Die drei ??? und das Volk der Winde (drei Fragezeichen) - Rose Estes - E-Book

Die drei ??? und das Volk der Winde (drei Fragezeichen) E-Book

Rose Estes

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5,99 €

  • Herausgeber: Kosmos
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2014
Beschreibung

Die drei ??? sollen Professor Brewster helfen, den sein Neffe in ein zweifelhaftes Pflegeheim gebracht hat. Ein Mordversuch, die Flucht des Professors und ein geheimnisvolles Fossil machen aus der Familienangelegenheit einen schwierigen Fall für das Trio. Welche Ziele verfolgt der undurchsichtige Anwalt Zindler? Auf wessen Seite steht Brewsters Assistent Martin? Und wie kann der Professor zu einem Indianerstamm flüchten, der längst ausgestorben ist? Die unwegsamen Berge um Comina, wo die drei ??? nach Antworten suchen, halten nicht nur angenehme Überraschungen bereit ...

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Seitenzahl: 172

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und das Volk der Winde

erzählt von Rose Estes nach einer Idee von Robert Arthur

Aus dem Amerikanischen übertragen von Leonore Puschert

Kosmos

Umschlagillustration von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage der Gestaltung von Aiga Rasch

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele weitere Informationen zu unseren Büchern, Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und Aktivitäten findest du unter kosmos.de

© 2014, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

Based on characters by Robert Arthur.

ISBN 978-3-440-14060-4

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Aufgepasst, Krimifreunde!

Seid ihr so schlau wie die drei ???, das Detektivtrio aus Rocky Beach, Kalifornien? Hier bietet sich euch wieder einmal die Chance, eure Fähigkeiten im Wettstreit mit Justus, Bob und Peter zu testen. Und da ihr nicht vor Ort zugange sein könnt, werde ich euch wie immer mit Andeutungen und Hinweisen auf die Sprünge helfen, damit auch ihr die Nase im Wind habt. Nur schnuppern müsst ihr selbst!

Auch der neueste Fall der drei ??? ist so verwirrend und ausgefallen wie ihre zuvor erlebten Abenteuer. Sie stoßen auf einen verschollenen Indianerstamm und auf einen versteinerten Dinosaurier, der geheimnisträchtig schimmert. Sie haben mit einem auf den zweiten Blick etwas zwielichtigen Rechtsanwalt zu tun, und insgesamt gibt es nahezu mehr Verwicklungen, als sie einem Detektiv zugemutet werden sollten.

Falls ihr die drei ??? noch nicht kennen solltet, seien sie euch hier kurz vorgestellt: Sie heißen Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Ihr Leitspruch ist »Wir übernehmen jeden Fall« und diesem Motto sind sie immer treu geblieben. Justus ist Erster Detektiv und Anführer des Teams, ein stämmiger Bursche mit außergewöhnlich hoher Selbsteinschätzung, was jedoch durchaus berechtigt ist, wie ich inzwischen zugeben muss. Peter Shaw, Zweiter Detektiv und hervorragender Sportsmann, hat meistens die Ruhe weg und ist weit besonnener als der Draufgänger Justus. Bob Andrews, der Dritte im Bunde, ist für Recherchen und Archiv verantwortlich und auf seinen klaren Verstand ist in heiklen Situationen stets Verlass.

So, nun seid ihr im Bilde und könnt euch an der Detektivarbeit der drei beteiligen. Viel Erfolg bei der Suche nach dem Volk der Winde und dem Tanzenden Dinosaurier – und viel Glück!

Albert Hitfield

Ein Hilferuf

»Justus Jonas – biste das, du da?«, fragte der dürre, runzlige Alte mit krächzender Fistelstimme. In der einen Hand hielt er eine abgewetzte, speckige Schirmmütze, in der anderen einen gefalteten Zettel. »Dann rück was raus, Junge. Ich hab dir hier nämlich nen ganz wichtigen Brief abzugeben. Der alte Mr Brewster sagte, ich krieg was dafür. Na, wie sieht’s aus?«

Misstrauisch musterte er den Ersten Detektiv, der gerade mit schmutzigen Händen vom Reinigen eines ausgedienten, aber noch für den Weiterverkauf durch den geschäftstüchtigen Onkel Titus tauglichen Gefrierschranks gekommen war.

Justus Jonas war nicht ausgesprochen ungehalten über diese Abwechslung. Allerdings nahm er die schmuddelige Figur in den abgerissenen Kleidern ziemlich skeptisch aufs Korn. Doch dann siegte die Neugier.

Er griff in die Hosentasche und zog ein paar Münzen hervor, deren Anblick auf dem ungewaschenen Gesicht seines Gegenübers ein gieriges Grinsen zuwege brachte.

Brief und Trägerlohn wechselten den Besitzer und hurtig trabte der alte Mann zum Schrottplatz hinaus. Worin er die für seinen Zustelldienst kassierten dreißig Cent investieren würde, wollte Justus lieber nicht so genau wissen. Für ein Päckchen Zigaretten würde es wohl reichen.

»Was soll denn das nun wieder?«, wollte der Zweite Detektiv, Peter Shaw, wissen.

»Eine Nachricht von einem gewissen Arnold Brewster«, erklärte Justus, während er das nachlässig zweimal geknickte Stück Papier sorgfältig glatt strich. »Allerdings ist sie mit hartem Bleistift auf ein Papiertaschentuch gekritzelt. Die Schrift ist kaum leserlich.«

»Bringen wir den Schrieb in unsere Zentrale«, meinte Bob Andrews, der Dritte im Bunde der drei ???. »Dort können wir ihn vielleicht eher entziffern.«

Die Zentrale des Detektivtrios war ein ausgedienter Campinganhänger, der in einem entlegenen Winkel des Lagerplatzes sein verborgenes Dasein fristete. Der Betrieb – Schrotthandel und Trödellager, allerdings mit der hochtönenden, weit über die Grenzen der Kleinstadt Rocky Beach hinaus bekannten Firmierung »Gebrauchtwaren-Center T. Jonas« – gehörte Onkel Titus und Tante Mathilda, bei denen Justus seit seiner Kindheit nach dem Tod seiner Eltern wohnte.

Justus und seine beiden Freunde Bob Andrews und Peter Shaw verbrachten einen großen Teil ihrer Freizeit mit dem Abladen, Einlagern, Instandsetzen und Säubern der von Onkel Titus aus Haushaltsauflösungen und Schrottverkäufen herangeschafften Neuerwerbungen für das Warenlager. Als Gegenleistung hatte Onkel Titus ihnen den alten Anhänger überlassen, den er nach einem Unfallschaden zu einem Spottpreis erworben hatte, und mittlerweile hatten die Jungen das leicht zerbeulte Vehikel für ihre Zwecke mit einem fabelhaften Innenleben ausgestattet: Chemielabor, Dunkelkammer und komplettes Büro mit eigenem Telefonanschluss. Die Fernsprechgebühren brachten sie aus ihren Einnahmen für die Hilfeleistung auf dem Schrottplatz auf, wobei sie es aus Kostengründen natürlich vorzogen, angerufen zu werden, statt selbst Gespräche zu wählen.

Schließlich hatten die auf Diskretion bedachten Jungdetektive rings um den Anhänger hohe Stapel von Schrott und Trödelkram aufgeschichtet, sodass er unbefugten Blicken völlig entzogen war. Kurzum, das einstige Schrottmobil hatte sich zur bestens funktionierenden Geheimzentrale des Juniordetektivunternehmens »Die drei ???« gemausert. Tante Mathilda mit ihrer nüchternen Einstellung pflegte zwar die Ermittlungstätigkeit ihres Neffen und seiner beiden Freunde noch immer als »dummes Zeug« abzutun, doch im Grunde wusste sie sehr wohl, dass die drei Jungen im Laufe der Jahre eine recht eindrucksvolle Anzahl Fälle erfolgreich zu lösen gewusst hatten.

Im Wagen drehte Justus das Gelenk am Schirm der altmodischen Schreibtischlampe so nach oben, dass die Glühbirne zur Decke gerichtet war. Sehr vorsichtig spannte er das dünne, weiche Papier über den Rand des runden Metallschirms und befestigte es mit Klebeband. Dann schaltete er erst einmal die Deckenlampe im Wagen aus.

»So, Bob, und nun schreib uns den Text mal schön ab«, gebot Justus. »Das ist deine Spezialität.«

Nun knipste er die Schreibtischlampe an, und der durch das Papier fallende Lichtschein ließ die undeutlichen Schriftzüge etwas klarer hervortreten und hob die auf der weichen Unterlage eingedrückten Konturen der Buchstaben stärker hervor.

»Geschafft!«, rief Bob kurz darauf, und noch während er das letzte Wort abschrieb, färbte sich die Originalvorlage auch schon bräunlich und zerfaserte Justus unter den Fingern.

Neugierig sahen sich die drei Jungen die Worte an, die Bob auf einen Bogen Papier kopiert hatte.

Hallo, ihr drei!

Ich hoffe, dass diese Mitteilung euch erreicht. Ihr seid vielleicht meine Rettung. Bald werde ich alles verloren haben. Mein Neffe Clifford und sein Anwalt Zindler haben mich entmündigt und gegen meinen Willen in das Alten- und Pflegeheim „Golden Hours“ eingewiesen.

Mein Haus mit all meinem Besitz soll am Sonntag versteigert werden. Bitte kommt hierher zu mir. Ihr müsst mir helfen, den Tanzenden Dinosaurier zu retten.

Arnold Brewster

»In einem Pflegeheim hat doch Mr Brewster nichts zu suchen.« Justus schüttelte verständnislos den Kopf. »Er ist zwar alt, aber er kommt allein ganz gut zurecht. Er hält sogar noch Vorlesungen über Völkerkunde an der Universität Ruxton.«

»Ich mag Mr Brewster gern«, äußerte sich Peter. »Trotz seiner beruflichen Beanspruchung nimmt er sich immer Zeit für einen Plausch mit uns.«

»Ja, und er hat in seinem großen Haus wirklich tolles Zeug, all diese Fossilien und eine herrliche Sammlung von indianischem Kunsthandwerk«, meinte Bob. »Wie kann sein Neffe, dieser Clifford, es sich herausnehmen, diese wertvollen Sachen ohne Einverständnis seines Onkels einfach zu versteigern? Sie bedeuten dem alten Mr Brewster doch so viel. Aber was ist eigentlich ein Tanzender Dinosaurier?«

»Weiß ich auch nicht«, bekannte Justus zögernd. »Vorerst gibt es hier zu viele Fragen und zu wenige Fakten. Ein guter Detektiv sammelt aber zunächst so viele Fakten wie möglich, ehe er einen Fall in Angriff nimmt.«

»Ist das denn wirklich ein richtiger Fall für uns?« Peter schien noch im Zweifel zu sein.

»Unser Motto lautet: ›Wir übernehmen jeden Fall‹, folglich wird jetzt ermittelt«, beschloss Justus.

»Na schön, aber wo fangen wir an?«, fragte Peter.

»Vielleicht wissen Arnold Brewsters Angehörige etwas, das uns noch nicht bekannt ist«, meinte Bob. »Immerhin habe ich den alten Herrn seit Wochen nicht mehr gesehen. Sprechen wir doch mal seine Nichte Marie an. Die ist neunzehn Jahre alt. Sie ist viel sympathischer als ihr Vetter Clifford, und bestimmt weiß auch sie, was hier vor sich geht.«

Bob wollte Marie Brewster in ihrer Wohnung anrufen, aber es ging niemand an den Apparat.

»Und was jetzt?«, fragte Peter.

»Na, Mr Arnold Brewster ist mir zwar lieb und wert, aber ich finde, dass wir uns in diese anscheinend ziemlich verwickelte Familienangelegenheit besser nicht einmischen sollten«, sagte Bob, als die Jungen die Zentrale verließen. »Meine Mutter meint auch immer, man soll sich anderen Leuten nicht aufdrängen. Lassen wir diesen Clifford eben machen – oder wollt ihr euch unbedingt Schwierigkeiten mit ihm einhandeln?«

Nun, was meint ihr? Ich vermute, der Erste Detektiv denkt etwas anders darüber. Wie ich Justus kenne, legt er sich soeben schon in Gedanken zurecht, auf welchem Wege die drei ??? diesen neuen Fall angehen sollten, der zugegebenermaßen Hochspannung verspricht. Und Arnold Brewsters brieflicher Hilferuf hört sich tatsächlich besorgniserregend an. Sich nicht einmischen, sich nicht aufdrängen – ansonsten löblich, doch ist hier solch edle Zurückhaltung am Platze?

»Himmel noch mal, was hängt ihr drei an einem so herrlichen Tag hier im Schrottlager herum?«, rief Tante Mathilda Jonas, die soeben unvermutet auf dem Lagerplatz aufgetaucht war, mit schallender Stimme. »Falls ihr Tagediebe ausnahmsweise einmal nichts zu tun habt, kann ich euch jede Menge Arbeit verschaffen. Zum Beispiel stört es mich schon lange, dass sich um diesen Campinganhänger solche Berge von Gerümpel angehäuft haben. Wenn einer nicht weiß, dass das Ding seit Jahren hier herumsteht, findet er es überhaupt nicht mehr.«

»Aber Tante Mathilda, darum geht es ja eben«, wehrte Justus ab. »Das ist doch unsere Geheimzentrale. Wir wollen ja gar nicht, dass andere von diesem Wagen wissen. Und im Übrigen ist es nicht so, dass wir nichts zu tun haben – wir sind nur am Ende unserer Weisheit. Unser Freund, Mr Arnold Brewster, wurde von seinem Neffen in ein Pflegeheim gesteckt. Da hatten wir gerade beratschlagt, ob wir hier eingreifen sollen oder nicht. Bob meint, wir sollten uns lieber nicht einmischen.«

»Dieser Clifford!«, stieß Tante Mathilda erregt hervor. »Arnold Brewster ist ein feiner alter Herr, ich schätze ihn sehr. Und ihm fehlt weiter nichts, tut mir nur leid, dass er in seinem großen Haus seit Jahren allein wirtschaften muss. Er ist in letzter Zeit ein wenig vom Fleisch gefallen, aber gute Hausmannskost würde ihn im Nu wieder auf die Beine stellen. Wenn ihr meint, dass ihr ihm helfen könnt, dann macht euch nur schleunigst auf zu diesem Pflegeheim. Unternehmt etwas!«

»Ja, warum fahren wir nicht einfach zu diesem Heim und reden mit Mr Brewster?«, griff Justus Tante Mathildas Anregung auf.

Bald darauf waren die Jungen am Ziel. Ein verblichenes Schild zeigte ihnen an, dass sie beim Alten- und Pflegeheim »Golden Hours« angelangt waren. Es war ein hässlicher, alter, völlig verwahrloster Bau, von Unkraut umwuchert, am Ende einer Zufahrt voller Schlaglöcher.

»Das ist doch das reinste Abbruchhaus«, stellte Peter angewidert fest. »Hier kann ein kultivierter alter Herr wie Mr Brewster unmöglich hausen.«

»Nun haben wir aber den weiten Weg gemacht.« Justus stützte sich erschöpft auf seinen Fahrradlenker. »Da sollten wir uns zumindest Klarheit verschaffen.« Er legte sein Rad auf die Erde, ging zur Haustür und klopfte an.

»Wusste ich’s doch gleich, dass hier nix los ist«, rief Peter, als sich nichts rührte. »Kehren wir wieder um.«

In diesem Augenblick wurde die Tür von einem großen, kräftigen Mann in einer schmuddeligen Uniform geöffnet. »Was wollt’n ihr hier?«, stieß er barsch hervor.

»Einer unserer Freunde wohnt hier«, erwiderte Justus unbeirrt und gelassen. »Den wollten wir mal besuchen.«

»n Freund? Det nehm ick dir nich ab, Junge. Macht, dass ihr wegkommt, ihr Lausebengel!« Und schon hatte der Mann Justus die Tür vor der Nase zugeschlagen.

»Höchst eigenartig«, meinte der Erste Detektiv, als er sich von diesem bemerkenswert unfreundlichen Empfang etwas erholt hatte. »Warum wollte der uns nur so dringend los sein?«

»So schnell sollten wir nicht aufgeben.« Bob wollte nach diesem Erlebnis, das ihn sehr betroffen gemacht hatte, nun doch an der Sache dranbleiben, auch wenn er die Ermittlungen der drei ??? zuvor als Einmischung bezeichnet hatte. Schließlich kannte er Arnold Brewster gut und der alte Herr hatte sich ihm gegenüber immer aufgeschlossen und liebenswürdig gezeigt. Sollte dieser sympathische Mann nun tatsächlich in einer solchen Bruchbude hausen?

Die Jungen versteckten ihre Fahrräder im hohen Gestrüpp, das um das Pflegeheim »Golden Hours« wucherte. Dann schlichen sie sich lautlos und achtsam am Haus entlang und spähten durch einige der schmutzbedeckten Fensterscheiben. Die Zimmer waren winzig, mit karger, liebloser Möblierung und durchweg unaufgeräumt, und der hässliche grüne Farbanstrich der Wände löste sich in lappigen Fetzen vom Untergrund. Die Bewohner der trostlosen Kammern hockten da, zumeist gänzlich regungslos und apathisch – ein Bild des Elends und der Verwahrlosung.

»Mit den Leuten hier stimmt doch was nicht – wie halten die’s bloß aus in einem so grausigen Schuppen?«, fragte Peter ganz entsetzt.

»Wir müssen Mr Brewster suchen«, beschloss Justus kopfschüttelnd. »Vielleicht kann er uns sagen, was hier läuft.«

»Da – hier drin in diesem Zimmer ist er ja!« Bob war ein paar Schritte weitergegangen.

Heimlich lugten die drei Jungen durch das nächste Fenster, dessen unterer Teil spaltbreit hochgeschoben war. Und da sahen sie Arnold Brewster, zitternd vor Empörung, vor sich einen fetten, glatzköpfigen Mann in einem verschlissenen, ehemals weißen Kittel, der dem alten Herrn mit verächtlich heruntergezogenen Mundwinkeln einen kleinen grauen Plastikbecher hinhielt.

»Na, nun beruhig dir mal, Opa. Los, nimm deine Medizin. Dann geht’s dir auch gleich viel besser.«

»Besser? Dass ich nicht lache! Das würde mich in kürzester Zeit auch zu einem schlappen Wrack machen, wie es all die anderen bedauernswürdigen Kreaturen inzwischen geworden sind!«

»Ganz wie de willst«, knurrte der andere Mann. »Aber zu futtern gibt’s für dich erst was, wenn du wie de annern Opis un Omis schön brav deine Medizin genommen hast.«

Rücksichtslos knallte er die Tür hinter sich zu, und die Jungen hörten, wie der Schlüssel umgedreht wurde.

Am offenen Fensterspalt sagte Justus leise, aber vernehmlich: »Guten Tag, Mr Brewster!«, und der alte Herr fuhr herum. Mit zwei Schritten war er am Fenster und stieß aufgeregt und erleichtert hervor: »Ihr seid das! Bin ich aber froh, dass ihr euch hierher aufgemacht habt! Bitte helft mir – ich muss hier heraus!«

Die Jungen drückten und zerrten am Fensterrahmen, und immerhin gelang es ihnen, das vor Alter völlig verzogene Schiebefenster noch einige Zentimeter weiter zu öffnen; doch mit einem Mal ging nichts mehr.

»Es hat keinen Zweck«, keuchte Justus. »Ganz kriegen wir das Fenster nicht auf. Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen. Mr Brewster, nun berichten Sie uns erst mal, was hier los ist. Und warum sind Sie überhaupt in diesem schrecklichen Haus?«

»Weil mein Neffe Clifford auf mein Geld aus ist. Er hat sich an einen Gutachter rangemacht und diesem Psycho-Heini eingeredet, ich sei verrückt, und da wurde ich entmündigt. Cliffords Rechtsanwalt Zindler wurde zu meinem Vormund und zum Treuhänder meines Vermögens bestellt. Clifford will mich erst dann wieder hier herausholen, wenn ich mich seinen Wünschen füge, aber das werde ich niemals tun. Der Bursche ist kalt wie ein Eisberg. Dieser Mensch hat rein gar keine Gefühle, kennt keine Rücksicht. Mit mir ist gesundheitlich alles in Ordnung. Und verrückt bin ich auch nicht. Also habe ich doch wie jeder andere immer noch das Recht, mit meinem eigenen Geld nach meinem Belieben zu schalten und zu walten.«

Justus schwieg einen Augenblick betroffen. Dann fragte er leise: »Sagen Sie, Mr Brewster, was können wir tun?«

»Bringt mich auf irgendeine Weise fort von hier. Und wenn ihr das nicht rechtzeitig schafft, dann geht am Sonntag zu meinem Haus. Clifford will an diesem Tag meine ganze Habe versteigern. Dieser elende Schuft. Ich kann es euch im Augenblick nicht ausführlich erklären, aber ihr müsst den Tanzenden Dinosaurier finden. Das ist eine kostbare Versteinerung. Die müsst ihr so lange bei euch verwahren, bis ich hier wegkomme. Der Dinosaurier stand auf dem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, als sie mich holen kamen. Er darf nicht in die falschen Hände fallen. Ihr müsst ihn für mich sicherstellen.«

»Wie sieht denn der aus, Ihr Tanzender Dinosaurier?«, erkundigte sich Peter. »Und ist er wirklich so kostbar?«

»Es ist eine Steinplatte, etwa sechzig Zentimeter hoch und zehn Zentimeter stark, mit dem darin eingeschlossenen Skelett eines kleinen Dinosauriers. Die fossilen Knochen treten auf der Vorderseite des Steinblocks reliefartig hervor«, erklärte Arnold Brewster. »Der Tanzende Dinosaurier wird beweisen, dass –«

Doch ehe er seinen Satz beenden konnte, klickte ein Schlüssel im Türschloss.

»Schnell weg! Der Pfleger darf euch nicht sehen!«, rief Brewster. »Bitte tut, was euch möglich ist!«

Blitzschnell schlüpften die Jungen vom offenen Fenster weg und huschten zu ihren Fahrrädern. Auf dem Rückweg über die alte Küstenstraße meinte Bob: »Also, auf mich wirkt Mr Brewster völlig normal. Ich begreife zwar nicht, worum es ihm bei diesem Fossil geht, aber so wie er sich ausdrückte, ist es wohl schon was ganz Bedeutsames. Was machen wir jetzt am besten, Leute?«

»Mit den Typen im Heim will ich mich auf keinen Fall krummlegen«, sagte Peter, vorsichtig wie stets. »Unterhalten wir uns mal mit Mr Brewsters Neffen, diesem Clifford?«

»Clifford Brewster bin ich mal begegnet«, meinte Bob dazu. »War mir unsympathisch. Wirklich ein eigenartiger Zeitgenosse.«

»Eigenartig? Wie meinst du das?«, fragte Justus.

»Na ja, es geht ihm immer nur ums Geld. Einmal, als ich bei Mr Brewster war, kam Clifford rein und fing prompt Streit mit ihm an. Er wollte, dass sein Onkel sich an irgendeinem angeblich aussichtsreichen Geschäft beteiligen sollte, das der Anwalt Zindler – der vertritt Cliffords Interessen – angeleiert hatte. Aber der alte Herr war daran nicht interessiert. Da reagierte Clifford echt sauer. Wurde richtig unverschämt. Und dann hackte er auch noch auf mir rum und wollte mir einreden, mein Job bei der Bücherei sei läppische Zeitverschwendung. Na ja, reich werd ich dabei nicht gerade, das wisst ihr ja. Aber es macht doch Spaß und ich lerne etwas dabei. Clifford meinte, ich solle lieber etwas ›Richtiges‹ arbeiten und das verdiente Geld gewinnbringend anlegen. Später erfuhr ich, dass er Steuerberater und Wirtschaftsprüfer ist und hier in der Stadt ein Büro hat.«

Der Neffe und sein Anwalt

Clifford Brewsters Büro war vom Schrottplatz aus mit dem Fahrrad in wenigen Minuten zu erreichen. Die Jungen schlossen ihre Räder ab und traten ins Haus.

»Bedaure, aber Mr Brewster ist sehr beschäftigt«, erklärte die Sekretärin. »Und ohne vorherige Terminvereinbarung kann ich euch nicht zu ihm vorlassen. Unangemeldete Besucher empfängt er grundsätzlich nicht.«

Draußen auf der Straße meinte Bob: »Warten wir doch hier vor dem Haus. Es ist kurz vor Mittag. Da können wir ihn vielleicht abfangen, wenn er zum Essen geht.«

Eine Minute nach zwölf kam ein großer, hagerer Mann mit militärisch kurzem Haarschnitt aus dem Gebäude mit dem Firmenschild »Brewster Inc., Vereidigter Wirtschaftsprüfer und Steuerberater«. Bob trat beherzt auf ihn zu. »Bitte entschuldigen Sie, Mr Brewster, vielleicht erinnern Sie sich an mich. Ich bin Bob Andrews. Wir kamen vor einiger Zeit im Haus Ihres Onkels ins Gespräch. Meine Freunde und ich würden uns gern ein paar Minuten mit Ihnen über Ihren Onkel unterhalten. Wir machen uns nämlich Sorgen um ihn.«

Clifford Brewster stutzte. Harte schwarze Augen unterzogen die Jungen einer eingehenden Prüfung. »Na, dann kommt mal mit in mein Büro«, sagte er dann barsch. »Hier draußen können wir ja nicht gut verhandeln.«

Die drei ??? folgten dem Wirtschaftsprüfer durch das wenig einladende Vorzimmer in ein nüchternes, kahles Büro. Darin gab es weder Bilder an der Wand noch sonstigen Zimmerschmuck. Clifford Brewster setzte sich an den Schreibtisch, dessen Platte peinlich aufgeräumt war, und musterte die Jungen, die ihm gegenüberstanden, mit kaltem Blick.

»Nun« – er bewegte beim Sprechen kaum die schmalen, blutleeren Lippen – »was soll dieser Unsinn? Sorgen macht ihr euch? Um meinen Onkel? Ich wüsste nicht, was euch Arnold Brewster angehen sollte.«

»Er ist unser Freund, und alles, was ihn betrifft, geht uns durchaus an«, erwiderte Bob gelassen.

»Warum ist der alte Mr Brewster ins Pflegeheim gekommen?«, ging Peter zum Angriff über. »Er war doch immer wohlauf und bei guter Gesundheit. Er kommt sehr gut zurecht und kann sich allein versorgen.«

»Es gibt andere, wichtigere Dinge als Zurechtkommen und Sichversorgen«, äußerte Clifford. »Und diese Dinge hat mein Onkel vernachlässigt. Es war höchste Zeit für mich, hier einzuschreiten. Ich musste meinen Onkel leider entmündigen lassen und meinen Anwalt zu seinem Vormund bestellen. Und nun entschuldigt mich bitte, ich habe eine Verabredung zum Mittagessen. Ich ließ mich von euch ohnehin schon zu lange aufhalten.«

»Aber ich verstehe immer noch nicht, warum Mr Arnold Brewster jetzt in diesem Heim ist«, beharrte Bob auf seinem Standpunkt, während Clifford die Jungen ungeduldig aus dem ungastlichen Raum geleitete.

»Das geht euch überhaupt nichts an. Ich habe es nicht nötig, mich vor Kindern zu rechtfertigen, die sich in Angelegenheiten der Erwachsenen einmischen wollen«, antwortete Clifford Brewster eiskalt.