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Verliebt in einen IS-Krieger Anna hat die Nase voll: Ihre Mutter nörgelt permanent an ihr herum und über den Tod ihres Vaters vor wenigen Monaten kommt sie nur schwer hinweg. In dieser Situation lernt sie zufällig Abu Salman kennen. Er schreibt ihr liebevolle Nachrichten und schwärmt ihr von seinem Leben in Syrien vor. Anna beginnt, sich mit Allah und dem Koran zu beschäftigen – und verliebt sich in den IS-Krieger. Doch als sie nach Syrien reist, um ihren Traummann zu heiraten, werden ihr schonungslos die Augen geöffnet... Für Jugendliche ab 12 Jahren.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Das Buch
Anna ist verliebt. In Abu Salman, der in Syrien lebt und für den IS kämpft. Als er sie bittet, zu ihm zu kommen, nimmt Anna ihren ganzen Mut zusammen und reist heimlich nach Syrien …
Eine mitreißende Geschichte über Liebe, Freundschaft, Religion und falsche Versprechungen!
Die Autorin
© privat
Claudia Rinke, ist eine Grenzgängerin. Sie hat als Juristin auf vier Kontinenten für internationale Anwaltskanzleien und für die Vereinten Nationen gearbeitet.
Schreiben ist ihre Leidenschaft. In ihren Büchern für junge Erwachsene behandelt sie Fragen wie: »Was bedeutet es, in einer globalisierten Welt aufzuwachsen?«
Ihre Bücher regen zum Nachdenken an. Sie hat schon einige Preise gewonnen. Claudia Rinke lebt in Berlin und New York.
Mehr über Claudia Rinke: www.claudiarinke.com
Der Verlag
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Viel Spaß beim Lesen!
I was looking for love
in all the wrong places …
Ich liebte dieses Gefühl. Die U-Bahn fuhr mit einem Ruck an und es wirbelte in meinem Magen. Ich hängte mich in die graue Halteschlaufe über meinem Kopf und wartete auf die Beschleunigung, die das Kribbeln verstärken würde. So musste sich eine Astronautin fühlen, die in einer Raumkapsel ins Weltall geschossen wurde.
»Du könntest dich setzen«, riss mich Kaylas Stimme aus meinen Gedanken. Sie zeigte auf den freien Platz neben sich.
»Das weiß ich.«
»Keine Ahnung, warum du so komisch bist.«
»Wenn du draufkommst, gib mir Bescheid und lass mich an deinem Wissen teilhaben, damit ich nicht dumm sterbe.« Das war jetzt schnippischer, als ich geplant hatte, aber Kayla lächelte. Manchmal bewunderte ich meine Freundin für ihre Gelassenheit.
Ein Mann in einem abgetragenen Parka mit Bundeswehr-Aufnäher rempelte mich an und drängte mich so stark in Richtung Tür, dass ich für einen Augenblick die Sicherheit der Halteschlaufe aufgeben musste. Vermutlich wieder einer dieser armen Obdachlosen, von denen Mama immer behauptete, sie wären nur zu faul zum Arbeiten und hätten nichts Besseres zu tun, als dem Staat auf der Tasche zu liegen.
»Haste vielleicht mal ein bisschen Kleingeld, bin gerade ziemlich klamm.«
Noch bevor ich den Kopf schütteln konnte, sprang Kayla von ihrem Sitz hoch und drückte dem Mann eine Münze in die Hand. Mein Blick huschte hektisch über den Bahnhof der Paulsternstraße, der an diesem Tag nur spärlich besucht war. An einem Werbeplakat blieb er hängen. »Life’s good«, stand da.
Der abgerissene Kerl schaute in dieselbe Richtung und schnaubte. »Wer das glaubt, der hat …« Dann kämpfte er sich an mir vorbei und presste sich durch die Tür, die bereits begonnen hatte, sich zu schließen.
»Und es gibt keinen, der denen hilft«, sagte Kayla.
»Was meinst du?«, fragte ich verwirrt.
»Na, den Penner da. Hast du gerochen, wie der gestunken hat? Wer weiß, wie lange der schon keine Dusche mehr benutzen konnte. Manchmal kotzt mich diese Stadt so dermaßen an. Kalt, abweisend und die Leute alle hart wie Stahl. Eine verdammte Scheiße ist das.«
Ich nickte nur. Das war Kayla, dafür konnte man sie wirklich nur gernhaben. Aber so ganz unrecht hatte der Typ nicht. Ich stemmte mich gegen den anfahrenden Zug und sah aus dem Augenwinkel das Plakat an mir vorbeifliegen. Life’s good. Ja, genau. Vielleicht war das Leben toll, aber ich hatte davon noch nicht viel bemerkt. Gut möglich, dass es anderen da anders ging. Aber ich …
Nun ließ ich mich entgegen meiner Gewohnheit doch auf den Kunstledersitz neben Kayla fallen, die das mit einem Grinsen quittierte und in ihrer Einkaufstüte wühlte. Wie ich geahnt hatte, zog sie mit einem verhaltenen Kreischen ihr neuestes Beutestück hervor, einen kurzen roten Rock.
»Ich bin so stolz darauf. Ist er nicht toll? Ich weiß schon jetzt, dass das für die nächsten Wochen mein Lieblingsteil sein wird.«
Ich deutete ein Nicken an, obwohl mich dieses ganze Gerede über Mode überhaupt nicht interessierte. In der Schule wehrte ich mich seit Monaten erfolgreich dagegen – was mir keinen Applaus eingebracht, sondern mich einige Freundschaften gekostet hatte. Im Grunde war nur Kayla geblieben, nachdem ich durch die Sache mit meinem Vater in ein ziemlich tiefes Loch gerutscht war. Aber das war egal, denn eine Kayla war mehr wert als Hunderte von Vanessas, Sophies, Claras und wie sie alle sonst noch hießen. Und wenn Kayla sich einmal was gönnte und Geld wirklich nur für sich allein ausgab, dann war ich die Letzte, die ihr die Freude verderben wollte.
»Ja, ja, ich weiß, was du gleich wieder sagen wirst, und du hast ja recht. Mein Vater hätte es am liebsten, wenn ich mit langen Röcken und Kopftuch rumlaufen würde.« Sie verdrehte entnervt die Augen.
Ich nickte erneut. Mein Kopf tat schon ganz weh davon. »Wann willst du ihn anziehen? Ich schätze, er wird dich in dem Ding nicht aus dem Haus lassen. Oder?«
»Ihm wird gar nicht auffallen, wie kurz der Rock ist.«
Ich lächelte ihr zu. Das war wohl eher Wunschdenken, denn es war nicht zu übersehen, dass das Teil nicht viel mehr war als ein breiter Gürtel.
»Du kennst doch meinen schwarzen Rock, in dem meine Beine so toll zur Geltung kommen, der mit den Schlitzen.«
Ich wusste genau, was sie meinte. Kayla hatte in einen normalen schwarzen Rock seitlich Reißverschlüsse genäht. Wenn sie Jungs den Kopf verdrehen wollte, öffnete sie die Zipper und zeigte ihre langen Beine. Ansonsten blieben sie geschlossen und das Teil bestand ohne Probleme die strenge Sittenkontrolle ihrer Familie.
»Da bin ich gespannt, was du mit dem neuen anstellen wirst«, sagte ich und lachte. »Der Designer wird wahrscheinlich neidisch werden. Deine Sachen sehen immer klasse aus.«
Kayla grinste. »Finde ich auch. Wer weiß, vielleicht werde ich mal so bekannt wie Philipp Plein. Seinen Stil finde ich cool. Wenn wir mal wieder in der Nähe vom Ku’damm sind, gehen wir bei seinem Laden vorbei. Vielleicht ist er ja da.« Sie guckte so verträumt, dass ich sie lieber nicht darum bat, mit dieser ganzen Modesache aufzuhören.
»Das können wir machen.« Ich meinte das tatsächlich ehrlich, konnte aber einen gelangweilten Blick nicht unterdrücken. Zum Glück merkte Kayla davon nichts, denn sie hatte den Kopf schon wieder in der Tüte vergraben.
Wenn ich etwas wirklich hasste, dann waren es diese elenden oberflächlichen Gespräche über Mode, Schminktrends und Frisuren. Wen interessierte es, ob der neueste Nagellack nun eine oder zwei Wochen hielt und wie schnell er trocknete? Mich jedenfalls nicht. So etwas tolerierte ich echt nur bei Kayla und nur deshalb opferte ich mich und begleitete sie auf ihren seltenen Shoppingtouren. Weil es mit ihr lustig war, weil wir Spaß hatten. Weil es selten vorkam und weil es eben Kayla war, die ich begleitete. Die Kayla, auf die ich mich in jeder Lebenslage verlassen konnte. Und heute war es ausnahmsweise sogar sie gewesen, die darauf gedrängt hatte, den Heimweg anzutreten. Sie musste vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Ihr Vater kannte dabei keinen Spaß.
Als die U-Bahn erneut anfuhr, fiel mir ein, dass mir ein Abend mit meiner Mutter bevorstand, und ich spürte einen Stich in der Magengegend. Kurz überlegte ich, ob ich Kayla nicht zum Abendessen einladen sollte. Dann wäre es daheim nur halb so schlimm.
In diesem Moment stupste sie mich mit dem Ellbogen an und wies mit dem Kopf in Richtung Tür. Sieben junge Männer standen dort, die selbst für Berliner Verhältnisse auffällig waren, wo man sich hier doch eigentlich über nichts wunderte. Weder über Leute, die am ganzen Körper tätowiert waren, noch solche, die in knappsten Hotpants oder voll verschleiert herumliefen. Diese Typen jedoch waren alle mit dunklen, bodenlangen Mänteln bekleidet, trugen Vollbärte und kleine weiße Häkelkäppis auf dem Kopf. Von ihnen ging eine tiefe Ruhe aus, eine Besonnenheit, und es schien, als warteten sie auf irgendetwas. Auch ich hatte das Gefühl, als würde gleich etwas passieren.
Gespannt setzte ich mich aufrecht hin, drückte den Rücken durch und beobachtete die Gruppe. Kayla neben mir wippte nervös mit den Beinen und auch andere Fahrgäste sahen sich nach den Männern um. Dann nickte einer von ihnen mit dem Kopf, stimmte einen Ton an und die anderen Bärtigen fielen mit ein.
Das Lied war rhythmisch und gleichzeitig melodiös. Die Klänge erfüllten das gesamte Abteil, hingen in der Luft, und es war, als würden sie mich umwerben. Die Melodie schmiegte sich sanft an mich, streichelte mich, war tröstlich und kämpferisch zugleich.
Die Männer hatten warme Stimmen. Ich konnte den Text zwar nicht verstehen, trotzdem klangen einige Worte vertraut. Es ging eindeutig um »Allah« und »Mohammed«. Aber auch ein paar andere Wörter kamen mir von meinen Besuchen bei Kayla zu Hause, wo arabisch gesprochen wurde, bekannt vor. Ich wollte Kayla danach fragen, doch sie kam mir zuvor.
»Das ist ein Kampf-Nasheed«, flüsterte sie.
»Kampf was?«
»Schhh«, machte Kayla und wedelte mit der Hand. »Ich erkläre es dir später.«
Wir hörten weiter zu, während andere Fahrgäste unruhig wurden, flüsterten und sich Blicke zuwarfen. Dann verstummte der Gesang, es entstand eine kurze Pause, und ich fühlte mich für einen kurzen Moment, als hätte ich etwas sehr Wertvolles verloren.
Einer aus dem Chor griff in seinen Mantel und ging auf den Mann zu, der uns gegenübersaß. Er zog mehrere grüne Blätter aus seiner Tasche und drückte dem Fahrgast eines davon in die Hand. Der guckte zwar etwas irritiert, nahm es aber mit einem Schulterzucken entgegen. Der bärtige Mann schritt die Reihen entlang und gab jedem einen Zettel. Es dauerte nicht lange und er stand vor mir. Als er seinen Blick auf mich senkte, ruckte die Bahn kurz, und der Stapel rutschte aus seiner Hand. Ich bückte mich schnell und hob die heruntergefallenen Papiere auf. Unsere Blicke kreuzten sich erneut, er hatte warme grünbraune Augen. Irgendwie war er süß. Fast hoffte ich, dass er etwas zu mir sagen würde. Er nickte mir jedoch nur mit einem Lächeln zu, bei dem sich kleine Grübchen in seinen Wangen bildeten, und ging weiter zum nächsten Fahrgast.
Der Zettel schien irgendwelcher Werbekrempel zu sein, vielleicht auch ein Flugblatt. Ich konnte nicht gleich erkennen, ob es um ein Produkt, eine Veranstaltung oder eine politische Gruppierung ging. So abgefahren, wie die Typen ausgesehen und geklungen hatten, war alles möglich. Die Schriftzeichen schienen arabisch zu sein, viele kleine Punkte und Kringel, als wären Insekten mit Tinte an den Füßchen hektisch über das Papier gekrabbelt. Dann entdeckte ich, dass da auch etwas auf Deutsch stand, kam aber nicht zum Lesen, denn plötzlich redeten die anderen Fahrgäste durcheinander, klangen unruhig und ein wenig ängstlich. Ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, erfasste auch mich Unbehagen. Was waren das für Männer? Was wollten sie? Sobald sie ausgestiegen waren, musste ich Kayla danach fragen.
An der nächsten Haltestelle verließ die Gruppe den Wagen und die Frau neben Kayla stieß die Luft aus und entspannte sich sichtlich. Plötzlich redeten mehrere Leute durcheinander, und ein Mann mit hochrotem Kopf stieß die Faust in die Luft und sagte: »Nicht mal in der U-Bahn lassen die einen in Ruhe!«
Ich hatte keine Ahnung, was er meinte. Mir hatte das Lied eigentlich ganz gut gefallen. Richtig gut sogar, irgendwie hatte es mein Herz erwärmt und meine Seele, auch wenn ich dafür keine Erklärung hatte. Mich interessierte, was Kayla darüber dachte. Ich tippte sie an, aber sie starrte auf ihre Fußspitzen und reagierte nicht.
Dafür redeten noch immer alle anderen durcheinander. Eine ältere Dame mit dicken dunklen Wollstrumpfhosen und einem Gehstock sagte: »Wir hätten die Polizei rufen sollen!«
»Bald werden wir hier alle Kopftuch tragen!«
Bei diesem Stichwort wurde mir klar, dass es nur um den Islam gehen konnte. Mein Blick fiel auf Kayla, und ich merkte sofort, wie wütend sie war. Logisch, sie trug zwar selbst kein Kopftuch, war aber gläubige Muslima. Was sollte ich tun? Partei ergreifen? Laut sagen, dass die Männer doch nichts Böses getan hatten und das Lied wirklich schön gewesen war? Dass Religion Privatsache war und jeder für sich die Entscheidung treffen durfte? Die Klappe halten und schweigen?
Da war es wieder, dieses Gefühl der Unsicherheit, das mich voll im Griff hielt. Meine Gedanken rasten und ich fühlte mich fehl am Platz. Jetzt war ich froh, dass ich mich hingesetzt hatte, weil meine Knie zitterten. Als auch Kayla nichts sagte, entschied ich mich für die gleiche Strategie. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, dass sich die Stimmung gegen uns beide richtete. Es waren nur noch wenige Stationen, dann konnten wir aussteigen, und ich würde Kayla auf jeden Fall ausfragen, was es mit diesen Männern auf sich hatte. Falls das Ganze tatsächlich etwas mit dem Islam zu tun hatte, wusste sie bestimmt, worum es ging. Schließlich waren ihre Eltern sehr gläubig und ihr Vater ging mehrmals in der Woche in die Moschee. Vielleicht hatten die anderen Fahrgäste etwas falsch verstanden und die Männer waren gar keine Muslime. Und selbst wenn, sie hatten doch nur gesungen. In der U-Bahn waren ständig Musiker unterwegs. Einige sangen, andere spielten Gitarre und wieder andere hatten eine Musikanlage mit Mikrofon und Verstärker dabei. Manche schienen sogar ganz erfolgreich zu sein und nahmen richtig viel Geld bei ihren Auftritten ein. Die Männer mit den Käppis hatten aber gar nicht nach Geld gefragt, wenn ich mich richtig erinnerte. Ich merkte, dass ich immer aufgeregter wurde und es gar nicht abwarten konnte, Kayla mit meinen Fragen zu löchern.
Am Bahnhof Rathaus Spandau lief Kayla mit schnellen Schritten in Richtung Bushaltestelle. Ich kam kaum hinterher und fragte mich, was los war. So schroff kannte ich sie gar nicht. Hatte ihr die Situation eben so zugesetzt?
»Wollen wir nicht lieber zu Fuß gehen?« Die Aussicht auf einen Abend mit meiner Mutter war nicht gerade verlockend, lieber wollte ich noch etwas Zeit mit Kayla verbringen. Und nach den bärtigen Männern musste ich sie sowieso noch fragen.
»Mir ist kalt. Ich will so schnell wie möglich nach Hause«, antwortete Kayla knapp, wühlte in ihrem Rucksack und zerrte einen Pullover raus. Dabei fiel das Flugblatt herunter, das ihr der bärtige Mann gegeben hatte. Sie hob es auf, zerknüllte es und warf es mit einer ärgerlichen Bewegung in den Mülleimer. Dabei machte sie den Eindruck, als hätte sie am liebsten noch mit dem Fuß nachgetreten.
»Ich bin es wirklich leid, wegen solcher Idioten immer wieder Schwierigkeiten zu haben«, murmelte sie.
»Wieso Schwierigkeiten? Kanntest du die Männer?«
»Die Leute in unserem Abteil hatten recht. Diese Typen waren auf nichts Gutes aus. Das Lied, das sie gesungen haben, handelte vom heiligen Krieg.«
»Heiliger Krieg?«, fragte ich und schmeckte dem Wort auf der Zunge nach. »Was soll das denn sein? Sind wir etwa in eine Folge von ›Die Tribute von Panem‹ geraten? Die haben ja schon einen Teil in Berlin gedreht. Vielleicht ist das die Fortsetzung. Eigenartig genug sahen diese bärtigen Männer ja aus.« Ich hatte kaum zu Ende geredet, da merkte ich selbst, dass das wohl eher Wunschdenken war.
»Das ist überhaupt nicht witzig!«, fuhr Kayla mich prompt an. »Diese Typen sind echt krass! Die wollen, dass wir wieder wie im Mittelalter leben. Notfalls führen sie dafür Krieg. Das ist der ›heilige‹ Krieg, um den es in dem Lied ging. Der Koran erlaube das, sagen sie.«
»Echt?«, fragte ich und konnte den entsetzten Tonfall nicht unterdrücken. Krieg – vor meinem inneren Auge türmten sich Rauchwolken über zerstörten Häusern, Berge von Leichen und weinende Kinder. »Glauben das alle Muslime, du auch?«
»Natürlich nicht«, antwortete sie. »Du kennst doch meine Familie. Mein Vater nervt mich zwar, weil er mir vorschreibt, was ich anziehen soll und wohin ich gehen darf. Aber so weit geht das nicht. Er akzeptiert sogar, dass ich ohne Kopftuch rumlaufe. Das ist für einen muslimischen Vater schon ziemlich fortschrittlich. Meine Eltern finden diese Leute mit ihren vorsintflutlichen Vorstellungen total abwegig. Sie sagen, dass dadurch alle Muslime in ein schlechtes Licht geraten. Du hast ja in der Bahn gesehen, wie die Leute reagiert haben.« Kaylas Stimme klang auf einmal traurig.
Ich kannte ihren Vater und mochte ihn sogar. Aber so richtig verstanden hatte ich ihn noch nie.
Wenn mir meine Mutter zu allem Überfluss auch noch vorschreiben wollte, welche Klamotten ich anziehen und welche Clubs ich besuchen darf, hätte ich ein noch größeres Problem als jetzt schon.
Besorgt sah ich Kayla von der Seite an.
Als der Bus vor uns hielt, stiegen wir schnell ein und setzten uns auf unsere Lieblingsplätze im hinteren Teil des Busses. Kayla zitterte ein wenig und schien wirklich froh zu sein, endlich ins Warme zu kommen.
»Von denen lassen wir uns diesen schönen Tag nicht vermiesen!«, sagte sie jetzt gefasster. Offenbar ließ die Sache sie auch immer noch nicht los.
»Mir ist noch ganz mulmig von der ganzen Aufregung, aber der eine von denen, der mit den Flugblättern, war süß, fandest du nicht?«
Kayla wandte sich zu mir und verdrehte die Augen. »Seit wann interessierst du dich für Jungs?«
»Tue ich ja gar nicht. Ich habe nur festgestellt, dass er …«
»Vergiss die am besten schnell wieder!«, sagte sie und zuckte mit den Schultern. »Die meisten Typen, die vom ›heiligen Krieg‹ quatschen, machen nur einen auf dicke Hose. Wie heißt das Sprichwort? Hunde, die bellen, beißen nicht, oder?«
Ich nickte und kaute auf meiner Lippe rum.
»Eben. Man darf sich von denen nicht verrückt machen lassen. Wir haben wichtigere Probleme, die Mathearbeit am Montag zum Beispiel. Hast du eine Ahnung, was drankommen könnte? Ich wünschte, ich wäre auch so ein Mathegenie wie du.« Sie seufzte und guckte dabei auf die Anzeige, die die nächsten Stationen ankündigte. Dann stand sie auf. »Drück mal auf den Knopf, ich muss raus«, sagte sie eilig.
Ich hatte gar nicht gemerkt, wie weit wir schon gefahren waren. Schnell umarmte ich Kayla und schaute ihr hinterher, dann schloss sich die Bustür wieder. Jetzt hatte ich sie nicht mehr fragen können, ob wir den Abend zusammen verbringen wollten.
Zehn Minuten später schloss ich die Wohnungstür auf und lauschte. Mit ein bisschen Glück war meine Mutter noch nicht zu Hause. Es kam zwar nur noch selten vor, aber hin und wieder besuchte sie am Wochenende eine Freundin.
»Anna, bist du endlich da? Schön, dass du auch mal nach Hause kommst«, hörte ich ihre Stimme aus dem Wohnzimmer. Schlagartig lösten sich meine Hoffnungen in Luft auf und meine Laune sank auf den Nullpunkt. Ich ahnte bereits, was jetzt kommen würde, weil wir diese Situation schon oft gehabt hatten.
Wenn sie in dieser Stimmung war, schien Mama nur darauf zu warten, mir Vorwürfe machen zu können. Darüber, wie gut es mir angeblich ging und wie schlecht sie sich selbst fühlte. Fast war es, als ob sie neidisch darauf wäre, dass ich etwas mit Kayla unternahm, während sie selbst allein in der Wohnung saß.
Keiner zwingt dich dazu, nach Papas Tod kaum noch aus dem Haus zu gehen, dachte ich verzweifelt, dabei wusste ich genau, dass ich mich die meiste Zeit ähnlich verhielt. Aber war das nicht normal, wenn das Liebste, was man auf der Welt hatte, einfach so gestorben war?
Warum hast du mich alleingelassen, Papa?, schoss die Frage durch meinen Kopf, die mich wie ein Mantra in jeder Minute des Tages verfolgte. Für einen Moment wurde mir schwindelig, und ich stützte mich an der Flurgarderobe ab, an der Mamas Kittel hing.
War das nicht eigentlich verboten, die Schwesternkleidung mit nach Hause zu nehmen? Ein schwacher Geruch nach Desinfektionsmitteln ging davon aus und ich trat einen Schritt näher. Auch wenn Mama immer über das »stinkende Zeug« schimpfte, fühlte ich mich auf seltsame Art davon getröstet. Es erinnerte mich an die Zeit, als Papa im Krankenhaus war, zahllose Schläuche in seinem Körper steckten und er total abgemagert im Bett lag. Aber er hatte noch immer dieses Lächeln gehabt. Dieses warme und schelmische Lächeln, das ich so an ihm liebte. Nicht einmal der Krebs konnte es ihm nehmen. Damals, in den Wochen, in denen ich ihn mindestens jeden zweiten Tag auf der Krebsstation besuchte, roch es so wie Mamas Kittel. Und damals lebte Papa noch. Es ging ihm schlecht, und keiner von uns glaubte an das Wunder, dass er jemals wieder … Aber er lebte noch, er war noch da. Wenigstens das!
In Gedanken versunken stand ich an der Garderobe und strich mit den Fingerspitzen über das kleine Kunststoffschild, das schief mit einer Sicherheitsnadel am Kittel festgeheftet war. »Dorothea Neubauer, Krankenschwester.«
»Nimm die Hände von dem Ding, Kind! Ich muss ihn endlich mal wegwerfen.« Mamas Stimme klang hart.
Ich zuckte zusammen. »Tut mir leid, ich wollte nicht … Ich habe nur …« Dann löste ich die Finger von dem weißen Stoff, lehnte mich aber kurz nach vorn und nahm erneut den klinischen Duft in mich auf. Ich wollte ja Verständnis für meine Mutter haben, aber ich konnte mich nicht überwinden, den Abend mit ihr zu verbringen. Fieberhaft durchforstete ich mein Gehirn nach einem Ausweg. Sie würde mir kaum erlauben, noch mal wegzugehen. Wenn ich aber blieb, lief es mit Sicherheit wie immer: Erst hingen wir gemeinsam vor dem Fernseher ab und schauten eine der langweiligen Quizsendungen, die Mama stundenlang in den Bann zogen. Das hätte ich vielleicht gerade noch ertragen. Anschließend aber würde vermutlich wie üblich der Streit folgen, die Vorwürfe und die Trauer.
Die war überhaupt das Allerschlimmste. Mit meiner eigenen Traurigkeit konnte ich an guten Tagen gerade noch umgehen. Eigentlich nicht einmal das. Ich schob sie einfach weg, verstaute sie in irgendeinem Schubfach in meinem Innern. Wenn aber Mama anfing, zu schluchzen und zu weinen, fühlte ich mich so entsetzlich hilflos, dass ich regelmäßig wütend wurde. Mein Magen krampfte sich zusammen, und ich wäre am liebsten verschwunden, unsichtbar geworden.
»Ich glaube, ich werde krank«, sagte ich, wollte mich im engen Flur an meiner Mutter vorbeischieben und fügte hinzu: »Ich gehe in mein Zimmer, muss dringend mal wieder früher ins Bett.«
Sie sah müde aus, irgendwie alt. Dabei war sie erst Anfang vierzig.
Sie könnte mal wieder zum Friseur gehen. Aber ihr scheint es mittlerweile völlig egal zu sein, wie sie aussieht.
Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann ich sie zum letzten Mal glücklich gesehen hatte.
»Was läufst du auch draußen in der Kälte herum. Da musst du ja krank werden. Merkst du nicht, dass es langsam Herbst wird? Guck, wie du wieder angezogen bist. Kannst du nicht auf dich aufpassen? Ich habe doch wirklich genug Probleme. Ständig ist auch noch was mit dir.«
»Gute Nacht.« Ich schob meine Zimmertür hinter mir zu und lehnte mich von innen dagegen. Mein Herz klopfte so stark gegen meine Brust, dass ich die flache Hand darauflegte, um mich zu beruhigen.
Sie ist nur traurig, sie meint es nicht so.
Sie war verzweifelt und am Boden zerstört, aber mir ging es genauso. In dieser ganzen verdammten Wohnung stank es förmlich nach Hoffnungslosigkeit. Ich schluckte die Tränen runter. Jetzt nicht schon wieder weinen. Seit Papas Tod vor sechs Monaten hatte ich schon einen ganzen See vollgeheult. Das konnte doch nicht ewig so weitergehen.
Nie lässt sie auch nur ein gutes Haar an mir. Nichts mache ich richtig. Sie hasst mich, ich bin für sie nicht mehr als ein Klotz am Bein, der immer nur Geld kostet.
Für einen Moment hielt ich die Luft an und zog die Schultern hoch, um den Schmerz in meinem Körper unter Kontrolle zu kriegen. Dann stieß ich die Luft durch die Nase aus. Bis zum Abitur hielt ich es auf gar keinen Fall so aus. Ein paar Wochen noch, wenn ich es schaffte, mich zusammenzureißen, vielleicht auch ein paar Monate. Aber dann müsste ich eine Lösung finden, damit sich endlich etwas änderte.
Ach, Papa, was soll ich nur machen? Wo bist du jetzt? Ich brauche deine Hilfe.
Manchmal glaubte ich, ihn um mich herum zu spüren, aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. In Gedanken versunken griff ich zu der Schachtel, in der ich Fotos und Erinnerungsstücke an ihn aufbewahrte, seinen geliebten blauen Winterschal und die Mütze von den New York Yankees, die ihm ein Freund von einem Amerikaurlaub mitgebracht hatte. Es war sein großer Traum gewesen, selbst noch dorthin zu reisen, doch wegen seiner Krankheit war das nicht mehr möglich gewesen. Ich schmiegte mich an den Schal, der noch schwach nach ihm roch. Irgendwann wird auch der Geruch verschwunden sein, dachte ich betrübt. Ein Kloß wuchs in meinem Hals und Tränen stiegen auf.
Ich muss an etwas anderes denken, sonst weine ich den ganzen Abend.
Erneut griff ich in die Kiste und zog die Ansichtskarte heraus, die er mir geschenkt hatte, als seine Diagnose feststand. In hauchzarten Buchstaben war darauf gedruckt: »Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: Lebe wild und gefährlich, Arthur.« Lebe wild und gefährlich. Ich erinnerte mich daran, wie erstaunt ich gewesen war, dass er in dem kleinen Buchladen an der Ostsee genau diese Karte für mich auswählte. Aber er lächelte nur sein typisches Lächeln und sagte: »Sie ist für dich, weil sie zu dir passt. Weil sie zu uns passt und zu der Situation, in der wir gerade stecken. Das Leben auszukosten bis zuletzt, ist wirklich das Wichtigste. Der, der das mal irgendwann gesagt hat, war Arthur Schnitzler, ein großartiger Schriftsteller. Und er hat die Empfehlung seinem Freund Arthur Rimbaud gegeben, der ebenfalls Autor war. Es heißt, dass Rimbaud Krebs hatte und ihm das rechte Bein amputiert werden musste. Findest du nicht auch, dass diese Karte und dieser Ausspruch wie geschaffen für uns sind?«
Ich hatte diese Karte in den letzten Monaten so oft in der Hand gehalten, dass sie schon ganz abgegriffen war. Aber in keinem dieser zahllosen Momente hatte ich mir so sehr wie jetzt gewünscht, jemanden zu haben, den ich fragen könnte, was zu tun sei. Du fragst mich, was soll ich tun?
War es wirklich so einfach, darauf eine Antwort zu geben? Lebe wild und gefährlich – galt das für die heutige Zeit überhaupt noch?
Ich lauschte in den Flur. War Mama wieder ins Wohnzimmer zurückgegangen? Die leisen Geräusche des Fernsehers waren zu hören. Vielleicht ließ sie mich heute tatsächlich in Ruhe. Gut so, dann konnte ich an diesem Abend doch noch etwas Sinnvolles tun. Und wenn es nicht ganz so sinnvoll war, auch nicht schlimm. Hauptsache, Ablenkung von diesem ewigen Gedankenkarussell.
Ich machte meinen Computer an und ging ins Internet. Kurz überlegte ich, was ich mir ansehen sollte, und entschied mich für Facebook und die üblichen Neuigkeiten. Meine Klassenkameraden schienen wie immer ein tolles Wochenende zu haben. Sie posteten grinsende Selfies von sich und ihren Freunden, damit die ganze Welt sehen konnte, wie beliebt sie waren und wie viel Spaß sie hatten. Einige Mädchen hielten es für die größte Neuigkeit, dass sie den blauen Lidschatten gefunden hatten.
Darüber konnte ich nur den Kopf schütteln. Die hatten Probleme. In der letzten Zeit hatte ich nur wenig gepostet, wozu auch? Hätte ich Fotos meines Vaters aus dem Krankenhaus oder von seiner Beerdigung ins Internet stellen sollen? So etwas wollte an unserer Schule niemand sehen. In der Klasse kam ich mir mit jedem Tag mehr vor wie eine Fremde, die nur körperlich anwesend war.
Früher war das anders gewesen. Da war ich sogar ziemlich beliebt, aber nach Papas Tod hatte ich den Anschluss nicht wiedergefunden, wie es der Schulpsychologe ausdrückte, den ich einmal und nie wieder besucht hatte. Aus seinem Mund klang es tatsächlich wie ein Vorwurf, dass ich mir bei den dämlichen Späßen meiner Klassenkameraden, bei denen ich mich früher schlapp gelacht hatte, gerade noch ein müdes Lächeln abquälen konnte. Die hatten doch keine Ahnung vom Leben.
Zum Glück war wenigstens Kayla geblieben, nachdem sich so gut wie alle anderen von mir abgewandt hatten. Auch kein Problem, ich hatte Verständnis dafür. Noch vor einem Jahr hätte ich auch keine Lust gehabt, mich mit jemandem abzugeben, dessen Augen stets rot geweint waren. Am Anfang hatten sie ja noch versucht, mich aufzuheitern. Luden mich zu Partys ein, zu Shoppingtouren oder irgendwelchen Konzerten, bei denen mir irgendwann nicht mal mehr der Name des Künstlers was sagte.
Mit fünfzehn war es echt nicht leicht, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Man verpasste die neueste Folge irgendeiner angesagten Serie, konnte am nächsten Tag in der Schule nicht mitreden und zack, sank man in der Skala dieser Mit-der-muss-man-unbedingt-befreundet-sein-Liste. Und wenn man sich keine Mühe gab oder einfach nicht gut drauf war, landete man sogar auf der Die-kannst-du-total-vergessen-Liste.
Passiert ist passiert und ohne größere Anstrengungen auch nicht mehr rückgängig zu machen.
Und genau dafür hatte ich definitiv zu wenig Energie. Ich brauchte sie auch nicht, weil ich ja Kayla hatte, und die war mehr als genug. Sie ließ sich durch Papas Krankheit und seinen Tod nicht abschrecken. Als ich mich im Krankenhaus von ihm für immer verabschieden musste, hatte sie mich begleitet. Hatte auf der ganzen Rückfahrt in der Bahn meine Hand gehalten und mit mir geweint. Seitdem war kaum ein Tag vergangen, ohne dass wir uns getroffen oder zumindest stundenlang gechattet hätten.
Vielleicht hatte Kayla jetzt ja auch Lust dazu. Ich wollte ihr eine Nachricht schreiben, Fragen war schließlich erlaubt. Nur mein Handy war irgendwie verschwunden, stellte ich fest unddurchsuchte meinen Rucksack, den ich neben den Schreibtisch gestellt hatte. Immer aufgeregter wühlte ich darin herum.
Hoffentlich habe ich es nicht verloren. Es muss doch irgendwo sein!
So langsam erreichte meine Pulsfrequenz eine kritische Grenze. Wenn das Ding wirklich weg war, hatte Mama wieder einen Grund, mir die Hölle heißzumachen. Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel und schüttete den Inhalt des Rucksacks auf den Schreibtisch, um besser suchen zu können.
Endlich, da war es. Noch mal gut gegangen, dachte ich und griff schwungvoll nach dem Rest, um ihn wieder zurück in den Rucksack zu stopfen. Da fiel mir der hellgrüne Zettel aus der U-Bahn auf. Das süße Lächeln des Typen kam mir in den Sinn, und ich hielt die Hand vor den Mund, als ich merkte, wie ich grinste. Erneut blieb mein Blick an den unleserlichen Buchstaben hängen, dann aber konzentrierte ich mich auf den kurzen Abschnitt in der linken unteren Ecke, der in deutscher Sprache verfasst war.
Ich hielt inne. Obwohl es verlockend war, das sofort zu lesen, wollte ich vorher noch schnell die Nachricht an Kayla schicken.
›Huhu, Kayla, was machst du?‹, tippte ich und wartete ein paar Minuten, aber sie reagierte nicht. Ich konnte sehen, dass sie seit dem Nachmittag nicht mehr online gewesen war. Wahrscheinlich zeigte sie gerade ihrer Familie die Shoppingtrophäen oder sie aßen gemeinsam zu Abend. Jetzt musste ich schmunzeln, weil ich die Szene vor mir sah, wie Kayla mit ihrer jüngeren Schwester Yasmina über das bunte T-Shirt mit dem aufgedruckten Emoji lachte, während Vater und Bruder sich über Neuigkeiten aus Algerien austauschten. Geschwister hätte ich auch gern gehabt. Dann wäre ich jetzt nicht mit Mama alleine gewesen.
Meine Finger zitterten ein wenig, als ich das Flugblatt vom Schreibtisch zog. Ich musste die Augen zusammenkneifen, um die kleine Schrift, die in die Ecke gequetscht war, lesen zu können.
»Brüder und Schwestern« stand da. Ich musste fast lachen. Gerade hatte ich über Geschwister nachgedacht und jetzt sprach man mich hier als »Schwester« an. Das, was folgte, war ein wenig seltsam formuliert, irgendwie pathetisch, aber nicht uninteressant. Es war die Rede vom Islam, von Ungläubigen und Muslimen, die nicht den wahren Glauben hatten. »Wenn Du mehr über die wahre Religion wissen willst, komm in unser Zentrum im Wedding«, las ich. Außerdem war eine Internetadresse angegeben, wo man weitere Informationen bekommen konnte.
Es ging also doch um den Islam. Hatten die Leute in der U-Bahn recht gehabt? Ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte. Und wieso hatte der bärtige Mann mir das Flugblatt in die Hand gedrückt?
Zu gern hätte ich Kayla gefragt, was es mit dieser Flugblattaktion ihrer Meinung nach auf sich hatte, aber die antwortete ja nicht. Also zögerte ich nur einen winzigen Moment, dann gab ich die Internetadresse auf dem Zettel in den Browser ein und wartete, bis sich die Seite aufbaute. Dort fand ich Infos über den Koran. Es wurde erklärt, wie man beten musste, und man konnte sich anhören, wie die arabischen Worte ausgesprochen wurden. Weiter unten sah ich einen Link zu YouTube, den ich anklickte. Dort stieß ich auf eine Liste mehrerer Videos. Beim obersten Beitrag drückte ich auf Play.
In dem Film, den sich schon mehr als neuntausend Menschen angesehen hatten, ging es um einen Jungen in meinem Alter, der zum Islam übergetreten war. Er saß in einem Café in einem Einkaufszentrum und trug einen Kapuzenpullover, die Kapuze hatte er aufgesetzt. Er sah ganz normal aus, wie andere Fünfzehnjährige auch. Der Typ erinnerte mich an Bastian, der in meine Klasse ging, Fußball spielte und ständig Witze machte.
»Ich war krank vor Liebeskummer. Ich musste ständig an dieses Mädchen denken«, sagte er etwas schüchtern in die Kamera. »Ich habe zwar immer gelacht, aber innerlich war ich ständig traurig.«
Ich verstand ziemlich gut, was er meinte. Oft wachte ich morgens mit einem traurigen Gefühl auf, das mich dann den ganzen Tag wie ein anhänglicher Hund begleitete. Diesen Schmerz wurde ich einfach nicht los. Manchmal ließ er nach und ich spürte sogar so was wie Glück, dann jedoch kam er mit voller Wucht zurück und zog mich wieder mit seinem schweren Gewicht nach unten. In diesen Momenten ging mir regelmäßig durch den Kopf, dass es besser wäre, wenn ich sterben würde. Dass es kein Leben war, das ich führte. Noch war es mir jedes Mal gelungen, mich zur Vernunft zu rufen, aber ich hatte Angst, dass der Schmerz mich irgendwann besiegen würde. In einem Moment der Unachtsamkeit. Vielleicht genau dann, wenn das Leben für eine Millisekunde wieder lebenswert schien. Wenn ich abgelenkt war. Egal, wann, es konnte jederzeit passieren.
Ich seufzte und versuchte, mich wieder auf das Video zu konzentrieren. Der Junge erzählte gerade davon, wie er durch einen Beitrag im Internet auf den Islam aufmerksam geworden war. Seitdem bete er fünfmal am Tag zu Allah und fühle sich wie ein neuer Mensch. »Früher wollte ich cool sein, so wie die anderen Jungs, mit Mädchen und so. Jetzt will ich das nicht mehr. Allah hilft mir dabei, der zu sein, der ich sein soll. Er passt auf mich auf und leitet mich. Ich will ein Löwe im Islam sein«, sagte er und wirkte so stolz darauf, dass mich ein Hauch von Neid überkam.
Klingt nicht schlecht, aber muss er deswegen gleich zum Islam übertreten? Das ist doch krass.
Ich glaubte nicht an Gott, Papa hatte es auch nicht getan. Woran Mama glaubte, wusste ich nicht. Und ich hatte auch keine Ahnung, wie ich sie danach fragen sollte. Früher vielleicht, aber seit Papas Tod hatten wir uns kein einziges Mal ernsthaft miteinander unterhalten. Und wenn, dann hatte es doch wieder nur in Vorwürfen geendet.
Dass ich zum letzten Mal einen Gottesdienst besucht hatte, war jedenfalls Jahre her. Irgendwann in der Grundschule war ich mal in der Kirche gewesen, zu einem Krippenspiel in der Weihnachtszeit. Eine Moschee hatte ich allerdings noch nie von innen gesehen. Und von außen auch nicht. Auf jeden Fall nicht bewusst.
Ein Blick aufs Handy zeigte mir, dass Kayla sich noch immer nicht gemeldet hatte. Die murrte zwar über die strengen Kleidungsvorschriften und war natürlich auch von den anderen Verboten nicht begeistert, sie glaubte aber fest an Allah. Sogar einen Screensaver mit »I love Allah« hatte sie auf ihrem Handy. Und ihr Vater sprach vor jeder Mahlzeit ein Gebet. Beim ersten Mal war ich erstaunt gewesen, aber mittlerweile fand ich es viel besser, als nur das Essen in mich reinzuschaufeln, ohne darüber nachzudenken, woher es kam. Bei Kaylas Familie fühlte ich mich wohl, deshalb freute ich mich immer, wenn Kayla mich zu sich nach Hause einlud. Dort gingen alle liebevoll miteinander um, auch wenn Yassin, Kaylas Bruder, keine Gelegenheit ausließ, Witze über seine beiden Schwestern zu machen.
»Wenn ich ihn brauche, ist er immer für mich da«, sagte Kayla oft, und ich konnte hören, wie froh sie über ihren Bruder war.
Kaylas Mutter beklagte sich nie, jedenfalls nicht, wenn ich dabei war. Wenn Schwierigkeiten auftraten, glaubte sie fest daran, dass Allah eine Lösung finden würde, und oft genug passierte das anscheinend auch.
Ist vielleicht doch gar nicht so abwegig mit dem Islam, überlegte ich und musste es nun unbedingt genauer wissen. Daher schlich ich erst in die Küche, holte mir eine Cola und durchsuchte dann das Netz nach weiteren Videos.
Es gab Unmengen davon. In einem erzählten junge Frauen, die gerade erst zum Islam übergetreten waren, wie sie früher jedes Wochenende mit ihren Freunden gefeiert hatten und jetzt lieber in die Moschee zum Freitagsgebet gingen.
Die haben ganz schön schräge Outfits an, schoss mir durch den Kopf, als ich die bodenlangen schwarzen Mäntel mit Kapuzen sah, die nur einen Schlitz für die Augen freiließen. Im Hochsommer musste man unter dieser Kleidung vor Hitze umkommen. Die Mädchen sprachen aber so begeistert von ihrem neuen Glauben und allem, was dazugehörte, dass ich meinen Blick nicht vom Monitor lösen konnte.
Nach zwei Stunden hatte ich das letzte Video bei YouTube angeschaut, als ein Fenster aufploppte. ›Das könnte Dir auch noch gefallen.‹
