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Die 14-jährige Mimi lebt bei ihrem Vater und verbringt den Sommer mit Schwimmen gehen im Freibad und Eis essen und sie ist zum ersten Mal verliebt! Eigentlich alles wunderbar, wäre da nicht dieses nagende Gefühl in ihr: Sie vermisst ihre Mutter, obwohl sie sie nie kennengelernt hat. Als eine Postkarte von ihrem Onkel Paul ankommt, dem Bruder ihrer Mutter, der jahrelang nichts von sich hatte hören lassen, beschließt Mimi kurzerhand zu ihm nach Berlin zu fahren, um endlich mehr über ihre Familie herauszufinden … Authentisch und einfühlsam schildert Lea Dittrich, wie Mimis Suche nach ihrer Mutter zu einer ganz neuen Nähe innerhalb der Familie führt. "Die Dinge, über die wir schweigen" ist eines jener Bücher, das mich sehr gepackt hat und mir noch lange in Erinnerung bleiben wird." Rosa1508, Amazon »Zusätzlich schafft es Lea Dittrich noch ein Thema anzuschneiden, das für die Handlung eigentlich irrelevant ist, dem Buch aber einen Extracharme gibt: Mimis Onkel hat das Tourette-Syndrom. Er wird so authentisch und gar nicht übertrieben charakterisiert, ganz nebenbei, so als ob das gar nicht relevant sei. Insgesamt strahlen alle Figuren eine starke Persönlichkeit aus« Maura, Jugendleseclub Buchladen Neuer Weg »Sehr einfühlsam beschreibt die Autorin, was der Verlust eines Elternteils für Kinder bedeutet. Ein Roman, der sich trotz der besonderen Thematik flüssig lesen lässt, jedoch nachdenklich stimmt. Nicht nur für Jugendliche sehr empfehlenswert.« Andrea Dörr, Büchereifachstelle der Ev. Kirche im Rheinland »Die Charaktere drumherum runden die Reise ab und am Ende war ich überglücklich. Eine tolle Entwicklung der Charakterin, Spannung, Tiefe und tolle Figuren. Was will man mehr?« T. Schröder. Amazon
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Seitenzahl: 223
Veröffentlichungsjahr: 2018
Originalcopyright © 2018 Südpol Verlag
Corinna Böckmann und Andrea Poßberg GbR, Grevenbroich
Autorin: Lea Dittrich
Titelillustration: Corinna Böckmann
E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim
ISBN: 978-3-943086-68-3
Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugte Nutzung, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung,
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
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www.suedpol-verlag.de
Inhalt
Vorher
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Danach
Vorher
Die Frau, der sie folgte, trug einen leichten Mantel in Beige, dazu eine dunkle Sonnenbrille. Warum hatte sie eine Sonnenbrille an, wenn es so bewölkt war? Es war wirklich viel zu kalt für diese Jahreszeit. Die Sommerferien standen kurz bevor, doch Mimi fröstelte in ihrer dünnen Kapuzenjacke. Sie stoppte vor einem Schreibwarenladen und betrachtete die Grußkarten, die in einem runden Ständer auf den Gehweg geschoben worden waren.
Die Frau war vor einer kleinen Boutique stehen geblieben und sah sich die Kleider in der offenen Auslage an. Mit einer Hand fuhr sie über die Stoffe, nahm ein oder zwei der Kleidungsstücke hoch und hielt sie mit ausgestrecktem Arm vor sich. Dann schien sie wieder das Interesse zu verlieren. Sie faltete die Sachen ein wenig achtlos wieder zusammen und legte sie zurück. Zügigen Schrittes ging sie die Straße entlang, direkt an Mimi vorbei. Sie glaubte, einen Hauch ihres Parfums zu erahnen, als die Frau an ihr vorbeigeeilt war, nur Zentimeter hinter ihrem Rücken. Mimi hätte nur einen halben Schritt nach hinten machen müssen und sie wären zusammengestoßen.
Langsam zählte sie im Kopf bis fünf. Einatmen, ausatmen. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Möglichst unauffällig folgte sie der Frau, die ein bisschen zu schnell durch die Einkaufspassage mit den vielen kleinen Shops, Boutiquen und verwinkelten Läden ging. Mimi schlenderte, die Hände in den Taschen, und tat so, als würde sie sich umschauen. Ihr Fotoapparat schlenkerte an seinem Gurt um ihren schmalen Hals, sie sah wahrscheinlich aus wie eine Touristin. Dabei behielt sie die blonde Frau immer im Augenwinkel, sie durfte sie nicht verlieren.
Nach etwa zweihundert Metern bog diese plötzlich in eine kleinere Seitenstraße ab und Mimi musste einen kurzen Sprint hinlegen. Vor der Ecke bremste sie ab und ging so unauffällig und normal wie möglich weiter. Sie sah gerade noch, wie die Frau die Tür zu Monas Café öffnete und darin verschwand. Wieder zählte Mimi. Dieses Mal schaffte sie es bis 20. Dann ging sie selbst in Richtung des kleinen Cafés. Sie kannte das Bistro, manchmal traf sie sich hier mit ihrer besten Freundin Lina auf eine heiße Schokolade oder eine Limo.
Wie immer bimmelte die kleine Glocke im Türrahmen leise, als sie die gläserne Eingangstür aufschob. An diesem frühen Nachmittag war das Café nur spärlich besetzt und Mimi konnte mit einem kurzen Blick über die wenigen Tische erkennen, dass die Frau mit der Sonnenbrille nicht im vorderen Teil des Cafés saß, in dem sich die Theke befand. Sie musste in dem kleinen Zimmer am Ende des Flurs Platz genommen haben, der an den Toiletten und den Geschäftsräumen vorbeiführte.
Mimi ging nach vorne zur Theke und bestellte eine heiße Schokolade mit Sahne, der Jahreszeit zum Trotz. Die junge Frau hinter der dunklen Eichentheke lächelte freundlich.
Nachdem sie bezahlt hatte, ging Mimi, die dampfende Tasse in der rechten Hand balancierend, ebenfalls in den kleinen hinteren Raum des Cafés. Der Fotoapparat baumelte noch immer um ihren Hals.
Dort setzte sie sich in die kleine Couchecke an einem der Fenster, wo sie auch oft mit Lina saß, schräg gegenüber der blonden Frau. Sie nahm ihren Rucksack vom Rücken und stellte ihn neben sich auf das abgenutzte Sofa. Dann griff sie nach ihrer Kamera und begann, scheinbar ganz in Gedanken versunken, den Bildspeicher der digitalen Spiegelreflex durchzuklicken. Die Kamera war eine Nikon D5200 und Mimi hatte sie nach vielen Diskussionen ihrem Vater aus den Rippen geleiert, als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk zusammen, mit Taschengeldverzicht für mehrere Wochen und vielen Küchendiensten.
Auch im Café blieb der Riemen, an dem die Kamera befestigt war, um ihren Hals gelegt. Sie würde es sich nie verzeihen, sie zu verlieren – geschweige denn, dass sie sich in einer Million Jahre eine neue würde leisten können. Sie klickte noch ein wenig auf der Kamera herum, bis sie sicher war, dass die Frau keine Notiz von ihr nahm. Dann ging sie vom Vorschau- in den Fotografiermodus. Eigentlich mochte sie es nicht, Fotos zu machen, während sie auf das seitlich ausgeklappte, kleine Display schaute. Der Blick durch den Sucher, bis sie das perfekte Motiv, den perfekten Moment gefunden hatte, gehörte einfach dazu. Aber dann würde die Frau sicher merken, dass Mimi sie fotografierte und das konnte sie nicht riskieren.
Sie hielt die Kamera weiterhin schräg, als betrachte sie ihre Aufnahmen, hob sie aber so weit an, dass Kopf und Oberkörper der Frau sichtbar wurden. Dann zoomte sie ihr Gesicht heran, so weit, dass es gut erkennbar war. Es war kein schöner Ausschnitt, das Bild wirkte ungelenk, und etwas in Mimi sträubte sich, den Auslöser zu drücken. Aber dies hier war kein Bild, das schön oder interessant sein musste. Nicht für die Foto-AG in der Schule, nicht für irgendeine Ausstellung in der Aula, die ihre Kunstlehrerin gegen Ende jedes Schuljahres für die Schüler der AG organisierte. Dieses Bild war ein Beweisstück, nichts weiter. Sie drückte den Auslöser. Serienbild.
Die Frau drehte den Kopf in ihre Richtung, Mimi sah es auf dem Display. Schnell hob sie den Blick, aber die blonde Frau sah nur abwesend an ihr vorbei durchs Fenster. Dann griff sie nach einer der Zeitschriften, die im Café auslagen, und blätterte etwas gelangweilt darin. Mimi seufzte innerlich erleichtert auf. Keine Gefahr. Sie betrachtete die Frau weiter durch das Display. Ihre blonden Locken waren länger als die Mimis – etwas über schulterlang, während ihre eigenen zu einem etwa kinnlangen Bob geschnitten waren – aber in Farbe und Struktur waren sie sich sehr ähnlich. Von hinten würden sie bestimmt wie Mutter und Tochter aussehen. Mit einer Hand griff Mimi nach ihrer heißen Schokolade und nippte daran, sie war nur noch lauwarm.
Die Nase der unbekannten Frau war klein wie Mimis. Allerdings war sie nicht gerade wie ihre eigene, sondern leicht gebogen, mit einem kleinen Höcker am oberen Teil. Elegant, fand Mimi. Und dafür, dass ihre eigene Nase anders geformt war als die dieser Frau, gab es natürlich viele Erklärungen. Sie fand immer einen Grund, warum diese oder jene Frau anders aussah als sie selbst. Vielleicht hatte sie ja die Nase ihrer Großmutter und ihre Mutter die ihres Vaters? Die Nase ihres eigenen Vaters hatte Mimi sicher nicht – fleischig und groß, mit einem kleinen Netz aus blauen und roten Äderchen um die Nasenflügel. Das Gegenteil von Mimis Nase. Aber von einer gebogenen Nase würde Mimi sich nicht entmutigen lassen. Sie nahm noch einen Schluck von ihrer Schokolade, die mittlerweile ganz kalt war. Sie sollte nach Hause gehen.
Plötzlich nahm sie eine Bewegung in ihrem Augenwinkel wahr. Schnell schaute sie wieder auf das Display. Die Frau stand auf, schüttelte ihren Rock aus und ging in den Flur, wo sie linker Hand zu den Toiletten abbog. Niemand sonst war im Raum. Ein paar Sekunden vergingen wie in Zeitlupe. Irgendwo in Mimis Kopf gab es einen kleinen Aussetzer. Sie sprang auf und bewegte sich schnell zu der geräumigen Handtasche hin, die offen am Boden stand, dort, wo eben noch die Frau gesessen hatte. Das Portemonnaie lag ganz oben, Mimi griff danach. Dann schnappte sie sich ihren Rucksack und die Kamera und zwang sich, möglichst ruhig und entspannt durch den vorderen Raum mit der Theke zu laufen. Bloß keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Doch als sie die Tür des Cafés hinter sich zugezogen hatte, schaffte sie es noch genau zwei Schritte, langsam zu gehen. Dann rannte sie los und hielt erst wieder an, als sie schon fast zu Hause angekommen war.
1.
Ein Geräusch. Mit leisem Knirschen bewegt die Türklinke sich langsam nach unten. Die Kinderzimmertür öffnet sich einen Spalt. Ein wenig Licht fällt vom Flur ins Zimmer hinein, dringt durch die Öffnung und bahnt sich seinen Weg bis auf die Bettdecke des kleinen Mädchens, das so tut, als würde es schlafen. Eine blonde Frau tritt ins Zimmer, leise und zaghaft. Sie macht ein paar Schritte auf das Bett des Mädchens zu und bleibt davor stehen. Sie trägt einen leichten Sommermantel und Straßenschuhe. Es ist mitten in der Nacht. Einen Augenblick steht sie nur da und schaut auf das schlafende Kind, dann streckt sie die Hand aus und streicht dem Mädchen über den Kopf. Sie richtet sich wieder auf und wendet sich ab. Einen kleinen Schritt geht sie in Richtung Tür, bleibt dann mitten im Zimmer stehen und dreht sich wieder um. Sie tritt an das Kinderbett und legt ihre Arme um das Kind, von dem sie glaubt, es schlafe. Dann hebt sie das Mädchen im Schlafanzug hoch, nimmt es auf den Arm und drückt es fest an sich. Gemeinsam betreten sie den hellen Flur. Das kleine Mädchen hält die Augen geschlossen und drückt die Nase fest an Mamas Hals.
Die blonde Frau hebt mit einem Arm eine kleine lederne Reisetasche vom Boden auf, die sie neben der Tür zum Kinderzimmer abgestellt hatte. Mit dem anderen Arm hält sie das Kind fest. Langsam gehen sie die Treppe hinunter, die Frau mit der Reisetasche und das Kind im Schlafanzug. Die Frau öffnet die Haustür. Dann die dunkle Stimme eines Mannes aus dem Hintergrund: „Sie hat nur einen Schlafanzug an.“
Die Frau dreht sich um. „Ich gehe.“
„Bitte bleib.“
Die Frau schüttelt fast unmerklich den Kopf.
Dann wieder der Mann: „Sie hat nur einen Schlafanzug an. Es ist mitten in der Nacht.“
Das kleine Mädchen spürt, wie die Mutter es noch einmal fest an sich drückt, ihm einen Kuss gibt. Es saugt den Duft der Mutter ein, ihres Nackens, ihrer Haare. „Mama“, murmelt es verschlafen. Dann löst sich die Frau sachte von ihm und das Mädchen spürt, wie die Arme seines Vaters es festhalten, umfassen, so, als wollten sie es nie wieder loslassen. Die Haustür fällt mit einem Klicken ins Schloss.
Eine Sekunde lang nach dem Aufwachen konnte Mimi es noch spüren. Die warme Umarmung, der Atem ihrer Mutter, der sie im Nacken kitzelte. Reglos blieb sie im Bett liegen und starrte an die Decke, während sich die letzten Reste des Schlafes aus ihr herausschlichen.
Dann blitzte etwas im Hier und Jetzt ihrer Gedanken auf und sie war hellwach. Das Portemonnaie!
Ruckartig drehte sie den Kopf zur Seite und sah ihren Rucksack neben der Tür liegen, achtlos hingeworfen, nachdem sie gestern Abend nach Hause gekommen war. Sie streckte die Hand danach aus, so als könnte sie durch reine Willenskraft das Portemonnaie dazu bringen, aus dem Rucksack herauszukommen und sich zu ihr aufs Bett zu bewegen. Sie spannte sich kurz an, konzentrierte sich. Nichts. Sie seufzte. Wo waren die Superkräfte nur, wenn man sie mal brauchte?
Kurzerhand streckte sie ihre Beine unter der Decke hervor und hüpfte in Richtung ihres Schreibtischstuhles, auf dem sich die Klamotten der letzten Tage türmten. Schnell schlüpfte sie in eine ausgebeulte graue Jogginghose. Der Morgen war kühl, so wie die ganzen letzten Tage. Jedenfalls war es definitiv zu kalt, um sich nur in ihrem riesigen Schlaf-T-Shirt mit der Aufschrift I Believe und der verwaschenen Abbildung eines Ufos über den Dielenboden ihres Zimmers zu bewegen, fand Mimi. Also streifte sie auch noch ein altes Sweatshirt ihres Vaters über. Mit nackten Füßen tappte sie dann zum Rucksack. Sie zögerte kurz, bevor sie ihn am Schulterriemen packte und mit auf ihr Bett schleifte, das mitten in ihrem Zimmer stand, ihre weiche und warme Insel.
Ihre Finger tasteten nach der Geldbörse, die sich ganz unten am Grund des Rucksacks verborgen hatte wie ein scheues Tier. Sie fühlte weiches Leder. Teuer wahrscheinlich. Entschlossen atmete sie einmal tief ein und wieder aus. Dann zog sie das Portemonnaie aus dem Rucksack und öffnete den Druckknopf der Lasche.
Als Erstes entdeckte sie zwei EC-Karten und eine Kreditkarte. Sie würde dafür sorgen müssen, dass die Frau sie wieder zurückbekam. Die Frau, deren Portemonnaie sie gestern gestohlen hatte, mit einem schnellen Griff in die offene Handtasche. Wieder einmal.
In einem kleinen Fach mit Fenster steckte ihr Personalausweis, es war einer dieser neuen: eine Plastikkarte in Bankkartenformat mit einem biometrischen Bild darauf, diese Sorte Passfoto, auf dem einfach jeder wirkte wie ein Schwerverbrecher. Ein alter Führerschein, noch auf rosa, mittlerweile fast hellgrauem und zerknittertem Papier gedruckt, steckte dahinter. Mimi legte beides neben sich auf das Bett. Ansonsten schien sich nichts Interessantes in der Geldbörse zu verbergen. Ein paar alte Kassenzettel. Kundenkarten von verschiedenen Drogeriemärkten. Visitenkarten, die Mimi nichts sagten. Eine schien von einem Friseur in der Innenstadt zu sein. Keine Fotos von Kindern, einem Mann, keine kleinen Andenken, ein lustiger Spruch aus einem Glückskeks, ein kleines Herz, aus Papier von ungeschickten Kinderhänden geschnitten – nichts dergleichen.
Vorne in dem Portemonnaie war eine Tasche mit Kleingeld, Kupfermünzen, ein paar Euro. Ganz hinten steckten die großen Scheine. Mimi pfiff durch die Vorderzähne. Entweder war die Frau gerade bei der Bank gewesen oder sie zahlte einfach nicht gerne mit Karte. Mimi zählte 250 Euro in verschieden großen Scheinen, von denen ein Hunderter der größte war. Ihre Hände stockten, als sie die Banknoten wieder zurückstecken wollte. Sie hatte noch nie Geld gestohlen. Andere Sachen. Aus anderen Taschen. Personalausweise oder Führerscheine. Fotografien, zurechtgeschnitten auf Geldbörsenformat. Einen Schal, einmal. Die Portemonnaies gab sie zurück, warf sie in einen Briefkasten. Sie fanden sicher ihren Weg hin zu den Frauen, irgendwie. Aber eben kein Geld. Wenn sie es jetzt nahm, war sie nichts weiter als eine schäbige, kleine Taschendiebin.
Doch als Mimi das Portemonnaie wieder in ihren Rucksack steckte, fehlte das Geld.
Da sie nun sowieso nicht mehr einschlafen konnte, beschloss sie, duschen zu gehen. Sie war heute lange vor ihrem Wecker aufgewacht – meistens hatte Mimi vor der Schule kaum Zeit, in ihre Klamotten zu springen und sich ein belegtes Brot für den Weg zu schmieren, das sie sich dann im Dauerlauf zum Schulbus in großen Bissen in den Mund stopfte. Manchmal machte sie auch ihren Wecker im Halbschlaf aus, anstatt auf Snooze zu drücken. Dann musste ihr Vater sie wachrütteln, bevor er sich auf den Weg ins Büro machte – normalerweise war sie schon vor ihm aus dem Haus. An solchen Tagen blieb nicht mal Zeit für ein belegtes Brot. Oder sie entschied sich für eine winzige Lüge und behauptete, die erste Stunde würde ausfallen – und schlief einfach noch eine Runde weiter. Und so stand Mimi heute schon frisch geduscht und angezogen in der Küche, als sie ihren Vater in seinem Zimmer rumpeln und dann ins Bad stampfen hörte. Das Portemonnaie hatte sie beinahe schon wieder vergessen.
Mimis Haare waren noch feucht vom Duschen und ihre widerspenstigen Ponysträhnen hingen ihr wie immer tief ins Gesicht, als sie vor dem geöffneten Kühlschrank stand und überlegte, was sie zum Frühstück essen könnte. Sie entschied sich für Cornflakes, da sie ja heute ausnahmsweise einmal die Zeit hatte, am Küchentisch zu essen. Sie holte die Milch aus dem Kühlschrank, stellte sie auf den Tisch und tappte zum Einbauschrank links über der Spüle, um die Cornflakes und eine Schüssel zu holen. Gerade streckte sie sich aus, um an die Schüsseln zu gelangen, die ganz oben im Schrank standen, als ihr Vater in die Küche kam und geräuschvoll die Kühlschranktür schloss.
„Guten Morgen“, brummte er.
„Morgen Papa!“ Mimi drehte sich mit Schüssel und Cornflakes-Packung in der Hand zu ihm um und ging zum Küchentisch.
„Tür!“, sagte ihr Vater.
Mimi blickte ihn verständnislos an. „Was?“
„Die Tür. Vom Schrank. Sie. Steht. Offen.“
„Ach sooo.“ Sie verdrehte die Augen, stand wieder auf und ließ die Schranktüren mit einem Knallen zuklappen.
Ihr Vater stand mittlerweile vor der Kaffeemaschine, für ihn bestimmt das allerwichtigste Gerät in der Küche. Es war so eine schicke silberne, wo man für jeden einzelnen Kaffee ein Teil abdrehen musste, Kaffeepulver einfüllen, festdrücken, dann das Teil wieder reindrehen, Wasserstand überprüfen, Tasse drunter und Knopf drücken. Ein Siebträger, wie ihr Vater sagte. Kompliziert, fand Mimi. Aber angeblich schmeckte der Kaffee mit dieser Maschine ganz anders.
„Willst du auch was? Tee?“ Ihr Vater war heute scheinbar in fürsorglicher Stimmung.
„Nee. Aber du kannst mir auch einen Kaffee machen. Mit viel Milch und Zucker bitte.“ Ihr Vater drehte sich zu ihr um und zog eine Augenbraue hoch. Mimi grinste ihn vom Küchentisch aus an.
Wenn man Mimi und ihren Vater sah, würde man bestimmt nicht vermuten, dass sie verwandt waren. Mimi mit ihren blonden, ungebändigten Locken und den grünen Augen, schmal gebaut und mit Sommersprossen um die Nase. Und ihr Vater, schwarzgraues dichtes Haar, Tierfell, dachte Mimi manchmal. Dunkle Brauen über Augen fast wie Kohlestücke, ein schwarzer Vollbart. Feine Faltenlinien zogen sich um die Lider – falls er auch welche um den Mund herum haben sollte, waren sie unter seinem Bart gut versteckt. Er sah aus wie ein Seebär, fand sie. Wie ein Pirat, ein raubeiniger Klotz. Er war groß und breitschultrig, nicht dick, aber schwer gebaut. Doch manchmal schien etwas hindurch, durch seine ganze Größe und Breite. Etwas ganz Kleines, Zartes. Eine Art von Traurigkeit. Dann war sein Kopf etwas zu schwer für seine breiten Schultern und sank nach vorn. Ein Ballon, aus dem langsam die Luft entwich. Wenn sie so etwas dachte, tat er ihr immer leid. Armer, großer, kleiner Papa.
Ihr Vater gab ein Geräusch von sich, dass wie „Hmpf“ klang, dann drehte er sich um und machte einen zweiten Kaffee. Siebträger ausklopfen, neues Pulver rein, festdrücken und so weiter. Er schäumte seiner Tochter sogar Milch auf mit dem kleinen Wasserdampfarm, der seitlich an der Kaffeemaschine angebracht war. Ein perfekter Milchkaffee am Morgen. Hannes stellte die große Tasse mit dem Kaffee geräuschvoll ab und ein Teil des Milchschaum-Kaffeegemischs schwappte auf den Küchentisch.
„Ich finde es eigentlich nicht so gut, wenn du schon Kaffee trinkst. Ich habe damit erst mit zwanzig angefangen.“
„Jaja, Papa.“ Diese Diskussion hatten sie schon öfter geführt und Mimi hatte einfach beschlossen, ihren Vater diesbezüglich zu ignorieren.
Der setzte sich mit seiner Espressotasse zu ihr an den Tisch und sie tranken schweigend. Zu hören war nur das Krachen und Knuspern, wenn Mimi sich wieder einen Löffel Cornflakes in den Mund schob. Dabei beobachtete sie ihren Vater unauffällig. Er war morgens nicht sehr gesprächig. Eigentlich war er auch abends oder nachmittags nicht sehr gesprächig. Nicht unfreundlich oder griesgrämig, einfach still. Ruhig. Manchmal erhaschte Mimi einen Schatten um seine Augen, wenn er vergaß ihn wegzuwischen, bevor er sie ansah. Sie war sich sicher, dass auch er ihre Mutter vermisste. Immer noch.
Mimi warf einen Blick auf die Küchenuhr. Sie musste los. Zumindest, wenn sie den Umweg über den Briefkasten nehmen wollte. Das gestohlene Portemonnaie loswerden. Die Frau aus dem Café fiel ihr wieder ein. Nicht ihre Mutter. Ganz tief drinnen wusste sie es. Wieder nicht ihre Mutter.
Schnell nahm sie noch ein paar große Schlucke Kaffee aus ihrer Tasse und sprang auf. „Ich muss weg, Papa!“
Sie rannte nach oben in ihr Zimmer, warf ihren Block, ihr Mäppchen und ein paar Bücher in den Schulrucksack und stolperte wieder treppab.
Im Flur stand ihr Vater, die Hände in die Hosentaschen vergraben. „Ich dachte, ich mache heute etwas früher Schluss und koche uns was …“ – „Alles klar“, rief Mimi im Vorbeigehen und war auch schon draußen. Die Haustür fiel mit einem lauten Krachen zu. Hannes drehte sich um und verschwand brummelnd Richtung Küche, um Mimis Tasse und ihre Cornflakes-Schüssel wegzuräumen.
Vor dem Haus ging Mimi mit schnellen Schritten los, bis sie außer Sichtweite war. Dann bog sie in einen Seitenweg ab, der zwischen den Einfamilienhäusern und Stadtvillen als Abkürzung verlief. Sie fing an zu joggen. Der Rucksack schlug ihr bei jedem Schritt polternd gegen den Rücken. Trotz des eher frischen Sommermorgens bildeten sich bald kleine Schweißtröpfchen um ihre Nase. Ihr Herz klopfte hart in ihrer Brust, der Kaffee machte sie leicht schwindelig. Sie überquerte zwei kleine Straßen, dann kam endlich der Briefkasten in Sicht. Mimi warf einen schnellen Blick auf ihre Casio-Armbanduhr. Dann kramte sie hastig in ihrem Rucksack, bekam die Geldbörse zu fassen und warf sie mit fahrigen Fingern durch den Briefschlitz. Sie würde wieder den Briefkasten wechseln müssen, diesen hier benutzte sie nun schon zum dritten Mal. Man wusste nie, ob es nicht vielleicht aufmerksame Nachbarn gab, die sich hinter Gardinen versteckten und einen Blick auf ein Mädchen erhaschten, das Geldbörsen in öffentliche Briefkästen warf. Sie befand sich mitten in einer guten Wohngegend. Die Metallklappe vor dem Briefschlitz klapperte und Mimi steckte die Hand hinein, um zu überprüfen, ob die Börse auch wirklich nach unten gefallen war. Sicherheitscheck. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung. Kurz blitzten noch einmal die Geldscheine irgendwo in ihrem Gehirn auf, doch jetzt war es zu spät.
Mimi Pückler. Taschendiebin.
2.
Als Mimi in der Schule ankam, hatte sie Schweißflecken unter den Armen. Sie hatte den Schulbus nur mit einem Sprint auf den letzten 50 Metern erwischt. Dafür hatte sie jetzt noch genügend Zeit für ein Treffen mit ihrer Freundin Lina, bevor der Unterricht anfing. Sie betrat das Gebäude durch den Haupteingang und lief durch den großen Pausenraum. Mimis Schule war ein unförmiger 70er Jahre-Betonklotz, dessen Flure so unübersichtlich angeordnet waren, dass Mimi sich anfangs darin verlaufen hatte. Am Kopfende des Pausenraums befand sich die Aula, links und rechts davon führten Treppenaufgänge nach oben in die Stockwerke mit den Klassen- und Fachräumen, die dort von mehreren Fluren abzweigten. Die Cafeteria lag linker Hand. Mimi bog rechts an der Aula ab. Sie wollte zur Heizung im Treppenhaus des 1. Stocks, wo sich Lina und ihre Freundinnen immer trafen.
Doch als sie den Aufgang betrat, kam sie kurz ins Stocken. Auf den Stufen saßen Finn, Lukas und ein paar ihrer Affen.
Affen, so hatten Lina und Mimi die Clique von Finn und Lukas getauft, weil sie immer hinter ihren beiden Anführern hertobte wie die Horde fliegender Affen in OZ, fand Mimi. Der Zauberer von OZ war eine Lieblingsgeschichte von Mimi, auch wenn sie natürlich uralt war. Ihr Vater hatte sie ihr früher oft vorgelesen und Mimi hatte sich dann vorgestellt, wie sie selbst ihre silbernen Schuhe aneinanderschlagen und sich dorthin wünschen würde, wo es ihr gefiel.
Meistens wünschte sie sich zu ihrer Mutter.
In der Schule versuchte Mimi, den Affen aus dem Weg zu gehen. Aber irgendwie rannte sie immer wieder in Finn hinein. Und dann war natürlich auch die wilde Horde nicht weit.
Sie nahm einen tiefen Atemzug Mut und wollte sich einfach wortlos an Finn vorbeiquetschen, der breitbeinig auf den unteren Treppenstufen saß. Als er Mimi kommen sah, setzte er sich noch breiter hin und versperrte ihr den Weg.
„He, Passwort!“, grinste er sie an.
„Lass mich durch, du Pisser!“, fauchte Mimi.
„Wohoo!“, grölten die Affen.
Finn lehnte sich auf der Treppe zurück und stützte sich mit den Ellenbogen ab, ohne Mimi dabei auch nur einen Zentimeter mehr Platz zu machen.
Lukas und zwei der anderen Jungs postierten sich oberhalb.
„Pisser? Du tickst wohl nicht ganz richtig!“ Finn grinste zwar immer noch, aber seine Augen funkelten sie böse an.
„Lass mich einfach durch.“ Mimi funkelte zurück.
Lukas packte sie am Arm und zog sie an Finn vorbei. „He Mimi, du hast da was in den Haaren!“ Er nahm sie mit einem Arm in den Schwitzkasten und rubbelte ihr mit den Fingerknöcheln der anderen Hand fest über den Kopf.
Mimi versuchte, sich aus seiner Umklammerung zu befreien, aber er drückte nur fester zu. Zwei Affen kamen ihm zu Hilfe und hielten Mimis Arme fest, während die sich wie wild wehrte und versuchte, sich aus der Umklammerung zu lösen.
„Hey, ist ja gut jetzt. Lass sie los!“, kam es von Finn, der immer noch auf der Treppe saß.
Die Affen gehorchten. Lukas warf ihm einen Blick zu, dann ließ auch er Mimi los. Stattdessen legte er nun fest den Arm um ihre Schulter und knuffte sie etwas unsanft. „War doch nur Spaß. Oder, Mimi? Wir sind doch alte Freunde.“ Er grinste ihr dreist ins Gesicht.
Mimis Wangen glühten vor Wut. Grob schubste sie Lukas zur Seite und eilte davon, ohne sich umzusehen. Sie hörte noch etwas wie „BMW – Brett mit Warzen“, dann stürmte sie durch die Tür zum Mädchenklo. Alleine. Ihr Gesicht glühte ihr knallrot aus dem Spiegel entgegen. Mimi zog die Nase hoch und wischte sich mit den Händen über beide Wangen. Tränen tropften aus ihren Augen. Sie stellte den Wasserhahn an und klatschte sich ein paarmal eiskaltes Wasser ins Gesicht, um nicht so verheult auszusehen. Was stellte sie sich auch so an. Genau das wollten diese Idioten doch erreichen! Sie ärgerte sich über sich selbst. Tief atmete sie einige Male ein und aus. Mit den rauen Papiertüchern aus einem Spender, der neben dem Waschbecken hing, trocknete sie ihr Gesicht notdürftig ab. Dann fuhr sie sich mit den Händen flüchtig durch die Haare, die durch Lukas Rubbelei ganz verworren waren und in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden.
Als die Klingel schellte, war sie gerade dabei, die Treppen in den zweiten Stock hinaufzurennen, immer zwei Stufen auf einmal.
Die ganze Klasse saß bereits auf den Plätzen und ihr Lehrer Herr Jakobi notierte gerade die Anwesenheit. „Ah, Mimi“, sagte er, wobei er es schaffte, sie zu bemerken, ohne sichtbar aufzublicken. „Wie schön, dass auch du uns mit deiner Anwesenheit beehrst.“
Zwei von den Affen saßen in der letzten Reihe und kicherten höhnisch.
Mimi schob sich auf ihren Platz neben Lina, die sie mit einer hochgezogenen Augenbraue ansah. „Wo warst du denn? Ich habe an der Heizung auf dich gewartet.“
„Bin aufgehalten worden“, brummelte Mimi mit gesenktem Blick. Sie wollte nicht, dass Lina sah, dass sie geheult hatte. Kurz schielte sie hinüber zu Finn, der schräg hinter ihr saß. Er schaute in ihre Richtung. Als sich ihre Blicke trafen, schaute Mimi schnell weg. Zumindest hatte er nicht gelacht. Er sah beinahe ein bisschen zerknirscht aus, fand sie. Und mit diesem Gedanken ging es ihr wieder ein ganz klein wenig besser.
In der Pause drückte Lina Mimi eine Eiswaffel mit zwei Kugeln in die Hand, die sie im Eiscafé direkt neben der Schule gekauft hatte. Erdbeer und Schokolade.
„Da. Ich lad dich ein. Lass dir von diesen Deppen bloß nicht die Laune verderben. Es ist schließlich Sommer!“ Lina grinste sie an.
Bei Lina hörte sich immer alles so einfach an. Eis essen – Sommer – Sorgen weg. Sie drückte Mimi eine zweite Eiswaffel in die Hand – Joghurt-Kirsch und Pistazie – zog das Haargummi aus ihrem Zopf und schüttelte ihre langen roten Haare über den Kopf. Mit einer schnellen Bewegung drehte sie die Haare zusammen und knotete sie zu einem hohen Dutt. Lina, ihre Freundin. Lina, mit der tollen Figur. Hübsch und rothaarig und immer guter Laune. Lina, in die alle Jungs verknallt waren. Megabeliebt.
