Beschreibung

Edgar Allan Poe (geboren 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts, USA; gestorben 7. Oktober 1849 in Baltimore, Maryland) war ein US-amerikanischer Schriftsteller. Er prägte entscheidend die Genres der Kriminalliteratur, der Science-Fiction und der Horrorliteratur. Seine Poesie wurde zum Fundament des Symbolismus und damit der modernen Dichtung.

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Seitenzahl: 40


Die Brille

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Die Brille

Vor vielen Jahren pflegte man eine »Liebe auf den ersten Blick« zu belächeln; die Nachdenklichen aber und die Leute von tiefem Gefühl haben ihr Vorhandensein stets anerkannt. Tatsächlich haben moderne Entdeckungen auf einem Gebiete, das man ethischen Magnetismus oder magnetische Ästhetik nennen könnte, es glaubwürdig gemacht, daß die natürlichsten und folglich die wahrsten und stärksten menschlichen Leidenschaften jene sind, die wie mit elektrischer Sympathie im Herzen aufflammen – mit einem Wort, daß die Seelenbeziehungen, die auf den ersten Blick geknüpft werden, die ungetrübtesten und dauerndsten sind. Das Bekenntnis, das ich zu machen gedenke, wird den schon kaum mehr zu zählenden Wahrheitsbeweisen für diese Behauptung einen neuen hinzufügen.

Meine Erzählung verlangt, daß ich etwas weiter aushole. Ich bin noch ein sehr junger Mann, noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt. Mein gegenwärtiger Name lautet sehr gewöhnlich und plebejisch – Simpson. Ich sage »gegenwärtig«, denn ich werde erst seit kurzem so genannt, da ich diesen Zunamen im letzten Jahre gesetzlich angenommen habe, um eine große Erbschaft antreten zu können, die mir ein entfernter Verwandter, Adolphus Simpson, hinterlassen hat. Es knüpfte sich die Bedingung daran, daß ich den Namen des Erblassers – den Familien-, nicht den Taufnamen – annehme. Mein Taufname – oder richtiger mein erster und zweiter Rufname – lautet Napoleon Buonaparte.

Ich nahm den Namen Simpson mit einigem Widerstreben an, da mein wirklicher Zuname, Froissart, mich mit verzeihlichem Stolz erfüllte – glaubte ich doch, ich könne meine Abstammung von dem unsterblichen Verfasser der »Chroniques« herleiten. Hinsichtlich der Namen möchte ich nur nebenbei eine eigentümliche Klangähnlichkeit zwischen denen meiner nächsten Vorfahren erwähnen. Mein Vater war ein Monsieur Froissart aus Paris. Seine Frau – meine Mutter, die fünfzehn Lenze zählte, als er sie heiratete – war ein Fräulein Croissart, die älteste Tochter von Croissart, dem Bankier; dessen Frau wiederum, die kaum sechzehn Jahre alt war, als sie die Ehe einging, war die älteste Tochter eines Victor Voissart. Monsieur Voissart aber hatte, höchst seltsam, eine Dame mit ähnlich klingendem Namen geheiratet – eine Mademoiselle Moissart. Auch sie war bei der Eheschließung noch ein wahres Kind, und ihre Mutter, Madame Moissart, zählte ebenfalls erst vierzehn, als sie vor den Altar trat. Solche frühen Ehen sind in Frankreich nichts Außergewöhnliches. Hier nun sind Moissart, Voissart, Croissart und Froissart alle in einer direkten Abstammungslinie. Mein eigener Name wurde aber, wie ich sagte, auf gesetzlichem Wege in Simpson umgewandelt, obschon mir das so zuwider war, daß ich eine Zeitlang ernstlich zögerte, das Legat mit der damit verknüpften, ebenso überflüssigen wie ärgerlichen Bedingung überhaupt anzunehmen.

Mit persönlichen Vorzügen bin ich keineswegs schlecht ausgestattet. Im Gegenteil, ich glaube, ich bin wohlgestaltet und besitze, was neun Zehntel der Menschen ein hübsches Gesicht nennen würden. Meine Größe beträgt fünf Fuß elf Zoll. Mein Haar ist schwarz und lockig, meine Nase gut geformt. Die Augen sind groß und grau, und wenn sie auch in ziemlich störendem Grade schwach sind, so kann man ihnen diesen Mangel doch nicht ansehen. Die Tatsache der Schwäche hat mich allerdings oft sehr behindert, und ich habe zu jedem Heilmittel meine Zuflucht genommen – nur nicht zu Augengläsern. Da ich jung und hübsch bin, so liebe ich natürlich die Gläser nicht und habe mich standhaft geweigert, sie zu benutzen. Wirklich, ich kenne nichts, was die Erscheinung eines jungen Menschen so entstellte, seinen Mienen etwas so Gespreiztes, Scheinheiliges und Bejahrtes gäbe. Ein Monokel dagegen hat einen Beigeschmack von Geziertheit und fordert zum Spott heraus. Ich habe mich bis jetzt, so gut ich konnte, ohne beides beholfen. Doch ich gehe in der Erwähnung dieser nebensächlichen persönlichen Einzelheiten, die schließlich belanglos sind, wohl zu weit. Ich will mich begnügen, noch zu sagen, daß ich ein sanguinisches, rasches, feuriges, begeisterungsfähiges Temperament besitze – und daß ich allzeit ein ergebener Bewunderer der Frauen gewesen bin.

Im vorigen Winter betrat ich eines Abends in Gesellschaft eines Freundes, Mr. Talbots, eine Loge im P... Theater. Es gab eine Opernvorstellung; die Anzeigen verhießen einen seltenen Genuß, so daß das Haus gedrängt voll war. Wir aber kamen noch rechtzeitig, um die für uns belegten Vordersitze einzunehmen, zu denen wir uns mit einiger Schwierigkeit unsern Weg bahnen mußten.

Zwei Stunden lang schenkte mein Begleiter, der ein begeisterter Musikfreund war, seine ungeteilte Aufmerksamkeit der Bühne; derweil unterhielt ich mich damit, das Publikum zu beobachten, das in der Hauptsache den ersten Gesellschaftskreisen angehörte. Nachdem ich mir hierin Genüge geleistet hatte, wollte ich die Augen der Primadonna zuwenden, als mein Blick von einer Gestalt in einer Privatloge gebannt wurde, die meiner Beobachtung bisher entgangen war.

Wenn ich tausend Jahre lebe, so kann ich nicht die tiefe Ergriffenheit vergessen, mit der ich diese Gestalt betrachtete. Es schien die herrlichste weibliche Erscheinung, die ich je gesehen hatte. Das Antlitz blieb der Bühne so weit zugewandt, daß ich in den ersten Minuten keinen Blick darauf werfen konnte – die Gestalt aber war göttlich; kein andres Wort kann ihr wundervolles Ebenmaß wiedergeben, und selbst die Bezeichnung »göttlich« erscheint mir – nun, da ich sie niederschreibe – lächerlich unzureichend.