Die Cézanne Connection - Andreas Lukoschik - E-Book

Die Cézanne Connection E-Book

Andreas Lukoschik

4,8

Beschreibung

Anatol Balthasar Trockau, feinsinniger Versicherungsagent und Spezialist für die Wiederbeschaffung abhandengekommener Kunstwerke, kennt sie alle, die Tricks von Fälschern, Dieben und Betrügern. Aber was er dieses Mal als »Versicherungsbetrug« erlebt, ist selbst ihm noch nie untergekommen - und der Beginn einer turbulenten Kriminalgeschichte der ganz anderen Art …

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Andreas Lukoschik wurde in den 1990er Jahren bekannt mit der TV-Sendung »Leo's Magazin«, für die er den Grimme-Preis bekam. Für den Schweizer Kanton Schwyz etablierte er das Printmagazin »Y-Mag«, für das er beim größten Corporate-Publishing-Wettbewerb Europas den »Best of Corporate Publishing Award in GOLD« erhielt und dessen Chefredakteur er ist.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.  

© 2014 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: »Weibliche Badende, von einem Beobachter überrascht«, Paul Cézanne, 1870, in Privatbesitz Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-86358-777-2 Originalausgabe

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Für Max und Anita

Bei der Jagd nach gestohlenen Bildernist es hin und wieder gut,das Glück auf seiner Seite zu haben.Es ist aber immer gut,mit einem pfiffigen Team zusammenzuarbeiten.

Anatol Balthasar Trockau,Wiederbeschaffer gestohlener Artefakte

Die handelnden Personen

Das Team

Anatol Balthasar Trockau– freiberuflicher Versicherungsagent und unkonventioneller Wiederbeschaffer abhandengekommener Kunstwerke

Katharina Boiern– begnadete Fälscherin, Diebin und Partnerin von Trockau seit ihrer Begegnung in Rostock

Hedwig von Wessin– geniale Networkerin

Otto (Boi) Boiern– Fälscherlegende, Vater von Katharina und Partner von Hedwig

August– das Elektronenhirn der Zwillinge

Ernst– Kunsthistoriker und der Musische der Zwillinge

Die anderen (in der Reihenfolge ihres Auftritts)

Der Präsident– der Drahtzieher der »Cézanne Connection«

Dr.Alexander Solin– der CEO der Artecuritas-Versicherung

Schmoller– beauftragt bei der Artecuritas-Versicherung die Wiederbeschaffer

Monsignore Rubino Kragenbauer– Freund von Trockau im Vatikan

Giancarlo Conte– Gastgeber von Hedwig von Wessin und Eigentümer des ersten Cézanne

Renzo Landolt– Kunstberater aus Zürich

Ghjuvan Roca (der Korse)– steuert alle kriminellen Aktivitäten

Roberto– der Kopierer auf der »Sea Goddess«

Jean-Philippe Janus– Anwalt

Johan Jakob Löwenthal– der große Cézanne-Sammler aus dem Kleinwalsertal

Georg Stahlberg

Vorher

1

Im Arbeitszimmer eines Landhauses

Er saß in seinem schlicht, aber teuer eingerichteten Büro und schloss behutsam die schwarze Ledermappe. Das Pseudonym Präsident hatte er sich für die raren Fälle zugelegt, in denen er mit jemandem Gespräche führen musste, die für die Abwicklung seiner Pläne bedeutsam waren. Dabei war er in der Tat der Vorsitzende einiger ehrenwerter Organisationen gewesen, deren Mitglieder ihn mit dem, was er jetzt geplant hatte, allerdings niemals in Verbindung bringen würden. Das sollte auch nie geschehen.

Der Präsident hatte in seiner Mappe alles, was er brauchte, um sein Spiel, das er vor fast zwei Jahren begonnen hatte, zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Es würde ein sehr einträgliches Spiel werden. Wenn alles lief wie geplant– und davon ging er aus–, würden ihm Kunstwerke im Wert von gut hundert Millionen Euro in die Hände fallen. Als Dank dafür, dass er eine der feinsten Versicherungen der Kunstbranche sturmreif geschossen hatte. Die Versicherung selbst würden irgendwelche Investoren übernehmen. An Alltagsgeschäften hatte er kein Interesse.

Der Präsident schmunzelte. Er war entschlossen, auch bei diesem Projekt seine drei wichtigsten Maximen einzuhalten: Erstens: Diskretion. Zweitens: Diskretion. Und drittens: Diskretion.

Nicht einmal die Spieler selbst hatten den leisesten Schimmer, dass sie nur Figuren waren, die er auf dem Spielbrett hin- und herschob. Aber so war es ihm am liebsten. Wer nicht wusste, dass er manipuliert wurde, setzte sich auch nicht zur Wehr. Er mochte keine selbstständig denkenden Mitarbeiter. Sie machten nur Arbeit und ließen sich sehr viel komplizierter lenken. Damit wollte er keine Zeit verschwenden.

Der erste Tag

2

Rom, Hotel Hassler

Anatol Balthasar Trockau sah von der Dachterrasse des Hotels an der Spanischen Treppe über die Dächer der Ewigen Stadt. Die Kuppel des Petersdomes fest im Blick– und ein Glas Champagner ebenso fest in der rechten Hand.

Er bedauerte, dass Katharina, die Frau, die er liebte, die herrliche Aussicht nicht mit ihm genießen konnte. In Roms Palästen hatten so viele Intrigen und Machtkämpfe stattgefunden, die das Abendland geprägt hatten– während Titanen der Kunstgeschichte seine Züge gestalteten: Michelangelo, Tizian, Raffael…

»Noch ein Glas Champagner, Signore?«, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken. Es war einer der makellos livrierten Diener, die die handverlesene Gästeschar mit »Krug«-Champagner versorgten.

»Nein danke. Ich habe noch«, sagte Trockau und ließ seinen Blick nun statt über Kirchen und Kuppeln über die illustren Gäste um sich herum schweifen.

Er befand sich auf dem alljährlichen Treffen der Vereinigung »Sammler bildender Kunst«, einem Zusammenschluss wohlhabender Herren, von denen jeder Einzelne über eine stattliche Sammlung feiner und feinster Bildwerke hoch gehandelter Künstler verfügte.

Trockau passte äußerlich hervorragend in dieses Umfeld. Sein mitternachtsblauer Smoking ließ seinen Teint edel und diskret zur Geltung kommen; das maßgeschneiderte Hemd mit der Waffelpiqué-Hemdenbrust und den Lapislazuliknöpfen saß makellos. Die breite Stirn und die leicht ergrauten Schläfen gaben ihm etwas Klassisches. Dank der Gene seiner italienischen Großmutter war er ganzjährig gebräunt, was ihm den Hauch des Erfolges verlieh, weil die meisten Menschen annahmen, dass er gerade aus dem Urlaub kam. Nicht das Einzige, was viele an ihm falsch einschätzten. Sie hätten den Lachfalten um seine tiefbraunen Augen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Diese Augen ließen auf eine gut erhaltene Jungenhaftigkeit, Neugier und Unternehmungslust schließen, die sein wahres Alter von Anfang fünfzig vergessen machten.

Auch er selbst schätzte seine Wirkung bisweilen falsch ein. Besonders bei der Damenwelt. Wäre er in dieser Hinsicht nicht so unbegabt gewesen, hätte er nämlich manchen Blick, der ihm an diesem Abend zugeworfen wurde, als das erkannt, was er war: interessiert. Aber für die Wahrnehmung dieser Signale fehlte ihm das Talent.

Die Damen standen an den Seiten meist älterer Herren, waren deutlich jünger, blonder und meist auch noch größer als ihre Begleiter und versuchten, ihre Langeweile als mondäne Attitüde zu kaschieren. Nur wenn ein anderer– vermutlich noch reicherer– älterer Herr ihnen einen kleinen Scherz zuraunte, erhellte ein strahlendes Lächeln ihre perfekt gepflegten Züge– und erlosch, wenn sich der Herr einer anderen zuwandte.

Trockau fragte sich, ob diese jungen Frauen wussten, dass sie für ihre Begleiter ebenso prestigeträchtige Sammelobjekte waren wie deren Kunstwerke. Natürlich wussten sie es, beantwortete er sich die Frage selbst. Frauen waren so viel klüger, als es sich Männer träumen ließen. Sie waren sogar so klug, es ihnen nicht zu zeigen.

Er sollte sich also vielmehr die Frage stellen, ob der männliche Part dieser ungleichen Paare– bei allem Stolz auf das langbeinige Geschöpf an seiner Seite– ahnte, dass er in den Augen seiner Eroberung nichts anderes war als ein üppiges Bankkonto auf zwei Beinen. Das zudem schon in die Jahre gekommen war. Früher oder später würden diese Beine einknicken und die Begleiterin als wohlhabende Witwe zurücklassen. Dann konnte sie endlich das tun, was sie schon immer tun wollte. Mit jüngeren Männern.

Bei Begegnungen solcher Art in der schillernden Welt der Kunst fiel Trockau immer wieder die Doppelbedeutung des Wortes »Kunst-Welt« auf. Wie bei »Kunst-Stoff«– aus dem im übertragenen Sinne die Hüftgelenke der einen und die Brüste der anderen Teilnehmer dieser feinen Abendgesellschaft gemacht waren.

Natürlich behielt er diese Einstellung für sich, schließlich wollte er von seinen Klienten weiterempfohlen werden. Und weil die Damen und Herren der Kunst-Welt nun mal allesamt potenzielle Klienten waren, behandelte er sie– so wenig ihm dies auch manchmal behagte– freundlich und zuvorkommend.

Damit ihm dieser Spagat aus Erkenntnis und wirtschaftlichem Zwang auch an diesem Abend gelang, zog Trockau eine Epicure No.2 aus dem Zigarrenfutteral, das in seiner Smokingjacke gesteckt hatte, beschnitt deren Kopf und erwärmte die gerollten Tabakblätter mit Hilfe eines Streichholzes, damit die Feuchtigkeit, die in den Zellen der Tabakblätter gespeichert war, ihm einen milden Rauch schenkte. Dann brachte er die Spitze der Zigarre mit Bedacht und Sorgfalt zum Glühen, ehe er den ersten, köstlichen Zug nahm.

Da dieser Prozess seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte, war ihm entgangen, dass Dr.Alexander Solin inzwischen ans Mikrofon getreten war. Dieser Abend war zu seinen Ehren ausgerichtet; die Sammler wollten dem Vorsitzenden der Artecuritas-Versicherung damit danken, dass seine Versicherung immer ohne Zögern zur Tat geschritten war, wenn einmal der höchst missliche Zustand eingetreten war, dass ihnen eines ihrer wertvollen Gemälde entwendet worden war.

Trockau, dessen kritische Einschätzung der Kunst-Welt durch den wundervollen Duft seiner mild glühenden Havanna friedvoller Gelassenheit wich, hatte den Anfang der Rede nicht wahrgenommen. Jetzt hörte er Dr.Solins Worte: »…und eines dürfen Sie mir glauben, meine Damen und Herren: Ich hätte all das viele Geld, das wir Ihnen ausgezahlt haben, sehr viel lieber selbst behalten…«

Diese Bemerkung wurde von den gut gelaunten Damen und Herren wie erwartet mit einem wohlwollenden Raunen als das angenommen, als was sie gemeint war– als Bonmot.

»Dennoch habe ich es in der langen Zeit«, fuhr Solin fort, »in der meine Versicherung mit vielen von Ihnen zusammenarbeiten durfte, immer als wesentlich erachtet, dass ›Versicherung‹ und ›Vertrauen‹ nicht nur mit demselben Buchstaben beginnen– sondern auch gemeinsam enden: Ohne Vertrauen kann keine Versicherung existieren. Schließlich vertrauen Sie alle darauf, dass die Versicherung hilft, wenn es einmal hart auf hart kommt. Dafür zahlen Sie ja letztendlich unsere durchaus namhaften Versicherungsbeiträge.«

Erneut freundliche Zustimmung im Publikum.

»Und dieses Vertrauen wollte ich immer verdient haben. Deswegen waren und sind wir weiterhin an Ihrer Seite. In guten wie in schlechten Tagen. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren.«

»Ein guter Redner darf über alles reden außer über sieben Minuten«, ertönte neben Trockau eine ihm wohlbekannte Stimme. Sie gehörte Schmoller, dem Leiter der »Abteilung für die Wiederbeschaffung« der Artecuritas-Versicherung. Für ihn arbeitete Trockau ausgesprochen gern, denn Schmoller zahlte immer pünktlich und ohne Zicken Trockaus durchaus sportliche Honorare. Aber er war sie auch wert. Schließlich war er der Beste der freiberuflichen Versicherungsagenten und verlangte sie nur, wenn er erfolgreich war und die Kunstwerke am Ende seines Einsatzes wieder dort hingen, von wo sie gestohlen worden waren.

»Ja«, sagte Trockau. »Guter Mann. Apropos: Steht es wirklich so schlecht um die Finanzen der Versicherung, wie man hört?«

»Ich würde Ihnen ja gerne etwas anderes sagen, lieber Trockau«, Schmoller wandte sich ein bisschen ab und senkte die Stimme, »aber es sieht wirklich nicht rosig aus. Doch das wollen wir heute Abend nicht so laut sagen. Sonst spricht der eine oder andere dieser erlauchten Versicherungsnehmer Solin noch darauf an. Aber Tatsache ist, dass unser Dr.Solin ziemlich unter Druck steht. Es gibt Leute, die glauben, der Aufsichtsrat wolle den Finanzvorstand Georg Stahlberg auf seinen Stuhl setzen, um einen rigorosen Sparkurs zu fahren. Aber so weit ist es noch nicht.«

»Das hört sich für unsere Zusammenarbeit nicht gut an, verehrter Schmoller.« Trockau warf einen kurzen Blick auf Schmoller, ehe er den Blick wieder über die gepflegten Köpfe der »Sammler« schweifen ließ. »Oder sehe ich das zu schwarz?«

»Keineswegs«, antwortete Schmoller und fügte mit seinem unerschütterlichen Optimismus hinzu: »Aber nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Deshalb genießen wir einfach den herrlichen Abend und gönnen unserem Chef dieses ›Hoch-soll-er-leben‹-Gefühl. Und sollte er wirklich seinen Stuhl räumen müssen, wird er sich seinem Handicap beim Golf widmen und ansonsten seiner Frau auf die Nerven gehen– wenn sie nicht gemeinsam auf der MSEuropa über die Weltmeere schippern.«

»Sie sind ja bestens informiert, was Ihr Vorstandsvorsitzender in seiner Freizeit treibt.«

»Überhaupt nicht«, erwiderte Schmoller, »ich stelle mir nur vor, wie ich das machen würde.« Er setzte mit der rechten Hand sein Glas Champagner an, trank es aus und griff sich mit der linken ein frisches vom Tablett eines livrierten Kellners, der neben ihnen einen Weg durch die Gästeschar zu finden versuchte.

»Übrigens– wann fahren Sie wieder ab?«, fragte er dann.

»Die nächsten Tage«, antwortete Trockau vage.

»Dann sollten wir uns irgendwann auf einen Kaffee treffen. Aber jetzt ist Freizeit! Lassen wir es uns ein bisschen gut gehen. Auf Kosten der ›Sammler bildender Kunst‹!« Und damit verschwand Schmoller mit seiner chronisch guten Laune zwischen den Vertretern der »Kunst-Welt«.

Trockau reizte diese Möglichkeit der Abendgestaltung weniger. Er ging zu Dr.Solin, machte ihm seine Aufwartung und bedankte sich für die Einladung. Wenig später setzte er sich diskret Richtung Fahrstuhl ab. Er wollte wieder sichereren Boden unter den Füßen haben. Den der Ewigen Stadt.

Als Trockau durch die Drehtür unter dem Schriftzug »Hassler Villa Medici« auf die blank polierten Steine der Via Sistina trat und die Türme der Kirche Trinità dei Monti vor sich aufragen sah, fühlte er sich sehr viel wohler. Er nahm einen Zug aus seiner Havanna und schritt die Spanische Treppe leichtfüßig hinab.

Rom an einem lauen Juniabend zu erleben gehörte zu den herrlichen Privilegien, die er durch seinen Beruf hin und wieder genießen durfte, und davon wollte er jetzt Gebrauch machen.

Auf der Via Condotti ließ er die luxuriösen Heilstempel der Gucci-Pucci-Klasse links und rechts liegen und flanierte durch die Gassen des alten Rom. Vorbei am Palazzo di Montecitorio, wo sich die italienischen Parlamentarier trafen, um nichts zu bewegen– außer ihren Kontoständen. Er erinnerte sich an ein Gespräch mit dem Enkel des legendären Arrigo Cipriani, der zu Anfang des letzten Jahrhunderts in Venedig »Harry's Bar« gegründet hatte. Der hatte ihm erzählt, dass vor hundert Jahren eine italienische Lira den gleichen Wert wie ein amerikanischer Dollar hatte. Und heute? Gut, heute gab es keine Lira mehr, aber wenn man ein bisschen rechnete, dann wäre heute ein Dollar circa eintausendfünfhundert Lire wert. Einen solchen Wertverlust durften sich die Herren zuguterechnen, die seitdem im Palazzo di Montecitorio das Land »regiert« hatten.

Trockau blieb stehen und schaute sich das pompöse Gebäude mit seinem breiten Portal und den darüber im Abendwind wehenden Flaggen an. Dann betrachtete er die Römer, die gut gelaunt durch die Gassen schlenderten, und ermahnte sich: Sei nicht immer so wesentlich und deutsch. Nimm dir ein Beispiel an den Römern. Nimm das Leben leicht. Er lächelte still. Und um den guten Vorsatz gleich in die Tat umzusetzen, ging er in die nächste Gelateria und ersetzte seine Havanna, deren Geschmack ihm inzwischen zu kräftig geworden war, durch ein Eis.

Anschließend schlug er einen kleinen Bogen, um über die Piazza Navona mit ihren Buden und Straßencafés zu schlendern, und winkte an der Piazza di San Pantaleo nach einem Taxi. Erstaunlicherweise fuhren nur fünf an ihm vorbei; bereits das sechste hielt an. Ungewöhnlich für Rom, dachte er, als er die Tür des weißen Alfa öffnete.

Dann fuhr es, wie alle Taxis Roms, unverhältnismäßig rasant auf dem Corso Vittorio Emanuele zum Tiber, überquerte die gleichnamige Brücke auf die Vatikanseite und rauschte durch den Tunnel auf die Via delle Fornaci. Hier, in Steinwurfnähe des Petersdoms, hatte er sich mit seinem alten Freund Monsignore Kragenbauer im Stammlokal der Schweizergardisten verabredet.

Aufgeräumt und beschwingt überschritt er die Schwelle des »Ristorante Vittoria«, wo der Monsignore bereits im hintersten Eck saß. Neben ihm eine kleine Nische, in der sich eine dunkle Statue befand, vor ihm eine Karaffe gefüllt mit einem leicht moussierenden Weißwein.

»Carissimo«, rief Trockau, breitete die Arme aus und durchschritt in dieser leicht theatralischen, aber durchaus italienkonformen Haltung ein Meer aus schwarz gekleideten Gästen. Es war nicht das Smokingschwarz der Kunst-Welt, sondern das Soutanenschwarz der katholischen Kirche.

Der Grund für diese starke Kleruspräsenz war relativ einfach: Die Herren in Schwarz bekamen hier die sogenannten »prezzi amici«, die ein Drittel unter denen der Touristenpreise lagen. Egal, ob die Soutanenträger aus Kamerun, Chile oder Bayern nach Rom gekommen waren. Eine Vergünstigung, die jeder hier gerne annahm, schließlich war Rom eine teure Stadt, in der sie mit ihren schmalen Bezügen klug haushalten mussten. Der Padrone des Ristorante war im Übrigen der Meinung, dieser kleine Klerus-Rabatt wäre nicht nur gut fürs Geschäft, sondern auch für ein Plätzchen im Himmel.

»Der Herr ABT«, erwiderte Rubino Kragenbauer mit strahlendem Lächeln ebenso laut und nannte Trockau bei einem Namen, der sich aus seinen Initialen zusammensetzte und für seine engsten Freunde reserviert war.

»Was sollen deine Confratres denken?«, lachte Trockau, als sie sich zur Begrüßung umarmten.

»Ach, ein Abt fällt hier nicht weiter auf«, antwortete der Monsignore lakonisch.

»Wenn er einen Smoking statt einer Soutane trägt, schon.«

»Schwarz ist Schwarz«, wischte der geweihte Mann Trockaus Einwände vom Tisch und schenkte ihm ein Glas des erfrischenden »Vino della casa« ein.

»Mitternachtsblau, mein Lieber. Mein Smoking ist mitternachtsblau. Du siehst zu schwarz«, erwiderte Trockau und prostete ihm zu.

»Was führt dich nach Rom?«, fragte der Monsignore, nachdem sie einen Schluck getrunken hatten. »Geschäfte?«

»Indirekt«, antwortete Trockau und stellte sein Glas ab. Dabei wollte er der Frage keineswegs ausweichen; der Monsignore gehörte zu den Menschen, denen er bedingungslos vertraute. Kragenbauer hatte ihm vor langer Zeit bei einer gefährlichen Wanderung in den Bergen das Leben gerettet. Seitdem waren sie Freunde und hatten schon so manchen selbst ernannten »Kunstfreund«, der meinte, sie hinters Licht führen zu können, zunächst auf den Arm genommen, um ihn dann nach allen Regeln der Kunst zu verschaukeln. Das letzte Mal war erst vor Kurzem gewesen, als sie für das Kunsthaus Rostock einen gestohlenen Rothko wiederbeschafft hatten.

»Es war eher so eine Art ›Gesichtspflege‹«, sagte Trockau und machte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft. »Heute Abend feiert der Club der ›Sammler bildender Kunst‹ den Vorstandsvorsitzenden der ›Artecuritas‹ als Dankeschön für seine konsequent gewährte unbürokratische Hilfe. Und weil ich lange Zeit für diesen wirklich integren Mann und seine Versicherung gearbeitet habe, fand ich, dass ich ihm in diesem illustren Umfeld meine Reverenz erweisen sollte. Ich habe gerade keinen aktuellen Fall in Arbeit, also habe ich mir gedacht«, dabei klopfte er dem Monsignore sanft auf den Unterarm, der entspannt auf der weißen Tischdecke ruhte, »dass ich die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen sollte, um meinen alten Freund Rubino besuchen zu kommen.«

»Das war eine gute Idee!«, sagte Kragenbauer und erhob sein Glas gerade, als Trockaus Handy klingelte– und bei mindestens sechs jungen Priestern die stereotype Handbewegung in Richtung Hosentasche einsetzte, die gleich wieder endete, als er das Gespräch annahm.

Das vielsprachige Stimmengewirr übertönte den Anrufer, weshalb er sich das andere Ohr zuhielt, um besser verstehen zu können. Es war Hedwig, die mit ihm zusammen nach Rom gefahren war, um ihrerseits einen alten Freund zu treffen. Sie klang aufgeregt, als sie ihn bat, morgen früh um neun im Caffè Novecento in der Via del Governo Vecchio12 zu sein. Es sei dringend, sagte sie zum Abschluss. So kannte Trockau seine Grand Dame der Kunstwelt gar nicht, die sonst immer mit ihrem exzellenten Netzwerk im Rücken selbst in ausweglos erscheinenden Situationen einen kühlen Kopf bewahrte.

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, fragte er grinsend: »Warum muss es in Italien immer so laut sein?«

»Weil wir nicht all die geheimen Absprachen, Intrigen und Geheimnisse hören wollen, die allerorten in dieser Stadt getroffen werden«, gab Kragenbauer ebenso grinsend zurück.

Der zweite Tag

3

Rom, Hotel Raphael

Am nächsten Morgen lief Trockau Schmoller im Frühstücksraum des kleinen Relais& Châteaux Hotels »Raphael« über den Weg, das in einer kleinen Gasse neben der herrlichen Renaissancekirche Santa Maria dell'Anima, der Nationalkirche der Deutschen, im Herzen der römischen Altstadt lag. Sie bemerkten sich fast gleichzeitig, als jeder für sich in Hemdsärmeln das Frühstücksbüfett nach morgendlichen Köstlichkeiten absuchte. Keiner der beiden hatte gewusst, dass sie im selben Hotel abgestiegen waren.

»Das trifft sich ja ganz hervorragend«, sagte Schmoller zur Begrüßung, »wir haben nämlich etwas zu besprechen.«

Trockau freute dieses Zusammentreffen, weil bei Gesprächen mit Schmoller meist ein Auftrag raussprang. Ein Detail, das für ihn als freiberuflichen Wiederbeschaffer abhandengekommener Kunstwerke nicht ganz unbedeutend war. Schließlich hatte er nicht nur sich selbst, sondern auch sein Team aus Experten unterschiedlicher Wissensgebiete zu ernähren. Dieses Team zeichnete sich nicht bloß durch hohe Fachkompetenz aus, sondern auch dadurch, dass sich alle Mitglieder im sechsten Jahrzehnt ihres Lebens befanden. Eine Tatsache, die ihre früheren Arbeitgeber veranlasst hatte, sich von ihnen zugunsten Jüngerer zu verabschieden. Dieser für Trockau völlig unverständliche Jugendkult kam ihm sehr gelegen, da er dadurch Zugriff auf die besten und erfahrensten Spezialisten hatte, die überdies auch noch optimal vernetzt waren. Für sie sorgte er gerne. Nicht nur weil er sie als Experten schätzte, sondern weil er sie auch als Menschen mochte.

Bei einem Cappuccino und mit Crema gefüllten Brioches enthüllte Schmoller, dass Finanzvorstand Georg Stahlberg ihn heute Morgen gebeten hatte, Trockau auf den Fall eines verschwundenen Cézanne hier in Rom anzusetzen.

Trockau hatte still an seinem Cappuccino genippt und zugehört.

»Ich muss Ihnen noch etwas sagen«, druckste Schmoller herum.

»Ja?«

»Wir haben das Thema gestern bereits gestreift, und Sie hatten leider recht. Das wird wohl der letzte Auftrag für die nächste Zeit sein.« Der sonst so optimistische Schmoller schaute betreten auf die weiße Tischdecke. »Stahlberg hat mir heute wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens zur Auflage gemacht, ab sofort nur noch fest angestellte Wiederbeschaffer einzusetzen. Die seien billiger.«

Er blickte vom Tischtuch auf und sah Trockau dieses Mal gar nicht so gut gelaunt wie sonst an: »Lieber Herr Trockau, es tut mir wirklich leid, aber ich kann nicht anders. Deshalb bin ich froh, dass es mir gelungen ist– gegen nicht unerheblichen Widerstand–, Sie wenigstens mit der Klärung des Cézanne beauftragen zu dürfen. Denn wenn Sie diesen Fall lösen, wird er sicherlich merken, was er an Ihnen hat. Es ist doch immer günstiger, ein Bild wiederzubeschaffen, als es nicht zu finden und dann die Versicherungssumme auszahlen zu müssen. Aber ehrlich gesagt«, er lehnte sich zu Trockau vor, »weiß ich nicht, was er wirklich vorhat. Nur dass in den letzten Wochen einige Unternehmensberater bei uns waren und alles auf den Kopf gestellt haben.«

Trockau konnte die bedrückte Stimmung Schmollers nicht ganz teilen. Er hatte gerade einen Auftrag bekommen, für den sich die Romreise schon gelohnt hatte.

»Sie wissen ja«, fuhr Schmoller fort, »diese Berater haben meist vom Geschäft keine Ahnung, bürsten aber gerne alles über ihre Finanzprogramme und entscheiden dann am Kern der Sache vorbei. Die Auswirkungen dieser ›Beratung‹ müssen wir also erst einmal überstehen, dann können wir weitersehen.«

Damit gab er Trockau die Adresse des Cézanne-Eigentümers. Und weil Schmoller sowohl seinen Cappuccino getrunken als auch seine Brioche gegessen hatte, verabschiedete er sich und entschwand, nachdem er Trockau noch zugesichert hatte, dass er auch in diesem Fall seine Arbeit zu den üblichen wirtschaftlichen Konditionen antreten könne.

Trockau verfügte über ein gesundes Selbstvertrauen und teilte die trostlosen Perspektiven von Schmoller ganz und gar nicht, zumal es ja auch noch andere Versicherungen gab, für die er tätig war. Im Gegenteil, er empfand die Aussicht, noch ein paar Tage in Rom recherchieren zu können, als einen sehr guten Start in diesen herrlichen Tag. Gut gelaunt verließ er das kleine Hotel und machte sich auf den Weg zu seinem Treffen mit Hedwig im Caffè Novecento.

Auf dem Weg dorthin ließ er es sich nicht nehmen, an der Kirche Santa Maria della Pace vorbeizuschlendern. Er liebte ihre selbst für römische Verhältnisse einzigartige Barockfassade sehr. Für ihn war dieses kleine Kirchengebäude, das eingezwängt zwischen den Wohnhäusern der römischen Altstadt stand, ein gutes Beispiel für »klein, aber oho«. Wer wusste, dass der im Innenhof gelegene Kreuzgang von Donato Bramante stammte, der die Architektur der Hochrenaissance begründet hatte und sogar dem großen Bernini als Inspiration für die Kolonnaden am Petersplatz gedient hatte, hätte Trockaus Einschätzung auf dieses architektonische Detail beziehen mögen. Trockau meinte mit »klein, aber oho« jedoch den Kardinal der Gegenwart, dessen Titelkirche Santa Maria della Pace war. Der hatte nämlich dem Vorgänger des heutigen Papstes aus Altersgründen seinen Rücktritt angeboten, was der auch angenommen hatte. Damit wäre der Kardinal eigentlich aufs Altenteil abgeschoben gewesen. Doch dann kam der neue Papst, der die wahren Qualitäten dieses Gottesmannes aus langen Jahren der Zusammenarbeit kannte, und berief ihn als unbestechlichen Beobachter in den achtköpfigen Kardinalsrat, der die Kurie reformieren sollte. Aus dem Auslaufmodell war so ein Mann geworden, der mit seinen Kardinalskollegen die Weichen für die nächsten Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte stellen sollte. Und all das ohne Intrigen und Kuriengeklüngel, sondern einfach aufgrund der Integrität seiner Person. Das verstand Trockau unter »klein, aber oho«. Und es war genau das, was er auch an seinem Team aus Senioren schätzte.

Stillvergnügt schritt Trockau durch die Gassen und erfreute sich an den Menschen, die in den Cafés miteinander diskutierten. Für ihn lebte das Forum Romanum der alten Römer auf diese Weise weiter.

Hinter der Abzweigung einer kleinen Straße, über die er gerade schlenderte, wäre er fast über einen samtbezogenen Sessel aus golden eingefärbtem Holz gestolpert, der herrenlos mitten auf der Gasse stand. Er hatte ihn nicht gesehen, weil er durch die Sonnenstrahlen aus einer reflektierenden Fensterscheibe geblendet gewesen war. Trockau schaute sich um, wohin dieser alleinstehende Thron gehörte, als ein Mann sich laut entschuldigend erschien und den Sessel in ein nahes Antiquitätengeschäft schleppte, aus dem lautes Staubsaugen zu hören war.

Kurz vor seinem Ziel warf Trockau noch einen Blick in die Auslage eines Immobilienmaklers und studierte die Angebote an Eigentumswohnungen. Auf diese Weise verschaffte er sich gerne einen Eindruck vom Alltagsleben in fremden Städten. Er plante keineswegs, im Centro Storico Roms etwas zu kaufen. Aber es beflügelte ihn, wenn er sich vorstellte, wie es wohl wäre, hier zu leben. Den Kopf voll solcher Gedanken wanderte er weiter.

Um Punkt neun Uhr trat er durch das in Stein gefasste Portal, über dessen Bogen »Caffè Novecento« stand. Ein hell klingendes Glöckchen oberhalb der Tür kündigte seinen Eintritt an. Er schaute nach oben, wo er das Glöckchen vermutete, und entdeckte Hunderte roter Papierblumen, die an feinen Drähten von der Holzdecke herabhingen und einen Himmel voller Blüten zeigten.

Hedwig saß an einem der vorderen kleinen Marmortische. Vor ihr stand einer der selbst gebackenen Kuchen von den Etageren, die an der hinteren Wand des schmalen Raumes auf weiteren Marmortischchen ausgestellt waren, sowie ein Cappuccino.

Sie hatte Trockaus Kommen durch die großen Schaufensterscheiben schon von Weitem gesehen. Er umarmte seine Expertin für die Museumswelt diesseits und jenseits des Nullmeridians herzlich.

»Ist es nicht eine herrliche Stadt«, schwärmte er voller Überschwang. »Ich könnte hier tagelang durch die Gassen streifen und den Römern beim Leben zuschauen.«

»Die Möglichkeit ergibt sich vielleicht sehr schnell«, nahm sie den Faden auf und erzählte Trockau, weswegen sie dieses Treffen anberaumt hatte: Giancarlo Conte, der Freund, bei dem sie in Rom weilte, war ein Bild gestohlen worden. Ein Cézanne. Und Trockau sollte ihn wiederbeschaffen.

»Sagtest du Giancarlo Conte?«, fragte Trockau verdutzt am Ende ihres kleinen Vortrages und holte Schmollers Zettel mit der Anschrift des Versicherungsnehmers heraus. »Piazza dell'Orologio12?«

»Ja«, antwortete Hedwig jetzt selbst verdutzt. »Warum?«

»Weil ich eben den Auftrag von Schmoller bekommen habe, genau das zu tun: dieses Bildes wiederzubeschaffen.« Er grinste Hedwig spitzbübisch an, wurde dann ernst und sagte wie ein schlechter Sherlock-Holmes-Darsteller in einem noch schlechteren Film: »Ich werde diesen Fall übernehmen!«

4

Zürich, Fortunagasse

Renzo Landolt hatte die Anmutung einer Kugel. Seine rundliche Gestalt von nur einem Meter vierundfünfzig Höhe gipfelte am oberen Ende in einem nahezu kugelrunden Schädel, den man als solchen gut erkennen konnte, weil seine Vollglatze ihn von der lästigen Pflicht befreite, sich kämmen zu müssen.

Diese äußere Erscheinung verleitete viele dazu, ihn falsch einzuschätzen. Landolt war nämlich ein Kunstberater der besonderen Art. Über Kunstwerke schwadronieren konnte jeder einigermaßen gebildete Kunsthistoriker. Das Wertpotenzial eines Künstlers einzuschätzen war schon schwieriger. Noch delikater war es, einem Sammler nicht nur das entscheidende Werk zu empfehlen, das aus einer »guten Sammlung« eine »sehr gute Sammlung« machen konnte, sondern es ihm auch zu beschaffen. Solche Berater gehörten der Spitzenklasse an. Renzo Landolt war sogar Weltspitzenklasse.

Zu diesem Erfolg verhalf ihm seine Mitgliedschaft im feinen Club der New Yorker »Association of Professional Art Advisors« ebenso wie die Tatsache, dass er ein Überzeugungstäter war und exzellente Drähte zu begüterten und kundigen Sammlern pflegte, die immer gerne kauften, manchmal aber auch verkauften, um ihre Sammlung zu straffen. Von seinen Eltern hatte er überdies hinreichend viel Geld geerbt, um ein auskömmliches Leben führen zu können. Auch ohne Arbeit. Deshalb arbeitete er nicht, weil er musste, sondern aus Prinzip: Er wollte sicherstellen, dass bestimmte Kunstwerke in den richtigen Händen landeten. Damit meinte er nicht zwangsläufig Museen.

Seine Beobachtungen an Sonntagnachmittagen, wenn Scharen von Menschen die Museen seiner Stadt aufsuchten, hatten allzu oft ergeben, dass viele Besucher an den Bildern nur vorbeischlenderten. Das tat Landolt weh. Er wollte einen Dialog, eine Auseinandersetzung mit den Gemälden, eine innere Zwiesprache, ein Berührtsein von dem, was und wie es da abgebildet war.

Zunächst war er von diesen »Schlenderern« enttäuscht gewesen. Doch dann erinnerte er sich an einen Satz, den sein alter Lateinlehrer immer gesagt hatte: »Was nichts kostet, ist nichts wert!« Das war der Impuls, der ihn die Laufbahn als Kunstberater einschlagen ließ. Denn Sammler, die ein Heidengeld für ein Bild zahlten, würden dieser Leinwand auch die Aufmerksamkeit entgegenbringen, die sie verdiente.

Im Umkehrschluss verachtete er Zeitgenossen– Sammler wollte er solche Leute erst gar nicht nennen–, die Kunstwerke kauften, nur weil sie teuer waren, und sie deshalb in Tresore wegschlossen. Mit solchen Leuten wollte Renzo Landolt nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Sie machten aus Kunstwerken Gegenstände, die im Dunkeln darauf warten mussten, dass ein anderer mehr für den Erwerb zahlen wollte als derjenige, der sie ins Dunkel weggesperrt hatte.

Renzo Landolt saß jetzt am blank polierten Schreibtisch aus Palisanderholz im Büro seines gemütlichen Hauses an der Fortunagasse. Es war eines der alten Handwerkerhäuser, die die linke Seite dieser kurzen zum Lindenhof ansteigenden Gasse säumten. Häuser, die Mauer an Mauer standen, aus kleinen Fenstern schauten und so solide wirkten wie die Angestellten steinalter Privatbanken. Er lebte hier abgeschieden wie auf einem Dorf, nur einen Steinwurf vom grünen Areal des Lindenhofs entfernt und dennoch mitten in Zürich. Seine Wohnung strahlte die Ruhe einer alten Gemäldegalerie aus. Die Wände waren mit dunkelrotem Tuch bespannt, auf denen viele kleine, kostbare Bilder in Goldrahmen hingen. Sie wurden von speziellen Museumslampen so beleuchtet, dass sie wie goldene Inseln auf einem Meer aus Rot schwebten. Die Fenster waren indes klein und ließen wenig Licht hinein, was Landolts sonnigem Gemüt nicht gerade entgegenkam. Aber er sah ein, dass seine geliebten Bilder vor dem Sonnenlicht geschützt werden mussten– ebenso wie gegen menschliche Eindringlinge, weswegen sein Haus durch massive Gitter an den Fenstern geschützt war.

Der Boden dieser kleinen Burg bestand aus jahrhundertealten Holzdielen, die knarzten, wenn er mit seinen Maßschuhen darüberschritt. Aber da er die drei Stockwerke des schmalen Hauses allein bewohnte, störte er damit niemanden.

Landolt schaute auf den großen Bildschirm seines iMacs, auf dem er sich gerade die Lots der kommenden Auktionen bei Sotheby's, Christie's und Phillips de Pury anschaute, als sein Telefon schrillte. Es klang laut, ungeduldig und fordernd.

»Landolt«, sagte er mit einer Stimme, die Seriosität und Gelassenheit ausdrückte.

»Avucatu Roca iss mein Name«, drang es zu ihm. »Ich rufe ann inn Auftrag von eine Cliente. Er will vende eine Cézanne.«

5

Rom, Piazza dell'Orologio

Noch im Caffè Novecento hatte Trockau das Handy gezückt und sein Team davon in Kenntnis gesetzt, dass ab sofort das Headquarter für den nächsten Fall in der Altstadt Roms stünde. Das löste allgemeinen Jubel aus. Katharina und ihr Vater Boi wollten mit dem Flugzeug aus Berlin einschweben, während die Zwillinge Ernst und August mit ihrer Mercedes M-Klasse voller Equipment anreisen und dementsprechend später eintrudeln würden.

Als Trockau nun mit Hedwig über die Piazza dell'Orologio auf das herrschaftliche Haus mit der Nummer12 zuging, fragte er sie: »Kann es sein, dass es in früheren Jahren mehr Geld in diesem herrschaftlichen Palazzo gegeben hat– und weniger Vertrauen in italienische Versicherungen?«

»Warum?«, fragte Hedwig.

»Der Cézanne war auf der nördlichen Seite der Alpen bei der deutschen Artecuritas versichert. Sonst wäre ich ja nicht beauftragt worden.«

»Stimmt. Giancarlos Vater war ein erfolgreicher Unternehmer. Ein Geschick, das sein Sohn leider nicht geerbt hat. Zu gutgläubig und zu wenig auf den eigenen Vorteil aus. Der Senior hatte das Bild damals einer deutschen Versicherung anvertraut.« Damit drückte sie auf den einzigen Klingelknopf der blank polierten Messingplatte, die der Schriftzug »CONTE« zierte, woraufhin das beeindruckende Holztor, das eher an eine Burg als an ein Wohnhaus erinnerte, elegant aufschwang.

Die beiden gingen die breiten Marmorstufen der geschwungenen Freitreppe in den ersten Stock empor, wo sie der Hausherr in der Öffnung einer übermannshohen Tür stehend erwartete. Auf seinem Kopf saß eine gestrickte Kappe, die die obere Hälfte seines lang gestreckten Schädels und die kurz geschnittenen weißen Haare bedeckte. Über einer weinroten Cordsamthose trug er einen ebensolchen Rollkragenpullover. Trotz dieses leicht verschroben-professoralen Auftritts hätte man ihn sich mit seiner langen, schmalrückigen Nase und den großen traurigen Augen auch als Senator im alten Rom vorstellen können, der am unweit gelegenen Forum Romanum seine politischen Interessen verfolgte und mit seiner melancholischen Ausstrahlung den einen oder anderen politischen Gegner hinters Licht führte.

»Seien Sie mir willkommen«, sagte er in italienisch gefärbtem Deutsch und geleitete seine Gäste in sein »bescheidenes Heim«, wie er es nannte. Eine bodenlose Untertreibung, fand Trockau, denn hinter der Tür tat sich ein herrlich lichter Raum auf, der in seiner Funktion dem vergleichbar war, was man in bürgerlichen Wohnungen eine Diele zu nennen pflegt. Dennoch hingen in dieser Diele einige alte Meister, die es bei manch anderen Zeitgenossen spielend ins Wohnzimmer geschafft hätten. Die Deckenhöhe schätzte Trockau auf gut und gerne sechs Meter. Angesichts dieses opulenten Eingangsbereiches sagte Trockau mit einem freundlichen Lächeln: »Home sweet home!«

Conte, der ihnen vorausgegangen war, öffnete nun die Tür zum Salon. Dieser Raum übertraf die Diele nicht nur an Größe, sondern auch darin, was an den Wänden hing. Bilder, so hoch das Auge reichte, deren Fülle und Qualität Trockau beeindruckten.

Er hätte sich gerne mit den stilistisch unterschiedlichen Bildern intensiver befasst, doch rief er sich in Erinnerung, weshalb er hier war: Ein Cézanne war gestohlen worden. Und so hielt er sich nicht über Gebühr mit höflichem Small Talk auf, sondern ging zügig medias in res und erkundigte sich, wie es zu dem Diebstahl gekommen war.

»Sie sehen hier zwei leere Stellen an der Wand«, begann Giancarlo Conte. »Die Bilder, die hier hingen, wurden mir vor fünf Monaten gestohlen. Nach diesem Diebstahl hatte ich um meinen einzigen Cézanne besonders Angst und habe ihn an einen Ort gebracht, der mir sicher schien. Ich muss an dieser Stelle vielleicht erklären, dass ich in letzter Zeit ein paar Liquiditätsprobleme hatte, an deren Lösung ich arbeitete. Nach langen Überlegungen und Beratungen wollte ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen– den Cézanne vor Dieben sicher in einem Tresor deponieren und gleichzeitig über liquide Mittel verfügen. Deshalb bin ich mit den notwendigen Dokumenten und Fotos zu meiner Bank, um prüfen zu lassen, mit wie viel ich das Bild beleihen könnte. Man ließ mich wissen, die Bank wäre bereit, sieben Komma fünf Millionen dafür zu geben. Also habe ich das Bild aus dem Versteck geholt, es noch mal bei mir hier aufgehängt und mich mit einem guten Barolo davorgesetzt. Ich wollte mich von ihm verabschieden.«

Conte sah Trockau an. »Es hat mich ein Leben lang begleitet. Seit meiner Kindheit. Und nun sollte es ins Dunkel eines Banktresors wandern. Ich kam mir vor, als ob ich es in einen Kerker schicken würde. Aus der einen Flasche wurden zwei, bis ich schließlich irgendwann ins Bett ging. Und in dieser Nacht wurde es gestohlen!« Conte starrte mit leerem Blick zu Boden. »Ich habe wegen der zwei Flaschen nichts davon mitbekommen, wie das Bild, das ich am meisten liebe, gestohlen wurde.«

Nach einem kurzen Schweigen sagte Trockau: »Signor Conte, ich möchte, dass Sie wissen, wie wir arbeiten. Das Ziel unserer Arbeit ist nicht, dafür zu sorgen, dass derjenige, der Ihnen den Cézanne gestohlen hat, vor Gericht gestellt oder für seine Tat zur Rechenschaft gezogen wird. Meine Aufgabe ist einzig und allein, dafür zu sorgen, dass Ihr Bild– und zwar keine Kopie oder ein ähnliches Bild, sondern genau Ihr Bild– am Ende wieder exakt da ist, wo es lange Jahre gewesen ist und wo es von Ihnen schmerzlich vermisst wird. Ob ich dafür Diebe beklauen oder Betrüger betrügen muss, soll Sie nicht beunruhigen. Im Gegenteil. Sie sollten wissen: Solche kleinen Bestrafungsaktionen machen mir und meinem Team durchaus Spaß.«

Dieser kleine Vortrag gehörte zum Auftakt eines jeden neuen Falles und sollte dem Bestohlenen Mut und Zuversicht schenken. Trockau sah Conte an, dass seine Worte ihre beabsichtigte Wirkung auch tatsächlich erzielten, denn der Römer lächelte erst zaghaft und dann immer entspannter.

»Und jetzt habe ich noch einige Fragen an Sie. Ihre Hausbank wusste, dass Sie das Bild zu ihr bringen wollten, um es im Tresorraum als Sicherheit für den Kredit über sieben Komma fünf Millionen Euro zu deponieren?«

»Ja, natürlich.«

»An welchem Tag hatten Sie das mit der Bank abgesprochen?«

»Warten Sie mal… die erste Besprechung war am Mittwoch der Vorwoche…«

»Hatten Sie beim ersten Mal schon ein Foto des Cézanne dabei?«

»Das hatte ich. Der Banker hat mir am Telefon gesagt, dass er kein Fachmann sei, sondern sich erst kundig machen müsse, wie hoch er das Bild seriös beleihen könne.«

»Gut. Wie lange hat er gebraucht, um zu ermitteln, wie viel der Cézanne aktuell wert ist?«

»Ungefähr drei Tage.«

»Das ist für einen unkundigen Banker sehr kurz. Weiter.«

»Als das klar war, hat er mich telefonisch wissen lassen, dass er mir den Kredit bewilligen würde, wenn ich ihm das Bild als Sicherheit überließe. In diesem Gespräch habe ich dem Banker gesagt, dass er es am darauffolgenden Montag durch einen Geldtransporter abholen lassen könne. Ich weiß das noch so genau, weil er mich gefragt hatte, ob das Tor breit genug sei, damit der Transporter in die Einfahrt des Hauses fahren könne. Ich wusste die genaue Breite nicht und musste das Tor extra noch einmal ausmessen. Ich habe ihm am gleichen Tag telefonisch grünes Licht gegeben.«

6

Zürich, Fortunagasse

Das Angebot des italienischen Avvocato, einen Cézanne verkaufen zu wollen, war Musik in Landolts Ohren.

»Um welches Bild soll es sich denn dabei handeln?«, fragte er zurückhaltend. Zu viel Interesse hätte falsche Vorstellungen beim Verkäufer auslösen können.

»Felslandeschafte vonn achtzehnsiebssig-einundsiebssig. Approssimativu.«

Obwohl Roca sehr gebrochen Deutsch mit italienisch-korsischem Einschlag sprach, war diese etwas vage Bildbezeichnung nicht auf seine mangelnden Sprachkenntnisse zurückzuführen, sondern darauf, dass Cézanne seine knapp tausend Bilder nur sehr selten signiert und ihnen ebenso selten Titel gegeben hatte.

»Haben Sie eine Abbildung von dem Bild?«

»Ja, ich kann maile.«

»Mögen Sie mir etwas zur Provenienz erzählen?«

»Herkunft? Iss einfach. Cliente iss verwandt mit früheren Assistenten von Galeriste von Cézanne: Erike Slomovic. Bei Auctione zwanzigzehn in Parigi wurde nur versteigert pinture… äh… Bilder auss Tresor von Slomovic. Hatte aber noch mehr Bilder. Diese Cézanne ist von Wand in Slomovic Buro.«

Landolt holte tief Luft. Das war entweder eine Sensation oder eine gut erfundene Lüge.

»Darf ich Ihre Telefonnummer haben, damit ich Sie kontaktieren kann, wenn Sie mir das Bild gemailt haben?«

»Nein. Iss schwer, mich zu erreichen. Bin viel bei Gerichte. Ich habe Ihre Maileadress und schicke Foto. Sie anteworte, mit Mail. D'accordo?«

Landolt war natürlich einverstanden. Er bekam oft Bilder angeboten, aber nur selten Cézannes. Und noch seltener ein anscheinend wenig bekanntes Werk von Cézannes ehemaligem Galeristen Ambroise Vollard. Er hatte seinem Assistenten Erich Slomovic in der Tat sehr viele Werke von Cézanne hinterlassen, die der junge Mann in einem Tresor aufbewahrte. Tragischerweise kam Slomovic alsbald selbst ums Leben, und der Tresor blieb verschlossen, bis sein Inhalt 2010 nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten zwischen seinen Erben und dem französischen Staat versteigert wurde. Seitdem waren die Gerüchte nie ganz verstummt, dass der junge Slomovic noch weitere Bilder von Cézanne gehabt haben könnte.

Sollte der angebotene Cézanne tatsächlich ein Bild aus diesem Besitz sein? Landolt war gespannt.

Sein Computer ließ ein leises »Pling« hören, was das Eintreffen einer neuen E-Mail ankündigte. Er öffnete sie und lud den Anhang runter.

Was er sah, verschlug ihm die Sprache. Auf dem Bildschirm breitete sich eine dramatische Landschaft der Provence aus. Sie stammte offensichtlich aus der vorimpressionistischen, ersten Schaffensperiode Cézannes, die viele wegen des dicken Farbauftrags und der kontrastreichen dunklen Töne mit zum Teil ausgeprägten Schatten als die »dunkle Periode« bezeichneten.