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Es ist der 6. Januar 1928, der Tag vor der historischen großen Flut von Indington. Während ein heftiges Unwetter die Stadt fest im Griff hat, steht der Fluss kurz davor, über die Ufer zu treten und alles zu überfluten. Glory, eine 11-jährige Waise arbeitet in der angesehenen Juwelierwerkstatt und fertigt mit ihrer geheimen Assistentin Krähe, genannt Elster, atemberaubende Schmuckstücke an. Genau in diesem Szenario begegnet Glory dem Jungen Needle, der scheinbar aus einer anderen Zeit über die Stadtbrücke hierher gelangt ist. Er will versuchen, zusammen mit seiner Krähe die Stadtbewohner zu warnen und das Leben vierzehn unschuldiger Menschen zu retten – darunter Glory! Wird es den beiden gelingen, das Unglück zu verhindern, Needles Vater zu finden und die Geschichte neu zu schreiben?
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für Bobby & FayeFühlt euch drei Mal kurz gedrückt.
Glory, 1927 – Wenn der Staub sich legt.
Ich glaube, jetzt weiß ich, was es heißt«, sagte Glory zu ihrer Stoffpuppe, die sie selbst genäht hatte und die gerade mit den Füßen zuerst in ihrem langen Ärmel steckte. Glory stand auf Zehenspitzen auf dem bunt bemalten Hocker ihrer Mutter und spähte ins oberste Fach des elterlichen Kleiderschranks. Sie zog die Andenken-Kiste heraus und balancierte sie vorsichtig auf ihrer hölzernen Hand.
»Wenn der Staub sich legt«, sagte sie mit einer Stimme, die viel älter klang als ihre elf Jahre. »Das sagen sie mir schon die ganze Zeit. Von dem Moment an, als Mama tot war, haben sie behauptet, es würde besser, wenn der Staub sich legt.«
Glory sprang mit einem so lauten Rums vom Hocker, dass ihre Schwester etwas von unten aus der Küche heraufrief. Glory ärgerte sich über sich selbst und verdrehte die Augen. »Es ist nichts, Dee-Dee! Bin bloß gestolpert!«
Sie stellte die Kiste aufs Bett und wandte ihren Arm so herum, dass die Puppe mit dem Gesicht auf den staubigen Deckel schaute. »Also, Puppe, glaubst du, jetzt hat sich der Staub endlich gelegt?« Glory holte einmal tief durch die Nase Luft und nieste. »Ich schaffe das …«, sagte sie und zog die Stoffpuppe aus ihrem Ärmel. »Ich schaffe es, eine richtige Anstellung zu finden, ganz bestimmt – wie eine richtige Erwachsene, damit ich ein paar Pennys in Dee-Dees Mietgeld-Dose legen kann.«
Hätte die Stoffpuppe echte Augen gehabt, dann hätte sie einen seltenen Schimmer Furcht in Glorys Blick aufblitzen sehen, denn es war schwer genug, innerhalb weniger Wochen Mutter und Vater an das Fieber zu verlieren – ganz zu schweigen von der Angst, auch noch ihr Zuhause hergeben zu müssen.
»Ein Unglück kommt selten allein, das steht fest. Also muss ich meinen Teil dazu beitragen, die Miete zu zahlen.« Glory schluckte.
Sie klappte den Deckel auf. Viel war nicht in der Kiste, aber alles darin steckte randvoll mit Erinnerungen an ihre Mutter. Langsam fuhr sie mit ihrer Holzhand durch den Inhalt und erwischte mit dem kleinen Haken, der aus ihrer hölzernen Zeigefingerspitze ragte, ein Paar Seidenstrümpfe. Sie fischte sie heraus und hielt sie hoch.
»Die tun es für den Anfang«, sagte sie. »Darin sehe ich genauso alt aus wie Dee-Dee – mindestens sechzehn.«
Obwohl es nicht ganz ausgeschlossen war, dass sie als Elfjährige bezahlte Arbeit fand, war sie klug genug, um zu wissen, dass richtige Anstellungen nur Jungen und Mädchen offenstanden, die schon ihren Schulabschluss hatten. Außerdem war es für Jungen meist einfacher, eine Arbeitsstelle zu finden. Kein Junge zu sein, hatte sie natürlich noch nie von irgendetwas abgehalten, und mithilfe der Sachen ihrer Mutter würde sie es mit jedem älteren Bewerber locker aufnehmen können. Was den Schulabschluss betraf, konnte sie jedoch wenig ausrichten. Obwohl sie in allen Fächern gut war, hielt die kleinkarierte Direktorin die Bemühungen der Schule für ein Mädchen, das aller Voraussicht nach keine Zukunft haben würde, für vergeudet.
»Sie haben mich rausgeworfen, weißt du. Deswegen!« Glory hielt ihre Holzhand hoch und schüttelte sie heftig. »Dämliche Hand. Dämliche Direktorin«, murmelte sie und warf ihrer Stoffpuppe einen Seitenblick zu. »Was denn?« Sie hätte schwören können, dass die Puppe sie mit ihren Knopfaugen skeptisch ansah. Glory biss sich auf die Lippe, bis es wehtat – hätte sie den Mund gehalten, anstatt der Schuldirektorin all diese Worte an den Kopf zu werfen, würde sie vielleicht jetzt gerade Algebra lernen. Aber sie konnte doch nichts dafür, dass es ihr schwerfiel, ihre Gefühle für sich zu behalten, ganz zu schweigen von ihren Worten. Schließlich stand ihr trotzdem eine ordentliche Ausbildung zu, oder etwa nicht? Eine Ausbildung in einem schicken Laden, wo sie das tun konnte, was sie am liebsten tat: Schmuck gestalten.
Sie nahm einen roten Lippenstift, drehte ihn aus seiner Hülle und stellte fest, dass er perfekt nach dem Kussmund ihrer Mutter geformt war. Vorsichtig legte sie ihn wieder in die Kiste und stopfte sich stattdessen einen roten Glockenhut unter den Arm. Dann warf sie sich die Strümpfe über die Schulter, schlang sich eine Perlenkette um den Hals, die unter dem Bett gelegen hatte, und schnappte sich zwei graubeige Schnürstiefeletten.
Ein paar Minuten später kam sie im feinsten Modezubehör ihrer Mutter vor den Spiegel stolziert. Sie stellte sich eine elegante Ladentür vor, klopfte an das Glas und schürzte die Lippen, genau wie sie es bei den vornehmen französischen Damen vor dem Hotel Rips gesehen hatte.
Mit der bestmöglichen Erwachsenenstimme wandte sie sich an ihr Spiegelbild: »Guten Tag. Ihr Juweliergeschäft sieht heute ausgesprochen prachtvoll aus. Darf ich Ihnen meine Entwürfe zeigen?«
Vielleicht würde sie ja damit durchkommen. Eine Erwachsenenstimme nachzuahmen, fiel ihr leicht, weil sie in der letzten Zeit mit Gleichaltrigen kaum ein Wort gewechselt hatte. Sie strich sich über ihr schlichtes blaues Kleid und nahm sich vor, bei Gelegenheit eins von ihrer Schwester zu borgen.
»Ich schaffe das«, sagte sie wieder. Vielleicht könnte sie tatsächlich eine Anstellung ergattern und sich und Dee-Dee den Vermieter vom Hals halten. Sie beugte sich vor und sah sich im Spiegel in die braunen Augen. »Und wer weiß, Gloria Bobbin, wenn du brav deine Klappe hältst, gehört dir vielleicht eines Tages selbst ein Geschäft.«
Auch wenn manch einer ihre fehlende Hand als Zeichen dafür betrachtete, dass es ihr an Möglichkeiten fehlte. Eins stand auf jeden Fall fest: An Träumen fehlte es ihr nicht.
Sie knüllte den Filzhut zusammen und wollte die Staubschicht vom Spiegel wischen, zögerte dann aber. »Vielleicht gebe ich dem Staub noch ein bisschen länger Zeit, sich zu legen«, flüsterte sie, zwinkerte ihrem Spiegelbild zu und drückte sich die Daumen, so fest es nur ging.
Vor langer, langer Zeit in einer Stadt namens Indington, wo die Straßen gepflastert waren und der Himmel schwarz vor Rauch, fuhr hart arbeitendes Volk in Pferdewagen zu den Stoff- und Knopffabriken an der fünfbogigen Brücke. Dort beginnt die Geschichte unseres Schlammspatzen: eines Jungen, der verschollene, längst vergessene Dinge aus dem schlammigen Uferland des Flusses Tweed grub. Schätze nannte er sie – und sein Name war Needle.
Needles längster Fingernagel war der an seinem kleinen Finger – sorgfältig spitz geknabbert und perfekt zum Herauspulen geeignet. Er schob ihn tief in den reifbedeckten Schlamm, drehte die Handfläche nach oben und zog den verborgenen Schatz mit einer schnellen Bewegung heraus.
SCH-MMM-OCK!
Es war ein lang gezogener Laut, und wenn Needle ihn nachmachen wollte, musste er nach dem M blitzschnell die Lippen öffnen. Dann entstand so etwas wie ein Schmatzen, und wenn es eine Farbe hätte, dachte Needle, dann wäre es Lila. Er hörte es jedes Mal, wenn er etwas aus dem glitschigen Untergrund löste.
»Gut gemacht, Elster. Sieht aus wie ein Ring.« Needle spuckte auf den kleinen Gegenstand und rieb ihn vorsichtig am Lederriemen seiner Umhängetasche. »Gold. Und oben zweifach gedreht, siehst du?« Er hielt Elster den Ring direkt vor den Schnabel, während sie um ihn herumtippelte. »Und dazu hat er vier Krappen, in denen bestimmt mal ein wertvoller Edelstein gefasst war.« Needle legte sich den Ring auf die Handfläche.
Beißende Kälte durchzuckte ihn an der Stelle, wo das schlammverschmierte Schmuckstück sie berührte. Er schloss die Augen und wartete darauf, dass es ihm seine Geschichte erzählte. Irgendwo in seinem Inneren, in seinem Herzschlag vielleicht, spürte er, wie es sich regte. Er schob die Brust vor, streckte den Hals und legte sich die freie Hand in den Rücken.
»Der ist einfach, Elster. Ich sehe drei Mädchen an einem heißen Tag am Flussufer langpaddeln und sich benehmen, als täten sie was Unerlaubtes.« Er riskierte einen Blick auf sein Ein-Krähen-Publikum, und seine Lippen verzogen sich zu einem stolzen Lächeln. »Sie schleudern Kiesel und wollen das Brot versenken, das wer für die Möwen in den Fluss geworfen hat. Und das Mädchen im blauen Kleid landet ’nen Treffer, aber der verflixte Ring fliegt mit weg. Sie merkt nicht mal, dass er ihr vom Finger rutscht. Früher war er mit ’nem Rubin besetzt, und ich glaub, sie hat ihn ihrer Tante gestohlen –’ne garstige Alte, wie es klingt. Wenn der Rubin noch dran wäre, könnt’ ich dir mehr erzählen.« Er schlug die Augen auf, warf den Ring in die Luft und fing ihn wieder. »Ist vor bestimmt vierzig Jahren passiert, mindestens.«
Um seinem Vogel dafür zu danken, dass er das Schmuckstück gefunden hatte, zog er vorsichtig einen Wurm aus einem Büschel reifbedecktem Gras und hielt ihn ihm hin. »Dad hat dich nicht ohne Grund Elster getauft, weißt du. Kann sein, dass du ’ne Krähe bist, aber von dir kann sich jede echte Elster ein Stück abschneiden. Die finden zwar glänzende Sachen, aber du entdeckst funkelnde Schätze sogar, wenn sie im Schlamm versteckt sind. Die beste Schatzsucherin von Indington bist du!« Er blickte seine Krähe aufmerksam an. Liefen da etwa ihre Wangen unter den Federn rot an? Es sah so aus. Ach, wenn er doch nur auch einen Weg finden würde, seine verräterischen Wangen zu verbergen.
Er kratzte noch ein bisschen Schlamm von dem Ring und hielt ihn hoch, sodass das helle Licht der Wintersonne, sich darin spiegelte. »Mam wird sich freuen. Wenn ich erst ’nen Glasstein eingesetzt habe, ist er einen ordentlichen Pott Rindereintopf wert. Und jetzt, wo Dad nicht zu Hause ist, fällt vielleicht für dich auch was ab, Elster.«
Am Zeigefinger passte ihm der Schatz am besten, und während das schwarze Brummen der erwachenden Fabriken die Luft erfüllte, wanderten bald weitere Schätze in seine Tasche: ein halbes Dutzend Porzellanscherben, ein Stück Kupferdraht, zwei verbogene Münzen, eine Gürtelschnalle und ein rosenförmiger Knopf – jedes Stück mit seiner eigenen ans Flussufer gespülten Geschichte.
Als sie die alte Bäckerei rechts oberhalb des Flusses erreichten, kehrten sie um. Was jenseits dieses Punktes lag, hob Needle sich für wärmeres Wetter auf. An kalten Tagen wie diesem warfen die hohen Mauern Schatten aufs Ufer, sodass die verborgenen Schätze zu schwer auszugraben waren. Zumindest wäre das wohl Needles Antwort gewesen, wenn ihn irgendwer gefragt hätte. In Wirklichkeit waren die Bäckerburschen der Grund, die ihn ohne Dad an seiner Seite bestimmt vermöbeln und mit Brotstücken bombardieren würden – und zwar mit den verkohlten Brocken, die so richtig schmerzten.
Schlag nicht zurück, sonst triffst du noch das bisschen Gute in ihnen, sagte Needles Mutter immer.
Aber wenn du sicher bist, dass keins in ihnen steckt, dann wehr dich, so gut du kannst, fügte sein Vater stets hinzu.
Während Needle seine ans Ufer gespülten Schätze laut aufzählte, drehte er den Goldring am Finger, einmal herum für jeden Fund. Außer dem Ring war noch jede Menge anderes in seiner Tasche, das er so biegen, bearbeiten oder formen konnte, dass seine Mutter es vielleicht an ihrem Marktstand loswerden würde. Er wandte beim Gehen den Blick nicht vom Boden.
Plötzlich hockte er sich hin. Wie ein neugieriger Seehundskopf lugte da ein gläsernes Rund mit schwarzem Korken aus dem Schlamm. »Hast du mir eine Geschichte zu erzählen?«, fragte Needle den Flaschenhals und stupste ihn von einer Seite zur anderen. Er schob sich den Jackenärmel über die Hand, für den Fall, dass das Glas zerbrechen würde, und zog. Mit einem SCH-MMM-OCK kam die Antwort.
»Da ist ein Brief in der Flasche!«, rief er seiner Krähe zu, die am Flussufer entlanghüpfte, wo die Kiesel an Moos und Gras grenzten. Sie war auf der Jagd nach schillernden Käfern.
Ohne sich zu erheben, legte er sich die schlammverschmierte Flasche auf die Handfläche und wartete auf ihre Geschichte. Mit geschlossenen Augen lauschte er einen Moment, doch bald schon schlug er die Augen wieder auf. »Es geht um einen Jungen, Elster, vielleicht ein bisschen älter als ich. Ich glaub, er hat der Flasche sein Herz ausgeschüttet«, sagte er und wischte mit dem Daumen über die Oberfläche. »Hier ist sein Versprechen drin, das Versprechen, mit einem geheimen Plan seinen Bruder nach Hause zu bringen.« Needle hievte sich auf die Ufermauer und setzte sich. Er blickte auf die Flasche und beobachtete, wie der Fluss durch das Glas funkelte.
»Vielleicht verrät der Brief mir noch mehr.« Mit den Zähnen zog er den Korken heraus. Vielleicht würde der geheime Plan ihm auch sagen, wie er seinen Dad nach Hause bringen konnte.
Er schüttelte den Brief aus der Flasche, legte ihn, außerstande, den Text zu lesen, auf seine Handfläche, schloss die Augen und wartete.
Tief in seinem Innern begann sich die Geschichte, begann sich der geheime Plan zu offenbaren. Doch gerade als Needles Hoffnung langsam wuchs, zersprangen Geschichte und Glasflasche am Ufer in tausend Stücke, und eine kalte Hand legte sich ihm um den Hals. Er wurde von der Mauer gezerrt und rücklings auf den Boden geschleudert.
Während heftige Boxschläge dafür sorgten, dass ihm die Luft wegblieb, versuchte er zu schreien, zu verhandeln, zu feilschen, überhaupt irgendetwas zu sagen. Aber es kam nichts. Drei wütende Burschen, die nach heißem Backofen rochen, gingen auf ihn los und brüllten, es habe ihm wohl die Sprache verschlagen. Er sah Elsters schwarzes Gefieder zwischen ihnen aufblitzen, während sie ihm die Lederstiefel von den Füßen zerrten und sie in den Tweed warfen. Einer von ihnen, ein Riesenkerl mit langen Armen, zog ihm den Ring – und mit ihm die Aussicht auf einen Pott Rindereintopf – vom Finger.
So schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die Kerle wieder und ließen Needle zusammengesackt auf der Straße zurück. Schwankend rappelte er sich hoch und kraxelte ans Ufer. Elster blieb auf der Mauer sitzen und legte den Kopf zur Seite.
»Da war nix zu machen«, murmelte Needle geknickt. Warum schaffte er es bloß nie, den Mund aufzumachen, wenn’s drauf ankam? Seit sein Vater nicht mehr da war, blieben ihm die Worte einfach im Hals stecken.
Die Bäckerburschen hatten recht: Es hatte ihm wirklich die Sprache verschlagen. Er zog auf den eiskalten Kieseln die nackten Zehen an und streckte sie wieder. »Elf« sagte er und ballte die Fäuste unter den Achseln. Er konnte schon nicht mehr an den Fingern abzählen, wie oft ihm so etwas Schreckliches passiert war. »Elf Mal, seit Dad fort ist.« Er sah zu seiner Krähe, die ganz merkwürdig dastand: mit steifen Flügeln und die Krallen angespannt, als stünde sie auf Eierschalen.
»Ist schon gut.«
Elster legte Needle stumm ein paar Larven in die Hand.
Needle kippte sie in seine silberne Käferdose. »Das sind dann acht. Die müssten reichen«, sagte er, während das Zittern seiner Stimme langsam nachließ. Als er die Dose in seine Tasche gleiten ließ, durchzuckte plötzlich ein heftiger Schmerz sein Bein.
»Autsch!« Er fasste sich an den Knöchel und hopste im Kreis herum und blieb erst stehen, als Elster ihn wieder schräg ansah.
»Nein! Es geht mir doch nicht gut! Irgendwas hat mich gestochen!«, rief Needle. »Das verdammte Ding muss zu Bruch gegangen sein. Und warte, bis ich erst von Mam eins aufs Dach kriege«, fügte er hinzu und stellte sich vor, wie sie angesichts seiner stiefellosen Füße mahnend den Zeigefinger heben würde. Ungeachtet ihres zerbrechlichen Inhalts warf er seine Tasche auf den gefrorenen Schlamm und setzte sich drauf. Fest überzeugt, dass es bluten würde, riss er einen Streifen graue Baumwolle von seinem Hemdsaum und legte den rechten Fuß mit der Sohle nach oben auf dem linken Oberschenkel. Seine Krähe balancierte mit einem Flügelschlag auf seinem Knie.
»Na, gibt’s denn so was? Sieh dir das an, Elster«, flüsterte er und rieb sich mit dem Stoffstück über die Fußsohle. »Nicht ein Kratzer!«
Allerdings begann sich die Haut an seinem Fußballen zu wölben. Elster legte sanft den Kopf auf Needles Arm.
»Das wird ’ne Blase.«
Needle begann, auf allen vieren und mit Elster auf der Schulter den Schlamm abzusuchen, der in diesem Uferbereich leicht gefroren war.
Er sah es zuerst.
Ein kleines gezacktes Bronzedreieck war an die Oberfläche gekommen, um Luft zu schnappen. Weiß der Himmel, wie lange es schon da lag, von Schlamm bedeckt zwischen den herumtapsenden Möwen und im Wechsel der Gezeiten. Was für ein außergewöhnlicher Fund. Als Needle das Metall vorsichtig mit dem Zeigefinger berührte, zuckte er zusammen. Obwohl sie ganz schmutzig war, saugte er an seiner Fingerspitze, deutete hastig auf das Fundstück und signalisierte seiner Krähe mit der anderen Hand fortzubleiben.
Es war feuerheiß.
Nicht zu glauben!
Nicht zu glauben, dass er schon zwölf Jahre auf der Welt war und so ein heißer Schatz existierte, ohne dass er davon wusste! Mithilfe zweier Steine grub er das Bronzestück aus, betrachtete die erhabenen Buchstaben darauf und legte es auf den Streifen Baumwollstoff, den er von seinem Hemd gerissen hatte. Er nahm ihn an den Enden zu einer Art Beutel zusammen und hielt ihn in die Höhe. Ob dieses glänzende Etwas wohl kostbar war? Genauso kostbar wie die Schätze, die Dad immer mit nach Hause brachte? Die waren nämlich so wertvoll, dass ein Daumenstrich von ihm genügte, und schon konnten sie an Mams Marktstand verkauft werden. Aber das hier? Dieser heiße Schatz?
Needle suchte Kieselsteine und Schlamm zu seinen Füßen nach mehr ab. Dann drehte er sich langsam um sich selbst und überflog seine Umgebung in immer weiteren Kreisen mit dem Blick. Wenn er blinzelte, wirkte das Küstenvorland wie eine riesige graue Reiffläche, doch hier und da waren kleine blaue Kreise darin zu sehen, vier Stück insgesamt. Der nächste ein paar Meter rechts von ihm, ganz nah am Flussufer. So schnell er konnte, humpelte er zu der Stelle und blieb ungefähr einen halben Meter vor dem blauen Flecken stehen. Er hockte sich hin.
»Elster! Komm, sieh dir das an!«
Die Krähe flog an seine Seite.
»Guck mal. Sieht aus, als hätte jemand ein Stück Himmel rausgerissen und auf den Boden fallen lassen.«
Elster tippelte, gänzlich unbeeindruckt, zu dem Flecken Blau und umkreiste ihn.
»Hast du denn gar keinen Geschmack ? Erkennst du nicht die Schönheit darin?«
Es war Wasser, frei von Eis und mit einer so makellos glatten Oberfläche, dass sich der wolkenlose Himmel darin spiegelte.
Elster blieb am Rand der Pfütze stehen und spreizte die Flügel.
»Nicht!«
Doch die Krähe stolzierte unbeirrt hinein. Und als sie bauchtief im Nass stand, tauchte sie ihre Schwanzfedern unter und schlug fröhlich mit den Flügeln.
»Heute ist wohl kaum der richtige Tag für ein Bad, du Dummerchen!« Needle näherte sich noch ein Stück und steckte den Finger in die Pfütze.
»Was ist das?« Er patschte mit den Handflächen ins Wasser. »Es ist warm! Ja! Hier muss es sein, Elster – noch mehr heiße Schätze, die schmelzen das ganze Eis!«
Needle schöpfte das Wasser zur Seite, bis das zum Vorschein kam, was er erwartet hatte: ein weiteres Bronzestück, größer als das erste und mit deutlich erkennbaren Buchstaben darauf.
Er sprang von einer blauen Lache zur nächsten, um den Rest des Puzzles einzusammeln, und bald schon war sein Beutel mit fünf heißen Schatzteilen gefüllt. Und während er seine Stoffbeutel-Ladung weit vor sich hielt, jagte er ihr nach wie ein Pferd einer Karotte, den ganzen Weg zurück bis zur Ösenbrücke.
Er klemmte sich den Baumwollstoff zwischen die Zähne und vergewisserte sich, dass niemand ihn beobachtete, bevor er hastig zwischen dem ersten und dem zweiten Bogen die steinerne Brückenwand hinaufkletterte. Hoch über dem dunklen Wasser des Tweed merkte er, dass die Granitquader glitschig waren, und flüsterte seinen Händen und Füßen zu, vorsichtig zu sein. Direkt über dem zweiten Brückenbogen, wo die Fahrbahnschwellen über seinen Kopf ragten, kroch er in eine Mauerlücke, die von oben nicht zu sehen war.
Sie befand sich an der Stelle, weil dort ein Steinquader fehlte. Man hatte sich beim Bau nicht die Mühe gemacht, ihn einzusetzen – wozu auch, wenn ihn sowieso keiner sah? Derjenige, der den Stein weggelassen hatte, war ein kluger Baumeister gewesen, genau wie sein Dad. Und Dad war sogar so klug, dass er an einem fernen Ort gebraucht wurde – allzu fern. Er war inzwischen schon so lange fort, dass es wehtat.
Needle ließ den Oberkörper in die Öffnung gleiten und fasste hinter sich. Er tastete nach dem Seil, das er stets um die Taille trug, schob die Finger daran entlang und nahm den Schlüssel, der daran hing. Auf dem Bauch liegend suchte er das Schlüsselloch in der kleinen Treibholztür vor sich und steckte ihn hinein. Beim Aufschließen ertönte, wie gewohnt, ein schönes rubinrotes KLACK. Needle schob die Tür auf und schlängelte sich hindurch.
Als er mit seinem Baumwollbeutel, in dem sich der heiße Schatz befand, und den Worten Guck mal, Dad! auf den Lippen in der verborgenen Kammer der Ösenbrücke stand, verstummte er plötzlich. In der ganzen Aufregung hatte er völlig vergessen, dass der Mensch, dem er das erzählen wollte, gar nicht da war.
Needle leerte den Inhalt des Stoffbeutels auf eine Werkbank. Mit einer Pinzette schob er die heißen Metallteile hin und her, bis die scharfen Kanten sich zusammenfügten und ein unvollständiges Rechteck Form annahm.
»Du bist eins von diesen besonderen Schildern – Gedenktafel nennt man dich wohl«, sagte Needle. »Bloß dass dir unten ’ne Ecke fehlt.« Er nahm eine alte Haarnadel, die schon vor langer Zeit angespült worden war und keine besondere Geschichte zu erzählen hatte, und kratzte die letzten Schlammreste von den Buchstaben auf der Tafel.
»Wo bleibst du so lange?«, fragte er, als kurz darauf Elster durch ihre eigene kleine Mauerlücke geflogen kam. »Ich glaub, die Schatzgötter haben’s heute gut mit uns gemeint, Elster.«
Der Vogel sah ihn reglos an.
»Woran soll’s denn sonst gelegen haben? Das is’ die einzige Erklärung für diesen heißen Schatz, und für all die anderen feinen Schätze in unserer Kammer«, sagte Needle und schwenkte die Hand über Blechdosen und Holzkästchen voller Metallstücke, verzierter Knöpfe und handbemalter Porzellanscherben. Er deutete mit dem Kopf auf Gläser, die mit Überresten alten Schmucks, funkelndem Meerglas und anderen geheimnisvollen Gegenständen gefüllt waren, denen er erst noch Namen geben musste.
Natürlich waren das nicht alles Needles Funde – sein Vater hatte den Raum hergerichtet, damit sie beide ihre Schätze darin lagern konnten. Er hatte die leere Kammer über dem zweiten Brückenbogen in eine Werkstatt verwandelt, ausgestattet mit Regalen, einer Werkbank und einem Nest für Elster: einem dicken Regalbrett mit eingeschnitzter Kuhle, die mit angespülter Angelschnur und Zweigen gefüllt war. In dieser Kammer hatte er Needle beigebracht, wie man die Geschichten der Schätze hörte, und hier verwandelten sie gemeinsam längst vergessene Dinge in kleine Kostbarkeiten, um sie auf dem Markt zu verkaufen.
Elster ließ einen Scone aus dem Schnabel fallen und tschilpte wie ein junger Spatz.
»Bist du in der Bäckerei gewesen? Haben sie etwa Steine geworfen?« Besorgt ließ Needle die Haarnadel fallen, untersuchte die Flügel der Krähe auf Unversehrtheit und zählte ihre Krallen. Als Elster anfing zu schnurren, bekam er plötzlich Hunger und griff nach dem Scone. »Danke.« Seltsamerweise war er noch ganz warm, wie frisch aus dem Ofen, doch sicherheitshalber suchte Needle ihn nach grünem Schimmel ab. Erst als nirgends welcher zu sehen war, biss er hinein. Kaum sanken seine Zähne in die mürb-goldene Kruste, offenbarte sich seine fluffig-süße Köstlichkeit.
Als Needle aufgegessen hatte, sah er Elster fragend an. »Woher hast du den?« Einer von den Bäckerburschen hatte ihn wohl kaum gebacken.
Elster breitete die Flügel aus und fächelte ihm warme Luft zu.
Ohne sie weiter zu beachten, pustete Needle ein paar Krümel von den bronzenen Bruchstücken. »Was meinst du, was da steht, Elster?«, fragte er und spürte ein zunehmendes Schaudern. »Wo man den Königsschatz findet? Oder es ist vielleicht eins von diesen Zaubertrankrezepten?«
Elster krächzte.
»Vielleicht sagen die Buchstaben auch, dass du die beste Krähe der ganzen Stadt bist.« Er legte Elster sanft die Flügel an und nahm sie in die Hände. »Ich kann Mam bitten, es mir vorzulesen.« Er merkte, dass seine Krähe am liebsten sofort losgeflogen wäre. »Aber das muss noch ein bisschen warten, ja?« Zuerst musste er noch etwas Schönes für Mams Marktstand machen – denn er hatte nicht vergessen, welche Farbe Mams Stimme plötzlich angenommen hatte, als der Vermieter an die Tür klopfte. »Mir schwebt ein Kerzenständer vor, mit 1864 drauf. Nicht schlecht, was?«
Needle setzte seine Krähe ab und wandte seine Aufmerksamkeit den halb fertigen Christbaumanhängern zu, die neben ihm verstreut lagen. Sie waren aus allerlei Flusschätzen geschickt zu zierlichen Gebilden verklebt, verlötet und vernäht worden. Needle sammelte sie ein und hängte sich ein paar an die Finger. Er posierte einen Moment lang wie ein Weihnachtsbaum, bevor er sie in eine leere Holzkiste legte.
»Fehlt hier und da noch ’ne Glasperle oder ’ne Schleife aus Kupferdraht, aber das sparen wir uns fürs nächste Jahr.« Er zog ein Stück Blech neben der Werkbank hervor und benutzte es als Deckel für die Kiste. Wenn er die heißen Bruchstücke darauf verteilte, würde sich die Hitze vielleicht darin ausbreiten und ihm die Finger wärmen.
»Dann mal los«, sagte er und holte die silberne Käferdose aus dem Innenfach seiner Umhängetasche. Darin lagen acht schlaftrunkene Käfer, die Elster zuvor gefangen hatte. Er nahm einen heraus und beobachtete, wie er die Beine streckte. Dann gab er ihm einen Kuss, entschuldigte sich und rupfte ihm die Flügel aus. »Du kannst sie jetzt haben, lass mir nur die Flügel übrig.«
Während Elster ihr Frühstück verputzte, bereitete Needle sich auf die Arbeit vor. Wie immer zog er als Erstes an der Schnur um seinen Hals, bis sich der ovale Stein, der daran hing, an seinem Kragen vorbeischob. Er nahm ihn zwischen die Finger und spähte durch das kreisrunde Loch in seiner Mitte. Diesen Stein hütete er wie seinen Augapfel, denn er gehörte zu den ersten Schätzen, die er mit seinem Vater zusammen gefunden hatte. Das ist ein magischer Lochstein, hatte Dad damals erklärt.
»Hör mal, mein Atem, Elster. Er wird langsamer, wenn ich durch das Loch gucke. Dad sagt, als ob die Zeit langsam stehen bleibt, und er hat recht.« Während Needle durch das Loch sah, merkte er, wie sein Kummer verflog. Die Sorge um seinen Vater schwand. Der Krampf im Bauch, den er jedes Mal bekam, wenn er versuchte, etwas zu sagen, löste sich. Der Kloß im Hals, den er stets spürte, wenn seine Mutter sich entschuldigte, weil es schon wieder dasselbe zu essen gab, schmolz. Im Geist war er in einer anderen Welt – in einer besseren. Er steckte den Stein wieder unter sein Hemd, atmete tief durch und begann mit der Arbeit.
Mehrere Stunden vergingen, bis Needle ein Stückchen Papier aus seiner Hemdtasche zog und die Ziffern der Jahreszahl 1864 darauf betrachtete, die seine Mutter ihm aufgeschrieben hatte. Mit dem Daumen rieb er den Griff des neuen Kerzenständers blank – einer in sich gedrehten Gabel mit gebogenen Zinken, die mit buntem Meerglas besetzt waren – und überlegte, wo er sie am besten eingravieren sollte. Dann wünschte er seinen zittrigen Fingern viel Glück.
Elster, die schon wieder Hunger hatte, wurde langsam unruhig.
»Vielleicht kannst du noch ein paar von den leckeren Scones besorgen.« Es klang eher wie ein Befehl, nicht wie ein Vorschlag, was Needle leidtat. »Mam würde sich bestimmt freuen«, fügte er deshalb mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu.
Bevor Elster losflog, antwortete sie noch auf ihre Art; sie legte den Kopf zur Seite, sodass sie Needle mit einem Auge sehen konnte, streckte kurz ein Bein aus und zog es wieder unter den Bauch. Needle verstand das als ein Alles-in-Ordnung.
Bei Needles Heimkehr war es schon dunkel. Als er die Tür zur Küche aufschob, schlugen ihm ein Stoß warme Luft und ein köstlicher Duft entgegen. Er schlich sich zum Küchentisch in der Mitte des kleinen Raumes. Seine Mutter stand mit dem Rücken zu ihm am Herd und regte sich nicht.
Ob sie ihn gehört hatte? Wahrscheinlich – sein blasenloser Fuß war bei jedem Humpelschritt auf den Boden geklatscht – aber sie spielte mit, und so stellte er schweigend den Kerzenständer auf den Tisch. Dann steckte er unterhalb der Tischplatte den Finger in ein kleines Loch, wo früher einmal ein hölzerner Knauf gesessen hatte, und zog die Schublade heraus. Er nahm eine Kerze, steckte sie in den Halter und entzündete den Docht. Da strahlte helles Licht von den geschliffenen Glasperlen und den schimmernden Käferflügeln zurück, und goldene Flecken sprenkelten die kalkweißen Wände.
»Jetzt?«
»Jetzt, Mam.«
Seine Mutter wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, schnipste sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und drehte sich um.
»Zauberhaft, mein Schatz!«
Während Needle den Kerzenständer langsam im Uhrzeigersinn drehte, drehte auch sie sich, schwebte anmutig im Kreis, pfiff dabei Needles gelbe Lieblingsmelodie und tanzte zur Tür, um sie zu schließen.
»Ein Käferflügel fehlt – Nummer sechzehn hat Elster stibitzt«, grummelte er.
»Mit fünfzehn sieht er doch viel schöner aus!« Als Needle nach kurzem Zögern zustimmte, deutete sie lächelnd auf sein Meisterwerk. »Der bringt sicher einen ordentlichen Preis. Das hast du gut gemacht«, sagte sie, »aber noch nicht anfangen.« Sie ging wieder zum Herd, füllte zwei Schalen mit dampfender Suppe und trug sie zum Tisch. Dann zog sie zwei Löffel aus einem Glas und gab Needle seinen liebsten – einen fein gravierten Flussuferfund, der die Geschichte eines Festes und einer Köstlichkeit namens Götterspeise barg.
»Jetzt bin ich so weit«, sagte sie und setzte sich ihrem Sohn gegenüber.
Und während die Kerze zwischen ihnen flackerte, begann er. Er berührte die einzelnen Teile des Kerzenständers mit der Handfläche und wartete jeweils darauf, dass die Kälte ihn durchzuckte. Dann erzählte er eine Geschichte nach der anderen: die von dem Mörder mit den sechs Fingern und den Silberringen, die so schwer waren, dass sie ihm die Arme lang zogen und den Rücken krümmten; die von der Kanalratte, die stolz ihre Sammlung gestohlener Schlüssel zur Schau stellte; die von der eifersüchtigen Perückenmacherin und ihrem Haarteil aus purem Gold; und die von dem Spinnenamulett, das jeden, der es um den Hals trug, mit dem unwiderstehlichen Drang zu tanzen segnete oder strafte. Ein ganzer Strauß Geschichten, die den Glasperlen, Käferflügeln und metallenen Windungen eingeschrieben waren. Für einen Jungen, der im Buchstabenmeer einer Buchseite die Worte nicht fand, war er im Lesen seiner Schätze ein Meister.
Als sie zum Ende kamen, war das Feuer im Herd heruntergebrannt, und Needles Mutter pustete die Kerze aus. »Du hast einen kostbaren Schatz erschaffen, Needle, und nachdem nun die Geschichte all seiner Einzelteile erzählt ist, beginnt in diesem Moment seine eigene. Was für ein schöner Kerzenständer – dein allerschönster überhaupt.« Sie zauste ihrem Sohn die Haare und schob ihren Stuhl zurück. Doch anstatt aufzustehen, klopfte sie sich auf den Oberschenkel. »Jetzt zeig mir deinen Fuß. Ich hab dich humpeln gehört.« Und dann klang ihre Stimme plötzlich ganz rot. »Wo sind deine Stiefel?«
»Den Möwen vorgeworfen, Mam.« Needle hob langsam den Fuß und legte ihn auf ihr Bein. »Aber das Gute ist, dass sie meine Tasche nicht auch weggeschleudert haben?«, fügte er in der Hoffnung hinzu, sie würde die positive Seite daran sehen, die er mit viel Mühe gefunden hatte.
Ihr strenger Blick wurde sanfter, und ihre Stimme auch. »Ach Needle. Die Bäckerburschen wieder? Diese Twill-Brüder?«
Statt einer Antwort wackelte Needle mit den Zehen und wartete auf ihre Reaktion.
Sie inspizierte die Wunde und hielt seine Zehen sachte fest. Mit dem Daumen löste sie den getrockneten Schlamm, der sich über den Tag angesammelt hatte, und blies ihn vorsichtig weg. Nicht ihre Berührung war es, die Needle zusammenzucken ließ, sondern die Wärme ihres Atems.
»Wie ist das passiert?«
»Elster und ich haben, du weißt schon, geschmockt?«, antwortete er und sah sie an, um zu festzustellen, ob seine Wortwahl sie ärgerte. Schmocken würde ungehobelt klingen, hatte sie ihm einmal gesagt, aber was konnte daran ungehobelt sein, wenn seine Schätze das Licht der Welt erblickten? »Und da hat es im Schlamm gesteckt und mich erwischt.« Er zog seine Umhängetasche von der Stuhllehne und ließ die Hand über der Wärme schweben, die das graue Stoffbündel abgab. Als er den tadelnden Blick seiner Mutter bemerkte, setzte er sich hastig aufrechter hin und steckte sein zerrissenes Hemd in die Hose.
»Es blieb mir nichts anderes übrig, Mam. Ich musste sie in irgendwas einwickeln, und ich hatte da draußen sonst nichts dabei«, sagte er und hielt ihr die offene Tasche hin. »Vorsicht, sie sind heiß.«
»Heiß?« Die Stimme seiner Mutter klang rau. In Needles Ohren klang sie orange: beunruhigt. Sie zog den Baumwollstoff zur Seite und nahm das spitze Ende einer der Bronzescherben zwischen die Finger.
»Mam!« Needle zuckte zusammen. Das musste doch wehtun.
Seine Mutter hob das dreieckige Bruchstück aus seinem baumwollenen Bett und legte es sich auf die Handfläche. »Eiskalt, siehst du?«
Needle wollte es wegnehmen.
»Nein!«, rief sie, zog die Hand schnell zurück und legte es auf den Tisch. »Du verbrennst dich.«
»Was?« Es ergab keinen Sinn, was Mam da sagte. Heiß oder kalt, ja oder nein – das war doch eindeutig. Warum bestand die Welt nicht einfach aus Schwarz und Weiß, ohne das ganze Grau dazwischen?
»Es ist … kompliziert«, sagte sie und strich ihm übers Schienbein, während sie anfing zu erklären.
»Wenn du Sachen im Schlamm findest, wie fühlen die sich dann an?«
Needle zuckte mit den Schultern.
»Denk nach. Und hab keine Angst, etwas Falsches zu sagen. Oder etwas, dem andere nicht zustimmen. Sprich es einfach aus! Deine Schätze – wie fühlen die sich an, wenn du sie findest?«
»Weiß nicht. Ziemlich kalt, denk ich?« Needle setzte sich kerzengerade hin; seine Antwort war gut. »Und dann werden sie eisig, in meiner Hand, Mam. Je älter etwas ist, umso kälter fühlt es sich an. So kalt manchmal, dass es wehtut. Und dann kann ich alles sehen.«
»Was du siehst, ist die Vergangenheit.«
»Ja. Wenn du ganz fest dran denkst, kannst du sehen, was mit dem Schatz passiert ist. Wer ihn alles in seiner Tasche hatte, weißt du, als wärst du an ihrer Stelle. Du bist zwar wach, aber es ist wie ein Traum, stimmt’s?«
»Na ja, wie ich dir schon öfter gesagt habe, weiß ich das nicht, Liebling. Das ist dein besonderes Talent. Genauso wie die Gabe, Dinge in Farben zu hören. Bist du nicht ein Glückspilz? Denn wer will schon bloß ein grauer Kiesel unter all den anderen sein? Aber am besten du behältst das mit deinen außergewöhnlichen Fähigkeiten für dich«, fügte sie hinzu und tätschelte ihm die Wange. »Einzigartig bist du. So viel steht fest.«
Noch nie hatte ihn jemand mit einem so schimmernd goldenen Wort bezeichnet. »Aber jeder kann diese Schätze lesen, weißt du? Du musst bloß ganz ruhig werden und deine ganzen Gedanken wegschieben«, sagte Needle.
»Den Kopf frei machen, meinst du. Das ist mir aber nicht gelungen, als wir es das letzte Mal versucht haben.«
Needle errötete. Er hatte wieder mal die falschen Worte gewählt. Und es stimmte, was sie über ihren Versuch gesagt hatte, Schätze zu lesen – neulich hatte sie vergeblich Dads Teetasse zwischen die Hände genommen. Was waren das bloß für Gedanken, dass sie sie nicht fortschieben konnte? »Dad ist ein besserer Lehrer, Mam, er hat’s mir beigebracht, und er wird es dir beibringen … Glaubst du, es ist eine Brücke? Oder ein Hochhaus? Ein Schloss vielleicht, Mam?« Was immer sein Vater gerade baute, es musste etwas sehr Bedeutendes sein. Warum sonst würde er zu Weihnachten nicht nach Hause kommen?
»Vielleicht.«
