Die Cherrell Chronik - John Galsworthy - E-Book

Die Cherrell Chronik E-Book

John Galsworthy

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Beschreibung

In "Die Cherrell Chronik" entfaltet John Galsworthy ein meisterhaftes Panorama der britischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In seinem typischen, prägnanten Stil vereint Galsworthy gesellschaftskritische Elemente mit einer tiefen emotionalen Ergründung seiner Charaktere. Die Erzählung folgt den Schicksalen der Familie Cherrell, beleuchtet die vielschichtigen Beziehungen und die Konflikte ihrer Zeit, und reflektiert die Veränderungen in der sozialen Struktur und den moralischen Werten der damaligen Gesellschaft. Galsworthys geschickte Verwendung von Dialogen und inneren Monologen verleiht den Figuren eine bemerkenswerte Tiefe und macht ihre Konflikte universell nachvollziehbar. John Galsworthy, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, war nicht nur ein talentierter Schriftsteller, sondern auch ein scharfsinniger Beobachter der sozialen Realitäten seiner Zeit. Geboren in ein wohlhabendes Familienumfeld, prägten persönliche Erfahrungen und sein soziales Engagement in den Themen seiner Werke die existenziellen Fragen der Menschheit. Der Einfluss der großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die durch den Ersten Weltkrieg ausgelöst wurden, spiegelt sich offensichtlich in den Konflikten und moralischen Dilemmata der Charaktere in diesem Werk wider. "Die Cherrell Chronik" ist ein fesselndes und tiefgründiges Buch, das Leserinnen und Leser einlädt, über die vielschichtigen gesellschaftlichen Themen der damaligen Zeit nachzudenken. Es bietet nicht nur eine fesselnde Geschichte, sondern regt auch zur Reflexion über die ETHIK und die sozialen Strömungen unserer eigenen Zeit an. Ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für die Verbindung von Literatur und Gesellschaft interessieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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John Galsworthy

Die Cherrell Chronik

Bereicherte Ausgabe. Die komplette Trilogie
Einführung, Studien und Kommentare von Kevin Werner
EAN 8596547731085
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Die Cherrell Chronik
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Pflicht und Selbstbehauptung entscheidet sich das Schicksal einer Familie. In John Galsworthys Die Cherrell Chronik wird aus dieser Spannung kein lautes Spektakel, sondern ein leises, unablässiges Ringen, das die Figuren auf Schritt und Tritt begleitet. Im England zwischen den Kriegen verhandelt der Romanzyklus, wie Traditionen Halt geben und gleichzeitig Fesseln anlegen. Hinter gepflegten Fassaden treten Gewissensfragen, gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Sehnsüchte hervor. Galsworthy schildert dieses Ringen mit einer Genauigkeit, die niemals sensationslustig ist: Er beobachtet, wägt ab und lässt Raum für Ambivalenz – und genau daraus bezieht die Chronik ihre nachhaltige Kraft.

John Galsworthy (1867–1933), britischer Romancier und Dramatiker, erhielt 1932 den Nobelpreis für Literatur. Die Cherrell Chronik ist die deutsche Bezeichnung für seine abschließende Romantrilogie End of the Chapter, die 1931 bis 1933 erschien. Sie rundet das große Gesellschaftspanorama ab, das Galsworthy mit der Forsyte-Welt begonnen hatte. Entstanden am Ende eines produktiven Lebenswerks, verbindet die Trilogie Reife und Übersicht: Sie kehrt vertrauten Fragen von Besitz, Ansehen und Verantwortung wieder zu und betrachtet sie im Licht einer Epoche, in der Gewissheiten schwinden. Der Autor entfaltet daraus eine anhaltend faszinierende Studie über Wandel und Kontinuität.

In knapper Form: Die Cherrell Chronik folgt der Familie Cherrell – vor allem der klugen, eigenständigen Dinny – durch eine Zeit beschleunigter gesellschaftlicher Umbrüche. Beziehungen, Verpflichtungen und öffentliche Erwartungen greifen ineinander und stellen alle Beteiligten vor Entscheidungen, die weder eindeutig noch folgenlos sind. Galsworthy verwebt private Szenen mit Konflikten, die Institutionen und Öffentlichkeit berühren, und zeigt, wie individuelle Lebensläufe vom Druck der Zeit geformt werden. Die Handlung entfaltet sich in drei eigenständigen, doch eng verbundenen Romanen, die zusammen ein vielschichtiges Bild von Charakter, Gewissen und Gesellschaft ergeben, ohne auf bloße Effekte zu setzen.

Als Klassiker gilt das Werk, weil es das soziale Romanhandwerk der englischen Tradition virtuos fortschreibt und zugleich modernisiert. Galsworthy verbindet epische Ruhe mit analytischer Präzision, psychologische Feinzeichnung mit gesellschaftskritischer Nüchternheit. Er zeigt, wie Strukturen – Klasse, Recht, öffentliche Meinung – die Intimsphäre durchdringen, ohne die Figuren zu Thesenfiguren zu verflachen. Seine Prosa wirkt klar, gelassen und von leiser Ironie, die dem Urteil nie die Empathie opfert. So wird die Cherrell Chronik zum Maßstab für die Familienchronik als Form: eine Schule des genauen Hinsehens, in der Moral und Milieu untrennbar verschränkt sind.

Thematisch kreist die Trilogie um die Spannung zwischen Tradition und Moderne: um Loyalität und Selbstbestimmung, Ansehen und Wahrheit, Besitz und Gerechtigkeit. Fragen des Rechts – und der Unterschied zwischen Rechtmäßigkeit und Gerechtigkeit – treten ebenso hervor wie die Macht öffentlicher Meinung. Geschlechterrollen geraten in Bewegung; Erwartungen an Ehe, Arbeit und Zugehörigkeit werden neu verhandelt. Die Nachwirkungen des Krieges, soziale Hierarchien und koloniale Blickwinkel bilden den Hintergrund, vor dem persönliches Handeln sichtbar wird. Galsworthy zeigt dabei, wie Werte im Wandel nicht verschwinden, sondern sich verformen – mit menschlichen Kosten und Chancen.

Stilistisch vertraut Galsworthy auf eine kontrollierte, durchsichtige Erzählweise. Er nutzt einen zurückhaltenden, doch präsenten Erzähler, der Innen- und Außenperspektiven ineinanderführt, ohne demonstrativ psychologisieren zu müssen. Dialoge tragen die Figuren, Landschaft und Interieur schärfen die Atmosphäre, Motive kehren wieder und fügen das Mosaik. Die Komposition über drei Bände erlaubt es, Entwicklungen sorgsam zu rhythmisieren: leise Verschiebungen, die sich zu Wendepunkten verdichten. Symbolik bleibt diskret, Ironie wohldosiert. So entsteht eine Dichte, die nicht auf Überraschungseffekte zielt, sondern auf Einsicht – ein Reiz, der das Wiederlesen belohnt.

Historisch verankert ist die Chronik im Großbritannien der Zwischenkriegszeit. Das Erbe des Ersten Weltkriegs wirkt nach: in Biografien, Institutionen und im öffentlichen Ton. Gesellschaftliche Schichtung bleibt spürbar, während ökonomische Unsicherheiten, neue Kommunikationsformen und veränderte Lebensstile an Geltung gewinnen. Diese Konstellation erzeugt Reibungen, die Galsworthy nicht als bloßen Hintergrund, sondern als Wirkkräfte der Handlung versteht. Der Romanzyklus registriert Übergänge: vom Land zur Stadt, von unangefochtenen Traditionen zu kontroversen Aushandlungen. Er zeigt, wie Zeitenwenden im Kleinen geschehen – in Gesten, Rückzügen und mutigen kleinen Schritten.

Im Zentrum steht Dinny Cherrell, deren geistige Wachheit und moralische Standfestigkeit den Zyklus zusammenhalten. Um sie herum entfaltet sich ein Ensemble, das unterschiedliche Haltungen verkörpert: Bindung an Herkunft, Streben nach Autonomie, Skepsis gegenüber öffentlicher Lautstärke. Galsworthy zeichnet Kontraste nicht als Karikaturen, sondern als plausibel gewordene Lebenshaltungen. Aus dem Wechselspiel von Temperamenten und Temperierungen entsteht Spannung ohne Sensationslust. Die Figuren dürfen irren, lernen, sich behaupten – und bewahren dabei ihre Würde. Diese Zurückhaltung im Urteil macht die Lektüre anspruchsvoll und tröstlich zugleich.

Der Einfluss des Werks reicht über seine Zeit hinaus. Galsworthys zyklische Erzählweise, sein Blick für die Wechselwirkung von Privatem und Öffentlichem und seine geduldige Dramaturgie prägten die Entwicklung der Familienchronik im 20. Jahrhundert. Übersetzungen trugen zur internationalen Verbreitung bei, und die Verbindung aus Gesellschaftspanorama und feiner Figurenpsychologie wurde für spätere Erzählerinnen und Erzähler zum Referenzpunkt. Dass Konflikte ohne grelle Zuspitzung erzählerisch tragen, dass Verantwortung erzählbar ist – diese Einsichten haben das Feld der epischen Romanform erweitert und ihre Möglichkeiten neu vermessen.

Die Cherrell Chronik ist zugleich ein Lektüreerlebnis der stillen Intensität. Wer sich auf ihr Tempo einlässt, entdeckt Spannungen, die sich nicht in Schlagworten auflösen: höfliche Dialoge, hinter denen Haltungen aufeinandertreffen; Landschaftsbilder, die innere Zustände spiegeln; kleine gesellschaftliche Rituale, die große Fragen zentrieren. Die Trilogie lädt dazu ein, das eigene Urteilen zu verlangsamen und Nuancen wahrzunehmen. Sie zeigt, wie Empathie und Distanz zugleich möglich sind – und wie moralische Klarheit weniger aus Parolen als aus geduldigem Hinsehen entsteht.

Zur Entstehung lassen sich die Eckdaten präzise nennen: Die drei Romane erschienen nacheinander als Maid in Waiting (1931), Flowering Wilderness (1932) und One More River (1933). Unter dem deutschen Titel Die Cherrell Chronik werden sie oft gemeinsam präsentiert. Jedes Buch ist für sich lesbar, doch zusammen gewinnen die Bände an Tiefenschärfe: Motive werden fortgeführt, Entscheidungen erhalten Gewicht, Zeit wird als strukturierende Kraft erfahrbar. Dass Galsworthy den Zyklus am Ende seines Schaffens veröffentlichte, verleiht ihm jene kompositorische Ruhe, die reifes Werk auszeichnet und seine Linien klar hervortreten lässt.

Heute ist das Buch relevant, weil es die Mechanik sozialer Erwartungen durchsichtig macht – eine Mechanik, die in zeitgenössischen Öffentlichkeiten, ob analog oder digital, weiterhin wirkt. Fragen nach Integrität, Urteilskraft und Selbstbestimmung sind nicht veraltet; sie stellen sich nur in neuen Szenarien. Die Cherrell Chronik antwortet darauf mit zeitlosen Qualitäten: literarischer Genauigkeit, menschlicher Fairness, einer Prosa, die ihre Figuren ernst nimmt. Sie zeigt, dass Zivilität kein Schonraum, sondern eine Errungenschaft ist. Wer verstehen will, wie Menschen in komplexen Systemen handeln, findet hier eine kluge, anhaltend gültige Schule des Lesens.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Die Cherrell Chronik bezeichnet in deutscher Ausgabe die späte Trilogie, mit der John Galsworthy seinen großen Familienzyklus in der Zwischenkriegszeit beschließt. Im Zentrum steht die weit verzweigte Familie Cherrell, deren Mitglieder zwischen ländlichem Besitz, Londoner Kreisen und Diensten für Krone und Empire pendeln. Galsworthy beobachtet präzise, wie ein in Ehren gegründetes Selbstverständnis unter dem Druck moderner Öffentlichkeit, wirtschaftlicher Verschiebungen und veränderten Moralvorstellungen zu wanken beginnt. Anstelle spektakulärer Enthüllungen bietet der Autor eine Abfolge fein nuancierter Situationen, in denen Charaktere an Grenzen geraten. Die Erzählung entfaltet sich chronologisch über drei Romane hinweg und verknüpft Privates mit gesellschaftlicher Diagnose.

Der erste Teil führt die Cherrells in ihrer vertrauten Ordnung ein und richtet den Blick auf Dinny Cherrell, eine kluge, beobachtende junge Frau, die familiäre Loyalität mit eigener Urteilskraft verbindet. Ein öffentliches Ereignis setzt die Reputation der Sippe unter Druck und zwingt sie, sich mit Presse, Recht und gesellschaftlichem Gerede auseinanderzusetzen. Statt rascher Lösungen zeigt Galsworthy, wie Vorsicht, Rückhalt und leise Beharrlichkeit zu Handlungsprinzipien werden. Ein früher Wendepunkt liegt darin, dass die Familie nicht in Rückzug verfällt, sondern die Herausforderung annimmt und Maßstäbe sucht, die sowohl Tradition als auch persönliche Integrität berücksichtigen.

Aus der anfänglichen Abwehr wird ein Prüfstein für Bindungen und Rollenbilder. Ländliche Zurückgezogenheit und urbanes Parkett spiegeln unterschiedliche Reaktionsweisen: Festhalten an Bewährtem, diskrete Verhandlungen, vorsichtige Öffnung. Dinny wächst dabei zur Vermittlerin zwischen Generationen und Lebensstilen heran. Zugleich erscheint der Schatten des Krieges in Biografien und stillen Traumata, verbunden mit Spuren kolonialer Tätigkeit, die Loyalitätsbegriffe komplizieren. Der zweite Wendepunkt entsteht, als private Gefühle und familiäres Pflichtgefühl erstmals scharf kollidieren; von da an geht es weniger um die Verteidigung eines Namens als um die Frage, welche Person man sein will.

Im zweiten Teil weitet sich der Horizont: Freundschaften und Anziehungen führen über vertraute Kreise hinaus. Dinny begegnet einer Figur, deren Vergangenheit Fragen nach Glauben, Zugehörigkeit und Loyalität aufwirft. Zwischen Faszination und Skepsis verhandelt der Roman die Möglichkeit, Liebe über ideologische und kulturelle Brüche hinweg zu leben. Was zunächst wie eine private Entscheidung aussieht, gewinnt öffentliche Dimension, weil Zeitgeist und Vorurteil jede Geste auslegen. Der maßvolle Ton bleibt, doch ein deutlicher Wendepunkt entsteht, als eine biografische Tatsache des Außenseiters ans Licht rückt und das Milieu zu Stellungnahmen nötigt.

Galsworthy zeigt nun die Reibung zwischen persönlichem Empfinden und der Macht von Presse, Klatsch und parlamentarischer Rhetorik. Ältere Verwandte halten an bewährten Normen fest, während Jüngere nach Wahrhaftigkeit und Selbstbestimmung streben. Dinny wägt Haltung und Rückzug ab, lernt, wie Zustimmung aus Gewohnheit und echte Loyalität auseinanderfallen. Ein weiterer Wendepunkt liegt in der bewussten Behauptung ihrer eigenen Stimme: Loyalität soll künftig gewährt, nicht erzwungen sein. Damit verlagert sich der Konflikt von der Frage „Was denkt man über uns?“ zu „Welche Verantwortung tragen wir füreinander und vor uns selbst?“.

Parallel schärft die Erzählung ihren Blick für Menschen, die sich nach Krieg und imperialen Erfahrungen heimatlos fühlen. Galsworthy gestaltet diese Lagen ohne Sensationsdrang, mit Empathie für Zwischentöne und Ambivalenzen. Natur- und Gesellschaftsbilder kontrastieren Unruhe und Sehnsucht nach Halt. Aus der Zunahme der Spannungen folgt kein pathetischer Bruch, sondern eine leise, schmerzhafte Zäsur: Rückzug, Reise oder Distanz werden zu vorläufigen Antworten. Dieser Wendepunkt prüft Bindungen ohne sie endgültig zu zerreißen und bereitet das Feld dafür, dass Entscheidungen künftig nicht nur das Ansehen, sondern das innere Gleichgewicht der Figuren bestimmen.

Der dritte Teil bündelt die offenen Stränge und richtet den Blick auf Zukunftsentscheidungen unter unsicheren Rahmenbedingungen. Fragen nach Ehe, Unabhängigkeit, Beruf und sozialer Zugehörigkeit verdichten sich, während alte Sicherheiten erodieren. Dinny und ihre Nächsten navigieren zwischen Rücksicht, Selbstachtung und der Erkenntnis, dass es für komplexe Lagen selten makellose Lösungen gibt. Ein symbolischer Flusslauf wird zum Bild für Übergang und Reifung: Überschreiten bedeutet Gewinn und Verlust zugleich. Ein wichtiger Wendepunkt entsteht, als Schutz für verletzliche Mitglieder Vorrang erhält und dafür neue Kompromisse akzeptiert werden müssen.

Das Finale vermeidet laute Katastrophen und sucht keine glatte Versöhnung. Stattdessen markiert es ein Abklingen des alten Tones: Das, was fortbesteht, ist weniger die Ordnung als die Haltung – Takt, Mitgefühl, Verantwortungsgefühl. Einzelne Konflikte beruhigen sich, doch sie verwandeln sich eher in stille Verpflichtungen als in abgeschlossene Kapitel. Die Figuren behalten Narben und Einsichten, die sie vor vorschnellen Urteilen schützen. Die Chronik endet dadurch mit einer behutsamen Verschiebung: Die Welt der Väter weicht nicht schlagartig, sondern wird von innen her umgedeutet, bis anderes Handeln selbstverständlich erscheint.

Insgesamt zeichnet Galsworthy eine präzise, geschichtsbewusste Studie über das Ende einer gesellschaftlichen Epoche. Die Cherrell Chronik verbindet Familienroman, Sittenbild und leise moralische Prüfung. Leitend sind Konflikte zwischen Ehre und Gewissen, Gemeinschaft und individueller Freiheit, öffentlichem Anschein und wahrer Rücksichtnahme. Ohne entscheidende Auflösungen vorwegzunehmen, wird deutlich, dass Bestand nicht aus Starrheit, sondern aus Einfühlung und Verantwortlichkeit erwächst. So bleibt die Trilogie als gelassener, zugleich kritischer Abgesang auf eine Klasse lesbar – und als Erinnerung daran, dass Wandel gelingt, wenn innere Maßstäbe lebendig bleiben.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Cherrell-Chronik führt in das England der späten 1920er und frühen 1930er Jahre, eine Übergangszeit zwischen Nachkriegserschöpfung und krisenhafter Moderne. Das Setting bewegt sich zwischen London und der Provinz, getragen von Institutionen wie Monarchie, Parlament, anglikanischer Kirche und einem noch einflussreichen, doch ökonomisch angezählten Landadel. Berufsstände des Bildungsbürgertums – Juristen, Beamte, Offiziere – rahmen das soziale Feld, in dem Ehre, Pflichtgefühl und Ansehen weiterhin zählen. Gleichzeitig prägen neue Kräfte den Alltag: Massenpresse, Automobil, Radio und ein wachsender Verwaltungsstaat. Diese Koordinaten bilden die historische Folie, vor der Galsworthy die Spannungen von Tradition und Moderne erzählerisch ausmisst.

Die Trilogie End of the Chapter (1931–1933), im Deutschen häufig als Cherrell-Chronik bezeichnet, schließt an Galsworthys Welt der Forsytes an, richtet den Blick jedoch auf die Familie Cherrell. Sie verkörpert einen gebildeten, standesbewussten Zweig der oberen Mittelschicht, der im England der Zwischenkriegszeit um moralische Integrität und gesellschaftliche Anpassung ringt. Galsworthy knüpft damit an seine langjährige Beschäftigung mit Besitz, Pflicht und der sozialen Grammatik britischer Eliten an, verschiebt aber die Aufmerksamkeit von der Obsession des Eigentums hin zu der Frage, wie man in einer beschleunigten Öffentlichkeit Reputation und Gewissen wahrt.

Die allgegenwärtige Nachwirkung des Ersten Weltkriegs prägt das Milieu. Der Verlust einer Generation, Kriegsversehrtheit, Memorialkultur und ein misstrauisches Verhältnis zu militärischem Heroismus bestimmen das Denken der 1920er Jahre. Viele Familien – auch jene mit Offiziers- oder Verwaltungstradition – tragen Lücken in ihren Reihen. Trauerfeiern, Kriegerdenkmäler und Veteranenvereine werden zum festen Bestandteil des öffentlichen Lebens. Diese Erfahrung wirkt auf Lebensentscheidungen, Ehevorstellungen und den Blick auf Autorität. Auch die Skepsis gegenüber martialischem Pathos und die Suche nach persönlicher Anständigkeit statt großspuriger Geste sind Teile jener Atmosphäre, die Galsworthy literarisch aufgreift.

Der wirtschaftliche Rückgang der landbesitzenden Schicht steht im Zentrum sozialer Umbrüche. Erhöhte Erbschaftssteuern nach dem Krieg, die Agrardepression und der kostspielige Unterhalt großer Häuser setzen alte Einkommensquellen unter Druck. Dienerschaften werden verkleinert, Pachtverhältnisse neu verhandelt, Ländereien verkauft. Gleichzeitig verbreiten sich bürgerliche Berufe und Investitionen in Finanz- und Dienstleistungssektoren. Familien wie die Cherrells balancieren zwischen standesgemäßem Auftreten und nüchterner Haushaltsführung. Diese materiellen Spannungen sind nicht nur Kulisse, sondern treiben Entscheidungen über Ehen, Karrieren und Aufenthaltsorte an – und damit zentrale Handlungsimpulse der Trilogie.

Die makroökonomische Lage verschärft diese Tendenzen. Nach einer kurzen Nachkriegsinflation folgte 1925 die Rückkehr Großbritanniens zum Goldstandard, die britische Exporte verteuerte und Arbeitslosigkeit förderte. Der Generalstreik von 1926 offenbarte die Spannungen zwischen Industriearbeiterschaft und Establishment. Der Börsenkrach von 1929 und die Währungskrise von 1931 mit dem Abschied vom Goldstandard vertieften die Unsicherheit. Familienvermögen schrumpften, soziale Abstiegsängste nahmen zu, und wohlerzogene, aber nicht reiche Angehörige der oberen Schichten mussten pragmatische Berufswege suchen. Galsworthys Figuren agieren in genau dieser Gemengelage aus materieller Fragilität und stilbildendem Pflichtethos.

Politisch wandelte sich das Parteiensystem. Die Labour Party war seit 1924 eine reale Regierungsoption, 1929–1931 regierte sie als Minderheitsregierung, ehe eine überparteiliche Nationalregierung 1931 die Krise zu managen versuchte. Debatten über Haushaltssanierung, Arbeitslosenunterstützung und internationale Verpflichtungen spalteten das Land. Für die alten Eliten ergab sich ein ambivalentes Bild: Der Anspruch auf Verantwortung blieb, doch der Einfluss schmolz. Die Cherrell-Welt spiegelt diesen Übergang, indem sie Loyalität gegenüber Staat und Krone bekräftigt, zugleich aber die Grenzen standespolitischer Selbstgewissheit im Angesicht demokratisierter Öffentlichkeit und wirtschaftlicher Zwänge auslotet.

Das britische Empire bildete weiterhin den geopolitischen Rahmen des Denkens. Angehörige gebildeter Familien dienten in Kolonialverwaltung, Armee oder Missionswerken. Zugleich wuchsen die antikolonialen Bewegungen. In Indien prägten die Non-Kooperations- und die zivile Ungehorsamsbewegung der späten 1920er und frühen 1930er Jahre sowie die Round-Table-Konferenzen 1930–1932 die Debatte über Selbstverwaltung. In Afrika und dem Nahen Osten verschoben Mandate und Grenzziehungen Verantwortlichkeiten. Diese imperialen Netzwerke bestimmten Heiratsmärkte, Karrierechancen und moralische Konflikte – und erklären, weshalb in Galsworthys Figurenwelt Dienstehre und Gewissensfragen im kolonialen Kontext wiederholt aufeinandertreffen.

Die Massenpresse veränderte Ruf und Privatsphäre grundlegend. Boulevardblätter und Presselords wie Beaverbrook und Rothermere prägten den Ton. Sensationsberichterstattung, Enthüllungen und Kampagnenjournalismus konnten Existenzen beschädigen. Das britische Verleumdungsrecht bot zwar Schutz, doch Prozesse zogen Aufmerksamkeit an und drohten, den befürchteten Skandal zu vergrößern. In einer Gesellschaft, in der Ehre Kapital war, wurde Medienkompetenz für Eliten zur Überlebensfrage. Galsworthy nutzt diese historische Realität, um zu zeigen, wie verletzlich selbst gut vernetzte Familien gegenüber dem Urteil einer anonymen Öffentlichkeit und der Logik von Schlagzeilen geworden sind.

Frauenrechte und Geschlechterrollen befanden sich im Umbruch. Nach 1918 erhielten Frauen über 30 das Wahlrecht, 1928 dann volle Gleichstellung im Wahlrecht. Oxford verlieh ab 1920 Frauen akademische Grade, während in Cambridge der Status formaler Abschlüsse noch eingeschränkt blieb. Mehr Frauen arbeiteten in Büros, im Bildungswesen, in sozialen Berufen und Medien. Gleichzeitig hielten Konventionen über Anstand, Sexualmoral und Heirat an. Galsworthy zeichnet vor diesem Hintergrund junge Frauenfiguren, die Bildung, Selbstbehauptung und Loyalität verbinden müssen. Ihre Handlungsspielräume sind gewachsen, doch sie kollidieren mit Erwartungen von Familie, Stand und Presse.

Kulturell konkurrierten moderne Experimente und traditionelle Formen. Die literarische Moderne mit stream of consciousness, fragmentarischer Erzählweise und psychologischer Verdichtung prägte Londoner Intellektuellenzirkel; zugleich blieb der realistische Gesellschaftsroman beim breiten Publikum populär. Galsworthy blieb dem beobachtenden Realismus verpflichtet, verband ihn jedoch mit feiner Ironie und sozialkritischer Empathie. Radio (BBC seit 1922) und das Tonfilm-Kino (seit Ende der 1920er Jahre) verbreiteten neue Erzählmodi und Stars, beschleunigten aber auch die Vereinheitlichung kultureller Standards. Die Cherrell-Chronik kommentiert diese Entwicklungen, ohne ihre Bühne – das Nuancenspiel sozialer Beziehungen – zu verlassen.

Technologisch veränderten Automobil, Telefon und elektrische Haushaltsgeräte den Alltag. Reisen zwischen Stadt und Land wurden einfacher, Wochenendkultur entstand, Vororte wuchsen. Gleichzeitig brach das alte Dienstbotensystem ein: Löhne in Fabriken und Büros waren konkurrenzfähig, die Bereitschaft zu langer Hausarbeit sank. Dieser Wandel traf große Haushalte hart und zwang zur Anpassung von Etikette und Lebensstil. Die Cherrells bewegen sich in einer Welt, in der ständische Gewohnheiten und moderne Mobilität kollidieren. Solche Reibungen zeigen sich in Besuchsritualen, Erbschaftsfragen und der Art, wie Gemeinschaften neu organisiert werden – bis hin zu Clubs, Vereinen und lokalen Ehrenämtern.

Religiös und moralisch war das Bild zwiespältig. Die anglikanische Kirche behielt Zeremonien und Bildungsinstitutionen, doch die kirchliche Bindung vieler Stadtbürger nahm ab. Das Scheidungsrecht blieb bis in die 1930er Jahre restriktiv; erst 1937 wurden die Gründe erweitert. Zuvor galten Verfahren als schambeladen und sozial riskant. Theatrale und literarische Zensur war präsent, etwa durch die Befugnisse des Lord Chamberlain im Theater. Gegen diese Kulisse entfaltet Galsworthy Konflikte, in denen persönliche Wahrhaftigkeit, Rücksicht auf Konventionen und die Furcht vor öffentlicher Bloßstellung miteinander ringen – ein Spannungsfeld, das seine Figuren präzise vermessen.

Die Geographie der Geschichten oszilliert zwischen London und Provinz. London steht für Kanzleien, Clubs, Galerien und eine aufmerksame Presse; die Grafschaften bieten Jagden, Pfarreien und Kreisgerichte, in denen die sozialen Hierarchien sichtbarer, aber auch poröser werden. Der Zuzug in Vororte, die Differenz zwischen West End und aufstrebenden Vierteln sowie die symbolische Bedeutung von Stadtadressen markieren Status. Galsworthy nutzt diese Räume, um Mobilität und Verwurzelung, Diskretion und Öffentlichkeit als soziale Kräfte zu inszenieren, die in der Zwischenkriegszeit neu austariert werden mussten.

International herrschte eine fragile Ordnung. Der Vertrag von Versailles, die Locarno-Verträge (1925), Reparationsfragen und die Genfer Abrüstungskonferenz 1932–1933 prägten die Diplomatie. Die Weltwirtschaftskrise nährte Protektionismus; autoritäre Bewegungen gewannen Zulauf, in Italien bereits seit 1922, in Deutschland ab Anfang der 1930er Jahre. In Großbritannien wuchsen zugleich pazifistische und internationalistische Strömungen, die auf die Arbeit des Völkerbundes setzten. Diese Ambivalenz – Skepsis gegenüber Abenteuerpolitik und Furcht vor neuerlicher Katastrophe – bildet den Hintergrund für Galsworthys Reflexionen über Pflicht, Loyalität und die Grenzen nationaler Selbstgewissheit.

Verfassungs- und Rechtsrahmen blieben stabil, veränderten sich jedoch im Detail. Unter George V. konsolidierte sich eine konstitutionelle Monarchie mit starker symbolischer Integrationskraft. Der Parliament Act von 1911 hatte die Veto-Macht des Oberhauses reduziert, ohne dessen gesellschaftliche Bedeutung zu löschen. Justiz und Anwaltsberufe sicherten Kontinuität, lokale Magistrate strukturierten das Rechtsleben. Elitenreproduktion lief weiterhin über Public Schools und Universitäten. Milieus aus Regimentern, Pfarreien und Bezirksverwaltungen bildeten Netzwerke, die Galsworthy realistisch zeichnet – als Halt und als Trägheitsmoment in einer zunehmend meritokratisch argumentierenden Gesellschaft.

Galsworthy war ein humanistisch gesinnter Beobachter sozialer Verhältnisse. In Essays und Reden plädierte er für Reformen, Mitgefühl und die Begrenzung der Macht des bloßen Besitzes. 1932 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, ausgezeichnet für seine erzählerische Kunst und die scharfsichtige Gesellschaftskritik. Seine späten Romane, zu denen die Cherrell-Trilogie zählt, entstanden in einem Klima der wirtschaftlichen und moralischen Prüfung. Dort richtet er den Blick auf Gewissenskonflikte, öffentliche Beschämung und die Frage, ob Würde im Zeitalter der Schlagzeile bewahrt werden kann – ohne den Menschen hinter den Konventionen aus dem Blick zu verlieren.

Die Cherrell-Chronik kommentiert ihre Zeit, indem sie die Erosion alter Sicherheiten sichtbar macht. Sie zeigt, wie Familienkapital, Ehre und Bildung gegen Marktlogiken, Medienwirbel und politische Umbrüche verteidigt werden – und wo diese Verteidigung scheitert oder sich wandeln muss. Durch die Verknüpfung von Interieurs, Amtsstuben und Zeitungsredaktionen zeichnet Galsworthy ein Panorama der Zwischenkriegsjahre, das zugleich kritisch und empathisch ist. Sein Realismus hält der Gesellschaft einen Spiegel vor: Er registriert die stillen Verluste und die leisen Fortschritte, ohne Illusionen zu bedienen. So wird das Werk zu einem Maßstab reflektierter Zeitgenossenschaft.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

John Galsworthy (1867–1933) war ein englischer Romancier und Dramatiker der späten Viktorianischen und edwardianischen Epoche, dessen nüchterner Realismus und moralische Sensibilität ihn zu einer prägenden Stimme des 20. Jahrhunderts machten. International bekannt wurde er mit der Forsyte-Saga, einer weit gespannten Chronik über Besitz, Klasse und Wandel. Sein Werk verbindet erzählerische Eleganz mit sozialkritischem Blick und zeigt Konflikte zwischen individuellem Gewissen und gesellschaftlicher Konvention. 1932 erhielt er den Nobelpreis für Literatur für seine „vorbildliche Erzählkunst“, die Verständnis und Mitgefühl weckt. Galsworthy prägte sowohl Roman als auch Theater und beeinflusste Debatten über Recht, Eigentum und Gerechtigkeit.

Aufgewachsen in Surrey, besuchte Galsworthy die Harrow School und studierte anschließend Rechtswissenschaft am New College, Oxford. 1890 wurde er als Barrister zugelassen, wandte sich jedoch bald von der Praxis ab und dem Schreiben zu. Reisen führten ihn zur See; 1893 traf er Joseph Conrad, mit dem ihn eine lange literarische Freundschaft verband. Früh publizierte er unter dem Pseudonym John Sinjohn, ehe er unter eigenem Namen hervortrat. Sein Stil wurzelt im europäischen Realismus; Einflüsse von Ibsen, Turgenev und Maupassant prägten seine nüchterne Beobachtung und sein Interesse an strukturellen sozialen Zwängen, ohne ins Pamphletistische zu verfallen.

Seinen Durchbruch als Dramatiker erzielte Galsworthy mit einer Reihe von gesellschaftskritischen Stücken. The Silver Box (1906) kontrastiert Klassenjustiz und moralische Verantwortung, Strife (1909) zeigt die Verhärtungen industrieller Konflikte, und Justice (1910) prangerte die Härten des Strafvollzugs an. Die nüchterne, dialogstarke Form orientierte sich an der realistischen Problemtragödie und verzichtete auf melodramatische Zuspitzungen. Justice trug zur öffentlichen Debatte über Gefängnisreformen bei und wurde viel diskutiert. Spätere Dramen wie The Skin Game (1920) und Loyalties (1922) vertieften Themen wie Besitzkonflikt, Loyalität und Vorurteil. Seine Theaterarbeit festigte seinen Ruf als moralisch wachsamer, zugleich kunstvoll zurückhaltender Beobachter.

Parallel dazu entfaltete Galsworthy eine reiche Prosa. The Man of Property (1906) eröffnete die Forsyte-Saga, deren Zwischenstücke Indian Summer of a Forsyte (1918) und Awakening (1920) sowie die Romane In Chancery (1920) und To Let (1921) den Aufstieg, die Risse und den Wandel einer wohlhabenden Schicht nachzeichnen. Stilistisch verbindet er präzise Beobachtung, ironische Distanz und eine zurückgenommene Erzählstimme. Auch eigenständige Romane wie The Country House (1907), Fraternity (1909), The Patrician (1911) und The Dark Flower (1913) zeigen seine Sensibilität für Generationenkonflikte, Besitzethik und emotionale Zwänge, die er ohne Sentimentalität, jedoch mit deutlichem Mitgefühl, beleuchtet.

In den 1920er-Jahren setzte Galsworthy die Chronik mit A Modern Comedy fort, bestehend aus The White Monkey (1924), The Silver Spoon (1926) und Swan Song (1928), flankiert von kürzeren Zwischenspielen. Den späten Abschluss bildete End of the Chapter mit Maid in Waiting (1931), Flowering Wilderness (1932) und Over the River/One More River (1933). Parallel blieb er ein produktiver Dramatiker; Loyalties untersuchte gesellschaftliche Vorurteile, The Skin Game Besitzkonflikte in der Provinz. Seine Prosawelten entwickelten ein Panoptikum britischer Lebensweisen im Übergang von Viktorianismus zu Moderne, ohne heroische Gesten, doch mit feiner moralischer Ironie und aufmerksamem sozialen Gehör.

Über das Schreiben hinaus engagierte sich Galsworthy öffentlich. 1921 gehörte er zu den Mitbegründern des P.E.N.-Clubs und war dessen Präsident bis in die frühen 1930er-Jahre, wodurch er Austausch und Redefreiheit förderte. Seine Essaysammlungen The Inn of Tranquillity (1911), A Sheaf (1916) und Another Sheaf (1919) bündeln Beobachtungen zu Krieg, Gesellschaft und Kunst. Das Drama Justice trug zur Aufmerksamkeit für Gefängnisreformen bei; insgesamt verband er humanitäre Anliegen mit künstlerischer Disziplin. Er schrieb über Tiere und Natur mit spürbarer Empathie, ohne Sentiment zu kultivieren, und suchte eine ethische, doch unaufdringliche Literatur, die Anteilnahme statt Empörung erzwingt.

In seinen späten Jahren festigte sich Galsworthys weltweiter Ruf. 1932 erhielt er den Nobelpreis für Literatur; seine Gesundheit erlaubte nur eingeschränkte öffentliche Auftritte, und Anfang 1933 starb er in London. Sein Nachruhm gründet auf der umfassenden Gesellschaftschronik der Forsyte-Saga, den weiteren Zyklen und den Dramen, die bis heute aufgeführt und gelesen werden. Zahlreiche Adaptionen für Bühne, Radio, Fernsehen und Film hielten sein Werk präsent, ohne den literarischen Rang zu verdrängen. Als stilbewusster Realist, der Mitgefühl ohne Sentimentalität suchte, bleibt er eine zentrale Figur der englischen Literatur, deren Fragen nach Besitz, Recht und Verantwortung fortwirken.

Die Cherrell Chronik

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Buch: Ein Mädchen wartet
Zweites Buch: Blühende Wildnis
Drittes Buch: Über den Strom

Erstes Buch: Ein Mädchen wartet

Inhaltsverzeichnis
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII
XXIII
XXIV
XXV
XXVI
XXVII
XXVIII
XXIX
XXX
XXXI
XXXII
XXXIII
XXXIV
XXXV
XXXVI
XXXVII

I

Inhaltsverzeichnis

Der Bischof von Porthminster lag im Sterben; man hatte seine vier Neffen, zwei Nichten und den Gatten der einen holen lassen. Es schien, er werde die Nacht wohl kaum überleben. In den sechziger Jahren hatte er unter den Kameraden auf dem College in Harrow und der Universität in Cambridge «Senior Cherrell» geheißen, später in seinen beiden Londoner Gemeinden Pfarrer Cuthbert Cherrell, in seiner Blütezeit als Prediger Kanonikus Cherrell und in den letzten achtzehn Jahren Cuthbert, Bischof von Porthminster. Er war unvermählt geblieben. Zweiundachtzig Jahre hatte er gelebt, und fünfundfünfzig – er war etwas später als üblich Priester geworden – hatte er in gewissen Regionen dieser Erde als Gottes Stellvertreter gewirkt. Dieses Amt und die Beherrschung seiner natürlichen Triebe, die er vom sechsundzwanzigsten Jahre an geübt, liehen seinem Antlitz jenen Ausdruck verhaltener Würde, der sogar angesichts des Todes nicht schwand. Er sah ihm mit Ruhe entgegen. Das Zucken seiner Brauen verriet fast leisen Spott, und leiser Spott klang aus den Worten, die er mit ganz schwacher Stimme zu seiner Pflegerin sprach: «Morgen können Sie ausschlafen, Schwester. Ich werde pünktlich drüben sein, muß ja nicht im Ornat erscheinen.»

Noch keiner seiner Vorgänger hatte mit so viel Anmut und Würde den Ornat getragen, und diese Vornehmheit in Gesicht und Erscheinung hatte er sich bis ans Ende seiner Tage bewahrt. Nun lag er reglos da, das graue Haar zurückgekämmt, das Antlitz blaß wie Elfenbein. So lange war er Bischof gewesen, daß am Ende niemand mehr wußte, wie er eigentlich über den Tod oder irgendein anderes Problem dachte, man kannte nur seine Ansicht über das anglikanische Gebetbuch – jeden Reformvorschlag hatte er schroff zurückgewiesen. Schon von Natur war er es nie gewohnt gewesen, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben, und am Ende hattedas Zeremoniell seines Lebens alle natürlichen Anlagen so überdeckt wie Stickerei und Juwelen das Gewebe eines Meßgewandes.

Er lag in einem Zimmer mit Doppelfenstern, einem klösterlich kahlen Raum, in einem Gebäude aus dem sechzehnten Jahrhundert, das in der Nähe der Kathedrale stand. Zum Fenster strömte die Septemberluft herein, konnte aber den Moderduft des alten Hauses nicht gänzlich bannen. Den einzigen Fleck leuchtender Farbe bildeten ein paar Cinerarien in einer alten Vase auf dem Fensterbrett; die Pflegerin gewahrte, daß des Kranken Blick unablässig an diesen Blumen hing, wenn er nicht gerade die Augen geschlossen hielt. Gegen sechs Uhr teilte man ihm mit, die ganze Familie seines längst verstorbenen Bruders sei eingetroffen. «So! Sorgt für ihre Bequemlichkeit. Ich möchte Adrian sehn.» Als er eine Stunde später die Augen wieder aufschlug, fiel sein Blick auf seinen Neffen Adrian, der am Fußende des Bettes saß. Einige Minuten lang starrte er in das magere, braune Gesicht mit den feinen Fältchen, dem schüttern Bart und auf das ergrauende Haupthaar; er schien ein wenig erstaunt, seinen Neffen so gealtert zu finden. Dann zog er die Brauen hoch und sagte leise in seinem etwas spöttischen Ton: «Mein lieber Adrian! Schön von dir! Rück doch bitte ein wenig näher. So! den letzten Rest meiner schwachen Kraft will ichfürdich verwenden oder, wie es dir vielleicht scheinen mag,gegendich! Entweder ich spreche offen oder überhaupt nicht. Du bist kein Kleriker, drum will ich, was ich zu sagen habe, dir mit den Worten eines Weltkinds sagen, das ich ja selbst einst war und im Grunde vielleicht immer geblieben bin. Wie ich hörte, hast du eine Neigung, besser gesagt, eine törichte Schwäche für eine Frau, die dich nicht heiraten kann – stimmt das?»

Adrians gütiges Gesicht mit den vielen Fältchen sah sanft und etwas betroffen drein: «Es stimmt, Onkel Cuthbert. Tut mir wirklich leid, wenn es dir Kummer macht.»

«Wird deine Neigung erwidert?» Der Neffe zuckte die Achseln. «Mein lieber Adrian, die Ansichten der Welt haben seit meiner Jugend so manchen Wandel erfahren, doch auch heute noch gilt die Ehe als heilig. Nun, das geht dein Gewissen an, nicht mich.Einen Schluck Wasser!» Adrian hielt ihm ein Glas an die Lippen, der Bischof trank und fuhr mit schwacher Stimme fort: «Seit eures Vaters Tod habe ich einigermaßen seine Stelle bei euch vertreten und die Traditionen unserer Familie gehütet. Laß dir gesagt sein: unser Name reicht weit in die Vergangenheit zurück und stand stets in hohen Ehren. Ein gewisses angeborenes Pflichtgefühl ist uns alten Familien heutzutage als einziges Erbe geblieben. Was man vielleicht einem Jüngling nachsehn mag, verzeiht man nie und nimmer einem Mann in gereiften Jahren und in deiner Lebensstellung. Ungern scheide ich aus dieser Welt mit dem Gedanken, daß unser Name vielleicht bald durch die Zeitungen geschleift und verunglimpft wird. Vergib mir diese Einmengung in deine Privatangelegenheiten und laß mich jetzt von euch allen Abschied nehmen. So wird es weniger schmerzlich sein. Überbringe du den andern meinen Segen – freilich hat der kaum etwas zu bedeuten. Leb wohl, mein lieber Adrian, leb wohl!» Die Stimme erstarb im Flüstern. Der Sprecher schloß die Augen.

Adrian blieb noch ein Weilchen stehn und blickte auf das scharfe, wächserne Antlitz nieder, dann schlich er, die hohe Gestalt ein wenig gebeugt, zur Tür, öffnete sie leise und verschwand; Die Pflegerin kam zurück.

Die Lippen des Bischofs regten sich leise, dann und wann zuckten seine Brauen, doch er sprach nur noch ein einzigesmal: «Bitte, achten Sie darauf, daß mein Gebiß gut sitzt und der Kopf die richtige Lage einnimmt. Verzeihen Sie diese Einzelheiten, doch mein Anblick soll nicht abstoßend wirken…»

Adrian ging die Treppe hinab in den langen, getäfelten Raum, wo die Familie harrte. «Im Sterben. Er schickt euch allen seinen Segen.»

Sir Conway räusperte sich. Hilary drückte Adrians Arm. Lionel trat ans Fenster. Emily Mont zog mit der einen Hand ein kleines Taschentuch hervor und legte die andere in die Rechte ihres Gatten, Sir Lawrence Mont. Nur Wilmet sprach: «Wie sieht er aus, Adrian?»

«Wie ein sterbender Krieger auf seinem Schild.»

Wieder räusperte sich Sir Conway.

«Tapferer alter Mann!» warf Sir Lawrence leise hin.

«Freilich!» murmelte Adrian.

Schweigsam und wartend saßen und standen sie da und empfanden jenes unvermeidliche Mißbehagen, wie es in einem Hause herrscht, in das der Tod Einkehr hält. Der Tee wurde serviert, doch wie in stillem Einvernehmen rührte ihn niemand an. Auf einmal ertönte die Totenglocke. Die sieben in dem Zimmer schauten empor. Aller Blicke trafen sich im leeren Raum, aller Augen schienen an einem unsichtbaren Etwas zu hangen.

Von der Tür her drang eine Stimme: «Wenn Sie ihn zu sehen wünschen – bitte!» Sir Conway, der Älteste, schritt hinter dem Kaplan des Bischofs, die andern hinter Sir Conway.

Auf seinem schmalen Bett, das an der Mitte der Wand gegenüber dem Doppelfenster stand, lag der Bischof, schmal, weiß, gerade, und der Tod erhöhte noch seine Würde. Noch nie hatte er so vornehm ausgesehen wie bei diesem letzten Empfang seiner Gäste. Keiner der Anwesenden, nicht einmal der Kaplan, der als achter zugegen war, hätte zu sagen vermocht, ob Cuthbert, Bischof von Porthminster, auch wirklich an den Gott geglaubt hatte, dem er hienieden in so hohem Amt so treu gedient. Jetzt betrachteten ihn alle mit den verschiedenen Gefühlen, die der Tod in verschiedenen Menschen wachruft – nur ein Empfinden war ihnen allen gemeinsam: ästhetisches Wohlgefallen an einem so vollendet würdigen Anblick. Conway, General Sir Conway Cherrell, hatte schon so manchen Toten gesehn. Jetzt stand er da, die Hände übereinandergeschlagen, wie einst in der Kadettenschule zu Sandhurst beim Kommandoruf: ‹Rührt euch!› Seine Züge zeigten eher einen asketischen als soldatischen Ausdruck; die dunklen Augen blickten ruhig, Schläfen, Nase und Lippen waren schmal, die Wangen zwischen den breiten Backenknochen und dem spitzen, energischen Kinn gefurcht und sonnverbrannt. Er trug einen kurzgestutzten, graumelierten Schnurrbart. Unter den Gesichtern der acht Anwesenden schien das seine das stillste, am unruhigsten das Antlitz des höher gewachsenen Adrian an seiner Seite. Sir Lawrence Mont hatte seinen Arm durch den seiner Frau Emily gezogen; die Miene seines hagern, spöttischen Gesichts schien zusagen: ‹Erstklassige Vorstellung–wein doch nicht, meine Liebe!› Rechts und links von Wilmet standen Hilary und Lionel, des einen Gesicht war faltig, des andern glatt, beide lang, schmal und energisch; sie sahen drein, als wüßten sie nicht recht, ob sich jene Augen wirklich für immer geschlossen. Wilmet, eine große, hagere Frau, war tiefrot geworden und hielt den Mund fest zusammengepreßt. Der Kaplan stand geneigten Hauptes da; seine Lippen regten sich leise, als murmle er still ein Gebet. So standen sie etwa drei Minuten lang, dann taten fast alle gleichzeitig einen tiefen Atemzug und schritten, einer nach dem andern, zur Tür. Jeder begab sich in das Zimmer, das man ihm angewiesen. Beim Dinner trafen sie einander wieder und dachten und sprachen nun schon in ihrer alltäglichen Weise. Onkel Cuthbert war zwar Oberhaupt und Repräsentant der Familie gewesen, aber keinem von ihnen persönlich wirklich nahgestanden. Man warf die Frage auf, ob er bei seinen Ahnen in Condaford oder hier in der Kathedrale bestattet werden solle. Vermutlich entschied darüber eine letztwillige Verfügung. Noch am selben Abend kehrten alle nach London heim, nur der General und Lionel blieben als Testamentsvollstrecker zurück.

Die beiden Brüder sahen im Bibliothekszimmer das Testament durch – es war ganz kurz, der Verstorbene hinterließ nicht gar viel. Dann saßen sie einander schweigend gegenüber. Endlich sagte der General: «Lionel, ich möchte dich um einen Rat fragen. Es handelt sich um meinen Sohn Hubert. Hast du von der Anschuldigung erfahren, die man im Parlament kurz vor der Vertagung gegen ihn erhob?»

Lionel nickte. Von Natur wortkarg, war er nun, da ihm die Richterwürde nah bevorstand, noch zurückhaltender geworden. «Von der Interpellation las ich in der Zeitung, doch Huberts Darstellung ist mir unbekannt.»

«Die kann ich dir geben. Ein niederträchtiger Angriff! Der Junge läßt sich zwar bisweilen von seinem Temperament hinreißen, doch er ist durch und durch ehrlich. Seinem Wort darf man trauen. Ich kann dir nur sagen, an seiner Stelle hätte ich wahrscheinlich genau so gehandelt.»

Lionel nickte. «Weiter!»

«Also wie du weißt, ging er als blutjunger Mensch vom College in Harrow geradewegs in den Krieg, diente ein Jahr beim königlichen ›Fliegerkorps[1]‹, kam verwundet zurück und blieb auch nach dem Krieg im Heeresdienst. Er stand zuerst in Mesopotamien, dann in Ägypten und Indien. Dort erkrankte er schwer an Malaria und erhielt im vergangenen Oktober ein Jahr Krankenurlaub, das am ersten Oktober abläuft. Man empfahl ihm zur Erholung eine lange Seereise. Er nahm also Urlaub und fuhr durch den Panamakanal nach Lima. Dort lernte er einen amerikanischen Professor namens Hallorsen kennen, der vor einiger Zeit auch hier in London mehrere Vorträge gehalten hat, wenn ich nicht irre, über die prähistorische Kultur Boliviens. In Lima traf er Vorbereitungen zu einer Forschungsreise in jenes Land. Als Hubert nach Lima kam, stand die Expedition knapp vor dem Aufbruch; Hallorsen suchte einen Offizier als Leiter des Transports. Hubert hatte sich auf der Seefahrt recht gut erholt und griff mit Freuden zu. Ein müßiges Leben hält er nicht aus. Hallorsen nahm ihn im vergangenen Dezember mit. Bald darauf ließ er Hubert als Befehlshaber seines Hauptlagers mit einer Anzahl halbindianischer Maultiertreiber zurück. Hubert war der einzige Weiße und verfiel neuerlich in schweres Fieber. Nach seiner Schilderung sind manche dieser Mestizen eine wahre Satansbrut. Ohne eine Spur von Disziplin und unglaublich roh gegen Tiere! Hubert vertrug sich nicht mit ihnen. Er ist, wie gesagt, ein aufbrausender Bursche, obendrein ein ganz besonderer Tierfreund. Die Mestizen wurden immer widerspenstiger, und eines Tages ging einer von ihnen, der schon lang heimlich meuterte, mit dem Messer auf ihn los, weil Hubert ihn wegen Mißhandlung der Maultiere hatte prügeln lassen. Zum Glück hatte Hubert seinen Revolver bei der Hand und schoß den Kerl tot. Daraufhin nahm das übrige Gesindel, bis auf drei, mit den Maultieren Reißaus. Stell dir nur vor, fast drei Monate blieb Hubert allein zurück, und von Hallorsen kam keine Hilfe, ja nicht einmal eine Nachricht. Mehr tot als lebendig, schlug Hubert sich mit den drei Zurückgebliebenen irgendwie durch. Endlich kehrte Hallorsenwieder, zeigte aber nicht das geringste Verständnis für Huberts schwierige Lage, sondern überhäufte ihn noch mit Vorwürfen. Hubert ließ sich das nicht bieten, erwiderte ihm nach Gebühr und kehrte ihm den Rücken. Er fuhr geradewegs heim und lebt nun bei uns in Condaford. Sein Fieber ist zum Glück geschwunden, doch ist er noch immer arg erschöpft. Und jetzt greift ihn dieser Hallorsen in seinem Buch an, mißt ihm fast die ganze Schuld am Mißlingen der Expedition bei, erklärt, er sei ein Heißsporn, ein Aristokrat und mit den Leuten wie ein Tyrann umgesprungen – kurz, er gebraucht alle die dummen Schlagworte, die heutzutage so wirken. Irgendein Mitglied der Militärkommission hat das aufgeschnappt und im Parlament eine Anfrage vorgebracht. Wenn die Sozialisten in einem solchen Fall zetern, ist es ja begreiflich; doch wenn ein Mitglied der Militärkommission einem britischen Offizier unziemliches Betragen vorwirft, sieht die Sache schon ganz anders aus. Hallorsen lebt in den Vereinigten Staaten. Hubert kann keinen Prozeß anstrengen; zudem hat er keine Zeugen. Fast fürchte ich, die Geschichte wird ihn seine Karriere kosten.»

Lionel Cherrells langes Gesicht wurde noch länger. «Hat er beim Regimentskommando vorgesprochen?»

«Jawohl, Mittwoch war er dort. Man hat ihn kühl empfangen. Jeder Pöbelschwatz über die Willkür der Offiziere jagt heutzutage den Herren Schrecken ein. Freilich ließen sie die Geschichte wohl auf sich beruhn, wenn von ihr nicht weiter die Rede wäre. Aber wie kann Hubert dazu schweigen? Man hat ihn öffentlich in einem Buch angegriffen und im Parlament geradezu einer Gewalttat beschuldigt, unwürdig eines Offiziers und Gentleman. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen; wie aber sich dagegen wehren?»

Lionel tat einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. «Meines Erachtens soll er den Angriff ganz ignorieren», erklärte er endlich.

Der General ballte die Faust. «Zum Teufel, Lionel, das will mir nicht in den Kopf!»

«Er gesteht doch, daß er den Kerl prügeln ließ und niederknallte. Die Leute hier haben keine Vorstellungskraft, könnensich nie und nimmer in seine Lage hineindenken. Sie werden von dem Ganzen nur so viel erfassen, daß er auf einer Privatexpedition einen Mann erschoß und andere prügeln ließ. Erwarte von ihnen kein Verständnis für seine Zwangslage, keine Berücksichtigung der näheren Umstände.»

«Du rätst ihm also, die Sache auf sich beruhn zu lassen?»

«Als Mann nicht, als Mann von Welt ja.»

«Herrgott im Himmel, wohin kommt es noch mit England? Möcht wirklich wissen, was Onkel Cuthbert dazu gesagt hätte! Er hielt so viel auf unsern Namen.»

«Ich halte nicht weniger darauf. Aber wie soll Hubert den Gegnern beikommen?»

Der General schwieg eine Weile, dann gab er zurück: «Eine Schmach und Schande ist diese Beschuldigung, dennoch sind Hubert die Hände gebunden. Wenn er den Dienst quittiert, könnte er vielleicht auftreten, aber er ist mit Leib und Seele Soldat. Eine böse Geschichte. Da fällt mir ein, Lawrence hat mit mir über Adrian gesprochen. Angela Forest hieß mit ihrem Mädchennamen doch Montjoy, nicht wahr?»

«Jawohl. Sie ist eine Kusine zweiten Glieds von Lawrence. Eine reizende Frau, Conway. Hast du sie je getroffen?»

«Jawohl, als sie noch Mädchen war. Wie geht's ihr denn?»

«Sie ist jetzt eine verheiratete Witwe: zwei Kinder hat sie und einen Gatten in der Irrenanstalt.»

«Schöne Aussichten! Unheilbar?»

Lionel nickte. «Es heißt so. Freilich, man kann nie wissen.»

«Du lieber Himmel!»

«So steht es also. Sie hat kein Geld, Adrian noch weniger. Übrigens eine ganz alte Liebe Adrians, noch aus ihrer Mädchenzeit her. Wenn er irgendeine Narretei begeht, verliert er sein Amt als Kustos.»

«Du meinst doch nicht gar, daß er mit ihr durchbrennt? Unsinn, er muß gegen fünfzig sein!»

«Altes Stroh brennt lichterloh. Sie ist übrigens ein reizendes Geschöpf. Die Frauen der Familie Montjoy sind wegen ihrer Schönheit berühmt. Glaubst du, daß er auf dich hört, Conway?»

Der General schüttelte den Kopf. «Eher auf Hilary.»

«Der arme, liebe Adrian – der beste Kerl der Welt. Ich werde mit Hilary reden, aber er hat immer alle Hände voll zu tun.»

Der General erhob sich. «Ich geh schlafen. Bei uns zu Hause in Condaford riecht es nicht so muffig wie hier, und doch ist Condaford noch viel älter.»

«Zuviel modriges Holzwerk hier. Gute Nacht, Alter!»

Die Brüder schüttelten einander die Hände, langten jeder nach einer Kerze und gingen auf ihre Zimmer.

II

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Schloß Condaford Grange war im Jahre 1217 aus dem Besitz der Herren von Campford (daher sein Name) auf die Cherrells übergegangen, die man damals Kerwell geschrieben hatte, bisweilen auch Keroual, wie es dem Schreiber grade einfiel. Die Geschichte dieser Erwerbung klingt romantisch. Der Ahnherr, der es durch die Ehe mit einer de Campfort an sich gebracht, hatte diese Dame darum zur Frau erhalten, weil er sie vor einem Wildschwein errettete. Sie war die Erbin der de Campfortschen Ländereien gewesen, er ein fahrender Gesell, ohne einzige Hufe Landes; sein Vater, ein Franzose, aus Guyenne, war nach dem Kreuzzug des Richard Löwenherz[2] nach England gekommen. Das Familienwappen zeigt ein Wildschwein, und Zweifel tauchten auf, ob nicht vielmehr der Eber auf dem Schild Anlaß zu dieser Geschichte gegeben, als diese Geschichte zum Eber im Wappen. Jedenfalls reichten einzelne Trakte des Schlosses nach dem Urteil sachkundiger Architekten ins zwölfte Jahrhundert zurück. Zweifellos war es einst von Wall und Graben umschlossen gewesen. Doch zur Zeit der Königin Anne hatte ein Cherrell bei einer Renovierung den Graben trockengelegt, vielleicht, weil ihn die Mücken quälten, vielleicht, weil er vom kommenden Weltfrieden überzeugt war. Nun war kaum mehr eine Spur des Grabens vorhanden.

Der verstorbene Sir Conway, des Bischofs älterer Bruder, war Diplomat gewesen und im Jahre 1901 anläßlich seiner Missionnach Spanien in den Ritterstand erhoben worden. Von seinem Beruf in Anspruch genommen, hatte er das Schloß verfallen lassen. 1904 war er inmitten seiner Tätigkeit gestorben. Unter seinem ältesten Sohn, dem jetzigen Sir Conway, war der Verfall zunächst fortgeschritten; denn Sir Conway stand unausgesetzt im Militärdienst und gönnte sich nur ab und zu einen kurzen Urlaub in Condaford. Doch nach Beendigung des Weltkriegs schritt er daran, den Landsitz, so gut es nur ging, zu renovieren; schließlich war er ja seit dem Einfall der Normannen das Heim seiner Väter gewesen. Nun war Schloß Condaford außen einfach, aber sauber, innen recht behaglich und sein Herr fast zu arm, es instand zu halten. Der Grundbesitz war zwar nicht mit Hypotheken belastet, doch auch nicht ertragreich; er bestand zum großen Teil aus Jungwald und brachte nur einige hundert Pfund im Jahr ein. Die Generalspension und das kleine Einkommen seiner Frau, einer geborenen Honourable Elizabeth Frensham, erlaubten dem General, zwei Förster zu beschäftigen und mit knapper Not das Auslangen zu finden – er wurde nicht übermäßig hoch besteuert. Seine Gattin war eine jener englischen Frauen, die anscheinend nicht viel, aber eben darum sehr viel bedeuten. Sie war bescheiden, freundlich und nie müßig. Kurz und gut, sie hielt sich stets im Hintergrund; ihr blasses, ruhiges, ein wenig schüchternes Antlitz mahnte einen stets daran, daß feines Empfinden und wahre Kultur nur ganz wenig von Reichtum und Intellekt abhängen. Ihr Gatte und ihre drei Kinder setzten unbedingtes Vertrauen in ihr stets reges Mitgefühl. Alle hatten ein lebhafteres Temperament und frischere Farben als sie; drum wirkte sie so beruhigend.

Sie hatte ihren Mann nicht nach Porthminster begleitet, sondern wartete daheim auf seine Rückkehr. Die Kattunbezüge sollten von den Möbeln entfernt werden, und die Frau des Hauses sann nun im Teezimmer dem Problem nach, ob man sie wohl vor Jahresfrist werde erneuern müssen. Da kam ein schottischer Terrier zur Tür herein und hinter ihm ihre älteste Tochter Elizabeth, die im Familienkreis fast nur ›Dinny‹ hieß. Dinny war schlank und ziemlich hoch gewachsen, hatte kastanienfarbenes Haar, eine fastallzu kleine Nase, einen Mund, wie ihn die Frauenbilder Botticellis zeigen, und blaue, ziemlich weit auseinanderliegende Augen. Ihr Aussehen gemahnte an eine langstielige Blüte, die leicht zu knicken war, doch niemand konnte sie brechen. Ihr launiger Gesichtsausdruck verriet, daß sie sich auf ihrem Weg durchs Leben Mühe gab, dieses Leben ernst zu nehmen. Sie war vierundzwanzig.

«Mutter, müssen wir um Onkel Cuthbert Trauer tragen?»

«Kaum, mein Kind, und wenn, dann nur ganz kurze Zeit.»

«Wird er hier bestattet?»

«In der Kathedrale, denk ich. Vater wird es wohl wissen.»

«Willst du Tee, Mutter? Marsch, fort, Scaramouch! Steck nicht die Nase in die Butterdose!»

«Dinny, Hubert macht mir solche Sorgen.»

«Mir auch, Mutter, er ist gar nicht mehr der alte, er ist nur mehr ein Schatten seiner selbst. Hätte er sich nur nicht dieser gräßlichen Expedition angeschlossen. Eine Weile sind diese Amerikaner erträglich, dann abermußman sich mit ihnen zerzanken, Hubert noch viel früher als wer andrer. Der kann sich nie und nimmer mit diesen Leuten verstehn. Übrigens glaub' ich, Zivilisten sollten nie Soldaten mit sich nehmen.»

«Warum nicht, Dinny?»

«Soldaten sind aufrechte Menschen. Sie halten Gott und Mammon auseinander. Hast du das nicht auch bemerkt?»

Lady Cherrell hatte es tatsächlich bemerkt. Sie lächelte schüchtern und fragte: «Wo ist Hubert jetzt? Vater muß jeden Augenblick zurück sein.»

«Hubert ist mit dem Jagdhund fortgegangen, ein paar Rebhühner fürs Dinner schießen. Meinen Kopf will ich wetten, daß er das Schießen vergißt; und wenn er ein Rebhuhn bringt, taugt es nicht fürs Essen, ist ja noch nicht abgelegen. Nun hat es Gott gefallen – besser gesagt, dem Teufel –, ihn mit diesem Trübsinn zu schlagen. Unaufhörlich grübelt er über diese Geschichte nach. Nur eins kann ihn vielleicht ablenken: verlieben müßt er sich. Können wir ihm nirgends so ein ‹Prachtgirl› auftreiben? Soll ich um den Tee klingeln?»

«Ja, liebes Kind. Und für dieses Zimmer brauchen wir frische Blumen.» – «Ich hol sie dir, komm, Scaramouch!»

Dinny trat hinaus in die Septembersonne. Auf dem untern Rasenplatz sah sie einen Grünspecht und dachte:

Und sieben Spechte hackten Zugleich mit sieben Schnäbeln drein, Und keiner fand einen einzigen Wurm. Drum – ja nicht gierig sein!

Es hatte schon lange nicht geregnet. Dennoch standen die Cinerarien heuer in herrlicher Blüte, und Dinny pflückte ein paar ab. Der Strauß in ihrer Hand prangte in allen Schattierungen vom tiefsten Rot über Rosa bis zu Zitronengelb, schöne Blüten, welkten aber bald. ‹Schade›, dachte sie, ‹hätt ich nur auch so ein Beet voll Mädchenblüten hier und könnte für Hubert eine pflücken!› Nur selten gab sie ihren Stimmungen Ausdruck, und doch waren zwei tiefe, nah verschwisterte Gefühle in ihr lebendig: das eine für ihren Bruder, das andere für Condaford. Ihr ganzes Sinnen und Trachten gehörte Condaford; sie hing an diesem Landsitz mit einer Leidenschaft, die sie freilich nie in Worte kleidete, und empfand das heiße, ungestüme Verlangen, diese Anhänglichkeit an ihr Heim auch in ihrem einzigen Bruder zu erwecken. Sie war ja in Condaford zur Welt gekommen, als es noch ärmlich und verwahrlost gewesen, und hatte seine Erneuerung miterlebt. Hubert kam immer nur auf einen Sprung oder in den Ferien hin. Dinny war gewiß die letzte, die vor der Welt vom ‹Wurzeln in der Scholle› sprach oder derlei Dinge in Gesellschaft ernst nahm; doch im geheimen hing sie mit unerschütterlicher Treue an den Cherrells, ihrem Besitz und ihren Werken. Jeder Baum, jeder Vogel, jedes Tier auf Condaford schien Dinny ein Teil ihres eignen Ichs, sogar die Blumen, die sie pflückte, das schlichte Landvolk in den strohgedeckten Häuschen, die frühenglische Kirche, in der sie ohne rechten Glauben die Predigt hörte, das Morgengrauen von Condaford, das sie freilich nur selten sah, das Mondlicht, die nächtlichen Eulenschreie, die Abendsonne über den Stoppelfeldern, die Düfte, das Blätterrauschen, diefrische Luft! War sie fern von Condaford, so verriet sie zwar ihr Heimweh nicht, aber sie empfand Heimweh. Und wenn sie zu Hause war, gab sie ihrer Freude nicht lauten Ausdruck, doch sie freute sich wirklich. Ginge Condaford den Cherrells verloren, sie würde sich gewiß ganz entwurzelt fühlen, doch nicht laut klagen. Ihr Vater brachte für den Landsitz nur mäßige Neigung auf, die Neigung eines Mannes, der sein Lebenswerk anderswo vollbringt, ihre Mutter nur den stillen Gleichmut einer Frau, die stets die nächstliegende Pflicht erfüllt und nicht für sich schafft. Die Schwester sprach von Condaford mit kühler Nachsicht, sie hätte einen andern Wohnort vorgezogen, wo es lebhafter zuging. Und Hubert – was hatte Hubert für Condaford übrig? Dinny wußte es wahrhaftig nicht. Die Hände voll Cinerarien, den Nacken noch heiß vom Sonnenglast, kehrte sie in den Salon zurück.

Ihre Mutter stand neben dem Teetisch. «Der Zug hat Verspätung», sagte sie. «Clare sollte nicht so schnell chaufieren.»

«Wie kommst du darauf?» fragte Dinny, aber sie wußte es recht gut. Mutter wurde immer nervös, wenn Vater zu spät kam. «Mutter», erklärte sie, «meiner Meinung nach sollte Hubert unbedingt seine Darstellung des Falls an die Zeitungen senden.»

«Warten wir ab, was Vater dazu sagt – vermutlich hat er mit Onkel Lionel darüber gesprochen.»

«Horch! Das Auto!» rief Dinny.

Der General trat ins Zimmer, hinter ihm seine jüngere Tochter. Clare war die Lebhafteste der ganzen Familie. Sie hatte feines, kurzgeschnittenes Braunhaar und ein blasses, ausdrucksvolles Gesicht mit zartgeröteten Lippen. Der Blick ihrer braunen Augen war offen und lebendig, die Stirn niedrig und blendend weiß. Ihre ruhige und doch auch unternehmungslustige Miene ließ sie älter erscheinen, als sie war – zwanzig. Sie hatte einen stolzen Schritt und eine prachtvolle Gestalt, «Der liebe arme Vater hat keinen Lunch gehabt, Mutter», sagte sie.

«Scheußlich komplizierte Reise, Lizz. Whisky mit Soda und ein Keks – mehr hab ich seit dem Frühstück nicht genommen.»

«Sollst ein Ei mit Kognak zum Tee kriegen!» rief Dinny und verließ das Zimmer; Clare folgte ihr.

Der General gab seiner Frau einen Kuß. «Der alte Knabe sah wirklich tadellos aus», sagte er, «Adrian sprach noch mit ihm, wir andern sahn ihn erst nachher. Zum Begräbnis muß ich wieder hinfahren. Das wird eine prunkvolle Leichenfeier. Bedeutende Erscheinung, Onkel Cuthbert! Ich hab mit Lionel über Hubert gesprochen; er meint, da läßt sich nichts machen. Hab aber auch selbst drüber nachgedacht.»

«Nun, und?»

«Vor allem kommt es drauf an, ob seine Vorgesetzten den Angriff im Parlament zur Kenntnis nehmen. Vielleicht legen sie ihm nahe, den Dienst zu quittieren. Das wäre fatal. Besser, er käme ihnen aus freien Stücken zuvor. Am ersten Oktober muß er zur militärärztlichen Untersuchung. Vielleicht könnten wir inzwischen einen Hebel in Bewegung setzen? Ohne sein Wissen natürlich, der Junge ist so stolz. Ich könnte Topsham aufsuchen und du Follanby, nicht?» Lady Cherrell verzog das Gesicht. «Ja, ja», sagte der General, «es ist verdammt zuwider. Am ehesten könnte wohl Saxenden helfen; aber ich hab keine Ahnung, wie man an ihn heran soll.»

«Vielleicht weiß Dinny Rat.»

«Dinny? Freilich, die hat mehr Grütze im Kopf als wir alle, dich, Liebste, natürlich ausgenommen.»

«Ich hab überhaupt keine Grütze», erwiderte Lady Cherrell.

«Unsinn! Aber da kommt Dinny schon!»

Sie trat ein, in der Hand ein Glas mit dem gequirlten Ei.

«Dinny, eben habe ich mit der Mutter darüber gesprochen, wie wir Huberts wegen an Lord Saxenden herantreten sollen. Kannst du uns raten?»

«Durch einen Gutsnachbarn müßte man es versuchen», meinte Dinny. «Hat er einen?»

«Sein Besitz grenzt an Wilfred Bentworths Gut.»

«Famos. Da müssen wir Onkel Hilary und Onkel Lawrence einspannen.» – «Wieso?»

«Wilfred Bentworth ist ja Präsident von Onkel Hilarys Komitee zur Hebung der Elendsviertel. Ein wenig Nepotismus lieber Vater, man muß es nur schlau einfädeln.»

«Hm! Hätt ich doch nur früher dran gedacht – Hilary und Lawrence traf ich ja in Porthminster.»

«Soll ich statt deiner mit ihnen sprechen, Vater?»

«Alle Wetter! Tu das, Dinny! Mir ist es in die Seele zuwider, in eigenen Angelegenheiten um etwas zu bitten.»

«Glaub dir's gern, Vater. So was ist Weibersache, nicht?»

Der General warf seiner Tochter einen unsichern Blick zu, er wußte nie recht, wann sie im Ernst sprach.

«Da kommt Hubert!» rief Dinny rasch.

III

Inhaltsverzeichnis

Die Jagdflinte an der Schulter, schritt Hubert Cherrell in Begleitung eines Wachtelhundes über die altersgrauen Steinfliesen der Terrasse. Er war übermittelgroß, hager und hatte einen aufrechten Gang; sein Kopf war schmal, das Gesicht trotz seiner Jugend gefurcht und verwittert. Über den schmalen, ausdrucksvollen Lippen trug er einen kurzgestutzten dunklen Schnurrbart, sein Haar begann an den Schläfen bereits zu ergrauen. Er hatte magere braune Wangen mit ziemlich hohen Backenknochen, eine schmale, gerade Nase und haselnußbraune, ziemlich weit auseinanderliegende Augen; die Brauen liefen gegen die Mitte der Stirn zu ein wenig aufwärts. Er war wirklich eine jüngere Auflage seines Vaters. Wenn ein Mann der Tat zu beschaulichem Leben verurteilt wird, fühlt er sich unglücklich und strebt um jeden Preis wieder hinaus. Seit Hallorsen sein Verhalten so scharf angegriffen, empfand Hubert dumpfen Groll – er war überzeugt, er habe richtig, ja notgedrungen gehandelt. Und sein Groll fraß sich um so tiefer, da Charakter und Erziehung ihm verboten, diesen Gefühlen Ausdruck zu geben. Die militärische Laufbahn hatte er nicht zufällig, sondern aus echter Neigung eingeschlagen; nun sah er seine Karriere gefährdet, seinen Namen als Offizier und Gentleman verunglimpft und fand keine Möglichkeit, sich von seinen Beleidigern Genugtuung zu verschaffen. Ihm war's, als dürfe nun jeder ungestraft auf ihm herumtrampeln – füreinen stolzen Mann ein unsäglich bitteres Gefühl. Er ließ Hund und Flinte auf der Terrasse zurück und trat durch die Glastür ein. Sogleich merkte er, daß man eben von ihm gesprochen. Täglich platzte er jetzt in Debatten über seine Zukunft hinein; denn in dieser Familie machte jeder die Sorgen des andern zu seinen eigenen. Er nahm von der Mutter eine Tasse Tee entgegen, erklärte, die Hühnerjagd heiße nicht mehr viel, der Wald stehe zu dünn, dann trat Schweigen ein.

«So, jetzt seh ich meine Post durch», sagte der General und verließ das Zimmer; seine Frau folgte ihm.

Dinny und ihr Bruder blieben allein. Sie nahm sich ein Herz und erklärte: «Hubert, es muß etwas geschehn.»

«Mach dir keine Sorgen, Liebe. Eine scheußliche Geschichte, läßt sich aber nicht ändern.»

«Nimm dein Tagebuch und stell die Sache einmal von deinem Standpunkt dar! Ich schreib dir's auf der Maschine ab, und Michael verschafft dir bestimmt einen Verleger, er ist doch mit all diesen Leuten bekannt. Das können wir doch nicht auf uns sitzen lassen.»

«Es widerstrebt mir, meine Privatangelegenheiten in der Öffentlichkeit breitzutreten; und das bliebe mir nicht erspart.»

Dinny runzelte die Stirn. «Und mir widerstrebt es, daß dieser Amerikaner alles dir in die Schuhe schiebt. Bedenke, Hubert, du bist es der britischen Armee schuldig.»

«Na, so schlimm ist es nicht. An der Expedition nahm ich ja als Zivilist teil.»

«Veröffentliche doch dein Tagebuch, so wie es ist.»

«Das wäre noch schlimmer. Du kennst es nicht.»

«Wir könnten ja einzelne Stellen streichen oder ausschmücken. Weißt du, dem Vater geht die Sache sehr nah.»

«Am besten, du liest das Zeug. Es strotzt von Kraftausdrücken. Wenn man so verlassen ist, läßt man sich eben gehn.»

«Laß einfach weg, was dir nicht gefällt.»

«Bist wirklich ein lieber Kerl, Dinny.»

Dinny strich über seinen Ärmel. «Sag, was für ein Mensch ist dieser Hallorsen eigentlich?»

«Offen gestanden, er hat viele Vorzüge. Frischen Mut, eiserne Gesundheit, keine Nerven. Doch nichts in der Welt geht ihm über Hallorsen. Niederlagen erträgt er nicht, und wenn ihm was mißglückt, dann muß ein andrer herhalten. Nach seiner Behauptung ist das Unternehmen an der schlechten Leitung des Transports gescheitert, und für den Transport hatte ich zu sorgen. Aber in meiner Lage hätte es kein Gott und kein Teufel besser gemacht. Er hat sich eben verrechnet, gibt es aber nicht zu. Das kannst du alles in meinem Tagebuch finden.»

«Hast du das da schon gesehn?» Sie hielt einen Zeitungsausschnitt hoch und las vor: «‹Wie wir erfahren, unternimmt Hauptmann Cherrell, Inhaber der Tapferkeitsmedaille[3], Schritte, um seine Ehre gegen die Anwürfe zu verteidigen, die Professor Hallorsen in seinem Bericht über die Forschungsreise nach Bolivien gegen ihn erhoben hat. Hallorsen legt bekanntlich Hauptmann Cherrell das Mißlingen zur Last, weil dieser ihn im kritischen Moment mit dem Transport im Stich ließ.› Da will euch jemand aufeinanderhetzen.»

«Wo ist das erschienen?»

«In der ‹Abendsonne›.»

«Schritte unternehmen!» rief Hubert bitter, «was für Schritte? Woher nehm ich einen Zeugen? Mutterseelenallein hat er mich mit dieser Mestizenbrut zurückgelassen.»

«Dann bleibt dir also nur das Tagebuch.»

«Na, ich bring dir das verdammte Zeug…»

In dieser Nacht saß Dinny am Fenster und las das ‹verdammte Zeug›. Totenstille ringsum, zwischen den Ulmenzweigen stieg der Vollmond empor. Vom Hügel her drang das Läuten einer einzigen Herdenglocke; eine einzige Magnolienblüte schimmerte ganz nah an ihrem Fenster. Alles schien verzaubert, und immer wieder hielt sie inne und blickte hinaus in die Nacht. Wohl an die zehntausendmal war der Vollmond auf- und niedergegangen, seit ihre Vorfahren diesen Fleck Erde bewohnten. Und im stillen Geborgensein dieser uralten Wohnstätte empfand sie um so mehr die trostlose Verlassenheit, die aus jenen Zeilen sprach. Ein krasser Berichtkrasser Tatsachen – da hatte ein Europäer allein inmitten einer Horde von Wilden gehaust, ein Tierfreund inmitten halbverhungerter Tiere und mitleidloser Menschen. In der kühlen Schönheit, dem tiefen Frieden dieser Nacht las sie weiter. Ganz heiß wurde ihr dabei und ganz erbärmlich elend.

‹Castro, dieses verlauste Biest, hat die Maultiere wieder mit seinem verdammten Messer traktiert. Die armen Viecher sind klapperdürr, haben nicht halb soviel Kraft wie früher. Zum letztenmal habe ich ihn jetzt gewarnt. Tut er's wieder, so kriegt er Prügel… Heute Fieber gehabt.›

‹Castro hat heut eine tüchtige Lektion erhalten – fünfundzwanzig! Will doch sehn, ob dem Kerl jetzt die Lust vergeht. Mit diesen Biestern kann man einfach nicht auskommen, das sind ja keine Menschen mehr. Herrgott, könnt ich nur einen Tag wieder in Condaford sein, auf meinem Reitpferd, weit, weit weg von diesen öden Sümpfen und diesen erbärmlichen Maultiergerippen…›

‹Hab einen zweiten dieser Schweinehunde prügeln lassen. Eine Niedertracht, wie sie die Maultiere behandeln! Hol sie der Satan!… Wieder Fieber gehabt…›

‹Tod und Teufel! – heut morgen gab's eine regelrechte Meuterei. Sie sind über mich hergefallen. Manuel hat mich zum Glück gewarnt – ein braver Bursch. Um ein Haar war mir Castros Messer in die Gurgel gefahren. Meinen linken Arm hat's erwischt. Hab den Kerl mit eigner Hand niedergeknallt. Vielleicht pariert die Bande jetzt. Von Hallorsen kein Lebenszeichen. Wie lang läßt er mich noch in dieser Hölle braten? Scheußliche Misere mit dem kranken Arm.›

‹Da hört doch alles auf! – während ich schlief, sind diese Schweinehunde mit den Maultieren bei Nacht und Nebel auf und davon. Nur Manuel und zwei andere Burschen blieben zurück. Wir sind ihrer Spur ein weites Stück gefolgt – stießen aber nur auf die Kadaver zweier Maultiere; das Pack ist in alle Winde zerstoben. Sie suchen? Lachhaft! Dann sind wir ins Lager zurück – völlig geschlagen… Weiß Gott, ob wir lebend davonkommen. Mein Arm tut höllisch weh, hoffentlich ist es keine Blutvergiftung…›

‹Heut haben wir beschlossen, uns, so gut es geht, mit dem Gepäck auf den Rückweg zu machen. Ließ einen Steinhaufen aufschichten und ließ für Hallorsen einen ausführlichen Bericht zurück, falls er mich je holen sollte. Dann hab ich mich eines andern besonnen. Ich rühr mich nicht vom Fleck, bis er kommt, oder bis wir alle krepiert sind, und das ist wahrscheinlicher…›

Und so ging es weiter bis zum Ende – die Geschichte eines bittern Kampfes. Dinny legte die vergilbten Blätter mit den verblaßten Schriftzügen fort und stützte die Arme aufs Fensterbrett. Die tiefe Stille und das kalte Mondlicht da draußen hatten ihre Gefühle gedämpft und abgekühlt. Ihre Kampflust war verflogen. Hubert hatte recht. Man stellte seine Seele nicht nackt und bloß zur Schau, man verbarg vor der Welt seine Wunde. Nur das nicht, um keinen Preis! Beziehungen suchen – das war der einzige Weg! Und den wollte sie unverdrossen wandern.

IV

Inhaltsverzeichnis

Adrian Cherrell war einer jener begeisterten Freunde des Landlebens, wie man sie nur in Großstädten antrifft. Sein Beruf als Leiter eines anthropologischen Museums fesselte ihn an London. Soeben hockte er grübelnd über einer prähistorischen Kinnlade, einem Funde aus Neuguinea, der bei der Presse glänzende Aufnahme gefunden hatte, und meinte im stillen: ‹Leeres Gewäsch! Ganz gemeines Exemplar desHomo Sapiens[1q].› Da meldete der Diener: «Sir, ein Fräulein wünscht Sie zu sprechen. Miß Cherrell, glaub ich.»

«Führen Sie die Dame herein, James.» Dabei dachte er: ‹Dinny? – Jetzt gilt es, klug sein.›»

«Du bist's, Dinny! Denk dir, Canrobert behauptet, das Ding da sei die Kinnlade eines vortertiären Menschen, Mokley behauptet, es sei nur wenig jünger als die Funde von Piltdown[4], und Eldon P. Burbank hält es für einen Urmenschen wie den Rhodesier. Ich aber behaupte: es ist einHomo Sapiens