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Der Begriff ›Zigeuner‹ gehört zu den langlebigsten Fremdbezeichnungen der europäischen Kulturgeschichte. Kaum ein anderes Wort vereint so viele Bilder, Projektionen und Widersprüche: romantische Freiheit und soziale Ausgrenzung, Exotik und Misstrauen, Bewunderung und Abwehr. Dieses Buch setzt nicht bei Gefühlen an, sondern bei der Entstehung solcher Bilder. Es fragt danach, wie ein Sammelbegriff entsteht, wie er sich über Jahrhunderte verfestigt und warum er unabhängiger von Erfahrung wirkt als von überprüfbaren Tatsachen. Der Blick richtet sich dabei weniger auf das Benannte als auf das Benennende. Ausgehend von historischen Quellen, sprachlichen Entwicklungen und gesellschaftlichen Praktiken zeichnet der Text nach, wie aus einer Fremdbezeichnung eine scheinbar feste Kategorie wurde. Migration, Mobilität und kulturelle Differenz erscheinen dabei nicht als Eigenschaften, sondern als Deutungsmuster, die immer wieder neu bestätigt wurden – oft ohne überprüfenden Kontakt, häufig getragen von Erzählungen, Liedern und administrativen Routinen. Die Grenze zwischen Beobachtung und Zuschreibung wird so zunehmend unscharf, während sich Klischees erstaunlich stabil halten. Das Buch verzichtet bewusst auf moralische Anklage und emotionale Dramatisierung. Stattdessen legt es offen, wie kulturelle Bilder entstehen, warum sie fortbestehen und weshalb sie sich nur schwer korrigieren lassen. In dieser sachlichen Annäherung liegt eine stille Spannung: Die Frage, ob es jemals um ›die Zigeuner‹ ging – oder stets um das Bedürfnis der Mehrheitsgesellschaft, Ordnung, Abweichung und Fremdheit begrifflich zu fixieren.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Erfindung
der Zigeuner
•
Mythos, Migration und Marginalität
Eine Betrachtung
von
Lutz Spilker
DIE ERFINDUNG DER ZIGEUNER
MYTHOS, MIGRATION UND MARGINALITÄT
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de abrufbar.
Texte: © Copyright by Lutz Spilker
Umschlaggestaltung: © Copyright by Lutz Spilker
Verlag:
Lutz Spilker
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Inhalt
Inhalt
Das Prinzip der Erfindung
Vorwort
Etymologie
Die wichtigsten Herleitungen des Begriffs
Vor dem Namen
Wandernde Gruppen in der Vormoderne
Die Ankunft in den Quellen
Erste schriftliche Erwähnungen im spätmittelalterlichen Europa
Fremdheit als Erklärungsmuster
Wie das Unbekannte sprachlich gefasst und kulturell gerahmt wird
Der Weg nach Europa
Historische Migrationslinien, Legenden und Fehlzuschreibungen
Der Begriff entsteht
Etymologie, sprachliche Verfestigung und frühe Bedeutungsaufladungen
Mobilität unter Beobachtung
Reisen als soziale Praxis und als Anlass institutioneller Aufmerksamkeit
Zwischen Duldung und Vertreibung
Frühneuzeitliche Regelungen, Geleitbriefe, Verbote und Ausweisungen
Sesshaftigkeit als Norm
Warum stehender Wohnsitz zum Maßstab gesellschaftlicher Ordnung wurde
Verwaltung des Anderen
Erfassung, Kategorisierung und erste polizeiliche Zugriffe
Romantisierung und Exotik
Literarische, musikalische und künstlerische Bilder des 18. und 19. Jahrhunderts
Das Klischee als Kurzformel
Wie komplexe Wirklichkeiten in stereotype Erzählmuster übergehen
Wissenschaftliche Aneignung
Ethnologie, Rassenkunde und frühe Versuche der ›Erklärung‹
Kriminalisierung als Deutung
Die Verbindung von Fremdheit, Mobilität und Verdacht
Der nationale Blick
Minderheiten in der Logik des Nationalstaats
Der administrative Mensch
Akten, Register und die Reduktion auf Kategorien
Entmenschlichung durch Systematik
Der Weg von der Zuschreibung zur Verfolgung im 20. Jahrhundert
Nach dem Zivilisationsbruch
Kontinuitäten der Bilder nach 1945
Sprache unter Verdacht
Der Begriff ›Zigeuner‹ im Spannungsfeld von Geschichte und Gegenwart
Selbstbezeichnungen und Fremdbezeichnungen
Persistenz der Bilder
Warum Klischees langlebiger sind als Erfahrungen
Mobilität als Projektionsfläche
Freiheit, Unordnung, Bedrohung – Deutungen eines Lebensstils
Das erfundene Kollektiv
Wie aus Vielfalt eine scheinbar homogene Gruppe wird
Die Funktion des Begriffs
Wie aus Vielfalt eine scheinbar homogene Gruppe wird
Erfindung als kultureller Prozess
Was es bedeutet, wenn Begriffe Wirklichkeit erzeugen
Jenseits der Zuschreibung
Offene Fragen nach Sprache, Erkenntnis und kultureller Verantwortung
Über den Autor
In dieser Reihe sind bisher erschienen
Wenn die Leute nicht viel wissen, lach nicht über sie,
denn jeder von ihnen weiß etwas, was du nicht weißt.
Sprichwort der Zigeuner
Das Prinzip der Erfindung
Vor etwa 20.000 Jahren begann der Mensch, sesshaft zu werden. Mit diesem tiefgreifenden Wandel veränderte sich nicht nur seine Lebensweise – es veränderte sich auch seine Zeit. Was zuvor durch Jagd, Sammeln und ständiges Umherziehen bestimmt war, wich nun einer Alltagsstruktur, die mehr Raum ließ: Raum für Muße, für Wiederholung, für Überschuss.
Die Versorgung durch Ackerbau und Viehzucht minderte das Risiko, sich zur Nahrungsbeschaffung in Gefahr begeben zu müssen. Der Mensch musste sich nicht länger täglich beweisen – er konnte verweilen. Doch genau in diesem neuen Verweilen keimte etwas heran, das bis dahin kaum bekannt war: die Langeweile. Und mit ihr entstand der Drang, sie zu vertreiben – mit Ideen, mit Tätigkeiten, mit neuen Formen des Denkens und Tuns.
Was folgte, war eine unablässige Kette von Erfindungen. Nicht alle dienten dem Überleben. Viele jedoch dienten dem Zeitvertreib, der Ordnung, der Deutung oder dem Trost. So schuf der Mensch nach und nach eine Welt, die in ihrer Gesamtheit weit über das Notwendige hinauswuchs.
Diese Sachbuchreihe mit dem Titelzusatz ›Die Erfindung ...‹ widmet sich jenen kulturellen, sozialen und psychologischen Konstrukten, die aus genau diesem Spannungsverhältnis entstanden sind – zwischen Notwendigkeit und Möglichkeit, zwischen Dasein und Deutung, zwischen Langeweile und Sinn.
Eine Erfindung ist etwas Erdachtes.
Eine Erfindung ist keine Entdeckung.
Jemand denkt sich etwas aus und stellt es zunächst erzählend vor. Das Erfundene lässt sich nicht anfassen, es existiert also nicht real – es ist ein Hirngespinst. Man kann es aufschreiben, wodurch es jedoch nicht real wird, sondern lediglich den Anschein von Realität erweckt.
Der Homo sapiens überlebte seine eigene Evolution allein durch zwei grundlegende Bedürfnisse: Nahrung und Paarung. Alle anderen, mittlerweile existierenden Bedürfnisse, Umstände und Institutionen sind Erfindungen – also etwas Erdachtes.
Auf dieser Prämisse basiert die Lesereihe ›Die Erfindung …‹ und sollte in diesem Sinne verstanden werden.
Vorwort
Manche Begriffe sind älter als das Wissen über sie. Sie wandern durch Jahrhunderte, verändern ihre Gestalt, verhärten sich, verlieren ihren Ursprung und behalten doch ihre Wirkung.
Der Begriff ›Zigeuner‹ gehört zu dieser besonderen Klasse von Worten, die weniger beschreiben als ordnen, weniger erklären als markieren. Er steht nicht nur für eine Gruppe von Menschen, sondern für ein kulturelles Bedürfnis: das Fremde benennbar zu machen, es einzuhegen, es erzählbar zu halten.
Dieses Buch setzt genau an diesem Punkt an. Es interessiert sich nicht primär für eine historische Gruppe, sondern für den Akt der Zuschreibung selbst. Für den Moment, in dem aus Beobachtung ein Begriff wird, aus Bewegung eine Eigenschaft, aus Vielfalt eine Kategorie. Wer von ›Zigeunern‹ sprach, sprach selten über konkrete Menschen, sondern über Vorstellungen, die bereits vorhanden waren. Der Begriff wirkte dabei wie ein Behälter: Er sammelte Erwartungen, Ängste, romantische Bilder und soziale Abwehr in einer Form, die erstaunlich stabil blieb, selbst dann, wenn sich die Wirklichkeit entzog.
Kulturelle Begriffe dieser Art entstehen nicht zufällig. Sie entstehen dort, wo Mobilität auf Sesshaftigkeit trifft, wo Ordnung auf Bewegung stößt und wo Gesellschaften sich selbst über Abgrenzung definieren. Der wandernde Mensch ist in der Geschichte Europas weniger Ausnahme als Prüfstein gewesen. Er stellte Routinen infrage, entzog sich Verwaltung, widersetzte sich dauerhafter Einordnung. Die Antwort darauf war selten Neugier, häufiger Klassifikation. So wurde Mobilität nicht als situative Lebensform verstanden, sondern als Wesensmerkmal gedeutet – eine Deutung, die bis heute nachwirkt.
Dabei ist auffällig, wie wenig überprüfbar viele der tradierten Bilder sind. Der Verdacht ersetzt die Erfahrung, das Gerücht die Statistik, das Lied die Beobachtung. In dieser Verschiebung liegt eine der zentralen Spannungen, die dieses Buch auslotet: Wie entstehen kollektive Gewissheiten, ohne dass sie je systematisch verifiziert wurden? Und warum erweisen sie sich als derart resistent gegenüber Korrektur?
Der Blick richtet sich daher weniger auf historische Ereignisse als auf ihre symbolische Verarbeitung. Auf die Art und Weise, wie Erzählungen, Verwaltungspraktiken, kirchliche Deutungen und staatliche Regelwerke ineinandergreifen. Der Begriff wird zur Schnittstelle zwischen Sprache und Macht, zwischen Alltagswissen und institutioneller Ordnung. Er funktioniert nicht nur als Bezeichnung, sondern als stillschweigende Erklärung – eine Erklärung, die sich selbst genügt und gerade deshalb selten hinterfragt wird.
Dieses Vorwort versteht sich nicht als moralische Einordnung und nicht als emotionale Einstimmung. Es lädt vielmehr dazu ein, einen Schritt zurückzutreten. Abstand zu gewinnen zu vertrauten Bildern, vertrauten Worten, vertrauten Gewissheiten. Denn erst aus dieser Distanz wird sichtbar, dass es sich bei vielen Zuschreibungen weniger um Beschreibungen handelt als um kulturelle Spiegelungen. Was benannt wird, sagt oft mehr über die benennende Gesellschaft aus als über das Benannte selbst.
Der Begriff ›Zigeuner‹ ist damit nicht nur historisches Relikt, sondern ein Beispiel für die erstaunliche Langlebigkeit kultureller Konstruktionen. Er zeigt, wie Begriffe überleben können, selbst wenn ihre Voraussetzungen verschwunden sind. Wie sie sich an neue Zeiten anpassen, ohne ihren Kern preiszugeben. Und wie sie, einmal etabliert, beginnen, Realität zu erzeugen, statt sie abzubilden.
Dieses Buch bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Es nähert sich seinem Gegenstand mit analytischer Zurückhaltung und mit der Annahme, dass Erkenntnis dort entsteht, wo Vertrautes fremd wird. Nicht durch Anklage, nicht durch Entlastung, sondern durch präzises Hinsehen. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Herausforderung: auszuhalten, dass vieles, was als selbstverständlich gilt, historisch gewachsen, kulturell geformt und gedanklich korrigierbar ist.
Was bleibt, ist eine offene Frage, die den Text leise begleitet: Ging es jemals um ›die Zigeuner‹ – oder stets um den Versuch, das Unbeständige, das Nicht-Einordenbare, sprachlich festzusetzen? Dieses Buch sucht keine schnelle Antwort. Es beginnt mit dem Zweifel.
Etymologie
Der Begriff ›Zigeuner‹ ist sprach- und kulturhistorisch vielschichtig, seine Entstehung wird bis heute diskutiert. Klar ist jedoch, dass er nicht die Eigenbezeichnung der betreffenden Gruppen ist (die sprechen von Sinti oder Roma). Der Name ist von außen gegeben und meist fremd- oder abwertend verwendet worden.
Die wichtigsten Herleitungen des Begriffs
1. Byzantinische Wurzeln: ›Athinganoi‹ (Ἀθίγγανοι)
• Im Byzantinischen Reich gab es im 9.–11. Jahrhundert eine religiöse Sekte namens Athinganoi (›die Unberührbaren‹ oder ›die Unberührten‹).
• Mit ihnen wurden fahrende, fremdartige Gruppen assoziiert, die nicht Teil der städtischen Gesellschaft waren.
• Der Name wurde in verschiedenen Sprachräumen übernommen und entwickelte sich weiter.
• Beispiele:
• Griechisch: Atsinganoi
• Ungarisch: Cigány
• Italienisch: Zingaro
• Deutsch: Zigeuner
2. Übernahme ins Deutsche
• Erste deutsche Belege finden sich im 15. Jahrhundert.
• Der Begriff wurde zum Sammelbegriff für die als fremd und fahrend wahrgenommenen Gruppen, die seit dem Spätmittelalter in Mitteleuropa auftauchten.
3. Bedeutungsverschiebung und Abwertung
• Ursprünglich war es ein Fremdbegriff, der neutraler mit Andersgläubige / Außenseiter assoziiert war.
• Im Laufe der Jahrhunderte bekam er eine zunehmend negative Konnotation: Heimatlosigkeit, Unzuverlässigkeit, Kriminalität, Fahrendes Volk.
• Im 19. und 20. Jahrhundert verfestigte sich der Begriff als ethnische Fremdbezeichnung mit klar diskriminierender Färbung.
4. Parallelbegriffe in Europa
• Fast jedes europäische Land entwickelte eigene, oft abwertende Fremdbezeichnungen, die aber auf denselben Ursprung zurückgehen.
• All diese Begriffe haben den gleichen Kern: eine von außen zugeschriebene Identität, die nicht der Eigenbezeichnung entspricht.
Der Begriff ›Zigeuner‹ leitet sich letztlich von den byzantinischen Athinganoi ab, wurde im Spätmittelalter in viele europäische Sprachen übernommen und wandelte sich zu einem Sammelbegriff für Sinti und Roma. Im Laufe der Geschichte war er jedoch fast immer von Vorurteilen, Stigmatisierung und Ausgrenzung begleitet.
Erläuterungen und Forschungslage
Der Begriff ›Tataren‹ war in frühen Quellen oft ein Sammelbegriff für ›Fremde‹, insbesondere fahrendes Volk, oder Menschen, die aus dem Osten kamen oder als solche wahrgenommen wurden. Später wurde dieser Begriff durch ›Zigeuner‹ bzw. lokale Varianten ersetzt.
Die Bezeichnung ›Zigeuner‹ erscheint in den Quellen ab dem 15. Jahrhundert, aber nicht immer in genau der Form, wie sie heute verwendet wird. Es sind mehrere Fremd- und Sammelbezeichnungen vorhanden.
Viele frühe Quellen sind außerdem retrospektiv verfasst oder berichten erst später, was die Datierung schwierig macht. Es ist oft unklar, ob eine Gruppe, die in einer Quelle ›Zigeuner‹ genannt wird, tatsächlich Roma oder Sinti sind, oder ob der Begriff auf andere wandernde oder ›fahrende‹ Gruppen angewandt wurde.
Vor dem Namen
Wandernde Gruppen in der Vormoderne
Mobilität ist kein Randphänomen der Geschichte, sondern ihr Grundzustand. Erst aus späterer Perspektive erscheint das Umherziehen als Abweichung, als Ausnahme, als erklärungsbedürftige Lebensform. In vormodernen Gesellschaften hingegen war Bewegung selbstverständlich, oft notwendig und selten moralisch aufgeladen. Menschen gingen dorthin, wo Nahrung, Arbeit, Schutz oder Tauschmöglichkeiten zu finden waren. Der Gedanke, an einem Ort zu bleiben, setzte Voraussetzungen voraus, die lange Zeit nicht gegeben waren: stabile Erträge, verlässliche Herrschaftsstrukturen, gesicherte Eigentumsverhältnisse.
Vor diesem Hintergrund wirkt es anachronistisch, Mobilität rückwirkend als Sonderfall zu behandeln. Jäger und Sammler lebten von zyklischer Bewegung, frühe Hirten folgten ihren Herden, Händler zogen entlang von Routen, die weder festgelegt noch dauerhaft kontrolliert waren. Auch Handwerker, Musiker, Geschichtenerzähler, Heiler oder Schausteller bewegten sich zwischen Siedlungen. Ihre Präsenz war episodisch, ihr Aufenthalt begrenzt, ihre Funktion jedoch fest im sozialen Gefüge verankert. Bewegung war kein Zeichen von Heimatlosigkeit, sondern Ausdruck einer anderen Form von Einbindung.
Die Vormoderne kannte keine klare Trennung zwischen sesshaft und fahrend. Diese Unterscheidung gewinnt erst dann an Schärfe, wenn Sesshaftigkeit zur Norm erhoben wird. Solange Ackerbau wetterabhängig, Ernten unsicher und politische Verhältnisse instabil blieben, war Ortswechsel eine rationale Antwort auf äußere Bedingungen. Dörfer wurden aufgegeben, neu gegründet, verlagert. Wege änderten sich, Märkte wanderten, Grenzen existierten oft nur auf Karten oder in Herrschaftsansprüchen. Die Landschaft selbst war beweglich, zumindest in ihrer Nutzung.
In diesem Zusammenhang erscheinen wandernde Gruppen nicht als Fremdkörper, sondern als Teil eines flexiblen sozialen Systems. Sie brachten Nachrichten, Waren, Lieder, handwerkliche Fähigkeiten. Sie verbanden Regionen, lange bevor es staatliche Infrastrukturen gab. Ihre Mobilität war nicht ziellos, sondern folgte saisonalen Rhythmen, ökonomischen Nischen und sozialen Verabredungen. Man kann sie sich weniger als Einzelne vorstellen, die ständig unterwegs waren, sondern als Gemeinschaften mit wiederkehrenden Wegen, bekannten Aufenthaltsorten und stabilen inneren Strukturen.
Erst mit der allmählichen Verdichtung von Siedlungsräumen und der zunehmenden Kontrolle über Land beginnt sich der Blick zu verändern. Wo Felder eingezäunt, Abgaben erhoben und Besitzansprüche schriftlich fixiert werden, wird Bewegung erklärungsbedürftig. Wer nicht bleibt, entzieht sich der Verfügbarkeit. Mobilität wird nun nicht mehr als Anpassung verstanden, sondern als Abweichung von einer sich etablierenden Ordnung. Diese Verschiebung geschieht schleichend, fast unmerklich, und sie ist weniger Ergebnis bewusster Ausgrenzung als Folge neuer Anforderungen an Verwaltung und Kontrolle.
Dabei ist es bemerkenswert, wie spät diese Entwicklung einsetzt. Noch im Hochmittelalter ist das europäische Gesellschaftsbild von Durchlässigkeit geprägt. Pilgerströme durchziehen den Kontinent, Kaufleute organisieren sich in losen Verbünden, Handwerksgesellen ziehen von Ort zu Ort. Selbst der Adel ist mobil, reist zwischen Besitzungen, Höfen und Schlachtfeldern. Bewegung ist kein Makel, sondern Voraussetzung von Teilhabe. Erst mit der Sesshaftwerdung der Mehrheit entsteht der Blick auf jene, die sich dieser Entwicklung nicht anschließen oder nicht anschließen können.
In dieser Phase beginnt Mobilität ihre Unschuld zu verlieren. Sie wird mit Unberechenbarkeit assoziiert, mit fehlender Bindung, mit mangelnder Loyalität. Der Umstand, dass jemand kommt und wieder geht, erzeugt Irritation. Nicht, weil dies zuvor unbekannt gewesen wäre, sondern weil es nun nicht mehr in das entstehende Raster passt. Ordnung verlangt Wiedererkennbarkeit, Zuständigkeit, Dauer. Wer sich dem entzieht, wird nicht zwangsläufig abgelehnt, aber zunehmend markiert.
Noch fehlt zu diesem Zeitpunkt der Name, der später all dies bündeln wird. Es gibt Beschreibungen, Umschreibungen, regionale Bezeichnungen. Man spricht von Fremden, von Reisenden, von Menschen ›ohne festen (Wohn-)Sitz‹. Diese Begriffe sind funktional, nicht identitätsstiftend. Sie benennen eine Praxis, keine Wesenseigenschaft. Der entscheidende Schritt liegt noch vor der Gesellschaft: der Schritt von der Beobachtung zur Zuschreibung.
Interessant ist, dass diese frühe Phase kaum von systematischer Feindseligkeit geprägt ist. Es gibt Konflikte, Misstrauen, lokale Spannungen, doch sie richten sich meist an konkreten Anlässen aus. Ein misslungener Handel, ein Verdacht, eine Grenzüberschreitung. Mobilität an sich ist kein moralisches Problem. Sie wird erst dann eines, wenn sie mit Vorstellungen von Ordnung kollidiert, die ihre eigene Entstehung bereits vergessen haben.
Hier öffnet sich ein gedanklicher Raum, der später von großer Bedeutung sein wird. Wenn Mobilität nicht mehr als Zustand, sondern als Charakter gelesen wird, verändert sich der Blick auf diejenigen, die sich bewegen. Aus dem Reisenden wird der Fahrende, aus der Praxis eine Eigenschaft. Diese Verschiebung geschieht nicht abrupt, sondern über Generationen hinweg. Sie wird getragen von Erzählungen, nicht von Erfahrungen. Von Erwartungen, nicht von Beobachtungen.
In der Vormoderne jedoch ist diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Bewegung bleibt vieldeutig. Sie kann Freiheit bedeuten oder Notwendigkeit, Suche oder Flucht. Sie ist nicht eindeutig codiert. Gerade darin liegt ihre historische Normalität. Mobilität ist kein Zeichen von Randständigkeit, sondern Ausdruck einer Welt, die noch nicht festgelegt ist. Eine Welt, in der Zugehörigkeit nicht allein über Bodenbesitz definiert wird, sondern über Austausch, Funktion und Präsenz auf Zeit.
Vielleicht ist es gerade diese Offenheit, die später als störend empfunden wird. Eine Lebensweise, die sich nicht dauerhaft festschreiben lässt, entzieht sich einfachen Erklärungen. Sie bleibt beweglich, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. In einer Ordnung, die zunehmend auf Fixierung setzt, wird Bewegung zum Spiegel eines Verlustes: des Verlustes an Flexibilität, an Übergängen, an selbstverständlicher Durchlässigkeit.
Dieses Kapitel endet dort, wo der Blick sich zu verändern beginnt, ohne dass dies bereits bewusst reflektiert wird. Noch ist Mobilität kein Makel. Noch ist das Umherziehen kein Stigma. Doch die Voraussetzungen dafür sind gelegt. Die Welt beginnt, stillzustehen. Und mit ihr verändert sich der Blick auf jene, die weitergehen.
Die Ankunft in den Quellen
Erste schriftliche Erwähnungen im spätmittelalterlichen Europa
