Die Elite - Anja Röthlisberger - E-Book

Die Elite E-Book

Anja Röthlisberger

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Beschreibung

"Jetzt ist es so weit. Die Entscheidung, der ich schon so lange entgegengefiebert habe, ist nur noch Sekunden entfernt. Innerlich flehe ich die Krone an. Es ist meine einzige Chance auf ein Leben jenseits des grünen Tals, jenseits der Armut." Im Königreich Okenia gehört es zur grössten Ehre der Elite anzugehören: Nur die Begabtesten werden jedes Jahr von einer magischen Krone auserwählt. Auf sie wartet ein Leben im Palast des Königs, voller Reichtum und Ruhm. Sie werden zu Gelehrten und Kriegerinnen ausgebildet und eine strahlende Zukunft liegt vor ihnen. Auch die fünfzehnjährige Esmeralda wünscht sich nichts sehnlicher, als auserlesen zu werden. So könnte sie ihre in Armut lebende Familie unterstützen und ihren Wissensdurst stillen. Als ihr Wunsch in Erfüllung geht, wird ihr Leben auf den Kopf gestellt. Sie gewöhnt sich schnell an das luxuriöse Leben im Palast und findet Verbündete, auf die sie sich verlassen kann. Doch in dieser heilen Welt stösst Esme auf Ungereimtheiten und ein Kampf um Gerechtigkeit an der Seite des Prinzen beginnt…

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Seitenzahl: 361

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Anja Röthlisberger

Die Elite

Die Auserlesenen der Krone

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

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17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

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28.

29.

30.

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32.

33.

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35.

36.

37.

38.

39.

40.

41.

42.

43.

44.

45.

46.

47.

48.

49.

50.

51.

52.

53.

Epilog

Über mich

Impressum neobooks

1.

Ich klettere schneller als Jasper, das ist mir längst klar. Auch an diesem Tag habe ich den Ast, an dem unser rotes Band befestigt ist, vor ihm erreicht. Sieg! Und das zum neunten Mal nacheinander. Zufrieden grinsend und ausser Atem lehne ich meinen Kopf gegen den Baumstamm und klammere mich an einem dünnen Ast fest.

«Das ist nicht fair, du bist viel leichter als ich. Wenn ich weniger schwer wäre, dann hätte ich bestimmt gewonnen. Es ist kein gerechter Wettkampf mehr», schimpft mein Bruder unter mir.

Ich blende seinen Protest aus und schaue nach unten. Der Wind zerzaust meine Haare und der Duft nach feuchtem Moos steigt mir in die Nase. So hoch oben ist der Wind viel stärker, er droht mich förmlich vom Baum zu reissen. Aber ich habe keine Angst, ich bin schon auf Bäume geklettert, als ich kaum laufen konnte. Höhenangst ist nicht etwas, mit dem die Callas-Kinder aufgewachsen sind, besonders ich nicht. Hier fühle ich mich fast sicherer als auf dem Boden. Wenn ich Ruhe vom Trubel meiner Familie brauche, dann kann ich mich immer in die Wipfel der Tannen zurückziehen.

«Kommt alle her, Abendessen!», schreit meine Schwester Olivia durch den Wald. Zwischen den Baumstämmen kann ich nur ihren Haarschopf erkennen, dunkel und lockig wie meine eigenen Haare.

Ich klettere hinunter, überhole dabei Jasper zum zweiten Mal und renne hinter ihr her, bis unser kleines Holzhäuschen in Sicht kommt, dass zwischen den Baumstämmen gut getarnt ist. Jasper überholt mich und streckt mir die Zunge heraus, worauf ich mein Tempo erhöhe. Trotzdem hole ich ihn nicht mehr ein.

Am Tisch sitzen schon alle versammelt. Wir sind eine sehr grosse Familie. Mutter, Vater und elf Kinder. Henry, der Älteste, vierundzwanzig Jahre alt, ernst wie immer, seinem Gesichtsausdruck nach scheint er eingehend über etwas nachzudenken. Neben ihm sitzt Helena, die Zweitälteste, mit einer Wiesenblume im Haar, wie immer gütig lächelnd und meine kleinste Schwester Svea, kaum zwei Jahre alt, auf ihrem Schoss. Olivia sitzt neben ihrem Zwillingsbruder Laith, welcher nervös mit den Füssen wippt und von Rachels Teller mitisst. Die stört das nicht gross. Der kleine Flynn plappert leise vor sich hin und muss von Mutter zum Essen bewegt werden. Ein kleiner Träumer, wie Mutter zu sagen pflegt. Genau wie ich es war. Ich nehme mir einen Teller und setze mich zwischen Jasper und Darius. Meine Geschwister rufen durcheinander, zanken sich und lachen. So geht es immer zu und her an unserem Tisch. Bei so vielen Geschwistern ist es logisch, dass wir uns nicht alle ähnlichsehen. Wenn man zum Beispiel Henry, mit seinen hellbraunen Haaren, und die Zwillinge, mit der dunklen Haut unserer Mutter, nebeneinander sieht, dann würde man nie vermuten, dass sie verwandt sein können.

«Esme, hörst du mir zu?», fragt Mutter.

Ich werde aus meinen Tagträumen gerissen.

«Was ist denn, Mutter? Ja, ich habe zugehört», nuschle ich.

Seufzend streicht sie sich eine graue Strähne aus dem Gesicht. «Immer am Träumen, dieses Kind! Morgen ist der grosse Tag für dich. Zieh dein Kleid nochmal an, deine Geschwister haben dich noch gar nicht darin gesehen. Passen denn die Schuhe überhaupt dazu? Ach ja, ich habe noch eine kleine Überraschung für dich», redet sie auf mich ein und zieht mich hinter sich her in den Schuppen.

An einer Kleiderstange an der Wand, an der sich normalerweise nur Kleider befinden, die wir im Laden verkaufen, hängt ein dunkelblaues Kleid und darunter stehen die silbernen zierlichen Schuhe.

«Oh, wie gut es zu deinen Augen passt! Du wirst morgen wunderschön aussehen. Wer weiss, vielleicht wirst du auserlesen. Es wäre eine Ehre für die Familie», schwärmt Mutter und zieht eine filigrane Kette aus ihrer Rocktasche.

Unbehaglich schaue ich auf meine Schuhe. Ich weiss, es wäre gut für die Familie auserlesen zu werden. Natürlich erwarten sie das nicht von mir, es ist viel zu unwahrscheinlich. Trotzdem sehe ich den Hoffnungsschimmer in Mutters Augen. Ich muss auserlesen werden, es würde alles so viel einfacher machen.

Seufzend legt sie mir die Silberkette um den Hals. In der Mitte ist ein kleines Reh aus Silber angebracht. Der Anhänger fühlt sich kühl auf meiner Haut an.

«Oh… Das wäre doch nicht nötig gewesen. Danke, Mutter», murmle ich leise und gebe ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Wir haben schon so zu wenig Geld, dann sollte sie es nicht noch für Schmuck ausgeben.

«Es sieht wunderschön an dir aus, Schatz», flüstert Mutter. Auf einmal schimmern Tränen in ihren Augen und sie haucht gerührt: «Nun ist ein weiteres Kind so weit. Ach Esmeralda, mein Mädchen. Wenn es jemand verdient hat, auserlesen zu werden, dann bist es du. So klug, immer so geduldig mit allen.» Ein verlegenes Lächeln huscht über mein Gesicht und ich mache mich daran, das Kleid anzuziehen, damit ich nichts antworten muss.

Dann führt mich Mutter am Arm nach draussen, wo ich von meinen Geschwistern bewundert werde. «Wunderschön siehst du aus», meint Helena lächelnd und betrachtet mich mit einem gewissen Stolz. «Wie eine Königin aus einem fernen Land», stimmt Olivia zu und streicht behutsam über den dunkelblauen Stoff.

Ich mag es nicht im Mittelpunkt zu stehen und bringe mein Kleid wieder zurück in den Schuppen. In meinem einfachen Kleid aus braunem, rauem Stoff fühle ich mich wieder wie ich selbst. Klar, ich liebe das schöne Kleid, aber ich habe ein bisschen Angst, es schmutzig zu machen. Nach dem Tag der Elite müssen wir es wieder verkaufen, da sollte es noch in gutem Zustand sein.

In der Nacht liege ich auf meiner Matratze zwischen Olivia und Selene eingequetscht. Während sie sorglos schlafen, betrachte ich die Silhouetten meiner Familie im Mondschein. Es ist seltsam, dass ich sie morgen verlassen werde, wenn auch nur für einen Tag. Manchmal kommt es mir vor als wären wir keine eigenständigen Personen, sondern bloss Organe eines riesigen Wesens. Jeder erfüllt seine Funktion, wir sind alle voneinander abhängig. Keinen Tag meines Lebens musste ich allein verbringen, auch wenn ich es mir manchmal gewünscht hätte. Jeden Tag schlief ich am Abend hier ein, eingequetscht zwischen meinen Schwestern.

Der Wind fegt ums Haus und ich höre die Bretter knarren.

Eigentlich weiss ich ganz genau was mir bevorsteht. Ich werde mit den anderen Kindern in meinem Jahrgang in die Hauptstadt fahren. Dort wird die Auslese durgeführt. Jasper hat mir erzählt, dass man in einen kleinen Raum geführt wird, in dem man die Krone aufgesetzt bekommt. Wenn der Diamant, der darin eingelassen ist, zu leuchten beginnt, dann ist man dazu bestimmt zur Elite zu gehören. In jedem Jahrgang werden nur acht Schüler ausgewählt. Nie mehr, nie weniger. Unruhig schlinge ich die dünne Decke enger um mich. Auf einmal bin ich nicht mehr müde.

Könnte ich zur Elite gehören? Ich habe erst zweimal erlebt, dass jemand aus unserem Gebiet in die Elite aufgenommen wurde. Wird wohl jemand auserlesen, den ich kenne? Was würde ich machen, wenn es ich wäre?Natürlich kann es sein, es kann immer sein.

Mein Leben würde sich verändern, ich müsste jetzt noch keinen Beruf erlernen, sondern könnte noch eine Weile ein Kind sein und weiter zur Schule gehen. Das Leben wäre wie ein Traum für mich. Die Elite ist der einzige Ort, an dem die Abenteuer, von denen ich heimlich vor dem Einschlafen träume, wahr werden könnten. Ich würde neue Dinge lernen, wie zum Beispiel Schwertkampf oder Reiten. Auch Wissen über Politik und Naturkunde würde ich mir aneignen können. Themen, mit denen wir uns in der Dorfschule nur oberflächlich befassen. Auch finanziell wäre meine Zukunft gesichert, die Elite erhält einen Lohn, der meinen Eltern das Leben so viel einfacher machen würde. Mein Herz schmerzt, wenn ich daran denke. Die Elite ist so nah wie nie zuvor, aber trotzdem noch so unendlich fern. Noch nie habe ich etwas so sehr gewollt, auf der einen Seite für meine Familie, aber auch für mich selbst. Wenn ich daran denke, wie unwahrscheinlich das alles ist, beinahe unerreichbar, zerreisst es mir fast das Herz. Es ist nicht realistisch, ganz und gar nicht, und ich verlasse mich normalerweise lieber auf die Dinge, die ich beeinflussen kann. Und trotzdem male ich mir mein Leben in der Elite aus, bis ich einschlafe.

2.

«Esme? Esmeralda! Wach auf!», weckt mich Olivias Stimme.

Ich klettere die schmale Leiter hinab, die von unserem Schlafzimmer in die Küche führt und setze mich an den Küchentisch. Schon jetzt geht es hektisch zu und her. Helena drückt mir wortlos ein Stück Brot in die Hand und beginnt mir einen Zopf einzuflechten. Gleichzeitig knöpft mir Mutter das Kleid zu. Ich schlüpfe behutsam in die Schuhe und atme dann tief durch. Das Kleid fühlt sich immer noch fremd an, aber heute bin ich aufgeregt, es meinen Freunden zu zeigen. Es ist das schönste Kleid, das ich je getragen habe. Mutter küsst mich auf den Kopf und legt mir die Kette mit dem Reh um.

«Rachel, steh nicht herum! Geh und hole die silberne Haarspange von meiner Kommode», scheucht sie meine Schwester umher und steckt mir dann stolz die Haarspange, in die ein kleiner Diamant eingearbeitet ist, in die Haare. «Der Diamant soll dir Glück bringen. Du siehst hinreissend aus, Liebes», haucht sie und überreicht mir meine Tasche mit dem Reiseproviant. Dann drückt sie mir feierlich einen kleinen Spiegel in die andere Hand.

Ich betrachte mein Spiegelbild. Natürlich bin da ich im Spiegel, die dunkelblauen Augen, die einzelnen Sommersprossen auf der Nase, das bronzefarbene, langgezogene Gesicht. Gleichzeitig sehe ich aber auch fremd aus, meine Augen werden durch das Kleid mehr zur Geltung gebracht und die widerspenstigen Haare sind im Zopf gezähmt. So herausgeputzt war ich noch nie und werde es auch nie mehr sein. Es sei denn, ich werde auserwählt. Schon nur beim Gedanken daran klopft mein Herz ein bisschen schneller und ich fühle die Sehnsucht, die in letzter Zeit mit jedem Tag gewachsen ist.

«Wir werden auf dem Dorfplatz auf die Verkündung warten. Ich bin schon ganz aufgeregt. Was, wenn es jemand schafft, den ich kenne?», ruft Darius und wippt auf seinen Füssen hin und her.

Vater tritt in die Küche. «Esmeralda, lass dich ansehen. Ich bin so stolz auf dich, meine Tochter.»

Der Reihe nach umarme ich meine Geschwister, die mein Kleid bewundern und meine Eltern, die mich voller Zuneigung betrachten.

Dann mache ich mich auf den Weg und beeile mich, da ich schon ein wenig spät dran bin. Über die Abkürzung durch den Wald schaffe ich den Weg in zwanzig Minuten. Auf dem Dorfplatz stehen schon meine Klassenkameraden. Die Nervosität in der Luft ist beinahe greifbar.

«Ach, ich bin sowas von aufgeregt. Schau mal die schöne Brosche, die mir meine Tante geschenkt hat, an. Denkt ihr, ich werde auserlesen? Ich würde es lieben, wie eine Prinzessin zu leben», plappert Dalie, ein zierliches Mädchen, die ihre Augen mit jedem Wort weiter aufreisst. Sie ist so eingepudert, dass ihre Haut fast weiss wirkt.

Beim Gedanken an Dalie in der Elite, muss ich mir grosse Mühe geben nicht die Augen zu verdrehen. Mit ihrer affektierten Art würde sie dort bestimmt nicht hinpassen.In der Schule passt sie nie auf, aber der Lehrer sagt nichts, weil sie die Tochter des Bürgermeisters ist. Ich mag sie nicht, weil sie sich über meine Freunde und mich lustig macht.

Unauffällig schlängle ich mich durch die Menge und stelle mich zu Eloise und Clark, meinen beiden besten Freunden. Eloise trägt ein gelbes Kleid, das sehr weit und voluminös geschnitten ist. Der Stoff scheint um sie herum zu schweben. Neben Clark sieht sie aus wie ein fröhlicher Paradiesvogel, mit ihren geröteten Lippen und den rotblonden, zu einer Hochsteckfrisur hochgetürmten Haaren.

Clark sieht sogar heute etwas schmuddelig aus. Seine Hosen sind zerknittert und auch das Hemd hat schon einige Flecken, aber auf seinem Gesicht sind ausnahmsweise keine Russflecken zu sehen. Er hebt die Hand zum Gruss und als sich unsere Blicke treffen, fühle ich mich sogleich weniger nervös. Seinen Mund umspielt ein unterdrücktes Lächeln.

«Nicht schlecht, Esme. Wenigstens sieht dein Kleid nicht aus, als wäre es gerade explodiert», bemerkt er.

Eloise schaut ihn böse an. «Willst du wohl, nur heute einmal, die Klappe halten! Du siehst auch nicht gerade bezaubernd aus, mein Lieber», giftet sie und beginnt dann wieder zu strahlen. «Esme, mein Liebling. Ach, wie wunderschön du aussiehst. Noch schöner als sonst, Herzchen. Da kann die Krone doch nur leuchten!», meint sie überschwänglich und küsst mich auf die Wange. Eloise zupft an ihrem Kleid herum. «Aber sieht das Kleid wirklich seltsam aus? Ich will nicht wie der grösste Trottel in der Hauptstadt erscheinen», zweifelt sie und Clark schüttelt den Kopf.

« Ich habe doch bloss Spass gemacht. Du bist wunderschön und das weisst du», entgegnet er und legt einen Arm um sie.

«Clark, genau das ist der Grund, weshalb ich dich früher oder später heiraten werde», seufzt Eloise.

Grinsend schüttle ich den Kopf. «Oh, ihr zwei… Ich werde euch vermissen, falls jemand von uns auserlesen wird», murmle ich und grinse schief.

«Wir dich doch auch, Esme. Obwohl, ob ich Eloise und ihr Gemecker vermissen werde… Ich weiss ja nicht…», fügt Clark an.

«Ruhe jetzt, du Trottel», schimpft diese und schlägt ihm gegen den Arm.

Der Lehrer unserer Jahrgangsstufe, ein älterer Mann mit Brille, die ihm immer von der Nase zu rutschen droht, räuspert sich und sagt mit kratziger Stimme: «Meine lieben Schüler der Dorfschule von Beriel. Wie ihr alle wisst, fahren wir heute in die Hauptstadt. Die Kutschen stehen hinter der Schule bereit. Macht nichts schmutzig, es sind die Kutschen des Königs. Klar, die Chancen, in die Elite aufgenommen zu werden sind sehr gering, aber geniesst einfach die Hauptstadt mit ihrer beeindruckenden Architektur und euer letzter Schultag. Die Reise dauert etwa fünf Stunden, dann erreichen wir den Palast. Ich wünsche euch einen unvergesslichen Tag heute.»

Fröhlich plaudernd begibt sich die Klasse in den Hinterhof der kleinen Schule, wo schon vier kleine, silberne und mit Verzierungen geschmückte Kutschen auf uns warten.

«Schau dir nur die Pferde an! Von solchen eleganten Tieren kann ich nur träumen!», haucht Clark. Seine schwarzen Lockenfallen ihm wie immer unordentlich über die Augen.

Eloise schmunzelt und verspricht: «Sollte ich in die Elite aufgenommen werden, dann werde ich dir eins schenken.»

Zu dritt belegen wir eine Kutsche. Die Sitzbänke sind mit rotem Samt überzogen und man versinkt förmlich im Polster. Eloise seufzt und schaut aufgeregt glucksend aus dem kleinen Fenster. Ich setze mich ihr gegenüber hin.

«Meint ihr, ich könnte auf dem Kutschbock mitfahren? Dann könnte ich diese wunderschönen Tiere noch länger bewundern», schwärmt Clark.

Eloise schüttelt den Kopf. «Bleib bei uns, sonst machst du dir noch dein Hemd schmutzig», befiehlt sie und zieht ihn neben sich.

3.

Die Kutsche setzt sich in Bewegung und ich höre die Schüler in den anderen Kutschen laut johlen. Eloise stimmt mit ein, während ich und Clark einander nur angrinsen. Auf diesen Tag haben wir alle lang gewartet. Es ist das erste Mal, dass wir das grüne Tal verlassen. Schon nur deshalb bin ich aufgeregt.

«Wir fahren! Könnt ihr das glauben? Wir fahren nach Lagunoa. Ich wollte schon immer mal die weissen Marmortürme des Schlosses sehen», meine ich und löse meinen Blick nicht von der vorbeiziehenden Landschaft.

Clark schüttelt den Kopf und lacht. «Wir, die Hinterwäldler! In der grossen Hauptstadt! Denkt ihr, jemand von unserer Klasse wird auserlesen?», will er wissen.

Eloise legt den Kopf auf seine Schulter und kuschelt sich an ihn. «Ich weiss ja nicht. Die Wäscherinnen sagen, Ronja oder Tarik vielleicht. Ich denke, Ronja eher nicht. Tarik ist ein kluger Junge, wer weiss. Aber ich mag ihn nicht besonders. Seine Intelligenz ist ihm zu Kopf gestiegen. Die Wäscherinnen munkeln, er habe eine Geliebte. Könnt ihr das glauben? Angeblich soll sie schon neunzehn Jahre alt sein. Das ist viel zu alt für ihn, das ist doch nicht in Ordnung!»

Clark und ich wechseln einen vielsagenden Blick und prusten dann los. Beleidigt verschränkt sie die Arme und schmollt. Eloise verbringt zu viel Zeit mit ihrer grossen Schwester und ihrer Mutter, beide Wäscherinnen. Die zerreissen sich die ganze Zeit das Maul über alle, besonders jetzt, zur Zeit der Auslese. Das ganze Dorf fragt sich, wer wohl auserlesen werden könnte.

«Eloise, du glaubst doch nicht ernsthaft den Waschweibern. Lass Tarik doch in Frieden. Ausserdem, was regst du dich denn auf. Über uns gehen auch Gerüchte um», eröffnet er ihr und küsst ihre Schläfe.

Sie schüttelt den Kopf, errötet und lässt sich tief ins Polster fallen. «Wenn meine Mutter erfährt, dass sie wahr sind, dann bringt sie mich um. Ein solcher Junge ist kein guter Umgang für dich, sagt sie immer. Ein Hirte, ohne Geld, ohne Ansehen. Du hättest dir bessere Freunde aussuchen sollen. Aber ich will keine anderen Freunde», äfft sie ihre Mutter nach.

Das kleine Dorf, der Hauptort unseres Tales mit vielen Bauerhöfen und Hütten, zieht an uns vorbei. Er gibt im grünen Tal noch weitere Dörfer mit Schulen, von denen heute Schüler kommen werden, aber die sind noch kleiner. Niemand hier ist wirklich reich, nicht mal der Bürgermeister. Weiter hinten kann ich schneebedeckte Berge erkennen, davor der Nadelwald. Meine Heimat. In diesem Moment wünsche ich mir, dass ich so bald nicht mehr zurückkehren werde.

Ab dem Tag der Elite geht man nicht mehr zur Schule. Alle meine Geschwister, die den Tag schon hinter sich haben, arbeiten in unserem kleinen Laden oder im Dorf. Rachel ging für ein Jahr oder zwei fort, sie erlernte das Handwerk des Webens in der Stadt des Baches. Die meisten Kinder treten aber einfach in die Fussstapfen ihrer Eltern.

Aufgeregt rutsche ich auf meinem Sitz herum. Wenn wir doch schon in der Hauptstadt wären!

«Das Feld der 1000 Seelen. Da würde ich gerne wohnen. Schaut nur, dahinten! Die Stadt der Seelen», ruft Eloise aufgeregt und deutet aus dem Fenster. Es ist eine grosse, lebendige Stadt, die sogar aus weiter Ferne noch riesig wirkt, anders als alles was wir kennen. Nun sind wir schon weit weg von zuhause, weiter als je zuvor.

«Wenn wir älter sind, Eli, dann werden wir hierherziehen. Ich kaufe uns ein kleines Häuschen und ein Feld, auf dem wir Pferde halten können. Du könntest deine schönen Zeichnungen verkaufen», verkündet Clark und lächelt sie so versonnen an, dass ich mir etwas fehl am Platz vorkomme.

Sie nickt bekräftigend. «Aber Esme sollte auch mitkommen. Sie kann im Haus neben uns wohnen. Wir werden fliederfarbene Vorhänge haben und einen riesigen Ofen im Wohnzimmer, den ich bunt bemalen werde, wäre das in Ordnung?», erkundigt sie sich kichernd.

Clark nickt und schaut weiter gebannt aus dem Fenster. Wir beginnen unser Essen auszupacken und miteinander zu teilen. Ich habe Kuchen dabei, den mein Vater für mich gebacken hat. Solchen Kuchen verkauft er sonst nur. Eloise hat Bonbons von ihrer Mutter bekommen, die in der Stadt des weissen Riesens sehr beliebt sind. Sie schmecken klebrig und süss und machen mich durstig, aber trotzdem essen wir alle tonnenweise davon. Clark hat, wie immer eigentlich, nur zwei Scheiben Brot dabei und zur Feier des Tages ein wenig Fleisch und ein grosses Stück Käse dazu.

Die Zeit vergeht, mal schneller und mal langsamer. Wir essen, lachen und lesen uns gegenseitig aus dem Buch vor, das Eloises Mutter ihr eingepackt hat. Es ist eine Geschichte von Abenteuern und übermenschlichen Wesen, von Freundschaft und Liebe. Wenn ich in einem Buch leben könnte, dann in einem solchen, in dem die Welt so viel aufregender erscheint als meine Eigene.

Nach weiteren Stunden ist Eloise an Clarks Schulter eingeschlafen und auch Clark scheint zu dösen. Ich bin nicht wirklich müde, also schaue ich weiter aus dem Fenster, um ja keine Sekunde der Reise zu verpassen. Vor uns ragen die dunklen Berge auf. Unwillkürlich ziehe ich die Schultern hoch und schaudere. So dunkel sind die Berge ja gar nicht, sie schüchtern mich dennoch ein. Ich kann es gar nicht genau einordnen, etwas scheint dort zu lauern, etwas Unheimliches. Wahrscheinlich sind es nur die alten Märchen, aber trotzdem werde ich das Gefühl nicht los. Um mich abzulenken, blättere ich durch Eloises Buch und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht.

«Schaut nur! Der See und dann ganz weit hinten, das ist die Hauptstadt. Seht euch die Türme des Schlosses an!», wispert Eloise ehrfürchtig.

Vor uns breiten sich die glitzernden Seen aus, in silbrigen und blauen Farben funkelnd, schöner als in allen Geschichten. Gierig sauge ich die Schönheit in mir auf. Wahrscheinlich werde ich all diese zauberhaften Orte nie mehr wiedersehen.

Der König ist anders als der weise König aus den Legenden. Okenia ist ein dekadentes Land geworden, der König trägt noch den Namen seines Vorfahren, regiert aber nicht mehr nach dessen Werten. Durgos Okenia, so wird er gerufen. Den Namen Durgos hat er erst am Tag seiner Krönung ausgewählt. Der Thronfolger trägt keinen Namen bis er den Thron besteigt. Das gemeine Volk, wie wir, kommt nicht mehr in Genuss des Reichtums und des Wohlstands des Königreichs.

Darum ist es auch eine besonders grosse Ehre in die Elite zu gelangen. Mit jedem Jahr wird es wichtiger. Wenn sie könnten, würden gewisse Eltern ihre Seele verkaufen, um ihr Kind in der Elite zu sehen.

«Kneift mich! Schaut nur, diese Stadt!», ruft Clark.

Hinter den Seen sieht man tatsächlich die Hauptstadt am Horizont aufragen. Im Zentrum erkennt man schon den Hügel des Königs, auf dem zuoberst der Palast steht. Die weissen, hohen Türme reflektieren die Sonne, dadurch scheint der ganze Palast zu leuchten. Um den Hügel sind die Häuser dicht ineinander verschachtelt, auch sie sind alle aus hellem Stein. Die Stadt strahlt Macht aus, scheint aber trotzdem jeden aufzunehmen, ob kleine Hirten, wie Clark, oder mächtige Könige und Edelmänner.

«Grossmutter hat mir erzählt, als sie ein junges Mädchen war, da reiste sie oft in die Hauptstadt. Der letzte Okenia war anders. Er war ein gerechter König», erzählt Eloise seufzend.

Gebannt sehen wir uns alle die Stadt an, die in der Mittagssonne leuchtet. Niemand von uns wagt es, die Stille zu brechen. Eloise nimmt Clarks Hand und hält sie fest, während sie ihren Blick nicht von der Stadt löst. Dann legt sie ihre andere Hand auf meine. Zu dritt sitzen wir da und spüren den magischen Zauber der Stadt.

«Lagunoa», seufze ich, spreche das Wort aus wie ein Zauberwort. Das ist es auch in diesem Moment, ein Zauberwort für ein besseres Leben. Noch ist ein Funken Hoffnung in mir, den ich noch nicht aufgebe.

4.

Je näher wir der Stadt kommen, desto deutlicher spüren wir ihre unangefochtene Autorität. Generationen von Königen haben hier regiert, aber neben der Stadt wirken selbst sie unbedeutend. Ein König und eine Königin können noch so mächtig sein, Lagunoa wird sie alle überdauern. Nun kann man den Palast schon genau sehen. Die Flagge von Okenia weht von allen Türmen, ein silberner Diamant auf dunkelrotem Untergrund.

Nur wenige Zeit später stehen wir vor dem Stadttor aus purem Silber. Ein Wachmann in den Farben des Königs schaut kurz in unsere Kutsche. Er nickt uns zu und zückt eine Feder.

«Willkommen in der Stadt des Königs, Kinder. Viel Spass bei der Auslese», wünscht er. Er wirkt sympathisch mit seinem dichten, braunen Bart.

«Danke, Herr der Wache des Königs. Ich wünsche Euch ebenfalls einen schönen Tag», antwortet Clark. Eloise steht auf und macht einen halbwegs eleganten Knicks in seine Richtung. Ich lächle einfach nur freundlich.

«Was für nette junge Leute ihr seid! Vielleicht sehen wir uns ja wieder, ich bin Wachmann der Elite. Wie heisst ihr, Kinder?», will er wissen und rollt eine Pergamentrolle aus.

«Ich bin Eloise Lyr, das hier sind Clark Nowar und Esmeralda Callas, und Ihr?», plappert Eloise eifrig.

Der Mann tippt sich grinsend gegen den Helm und antwortet breitwillig: «Ich bin Mo, junge Dame.» Mo unterstreicht unsere Namen auf dem Pergament und bedeutet dem Kutscher weiterzufahren.

Wir winken ihm nach, als wir durch die Strassen zum Palast fahren. Leute laufen unseren Kutschen nach, versuchen einen Blick auf uns zu erhaschen und tuscheln verstohlen.

«Sie wollen wissen, wer dieses Mal ein Auserlesener werden könnte», vermutet Eloise und späht hinaus. Ich fühle mich unwohl unter den vielen Blicken und bin sehr froh übe die Vorhänge, die wir nun gezogen haben.

Bald schon haben wir den Palast erreicht und steigen aus der Kutsche. Wir befinden uns nun auf einem grossen Hof, umringt von den zwei Schlossteilen. Die zwei höchsten Türme werden durch einen dünnen Gang verbunden, der einen Streifen Schatten auf den Hof wirft.

Ein Mann mit einer langen Pergamentrolle, gleich gekleidet wie Mo, steht am Eingang des Turms der Elite und ruft nacheinander Leute auf. Auf dem ganzen Platz verteilt befinden sich bestimmt vierhundert Leute, alle in unserem Alter. So elegant wie wir uns heute Morgen noch gefühlt haben, gegen die Kinder der reichen Handelshäuser vom Feld der 1000 Seelen und die grazilen Menschen der Glitzerseen sehen wir aus wie kleine Kinder, die sich in den Kleidern ihrer Eltern verkleidet haben.

Unser Lehrer räuspert sich und verkündet: «Schüler von Beriel! Die Auslese ist bereits in vollem Gange. Der Wachmann dort wird nun alle aufrufen, wartet auf euren Namen und entspannt euch ein bisschen. Schaut euch diese wunderbare Stadt an!»

Aufgeregt piekst mich Eloise in die Seite. «Was wenn tatsächlich ich auserlesen werde? Oder du? Du warst immer eine der Schlausten unseres Jahrgangs», meint sie und klatscht in die Hände.

Dalie lässt ihren Blick über uns gleiten, rümpft die Nase und entgegnet dann höhnisch: «Du, Eloise? Ach komm, niemand will ein Waschweib in der Elite. Und ausserdem bist du nicht klug genug. Schau dich doch an, wie plump und widerlich du aussiehst. Und Esmeralda, das Mädchen aus dem kleinen Häuschen im Wald? Das muss wohl ein Witz sein. Die Esmeralda, die ich meine, ist komisch und abgehoben von dieser Welt, sie starrt nur Löcher in die Luft und ist zu nichts nutze. Ich weiss gar nicht, ob sie überhaupt sprechen kann.»

Ich schenke Dalie die Aufmerksamkeit, die sie sucht, nicht. Ihre Beleidigungen treffen mich kaum, vor allem jetzt auf dem Hof des Palastes habe ich anderes zu tun.

Clark ballt die Faust und richtet sich drohend vor Dalie auf.

«Sag noch ein schlechtes Wort über die beiden und du wirst es bereuen! Eloise ist nicht widerlich, sie ist gutherzig, etwas das du nie sein wirst. Und Esme ist alles andere als zu nichts nutze, du weisst genau wie schlau und einfallsreich sie ist», verteidigt er uns und legt seine Hand auf Eloises Schulter.

«Lass es, beachte sie nicht. Lass uns die Stadt geniessen. Heute ist der Tag der Elite, ein Tag, auf den wir alle lange gewartet haben. Kannst du ihn nicht einfach geniessen und uns in Ruhe lassen. Dein kindisches Getue ist hier wirklich fehl am Platz. Ein Anfang wäre es ja, wenn du einfach den Mund halten würdest», fordert Eloise sie auf, die Arme in die Seite gestützt. Normalerweise traut sich sie sich nicht etwas gegen Dalie zu sagen, aber nun funkeln ihre Augen wütend.

Dalie verschränkt die Arme und lächelt provokativ. Sie will etwas erwidern, doch in dem Augenblick wird Tarik als Erster unserer Gruppe ausgerufen und wir alle halten inne. Eine allgemeine Nervosität macht sich breit.

«Ich weiss nicht, was ich tun soll. Falls jemand von uns auserwählt würde, meine ich. Ich… ich bin es wahrscheinlich nicht. Ich bin nicht genial genug, ich weiss. Natürlich würde ich mich freuen für euch, aber ich würde euch auch schrecklich vermissen. Egal was passiert, sehen wir uns heute beim Fest der Elite? Treffen wir uns vor dieser Eiche hier, man kann sie von überall her sehen», schlägt Eloise vor.

«Clark Nowar», schallt der nächste Name über den Platz. So kräftig wie möglich drückt Eloise diesen an sich und küsst ihn auf die Wange. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Stirn zu küssen.

«Viel Glück, Bruder meines Herzens», flüstere ich. Er lächelt mich an und drückt meine Hand. «Ich liebe dich, auch wenn ich das nicht sollte», haucht Eloise und wischt sich eine einzelne Träne weg. Es fühlt sich zu sehr an wie ein Abschied.

In wenigen Stunden werden wir wohl alle drei wieder in der Kutsche sitzen und von der sagenhaften Stadt träumen. Dabei würde ich unendlich gerne hierbleiben. Jetzt nach dem ich die Stadt gesehen habe, wird es mir fast das Herz brechen, wieder wegzugehen. Aber ich sollte realistisch bleiben.

Clark läuft langsam durch das Tor und verschwindet aus unserer Sichtweite. Nun halte ich Eloises Hand, die allmählich ein bisschen verschwitzt ist und wir sehen zu wie die anderen Schüler langsam durch die Türe verschwinden.

«Eloise Lyr», ist das nächste, was ich bewusst höre. Die anderen Namen nehme ich kaum auf, es sind so viele. Clark haben wir noch nicht wiedergesehen, was wenn er wirklich auserlesen wurde?

«Dann los, Eloise. Komm schon, Liebling. Wir sehen uns», muntere ich sie auf und lege einen Arm um sie.

Dann stehe ich allein da. Nicht wirklich, es sind Hunderte von Leuten um mich herum, aber trotzdem fühle ich mich seltsam einsam. Gruppen von Schülern tratschen und lachen, einige weinen, wohl weil sie nicht auserlesen wurden. Der Platz ist ein Meer aus Farben von eleganten Kleidern und ich fühle mich darin verloren. Es ist spannend, sie alle zu beobachten, aber ich fühle mich nicht wie eine von ihnen.

«Esmeralda Callas», ruft er dann endlich und ich haste, ohne mich nochmal umzudrehen auf das Tor zu.

5.

Dahinter führt mich eine steile Wendeltreppe in einen Gang mit Fenstern, durch die ich die ganze Stadt von oben sehen kann. Eine hölzerne Tür öffnet sich vor mir und ich betrete den Raum der Auslese. Er ist schlichter als ich erwartet habe, es hängen nur einige Wandteppiche mit dem Diamanten von Okenia an der Wand. Ansonsten ist der Raum fast leer. Ein Stuhl mit dunkelrotem Polster steht auf einem Podest, davor die Krone. Ein weiterer Wachmann steht hier, neben ihm kniet ein Junge, wohl etwa in meinem Alter.

«Setzt Euch bitte. Ich, Prinz von Okenia, werde Euch nun die Krone aufsetzen», gibt er bekannt.

Natürlich, der Prinz. Sein Gemälde hängt in jedem Rathaus, aber real sieht er anders aus. Er wirkt feierlich, aber auch ein wenig abgekämpft. Vermutlich musste er schon den ganzen Tag hier sein. Seine grauen Augen mustern mich forschend. Auf seinen Lippen liegt ein Lächeln, von dem ich nicht sagen kann, ob es echt oder erzwungen ist. Auf jeden Fall wirkt er freundlich und nahbarer als ich es bei einem Prinzen erwartet hätte.

Nervös nehme ich Platz auf dem Polsterstuhl.

Jetzt ist es so weit. Die Entscheidung, der ich schon so lange entgegengefiebert habe, ist nur noch Sekunden entfernt. Innerlich flehe ich die Krone an. Es ist meine einzige Chance auf ein Leben jenseits des grünen Tals, jenseits der Armut. Mein Atem stockt und ich bemühe mich, möglichst ruhig zu wirken.

Der Prinz setzt mir behutsam die Krone auf die Flechtfrisur, die sich auf der Fahrt etwas gelöst hat und ich schliesse angespannt die Augen.

Die Krone fühlt sich angenehm leicht auf meinem Kopf an. Irgendeine Reaktion würde ich wohl spüren, wenn ich tatsächlich auserlesen wäre. Aber nichts. Gerade als ich die Augen öffne, um die Krone abzunehmen, da merke ich es. Die Leichtigkeit ist kein Zufall.

Das silberne Licht, klar leuchtend, stammt vom Diamanten in der Krone. Meine Augen weiten sich. Das Urteil der Krone ist klar: Auserlesen. Ich, Esmeralda Callas, Tochter eines einfachen Krämerpaars aus dem grünen Tal. Sosehr ich es mir vorher noch gewünscht habe, ich verspüre in dem Moment keine Freude. Ich realisiere es noch gar nicht, wie sich mein Leben gerade für immer verändert hat.

«Ich gratuliere Euch, Auserlesene. Ein Bote wird umgehend zu Eurer Familie geschickt. Bitte nehmt nun diese Treppe, um in den Saal der Elite zu gelangen», erklärt der Prinz, während er mir die Krone abnimmt und mich anlächelt.

Ich lächle zurück, knickse und gehe wie im Traum die Treppe hinunter. «Wartet! Ihr habt etwas vergessen!», höre ich den Prinzen hinter mir rufen. Seine Schritte hallen auf der Steintreppe wider, dann holt er mich ein. «Eure Haarspange. Gute Wahl übrigens. Ein Diamant ist angesichts der Umstände wohl ziemlich passend», stellt er fest und grinst als er mir die Spange überreicht. Dieses Mal sieht es weniger erzwungen an.

Ich bedanke mich höflich und knickse erneut. Dann gehe ich weiter die Treppe hinab und finde mich in einer Halle wieder. Sechs Leute stehen schon da und reden aufgeregt aufeinander ein. Sie müssen die anderen Auserlesenen sein. Als ich den Raum betrete, wird es still.

«Da ist ja schon die Nächste. Stell dich vor, Mädchen!», fordert ein hochgewachsener Junge. Das Erste, was mir an ihm auffällt ist seine aufrechte Haltung und seine scharfen Gesichtszüge, die mich an eine Statue erinnern. Er sieht aus, als wäre er oft draussen, mit den sonnengebleichten Haaren und dem sportlichen Körperbau.

«Ich bin Esmeralda Callas aus dem grünen Tal», antworte ich mit fester Stimme. Seine Anwesenheit schüchtert mich ein, auch wenn ich das niemals zugeben würde. Ich kann doch vor der Elite nicht schwach wirken. Unwillkürlich hebe ich mein Kinn und erwidere seinen Blick. Hoffentlich sieht niemand meine zitternden Hände.

Eins der Mädchen mustert mich von oben bis unten. Ihr Gesicht ist unnahbar, aber wunderschön, wie das Gesicht einer strengen Königin. Ihr Kleid ist pompös, sie stammt bestimmt aus einer wohlhabenden Familie, aus silbrigem Stoff ist es gemacht. Auch wenn sie nicht so gross und gebieterisch wirkt, wie der Junge, schüchtert sie mich noch fast mehr ein. Sie scheint sehr selbstsicher und elegant, fast übermenschlich. Wahrscheinlich ist sie der schönste Mensch, den ich je gesehen habe.

«Ach so, das grüne Tal. Deine Eltern sind Bauern, nicht?», kichert sie.

«Kate, niemand hier wird nach seinen Eltern beurteilt. Du solltest es besser wissen», ermahnt sie ein Junge, der hinter ihr gegen die Wand lehnt. Mit seinen fast weissen Haaren und den seltsamen Augen, sie sind lilafarben, sieht er aus wie ein Märchenwesen. Auch er strahlt etwas Ähnliches aus wie Kate, dieselbe Art von Selbstbewusstsein und Eleganz. Nur wirkt er weniger einschüchternd. Die beiden scheinen sich schon zu kennen, vielleicht kommen sie aus der gleichen Stadt.

Auf dem Boden sitzt ein Mädchen, das mich zu sich winkt. Ihre rotbrauen Haare sind kürzer, als ich es mir bei Mädchen gewohnt bin, sie reichen ihr nur bis zur Schulter. Selbst im Sitzen fällt auf, dass sie nicht sehr gross ist. Im Gegensatz zu den anderen Leuten im Raum wirkt sie weniger angsteinflössend, weniger übermenschlich. Fast wie eine normale Person, mit der ich mich anfreunden könnte.

«Hallo, setzt dich doch zu mir. Ich bin Holly. Achte nicht auf sie, sie ist genauso nervös wie wir auch», teilt sie mir in verschwörerischem Ton mit und grinst. Sie sieht jünger aus als fünfzehn, mit ihrer Stupsnase, den Segelohren und den Sommersprossen. Ich erwidere ihr Grinsen halbherzig und schüttle ihre ausgestreckte Hand.

Da hören wir Schritte auf der Treppe und der letzte Auserlesene taucht im Raum auf.

Der grosse Junge wiederholt seinen Satz, er scheint schon jetzt eine Art Anführer unserer Gruppe zu sein. Der andere Junge ist kleiner als er, trotzdem hält er seinem bohrenden Blick mühelos stand.

Fast gelangweilt antwortet er: «Regulus. Meinen Nachnamen kenne ich nicht, mein Herr. Ich stamme aus den dunklen Bergen.»

Holly zuckt zusammen, als hätte er etwas Schockierendes gesagt. Der Neuankömmling lehnt sich mit einem spöttischen Grinsen gegen die Wand und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Die rabenschwarzen Haare fallen ihm strähnig in die Stirn, was mich an Clark erinnert, nur dass Clark längere Haare, dunklere Haut und eine ganz andere Ausstrahlung hat. Dieser Junge wirkt so kühl, während Clark einer der wärmsten Menschen ist, die ich kenne.

Eine Trompete ertönt und der König betritt mit seinem Sohn und einigen Wachmännern den Saal. Auf dem Portrait, das alle Schüler von Okenia kennen, sieht der König ganz anders aus, als wie er jetzt vor uns steht.

Seine dunkelblonden Haare sind streichholzkurz und er sieht ungesund bleich aus. Seine knollige Nase steht von seinem Gesicht ab und er sieht so aus, als hätte er schon lange nicht mehr geschlafen.

Der Prinz neben ihm dagegen sieht besser aus, seine Haare sind ein wenig dunkler, ein sandfarbenes Hellbraun. Er ist grösser als sein Vater, den ich nicht grösser als mich selber schätze. Die Augen des Prinzens leuchten aus dem sonst eher blassen Gesicht. König Durgos Augen dagegen sind klein und wässrig.

«Auserlesene! Heute ist ein sehr bewegender Tag in eurer Lebensgeschichte. Ab Morgen beginnt eure vierjährige Ausbildung in der Elite. Mögt ihr so viel Wissen erlangen wie niemand zuvor. Aber heute feiern wir euch. Söhne und Töchter von Okenia, ihr sollt euer Land mit Stolz erfüllen. Schreitet nun durch diese Tür und lasst euch von euren Klassenkameraden und der Bevölkerung von Lagunoa zujubeln», ruft der König und breitet die Arme aus.

Die kostbar verzierte Tür wird geöffnet und als Erstes tritt der Junge mit den blonden Haaren vor, ich sollte wohl seinen Namen noch in Erfahrung bringen. Hinter ihm geht Kate, sie winkt einigen Leuten in der applaudierenden Menge zu. Der Junge mit den seltsamen Augen bewegt sich leichtfüssig wie ein Schatten, ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen. Aber Holly lächelt nicht nur, sie strahlt wie die Nachmittagssonne selbst. Etwas an ihr ist so unbeschwert und fröhlich, dass ich auch lächeln muss. Mit ihr kann ich mich anfreunden. Neben ihr befindet sich ein Junge, der mir vorher noch nicht besonders aufgefallen ist. Seine Schritte sind langsam und scheinen besonnen. Die dunkelbraunen Haare fallen ihm in leichten Wellen über die Schulten. Die andere Auserlesene, die noch nichts gesagt hat, steht neben ihm. Sie scheint sich unwohl zu fühlen, als ob sie nicht wissen würde, was sie jetzt machen soll. Wahrscheinlich mag sie es nicht, vor so vielen Leuten zu stehen, was ich verstehen kann. Trotzdem beschliesse ich auch, auf die Tribüne hinauszutreten.

Die Leute klatschen und jubeln. Krampfhaft versuche ich, ein bekanntes Gesicht auszumachen, bemerke aber niemanden in der Menge.

Nun befinden sich alle acht Auserlesene auf der Tribüne. Der König steht mit seinem Sohn hinter uns.

«Volk von Okenia! Begrüsst die Auserlesenen mit grosser Begeisterung. Feiert nun alle zusammen und verabschiedet euch von euren Bekannten, Auserlesene! Musik bitte!», befiehlt der König und eine Gruppe Musiker beginnt zu spielen.

«Wahnsinn», kiekst Holly und klettert als Erstes hinunter, um einem viel grösseren Mädchen um den Hals zu fallen.

6.

«Esme! Esmeralda!», höre ich Eloise schreien und dann steht sie auch schon vor mir und zieht mich in eine erdrückende Umarmung. Dann legt sie beide Hände an meine Wangen und sieht mir in die Augen.

«Esme, du gehörst zur Elite. Meine Esme!», quietscht sie.

Ich umarme nun auch Clark, der mir stolz lächelnd auf den Rücken klopft.

«Ich habe es doch gewusst, Esme!», säuselt Dalie und legt einen Arm um mich. Schnell schiebe ich ihn wieder weg. An diesem Tag kann sie mir nun wirklich gestohlen bleiben.

«Oh ja, natürlich. Lass uns bloss in Frieden, Hexe», faucht Eloise. Liebevoll streicht sie mir eine Strähne aus dem Gesicht.

«Das sowas uns passiert! Deine Eltern werden so stolz auf dich sein. Stell dir nur Jaspers Reaktion vor! In den Ferien wirst du uns besuchen. Das ist… perfekt», meint Clark strahlend.

Ich lächle, auf einmal mit einem bittersüssen Gefühlt, und wispere so dass nur meine besten Freunde es hören können: «Vergesst mich nicht. Ich freue mich auf die Elite, aber wie sehr werde ich euch vermissen!»

Eloise schluchzt auf einmal los und nickt heftig.

«Natürlich, Schwester meines Herzens. Wie könnte man dich vergessen?», erwidert Clark und seine Augen füllen sich ebenfalls mit Tränen. «Du wirst es lieben, da bin ich mir sicher!», fügt er noch an.

Ich spüre einen Kloss im Hals, als ich nicke.

Eloise hakt sich bei mir unter und dann tanzen wir. Wir kennen die Tänze der Hauptstadt nicht, aber wir machen uns nichts draus. Das Fest wird immer ausgelassener und fröhlicher, auch wenn es ja eigentlich ein Abschied bedeutet. Eloise tanzt mit Clark, sie wirbeln lachend um mich herum. Ich drehe mich allein neben ihnen im Kreis, das Kleid bauscht sich um mich herum. Doch heute fühle ich mich nicht ausgeschlossen, wie sonst manchmal. Ich sehe an ihrem Strahlen, wie glücklich sie für mich sind, wie glücklich sie aber auch für sich selbst sind, dass sie zusammenbleiben können.

«Bist du ganz allein hier?», höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Ich halte inne und bleibe stehen. Die Welt dreht sich noch einen Moment weiter. Der Junge mit den weissen Haaren steht hinter mir. Er ist grösser als ich gedacht habe, fast gleich gross wie ich.

«Nein, eigentlich nicht. Ich bin hier mit meinen Freunden», antworte ich, erstaunt über sein Auftauchen. Eloise mustert den Jungen eingehend und streckt ihm dann lächelnd die Hand hin.

«Du gehörst wohl zur Elite, oder? Du kennst Esmeralda?», fragt Clark ziemlich misstrauisch und legt seine eine Hand auf Eloises Schulter und die andere auf meine.

Eloise schnaubt und zischt: «Clark, er ist ein Auserlesener, etwas mehr Respekt!»

In normalem Ton fährt sie fort: «Verzeiht bitte seine Unhöflichkeit. Seine Umgangsformen lassen zu wünschen übrig. Das ist Clark Nowar und ich bin Eloise Lyr. Esmeralda habt Ihr ja wohl schon kennengelernt. Und wie ist Euer Name, Sir?»

Er schmunzelt und erwidert: «Ich bin Lugh. Du brauchst mich nicht Sir zu nennen, Eloise. Und nein, ich kenne Esmeralda noch nicht, Clark. Aber wahrscheinlich werde ich sie jetzt früher oder später kennenlernen.»

«Woher stammt Ihr - woher stammst du, meine ich», erkundigt sich Eloise.

Er lächelt immer noch und antwortet breitwillig: «Von den Glitzerseen. Und du bist wohl aus dem grünen Tal, wenn ich mich richtig erinnere, nicht wahr, Esmeralda?» Ich nicke und erwidere flüchtig sein Lächeln.

«Es war sehr schön, eure Bekanntschaft zu machen. Ich sollte nun zu meiner Schwester zurückkehren. Okenia sei mit euch, meine Freunde aus dem grünen Tal», verabschiedet er sich und verschwindet in der Menge der tanzenden Leute.

«Was für ein komischer Typ…«, brummt Clark.

Wir kaufen uns je ein Stück Kronenkuchen, eine Spezialität, die es immer nur am Tag der Auslese zu kaufen gibt, bei einem bunt geschmückten Essenstand. Meine Eltern haben mir einige Münzen mitgegeben, mit denen lade ich jetzt Eloise und Clark ein. Es wird langsam Abend und wir sitzen zu dritt da, schweigen und schauen zu, wie die Sonne hinter den Türmen untergeht.

«So endet es also… Unsere Kindheit ist vorbei. Morgen schon werde ich beginnen als Wäscherin zu arbeiten. Ich werde es vermissen Träume zu haben, was ich einmal in meinem Leben erreichen will», murmelt Eloise und steckt sich einen Zacken des Kronenkuchens in den Mund.

Clark streicht ihr über die Haare und ermutigt: «Es ist nicht zu Ende, Eli. Wir werden zusammenbleiben, du und ich, egal was deine Mutter sagt. Vergiss niemals deine Träume, besonders nicht, wenn du noch jung bist und träumen sollst.»

Eloise schaut ihn an, in ihren Augen schwimmen schon wieder Tränen.