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Der geschiedene Mann der Hauptdarstellerin glaubt, viele Jahre nach der Trennung, endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, sich an seiner Frau zu rächen. Wenn er sie nicht mehr haben kann soll sie auch kein anderer haben! Sein Plan ist perfide, den Tod seiner Frau würde er in Kauf nehmen, lieber aber will er sie in den Wahnsinn treiben. Wenn sie dann richtig am Ende ist kommt er als Retter in letzter Minute. Und er ist sich sicher dass sie dann reumütigst zu ihm zurück kehren wird. Er kann sich nicht vorstellen, dass ausgerechnet er, so viele Jahre nach der Scheidung, als Täter entlarvt werden könnte.
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Seitenzahl: 358
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Dorle Weichler
Die dunkle Seite der Seele
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Impressum neobooks
Mit einem diabolischen Grinsen im sonst immer finster blickenden Gesicht verließ ein großer, kräftig gebauter Mann das kleine muffige Büro des Hausmeisters eines großes Mietkomplexes. Ein paar lange Strähnen seiner schon sehr spärlichen dunklen Haare verteilten sich wie fest geklebt auf seiner Glatze, auf der sich jetzt auch immer mehr dicke Schweißtropfen bildeten, um anschließend in dünnen Rinnsalen über die Stirn, die Schläfen und in den Nacken zu fließen.
Ja, er war sehr zufrieden mit dem, was er heute endlich erreicht hatte! Lange genug gedauert hatte es ja, diesen behäbigen Dummkopf von seiner Integrität zu überzeugen.
„Auch nur dreckiges Gesocks, dieser Kerl“, knurrte er vor sich hin. Aber Hauptsache war schließlich, dass er jetzt davon überzeugt war, dass dieser noble Herr Hansen aus Hamburg ein sehr ruhiger und bestimmt auch großzügiger neuer Mieter werden würde!
„Ahnungsloser Idiot, der du bist! Wirst mich schon noch früh genug kennen lernen, haha!“ Er musste sich besser in Acht nehmen, er fing wirklich so langsam an, Selbstgespräche zu führen! Nicht, dass ihm noch einer auf die Schliche kam bevor er seinen grandiosen Plan durchgeführt haben würde!
Aber Hauptsache war, dass er den Hausmeister so eingelullt hatte, dass dieser ihm jetzt blind vertraute! Er hatte einen vereinsamten Mann, der von seiner geldgierigen Frau verlassen und ausgenommen worden war, doch sehr überzeugend gespielt! Ja, spielen konnte er gut, gegen ihn kam doch keiner an! Er war allen überlegen, und er würde es allen bald endlich beweisen können! Ihn spielte man nicht an die Wand! Ihn nicht! Und einen Mann wie ihn verließ man auch nicht einfach! Dieses Weib würde es noch bitterlich bereuen! Was war sie denn schon ohne ihn! Ein Nichts! Und bildete sich ein, ohne ihn leben zu können! Ha, da konnte sie noch so weit weg ziehen, er wusste schon wie er sie immer wieder aufspüren konnte!
Es ging auf zwölf Uhr zu und die erbarmungslose Julisonne brannte auf seinem Gesicht. Er war so in seine eigene Gedankenwelt versunken gewesen, dass er fast über eine Hundeleine gestolpert wäre! Schon wollte er fluchen weil ihm dieser verdammte Köter zwischen die Beine gesprungen war, doch dann schoss ihm blitzartig eine glänzende Idee durch den Kopf! Diese hässliche dicke Frau hatte er schon ein paar Mal hier in der Nähe gesehen, die wohnte doch im selben Block wie seine Frau! Na ja, Ex-Frau! Aber er würde dafür sorgen, dass sie bald in einem Zustand sein würde, in dem sie ihn schon sehr flehentlich und immer wieder bitten würde, das er sie endlich zurück in seine Arme und sein Leben holen sollte! Und vielleicht konnte diese alte Schnepfe ihm ja noch einmal nützlich sein, wer weiß!
„Entschuldigen sie vielmals, Gnädigste, ich habe ihren hübschen kleinen Hund gar nicht gesehen, ich war etwas zu tief in Gedanken versunken“, säuselte er. „Ich habe ihm doch hoffentlich nicht weh getan?“
„Nein, ist schon gut, Hund ist etwas verspielt, ist fast noch ein Baby“, murmelte die Frau in etwas gebrochenem Deutsch nur und verschwand in den Hausflur.
„Geh du nur, Alte, wirst dich schon noch früh genug an mich erinnern, ha!“
Ja, diese Frau konnte ihm vielleicht eines Tages noch behilflich sein! Dumm genug sah sie ja aus! Er würde sie so lange anschleimen bis sie ihm aus der Hand fressen würde! Wie dieser blöde Hausmeister! Der hatte auch nicht gemerkt dass er ausgetrickst worden war! Das hatte er wirklich richtig schlau angestellt! In Gedanken sah er das ganze Geschehen der letzten Stunde wieder vor sich.
Er hatte einen kleinen Schwächeanfall inszeniert, die Hitze mache ihm so zu schaffen! Und schon hatte der Dümmling ihn in sein Büro eingeladen, hatte ihm einen Stuhl zurecht geschoben, seinen dicken Schlüsselbund auf den Schreibtisch geworfen und dann gemurmelt, dass er geschwind einen Kaffee kochen wolle.
Schnell hatte der dunkle Mann zwei kleine, dicke, und weiche Scheiben aus der Tasche gezogen, sich den Hauptschlüssel geschnappt und schnell von jeder Seite einen Abdruck gemacht. Er konnte sich sein teuflisches Grinsen nicht ganz verkneifen, genau so hatte er sich das vorgestellt! Ohne eine Kopie des Generalschlüssels konnte er seinen Plan nicht ausführen, aber diesen Punkt konnte er jetzt als erledigt abhaken, sehr schön!
Er hörte den Hausmeister zurück kommen, schnell setzte er wieder ein leidendes Gesicht auf. War auch nicht gerade schwer in dieser muffigen Kellerbude! Hoffentlich war die Kaffeetasse sauber! Geputzt wurde hier unten, das kleine Büro des Hausmeisters befand sich im Keller, noch unter der Tiefgarage, hier konnte nicht einmal gelüftet werden.
„Ach, Herr Brandtmann, wie soll ich mich für Ihre freundliche Hilfe nur je erdenklich erweisen können? Ein guter Kaffee ist jetzt genau das was ich wirklich brauche, mein Kreislauf ist einem solchen Wetter einfach nicht mehr gewachsen. Ja ja, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste“, seufzte er, „und wenn man dann noch so einsam und verlassen ist wie ich macht doch das ganze Leben keinen wirklichen Sinn mehr!“ Dabei verbarg er den Kopf zwischen den Händen und zuckte ein paar Mal mit den Schultern. Und bei dem Licht konnte man sicher nicht sehen dass das bitterliche Weinen so ganz ohne Tränen klappte!
„Aber Herr Hansen, Sie sind doch ein gut situierter und stattlicher Mann! Sie werden bestimmt bald wieder eine gute Frau finden, die sich um Ihr Wohl sorgt“, versuchte der einfache Mann zu trösten, „Und wenn Sie erst einmal hier in einem unserer Häuser wohnen werde ich auch immer ein Auge auf Sie werfen. Auf mich werden Sie sich jederzeit verlassen können!“
Der Gast konnte sich kaum das triumphierende Grinsen verkneifen, er hatte ihn da wo er ihn haben wollte! Dann schlug er sich in gespieltem Entsetzen auf die Schenkel und rief:
„Jetzt hätte ich fast den wirklich wichtigen Termin mit meinem Anwalt vergessen! Entschuldigen Sie bitte vielmals, ich muss mich leider sofort verabschieden!“
Der Hausmeister sprang sofort auf und riss die Tür seines Büros auf. Doch ganz so schrecklich eilig schien es der Gast nun doch noch nicht zu haben! Jovial klopfte er dem einfachen Mann auf die Schulter.
„Herr Brandtmann, Sie sind in meiner Situation ein echter Freund! Ich weiß, dass ich mich auf Sie verlassen kann, das können Sie mir glauben! Und nun wünsche ich Ihnen noch einen angenehmen Tag, ich hoffe doch, dass Sie bald Ihren verdienten Feierabend genießen können, oder müssen Sie noch lange arbeiten?“
„Nein, nein, Herr Hansen, ich werde hier auch bald Schluss machen. Ihnen natürlich auch noch einen schönen Tag, und viel Erfolg noch für Ihren Termin!“
Für einen kurzen Moment war der Besucher irritiert, ach ja, der Termin, den er sich eben erst ausgedacht hatte! Er musste sich einfach besser konzentrieren, solche Fehler durfte er sich einfach nicht erlauben!
Er verließ das kleine, muffige Büro, überlegte kurz, schlenderte dann langsam und mit einem selbstgefälligen Grinsen im Gesicht in Richtung Schlosspark und setzte sich dort wenige Minuten später bereits auf eine Bank. In Gedanken malte er sich genüsslich weiter aus, wie sein grandioser Plan ablaufen würde.
Vor ein paar Wochen erst hatte er im Fernsehen den Bericht über eine Frau gesehen, die durch eine schwere Magen- und Darminfektion fast den Verstand verloren hätte! Weil sie keine Flüssigkeit mehr zu sich hatte nehmen können waren ihre Elektrolyte aus dem Gleichgewicht geraten, und das hatte ganz üble Auswirkungen auf ihren Geisteszustand gehabt. Sie war nur mit knapper Not der Irrenanstalt entkommen.
Außerdem hatte seine Frau ihm vor vielen Jahren eine Geschichte über eine Frau erzählt, die, genau wie sie, an der Dialyse gewesen war. Diese hatte Jahrzehnte lang jeden Tag und bei jeder Mahlzeit Angst gehabt, zu dick zu werden. Wo es ihr doch immer viel zu gut schmeckte und sie sich einfach nicht beherrschen konnte! Sie nahm im wahrsten Sinne des Wortes den Mund immer gern viel zu voll! Und darum machte sie auch jeden Tag immer wieder denselben, verheerenden Fehler, ohne sich auch nur im geringsten darüber im Klaren zu sein, dass diese Gedankenlosigkeit eines Tages ihr eigenes Todesurteil bedeutete würde!
Na ja, sterben sollte seine eigene Frau natürlich nicht wirklich, aber sie sollte wenigstens richtig schön leiden und am Boden zerstört sein! Und richtig Angst würde er ihr machen! Dann würde er ja da sein und ihr Retter werden! Er war sich absolut sicher, alles ganz genau durchdacht zu haben! Ihm konnte gar kein Fehler unterlaufen! Niemals! Und seine Holde würde schon sehr bald kapieren, dass sie ohne ihn ganz einfach nicht mehr ewig existent sein konnte! Aber was er da mit ihr plante würde niemals irgend jemand auch nur ahnen können! Dieser Plan war einfach perfekt, perfekt und genial!
Er saß noch eine ganze Weile auf der Bank in der Sonne, trocknete sich alle Augenblicke die triefende Glatze und begeisterte sich immer mehr für sein großartiges Vorhaben! Ein hämisches Grinsen zierte dabei sein feistes Gesicht!
Keine zwei Wochen später bekam er den Anruf des Hausmeisters, auf den er schon so lange gewartet hatte!
„Guten Morgen, Herr Hansen, hier ist Brandtmann, der Hausmeister. Ist es Ihnen eventuell möglich, nachher einmal hierher zu kommen? Wenn sie Ihnen zusagt hätte ich vielleicht schon eine schöne kleine Wohnung für Sie. Sind nur zwei Räume, Küche und Bad, aber alles sehr großzügig geschnitten, schön hell und komplett renoviert, ich glaube, die ist genau das was Sie suchen.“
„Hör auf zu sülzen, Blödmann“, dachte der freundliche „Herr Hansen“, gab sich aber sofort wieder ganz jovial!
„Na, das nenne ich mal eine gute Nachricht, mein lieber Brandtmann, um welche Zeit wäre es Ihnen denn Recht?“
„Wenn es Ihnen gegen drei passen würde?“
„Aber selbstverständlich, guter Mann! Ich werde pünktlich sein.“
Der merkwürdige Mann kicherte hämisch vor dich hin, wie gut, dass der Hausmeister keine Ahnung davon hatte, das er hier im billigsten Garny-Hotel der Stadt hauste! Er hatte erklärt, dass er sehr viel unterwegs sei und daher zur Zeit nur über sein Handy erreichbar wäre, sonst käme der Idiot möglicherweise noch auf die Idee, ihn in seinem „Zuhause“ zu besuchen!
Am Nachmittag wurde ihm dann eine Wohnung präsentiert, die seinen Vorstellungen mehr als entgegenkam, sie lag fast genau gegenüber der Wohnung seiner Frau, nur eine Etage höher! Hervorragend! Mit etwas Glück würde er sehr bald das Leben seiner Ex studieren können! Die Wohnungen hatten nicht einmal Jalousien, alles würde er sehen können! Er hätte nie zu träumen gewagt dass sein Plan so gut umzusetzen sein würde! In zwei Wochen wäre sein Einzug möglich, meinte der Hausmeister noch. Sehr schön, die Zeit sollte mehr als reichen um alles vorzubereiten! Denn der neue Mieter dachte nicht im Traum daran, diese Wohnung wirklich zu beziehen! Das hätte er sich von seiner kleinen Rente gar nicht leisten können, aber das ging den Idioten ja zum Glück nichts an!
Sie rannte! Rannte um ihr Leben! Sie schnappte gierig nach Luft und begann schon zu keuchen, sie hatte einfach keine Kraft mehr. Kalter Schweiß lief über ihr Gesicht, sie bekam keine Luft mehr, ihre Lungen brannten wie Feuer! Und ihr Herzschlag dröhnte so schrecklich laut in ihren Ohren. Dazu kam immer heftiger werdendes Seitenstechen! Sie konnte einfach nicht mehr, so groß die Gefahr auch sein mochte, sie konnte das ganz einfach nicht mehr durchhalten! Ihre Kräfte verließen sie endgültig, sie zitterte am ganzen Körper und sie hatte Angst! Furchtbare Angst!
Sie ließ sich da, wo sie gerade stand, einfach fallen und sah sich um. Der schmale Weg, auf dem sie sich befand und auf dem sie bis jetzt um ihr Leben gerannt war, kam ihr sehr merkwürdig vor! Überall hatten sich die dicken Wurzeln der Bäume verbreitet und alle paar Meter säumten riesige Findlinge den Weg! Sie wollte mehr sehen, stand wieder auf und sah sich den Weg genauer an. Diese Unebenheiten hatten sie immer wieder straucheln und stolpern lassen, ihr langer und sehr weiter blauer Rock hatte sie auch behindert, und er war so schrecklich schwer, war ihr auch beim laufen immer wieder schwer vor die Beine geschlagen. Was war das überhaupt für ein komischer Rock? Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn angezogen oder auch überhaupt je besessen zu haben!
Vor ihren Augen fing plötzlich alles an sich zu drehen, ein Schwindel erfasste sie und ihr wurde so schrecklich übel! Von jetzt auf sofort gaben ihre Beine nach, sie strauchelte und fiel zu Boden. Aber dennoch zwang sie sich mit allerletzter Kraft an den Rand des Weges, der mit Grashalmen und Blüten überall zwischen den Steinen übersät waren, zu kriechen. Es ging nicht anders, sie musste sich jetzt einfach einen ganz kleinen Moment auf diesem weichen Grün ausruhen und einen Augenblick verschnaufen. Sie legte den Kopf auf einen der kleineren Steine und schloss vollkommen erschöpft die Augen.
Wo war sie hier überhaupt? Was war passiert? Sie konnte sich an nichts erinnern! An überhaupt nichts! Und das machte ihr noch mehr Angst als sie ohnehin schon hatte!
Mühsam öffnete sie die Augen und sah sich wieder um. Warum war sie denn ausgerechnet hier gelandet und warum war ihr alles so absolut fremd? Nicht das geringste kam ihr auch nur bekannt vor, und weit und breit war nicht eine einzige Menschenseele zu sehen. Auch keine Häuser oder wenigstens ein paar Tiere auf einer Weide oder vielleicht Ställe oder Scheunen.... nichts! Kein Anzeichen von Leben weit und breit!
Das alles konnte doch eigentlich nur ein böser Traum sein, bestimmt würde sie gleich aufwachen und friedlich in ihrem Bett liegen. Aber nein, alles schien doch real zu sein, oder? Verzweifeltes, hemmungsloses Schluchzen überkam sie, sie war so schrecklich müde und vollkommen allein!
Dann schrak sie zusammen! Ganz plötzlich war ein stürmischer Wind aufgekommen, gleichzeitig setzte heftiger Regen ein und ein ohrenbetäubender Donner krachte, es blitzte unmittelbar danach und sie hätte am liebsten laut geschrien! Gott im Himmel! Ein so starkes Unwetter hatte sie noch nie erlebt.
Mit ihren allerletzten Reserven raffte sie sich auf und schaffte es jetzt bis zum nächsten Findling, der am Wegesrand unter einem riesigen Baum lag und ließ sich einfach darauf nieder. Soweit sie es durch den heftigen Regen überhaupt noch sehen konnte war sie fast am Ende dieses Weges angelangt, und jetzt sah sie sich noch einmal ganz genau um, aber es gab nicht das Geringste, an dem sie sich hätte orientieren können. Alles kam ihr so sinnlos vor, aber es half alles nichts, sie musste weiter, bevor die Verfolger sie einholen konnten. Sie stand auf, strich sich ihren patschnassen Rock glatt und sah in die Richtung, aus der sie gekommen war.
Nichts war zu hören oder zu sehen bis auf den Regenschleier und sie sah so etwas wie eine Staubwolke, die sich aber in noch sehr weiter Ferne befinden musste, oder war das eine Halluzination? Könnte man im strömenden Regen Staubwolken sehen? Allerdings schien diese Wolke näher zu kommen. Wieder überkam sie ein heftiges Zittern, sie musste weiter, ganz schnell weiter, bevor die Meute sie sehen und überwältigen konnte.
Sie quälte sich wieder auf die Füße und wollte einfach ziellos drauf los laufen, als sich plötzlich alles änderte! Schlagartig hatte das Unwetter aufgehört und wie aus dem Nichts tauchte etwas ganz merkwürdiges auf! Was sie sah war nur ein kleines Stück des Weges weiter vorn, vielleicht hundert Meter oder weniger, etwas, das sie sich gar nicht erklären konnte! Was sie dort, auf der rechten Seite des Weges, erblickte war wie ein gewaltiges Gebäude! Sie konnte sich nicht erinnern, so etwas schon einmal gesehen zu haben. Gemauert aus riesigen Felsbrocken, ungefähr so wie eine Burg oder ein Schloss, nur insgesamt kleiner und irgendwie gedrungener, aber mit so etwas ähnlichem wie einer breiten Einfahrt oder Auffahrt, dort, gleich an der rechten Seite!
Es sah fast so aus als ob es zu einer Art Parkdeck führen könnte! Doch was ihr auch immer durch den Kopf ging, wichtig war nur, dass sie versuchte, auch diese letzten Meter noch zu schaffen! Dieses Gemäuer, was es auch immer es war, musste ihr doch Schutz und Sicherheit bieten können! Auch wenn es einen ausgesprochen düsteren und abweisenden Eindruck machte.
Sie richtete sich auf und atmete erst einmal ganz tief durch! Auch wenn sie keine Kraft mehr hatte... sie musste jetzt sofort weiter und sich dort ein sicheres Versteck suchen!
„Reiß dich zusammen, Lena! Du musst da hoch! Und du wirst es schaffen“, flüsterte sie sich selbst Mut zu! Der Aufgang bestand aus groben, unbehandelten Steinen, und ihre eh schon schmerzenden nackten Füße wollten ihr den Dienst versagen! Sie brannten als würde sie über glühende Kohlen laufen. Und dann, mit allerletzter Kraft, erreichte sie endlich wirklich das Dach, oder wie auch immer man diese kahle Fläche nennen sollte!
Zumindest war es von einer kleinen, ungefähr einen halben Meter hohen, aber sehr dicken Mauer umsäumt, hinter der sie sich wenigstens würde verstecken könnte.
Kaum war sie oben angelangt ließ sie sich einfach auf die kalten, harten Steine fallen! Ihr war schon wieder so schrecklich übel, aber sie versuchte dennoch verzweifelt, sich endlich zu beruhigen und wieder zu Atem zu kommen.
„Tief ein und ausatmen, Lena! Alles wird gut! Du musst nur wieder richtig zu Atem kommen“, versuchte sie sich wieder selbst zu beruhigen!
Doch zuerst musste sie es jetzt einmal schaffen, etwas mehr Ordnung in ihre Gedanken zu bringen! Denn eines war ihr immer noch nicht klar geworden; wovor hatte sie überhaupt diese schreckliche Angst? Oder vor wem? Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wer oder was sie so grausam jagte als wäre sie ein wildes Tier, das erlegt werden sollte!
Plötzlich konnte sie sie wieder hören! Ihr Herz begann erneut wie verrückt zu rasen, und die Angst übermannte sie schlimmer noch als je zuvor! Ihre Jäger konnten nicht mehr weit entfernt sein. Vorsichtig erhob sie sich vom Boden und lugte über den Rand der kleinen Mauer. Doch viel mehr als die noch immer größer werdende, gewaltige Staubwolke konnte sie jedoch immer noch nicht ausmachen, aber sie hörte schon diese schreckliche Stimme, die immer lauter wurde!
„Schneller, ihr verdammten Viecher! Schneller!“ Und dazu war deutlich das scharfe Knallen einer Peitsche zu hören! Wieder und immer wieder! Die Tiere schienen regelrecht zu schreien vor Schmerzen!
Sie kamen näher! Immer näher! Doch jetzt, mit angehaltenem Atem, erkannte sie, was da immer schneller auf sie zu kam! Es waren Elefanten, riesige Elefanten mit gewaltigen Stoßzähnen! Drei mal zwei Tiere jeweils hintereinander und nebeneinander gekettet mit riesigem, schwerem Geschirr aus purem Gold! Und sie zogen einen goldenen Streitwagen, der so groß war, dass er hinter den Elefanten noch zu sehen war! Und die Peitsche schwang eine Frau, die von einer außergewöhnlichen, blendenden Schönheit war! Goldblonde Locken flogen um ihr wunderschönes Gesicht, das jetzt aber zu einer grausamen Fratze verzehrt war! Ihre blauen Augen, blauer noch als das edle Gewand das sie trug, blitzten, zornig und hasserfüllt! „Wo bist du, verdammtes Weib? Glaub ja nicht, dass du dich vor mir verstecken kannst! Ich finde dich! Egal, wo du auch glaubst, dich verkriechen zu können! Ich will dich, und ich werde nicht eher ruhen als bis ich deinen blutigen Kopf in meinen Händen halte!“
Und plötzlich war Lena sich sicher, dass diese grausame Gestalt nur der Teufel selbst in der Verkleidung einer schönen Frau sein konnte! Ob sie wollte oder nicht, sie fing wieder hemmungslos an zu weinen! Sie war allein, allein mit ihrer Angst vor dem, was noch passieren könnte! Und der Angst, nichts mehr zu wissen! Nicht einmal ihr eigener Name fiel ihr ein. Sie war allein und verloren inmitten eines grauenvollen Geschehens! Und kein Mensch weit und breit der ihr vielleicht hätte helfen können!
*****
Doch mit einem Mal war alles vorbei! Sie keuchte immer noch und ihr Herz raste! Tränen liefen ihr auch noch immer übers Gesicht und die Angst schnürte ihr fast die Kehle zu. Aber es war plötzlich sehr ruhig! Regelrecht unheimlich ruhig! Fast wie in einer Grabkammer! Hatten sie sie gefasst und umgebracht? Was war denn jetzt wieder passiert?
Sie versuchte mühsam, sich zu beruhigen! War sie vielleicht tot? Das Grauen packte sie von neuem und und ließ sie am ganzen Körper furchtbar zittern! Aber konnte man tot sein wenn man seinen eigenen Herzschlag noch hören und fühlen konnte? Das konnte doch wohl ganz bestimmt nicht möglich sein.
Sie versuchte, den Atem anzuhalten und lauschte. Bis auf diese seltsamen Geräusche war alles ruhig. Vorsichtig öffnete sie die Augen, aber außer einem regelmäßigen leisen Piepen, das von hinten zu kommen schien, war nichts anderes mehr zu sehen oder zu hören.
Sie war allein und lag in einem fast dunklen Raum, woher kam nur dieses merkwürdige Licht hinter ihr? Sie versuchte angestrengt, sich umzudrehen, aber es gelang ihr kaum! War sie gefesselt? Hatte die Wanderhure sie doch erwischt? Die Wanderhure? Wie um alles in der Welt kam sie jetzt ausgerechnet auf die? Hatte sie nur geschlafen und vielleicht nur etwas aus dem Roman, den sie vor einiger Zeit gelesen hatte, geträumt? Plötzlich fühlte sie wieder, wie diese grausame Angst langsam mehr und mehr in ihr aufstieg! Was passierte denn nur mit ihr? Wo war sie? Und vor allem, wer war sie? Wie kann man denn vergessen wer man ist? Lena! Ja, ihr Name war Lena, und weiter? Verdammt! Sie musste doch ein Leben geführt haben, oder etwa nicht?
Warum konnte sie sich denn nicht richtig bewegen? War sie gefesselt? Endlich schaffte sie es, wenigstens den Kopf ein wenig nach hinten zu drehen. Sie lag definitiv in einem Bett, und hinter dem Bett befanden sich Monitore mit gelben, grünen und roten Linien und Zacken und großen roten und grünen Zahlen. Die Zahlen wurden plötzlich größer und fingen an zu pulsieren, das Piepen wurde immer lauter und schneller.
Eine Tür ging auf und ein Mann in weißer Kleidung trat ein. „Was, zum Teufel,treiben Sie denn da? Sie müssen ruhig liegen, Frau Kirchner! Sonst werde ich andere Seiten aufziehen müssen, haben Sie verstanden?“
„Was ist denn los mit mir? Was ist passiert? Und wo bin ich?“ flehte sie den Mann an. Der aber tat als hätte er nichts gehört, packte sie grob an, riss sie fast hoch, und machte irgend etwas an dem Gerät hinter ihr.
Die Geräusche wurden wieder leiser und das Piepen klang gedämpfter. Der Mann fasste sie wieder ausgesprochen unsanft an den Schultern und warf ihren Oberkörper regelrecht wieder auf das Kopfkissen zurück! Mit kaltem Entsetzen spürte sie seine Hände auf ihrem Körper! Wollte er sie etwa vergewaltigen? Was machte er denn nur? Im nächsten Moment hatte er ihre rechte Hand ergriffen und stülpte ihr eine Art Fingerhut auf den Zeigefinger!
„Bitte, sagen Sie mir doch endlich wo ich bin! Bitte! Und mir ist so übel und ich habe ganz böse Kopfschmerzen! Und Durst!“ Aber mit Panik musste sie feststellen, dass nicht ein einziges Wort davon wirklich über ihre Lippen gekommen war! Konnte sie auch nicht mehr sprechen?
Und dieser Mann reagierte in keinster Weise auf ihr flehentlichen Augen! Und bevor sie noch ganz begreifen konnte, was hier passierte und dieser Mann mit ihr machen wollte, hatte er schon eine Spritze aus seiner Tasche genommen und aufgezogen. Ohne auch nur einen Hauch von Mitleid stieß er diese brutal in den Arm. Das Zimmer drehte sich noch kurz vor Lenas Augen, dann versank sie wieder in einen tiefen, bösen Schlaf.
Das morgendliche Zwitschern der Vögel setzte zaghaft ein. Christian öffnete noch etwas verschlafen die Augen, es war nicht mehr ganz dunkel aber auch noch lange nicht wirklich hell. Er drehte sich wohlig auf den Rücken und streckte erst einmal genüsslich alle Viere von sich, dann warf er einen Blick auf die Uhr. Erst 4.53 Uhr, da konnte er sich eigentlich noch ein kleines Nickerchen erlauben. Er lauschte aufmerksam nach rechts, doch er konnte nur das ruhige, gleichmäßige Atmen seiner Frau hören. Und ehe er sich's versah war er auch schon, mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen, wieder eingeschlafen.
Beim nächsten Blick auf die Uhr fuhr ihm dann doch der Schrecken in die Knochen, es ging jetzt schon auf sieben zu. Himmel! Er hatte verschlafen, oder?
„Was ist denn heute überhaupt für ein Tag?“, murmelte er. Puh, er ließ sich wieder beruhigt zurück aufs Kopfkissen fallen, Samstag, Wochenende, herrlich! Und.. ach du meine Güte! Heute ist ja der siebte August, und er hatte Geburtstag!
Er drehte sich auf die rechte Seite und schaute noch einmal auf seine schlafende Frau. Obwohl es jetzt richtig hell war schlief Katja noch immer tief und fest!
Und er gönnte es ihr von Herzen! Sie hatte es sich auch redlich verdient, heute endlich einmal wieder richtig auszuschlafen. Die ganze Woche über stand sie praktisch von morgens früh bis abends spät unter Strom. Es war wahrhaftig gar nicht so einfach, die kleine Familie neben dem Beruf so erfolgreich zu managen! Was wäre er nur ohne sie?
„Meine Güte, wie konnte ich denn nur kurzfristig vergessen dass ich heute Geburtstag habe!“, ging es ihm durch den Kopf, „Junge, Junge, du wirst langsam alt!“
Immerhin, ganze 43 Jahre hatte er jetzt schon auf dem Buckel! Wenn er ehrlich war musste er sich eingestehen, dass die Zeit im Grunde doch sehr schnell verflogen war. Gerade eben waren die Kinder noch winzig klein gewesen, und jetzt schienen sie Monat für Monat einen gefühlten halben Meter zu wachsen! Je älter er wurde um so schneller vergingen die Jahre! Aber bis er eines Tages seine Rente genießen könnte waren es doch immerhin noch mehr als 20 lange Jahre! Und die schienen jetzt noch in weiter Ferne zu liegen! Wer weiß, was bis dahin alles noch so passieren konnte!
Christian fing an, den Tag schon mal im Kopf durch zu planen. Als erstes würde er gleich zum Bäcker fahren und Brötchen zum Frühstück holen, da konnte er gleich ein paar Baguettes für heute Abend mitbringen. Was lag denn heute noch alles überhaupt so an? Was musste für den Tag sonst schon vorbereitet werden?
Der Familienclan würde erst am Nachmittag eintrudeln, da gab es eigentlich gar nicht so viel vorzubereiten. Kuchen backen war praktisch überhaupt nicht nötig, weil jeder Zweig der gar nicht so kleinen Verwandtschaft einen Kuchen mitbrachte, und das war irgendwie schon immer so gewesen! Und das hatte auch immer alles ganz hervorragend geklappt, die Absprache untereinander sorgte stets für eine ausgesprochen leckere Auswahl!
Ach ja, immer dieser leckere Kuchen! So langsam musste er wirklich aufpassen, denn je älter er wurde... na ja, der Rettungsring um die Taille war nicht mehr so wirklich zu übersehen! Und das mit den guten Vorsätzen klappte auch immer nur bis zur nächsten Schlemmerei! Aber... dieses Jahr würde er standhaft bleiben! Keine Naschereien mehr! Mal sehen, wie lange er es dieses Mal durchhalten würde!
Seine und Katjas Freunde mit ihren Partnern waren erst für den Abend zum Grillen eingeladen, nur sein Freund Matthias und seine Frau Silke würden auch schon zum Kaffee da sein. Sie hatten bis jetzt noch keinen festen Babysitter wie die meisten anderen, ihr erst 3 Monate alter kleiner Sohn Timmy würde sicher ganz schnell zum begehrten Mittelpunkt werden. Er war aber auch einfach so goldig, dass man selbst fast wieder Lust bekam, auch noch ein Kind in die Welt zu setzen! Nur schade, dass die Kinder immer viel zu schnell groß und eigenständig wurden.
Katja gab wieder einen Seufzer von sich, drehte sich zu seiner Seite und legte ihre Hand auf seine Schulter. War sie schon wach? Nein, ihr Atem war noch immer tief und gleichmäßig.
Christian aber war mittlerweile hellwach. Leise setzte er sich auf, legte Katjas Arm vorsichtig auf sein Kopfkissen und warf einen Blick zurück auf seine Frau... sie sah so friedlich und entspannt aus! Sollte sie sich ruhig ausschlafen, der Tag würde noch stressig genug für sie werden, da konnte er jetzt wenigstens schon mal alles fürs Frühstück vorbereiten und endlich frische Brötchen holen. Es war jetzt schon nach sieben, der Bäcker machte auch am Wochenende schon früh auf, da konnte er doch schon alles fertig haben bevor die Familie aufstand. Wenn er nur nicht schon wieder eine viertel Stunde durch seine Tagträume vertrödelt hätte! „Muss alles vom Alter kommen,“ tröstete er sich grinsend.
Christian war so in seine Erinnerungen und Gedanken versunken gewesen dass er heute sogar fast vergessen hätte aufzustehen. Komisch, dafür war er eigentlich gar nicht der Typ! Aber jetzt ab ins Badezimmer und unter die Dusche, er hatte schießlich noch so einiges zu erledigen.
Doch als das erfrischende Nass ihn traf machten die Gedanken sich wieder selbstständig. Den Glückwunschreigen beginnen würde ja mit Sicherheit wieder seine Tante Lena. Auf sie war Verlass! Schade, sie würde dieses Jahr nicht kommen können. Sie hatten noch vor zwei Tagen telefoniert, ihr war es gar nicht so gut gegangen, anscheinend hatte sie sich einen Magen- und Darmvirus eingefangen, und sie hatte sich gar nicht wie sonst immer angehört! Fühlte sich mächtig schlapp und müde. Und dann ein paar Stunden mit dem Wagen auf der Autobahn..... das ging gar nicht, konnte er auch wirklich nicht von ihr verlangen. Irgendwie merkte er, dass er sich doch etwas Sorgen um sie machte! Gleichzeitig sagte er sich: „Quatsch! Doch nicht Lena! Die lässt sich doch von so einem Klacks nicht unterkriegen! Da war sie schon mit ganz anderen Sachen fertig geworden! Wie sie es immer wieder schaffte, alle körperlichen und gesundheitlichen Probleme zu bewältigen.... alle Achtung! Da kannte er doch eine ganze Menge Mitmenschen die sich schon für schwerst krank hielten wenn ihnen mal ein Pups quer saß!
Es war schon erstaunlich genug, dass sie sich mit ihrer angeschlagenen Gesundheit immer so schnell wieder erholte! Das reinste Stehaufmännchen! Aber trotz allem würde sie bestimmt wieder die erste sein, die anrief! Und ein Geschenk für ihn war mit Sicherheit auch längst auf dem Weg! Sie hatte ihn in all den Jahren noch nie vergessen! Außerdem war sie auch seine Patentante und die einzige in der Familie, die nicht nur immer eine positive Einstellung zu allem hatte, sondern die auch immer etwas fand, über das er sich wirklich freuen konnte! Warum nur konnten seine Eltern nicht wenigstens einen Hauch so sein wie sie?
„Mann! Christian! Stehst unter der Dusche und träumst!“ Was war bloß heute los mit ihm? Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal so intensiv über seine Familie morgens unter der Dusche nachgedacht zu haben! Wirklich merkwürdig! War das vielleicht doch ein Zeichen dass er doch alt wurde?
„Quatsch! Sieh zu dass du endlich fertig wirst und spinn nicht rum, Alter!“ Er lachte seinem Spiegelbild zu, tippte sich an die Stirn und zog sich endlich an.
Sie war so schrecklich müde, aber sie durfte jetzt nicht schlafen! Mühsam öffnete sie die Augen, wo war sie denn nur? Sie lag auf dem Boden, der bestand aus groben Steinplatten, und die waren eiskalt. Und sie zitterte schon wieder am ganzen Körper! Ihre Zähne schlugen aufeinander, so sehr fror sie. Aber irgendwie kam ihr doch das alles sehr bekannt vor! War sie nicht kürzlich noch hier gewesen? Aber dieser Ort machte ihr furchtbare Angst! Überall sah sie dunkle Schatten und sie bildete sich ein, auch flüsternde Stimmen zu hören! Wenn sie doch nur wüsste wie sie an diesen unheimlichen Ort gekommen war!
Die seltsamen Sachen, die sie trug, waren schwer und ihr vollkommen unbekannt. Wann nur hatte sie sich diesen langen, dunklen Rock und diese altmodische, dunkelrote Bluse gekauft? Die waren doch gar nicht nach ihrem Geschmack! Oder hatte ihr jemand anders diese Sachen angezogen?
Sie musste sich einfach an alles erinnern und dazu musste sie sich richtig konzentrieren. Mit Panik kam sie nicht weiter. Erst musste sie eins nach dem anderen klären. An was konnte sie sich denn überhaupt noch erinnern? Sie schloss ihre Augen und versuchte, die irre Angst, die von ihr Besitz ergriffen hatte, auszuschalten. Wenn das alles nur so einfach wäre!
Ihr Kopf schmerzte ganz entsetzlich und immer wieder verschwamm alles vor ihren Augen. Also, noch einmal ganz von vorn, was war passiert? Richtig, sie hatte es ja mit letzter Kraft geschafft, sich vor der Wanderhure zu verstecken! Dem Himmel sei Dank dafür! Aber wo war die jetzt denn nur? War sie mit ihren Heerscharen vorbei gezogen und sie hatten sie nicht gefunden? War die Gefahr endgültig gebannt und konnte sie jetzt endlich wieder nach Hause gehen? Wenn sie doch wenigstens den Hauch einer Ahnung hätte wo ihr Zuhause war!
Sie blickte sich um, aber alles, was sie sehen konnte, warf nur neue Fragen auf und schürte die Angst immer wieder neu! Wenn sie sich doch wenigstens etwas beruhigen könnte!
Also, ganz tief ein und aus atmen, ruhiger werden und nach Lösungen suchen! Oder wenigstens den Hauch einer Lösung! Sie sah sich nach allen Seiten um und versuchte, sich ein klares Bild ihrer Umgebung zu machen.
Vor sich sah sie kurze, schwarze, metallische Pfeiler mit jeweils einer runden Kuppe oben drauf. Diese Pfeiler waren irgendwie sehr gezielt im Boden verankert, kleine Flächen mit Wegen dazwischen? Mühsam kam sie auf die Füße und sah sich das Muster aus der Nähe an. Genau genommen sah es irgendwie wie ein Friedhof auf, kahle dunkle Gräber, dazwischen schmale Pfade. Aber ein Friedhof? Ganz ohne Pflanzen und Grabsteine? Ihr kroch wieder ein kalter Schauer über den Rücken, das alles hier war einfach unheimlich! Ob sie sich hier überhaupt verstecken und ausruhen konnte? Aber welche Wahl blieb ihr denn schon?
Jetzt erst bemerkte sie, dass sie eine Tasche in der Hand hatte! So eine große Papiertüte mit Henkel, sie öffnete sie, sah hinein und ....... oh Gott! Nein! Gellend schrie sie auf und warf entsetzt die Tasche weit von sich! In der Tüte befand sich der Kopf ihrer Mutter! Das konnte doch gar nicht wahr sein! War ihre Mutter nicht längst tot? Hatten sie etwa vergessen, sie damals zu begraben? Die Fragen sprangen sie von allen Seiten wie kleine schwarze Teufel an ….. aber sie hatte doch keine Antworten! Ihr Kopf war leer und ihre Erinnerungen wie ausgelöscht!
Mit zitternden Beinen ging sie auf die Tasche zu! Sie musste sich geirrt haben! Das konnte unmöglich der Kopf ihrer Mutter da drin sein! Nein! Nein! Und nochmals Nein!
Doch bei der Tasche angelangt sah sie, dass die Augen ihrer Mutter weit geöffnet waren und sie stumm und vorwurfsvoll ansahen!
„Was willst du von mir“, schrie sie. „Rede wenigstens mit mir!“ Aber sie bekam keine Antwort, nur diese schrecklichen, starren, vorwurfsvollen Blicke, die sie unentwegt anschauten!
Sie versuchte, ihr Grauen und ihre Angst zu verdrängen, setzte sich auf den Boden und öffnete mit zitternden Händen langsam die Tüte ganz. Sie enthielt nur die Büste der Mutter! Und der untere Teil der Büste war über und über mit Erdklumpen bedeckt, so als hätte man diesen Teil von ihr aus dem Grab gerissen!
„Gott im Himmel, bitte hilf mir! Ich weiß nicht mehr weiter! Lebe ich noch oder bin ich in der Hölle? Habe ich diese Strafe vielleicht verdient? Warum kann ich mich denn nur nicht daran erinnern? Was soll ich denn jetzt mit ihr machen? Soll ich sie hier vielleicht begraben? Ober ist gar eines dieser Gräber das meiner Mutter? Habe ich ihr das angetan?“
„Hilf dir selbst dann hilft dir Gott“, schien der Blick der Mutter zu sagen, „also reiß dich jetzt endlich mal zusammen. Du musst hier weg! So schnell du nur laufen kannst!“
Aber fliehen konnte sie doch nur allein! Diese grauenvolle Tasche konnte sie einfach nicht mitnehmen, sie musste sie vorläufig hier lassen und möglichst gut verstecken! Oder begraben! Genau! Gleich hier würde sie sie erst einmal begraben! Aber wo am besten? Keines dieser Gräber hatte ja einen Stein oder ein Kreuz mit einem Namen drauf. Und wer weiß wer oder was dort unter der Erde auf sie lauerte! Wieder blickte sie sich um, irgendwo musste doch ein Platz zu finden sein!
Genau, dort, etwas weiter hinten in der rechten Ecke, das schien so etwas wie ein Verschlag zu sein, eine große Truhe stand auch dort, vielleicht konnte sie die Mutter dort ja erst einmal verstecken, und wenn sie in Sicherheit war, musste ihr Bruder kommen und ihr helfen, ihre Mutter endlich richtig zu begraben, damit sie ihren Frieden finden konnte.
Ihr Bruder? Ja, ganz tief drin in ihr was etwas Bekanntes, Vertrautes! Ja, sie hatte einen Bruder, aber wo war er? Warum ließ er sie allein und warum half ihr nicht? Wusste er überhaupt wo sie jetzt war und was ihr hier Schreckliches passierte?
Mit Mühe gelang es ihr endlich, den schweren Deckel der Truhe zu öffnen...... ein bestialischer Gestank schlug ihr entgegen und mit irrem Entsetzen ließ sie ihn schreiend wieder fallen! Es war ein großer Sarg, gefüllt mit toten und halb verwesten stinkenden Tierkadavern! Sie hielt die Tüte fest an sich gepresst und rannte, wie von Furien gehetzt, in die andere Richtung! Hinter ihr begannen die Toten auf dem Friedhof einen grauenvollen, dumpfen Gesang, nur unterbrochen von entsetzlichen schrillen Schreien!
Die Mauer! Sie hatte sie zu spät gesehen! Und sie war zu niedrig! Mit einem unmenschlichen Schrei stürzte sie über die Mauer in die Tiefe!
Kaum war Christian vom Bäcker zurück und hatte den Tisch gedeckt als seine kleine Tochter Valerie in die Küche kam. Sie rieb sich noch ganz verschlafen die Augen und gähnte herzhaft. Dann erst entdeckte sie ihren Vater.
„Papa! Warum bist du denn schon auf? Ich wollte doch heute den Tisch decken und dich überraschen! Ach Mensch! Warum hast du mich denn nicht geweckt?“
„Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht! Und ich hätte natürlich wirklich daran denken können, mein Mädchen! Aber ich konnte nicht mehr schlafen und habe uns auch schon frische Brötchen geholt. Aber ich habe ganz vergessen den Kaffee zu kochen, willst du das nicht übernehmen?“
Das musste ihr kein zweites mal gesagt werden! Mit der Routine einer geübten Hausfrau ging sie mit vor Eifer rot glühenden Wangen an die Arbeit.
Jetzt erst fiel dem Mädchen ein, dass da ja noch etwas ganz Besonderes war!
„Ich wollte doch die Erste sein die dir gratuliert, Papa!“ Und mit ganz enttäuschten Augen sah sie ihn an.
„Bist du doch auch, mein Schatz! Alle anderen schlafen noch.“ Dabei hob er sie hoch, sie schlang ihre Arme um Papas Hals und gab ihm einen richtig dicken Schmatzer.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papa. Und ich habe dir auch ein ganz tolles Geschenk gebastelt! So etwas hast du noch nie, nie, niemals bekommen!“
Sie riss sich los und rannte die Treppe hoch. Sekunden später kam sie schon wieder um die Ecke gesaust und hielt ihm strahlend ein in buntes Papier und mit einer großen roten Schleife versehenes Päckchen entgegen.
„Oh, das sieht aber gut aus! Da bin ich ja aber mal gewaltig gespannt, was du mir Schönes gebastelt hast!“ Vorsichtig, und natürlich auch ein bisschen umständlich, um die Spannung zu erhöhen, öffnete er die Schleife und löste den Tesafilm vom Papier, dann wickelte er sein Geschenk aus.
„Meine Güte, Vally! Das sieht aber schön aus! Das ist ja unsere ganze Familie! Das du so etwas schon basteln kannst beeindruckt mich ja gewaltig!“
„Hmhm, das hab ich auch ganz allein gemacht! Das bist du, das ist Mama, das ist Max und das bin ich! Ich hab gedacht das ist doch mal viel schöner als immer nur ein Foto, oder Papa? Gefällt dir das auch ganz bestimmt?“
Schmunzelnd betrachtete er die aus bunter Pappe gebastelten Figuren, die sie ausgeschnitten und auf einen großen blauen Bogen geklebt hatte. Anhand der gelben und beigen Wollfäden, die sie auf die Köpfe der Figuren geklebte hatte, war seine Familie natürlich auch ganz genau zu erkennen!
Er lächelte seine Tochter, die in ein paar Wochen neun wurde, liebevoll an!
„Das bekommt einen Ehrenplatz über meinem Schreibtisch unten im Büro. Aber erst morgen machen wir das an die Wand, heute müssen das erst einmal alle anderen bewundern können, okay?“ Damit war sie natürlich einverstanden.
Voller Stolz betrachtete er seine Tochter! An den Kindern merkte man immer wieder, wie schnell doch die Zeit verging, das war ihm ja heute in der Früh schon klar geworden. Max war jetzt schon 12 und ging seit 2 Jahren auf die Gesamtschule! Nicht mehr lange und sein Sohn würde konfirmiert werden! Der kirchliche Unterricht begann schon in ein paar Wochen. Es ging einfach alles viel zu schnell! War das früher auch schon so gewesen? „Nein, muss am Alter liegen“, dachte er! „Na ja, was solls! Da müssen wir ja nun mal alle durch“.
Oben klappte eine Tür, der Rest der Familie war also jetzt auch wach geworden. Wahrscheinlich war der Kaffeeduft nach oben gestiegen und hatte seine Frau geweckt. Amüsiert lauschte er dem Gespräch im oberen Stock.
„Max! Du liegst noch im Bett und liest? Wolltest du nicht mit Vally für Papa heute Frühstück machen?“
„Ach Mama, das hab ich total vergessen!“
Ja, wenn der Junge erst einmal ein Buch in der Hand hatte vergaß er die ganze Welt um sich. Aber Christian wusste nur zu gut von wem sein Sohn das hatte.
Katja stürmte im fliegenden Galopp die Treppe runter, aber anstatt zu Christian und Valerie in die Küche zu kommen lief sie die Treppe weiter runter in den Keller. Einen Moment später aber kam sie, eine Torte in den Händen balancierend, lachend auf ihn zu.
„Wenn ich schon verschlafe muss das Frühstück das wieder gut machen!“ Sie hob die Haube hoch und präsentierte strahlend seinen Lieblingskuchen, eine Philadelphia-Torte in Herzform!
„Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, Schatz! Du hättest mich aber auch ruhig wecken können anstatt dich aus dem Bett zu schleichen! Ich wollte dir den Kuchen heute Morgen eigentlich im Bett servieren!“
Und jetzt kam auch sein Sohn Max, mit einem etwas verlegenen Grinsen im Gesicht und mit einer Schachtel in der Hand, auf ihn zu.
„Schau mal, Papa, hab ich selbst gemacht!“ Und Papa staunte nicht schlecht! Origami machte seinem Sohn fast genauso viel Spaß wie zeichnen und lesen, und hier hatte er die Papierbögen vor dem Falten mit Grafiken verziert, die er mit Lineal und Zirkel vorgezeichnet und dann bunt ausgemalt hatte! Und eine Schachtel mit Deckel gebastelt. Und der Deckel passte sogar genau auf die Schachtel! Millimeterarbeit! Und in der Schachtel selbst lag auch noch ein großes Marzipanbrot. Oh ja, sein Junge wusste genau was seinem Papa manchmal etwas zu gut schmeckte! Hatte er sich doch gerade erst heute Morgen etwas ganz spezielles vorgenommen?
Und schon wieder lief Katja in den Keller!
„Was ist denn jetzt, Maus? Wollen wir nicht mal so langsam mit dem Frühstück anfangen? Hast du denn noch gar keinen Kaffeedurst?“, grinste Christian, als sie, beladen mit der Leiter, wieder in die Küche kam.
„Doch! Aber erst hab ich noch was anderes vor!“ Und schon hatte sie die Leiter an den Küchenschrank gestellt und stieg flink darauf nach oben!
