Raumes ein Boden-Einlauf mit einem quadratischen Rost. Links an der Wand hängt ein kleiner Elektro-Durchlauferhitzer, an dessen Mischbatterie ein kurzer Schlauch angeschlossen ist.
In der rechten Ecke des Raumes stehen zwei Krücken aus Leichtmetallrohr mit Armbügeln und Handgriffen aus azurblauen, glasfaserverstärkten Kunststoff, wie sie in jedem Sanitär-Geschäft angeboten werden.
Ein mannshohes, zwei Meter breites Metallregale, das sicherlich ursprünglich an einer der Wände stand, steht schräg zur Tür frei im Raum.
Aufgereiht auf Zeitungspapier liegen verschiedene Körperteile. Im unteren Regalfach neben-einander ein Fuß und eine Hand. Mit Abstand dazu zwei Oberschenkel und zwei Unterschenkel. Ein Regalfach darüber steht eine Plasteschüssel, in der sich ein Herz, ein Gehirn und die äußeren Geschlechtsteile einer Frau - alles mit geübter Klinge ausgelöst und gesäubert - befinden. Neben der Schüssel liegen ein Fuß, ein Unterarmarm mit Hand und ein Unterarm ohne Hand. Ein Plasteeimer mit Deckel steht neben dem Regal, in dem man den bisher fehlenden Kopf des Körpers vermuten darf.
In der linken Ecke stehen ein verzinkter Eimer, ein Besen, ein Schrupper und drei Plasteflaschen mit Reinigungsflüssigkeiten. Mehrere große graue Wischlappen hängen zum Trocknen über den Seitensprossen des Regals.
Geschrieben - mit einem grellroten Farbspray - steht an der linken Fliesenwand: Ich liebe Dich!
Die Spray-Dose ist auf dem leicht geneigten Fußboden zum Boden-Einlauf hin gerollt und schaukelt, leise Geräusche verursachend, in dem Luftstrom, der über den Einlauf in den Raum hinein zu den halb geöffneten Kippfenstern unmerklich weht, hin und her. Ein Perpetuum mobile, könnte man denken.
Es muss weit nach Mitternacht sein.
Eher schon gegen Morgen, denn es dämmert bereits.
Ein silbernes 'Mercedes Coupé' stößt langsam rückwärts von der Straße her in die Einfahrt hinein, die zu dem Flachbaukomplex führt. Zur Straße hin ist es ein Laden mit breiten, von verwitterten Jalousien verschlossenen Schaufenstern.
Das Coupé fährt ohne Licht.
Zur Einfahrt hin befindet sich in dem Flachbau die eisenbeschlagene Holzbohlentür, die erst vor kurzem von JEMAN-DEM ins Schloss gewuchtet wurde. Auf Höhe dieser Tür hält das Coupé an.
JEMAND steigt aus. Vom Rücksitz holt er zwei verschiedene Rollen von Plaste-Müllsäcken und eine Rolle gelbe Maurerschnur. Er öffnet die schwere Holzbohlentür, macht innen Licht und trägt dann nach und nach die nun mit Gegenständen gefüllten Plastesäcke heraus und verstaut sie im Kofferraum.
Alle Säcke sind mit einem Stück der gelben Maurerschnur verschnürt.
Der Torso bleibt in dem Flachbau. JEMAND nimmt ihn samt Haken von der Traverse ab und deponiert ihn in der Tiefkühltruhe.
Dann löscht JEMAND das Licht in dem Flachbau und wuchtet die schwere Tür wieder zu. Ein Riegel wird vorgelegt, der Schlüssel dreht sich zweimal knirschend in dem Schloss. Es sind die gleichen Geräusche wie vorhin.
Schließlich fährt das 'Mercedes Coupé' langsam - wieder ohne Licht - davon.
Das Licht wird erst nach der nächsten Straßenbiegung eingeschaltet.
Das 'Mercedes Coupé' fährt durch die halbe Stadt, bis es in einer als Sackgasse gekennzeichneten Straße am 'Clara-Park' hält.
JEMAND steigt aus, öffnet den Kofferraum, hebt drei schwarze Plastesäcke, die mit der gelben Schnur und einfacher Schleife zugebunden sind, heraus und geht die neblige Allee in Richtung 'Elster-Kanal' ohne Eile davon.
Laternen erschaffen mit ihrem schwachen Schein konische Lichtinseln.
Die drei schwarzen 35-Liter-Müllsäcke trägt die Person wenig behutsam an den gelben Schnüren in der linken Hand. Sie sind nicht übermäßig schwer.
Die weiteren Säcke, die im Kofferraum geblieben sind, harren einer anderen Bestimmung.
Ab und an schleift einer der Säcke auf dem Schotter des Weges. Aus einem der Säcke, der einen kleinen Riss bekam, tropft ab und zu etwas von dem dickflüssigen Blut auf den Weg. Einzelne Laubblätter, die der Nachtwind umhertreibt, bleiben kleben und verdecken die Spur.
Um den Weg abzukürzen, benutzt die Person mit den Säcken einen schmalen Trampelpfad durch den Wald. Als der bereits angerissene Sack an einem Ast hängen bleibt, fällt ein kleinerer Gegenstand unbemerkt heraus.
Nur wenige Minuten später hat sich aber ein Fuchs des Gegenstandes bemächtigt.
Und da es eine Füchsin ist, hat sie nichts eiliger zu tun, als die gefundene Hand in ihren Bau zu schleppen, wo sechs hungrige Füchslein warten, die sie vierundzwanzig Tage gesäugt hat, die aber jetzt feste Nahrung brauchen. Sie schleppt heran, was sie erwischen kann - Mäuse, Ratten, Tauben … warum nicht eine Hand?
Es dauert dann keine halbe Stunde, bis sich an den Knochen der Hand kein bisschen Ess-bares, sondern nur noch ein goldener Brillantring befindet.
Dem Ring, darf man annehmen, hat JEMAND nicht die gebührende Beachtung geschenkt. Allein der Stein des Ringes besitzt zweikommaeins Karat.
Die Hand hat ihre Schuldigkeit für die Füchse schnell getan, wird durch die Füchsin aus dem Bau hinausgeschleppt und achtlos in einiger Entfernung entsorgt. Der Ring ist noch dran.
An der Brücke angekommen, die über den Kanal führt, lässt JEMAND so sacht wie möglich einen der Säcke, es ist der, aus dem die Hand unbemerkt verloren gegangen ist, ins Wasser fallen und beobachtet in aller Ruhe, wie der Sack langsam versinkt.
Ein zweiter Sack soll scheinbar folgen, doch die Person überlegt es sich anders und geht mit den zwei verbliebenen Säcken davon.
Im Eingangsbereich der Rennbahn, vor dem verschlossenen Tor, steht ein großer Wertstoff-Container mit gelber Deckelklappe zur Abholung für den Montag bereit. Die Person öffnet den gelben Deckel und wirft die zwei Müllsäcke achtlos hinein.
Der Deckel wird wieder heruntergeklappt.
Montagmorgen gegen sieben Uhr hängen die Männer der städtischen Müllabfuhr den Wert-Stoff-Container routinemäßig in die Greiferarme des modernen Entsorgungsfahrzeuges ein und setzen die Hydraulik in Gang. Der Container wird in die Trichterwanne des Fahrzeuges entleert. Die Männer der Müllabfuhr können unmöglich bemerken, dass da JEMAND unerlaubt und unsachgemäß Säcke in den Container geworfen hat, deren Inhalt keine Wertstoffe sind. Eher würden die schwarzen Müllsäcke in den Restmüll gehören.
In der vollautomatischen Abfallsortieranlage landet der Inhalt der Säcke schließlich im unverwertbaren Rest. Ein Teil einer Hüftprothese, der Prothesen Schaft, der in einem Oberschenkelknochen steckte, landet bei den Altmetallen.
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Der Sack, der im 'Elster-Kanal' versenkt wurde, wird ungefähr nach zwei Wochen entdeckt, als sich der Fuß in dem Plastesack durch die chemisch-biologischen Prozesse veränderte und sich Gase, die den Sack mit der gelben Schleife nach oben steigen ließen, entstanden.
Die Entdeckung des Sackes erfolgt also ungefähr sieben Wochen, nachdem Hinrich Krohn, ein einundsiebzigjähriger noch aktiver Schauspieler, eine schöne blonde Frau, Veronika Henker, achtundsiebzig, während einer REHA-Kur in Bad Lausick kennenlernt.
'Mein blonder Schatten' nennt er sie schon nach wenigen Tagen.
Bei ihr war die linke Hüfte operiert worden, bei ihm die rechte.
Die Operation der anderen, der linken Hüfte war bei ihm ein paar Wochen vorher erfolgt. Die REHA-Kur ist demzufolge seine zweite in kurzem Abstand.
Dass 'sein blonder Schatten' Opfer eines Verbrechens werden würde, ahnt er am Ende ihres gemeinsamen Kur-Aufenthaltes in Bad Lausick so wenig wie sie.
Die verbrecherischste Idee, die ihm in den Sinn kam, bestand lediglich darin, seine aktuelle Lebensgefährtin Rita, vielleicht … ein bisschen … mit dieser schönen blonden Dame, 'seinem blonden Schatten' … ganz wenig nur … vielleicht zu hintergehen?
Die Idee, die Veronika Henker beim Abschied hat, ist nicht wesentlich verbrecherischer. Wenn man sich wiedersehen würde … in ein paar Wochen … würde sie sich … notfalls … ein bisschen … vielleicht verführen lassen?
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Beginnen wir nun Schritt für Schritt damit, wie es kam, dass Hinrich Krohn die schöne blonde Veronika Henker kennenlernte. Eine Frau von Format - eine Dame mit Geist, Humor und Geld!
Achtundsiebzig Jahre alt! Üppiges Blond! SIE!
ICH hatte meine erste Operation erfolgreich hinter mir. Hüfte links!
Das künstliche Gelenk konnte ohne Zement implantiert werden.
Die nachfolgende REHA-Kur war für mich in mehrerlei Hinsicht erfolgreich gewesen - erstens konnte ich am Ende der vier Wochen - drei Wochen normal plus eine Woche Verlängerung - schmerzfrei, wenn auch noch mit den Krücken, wieder laufen und Treppen steigen.
Zweitens nahm ich - in der Klinik war Alkohol verboten, was mir half, meinen Alkoholkonsum auf ein Minimum zu reduzieren - insgesamt zehn Kilo ab.
Sehr positiv war drittens, dass ich mich täglich bewegen musste - mit Krücken im Park, im Fitnessstudio auf diversen Foltergeräten, unter den Händen der Physiotherapeuten, im Schwimmbad bei der Wassergymnastik, auf dem Hometrainer und überhaupt.
Wobei die Wassergymnastik erst auf meinem Plan stand, als die Wunde an der linken Hüfte hinreichend verheilt war.
Sehr erholsam waren die Parafango-Anwendungen. Da lag man entspannt eine knappe halbe Stunde mit dem heißen Schlamm im Nacken oder im Kreuz auf der Pritsche und konnte dösen.
Die Mahlzeiten in der Klinik waren nicht eben üppig. Wahrscheinlich müsse gespart werden, damit die Aktionäre des Klinik-Konzerns ordentlich Dividende kriegen, wurde unter Mitpatientin gemunkelt.
Jedenfalls kam ich auf die Idee, wenn das Essen sowieso nicht übermäßig verzehrenswert ist, mir gleich eine Diät zu verordnen. Gedacht, getan!
Über eine entsprechende Recherche im Internet kam ich auf ein sogenanntes 'Intervall-Fasten'. Also keine Diät, sondern sechzehn Stunden fasten, dann kann man acht Stunden essen, was man will.
Ich musste nur das Frühstück um zwei Stunden verschieben und so konnte ich dann von zehn Uhr bis achtzehn Uhr essen und von achtzehn Uhr über Nacht bis zehn Uhr fasten.
Es klappte ziemlich gut. Am Ende der REHA-Kur hatte ich reichlich fünf Kilo abgenommen, am Ende der zweiten war ich dann bei den erwähnten zehn Kilo angekommen.
Ich war sehr stolz auf mich.
Meine aktuelle Lebensgefährtin, die mich zweimal in Bad Lausick besuchte, konnte es kaum fassen. Das hätte sie mir - mir, diesem willensschwachen Kerl! - nie zugetraut!
"Hinrich, mir graut vor dir!" - sagte sie.
Aber sie sollte sich nicht nur - von wegen willensschwach - in mir irren. Schon länger rebellierte es in mir. Mir gefiel es nicht mehr, ihr Hündchen zu sein, das sie an der Leine führt und dirigieren kann - pfui, Platz, sitz, das tut man nicht, was bist du für ein böser Hund, husch ins Körbchen!
Aber bisher entäußerte sich meine Rebellion gegen sie nur in gelegentlichem Trotz und in einer gewissen Bockbeinigkeit bei der Ausführung von Befehlen.
Aber sie sollte sich noch wundern!
Außerdem motivierte mich für meinen Kampf gegen die Kilos die Hoffnung, am Ende der Torturen - mit neuen Hüften und ohne Wampe! - fast wieder wie ein junger Mann agieren zu können. Durch Wälder wandern, auf der Bühne stehen, auf Reisen gehen, mit Frauen schlafen … - und … eben nicht nur schlafen!
Nach der erfolgreichen ersten REHA folgte jedenfalls eine vierzehntägige Pause, die ich nochmal als immer noch einseitig hüftlahmer alter Mann zum großen Teil unter den Fittichen meiner Lebensgefährtin in deren Wohnung verbrachte.
Die Rebellion stellte ich vorerst ganz nach hinten.
Bei aller bereits wiedererlangten Teilmobilität war es nämlich doch ganz hilfreich, dass da jemand war, der mir bei bestimmten Verrichtungen - speziell solchen, die im bodennahen Bereich anfielen - hilfreich zur Seite stand.
Meine eigene Wohnung in Frohburg suchte ich nur kurz für zwei Tage auf, um meine Balkonpflanzen zu retten, und die Post, die sich angesammelt hatte, beim Nachbarn abzuholen.
Mit dem Nachbarn hatte ich die grundsätzliche Vereinbarung getroffen, dass er meinen Briefkasten betreut und leert, und ich ihm dafür die Tageszeitung, die ich im Abo hielt, täglich weiterreiche. Bei Abwesenheit nahm er sich die Tageszeitung selbst aus dem Kasten und verwahrte alle übrige Post, bis ich wieder im Lande war.
Besonders angenehm für mich war die Verblüffung, die er und seine Frau in gleichem Maß über meine Beweglichkeit und meine Verschlankung zum Ausdruck brachten.
"Na, hallo, Herr Krohn! Sie sin abor dinne gewordn! Un wie sie schon rumloofn dun ... wie e jungor Spund ... - alu bonöhr!"
Meine Balkonpflanzen hatten übrigens erhebliches Unkraut in ihren Töpfen angesetzt, aber waren sonst noch gut in Schuss.
Vier Wochen ohne Pflege!
Und die Zimmerpflanzen gar, die ich mit auf den Balkon hinausgestellt und der Willkür des Wetters ausgesetzt hatte, waren regelrecht aufgeblüht.
Abzuwarten blieb, wie sie nun den zweiten Härtetest überstehen würden, denn in den langfristigen Wetterprognosen wurde von einer kommenden langanhaltenden Hitzewelle orakelt.
Ich drückte meinen Pflanzen die Daumen.
Das 'Intervall-Fasten' ließ ich in diesen Tagen vor der zweiten Operation vielleicht etwas schleifen. Ich hielt die Intervall-Zeiten nicht mehr ganz so konsequent ein und wahrscheinlich schlugen auch Alkohol und gutes Essen negativ zu Buche. Mit gutem Willen und Augenzudrücken konnte ich das Gewicht, was die Waage anzeigte, als stabil und gleichbleibend interpretieren.
Bis zum Ende der zweiten REHA steckte ich mir aber das Ziel, wenigstens noch einmal fünf Kilo Gewichtsverlust zu erreichen. Das wären dann insgesamt die zehn Kilo, die ich, wie gesagt, am Ende tatsächlich weniger auf die Waage brachte.
Ein ganzer Eimer voll Wasser!
Die Welt sollte sich wundern! Besonders Rita, meine Lebensgefährtin!
McBARRO, der eigentlich Steffen Mädler heißt, hat in seinem Atelier alle Gemälde, die er für die Ausstellung in der Galerie 'Art on' vorgesehen hat, rings an den Wänden, am Tisch und drei Stühlen aufgestellt. Landschaften, Porträts, Stillleben, … dazu drei Kunstobjekte - mannshohe, rundum bemalte Röhren, beinahe so groß wie Litfaßsäulen - die mit extrem farbigen Pflanzenmotiven bemalt frei im Raum stehen.
Die Gemälde haben keine Rahmen. Rahmen, findet McBarro, sind - wenn der Hintergrund nicht allzu unruhig ist - überflüssig. Altmodisch!
Ein Gemälde steht auf der Staffelei. Es zeigt - noch unfertig - einen sitzenden weiblichen Akt, bei dem sofort das lange blonde Haar auffällt.
Das Atelier von der Größe einer kleinen Turnhalle befindet sich in einem stillgelegten Lagerkomplex der 'Filzfabrik Wurzen GmbH'. McBarro hat es zu günstigen Konditionen gemietet. Wer braucht heutzutage noch ein Lager?
'Seit der Wende, werden in der Filzfabrik nicht nur Filzstifte gefilzt!' - mit diesem Bonmot werden alle Gäste früher oder später erheitert, die sein Atelier besuchen.
Und es werden immer mehr, die ihn hier besuchen. Auch Ausländer. Leute mit Geld, die auf der Jagd nach Kunstobjekten, die sich als Geldanlage wachsender Beliebtheit erfreuen, durch die Galerien in den Ostenländern streunen.
McBarros wegen können es nicht genug sein, die da kommen.
Letzthin war ein Multimillionär aus Holland in seinem Atelier.
Diesen Besuch hat er der Vermittlung seiner ehemaligen Leipziger Galeristin Veronika Henker zu verdanken, mit der er seit Jahren ein kompliziertes sexuelles Verhältnis pflegt.
Momentan ist er froh, dass sie wegen einer Hüftoperation mit anschließender REHA-Kur in Bad Lausick einige Wochen nicht gegenwärtig ist.
Um ihr Haus in Leipzig und den Garten muss er sich nicht kümmern. Das übernimmt - gottseidank! - ihre Tochter.
Schlimm genug, dass sie ihm ihren Hund aufgehalst hat.
Ihren Liebling! Elvis!
Er hat den kleinen Terrier für die nächste Stunde in eine der benachbarten, leerstehenden Schuppen ausgesperrt. Ins Atelier lässt ihn McBarro allerdings auch sonst, wenn kein Be-such angesagt ist, nicht. Er befürchtet, der würde womöglich an den Gemälden und den Litfaß-Röhren seinen Revieranspruch markieren, wie er es eben als Rüde artgerecht tun muss.
Dafür, dass ihm Veronika den Holländer herbeigeschafft hatte, ist er ihr aber echt dankbar.
Sieben Gemälde hat der Holländer gekauft!
Und wegen eines Auftrages für eine Fassadengestaltung in Amsterdam will er sich dem-nächst noch einmal melden.
McBarro hätte sich am liebsten, wie das tapfere Schneiderlein aus dem Märchen eine Schärpe umgehängt - damit alles es wissen - sieben auf einen Streich!
Das war vor einem halben Jahr! Von dem Verkauf lebt er vorwiegend heute noch.
Konsterniert war McBarro dann allerdings, als er vor wenigen Tagen in der Zeitung 'Kultur-spiegel' lesen musste, dass eben dieser holländische Kunstsammler einem unbekannten jungen Künstler, Gilbert Krumm aus Frohburg, zu einer Ausstellung in New York verhelfen möchte.
McBarro konnte es kaum fassen. Gilbert Krumm - sein alter Kumpel und Widersacher aus Zeiten des gemeinsamen Studiums an der 'Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig'!
So ein Glückspilz! Dass ihn der Blitz beim Scheißen treffe!
Den Kontakt zwischen dem Holländer und Gilbert Krumm hat bestimmt auch Veronika Henker hergestellt, da ist er sich sicher.
Möge sie ebenfalls der Blitz beim Scheißen treffen!
Warum Gilb nach New York?
Warum nicht ich?
McBarro versucht, seine Neidgefühle zu beherrschen und sich auf seine heutige Angelegenheit zu konzentrieren.
Heute bekommt er einen Besuch von der Leiterin der Galerie 'Art on' Markkleeberg.
Es geht um die Auswahl der Gemälde und Objekte für die geplante Ausstellung, die in drei Wochen eröffnet werden soll.
Angelehnt an den Namen der Galerie, 'Art on' soll die Ausstellung unter dem Motto 'Spray out' laufen.
Dass McBarro ein sogenannter 'Graffiti-Künstler', oder 'Sprayer' ist, erkennt man unschwer an den unzähligen Spraydosen, die im Atelier überall herumstehen und liegen. Eine Ordnung der Spraydosen nach Farben beispielsweise ist nicht festzustellen. Alles bunt durcheinander.
Licht fällt durch die großen fabriküblichen Fenster. Mehrere einfache Neonhängeleuchten ohne Verkleidung ergänzen die Lichtflut im Raum.
Es ist noch nicht lange so, dass McBarro mit seiner Kunst richtig Geld macht.
Angefangen hat er in seiner Jugend mit Graffitis an Haus- und anderen Mauern. Sein Signum war 'SM' - Steffen Mädler.
Auf McBarro ist er erst umgestiegen, als er einige Aufmerksamkeit in der Szene erregt hatte. Sein Alleinstellungsmerkmal war aber schon immer der aufwendige, fotogenaue Mal- beziehungsweise Spray-Stil.
Wegen des viel Zeit erfordernden Spray-Stils wurde er auch oft erwischt und bestraft. Das ist seit Jahren vorbei.
Als 'McBarro' konnte er sich schließlich in der Szene etablieren und besprayt nun Häuser- oder andere Wände nur noch bei Vorlage von guthonorierten Aufträgen.
Sein bisher größter Auftrag war vor wenigen Monaten die Gestaltung der Wände einer über hundert Meter langen Tunnelröhre für Fußgänger in Stockholm. Schwebende Menschenleiber, die wie im Windkanal treiben und wirbeln. Dazwischen Pferdeleiber und wehendes Gras. Das hatte ihm - über das Honorar hinaus - einen Kunstpreis der Schwedischen Akademie für Moderne Kunst eingetragen.
Einige seiner Gemälde erinnern an die Werke berühmter surrealistischer Meister - Joan Miró, René Magritte, Paul Klee … und speziell an die von Salvador Dali, was den dargestellten Objekten geschuldet ist. Unrealistische Fantasiewesen in realistischer Darstellung! Surrealistisch!
Manchmal düster und monochrom, manchmal grellbunt.
Für die geplante Ausstellung in Markkleeberg kommen, abgesehen von den drei freistehen-den röhrenförmigen Litfaß-Objekten, naturgemäß nur die Gemälde auf grundiertem Leinen in Frage. Die Graffiti-Malereien, wie auch die Stockholmer Tunnelröhre werden aber im Ausstellungskatalog ausführlich dokumentiert. Ein wirklich umfangreicher Katalog, wie er ihn sich prächtiger - eingedenk des geringen Umfangs der Ausstellung - nicht wünschen kann.
Schade für ihn, dass die Räumlichkeiten im 'Weißen Haus' keine größere Anzahl von Gemälden zulassen. Zu gerne hätte McBarro auch seine Zeichnungen und Entwürfe ausgestellt.
Aber er kann sich über die Entscheidungen der Stadträte nicht beschweren.
Die Stadt Markkleeberg scheut keine Kosten. Man erhofft sich kunstinteressierte Besucher aus aller Welt.
Die bürokratische Seite der Ausstellungsvorbereitung geht ihm allerdings auf den Nerv.
Heute wieder diese Galeristin!
Er findet sie ersten viel zu fett - obwohl er auch fette Frauen mag! - und zweitens - wenn die ein Gespür für Kunst haben sollte, dann hat er Talent zur Melodienfurzerei!
McBarro überlegt, weshalb er die Galeristin, trotz seiner Vorliebe für fette Frauen, spontan nicht mag.
Weil sie seine Malerei nicht mag?
Und dass sie seine Malerei nicht mag, das liegt deutlich in der Luft. Ihre Körperhaltung, wenn sie von einem Bild zum nächsten wechselt, spricht Bände. Ablehnung pur!
"Möchten Sie vielleicht einen Kaffee? Oder ein Glas Wein?" - fragt er sie.
Die Galeristin, die scheinbar andächtig und versunken vor einem Gemälde steht, welches sie beim besten Willen weder verstehen noch schön finden kann, ist dankbar für die Frage, die sie - zumindest vorläufig - einer ehrlichen Bemerkung zu dem, was sie sieht, entbindet.
Dabei sieht sie die Gemälde, die sie abfällig mit 'die Gespraye' bezeichnet, nicht zum ersten Mal. Aber jedes Mal ist sie aufs Neue verwirrt.
Wenn das Kunst ist, denkt sie, dann ist mein Arsch eine Apfeltorte!
Mit diesem Vergleich gelingt ihr ein gerechter Ausgleich zu dem Vergleich, den McBarro an-gestellt hat - von wegen Talent zur Melodienfurzerei!
Aber das wissen beide nicht voneinander.
"Ach, wenn Sie einen Whisky hätten?" - antwortet sie nun zur Verblüffung von McBarro auf dessen Frage nach einem Getränk.
Sie hat mitten unter den bunten Spraydosen eine Flasche 'Black & White Blended Scotch Whisky' entdeckt. Den kennt sie.
McBarro angelt die Flasche aus dem Spraydosengewimmel heraus. Zwei Gläser holt er von nebenan.
Whisky! Vielleicht ist die Tante doch gar nicht so übel?
Die Galeristin verflucht innerlich den Kulturdezernenten der Stadt, der ihr die Aufgabe auf-gehalst hat, eine Ausstellung mit Werken von McBarro vorzubereiten. Die letzte Ausstellung mit Klöppelspitzen aus dem Erzgebirge hatte ihr mehr Spaß gemacht.
Wobei - dieser McBarro… so als Mann, … den würde sie nicht von der Bettkante schubsen! Ein cooler Typ! - findet sie. Ein bisschen wie ihr Lieblingsschauspieler Jean-Paul Belmondo.
Nur noch nicht ganz so alt wie der jetzt mittlerweile. Sie schätzt McBarro auf Mitte fünfzig.
Irgendwo hatte sie das wohl auch gelesen, als sie sich auf den Besuch vorbereitete. Sie fühlt sich ihm gegenüber als Frau - mit ihren Neunundvierzig! - durchaus als ein interessantes Angebot. Und - wenn sie die Gemälde hier im Atelier, die auch Frauen als Akt zeigen, richtig interpretiert - dann mag der durchaus auch die fetten Frauen.
Solche, wie sie eine ist!
Sie nimmt das reichlich gefüllte Whiskyglas, das er ihr hinhält, und stößt mit ihm an:
"Auf den Erfolg der Ausstellung!"
McBarro erwidert lächelnd - "Zum Wohl!" - und trinkt das Glas in einem Zug.
Die Galeristin setzt ihren Rundgang - nun mit dem Whiskyglas in der Hand, aus dem sie gelegentlich nippt - fort.
Vor der Staffelei, die frei in einer Art Nische des Raumes steht, nimmt sie einen größeren Schluck. Das 'Gespraye', das sich da großformatig präsentiert, kennt sie noch nicht.
Eine Frau! Aber … ist die nun nackt oder gehäutet?
Bestimmte Körperpartien der dargestellten Frau scheinen hinter einem Schleier zu liegen. Hinter Nebelschwaden!
Anderseits liegen teilweise Adern und Muskelstränge offen.
Die Proportionen des Körpers sind total unnormal. Der Unterleib schiebt sich birnenförmig nach vorn. Die Arme schlingen sich wie dicke Schlangen um das linke Knie.
Am Ringfinger der linken Hand, die über der rechten liegt, prunkt ein goldener Ring mit einem großen Brillanten, der wie ein Laser rötliche Strahlen sendet.
Die unverkennbar weibliche Person trägt eine Art Bikini. Im Bereich des Unterleibes ist der Stoff durchscheinend. Das ebenfalls durchscheinende Oberteil bedeckt nur die linke Brust. Die rechte Brust wölbt sich groß und prall mit aufgerichtetem Brustnippel herausfordern aus dem Oberteil heraus dem Betrachter - jetzt also der Galeristin als Betrachterin - entgegen.
Der Kopf der 'Birnen-Frau', der im Verhältnis zum Unterleib winzig erscheint, ist in den Nacken zurückgebeugt und schaut mit aufgerissenen Augen schräg von hinten ins Nichts.
Die Lippen sind rot. Rostrot. Das blonde Haar wallt wie ein goldener Mantel hinter dem Rücken hinab bis auf den Fußboden.
Die Galeristin ist überzeugt, dass sie mit ihren Brüsten die Dame auf dem Bild glatt ausstechen könnte.
Magere Tussy!
McBarro beobachtet die Galeristin gespannt. Wird sie ihre Ablehnung, die er wieder in ihrer zurückweichenden Körperhaltung zu erkennen glaubt, auch verbal äußern?
Die Galeristin lässt sich aber mit der Betrachtung des 'Gesprayes' viel Zeit.
Gerade fragt sie sich intensiv, was denn das, was da zu Füssen der Frau liegt, sein soll. Es sieht aus wie ein kleines Wildschwein, findet sie und glaubt allerdings nicht, dass das wirklich ein kleines Wildschwein sein könnte.
Sie deutet mit dem Finger auf dieses Etwas und fragt, ohne sich zu McBarro umzudrehen:
"Hier unten ..., soll das ein Frischling sein?"
"Ein Hund soll das werden. Ein Terrier. Da fehlt mir noch … sozusagen … die richtige Inspiration. Tiere sind - so rein aus der Erinnerung heraus - schwer zu malen."
"Das, glaube ich. Die Ähnlichkeit mit einem Terrier ist wirklich nur ganz schwach. Ich habe ja einen Terrier. Ein Weibchen. Pernille heißt sie."
"Hübscher Name!" McBarro hat Mühe, dass sein Grienen nicht in lautes Lachen übergeht.
Ein Terrier namens Pernille!
Wobei ihm der Name des Terriers, den er von seiner Veronika bei sich in Pflege hat, auch ziemlich suspekt erscheint: Elvis!
Die Galeristin nippt noch mal am Whisky und fasst ihre Erkenntnisse zusammen:
"Das Bild ist also noch nicht ganz fertig?"
McBarro bestätigt das.
"Das Bild ist sozusagen zur Ergänzung der Ausstellung gedacht. Als letztes noch taufrisches Werk."
"Es ist nicht im Katalog!" - gibt die Galeristin zu bedenken.
"Gerade deshalb könnte es die Sensation der Ausstellung sein!
Die Überraschung!"
Die Galeristin wendet sich abrupt noch mal kurz zu dem 'Gespraye', dann zu McBarro zu-rück und schaut ihn forschend an.
"Ist das … also diese Frau … womöglich ihre Geliebte?"
McBarro zuckt leicht zusammen.
Wie kommt die darauf?
Er antwortet:
"Es ist zumindest eine Frau, die ich kenne."
"Kenne ich sie auch?" - fragt die Galeristin, die ein Bild von einer Frau aus der Fernsehsendung 'Bauer sucht Frau' vor Augen hat.
McBarro schüttelt den Kopf:
"Glaube kaum. Aber sie werden sie kennenlernen. Zur Ausstellungseröffnung wird sie dabei sein."
Die Galeristin schaut wieder zu dem 'Gespraye' auf der Staffelei:
"Oh … - wie wunderbar!"
"Nein, so ganz wunderbar wird sie nicht sein." - schränkt McBarro ein - "Sie wird mit Krücken kommen."
"Krücken scheinen in Mode zu sein." - äußert die Galeristin, und McBarro weiß nicht, ob das schelmisch gemeint oder nur dämlich ist.
Sie lächelt undurchdringlich und schaut wieder zu der Staffelei:
"Interessieren würde mich ja, wie sie mich malen würden, wenn sie mich malen würden."
"Tja …" - murmelt McBarro in sein Whiskyglas - "…käme auf einen Versuch an!"
"Und - ich könnte auch meine Pernille mitbringen!" - bietet sie an.
McBarro beherrscht sich und verschweigt, dass er als Modell für den Hund, der das Gemälde vervollständigen soll, mit Elvis bereits das vorgesehene Original besitzt.
Die Galeristin schaut auf die große nostalgische Bahnhofsuhr, die an einer der Giebelwände unter dem Dach des Ateliers hängt, und stellt fest, dass es für sie Zeit wäre. Sie wolle die S-Bahn fünfzehn Uhr zurück nach Leipzig nicht verpassen.
"Wir sind uns ja auch so weit einig?" - stellt McBarro mit einem kleinen Fragzeichen fest.
"Ja, wir sind uns einig. Aber das Ge ... äh ... mälde muss fertig sei - mit Hund! - wenn es noch mit auf die Ausstellung soll!" - betont die Galeristin.
"Es wird fertig sein!" - verspricht McBarro, der eigentlich Steffen Mädler heißt.
Und vielleicht, so hofft er insgeheim, wird seine Ausstellung so viel Interesse erregen, dass er noch eher in New York ist als Gilbert Krumm!
ICH begegnete der blonden Dame zum ersten Mal in dem VW-Kleintransporter nach meiner zweiten Operation, als ich - unmittelbar anschließend an den siebentägigen Krankenhausaufenthalt - zur REHA-Kur nach Bad Lausick gebracht wurde.
Ein Zufall wie jeder andere.
Die zweite Operation übrigens, also die Operation meiner rechten Hüfte, verlief, wie schon die erste Operation meiner linken Hüfte, ohne die kleinste Komplikation. Bereits am Abend nach der Operation, die vormittags stattfand, konnte ich - wenn auch an Krücken - im Krankenzimmer ohne fremde Hilfe umherhinken.
In den weiteren sechs Tagen, die ich in der Klinik bleiben musste, versuchte ich neben den gymnastischen Übungen mein 'Intervall-Fasten' wieder einigermaßen nach Vorschrift zu absolvieren.
Bevor ich dann zur zweiten REHA-Kur aufbrach, fühlte ich mich fast wie neu geboren. Oder wie kurz vor der Neugeburt!
Zwei neue Hüftgelenke und mindestens sechs, wenn nicht sieben Kilo weniger auf den Rippen!
Dazu stand bereits wieder eine ganze Woche konsequente Alkoholfreiheit zu Buche! Ich hockte am Start für ein neues Leben! Zweite Jugend mit Einundsiebzig!
Einundsiebzig in Zahlen dargestellt - eine '7' und eine '1'!
Aber was hieß eigentlich 'zweite Jugend' - die hatte ich doch bereits nach meiner Scheidung von meiner ersten Frau verbraucht.
Die 'dritte Jugend' kam dann nach dem Ende der Beziehung mit meiner zweiten Frau.
Die 'vierte Jugend' folgte, nachdem ich meine jetzige Lebensgefährtin kennenlernte.
Das jetzt, das war also der Start in die 'fünfte Jugend'!
Mit Einundsiebzig jedenfalls!
Mit Einundsiebzig sind viele bereits unter der Erde.
Nicht wenige Freunde aus der Schulzeit und Bekannte meines Jahrganges hatten sich schon grußlos verabschiedet.
Diesen Spruch, von den Einschlägen, die langsam näherkommen, hatte ich längst in mein Sprüche-Reservoir übernommen.
Doch nun spürte ich, wie sich ein ganz neues Gefühl in mir ausbreitete. Das Gefühl eben, eine neue Chance bekommen zu haben – die fünfte!
Nochmal durchstarten!
Das Ziel, das ich gerne noch erreichen wollte, bevor ich mich endgültig zur Ruhe würde setzen müssen… oder zur Ruhe legen!... - ein Comeback auf der Bühne! Nach den Jahren erzwungener Untätigkeit wegen der schmerzenden Gelenke jetzt nochmal drei oder vier Jahre im Rampenlicht als erfolgreicher Mime!
Noch ein paar schöne Altersrollen! Womöglich den Nathan oder Faust?
In bester Laune, großer Zuversicht und mit neuem Lebensmut verließ ich mit zwei Koffern, zwei Plastetüten und den Krücken die Klinik.
Vorher hatte ich mich noch ausführlich bei den Schwestern und Ärzten der Station bedankt. Bei mir und meinen Hüften hatten sie zweifelsohne von vorne bis hinten einwandfreie Arbeit geleistet.
Meine Lieblingsschwester von der Männerstation, mit der ich während der Lymph-Drainage-Sitzungen mehrfach über den gemeinsamen Lieblings-Fußball-Club 'RB Leipzig' und andere Vorkommnisse in der Welt, wie zum Beispiel die Corona-Krise, gefachsimpelt hatte, wünschte mir:
"Und recht viel Sonne bei der REHA!"
"Ach, nein!" - hatte ich geantwortet - "Ein bisschen Regen wäre mir lieber. Wenn es nicht so warm ist, sind die Therapien angenehmer."
Ihre Anspielung hatte ich nicht begriffen. Sie ergänzte deshalb:
"Aber je mehr Sonne, desto mehr Schatten!"
Jetzt begriff ich. Schatten! Kurschatten!
"Naja, wenn Sie vielleicht mitkomme könnten...?"
Insgeheim fürchtete ich, sie könnte das Angebot annehmen und ich hätte sie drei oder gar vier Wochen, je nachdem, ob ich eine Verlängerungswoche beanspruchen würde oder nicht, auf dem Hals. Sie war schließlich nur wenige Jahre jünger als ich.
Nein, danke - und wenn sie noch so nett ist!
Wenn schon Schatten, dann müsste das ein Schatten sein, der meine Gewissensbisse, die ich hinsichtlich meiner langjährigen festen Lebenspartnerin zwangsläufig davontragen würde, aufwöge! Aufwiegen könnte!
Es müsste schon ein Superschatten sein!
Dann würde ich mich vielleicht hinreißen lassen.
"Keine Chance, Herr Krohn!" - winkte sie lachend ab - "Sie sind mir zu alt! Da müssen sie sich schon selbst vor Ort was suchen!"
Zu alt! Ich?
Das war ein Tiefschlag gegen mein neuerwachtes Selbstbewusstsein.
Ich antwortete, ohne mir die Kränkung anmerken zu lassen:
"Das ist eben das Problem. Es gibt unter den REHA-Patienten keine Schatten werfende Objekte! " Das war jedenfalls die Erfahrung, die ich bei der ersten REHA-Kur vor wenigen Wochen machen musste. Hätte ich dringendes Interesse an einem Schatten gehabt, hätte ich nicht gewusst, wo ich ihn hätte suchen sollen.
Unter den reichlich zweihundert REHAs, vornehmlich den weiblichen, war nicht eine, die ich gerne beschattet hätte.
Bei den männlichen REHAs fiel meine Analyse noch finsterer aus: Keiner, mit dem ich Interesse gehabt hätte, ein Wort zu wechseln, geschweige ein Bier zu trinken!
Gut, man kann nicht immer vom Äußeren her hundertprozentig beurteilen, was der andere für einer ist, aber wenn einer - oder eine! - im zarten Alter von über Sechzig mit einem bedruckten T-Shirt herumläuft und allen "true love" verspricht, oder "born tobe wild", und dazu wahlweise lila- oder grüngefärbtes Haar, oder eine Halbglatze mit einem im Nacken sitzenden Rattenschwanz aus grauem Rest Haar trägt, dann wage ich Prognosen. Und die fallen dann eben regelmäßig ziemlich negativ aus.
Ja, ich muss sogar sagen, dass ich eigentlich während dieser vier Wochen der ersten REHA-Kur mehr und mehr zu der festen Überzeugung kam, dass vornehmlich und mit hoher Sicherheit gerade das Äußere einer Person von ihrem Geisteszustand kündet.
Aus der Summe der äußerlichen Details ergibt sich wahrscheinlich das Maß der Dummheit.
Dabei will ich zugeben, dass man die Dummheit der anderen nicht verachten darf, sie gibt einem die Möglichkeit, sich selbst etwas abzuheben.
Aber zum Äußeren - so fand ich zusätzlich heraus! - kommt noch etwas hinzu, nämlich das, was die Personen verbal äußern.
Das Äußere wird durch die Äußerungen ergänzt und vervollkommnet!
Wenn ich beispielsweise in den vier Wochen der ersten REHA-Kur bei den Mahlzeiten im großen Speisesaal schweigend auf meinem Platz am vorgeschriebenen Tisch saß und in die Runde lauschte - meine eigenen Verlautbarungen beschränkte ich auf die jeweiligen unverbindlichen Floskeln - zum Frühstück vorher 'Guten Morgen!' und nachher 'Schönen Tag!', zum Mittagessen vorher 'Mahlzeit' und nachher 'Schönen Nachmittag!'
und beim Abendessen vorher 'Guten Abend!' und nachher 'Gute Nacht!' - ... also, wenn ich in die Runde lauschte, vernahm ich ständig die ungeheuer kritischen Anmerkungen zu den jeweiligen Speisen, zu den aktuellen politischen Ereignissen draußen in der Welt sowie zu den unmöglichen Methoden der Therapeuten und Ärzte der Klinik. Vorgetragen stets im Brustton der vollsten Überzeugung und der Gewissheit, den Stein der Weisen in der Hosentasche zu tragen.
Die weltanschaulichen Dispute, die von der Gruppe der Raucher, geführt wurden, die unentwegt auf der überdachten Raucherinsel vor der Klinik tagten bzw. ‚nachten‘ - von morgens fünf Uhr bis kurz vor Mitternacht -, bestätigten meine Theorie - von der Bedeutung der Äußerungen im Kontext des Äußeren - im vollen Umfang.
In meinem gesamten früheren Leben war ich niemals so unmittelbar einer so großen Meute von Personen begegnet, die man nichtsdestotrotz als gesellschaftlichen Querschnitt ansehen musste, und die derartige Mengen an verbalem Stuss absonderte.
Vielleicht muss ich einschränken - Querschnitt der Altersgruppe 'Ü 50' bis 'Ü 100'!
Es waren allerdings auch jüngere Personen unter den Rehabilitanden, die sich intellektuell reibungslos in die ältere Querschnittsgruppe einordneten.
Mit diesen Erfahrungen bereichert verbot ich mir, darüber nachdenken, wie Demokratie funktioniert. Nicht auszudenken, wenn die alle zur Wahl gehen würden!
In den USA hatten es diese Leute immerhin kürzlich schon bis zu Donald Trump gebracht. Und Adolf Hitler ist auch noch nicht so lange tot. Die Überschätzung der revolutionären Potenz der Massen dürfte wohl der schwerste Irrtum von Karl Marx gewesen sein und allen bisherigen Bemühungen, den Sozialismus aufzubauen, im Wege gestanden haben.
Nein, ich hatte keine Hoffnung, dass es hinsichtlich interessanter Schattierungen unter den Mit-REHAs bei der zweiten Kur anders werden könnte, als letzthin. Ich war mir sicher, wieder der vollen Strahlkraft von Dummheit, Demenz und Senilität ausgesetzt zu sein.
In kurzen Worten erläuterte ich meiner Lieblingsschwester, die mir die schattenwerfende Sonne gewünscht hatte, meine Befürchtungen hinsichtlich möglicher Schatten.
Sie entgegnete mir:
"Na, wenn das mal nicht ein bisschen sehr überheblich ist! Was glauben Sie, was wir hier so tagtäglich mit schlauen Leuten erleben! Ob Professor oder Hilfsarbeiter - man muss in den Leuten das Gute suchen."
Ich vermute, dass sie das wirklich ernst meinte.
Zur Krankenschwester würde ich mich - so gesehen - nicht eignen!
Ich steckte meiner Lieblingsschwester noch einen Zwanzig-Euro-Schein für die Kaffeekasse der Station in die Brusttasche ihres Schwesternkittels und äußerste die Hoffnung, dass sie ihre Menschenfreundlichkeit nicht verlieren möge.
Ein Krankenpfleger half mir dann, mein Gepäck zum Ausgang zu befördern. Dort wartete bereits die Busfahrerin eines VW-Kleintransporters, die mich samt Gepäck übernahm.
Wie schon beim ersten Mal, als ich von der Klinik nach der Operation zur REHA-Klinik befördert wurde, war wieder alles perfekt organisiert.
Mir wurde der Platz links hinter dem Fahrersitz zugewiesen, weil man noch jemand vom benachbarten 'Herz-Zentrum der Klinik' abholen müsse, der dann den Sitz rechts einnehmen solle.
Die junge Frau, die den VW-Kleintransporter fuhr, hatte mir beim Einsteigen kaum helfen müssen, was mich wieder mit einem gewissen Stolz erfüllte. Meine Krücken kamen mit dem Gepäck nach hinten in den Kofferraum.
Dann fuhren wir ein paar hundert Meter weit hinüber zum 'Herz-Zentrum', um die zweite Person, die auch zur REHA-Klinik nach Bad Lausick gebracht werden sollte, aufzunehmen.
In Begleitung eines Krankenpflegers, der einen Transport-Rolli mit dem Gepäck schob, humpelte an Krücken eine Frau über den Parkplatz auf unseren VW-Kleintransporter zu.
Eine Erscheinung! Die Haltung - trotz Krücken - majestätisch!
Eine Dame!
Die Königin der Niederland vielleicht? Oder die Erzherzogin von Luxemburg?
Je näher SIE herankam, desto mehr steigerte sich meine Verblüffung. Die Krücken der Dame wurden gegenstandslos. Ihr strahlender mutwilliger Blick in meine Richtung, warf mich um. Und ihr Haar… Blond! Echtblond!
DIE LEIPZIGER POLIZEI wird mit dem Fall, der später den Namen ‚Blonde Dame‘ erhalten wird, durch das Auftauchen eines schwarzen Plastesackes, der mit gelber Schnur zugebunden ist und im 'Elster-Kanal' versenkt wurde, ernsthaft konfrontiert und beginnt dann mit den Ermittlungen.
Das ist ungefähr fünf Wochen nach dem Ende der REHA-Kuren von Hinrich Krohn und Veronika Henker.
Als eine Art 'Vorgeplänkel' könnte man eine Vermisstenanzeige bezeichnen, die ungefähr zehn Tage vor dem Auftauchen des Plastesackes aufgegeben und von Kommissar Lasch, der die Sonntagsbereitschaft hat, aufgenommen wird.
Draußen ein herrlicher Sommertag. Badewetter!
Die Fenster des Büros der Polizeibereitschaft gehen nach Osten. Auch die brutale Mittagssonne wird das Büro in einigen Stunden teilweise noch erreichen, überlegt sich Kommissar Lasch und lässt prophylaktisch die Jalousien halb herunter.
Seine Frau liegt mit den beiden Mädchen bestimmt schon am 'Cospudener Strand'! Er kann sich eines gewissen Neides nicht erwehren.
Was ihn aber am meisten wurmt, ist die Tatsache, dass 'RB Leipzig' ein Sonntagsheimspiel hat, und er nicht im Stadion dabei sein kann!
Dienstlich verhindert!
Womöglich wird es in diesen Corona-Zeiten eines der letzten Spiele sein, an dem Zuschauer teilnehmen dürfen.
Seit 'RB' in der Bundesliga spielt, ist sein Dasein froher geworden, hat wieder einen Sinn bekommen! Jedenfalls kommt es dem Kommissar so vor, wenn er nicht weiter tief darüber nachdenkt. Der Mensch braucht etwas, wofür er sich begeistern kann - etwas, was den Herzschlag schneller gehen lässt!
Die dienstlichen Aufgaben in der Mordkommission sind zweifelsohne auch wichtig und schwerwiegend. Und oft genug gibt es Stress und Zerwürfnisse. Auch brenzlige Momente kommen gelegentlich im Außendienst zustande, wo Leib und Leben in Gefahr sind. Aber das Herz ist selten gefordert.
Kommissar Lasch ist kein Jammerlappen. Er stellte sich den Situationen, die da kommen, immer mit Optimismus und guter Laune, was seine Kollegen an ihm sehr zu schätzen wissen.
Und den lästigen Bereitschaftsdienst am Sonntag wird er letztlich auch irgendwie bewältigen.
Das walte Hugo!
Seine Frau hat ihn reichlich mit Proviant ausgerüstet - belegte Brötchen und fünf Bouletten. Bouletten isst er für sein Leben gern. Natürlich selbst gemachte aus grobem Hackepeter, mit reichlich feingehackter Zwiebel, eingeweichten Semmelresten und ein bisschen geriebenen Knoblauch.
Ein Gedicht!
Kommissar Lasch musste den Bereitschaftsdienst kurzfristig übernehmen, weil sich wegen irgendwelcher Protestdemos alles, was im Polizeirevier Beine und eine Uniform besitzt, auf der Straße im Einsatz befindet. Er sitzt in zivil in der Bereitschaftszentrale und hält den operativen Betrieb aufrecht.
Zum Glück ist tatsächlich nicht viel los.
Die Demos für oder gegen irgendwelchen 'Scheiß’ - Klima, Umwelt, Bumsvallera! -, spielen sich im Zentrum der Stadt ab, oder in Connewitz, und gehen ihm sowieso ziemlich am Arsch vorbei, wie er zugeben müsste, wenn er ehrlich wäre.
Kommissar Lasch weiß natürlich, dass er sich mit dieser wenig löblichen Einstellung niemals als Fernsehkommissar im 'Tatort' eignen würde.
Das sind alles Gutmenschen, Bestmenschen, Kommunisten… selbstlos… nur auf das Wohl der Gemeinschaft bedacht… nicht zögernd, ihr Leben einzusetzen, wegen irgendwelchen hirnverbrannten Idioten…!
Und am Ende, was ja in den 'Tatorten' nie gezeigt wird oder selten, kommt ein Richter und spricht alle Ganoven frei.
Höchstens, dass mal welche auf Bewährung verknackt werden!
Kommissar Lasch möchte die Kaffeetasse an die Wand schmeißen, wenn er sich diesen juristischen Dünnschiss vor Augen führt. Aber es ist noch ein Schluck drin. Schade um den schönen Kaffee!
Was ihn momentan allerdings in seinem Polizistendasein regelrecht erfreut, ist dieser Corona-Virus. Es herrscht seither vor allem in den Rotlichtvierteln tiefste Ruhe.
Auf Abstand vögeln, ist schwierig.
Dann die Ausgangssperre. Die Bars und Kneipen geschlossen!
Die Verbrechensrate geht gegen Null. Kein Ganove reduziert die Anzahl anderer Ganoven. Wobei das nun wieder schade ist.
Aber ein paar werden sich vielleicht in ausgleichender Gerechtigkeit mit dem Virus infizieren und erleiden hoffentlich viele bleibende Handicaps.
Dank dir Corona!
Nein, Kommissar Lasch ist kein Vorzeigepolizist, aber ein guter und zuverlässiger! Das weiß er.
Das Telefon klingelt. Der Beamte an der Pforte fragt an, ob er jemanden wegen einer Vermisstenanzeige einlassen darf. Es sei ein älterer, elegant gekleideter Herr mit ausländischem Akzent.
Der will sich einfach nicht auf Montag abwimmeln lassen!
Der Beamte sagt, der Herr sage, er habe vielleicht schon zwei Tage zu lange gezögert. Er könne es jetzt nicht mehr verantworten... die ‚blonde Dame‘, wie er sie nennt, sei verschwunden!
Kommissar Lasch fügt sich in sein Schicksal, gibt dem Beamten an der Pforte grünes Licht - "Schicken sie den Mann hoch!"
-, angelt die Formulare, die für eine Vermisstenanzeige auszufüllen sind, aus dem Aktenschrank heraus und legte sie auf dem Besuchertisch bereit.
Wenige Sekunden später ertönt ein beherztes Klopfen an der Tür.
Kommissar Lasch geht zur Tür und öffnet:
"Bitte, kommen sie herein."
Dann öffnet er die Tresenklappe für den Besucher, der nun ohne Zögern in den Raum eintritt und sich interessiert umschaut.
"Bitte treten sie durch!" - fordert Kommissar Lasch in höflichem Ton.
Der ältere Herr beeilt sich in gekrümmter Haltung, als könne die Einlassklappe ihm jeden Moment ins Genick klatschen, durch den Tresen zum Besuchertisch zu gelangen.
Mit einer Geste weist ihm Kommissar Lasch einen der Stühle zu, die für Besucher gedacht sind, und setzt sich selbst an seinen Schreibtisch.
Er hat vom Fenster aus zufällig beobachten können, wie genau dieser ältere Herr mit einem dunkelgrünem 'Maybach' auf dem Parkplatz vor dem Polizeirevier vorgefahren ist.
Einen 'Mercedes-Maybach S-Klasse' hat Kommissar Lasch noch nicht in Leipzig gesehen und erst recht niemanden, der so einen 'Maybach' fährt. Wobei der ältere Herr den 'Maybach' nicht selbst gefahren hat, sondern sein Chauffeur, der - nachdem er seinem Chef die Tür geöffnet hat -, sich wieder in das Auto setzt und wartet. Der Chauffeur, ein großer und kräftiger Kerl, könnte natürlich auch gleichzeitig ein Bodyguard sein.
Wozu der allerdings einen Strohhut im Auto trägt?
Jedenfalls: 'Maybach' mit Chauffeur!
Kommissar Lasch spürt, wie seine Neugier über seine Bequemlichkeit siegt.
Kein alltäglicher Besuch!
"Bitte, nehmen Sie Platz!"
"Danke sehr."
Während der ältere Herr sich langsam setzt, lockert er den Knoten seiner abstrakt gemusterten bunten Krawatte.
"Wenn ich meine Jackett ablege darfe…?"
Es ist sehr warm im Raum. Trotz, oder vielleicht auch wegen der weit geöffneten Fenster.
Kommissar Lasch nickt und zeigt auf den Kleiderständer.
Er schätzt den ungebetenen Besucher auf mindestens sechzig Jahre und… -Holländer?
Der neue, aus Holland stammende Trainer von 'Borussia Dortmund' hat eine ähnliche Aussprache, findet Kommissar Lasch.
"Und sie möchten also eine Person als vermisst melden?"
Die Frage ist rein rhetorisch, um die Pause zu füllen, die der Computer braucht, um aus dem Standby aufzuwachen.
"Dann bräuchte ich bitte ihren Pass."
"Ah, eine Moment."
Der ältere Herr erhebt sich nochmals etwas schwerfällig von seinem Stuhl, um aus der Innentasche seines Jacketts, das am Kleiderständer hängt, den Pass herauszuholen, und übergibt ihn dem Kommissar.
"Bitt sehr."
"Danke."
Kommissar Lasch gratuliert sich innerlich zu seiner Spürnase - es ist ein holländischer Pass und der Besitzer wird mit Jahrgang 1952 ausgewiesen. Also über sechzig! Genau Neunundsechzig!
Beim Versuch den Namen zu lesen stolpert der Kommissar.
Der ältere Herr verbessert:
"Ari van de Mistelrohe."
Kommissar Lasch nimmt gewissenhaft alle Personalien auf.
Der Computer leitet ihn von Frage zu Frage. Die Formulare, die er bereitgelegt hat, werden am Ende mit dem Drucker ausgefüllt und müssen dann von der, die Anzeige vorbringenden Person, unterzeichnet werden.
"In welcher Beziehung stehen sie zu der vermissten Person?"
Ari van de Mistelrohe erklärt in seinem akzentstrotzenden Holländerdeutsch, die 'blonde Dame', die Veronique Henker heiße, sei eine sehr gute, sehr sehr gute Bekannte und 'Geschäftefreundin'. Er fürchte jetzt, dass niemand - außer ihm - ihr Fehlen bemerken könnte. Sie sei 'alleinestehend'!
Kommissar Lasch tippt die Informationen, die er erhält, eifrig in Stenogrammstil auf der Tastatur in den Computer.
Innerlich könnte er sich über die ulkige Aussprache des Holländers ausschütten vor Vergnügen - Geschäftefreundin! Alleinestehend!
Als dann Ari van de Mistelrohe erklärt, dass es das gewesen wäre, was er zu Protokoll geben könne - "...mehr kann ich ihne nich sache." - liest Kommissar Lasch dem Holländer noch einmal vor, was er des Aufschreibens für würdig erachtet hat:
"Ari van der Mistelrohe, holländische Staatsbürgerschaft, geboren am 13.Oktober 1952 in Amsterdam, wohnhaft, Nordwijk, In de Sandkuhl 11, verwitwet, Besitzer der Reederei 'Bomans & Bomans', Kunstsammler, unterwegs in Deutschland, Besuch von verschiedenen Galerien und Museen, wohnt zuletzt Leipzig 'Hotel Fürstenhof' am Tröndlinring. Herr Mistelrohe sah Frau Veronique Henker zuletzt im Restaurant des Hotels am Mittwoch, den 17.August. Er war viel unterwegs - in Amsterdam, Brüssel und New York. Letztmalig in New York bis zum 2. September, zwecks Anbahnung einer Ausstellung von Gemälden eines Frohburger Malers. Zurück in Leipzig ist Herr Mistelrohe am Samstag den 3.September. Er versucht Frau Henker zu kontaktieren - telefonisch und auch direkt in ihrem Haus. Eine Briefträgerin, die er zufällig trifft, gibt ihm die Auskunft, dass Frau Henker die ganze letzte Woche nicht in ihrem Haus war. Vielleicht eine Nachbehandlung wegen ihrer Hüftoperation, vermutet die Briefträgerin, die Frau Henker seit langem kennt. Herr Mistelrohe ruft in der Klinik in Bad Lausick an, aber Frau Henker ist ordnungsgemäß entlassen und zu keiner Nachbehandlung erschienen. Alles richtig?"
Der Holländer nickt.
"Und nun fangen wir nochmal von vorne an, Herr Mistelrohe.
Zuerst zu der vermissten Person - Veronique Henker!" - kündigt Kommissar Lasch an, was Ari van de Mistelrohe völlig richtig als Aufforderung versteht:
"Okay. Also… ich kenne Veronique… also, Frau Henker… in Deutsch man sagt Veronika zu ihr… seit viele Jahren schon…" Kommissar Lasch berichtigt im Text den Namen der Frau von 'Veronique' auf 'Veroniga'. Er ist waschechter Sachse.
Dann besinnt er sich und verbessert auf 'Veronika'.
"Zuerst eine genaue Personenbeschreibung!" - bittet Kommissar Lasch den Holländer.
Der Holländer lehnt sich in seinem Stuhl zurück, nimmt seine unauffällige Goldrandbrille ab, legt die Fingerspitzen an die Nasenwurzel und schließt die Augen. Er versucht sich zu konzentrieren.
"Oder haben Sie Fotos von ihr? Auf ihrem Handy?" - versucht ihm Kommissar Lasch entgegenzukommen.
Ari van de Mistelrohe ist amüsiert:
"Nein, ich bin keine japanische Handyknipser!"
Kommissar Lasch nimmt schließlich folgende Beschreibung zu Protokoll:
'Veronika Henker in Leipzig geboren. Geschätztes Alter - Ende Fünfzig. Ist aber älter. Mittelgroß. Schlank, aber sehr weiblich.
Gebräunte Haut. Nur wenige Falten am Hals, die ihr Alter verraten. Blitzende Augen. Blau, oder grünblau. Volles welliges blondes Haar. Trägt das Haar offen oder am Hinterkopf zu einem Dutt gebunden. Schlanke Hände. Immer elegant gekleidet.
Aufrechte, gerade Haltung. Eine Dame!'
Kommissar blickt fragend vom Bildschirm des Computers zu seinem Gegenüber. Ari van de Mistelrohe nickt bestätigend und wischt sich mit einem weißen Taschentuch, das er sorgfältig auseinander und anschließend wieder sorgfältig zusammenfaltet, den leichten Schweiß von der Stirn.
"Ist Frau Henker noch berufstätig?" - fragt Kommissar Lasch, der seine Aufzeichnungen nochmals prüfend überfliegt, zur Sicherheit nach.
"Nein, Pensionärin. Bis vor einige Jahr sie hat geleitet die Galerie 'Arkum' in die Hainstraße. Eine Kunstgalerie. Dort wir haben uns begegnet.'
Zwei drei Handyknipsbilder wären trotzdem nicht schlecht, denkt Kommissar Lasch.
"Gut. Und Sie waren jedenfalls bis Freitag, den 2. September in New York, um eine Ausstellung zu organisieren. Der Flug ging von Schkeuditz über Frankfurt am Main. Gestern, am Samstag, den 3. September, wieder zurück in Leipzig. Ihre letzte persönliche Begegnung mit Frau Henker war am Mittwoch, den 17. August, im Restaurant des 'Hotels Fürstenhof', also vor gut vierzehn Tagen. Alles richtig?"
Ari van de Mistelrohe nickt wieder, berichtigt aber:
"Vor achtzehne Tage!"
Kommissar Lasch rechnet nochmal nach, ändert die Vierzehn auf Achtzehn und lehnt sich zufrieden über den Lauf der Dinge zurück.
Eine Frage fällt ihm noch ein:
"Ja, und in ihrem Haus war Frau Henker dann auch nicht anzutreffen… und… - äh, die Adresse von Frau Henker… die würde ich bitte noch brauchen!"
Ari van de Mistelrohe sucht in seinem Handy und nennt die Anschrift.
Kommissar Lasch tippt sie ein und wiederholt laut:
"Am Rosengarten 7."
Und nun fällt dem Holländer noch etwas Wichtiges ein:
"Ach… sie hat eine Hund. Eine Terrier. Aber auch den hat die Briefeträgerin nicht herumflitze gesehe."
Kommissar Lasch ergänzt in seinem Protokoll - "Besitzt einen Hund - Terrier." - und fragt den Holländer:
"Terrier sind das nicht die, wie Inspektor Barnaby einen hat?
Solche kleinen flinken?"
Ari van de Mistelrohe lächelt bedauernd:
"Ich kenne keine Inspektor mit diese Name."
Kommissar Lasch wundert sich darüber etwas.
Sollte 'Barnaby' im holländischen Fernsehen etwa nicht laufen?
Das kann eigentlich nicht sein, findet Kommissar Lasch.
Oder guckt der kein Fernsehen? Reedereibesitzer? Immer nur Zeitung und Bücher? Was guckt der denn, wenn er Langeweile hat?
Er geht dieser wichtigen Frage - was gucken sich Promis im Fernsehen an? - , die ihn schon oft im Zusammenhang mit wichtigen und berühmten Leuten - von Angela Merkel oder Bill Gates - bewegt hat, nicht weiter nach.
'Barnaby' jedenfalls guckt dieser Holländer nicht!
Nachdem Ari van de Mistelrohe die Vermisstenanzeige unterschrieben hat, versichert Kommissar Lasch, dass man sich kümmern werde.
"Eigentlich wollt ich, dass sie kommt mit nach New York." - sagt Ari van de Mistelrohe, während er sein Jackett vom Kleiderständer nimmt - "Aber sie wollte nicht wegen ihre frische Hüften. Hoffentlich ihr ist nichts passiert!"
Kommissar Lasch überlegt, ob er sich nach der Adresse des Künstlers aus Frohburg erkundigen sollte, wegen dem der Holländer immerhin nach New York geflogen war.
Aber das würde über den Rahmen einer Vermisstenanzeige hinausgehen. Wenn es wirklich zu einer Ermittlung kommen würde, wäre dann der Zeitpunkt, das zu klären, falls erforderlich.
