Die Brücke der Leichenfresser - Sören Schnaubelt - E-Book

Die Brücke der Leichenfresser E-Book

Sören Schnaubelt

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Beschreibung

Als Dipl. Ing. Stefan Becker im Oktober 1911 eine Arbeit auf der Baustelle an der Grenze zu Böhmen antritt, merkt er schnell, dass einiges im Argen liegt. Beim Bau der Brücke über die Lade laufen die Dinge aus dem Ruder. Beckers Vorgesetzter veruntreut Firmengelder. Arbeiter sind verunglückt oder einfach verschwunden. Die Einheimischen haben Angst davor, an der Brücke zu arbeiten. Aber erst als Becker eine grauenerregende Entdeckung macht, beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihn und seine Kollegen letztendlich hinab in die Unterwelt führen. Und dort wartet etwas und dieses Etwas hat Hunger.

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Seitenzahl: 232

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ich war dort unten und ich habe sie gesehen. Ich sah die Kreaturen, die Leichen fressen, die Kreaturen, die Menschen rauben. Aber das ist nicht das Schlimmste, nein, die Leichenfresser sind nicht das Schlimmste. Dort unten ist noch etwas anderes, etwas viel Schrecklicheres.

Inhaltsverzeichnis

VORWORT

KAPITEL 1: DER BEGINN

KAPITEL 2: VORBEREITUNG DER REISE

KAPITEL 3 : MEINE REISE AN DIE BÖHMISCHE GRENZE

KAPITEL 4: AUF DER BAUSTELLE

KAPITEL 5: EINE UNERFREULICHE BEGEGNUNGEN

KAPITEL 6 : DAS NIETEN VON EISEN

KAPITEL 7: EINE ABENDLICHE EXPEDITION

KAPITEL 8: SCHULD

KAPITEL 9: EIN KIRCHGANG

KAPITEL 10: EIN ZEITUNG SARTIKEL / DIE POLIZEI ERSCHEINT

KAPITEL 11: EIN NÄCHTLICHER BESUCH AUF DER INSEL

KAPITEL 12: EINE ENTSCHEIDUNG

KAPITEL 13: EINE UNTERREDUNG MIT DEM ARCHIVAR

KAPITEL 14: AUSZÜGE AUS DEN ARCHIVEN DER STADT

KAPITEL 15: ERSTER SCHNEE / EIN PLAN WIRD GEFASST

KAPITEL 16: DER WEG HINUNTER

KAPITEL 17: DIE AUFZEICHNUNGEN DES DR. BRANDMANN

KAPITEL 18: DAS GRAUEN IN DER TIEFE

KAPITEL 19: FLUCHT AUS LADSTEDT

KAPITEL 20: IN AACHEN

NACHWORT VON DR. MED. SANDER

VORWORT

Ursprünglich wollte ich nicht von den Geschehnissen, die sich beim Bau der Eisenbahnbrücke über die Lade ereigneten, berichten. Es schien unvernünftig, sich erneut mit den damaligen, verstörenden Ereignissen zu befassen. Was sich damals im Oktober 1911 an der Grenze zu Böhmen ereignete, hat bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Was vorgefallen ist, hat mich verändert, und diese Veränderung war keinesfalls zum Besseren. Mittlerweile bin ich viel nervöser und unbeherrschter als noch vor einigen Jahren. Ich verliere schnell die Fassung und komme kaum je richtig zur Ruhe. Auch leide ich unter sinnlosen Zwängen, wie zum Beispiel einen weiten Bogen um alle Friedhöfe zu machen. Insbesondere wenn Schnee fällt, traue ich mich kaum noch aus dem Haus, fürchte ich doch, dass bei Schnee etwas an die Oberfläche kriechen könnte.

Auf den Wunsch meiner Mutter hin habe ich nun einen Arzt konsultiert. Dr. Sander kennt mich schon seit vielen Jahren. Er war ein enger Freund meines Vaters, als dieser noch unter uns weilte. Damit ist er sicherlich der Mediziner der meine Situation am besten beurteilen kann. Er hat mir geraten, diesen Bericht anzufertigen. Ich soll alles, was geschehen ist, oder von dem ich glaube, dass es geschehen ist, systematisch und strukturiert auf das Papier bringen. Dr. Sander denkt, dass mir dies helfen wird meine Gedanken und Erinnerungen zu ordnen und die Dämonen, die mich heimsuchen, zu bannen.

Und so habe ich mich schweren Herzens dazu entschieden, die verstörenden Ereignisse von damals nun hier niederzuschreiben. Vieleicht kann ich die Geschehnisse so aufarbeiten, dass ich in den nächsten Jahren nicht mehr jede Nacht schreiend und schweißgebadet aufwache.

Mir ist wohl bewusst, dass die folgenden Schilderungen unglaubwürdig, wenn nicht gar fantastisch wirken werden. Deshalb sei es dem Leser geraten im Kopf zu behalten, dass Teile meiner Schilderung vielleicht nicht den Tatsachen entsprechen. Der schwere Schock, den ich damals erlitten habe, mag meine Wahrnehmungen und Erinnerungen verfälscht haben. Ich konnte zwar einige der Randdaten mit meinen Aufzeichnungen und Zeitungsartikeln aus dieser Zeit abgleichen, doch bei einigen Ereignissen vermag ich nicht sicher zu sagen, ob sie real waren oder nur meiner Einbildung entsprungen sind.

Ich werde also einen erschöpfenden Bericht über das Geschehene verfassen. Ich hoffe wirklich, dass es mir gelingen wird. Es muss gelingen! Meine jetzige Situation ist so nicht mehr zu ertragen und einen weiteren Winter, wie den letzten, werde ich wohl nicht mehr überstehen.

Aachen

März 1913

Dip. Ing. Stefan Becker

KAPITEL 1: DER BEGINN

Dienstagvormittag, der 17. Oktober 1911:

Damals als alles begann war ich erst seit vier Monaten in der Stahlbau Firma mit Sitz in Bochum angestellt. Es war meine erste Anstellung, hatte ich doch gerade erst vor sechs Monaten mein Studium der Ingenieurwissenschaften abgeschlossen. Damit war ich natürlicherweise noch recht unerfahren und man hatte mich einem älteren, erfahreneren Kollegen zugeteilt. Herr Sommer war ein freundlicher, etwas behäbiger Mann, dem die Aufgabe zufiel, mich einzuarbeiten und bei meiner Arbeit anzuleiten. Erst hatte ich mit ihm an dem Dach einer Maschinenfabrik gearbeitet, dann an mehreren kleineren Stahlbauten. Seit zwei Wochen jedoch unterstütze ich ihn bei der Berechnung und Konstruktion einer Bahnhofshalle für die Düsseldorfer Straßenbahn.

An diesem Morgen war ich damit beschäftigt eine Übersicht für die Fachwerkträger zu zeichnen, die Herr Sommer in den vorangegangenen Tagen bemessen hatte. Ich hatte das System eines Trägers, bestehend aus den Systemlinien des Obergurtes, des Untergurtes und der Diagonalen, bereits auf dem Plan eingezeichnet. Nun machte ich mich daran die Stahlprofile zu ergänzen und zu beschriften. Die Zeichnung würde später der Konstruktions-Abteilung als Grundlage dienen, die dann die Detailzeichnungen für die Fertigung in der Werkstatt erstellen würde.

Ich sah auf, als ich ein Klopfen an der Tür hörte. Im Türrahmen stand Herr Wegner. Er war einer der Konstrukteure und bereits sehr lange in der Firma. Er kam zu mir herüber und besah sich meine Zeichnung.

„So weit so gut Herr Becker, aber das Steigungsdreieck da. Schauen Sie es sich doch noch mal an.“, erklärte er in einem leicht tadelnden Ton.

Er deutete auf den entsprechenden Teil der Zeichnung. Wie er darauf hinwies, erkannte ich meinen Fehler. Ich bedankte mich für den Hinweis aber Wegner winkte ab.

„So was passiert schon mal. Aber deshalb bin ich nicht hier. Ich soll ihnen mitteilen, dass Sie sich umgehend bei Dr. Sternberg melden sollen.“

Sternberg wollte mich sehen, das war jetzt allerdings sehr überraschend. Herr Dr. Dipl. Ing. Maximilian Sternberg war einer der Gesellschafter und Geschäftsführer. Üblicherweise würde er mich nicht zu sich rufen, tatsächlich sprach er kaum mit Herrn Sommer, meinem Vorgesetzten. Ich hatte mich nur einmal zwei Minuten mit ihm unterhalten, als ich im letzten Monat mit ihm gemeinsam bei einer Besprechung gewesen war. Dementsprechend wurde ich recht nervös und überlegte fieberhaft, ob ich mir etwas zu Schulden kommen lassen hatte. Der Arbeitsplatz hier in der Firma war sehr wichtig für mich. Ich brauchte ein gutes und sicheres Einkommen um eine Familie mit meiner Verlobten zu gründen. Deshalb achtete ich sehr darauf mich anzustrengen und gewissenhaft zu arbeiten, damit ich die Stelle keinesfalls verlor. Wegner war schon wieder auf dem Weg aus meinem Büro heraus als er noch anmerkte:

„Beeilen Sie sich lieber Herr Becker, Dr. Sternberg ist nicht der geduldigste.“

Also machte ich mich zügig auf den Weg zu Herrn Sternbergs Büro. Am Türrahmen des Vorzimmers klopfte ich an. An einem großen Schreibtisch saß Herrn Sternbergs Sekretärin, Frau Werner. Eine griesgrämige Frau in ihren Fünfzigern. Mit ihr stellte man sich besser gut, wenn man keinen Ärger bekommen wollte. Sie war unbeliebt und alle fürchteten sie, da sie einen bei der Chefetage anschwärzen konnte. Frau Werner wirkte heute besonders schlecht gelaunt, und so sprach ich sie ausgesprochen höflich an. Ich erklärte ihr, das Herr Wegner mir ausgerichtet hatte, ich solle mich bei Dr. Sternberg melden. Sie sah mich etwas gereizt über den Rand ihrer Brille an und gab mir zu verstehen, ich solle auf dem Sofa im Vorzimmer Platz nehmen. Ich saß bereits 10 Minuten nervös im Vorzimmer, als sich die Tür öffnete und ein Herr in einem grauen Anzug das Büro verließ. Der Mann gehörte wohl zur Buchhaltung, aber sicher war ich mir nicht. Frau Werner war plötzlich mit fast unglaublicher Geschwindigkeit auf den Beinen und huschte in Herr Sternbergs Büro. Als sie nur Sekunden später heraus kam, gab sie mir ein Zeichen in das Büro einzutreten.

Herr Sternberg saß an seinem großen Schreibtisch aus glänzendem dunklem Holz und betrachtete ein Schriftstück. An den Wänden des Büros hingen einige Bilder in Öl. Eine Eisenbahnbrücke in einer Heidelandschaft, der Eifelturm und ein Portrait des Eisernen Kanzlers. Das größte Gemälde war ein beeindruckendes Bild, das Kaiser Wilhelm II, in voller Uniform zu Pferde zeigte. Sternberg bemerkte mich und zeigte auf den Stuhl, ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Schreibtisches.

„Ach Herr Becker. Setzten Sie sich doch bitte da auf den Stuhl. Danke, dass Sie so schnell gekommen sind.“

Dann, als ich Platz genommen hatte, fuhr er fort:

„Gerade erst Gesten habe ich mich mit Herrn Sommer unterhalten. Er hat mir erzählt, dass sie sich nicht ungeschickt anstellen. Er meinte, Sie wären ihm eine große Hilfe und verfügen über eine hervorragende Auffassungsgabe.“

Ich war froh, dass er offensichtlich mit mir zufrieden war.

„Danke Herr Dr. Sternberg, ich bemühe mich natürlich, mein Bestes zu geben. Zu meinem Glück ist Herr Sommer ja ein sehr erfahrener Kollege, von dem ich noch sehr viel lernen kann.“

„Ja, ja natürlich. Aber jetzt sollten wir über die Angelegenheit reden, wegen der ich Sie habe rufen lassen.“

Er schob das Schriftstück, welches er bis eben studiert hatte, zu mir hin.

„Kennen Sie Herrn Schwarz?“

„Ich denke er gehört zu unserer Statik-Abteilung, aber ich habe ihn noch nicht persönlich kennengelernt. Ist er nicht seit einem halben Jahr mit einem Bauprojekt an der Böhmischen Grenze betraut? Ich glaube Herr Sommer hat das einmal mir gegenüber erwähnt.“

„Ja genau. Herr Schwarz leitet unsere Baustelle bei Ladstedt. Wir errichten dort für die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen eine Brücke über die Lade. Diese ist ein nördlicher Seitenarm der Donau. Die Brücke wird zu einer Trasse gehören, die bis nach Prag führen wird. Diesen Brief habe ich vorgestern von Herrn Schwarz erhalten. Und ich muss sagen, der Brief beunruhigt mich doch sehr. Dazu sollte ich wohl erläutern, dass Schwarz ein erfahrener Kollege und ein fähiger Mann ist, dem ich uneingeschränkt traue. Er ist ein Mann mit umfangreichen Erfahrungen und klarem Urteil. Wirklich einer meiner besten Mitarbeiter“

Er zögerte kurz bevor er fortfuhr:

„Wie gesagt, Schwarz ist ein fähiger Mann. Aber dieser Brief, dieser Brief. Ich weiß nicht so recht was ich davon halten soll. Also lesen Sie am besten einmal selbst.“

Der Inhalt des Briefes war der folgende:

07 Oktober 1911 in Ladstedt

Sehr geehrter Herr Dr. Sternberg, das Bauvorhaben verläuft leider schleppend. Verschiedene Probleme haben zu Verzögerungen geführt. Auch die Kosten überschreiten unsere Schätzung leider bereits deutlich.

Die Zahlen für den Oktober sind die folgenden:

Verwendete Finanzielle Mittel:

14 527 Mark Details siehe Anhang A1.

Vormontierter Stahlbau:

5218 kg

Brückenauflager auf der Nordseite: Brückenauflager auf der Südseite: Mittleres Auflager im Fluss:

Details siehe Anhang A2. fertiggestellt zu 80% fertig fertiggestellt

Problematisch verbleibt die Arbeitsmoral und die Stimmung der Männer. Zwei der Steinmetzmeister sind mit ihren Arbeitern fortgeblieben, trotz bestehendem Vertrag! Jetzt sind nur noch die Männer aus Prag mit der Erstellung des südlichen Auflagers beschäftigt, und auch diese habe ich nur durch die Zahlung einer Prämie halten können.

Insgesamt sind die Kosten für die Arbeiter hoch, da die Männer bei üblicher Bezahlung nicht bereit wären hier zu arbeiten. Die Männer hegen offensichtlich eine starke Abneigung gegen die Arbeit an der Brücke. Zum einen mag dies an den Todesfällen und Unfällen liegen, aber das Hauptproblem ist wohl die Abneigung der Männer gegen den Bauort. Die Abneigung bezieht sich wohl primär auf die Insel im Fluss, auf der das mittlere Auflager gegründet wurde. Es hat wohl irgendetwas mit den lokalen Bräuchen und Legenden zu tun, wegen denen sie nicht auf der Insel arbeiten wollen. Dieser lächerliche Aberglaube ist ein Ärgernis. Aber ich weiß leider nicht, was ich in dieser Sache unternehmen soll.

Im Weiteren ist noch ein Stahlarbeiter, Herr Wagner, bei der Arbeit verschwunden. Er ist am späten Abend noch einmal auf die Brücke gegangen und konnte dann nicht mehr gefunden werden. Vermutlich ist er in den Fluss gestürzt und ertrunken. Damit wäre er nun schon der neunte Tote seit Beginn der Arbeiten. Die hohe Zahl der Toten ist mir unbegreiflich. Andere Bauvorhaben hatten auch schwere Arbeitsunfälle aber nichts Vergleichbares.

Die Dinge laufen aus dem Ruder. Ich kann es nicht genau benennen, aber ich habe ein ungutes Gefühl. Alles ist falsch, die Männer sind unruhig und ich bin es auch. Ich habe letzte Woche einen Priester kommen lassen, damit dieser die Baustelle segnet. Natürlich ist dies unwissenschaftlicher Unsinn, aber die Männer hatten es gewünscht. Ich dachte sie so beruhigen zu können aber leider hat es nicht geholfen.

So oder so treibe ich die Arbeiten an wo es nur geht. Eine Fertigstellung vor dem ersten Schnee scheint jedoch nicht mehr möglich.

Ich verbleibe Hochachtungsvoll:

Dipl. Ing. Peter Schwarz.

Nach dem ich das Schriftstück studiert hatte, sah ich zu Herrn Sternberg herüber. Ich stellte fest, dass er mich aufmerksam beobachtet hatte, wohl um meine Reaktion von meinem Gesicht abzulesen. Nun erklärte Herr Sternberg:

„Ich möchte, dass Sie nach Ladstedt reisen, um dort Herrn Schwarz bei seiner Arbeit zu unterstützen. Ich bin sicher Sie werden ihm eine große Hilfe sein, und auch für Sie wird es von Vorteil sein. Ich denke, dass sie dort von Herrn Schwarz viel lernen können. Dort auf der Baustelle bekommt man einen Einblick in die Praxis und die Arbeitsabläufe vor Ort. Für einen jungen Statiker ist es lehrreich solche Erfahrungen zu machen.“

Nun hielt er kurz inne. Er fixierte mich als er fortfuhr.

„Dies ist jedoch nicht der einzige Grund für ihre Reise. Sie haben den Brief gelesen und unzweifelhaft werden ihnen einige Merkwürdigkeiten aufgefallen sein. Ich vermag nicht genau zu sagen was dort vor sich geht, aber ich mache mir etwas Sorgen, dass Schwarz die Sache entgleitet. Andererseits möchte ich ihn auch nicht abziehen. Er ist ein erfahrener Mann, und ich habe momentan keine Möglichkeit ihn zu ersetzten. Aus diesem Grund sollen Sie täglich an mich berichten. Ich möchte wissen wie es Herrn Schwarz geht und wie sich die Dinge entwickeln. Ich denke ich muss ihnen nicht erklären, dass Sie über diesen Teil ihrer Aufgabe absolute Verschwiegenheit wahren müssen.“

Ich beeilte mich Herrn Sternberg zu versichern, dass ich das verstand. Dieser kam nun zum Abschluss unseres Gespräches.

„Meine Sekretärin wird ihnen ihre Fahrkarten aushändigen. Ihr Zug geht morgen früh. Sie erhalten auch Geld für Kost, Logis und Spesen. Herr Schwarz ist bereits per Telegramm über ihre morgige Ankunft informiert worden. Ich zähle auf Sie, Herr Becker!“

Wir verabschiedeten uns. All das war sehr plötzlich über mich hereingebrochen, deshalb fühlte ich mich ein bisschen benommen. Im Vorraum übergab mir die Sekretärin die Fahrkarten und sehr widerwillig einen mit Geld gefüllten Umschlag. Sie schärfte mir wiederholt ein, dass ich für alle Ausgaben eine Quittung benötigen würde. Im Weiteren gab sie mir noch einen Bündel Unterlagen, welches ich Herrn Schwarz übergeben sollte. Ich bedankte mich höflich. Dann suchte ich Herrn Sommer auf, um ihn zu informieren. Er wirkte jedoch in keinster Weise überrascht, sodass ich davon ausgehen konnte, dass er bereits im Vorfeld informiert worden war.

Da ich schon am nächsten Morgen in der Frühe aufbrechen würde, beschloss ich mich umgehend für diesen Tag von der Arbeit abzumelden. So hatte ich noch die Zeit, alles Notwendige im Laufe des verbliebenen Tages zu regeln.

Ich kann nur schwer meine Gefühle zu diesem Zeitpunkt beschreiben. Natürlich freute ich mich, reisen zu können und Erfahrungen in der Bauleitung zu sammeln. Unter normalen Umständen wäre ich also hoch erfreut gewesen, jedoch hatte die Sache einen faden Beigeschmack. Vor allem die Aussicht einen Kollegen auszuspionieren, gefiel mir natürlich nicht. Aber was half es, so war es nun einmal. Und so begann die Sache ganz ohne meinen Wunsch oder mein Zutun.

Wie ich so über den Beginn nachdenke, hat das alles etwas von einem unweigerlichen Schicksal. Jedoch nicht im Sinne einer göttlichen Vorbestimmung oder eines Schicksals, das in den Sternen geschrieben steht. Mir scheint es eher wie das unweigerliche Ablaufen einer Uhr oder einer Maschine.

Eine der ersten Dinge, die ich in meinem Studium der Statik lernte, war das Gleichgewicht der Kräfte gewesen.

Alle Kräfte die auf einen ruhenden Körper einwirken befinden sich im Gleichgewicht. Wäre es nicht so, würde der Körper unweigerlich in Bewegung geraten.

Und dasselbe Prinzip gilt wohl auch für das Leben der Menschen. Der Mensch mag sich in seinem Leben eingerichtet haben. Er mag glauben, seinen Platz in der Welt gefunden zu haben. Die Kräfte, die auf ihn einwirken, vermögen ihn nicht zu bewegen, wird er doch gehalten durch Familie, Verpflichtung, Bildung und Religion. Wirkt aber eine Kraft auf ihn, die zu groß ist, so wird er unweigerlich aus seiner angestammten Position herausgerissen und auf ein ungewisses Ende hin beschleunigt. Und wie uns die Physik lehrt wird aus fast jeder Bewegung letztendlich eine Fallbewegung. Diese Fallbewegung ist immer hin zum Mittelpunkt der Erde gerichtet, hinab in die Unterwelt.

KAPITEL 2: VORBEREITUNG DER REISE

Dienstagnachmittag, der 17. Oktober 1911:

Ich machte mich auf den Weg in meine Unterkunft, um dort mein Gepäck für die morgige Reise vorzubereiten. Mein Zuhause war damals ein kleines Zimmer, welches ich in einem respektablen Haus in Bochum angemietet hatte. Dort lebte ich, seit ich meiner Anstellung wegen von Aachen nach Bochum gezogen war. Meine Vermieterin war das Fräulein Klatt. Das besagte Fräulein war allerdings sicherlich schon um die sechzig Jahre alt, auch wenn sie ihr wahres Alter wie ein Staatsgeheimnis hütete. Eine Grille von wohl nicht wenigen älteren Damen. Ich war insgesamt sehr zufrieden mit meiner Unterbringung, da die Miete angemessen war und Fräulein Klatt das ganze Haus ordentlich und sauber hielt.

Die einzige Unannehmlichkeit war, dass das Fräulein jeden Sonntagmorgen in aller Frühe an meine Tür klopfte und versuchte mich dazu zu bewegen, sie beim Kirchgang zu begleiten. Offensichtlich konnte sie gar nicht verstehen, wie man dem Gottesdienst fernbleiben konnte. Ich war allerdings schon seit meiner Studentenzeit kein regelmäßiger Kirchgänger mehr gewesen. Und seit mein Vater vor drei Jahren verstorben war, war ich dem Gottesdienst fast vollständig fern geblieben.

Ich konnte mich noch gut erinnern, wie ich in meiner Jugend jeden Sonntag zur Messe gegangen war, und auch den Bibelunterricht hatte ich regelmäßig besucht. Damals war mir das alles natürlich und richtig erschienen. Aber mit zunehmendem Alter war es mir immer schwerer gefallen, die Geschichten der Heiligen Schrift zu glauben oder auch nur ernst zu nehmen. Vermutlich hatte es auch mit meinem Studium der Ingenieurwissenschaften zu tun. Umso mehr ich mich mit den Fächern Mathematik, Physik und Chemie im Detail beschäftigte, umso schwerer fiel es mir, noch an den Gott aus der Bibel zu glauben. Im Studium lernten wir, dass alles bewiesen werden musste. Die Tatsache, dass jemand etwas behauptete, war keine

Grundlage auf der man arbeiten konnte. Und so lehnte ich die Angebote von Fräulein Klatt höflich aber beharrlich ab. Was sie aber nicht davon abhielt mich ebenso beharrlich jeden Sonntagmorgen aus dem Bett zu holen um zu versuchen, mich zum Kirchgang zu bewegen.

Zuhause angekommen informierte ich Fräulein Klatt, dass ich auf unbestimmte Zeit beruflich verreisen müsste. Auf ihr Drängen hin gab ich ihr die Miete für den nächsten Monat im Voraus. Sie fragte mich recht streng aus und ich erklärte ihr höflich das Nötigste. In meinem Zimmer sah ich auf die Wanduhr. Es war drei Uhr am Nachmittag. Damit war es noch viel zu früh, um Elisabeth zu besuchen. Also nutzte ich die Zeit und packte alles für den morgigen Tag. Nachdem alle notwendigen Vorbereitungen getroffen waren, bat ich noch Fräulein Klatt, mir für morgen ein sehr frühes Frühstück zu bereiten. Außerdem bat ich sie mir einige Brote für die Reise herzurichten. Sie erwiderte, dass dies kein Problem sei. Auch nutzte sie die Gelegenheit, mir ein christliches Traktat aufzudrängen. Fräulein Klatt meinte, ich hätte während der Zugfahrt ja viel Zeit zum Lesen. Da mich das Gespräch ermüdete und ich aufbrechen wollte, nahm ich das Traktat und versprach ihr, es zu lesen. Damit war sie erst einmal zufriedengestellt, und ich machte mich auf den Weg.

Gegen 6 Uhr erreichte ich das kleine Wohnhaus in der Nähe der St. Liborius-Kirche. Hier, an den Grummer Teichen, war Bochum deutlich ruhiger und grüner, als in dem Stadtteil, in dem ich lebte.

Ich trat an die Tür und klopfte an. Ich freute mich, als ich die vertrauten leichten Schritte die Treppe hinunter eilen hörte. Dann öffnete meine Verlobte die Tür. Elisabeth trug eine gestärkte weiße Bluse und einen langen Rock. Ihre Haare waren hochgesteckt, offensichtlich hatte sie sich, seit sie von der Arbeit gekommen war, noch nicht umgezogen. Sie küsste mich zur Begrüßung flüchtig auf die Wange, und wir gingen hinein.

Elisabeth arbeitete in einer kleinen Buchhandlung. Dort hatte ich sie kennengelernt, kaum das ich einige Tage in Bochum gewesen war. Ich war sofort hin und weg gewesen und hatte mich nach dem Besten meiner Fähigkeiten und Möglichkeiten um sie bemüht. Erst letzte Woche hatte ich bei ihrem Vater vorgesprochen. Glücklicherweise war er einverstanden, und mit seiner Zustimmung hatten wir uns verlobt.

Ich nahm im Wohnzimmer auf dem Sofa Platz.

„Willst du etwas trinken?“ fragte Elisabeth aus der Küche heraus.

„Ja bitte.“

In Gedanken war ich bereits wieder bei der Reise, die ich morgen früh antreten würde. Als sie sich zu mir setzte und ein Glas Milch vor mich stellte, erklärte ich ihr, dass ich schon morgen nach Ladstedt aufbrechen würde. Ich erzählte ihr selbstverständlich nicht alles. Ich erzählte nichts von den vielen Unfällen und Toten oder den anderen Problemen auf der Baustelle. Und auch erzählte ich ihr nichts von dem Teil meiner Aufgabe, der mir am meisten Sorgen machte, dass ich einen Kollegen ausspionieren sollte. Sie war natürlich überrascht und ich weiß nicht welches Gefühl bei ihr überwog. Ich denke sie war betrübt, mich für eine ganze Weile nicht sehen zu können. Auch machte sie sich Sorgen, dass ich mich auf der Baustelle verletzten könnte. Aber sie sah auch das Gute an einer solchen beruflichen Gelegenheit. Wir unterhielten uns ein bisschen, als ihr plötzlich eine Idee kam.

„Warte bitte Stefan, ich habe etwas, was ich dir geben will. Ich würde mich wohler fühlen, wenn du es mitnehmen könntest.“

„Oh wirklich?“ fragte ich überrascht.

Elisabeth eilte schnell aus dem Zimmer. Ich hatte kaum Zeit mich zu fragen, was sie denn holen wollte, als sie bereits mit einem kleinen Holzkästchen in der Hand zu mir zurückkam. Sie setzte sich und platzierte das Holzkästchen vor mir auf dem Tisch. Fragend sah ich sie an.

„Das hat früher meiner Mutter gehört. Nach ihrem Tod hat Vater es mir gegeben. Aber ich weiß gar nicht was ich damit soll. Ich denke, wenn du auf Reisen gehst, solltest du etwas dabei haben um dich zu verteidigen.“

Sie öffnete die kleine Holzkiste. Im Inneren befand sich eine recht kleine Pistole. Es handelte sich um eine offensichtlich kleinkalibrige Waffe, mit einem mit Perlmutt besetzten Griff. Mit der Waffe lagen vielleicht zwei Dutzend Patronen in der Kiste. Ich verstand recht wenig von Waffen, aber es war offensichtlich, dass diese Waffe für Frauen gedacht war.

„Ich glaube nicht, dass das notwendig ist. Wirklich, ich verreise doch nicht in einen unsicheren Teil der Welt, sondern bleibe in Deutschland.“

„Doch, bitte tu mir den Gefallen. Ich würde mir viel weniger Sorgen machen.“

Also versprach ich ihr, die Waffe mitzunehmen. Sie suchte mir einen Stoffbeutel, in welchem ich die Waffe und die Munition verstaute. Den Beutel steckte ich dann in meine Manteltasche.

Wir plauderten noch eine Weile über dieses und jenes, aber meine Reise machte uns wohl beide etwas betrübt.

Als es dann Zeit wurde, mich zu verabschieden, küsste ich sie noch einmal zum Abschied. Der Kuss zog sich in die Länge und ich verspürte den Wunsch, noch zu bleiben, aber wir waren noch nicht verheiratet und so machte ich mich auf den Weg nach Hause.

KAPITEL 3: MEINE REISE AN DIE BÖHMISCHE GRENZE

Mittwoch, der 18. Oktober 1911:

Schon am frühen Mittwochmorgen machte ich mich auf den Weg nach Ladstedt. Ich reiste mit relativ leichtem Gepäck. Für meine privaten Dinge hatte ich lediglich einen kleinen Koffer mit Kleidern zum Wechseln und einigen sanitären Artikeln bei mir. Hinzu kam noch eine lederne Aktentasche mit Unterlagen. Diese hatte mir Dr. Sternberg für Herrn Schwarz mitgegeben. Die Tasche enthielt auch zwei Tabellenbücher mit Tafeln für die Bemessung von Stahlkonstruktionen. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich diese auf der Baustelle benötigen würde. Meine Zugfahrt begann am frühen Morgen im Bochumer Hauptbahnhof. Ich musste auf meiner Reise zweimal umsteigen und würde mein Ziel erst nachts gegen 21:30 Uhr, erreichen. Und auch das nur, falls keiner der Züge sich wesentlich verspätete und es keine Probleme beim Umsteigen gab.

Als der letzte Zug auf meiner Reise sich der böhmischen Grenze näherte, leerte er sich langsam. Gegen acht Uhr befanden sich in meinem Abteil nur noch drei andere Mitreisende. Ich hatte ein Buch mit mir gebracht, in welchem ich auf der Fahrt immer wieder gelesen hatte. Es war eine Kurzgeschichtensammlung von Gustav Meyrink mit dem Titel: Wachsfigurenkabinett. Die Geschichten des bekannten österreichischen Mystikers waren so exotisch wie verstörend. Ich war allerdings noch nicht allzu weit bei meiner Lektüre gekommen. Zwar hatte ich immer wieder einige Seiten gelesen, aber dann hatte ich das Buch wieder zugeklappt, um aus dem Fenster zu sehen oder vor mich hin zu sinnieren. In Gedanken war ich bei der vor mir liegenden Aufgabe und ich konnte mich nicht auf die Geschichten im Buche konzentrieren.

Da der Zug nun recht leer war, war ich sehr erstaunt, als ich von meinem Buch aufsah und bemerkte, dass ein älterer Herr mir gegenüber Platz genommen hatte. Der Mann, der sicher schon in den Sechzigern war, starrte aus dem Fenster. Er war recht nachlässig gekleidet, obwohl der Anzug, den er trug, vermutlich nicht ganz billig gewesen war. Dass der Mann sich zu mir gesetzt hatte ärgerte mich etwas, gab es doch viele völlig freie Sitzbänke. Aber der Mann schien sich nicht mit mir unterhalten, oder mich sonst wie belästigen zu wollen. Er sah nur mit einem nachdenklichen, fast verträumten Gesichtsausdruck aus dem Fenster. Dabei gab es dort eigentlich nichts zu sehen, war es doch mittlerweile dunkel. Im Fenster konnte ich für meinen Teil nur die vagen Umrisse von Bäumen in der Schwärze ausmachen. Also wandte ich mich wieder meiner Lektüre zu. Aber ich war nicht besonders überrascht, als er mich einige Minuten später dann doch ansprach.

„Das ist doch wirklich eine schöne Landschaft. Der Deutsche Wald hat etwas malerisches, ja Märchenhaftes.“

Ich sah auf, lächelte unverbindlich, und deutete ein Nicken an. Ich hoffte, er würde mich jetzt in Ruhe lassen.

„Wohin reisen sie denn junger Mann?“

Ich rang kurz mit mir, kam aber dann zu dem Schluss, dass es doch sehr unhöflich wäre sich dem älteren Herrn gegenüber abweisend zu verhalten. Also schloss ich mein Buch, um mich eher widerwillig mit dem Mann zu unterhalten.

„Ich werde an der Station Ladstedt aussteigen, ich habe in der Stadt geschäftlich zu tun.“

„Ach wirklich, Ladstedt. Ich bin auch auf dem Weg dorthin, tatsächlich lebe ich dort.“

Ich war nicht wirklich interessiert oder neugierig, aber ich hatte das Gefühl etwas sagen zu müssen und so fragte ich ihn:

„Können Sie mir etwas über die Stadt erzählen? Ist die Stadt groß? Gibt es etwas was sie auszeichnet? Was gibt es dort Interessantes zu sehen?“

„Ladstedt ist nicht besonders groß, dort leben um die 30 000 Einwohner. Je nachdem, ob man die kleinen Ortschaften und Aussiedlerhöfe im Umland dazu zählen möchte. Etwas was die Stadt auszeichnet, schwer zu sagen. Die Stadt hat in jedem Fall eine lange und interessante Geschichte. In der Altstadt gibt es noch viele Gebäude aus dem 15. Jahrhundert und einige wenige Häuser aus dem 13. Jahrhundert. Es gibt sogar einen Teil der Befestigungsanlage, der aus dem 10. Jahrhundert stammen könnte, auch wenn die Historiker sich in diesem Punkt nicht einig sind. Aber vermutlich meinten Sie eher Kaffeehäuser, Theater und Lichtspielhäuser? Leider gibt es in dieser Richtung nicht allzu viel. Dürfte ich fragen, was Sie bei uns in der Stadt zu tun haben?“

Ich fühlte mich etwas ausgefragt, aber was spielte es für eine Rolle. Der Mann war zwar nachlässig gekleidet und war etwas schrullig, aber er war mit Sicherheit ein gebildeter Mann, und ich fand das Gespräch mittlerweile interessant.

„Ich bin als Ingenieur tätig. Meine Firma errichtet eine Eisenbahnbrücke über die Lade. Die Trasse soll später bis nach Prag führen.“