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"Träume ich, während sie sterben? Oder sterben sie, weil ich träume?" Wellenreiten war schon immer Mares große Leidenschaft. Im Meer fühlt sich die Neunzehnjährige zu Hause und ihrem verstorbenen Vater nahe. So auch an jenem Morgen, der ihre Welt gründlich durchwaschen soll: Nach einem Sturz gibt das Meer sie nur unwillig wieder frei und Mare macht eine Nahtoderfahrung. Zunächst hat sie keinerlei Erinnerung daran, doch plötzlich holen diese Bilder sie ein - wieder und wieder. Schon bald beginnt Mare, von Menschen zu träumen, die kurz darauf sterben. Als wäre das nicht beängstigend genug, erscheint ihr eines Abends der Geist des Komapatienten Bo und bittet sie um Hilfe. Mare befürchtet, verrückt zu werden – und während sie sich noch fragt, ob man sich wohl in einen Geist verlieben kann, steckt sie schon mitten in einer Entscheidung auf Leben und Tod ...
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Dorthe Voss
Die dritte Stufe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
WIDMUNG
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
EPILOG
DANKE
Impressum neobooks
Für meine Familie. Auf dieser Seite.
Und auf der anderen.
Umgeben von Wasser.
Totale Leichtigkeit.
Ich erkenne meinen Körper.
Steige auf.
Weit über das Meer.
Immer höher.
Bis in einen Tunnel.
Dort hinten ist ein Licht.
In dem Licht sehe ich Papa.
Seine Gedanken werden zu meinen.
Totale Leichtigkeit.
Hier gehöre ich hin.
Ich möchte weiter.
Zu ihm.
Er lässt mich nicht.
Noch nicht.
Etwas zieht an mir.
Reißt mich zurück … zurück … zurück …
Mir war kalt. Unglaublich kalt. Wo bin ich? Ich öffnete die Augen und versuchte etwas zu erkennen, doch immer wieder tröpfelte mir Wasser hinein. Regen? Meine Gedanken überschlugen sich. Nach und nach wurde das Gesicht eines Mannes deutlicher. Schnaufend hing es direkt über meinem. Bis eine Sirene ertönte und anstelle des Mannes ein flackerndes blaues Licht in mein Blickfeld trat. Plötzlich kamen weitere Personen hinzu. Eine Frau und ein Mann. Sanitäter? Neben ihnen her rannte … Mama! Ich wollte sie rufen, doch meine brennende Kehle brachte nur ein Krächzen heraus. Sie kniete sich neben mich in den … Was eigentlich? Sand? Auf ihren Wangen vermischten sich Tränen mit Regentropfen. Als sie nach meiner Hand griff, spürte ich meinen Körper ganz deutlich. So deutlich wie nie zuvor.
Die andere Frau schob sie weg von mir, der Mann untersuchte mich, setzte mir eine Maske auf das Gesicht. Alles verlief wie im Zeitraffer, die Fahrt mit dem Krankenwagen schien nur einen winzigen Moment zu dauern.
„Mare, was machst du denn für Sachen?“ Meine beste Freundin Katha stürmte ins Zimmer und drückte mich ‒ etwas zu heftig ‒ an sich, was mich vor Schmerzen kurz zusammenzucken ließ. Die erste Nacht im Krankenhaus hatte ich zur Sicherheit auf der IMC, einer speziellen Überwachungsstation, an einem Monitor verbringen müssen. Mittlerweile war es Nachmittag und weil meine Werte alle unauffällig waren, hatte man mich gerade in ein normales Zimmer verlegt. „Was ist denn eigentlich passiert?“, fragte Katha und setzte sich auf die Bettkante.
Das würde ich auch gern wissen, dachte ich. Wenn man von ein paar Abschürfungen, blaugrünen Flecken und dem Pochen im Kopf absah, fühlte ich mich ganz okay, aber so richtig erinnern konnte ich mich an den Unfall gestern Nachmittag noch nicht.
„Sie ist beim Surfen fast ertrunken. Herr Paulsen hat ihr das Leben gerettet“, antwortete meine Mutter gepresst und sofort füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. Sie stand von dem Stuhl neben meinem Krankenbett auf und ging zum Fenster hinüber. Nicht einen Moment hatte sie mich bisher allein gelassen.
„Boah, Mare!“, schimpfte Katha, „das musste irgendwann mal passieren, weil du ständig so unvorsichtig bist!“
Ich wunderte mich darüber, dass das Wort unvorsichtig in Kathas Wortschatz vorkam und wollte gerade etwas erwidern, doch da schluchzte meine Mutter am Fenster noch lauter. Die blonden Haare hatte sie ‒ wie immer, wenn sie furchtbar übermüdet war ‒ zu einem kleinen Zopf gebunden, aus dem überall zu kurze Strähnen herausrutschten. Ihr schmaler Körper zitterte und schien beinahe in sich zusammenzufallen. Ich ahnte, dass es gerade nicht nur um mich ging, und es tat mir wahnsinnig leid, ihr einen so gewaltigen Schrecken eingejagt zu haben. „Ich weiß, das war total dämlich“, lenkte ich ein. Auch, um meine Mutter zu beruhigen. Dabei würde ich behaupten, eine gute Surferin zu sein. Und gestern waren die Bedingungen zum Surfen genial gewesen.
Wie in der Vorhersage der letzten Tage angekündigt, hatte ein vor England tobender Sturm so perfekte Dünungswellen an die Nordseeküste nach Schleswig-Holstein geschickt, wie schon lange nicht mehr. Hochwasser war für morgens um sieben gemeldet. Pünktlich zum Sonnenaufgang.
Das Brett unter den Arm geklemmt, fuhr ich mit dem Rad durch leichten Nieselregen. Meinen Neoprenanzug hatte ich bereits zu Hause angezogen, sodass mir das bisschen Wasser nichts ausmachte. Am Strand war ich allein. Niemand zu sehen, kein bekanntes Gesicht, kein Urlauber und auch kein Rettungsschwimmer. Die Badesaison würde erst übermorgen enden, doch vor zehn ist der Strand nie bewacht. Und genau deshalb surfe ich am liebsten zu dieser Zeit. Das ist natürlich ziemlich leichtsinnig. Doch wenn es um die perfekte Welle geht, vergesse und ignoriere ich ‒ ganz entgegen meiner Natur ‒ gern alles um mich herum.
Ich band mir die Leash um meinen Knöchel und lief langsam ins Wasser. Es fühlte sich beinahe wärmer an, als die noch kühle Septembermorgen-Luft. Weiter draußen beobachtete ich auf meinem Brett sitzend immer wieder den Horizont und wartete auf die passende Welle. Zwischenzeitlich waren aus dünnen Bindfäden kräftigere Regentropfen geworden. Außer dem Plätschern war es hier draußen angenehm ruhig und ich noch völlig entspannt. Als die Welle immer näher kam, paddelte ich los. Sie schob sich unter mein Brett, das jetzt beschleunigte. Nun breitete sich aufgeregtes, gespanntes Kribbeln in mir aus, von den Zehen bis in die Fingerspitzen. Ich richtete mich auf und machte mich bereit, aufs Brett zu springen. Dieser kurze, fließende Moment ist jedes Mal magisch. Und an diesem Morgen meinte das Meer es gut mir, schenkte mir viele dieser Momente. Der leichte Wind pustete die Gedanken der letzten Tage aus meinem Kopf und wie immer fühlte ich mich meinem Vater mit jeder Welle näher.Ich lenkte das Brett auf die Schulter der Welle zu, bis plötzlich … „Ich bin irgendwie abgerutscht und wurde durchgewaschen. Überall war Wasser und Schaum. Ich hab noch angefangen, die Sekunden zu zählen …“, versuchte ich die auftauchenden Erinnerungsfetzen in Worte zu fassen. „Und dann …“ Ich stockte. Die Bilder, die jetzt in meiner Erinnerung erschienen, machten mir Angst, und doch fühlten sie sich irgendwie ‒ warm an.
„Was dann?“, fragte Katha. „Mare? Was ist? Hast du einen Geist gesehen?“
Ja, kann schon sein, dachte ich. Aber das behielt ich lieber für mich.
Nalu strafte mich mit Desinteresse, als ich endlich wieder nach Hause durfte und mein Zimmer betrat. Der alte Kater lag zusammengerollt auf meinem Bett, während er sich die Herbstsonne auf den Kopf scheinen ließ. Mehr als ein beleidigtes, langgezogenes Maaau war nicht drin.
„Ja, mir kam es auch viel länger vor als eine Woche“, sprach ich in sein wuschelweiches, tiefschwarzes Fell hinein und kraulte ihn noch eine Weile zwischen den Ohren. „Jetzt gehe ich aber erst einmal unter die Dusche.“
Das Wasser stellte ich extra einen Tick zu heiß ein. So, dass es gerade noch angenehm war. Während ich mit geschlossenen Augen einfach nur dastand und die nasse Wärme aufsog, schoben sich plötzlich wieder diese Bilder in meinen Kopf. Sie waren noch immer leicht verschwommen, als würde man unter Wasser die Augen öffnen, aber schon klarer als letzte Woche im Krankenhaus. Für einen Augenblick versuchte ich ihnen standzuhalten, zu verstehen, was sie mir zeigten – doch ich hielt es nicht aus, die Verwirrung war einfach zu groß. Ich riss meine Augen auf, stellte das Wasser mit einem Ruck auf eiskalt – und im selben Moment waren die Bilder verschwunden. Zurück blieb wabernder Wasserdampf. Er schwebte durch das Badezimmer und legte sich an Fensterscheiben, Fliesen und Spiegel. Ich wickelte mir ein weiches Handtuch um und verschaffte mir mit der Handfläche freie Sicht. Kurz erschrak ich vor meinem Spiegelbild:Die Farbe war komplett aus meinem Gesicht gewichen, trotz der Sommersonnenbräune, die bei mir immer bis weit in den Herbst hinein bleibt. Das habe ich eindeutig von Papa geerbt. Genau wie meine hellbraunen Haare, die so nass dem Fell meines Katers glichen. Aus ihnen rannen jetzt kleine Rinnsale meine Schulter hinunter bis zu dem blaugrünen Fleck, der oberhalb des Handtuchs auf meiner Brust prangte. Er war faustgroß, tat jedoch kaum noch weh. Im Gegensatz zu der Wunde an meiner Stirn. Noch immer konnte ich nicht begreifen, weshalb ich meinen Kopf nicht geschützt hatte und somit scheinbar auf den steinigen Meeresboden geprallt war.
Ich schlüpfte in meine Sweathose und Papas selbst gemachten Surfer-Pulli und kroch zu Nalu ins Bett. Es war nicht so, dass ich in der letzten Woche nicht schon genug herumgelegen hatte, aber ich hatte Peer versprechen müssen, mich wenigstens noch an diesem Wochenende zu schonen. Mein Bruder war 26 ‒ somit ganze sieben Jahre älter als ich ‒ und spielte auch heute noch gern den Beschützer. Wobei gern sicher nicht der Wahrheit entsprach, denn die Beschützer-Rolle hatte er sich nicht ganz freiwillig ausgesucht. Unser Vater war drei Monate vor Peers achtzehntem Geburtstag gestorben. Autounfall. Eine Frau überholte auf der Landstraße einen Trecker. Vor einer Kurve. Der Zusammenstoß mit Papas Auto war nicht zu verhindern. Das jedenfalls waren damals die kargen Worte der Polizisten gewesen.
Von da an hatte mein großer Bruder versucht, unseren Vater zu ersetzen. Was ihm unmöglich gelingen konnte. Und so war ich ausgesprochen froh, dass Mama ihn damals darin bestärkt hatte, an seinem Traum vom Medizinstudium festzuhalten, anstatt Papas Aufgaben auf dem Hof zu übernehmen. Durch die Assistenzarztstelle im Klinikum Nord-West blieb ihm jedenfalls nur noch wenig Zeit, um mich zu beschützen – wenn ich nicht gerade seine Patientin war.
Vorsichtig ließ ich meinen Kopf in das Kissen sinken und fühlte, dass Peer recht hatte. Unter dem gleichmäßigen, leisen Schnurren meines Katers schlief ich sofort ein. Irgendwann begann ich zu träumen.
Katha und ich lachen, wir sind acht oder neun Jahre alt, tragen unsere Schulranzen auf dem Rücken. Ich krame Kleingeld aus meiner Hosentasche und Katha öffnet eine Tür. Schrilles Vogelgezwitscher ertönt. Wieder und wieder. Bis die Tür zurück ins Schloss fällt. Wir greifen nach der kleinen Zange und den Papiertüten. Können uns nicht entscheiden, womit wir sie diesmal befüllen wollen. Ich lege die Handvoll Kleingeld auf den Tresen. Frau Lüders grinst und schüttelt ihren Kopf. Dann winkt sie mir zu. Tschüss, Mare.
Mare … Mare …
Die Stimme meiner Mutter riss mich aus dem Traum. Hastig setzte ich mich auf. Mein Kopf pochte und Nalu sprang laut mauzend auf den Boden.
„Oh, Entschuldigung, Süße … ich wollte dich nicht erschrecken“, stammelte Mama. Sie stand mit einem Teller in der Hand vor meinem Bett. „Ich dachte, du hast bestimmt Hunger.“
Ich brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu sortieren. „Wie lange habe ich denn geschlafen?“, fragte ich und blickte aus dem Fenster neben meinem Bett. Die untergehende Sonne tuschte den Himmel in knalliges Pink und Orange.
„Es ist gleich sieben“, antwortete Mama und stellte das dampfende Essen auf meinem Nachttisch ab. Dabei stieß sie den Bilderrahmen mit meinem Lieblingsfoto um. Es zeigt Papa und mich im Meer vor Portugal. Ich war damals acht Jahre alt gewesen und hatte zum ersten Mal eine echte grüne Welle gesurft. Papa war vor Stolz beinahe von seinem Brett gestürzt.
Normalerweise hätte ich meine Mutter dafür angemotzt, doch heute hob ich das Bild schweigend auf.
Mama lächelte kurz und sagte: „Iss einfach, was du magst, und den Rest lässt du stehen.“ Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn, so wie sie es früher immer gemacht hatte. „Wenn etwas ist …“
„… bist du unten oder bei den Schafen, ich weiß. Danke“, beendete ich ihren Satz.
Ich stellte das Bild zurück und griff nach dem Teller. Doch mehr als ein paar Bissen bekam ich nicht herunter. Was mir nun endgültig bewies, dass ich tatsächlich noch nicht wieder fit war. Den Rest des Abends schrieb ich mir mit Katha und ließ ich mich von wenig anspruchsvollen Serien berieseln. Bis ich ganz und gar dem Schlaf verfiel.
Erst durch das penetrante Klingeln an der Haustür wachte ich am nächsten Morgen auf.
„Moin Katharina“, hörte ich meine Mutter sagen. „Mare ist oben und schläft noch.“
„Macht nichts Imke, ich wecke sie einfach.“
Hast du schon! wollte ich brüllen, aber da polterte Katha bereits die Stufen hoch und platzte Bruchteilsekunden später in mein Zimmer.
„Mare? Gut, du bist wach. Du glaubst nicht, was ich gerade erfahren habe“, rief sie und ließ sich auf den alten, von Nalu zerkratzten Sessel gegenüber von meinem Bett plumpsen. Das Tuch, mit dem sie ihre langen, hellblonden Haare zusammengebunden hatte, löste sich etwas und sie zubbelte es zurecht. Ich überlegte kurz. Da mir nichts Spektakuläres einfiel, schüttelte ich nur meinen matschigen Kopf.
„Ich wollte dir deine Lieblingsnaschis von Frau Lüders mitbringen“, begann Katha und sofort hatte ich ihr den lautstarken Weckdienst verziehen. „Der Laden hat geschlossen! Wegen Trauerfall! Und jetzt rate mal, wer gestorben ist – Frau Lüders selbst! Ist das nicht krass?“
Ich schluckte. So lange ich denken konnte, war Frau Lüders die Besitzerin des Tante-Emma-Ladens, der auf Kathas und meinem Schulweg lag. Klar, sie war sicherlich um die 80 Jahre alt gewesen und eigentlich hätten wir damit rechnen müssen, dass sie irgendwann einmal nicht mehr da sein wird. „Woher weißt du, dass sie es ist?“, fragte ich dennoch etwas ungläubig.
„Piet und Ole haben mich an der Tür rütteln sehen“, erzählte Katha. „Piet war dabei, als Frau Lüders gestern Abend im Laden zusammengebrochen ist. Kurz vor Feierabend. Sie kam wohl noch ins Krankenhaus …“
Von meinem Bett aus konnte ich sehen, wie meiner besten Freundin Tränen in die Augen stiegen. Und auch mich nahm diese Nachricht ziemlich mit. Doch an meinen Traum von gestern dachte ich in diesem Moment noch nicht.
Unangenehme Dinge schiebe ich nicht lange auf, sondern erledige sie lieber schnell – damit ich sie hinter mir und den Kopf wieder einigermaßen frei habe. Daher machte ich mich direkt am Montagmorgen auf den Weg zu Herrn Paulsen, um mich für seinen Einsatz neulich zu bedanken.
Als kleine Aufmerksamkeit, wie sie es nannte, hatte meine Mutter mir ein paar Lebensmittel aus unserem Hofladen mitgegeben. Plus die Erlaubnis, ihr Auto zu nehmen, statt mit meinem klapprigen Rad zu fahren.
„Schließlich bist du noch krankgeschrieben und sollst dich nicht zu sehr anstrengen“, hatte sie gesagt.
Doch ich wollte raus, an die frische Luft. Für mein Gefühl hatte ich schon viel zu lange drinnen gehockt. Ich entschied mich, die drei Kilometer von unserem Hof bis zur Strandpromenade zu Fuß zu gehen. Wie Rotkäppchen lief ich also mit meinem Fresskorb los, nicht durch den Wald, sondern vorbei an den Feldern und später auf dem Deich entlang. Glücklicherweise waren jetzt kaum Menschen unterwegs, sodass ich ohne viel Gequatsche einfach die noch kühle Luft und das Wellenrauschen aufsaugen konnte.
In die Freundebücher, die ich während der Grundschulzeit mit nach Hause bekommen hatte, trug ich bei Sternzeichen immer Meerjungfrauein. Schon früh hatten die Wellen mich angezogen. Im Wasser fühlte ich mich zu Hause. Und daran hatte sich bis heute nicht das Geringste geändert. Ganz im Gegenteil.
Ziemlich erschöpft (vielleicht erschöpfter als wäre ich mit dem Rad gefahren), aber gut durchlüftet, erreichte ich das Haus von Herrn Paulsen. Es lag nur ein paar Meter hinter dem Deich, gleich neben Aal-Andis Räucherstube. Ich liebe den Geruch von geräuchertem Fisch, auch frühmorgens. Dass mir plötzlich übel wurde, musste also an meiner Aufregung liegen. Ich schämte mich so wegen des Unfalls und hatte außerdem Angst, Herr Paulsen könnte wütend auf mich sein. Mich anbrüllen, dass ich zu blöd zum Surfen wäre. Zu gern hätte ich jetzt Katha an meiner Seite gewusst. Sie hätte irgendetwas Aufmunternd-Albernes gesagt und mich damit wenigstens ein klein bisschen abgelenkt. Doch im Gegensatz zu mir hockte sie jetzt im Physikunterricht von Herrn Siemers. Obwohl Physik im Allgemeinen und Energieentwertung im Speziellen absolut nicht zu meinen Favoriten zählten, hätte ich jetzt zu gern mit ihr getauscht.
Zögerlich drückte ich auf den Klingelknopf, wartete einen winzigen Moment und wollte gerade wieder verschwinden, da öffnete sich die Tür.
„Mare? Das ist ja eine Überraschung“, sagte Herr Paulsen und sah mich fragend an. „Wie geht’s dir?“
Erleichterung breitete sich in mir aus. Was hast du denn geglaubt? Dass er dir den Hals umdreht? Das hätte er neulich auch einfacher haben können, hörte ich Katha schon sagen, wenn ich ihr nachher davon berichten würde.
„Hallo … ja … ähm, mir geht’s schon wieder ganz gut“, stotterte ich. Dann fing ich mich etwas. „Deshalb bin ich auch hier. Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie mich ...“, ich atmete tief ein und zum ersten Mal wurde mir schlagartig bewusst, wie ernst die Situation gewesen war, „ ... dass Sie mich gerettet haben.“
Herr Paulsen schwieg. Schnell drückte ich ihm den Fresskorb in die Arme. „Als Dankeschön.“ Noch immer sagte er nichts. Aber wenigstens kramte er zwischen selbst gekochter Himbeermarmelade, Käse aus Schafsmilch und Sanddornlikör herum und lächelte. Schließlich setzte er sich auf eine der Treppenstufen und bot mir den Platz neben sich an. Er erzählte mir von dem Morgen. Von seiner frühmorgendlichen Jogging-Runde am Strand. Von dem Moment, als die Welle mich nach unten zog, aber nicht wieder freigab. Von seinem schnellen Entschluss. Und von der Erste-Hilfe-Aktion.
Ich knetete meine Hände. Irgendwann sagte ich leise: „Tut mir leid, dass ich Sie in so eine Situation gebracht habe.“
Herr Paulsen legte mir seine Hand auf die Schulter. „Die Hauptsache ist, dass es dir wieder gut geht.“ Dann stand er auf. „Jetzt muss ich aber zur Arbeit. Pass auf dich auf, Mare.“
Nach diesem Gespräch konnte ich auf keinen Fall einfach zurück nach Hause laufen, und so entschied ich mich, in der Surfschule vorbeizugucken.
In der Saison vor meinem 15. Geburtstag hatte Nils mich gefragt, ob ich neben der Schule bei ihm jobben wollte. Nils und Papa waren beste Freunde gewesen und hatten kurz nach Peers Geburt gemeinsam die kleine Surfschule aufgebaut. Sie kannten sich von Papas unzähligen Besuchen an der Küste. Dutzende Male hatte Nils ihn angefleht, fest mit einzusteigen. Doch Papa war klar gewesen, dass er mit Mama zusammen den Hof von Oma übernehmen würde. Mein Vater war zwar wegen der Liebe zum Wellenreiten gekommen, blieb aber wegen der Liebe zu meiner Mutter. Den Spagat zwischen Land und Meer hatte er immer gut hinbekommen und seine Leidenschaft war früh auf mich übergeschwappt. Kurz nachdem ich schwimmen gelernt hatte, stand ich das erste Mal auf dem Brett.
Jetzt war es kurz nach zehn, die Surfschule hatte gerade geöffnet. Ich sah Nils und die anderen schon von Weitem. Trotz seiner 49 Jahre passte Nils perfekt in das Bild, das die meisten Leute von Surfern haben: salzwasserblonder Wuschelkopf, leicht gebräunte Haut, durchtrainierter Körper, immer guter Laune.
„Guten Morgen!“, rief ich ihnen zu. Es dauerte nur ein paar Sekunden, da hatten sich alle um mich versammelt. Drückten mich herzlich, sprachen wild durcheinander – stellten aber keine blöden Fragen. Nils und seine Freundin Bine hatten mich bereits im Krankenhaus besucht und ich war mir sicher, dass sie die anderen über alles informiert hatten.
„Schön, dass du da bist. Wir fangen grad an, den Saisonabschluss vorzubereiten“, begrüßte mich Nils und schob leicht zerknirscht hinterher: „Der dieses Jahr wohl ohne dich stattfinden muss.“
So ein Mist! Das hatte ich völlig vergessen. Durch den Feiertag am 3. Oktober und den Brückentag vorher stand ein langes Wochenende an, an dem zum letzten Mal in diesem Jahr einige Besucher kommen würden und die Abschluss-Party stattfinden sollte. „Das schaffe ich schon“, meinte ich. „Und da ich schon mal da bin … kann ich irgendwie helfen?“
Nils lachte laut und legte seinen Arm um mich. „Mare, Mare, deine Mutter weiß sicherlich nicht, dass du hier bist, oder?“
„Hallo? Ich bin 19! Kann ich bitte auch mal selbst entscheiden?“, motzte ich.
Nils zwickte mich in den Arm. „Bine bereitet auf der Terrasse ihre Yoga-Stunde vor, da kannst du ein bisschen helfen“, sagte er und brach in noch lauteres Gelächter aus.
Sehr witzig, dachte ich. Alle hier wussten, dass Surf-Yoga nicht so meins war. Doch bevor ich mich nach Hause schicken ließ, antwortete ich übertrieben freundlich: „Klaro, sehr gerne.“
Die nächsten zwei Tage verliefen ganz ähnlich. Vormittags half ich in der Surfschule bei so wichtigen Dingen wie Regale auswischen. Um unnötigem Stress mit Mama aus dem Wege zu gehen, erzählte ich ihr lediglich von ruhigen Ausflügen zum Strand. Nachmittags kam Katha vorbei, um mich abzulenken und mir Schulsachen zu bringen. Surfen sollte ich laut Doktor Peer noch nicht, was nicht dramatisch war, da es seit meinem Unfall sowieso keine guten Wellen mehr gegeben hatte. Ich hoffte, das würde sich bis zum Wochenende noch ändern und wollte mich wenigstens etwas darauf vorbereiten.
Ich befestigte meine Slackline zwischen den Kirschbäumen im Garten. Darauf zu balancieren machte nicht nur extremen Spaß, die Übungen waren zudem ein gutes Gleichgewichtstraining für das Wellenreiten. Zu meiner Überraschung brauchte ich heute ein paar Anläufe bis das elastische Band mich nicht mehr unkontrolliert zappeln ließ. Doch je mehr meine Gedanken verstummten, desto besser konnte ich mich auf die Bewegungen einlassen. Und plötzlich tauchten sie wieder auf, diese unbegreiflichen Bilder. Ich hatte sie vergessen oder wahrscheinlich eher verdrängt, doch jetzt waren sie wieder da, deutlicher denn je. Dieses Mal konnte ich sie festhalten – bis Mama plötzlich hinter mir stand und mich mit einem schrillen „Was macht du denn da?“ zu Fall brachte. Wie ein kleines Mädchen, das schokoladenverschmiert auf dem weißen Teppich erwischt wurde, rannte ich in mein Zimmer. Ich konnte jetzt nicht mit ihr reden. Auf keinen Fall. Selbst als Katha am Nachmittag wieder zu Besuch kam (das hatte sie für die ganze Woche geplant), schaffte ich es nicht, ihr davon zu erzählen. Das sollte mir erst am nächsten Tag gelingen.
