• Herausgeber: CW Niemeyer
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

SONNTAGMORGEN … GOTTESDIENST … EINE LEICHE! Eine Mumie wird in der ehrwürdigen Klosterkirche Stadthagen gefunden. Bei den Untersuchungen am Tatort stellt sich heraus, dass etwas mit einem alten Grabstein nicht stimmt. Wie hängt das zusammen? 500 Jahre zuvor: Aus dem mittelalterlichen Stadthagen führt der Weg einer jungen Frau in die Stadt der Kunst, nach Mailand. Hier gründet sich am Hof von Herzog Ludovico der Künstlerbund der Tredici. Leonardo da Vinci löst die Suche nach einem verschollenen Gemälde aus. Ein Wettlauf auf Leben und Tod zwischen gerissenen Kunsthändlern und Anhängern der Tredici beginnt …

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Thomas G. KrageDie Fälschung der Tredici

Alle Personen, außer den historisch gesicherten, sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit Lebenden oder Verstorbenen ist nicht beabsichtigt und daher rein zufällig. Das gilt auch für Namen und Orte.Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2019 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.comEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8354-5

Thomas G. Krage

Die Fälschung

der Tredici

Thomas G. Krage wurde 1954 in Emden geboren und studierte nach dem Abitur evangelische Theologie in Wuppertal, Zürich und Göttingen. Seine erste Pfarrstelle übernahm er 1982 in Brandlecht in der Grafschaft Bentheim. Seit 1993 wirkt er als Hofprediger und evangelisch-reformierter Pfarrer an der Schlosskirche zu Bückeburg. Nach einer theologischen und einer geschichtlichen Schrift erschien 2015 der Roman „Der Schlüssel der Tredici“. Nun liegt sein zweites Werk vor.

„Mir aber scheint, es sei alles Wissen eitel und voller Irrtümer, das nicht von der Erfahrung, der Mutter aller Gewissheit, zur Welt gebracht wird und nicht im wahrgenommenen Versuch abschließt, das heißt, dass sein Ursprung, seine Mitte oder sein Ende durch gar keinen der fünf Sinne hindurchgeht.“(Leonardo da Vinci, Traktat von der Malerei, 1498)

Dieses Buch ist meiner Frau Ilka gewidmetund all denen, die Freude an der Sprache haben.Die im Wort die Tiefe und Schönheit des Lebens entdecken.Das Wort, das den Menschen sprachfähig macht –und manchmal über sich hinausweist.Dorthin, wo uns die Worte fehlen.

Kapitel 1 Spuren der Dunkelheit

Am Anfang war das Bild. Das ist der Schlüssel zum Drama der ganzen Geschichte. Ein eisiger Ostwind jagte finstere Wolkenfetzen über den Himmel – und irgendwo krähte ein Hahn. Auf den ersten Blick schien alles zufällig zu sein. Doch das war es nicht.

Manchmal passieren Dinge, die sich niemand erklären kann und die auch keiner erklären muss. Wenn Grenzen ausgegrenzt werden und Unmögliches möglich wird.

Es geschah genau an dem Tag, als ein tonnenschwerer Komet über die Erde raste und einen endlos langen, blutroten Schweif hinter sich herzog. Kaum jemand bemerkte ihn, die meisten Menschen waren mit ganz irdischen Dingen beschäftigt.

Dichter Nebel und Eiseskälte umhüllten das mit Efeu überwucherte Gemäuer. Zwei Ratten huschten den holprigen Weg entlang. An der Ecke der Mauer hielten sie kurz inne, sie witterten Gefahr und spürten, dass sich heute alles verändern würde. Dann liefen sie weiter und verschwanden rasch in einem schmalen Spalt, der in düstere Unzugänglichkeit führte.

Irgendetwas war anders, war verkehrt.

Manchmal spürt man, dass etwas nicht stimmt, doch man weiß nicht genau, was es ist. Eine Ahnung, die sich in keine konkreten Worte fassen lässt. Nur ein untrügliches Gefühl ist da. Meistens kann man sich darauf verlassen.

Karl-Gustav Bracks überkam solch ein Gefühl, als er an diesem schaurigen Sonntag versuchte, die schwere Eichentür aufzuschließen. Er war Küster der Klosterkirche in Stadthagen, ein stattlicher Mann, der mit seinem gezwirbelten Schnauzbart Individualität, aber auch Schwermut ausstrahlte. Sein pechschwarzes Haar hatte er nach hinten zu einem Zopf gebunden. Als er vor Jahren seinen Dienst begann, störten sich einige Gemeindeglieder an seinem Äußeren und meinten, das würde nicht zum Bild von Kirche passen. Inzwischen jedoch hatten sie ihn wegen seiner hilfsbereiten und freundlichen Art fest ins Herz geschlossen. Allerdings ahnte niemand, dass er auch eine dunkle, unheimliche Seite besaß, die er zu verbergen suchte.

Umständlich hatte Bracks den sperrigen Bund aus seiner Hosentasche gezogen. Der lange, tiefschwarze Schlüssel mit dem kantigen Bart fiel unter den anderen sofort auf und man sah ihm an, dass er bereits Jahrhunderte auf dem Buckel hatte. Es schien, als wollte er diesmal nicht ins Schloss passen. Sich nicht anpassen an das, was man von ihm erwartete.

Bracks schimpfte, drückte und bohrte. So etwas hatte er noch nicht erlebt. War der Schlüssel heimlich ausgetauscht und gefälscht worden, oder hatte es jemand gewagt, das uralte Schloss auszuwechseln? Unvorstellbar!

Ein Geräusch hinter ihm.

Er zuckte zusammen und fuhr herum.

„Ist da jemand?“ Seine Stimme klang unsicher.

Auf einmal färbte sich der Nebel in zartes Rosa, dann stärker rötlich. Er verschlang alles Sichtbare und gab keine Antwort. Nur Schweigen und bedrückende Stille herrschten.

Der Küster starrte regungslos in dieses Nichts hinein, das immer dichter wurde und bald tiefrot war, wie dickflüssiges Blut. Ein schlimmes Omen.

Bracks spürte, wie ihm auf einmal alle Gelenke wehtaten, als wäre er schwer krank und sein Lebenselixier würde unaufhaltsam entweichen. Stattdessen kroch Kälte wie Schlangengift in ihm hoch und er begann zu zittern. Verzweifelt presste er seinen Mantel eng an sich.

Was war das?

Direkt an seinen Füßen huschte etwas Pelziges vorbei. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.

„Nun mach schon“, flehte er und schüttelte sich voller Ekel.

Endlich passte der Schlüssel hinein. Mit aller Kraft drehte er ihn herum. Das alte Holz der Tür bebte und ächzte, als wollte es den Zugang nicht freigeben.

Der Mann wurde zornig und fluchte, auch wenn das an diesem Ort nicht schicklich war. In einer halben Stunde würde der Gottesdienst beginnen und dann müsste alles vorbereitet sein. Schließlich legte er großen Wert darauf, den Küsterdienst in gewissenhafter Weise zu versehen. Auf ihn sollte man sich absolut verlassen können.

Aber heute war alles anders.

Ängstlich blickte er sich noch einmal um. Stand da im Nebel ein Schatten und beobachtete genau, was er tat?

Plötzlich schlug in der Ferne eine Turmuhr. Sankt Martini. Es war halb elf.

Mit kräftigem Ruck zog er die Tür auf und betrat den Eingang. Augenblicklich umhüllte ihn düstere Dunkelheit und abgestandene, modrige Luft wehte ihm entgegen. Hektisch tastete er nach dem Lichtschalter links in der Ecke. Der große Kronleuchter in der Mitte des Kirchenschiffs flackerte unruhig auf und tauchte den Raum in matten Schein. Bedächtiger als sonst schritt er weiter. Alles schien in Ordnung zu sein. Erleichtert atmete er auf.

Dann stutzte er.

Es roch anders. Nicht wie sonst. Seltsam.

Jeder Raum, jeder Ort und jeder Mensch haben ihren eigenen Geruch, der unnachahmlich ist. Ein unverwechselbares Merkmal – wie ein Code.

In Sekundenschnelle merkte er: Hier stimmt etwas nicht!

Sein Herz fing heftig zu pochen an. Langsam schlich er voran. Entsetzt zuckte er zusammen.

Vorgestern hatte er die Kirche das letzte Mal betreten und sie in vollkommener Ordnung verlassen. Diese war ihm sehr wichtig. Wenn es in einer Kirche nicht ordentlich zuging, wie sollte dann der Mensch lernen, Ordnung in der Welt zu schaffen? Aber was er jetzt sah, stand dem total entgegen. Dort lag etwas an der Seite zwischen den Stuhlreihen. Unübersehbar.

Vor Schreck presste er die Hand vor den Mund. Wie gelähmt stand er da. Seine Augen waren geweitet und starrten auf einen Körper, der an der linken Mauerseite unterhalb eines gewaltigen Grabsteins lag. Bracks wusste sofort, dass da kein Leben mehr war.

Endlich gab er sich einen Ruck. Langsam, wie in Zeitlupe, schlich er heran. Dort lag eine uralte Leiche, eine Mumie. Unter einer zerfetzten Kapuze lugte ein kahler Schädel hervor, die Augenhöhlen waren leer und glotzten ihn gruselig an. Die Gestalt lag, in braune Kleidung gehüllt, auf dem Rücken, die Beine waren leicht gespreizt, während sich die Arme eng am Körper befanden. Dürre, wie aus Leder wirkende Finger sahen wie Krallen aus, die vergeblich versuchten, etwas festzuhalten. Dennoch wirkte die Szene ruhig. Gespenstisch ruhig. Absolut tot.

Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Wie gut, dass meine Frau nicht hier ist, dachte er, sie hätte hysterisch geschrien. Langsam überwog seine Neugier, er kam sich wie in einem Krimi vor und wusste dennoch, dass alles wirklich war. Vorsichtig hockte er sich in gehörigem Abstand neben die Mumie und sah genauer hin. Erst jetzt bemerkte er die ungewöhnliche Kleidung. Der äußere Umhang, wie ein Mantel gestaltet, war zerrissen, in der Nähe des Herzens aufgequollen und dunkelrot gefärbt. Unter dem Gewand blitzte Stoff hervor, der vornehm mit goldenen Fäden durchzogen war. An den ledernen Fingern entdeckte er zwei wertvolle Ringe. An den Füßen befanden sich schwere Lederstiefel mit luxuriösen Schnallen. Solche hatte er noch nie gesehen.

„Guten Morgen, Meister Bracks!“, trällerte plötzlich eine melodiöse Stimme von hinten.

Vor Schreck fuhr er herum. Der Organist war gekommen und wedelte mit seinem Choralbuch, aus dem einige lose Seiten hingen.

„Schnell raus hier“, gebot er dem Mann und drängte ihn zum Ausgang.

„Warum, was ist denn passiert? Gleich beginnt doch der Gottesdienst ...“

„Der wird heute ausfallen“, bestimmte der Küster resolut und ließ keine Diskussion zu.

Seine Stimme bebte und ihn fröstelte. Behände schob er den erstaunten Musikus nach draußen und verschloss mit kräftigem Drücken die Kirchentür. Hier kommt keiner mehr rein!

Irritiert schaute er sich um. Der dichte Nebel, der vorhin noch mit Macht alles verschluckt und gefärbt hatte, war verzogen. Jetzt wirkte die Gegend schwarz-weiß, es schien keine Farben mehr zu geben. Nur noch graue, kahle Obstbäume im Klostergarten wiegten sich müde im Wind und totes Laub tanzte um die Ecken nach der Melodie der Vergänglichkeit. Schwarze Krähen krächzten in den Ästen.

Bracks griff zum Handy und wählte den Notruf der Polizei.

Es dauerte nicht lange, bis die Beamten eintrafen. Eine Mumie in der ehrwürdigen Klosterkirche zu Stadthagen, das hatten sie noch nicht erlebt. Bald waren auch der Pastor und etliche Gottesdienstbesucher erschienen, die wie eine Traube vor dem Gebäude standen und mit großer Betroffenheit, aber auch Neugier ungeduldig auf Nachrichten warteten.

Die Polizei drängte schließlich alle Besucher, unverzüglich das Klostergelände zu verlassen. Selbst Karl-Gustav Bracks musste gehen und seinen Kirchenschlüssel abgeben. Leise murrte er, weil dadurch seine Pläne durchkreuzt wurden. Doch es half nichts, der Polizeibeamte war unerbittlich.

Der romantische Klostergarten wurde abgeriegelt und sämtliche Tore verschlossen. Überall flatterte rot-weiß gestreiftes Markierungsband. Höchste Stellen ordneten an, dass eine Nachrichtensperre verhängt wurde. Von diesem grausigen Fund durfte nichts bekannt werden. Die örtliche und überregionale Presse würden sich sonst erbarmungslos auf den Fall stürzen und alle Welt mit wilden Spekulationen überrollen. So etwas wollte man im beschaulichen Stadthagen unbedingt vermeiden. Der Fürst zu Schaumburg-Lippe hätte als Protektor der Evangelisch-Reformierten Kirche persönlich darauf gedrungen, dass es keine unangenehmen Schlagzeilen gab.

Bald war die Spurensicherung zur Stelle und dokumentierte eifrig den Fundort. Unzählige Fotos wurden geschossen und Spuren gesichert. Schließlich wurde die Mumie geborgen, nach draußen getragen und in einem Spezialfahrzeug zur Pathologie in die Landeshauptstadt Hannover gebracht. Man traute den Beamten in der Provinz nicht den nötigen Sachverstand zu. Ein Thema, das immer wieder zu Verstimmungen zwischen den Behörden führte und die Politiker aufregte.

Die Polizei in Stadthagen begann am Montagmorgen mit den Verhören. Der Küster, Pastor, Organist, Gemeindeglieder und Anwohner des Areals wurden ausführlich vernommen.

„Haben Sie etwas gesehen oder gehört? Sind Ihnen verdächtige Personen oder Fahrzeuge aufgefallen? Welchen Bezug haben Sie zur Klosterkirche? Wo waren Sie am Sonntagmorgen vor halb elf?“

Fragen über Fragen. Aber hilfreiche und weiterführende Antworten fehlten. Alle Aussagen wurden nicht nur aufgeschrieben, sondern die Reaktionen gefilmt. Am liebsten hätte die Polizei einen Lügendetektor eingesetzt, dem allerdings ein Richter hätte zustimmen müssen. Aber der am Montag Zuständige wollte nicht.

Es gab keine heiße Spur. Überhaupt keine. Es war zum Verzweifeln!

Die Beamten der Kriminalpolizei ahnten die Wahrheit, doch niemand traute sich, sie auszusprechen. Erst der Pathologe im Institut in Hannover sprach offen darüber. Adolf Mortus war ein athletischer Zwei-Meter-Mann mit Halbglatze. Durch seine verengten Augen und den durchdringenden Blick wirkte er mürrisch. Über seiner rechten Wange zog eine breite Narbe ihre Bahn, die unübersehbare Spur einer Gewalttat.

Das soll der leitende Pathologe sein?, durchfuhr es Sonderermittler Christian Sonnthag und starrte den Mann mit Unbehagen an. Diesem Typ wollte er niemals in der Dunkelheit begegnen.

„Der einbalsamierte Leichnam ist etwa 500 Jahre alt“, begann der Mann mit geheimnisvoller Stimme.

„Was heißt das konkret?“, forschte Christian.

„Er muss über die Jahrhunderte hindurch an einem trockenen und luftigen Ort gelegen haben, vielleicht auf dem Dachboden der Klosterkirche. Es ist unwahrscheinlich, dass er in einer Gruft oder einem Kellergewölbe lag, weil es dort viel zu feucht ist. Es handelt sich bei dem Toten um einen Mann, der etwa 70 Jahre alt war. Ohne Zweifel kam er nicht aus einfachen Verhältnissen, sondern stammte aus der Oberschicht, wahrscheinlich dem Adel. Seine Kleidung und das Schuhwerk machen das deutlich. Gewebeproben des Mantels, des Gewandes darunter und der Wäsche, sowie Untersuchungen des Schuhleders unterstreichen das Alter. Unsere Textilhistoriker haben alles genau unter die Lupe genommen und sind sich sicher, dass die Objekte aus dem 15. Jahrhundert stammen. Wahrscheinlich aus dem Zeitraum zwischen 1475 und 1500.“

„Gibt es weitere Hinweise?“

Christian lehnte sich im Bürostuhl zurück und spielte scheinbar gelangweilt mit einem Kugelschreiber. In Wirklichkeit versuchte er damit seine innere Anspannung zu überdecken. Diesem Kerl traute er keinen Meter über den Weg.

„Magen und Darm werden wir noch auseinandernehmen. Die Blutproben und Gewebeuntersuchungen laufen noch. Ebenso die vom Gebiss. Da müssen wir uns noch gedulden.“

„Haben Sie etwas bei dem Toten gefunden, in den Taschen des Mantels oder der Hose?“

Mortus zögerte und blickte aus dem Fenster. „Nein“, log er, „wir haben nichts gefunden, was von Interesse sein könnte.“

„Also haben Sie was gefunden.“ Christian blickte ihn entrüstet an. „Raus mit der Sprache, ich will alles wissen. Haben Sie verstanden? Alles!“

Der Arzt kratzte sich am Hinterkopf, dann schnäuzte er sich kräftig. „Wir haben in einer Seitentasche Fetzen von Papier gefunden“, gestand er und räusperte sich; rote Flecken zeigten sich an seinem Hals.

„Wie bitte?“ Christian sprang erregt auf. „Und das erzählen Sie mir erst jetzt? Kaum zu fassen. Her damit!“

„Man kann nichts mehr darauf erkennen“, wiegelte Adolf Mortus ab. „Unser Labor hat überhaupt nichts rekonstruieren können, außer, dass die Fasern des Papiers aus der damaligen Zeit stammen. Das ist alles.“

Christian war innerlich aufgewühlt. Wurde bewusst etwas verschleiert? Steckten andere Interessen dahinter, gar finstere Mächte? Misstrauen und Zweifel stiegen in ihm hoch. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass es hier um etwas Außergewöhnliches ging. Dem wollte er unbedingt nachgehen und den Schleier des scheinbar Verborgenen lüften. Licht in die Dunkelheit bringen, Sprache in die Sprachlosigkeit, Grenzen ignorieren und überschreiten. Die Vergangenheit zur Gegenwart machen, auch wenn das noch so unmöglich schien. Genau das war es, was ihn unbändig reizte.

Es war vor wenigen Tagen gewesen, als sein Telefon klingelte. Die Kriminalpolizei war mit der Aufklärung in diesem ungewöhnlichen Fall nicht weitergekommen, zumal sie keine Erfahrung mit Mumien hatte. Schließlich wandte sie sich ein wenig hilflos an das Historische Seminar der Universität in Göttingen. So war die Akte bei ihm gelandet, weil er seit einiger Zeit für dieses Institut arbeitete und nun als Ermittler tätig war.

Christian Sonnthag hatte eine sportliche Statur und trug sein dunkles Haar etwas länger als früher. Auffallend waren hinter einer runden, schwarzen Hornbrille seine hellwachen Augen, ein interessierter Blick, der alles aufnahm, was sich in der Nähe oder Ferne abspielte. Seinen Sinn für Humor, die warme, tiefe Stimme und die Fähigkeit, galant mit Sprache umzugehen, schätzten seine Freunde besonders. Ausgeprägt war sein Forscherdrang, verbunden mit einer Portion von Mut und Entschlossenheit. Wenn er einmal von etwas begeistert war, ließ ihn die Sache nicht mehr los. Der Drang, die Wahrheit herauszufinden, auch Widerständen zum Trotz, beflügelte ihn. Das war pure Herausforderung, der er sich ganz und gar stellte. Dann vergaß er alles andere, es rückte schlicht in den Hintergrund. „Ich kann nur an einem Ort zu einer Zeit sein und nur Eines tun – und dem will ich mich total hingeben“, war sein Motto geworden.

Er stammte aus einer protestantischen Forscherfamilie, die stets den Dialog mit den Geisteswissenschaften gesucht hatte. Naturwissenschaft, Kultur und Religion galten als Einheit, freilich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Darin kam die Überzeugung zum Ausdruck, dass man sich nur so der Frage nach einer relativen Wahrheit nähern kann, weil es eine absolute nicht gibt.

Christian war auf hoher See geboren. Während einer Expedition seiner Eltern nach Südamerika erblickte er in einer stürmischen Nacht auf der „Helgoland“ das Licht der Welt. Weil der nächstgelegene Hafen Porto Alegre in Brasilien war, wurde dieser zu seinem Geburtsort erklärt. Die Empfindung, dass manchmal alles schwankt, dass das Leben keinen festen Grund hat, bestimmte ihn fortan – verbunden mit der Sehnsucht nach Beständigkeit.

Seine Schulzeit verbrachte er in Hamburg, danach studierte er Physik und Geschichte an verschiedenen Hochschulen und Instituten. Jetzt lebte er in der historisch geprägten Hansestadt Göttingen, die heutzutage durch die Universität und Forschungsinstitute bestimmt wird. Seinen früheren Arbeitgeber in Köln hatte er verlassen, weil ihn ein Angebot jener Uni reizte. Man suchte nach einem fähigen Bewerber für die Stelle zur Dokumentation von Geschichte. Genau dafür war er der richtige Mann, weil er einen Spürsinn für Außergewöhnliches besaß und Erfahrungen in spektakulären Ereignissen vorweisen konnte. Vor wenigen Jahren beherrschte nämlich ein Mordfall im Innenhof des Bückeburger Schlosses tagelang die Schlagzeilen. Im Zusammenhang damit war der ehrwürdige Schlüssel der Schlosskirche gestohlen worden. Christian gelang es, finstere Machenschaften aufzudecken. Niemand traute sich damals, die brisante Verschwörung eines Geheimbundes aufzudecken, die sich bis in höchste Kreise zog. Allein ihm war es zu verdanken, der Wahrheit und Menschenwürde zum Recht zu verhelfen.

Seit einiger Zeit war er wieder Single. Seine langjährige Beziehung zu Petra, einer Frankfurter Ärztin, mit der er die Tochter Laura hatte, war leider in die Brüche gegangen. Beide hatten immer stärker unter ihrer Fernbeziehung gelitten. Die Balance in einer Partnerschaft zwischen Nähe und Distanz gelingt selten, das mussten sie schmerzhaft erkennen. Dennoch versuchten sie fair miteinander umzugehen. Als Vater blühte er richtig auf, wenn die Achtjährige in den Schulferien bei ihm in Göttingen weilte. Dann zeigte er ihr stolz die Altstadt und nahm sie ab und zu mit ins Historische Institut. Dort blätterten beide begeistert in dicken Folianten und vergaßen dabei Raum und Zeit.

Christian verließ die Pathologie in Hannover und startete seinen dunkelblauen Audi. Ohne zu zögern, fuhr er nach Göttingen zu einer Fachfrau für das ausgehende Mittelalter, mit der er gut befreundet war. Erst später, so nahm er sich vor, würde er mit ihr zum Tatort nach Stadthagen fahren, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Bislang unentdeckte Spuren zu sichern und geschichtliche Zusammenhänge zu erkennen, von denen die Polizei keine Ahnung hatte. Besonders beschäftigte ihn die Frage, was der alte Grabstein mit dem Fundort der Mumie zu tun hatte, von dem er in der Akte gelesen hatte. Er war fest davon überzeugt, dass es keine Zufälle gab, dass sich alles genau abspielen musste: der Ort, die Lage, die Zeit.

Aprikose Brauhaus arbeitete seit drei Jahren an der Georg-August-Universität. Ihre Leidenschaft waren nicht nur alte Schriften, sondern speziell Grabsteinplatten, auf denen man oft schwer die Inschriften entziffern konnte. Lateinische, keltische, germanische, gotische – alle Zeichen und Symbole brachten ihr Herz in Wallung. Wie sonderbar sie auch sein mochten, wie deutlich oder kaum leserlich. Besonders die Abkürzungen galten als Herausforderung. Hier war Wissen, aber auch Bauchgefühl gefragt. Ein ständiges Probieren und Suchen nach dem tieferen Sinn. Das Aufspüren der Botschaft hinter den Zeichen, das war es, was sie nachts oft nicht schlafen ließ. Sie wollte den Vorhang der Vergangenheit ein wenig lüften und hinter das schauen, was Generationen vor ihr zu verbergen versuchten. Und dabei vor allem ihre eigene Geschichte entdecken.

Ihre Biographie klang kurz: 1988 war sie in Stadthagen geboren. Die Eltern, Harald und Sandra Brauhaus, stammten aus Potsdam und waren auf dunklen Wegen aus der DDR in die Bundesrepublik gelangt. Nach dem obligatorischen Aufenthalt in Friedland bei Göttingen kamen sie ins Schaumburger Land und ließen sich in Stadthagen nieder. Dort arbeiteten sie im kaufmännischen Bereich einer Spedition, die intensiven Kontakt nach Osteuropa pflegte.

Aprikoses ungewöhnlicher Vorname – es nervte sie jedes Mal, wenn sie danach gefragt wurde – spiegelte angeblich die Sehnsucht ihrer Eltern nach südländischen Früchten wider, die in der DDR stets Mangelware gewesen waren. Erstaunlicherweise soll der Standesbeamte keinen Einspruch erhoben haben, als ihre Eltern damals den Namen angaben. Der Mann schmunzelte sogar, als er die Geburtsurkunde ausstellte. Aber er sagte nichts dazu. Wahrscheinlich sehnte er sich, so wurde erzählt, auch im Westen nach frischen Früchten.

Seit Jahren lebte Aprikose Brauhaus mit dieser Biographie, aber sie war falsch. Als Kind war sie adoptiert worden und kannte die wirklichen Eltern oder mögliche Geschwister nicht. Ihre wahre Herkunft verlor sich im Dunst der Geschichte, in ihrer Erinnerung gab es nur die ungeliebte Pflegefamilie. Allein eine Ahnung trieb sie voran, dass sich hinter ihrem seltenen Namen ein tieferer Sinn verbergen musste – wie Zeichen auf einem alten Grabstein –, den sie nur entdecken konnte, wenn sie bereit war, in den geheimnisvollen Nebel der Vergangenheit einzutauchen. Das wollte sie unbedingt – auf Leben oder Tod.

Aprikose lebte in einer kleinen Wohnung in einem Altbau an der Weender Landstraße, ganz in der Nähe der Universität. Das Haus war im Lauf der Jahrzehnte etliche Male umgebaut worden, überall gab es Ecken und Erker. Christian war ab und zu hier gewesen. Er mochte alte Gebäude, den Charme der Vergangenheit, der sich meistens auf rätselhafte Weise auf die jeweiligen Bewohner übertrug. Die stets quietschende Haustür, die knarrende, breit nach oben schwingende Treppe und der unverwechselbare Geruch aus einer Mischung von Bohnerwachs und muffiger Luft gehörten dazu. Aprikose wohnte unterm Dach. Alle Räume hatten Schrägen und wirkten wie ein gemütliches Zelt. Sensationell war der kleine Dachbalkon Richtung Westen. Nur zwei Stühle und ein winziger Tisch passten dorthin. Das reichte vollkommen, um einen gemütlichen Abend mit einem Glas Rotwein über den Dächern von Göttingen zu genießen und die Gedanken und Gefühle schweifen zu lassen.

Unterhalb des Balkons breitete sich der Bartholomäus-Friedhof aus. Eine kleine Oase in der pulsierenden Studentenstadt. Hier spürte man, wie die Zeit stehenge­blieben war. Vor allem, wie wertvoll sie ist. Der Friedhof war 1747 gegründet worden, zuerst für die Armen der Stadt; später wurde er von den Gelehrten der Universität geschätzt. Christian hatte ihn schon oft aufgesucht, um abzuschalten und zu sich selbst zu finden. Die Ruhe tat ihm immer gut. Das Grün der Bäume, die gemähten Rasenflächen und die zahlreichen Grabsteine mit ihren Geschichten boten Raum für Gott und die Welt. Hier lag das Grab von Christian Gottlob Heyne, dem berühmten Altertumsforscher. Ein Mann, der versucht hatte, eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu schlagen, um damit die Zukunft zu gestalten. Genau wie er – diesem Christian fühlte er sich verbunden.

„A. Brauhaus“ – Christian drückte die Klingel.

Nichts tat sich.

Noch einmal.

Keine Reaktion. Ist sie nicht da?

Er schellte daneben.

Endlich ein Summen. Mit Kraft presste er die schwere Holztür mit den bleiverglasten, grünen Scheiben auf und trat in den düsteren, kühlen Hausflur.

„Wer ist da?“, rief eine helle Stimme von oben.

„Christian Sonnthag. Ich will Aprikose sprechen.“

Er schritt die knarrenden Stufen empor. In der ersten Wohnungstür stand eine junge Studentin mit ungekämmtem Haar, gewickelt in einen bunten Bademantel, den sie krampfhaft zuhielt. Sie blickte ihn mürrisch mit heruntergezogenen Mundwinkeln an.

„Aprikose ist nicht da“, erklärte Victoria Pixell knapp.

Ihre Aussprache mit rollendem R verriet die Herkunft aus den Vereinigten Staaten, genau aus New York. Für drei Jahre besaß sie ein Stipendium als Austauschstudentin für Kunstgeschichte und lebte nun im beschaulichen Göttingen. Im Vergleich zur Weltmetropole war sie hier in der Provinz gelandet, aber sie schätzte diese immer mehr. Weil sie ziemlich sprachbegabt war, fiel ihr Deutsch nicht schwer.

„Wissen Sie, wo sie steckt?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Mit ihr will ich nichts mehr zu tun haben. Sicher ist sie wieder auf dem Friedhof. Da treibt sie sich gerne rum. Manchmal stundenlang. Ich versteh sie nicht.“

„Sie scheinen sich nicht besonders zu mögen“, stellte er fest.

„Früher, als wir noch im Seminar waren, sind wir eng befreundet gewesen“, gab sie zu. „Aber seit wir zusammengezogen sind, gibt’s nur noch Krach. Sie ist sehr seltsam …“

„Wie meinen Sie das?“

„Mann, ist doch egal! Ich hab keine Lust, drüber zu reden.“ Sie verdrehte die Augen und knallte die Wohnungstür hinter sich zu. Die Scheiben klirrten, der Lärm hallte. Dann kehrte Stille ein.

Christian verließ das Haus und ging hinüber zum Friedhof. Stürmischer Wind kam auf, sodass er seine Jacke fest an sich drücken musste. Dunkle Regenwolken zogen heran, aber noch war es trocken. Er bog gerade auf den Hauptweg, als er verdutzt innehielt. War da hinten ein Erdhaufen?

Irritiert schritt er darauf zu und trat näher heran. Der Hügel entpuppte sich als Erdreich von einem ausgehobenen Grab. Seltsam, seit über hundert Jahren wurde der Friedhof nicht mehr genutzt.

Auf einmal erblickte er sie. Aprikose wirkte unnahbar versunken in ihre Arbeit. An einem hohen, rötlich schimmernden Grabstein hockte sie und zeichnete ihn auf einen Block. Ihre Haare zerzausten im Wind.

Er kam zu ihr. „Was machst du hier?“

Verstört schaute sie hoch und starrte ihn an, als würde sie ihn gar nicht kennen und durch ihn hindurchsehen. Ihre Worte kamen langsam und leise.

„Ich habe einen Forschungsauftrag über das Wirken von Cecilie Tychsen“, erklärte sie schließlich und erhob sich wie in Trance. „Sie ist nur 18 Jahre alt geworden und 1812 verstorben. Schau, was die trauernden Eltern und Geschwister eingemeißelt haben:

‚Welkst du, liebliche Blume,

zu zart für die Stürme der Erde,

ach so früh! Dich nahm,

der dich uns schenkte, zurück.

Doch uns lebt dein Heiliges

Bild im sehnenden Herzen,

bis wir in Edens Flur himmlisch

erblühend dich schaun.‘

(Inschrift auf dem Stein für Cecilie Tychsen, 1812, Bartholomäus-Friedhof, Göttingen)

Sind das nicht bewegende Worte? Wie kostbar ist das Leben und wie kurz kann es währen. Meistens gehen wir achtlos mit unserer geschenkten Zeit um, halten sie für unbegrenzt und denken nicht darüber nach, dass es auch ein Ende gibt.“ Sie hielt inne.

„Was berührt dich bei diesen Worten am meisten?“

Sie erstarrte für einen Moment und ihre Augen wurden hell. Ihr Blick ging in die Weite, nicht des Raumes, sondern der Zeit.

„Das ‚Heilige Bild‘, das lebt und von dem Lebenskraft, Sehnsucht und Zukunft ausgehen.“

Aprikoses Worte klangen, als spräche sie nicht von Cecilie Tychsen, sondern von sich selbst.

„Heiliges Bild …“, wiederholte er nachdenklich und war über Aprikoses Reaktion irritiert.

Diese Frau kam ihm auf einmal fremd vor. Irgendein Geheimnis trug sie in sich, ein Rätsel. Christian konnte nicht ahnen, welche Tragweite in ihrer Äußerung lag. Und wie sie sein eigenes Leben bestimmen würde.

Betretene Stille breitete sich aus, niemand sagte ein Wort. Nur die Blätter rauschten im Wind. Zeichen der Zeitlichkeit. Irgendwann hob sie müde den Kopf und blickte nachdenklich zum Erdhaufen hinüber.

„Was ist da hinten los?“, forschte er und schob seine runde Brille zurecht.

„Genau weiß ich es nicht, aber es gibt Gerüchte ...“

„Was für Gerüchte?“

„Hier soll eine alte Leiche ausgegraben worden sein. Es geht um Spuren aus dem finsteren Mittelalter …“

Eine kräftige Böe fegte über den Friedhof und hätte sie beinahe umgerissen. Dann setzte peitschender Regen ein.

*

„Was ist denn das?“, wunderte sich Küster Bracks, als er an einem sonnigen Montag die Klosterkirche säuberte. Zweimal im Jahr war Großreinemachen angesagt. Das war für ihn stets eine Herausforderung, denn ein solch gewaltiges Gebäude verursachte immer viel Staub und Schmutz. Von der Decke und den Wänden rieselten unentwegt Putz und Sand herab. Zeugnisse der vergehenden Zeit.

Zwischen den Ritzen von zwei Sandsteinen entdeckte er etwas Dünnes, Helles, das ihm bislang nie aufgefallen war.

Nervös blickte er sich nach allen Seiten um. Sein Herz pochte, als täte er etwas Verbotenes. Als würde er in einen Bereich vordringen, zu dem ihm der Zutritt verwehrt war.

Vorsichtig zog er den Fund heraus und blies den Staub beiseite. Es war ein sorgfältig geknicktes Schriftstück, etwa so groß wie ein Briefumschlag. Behutsam faltete er es auseinander. Dann setzte er seine Brille auf.

Das Papier war alt und brüchig, die Schrift wirkte aus vergangenen Zeiten. Er konnte die Zeichen nur schwer entziffern. In der Mitte des Blattes war in groben Zügen eine Gestalt dargestellt. Sie wirkte flüchtig hingekritzelt. Am Ende stand in großen Buchstaben ein unverständliches Wort:

„LDVATM“

Gebannt starrte er auf die Lettern. Sie machten keinen Sinn, mit ihnen konnte er überhaupt nichts anfangen. Er grübelte.

„Na, was haben Sie denn da?“

Vor Schreck zuckte er zusammen. Die Frage des Pastors riss ihn aus seinen Gedanken. Am liebsten hätte er das Blatt schnell verborgen, aber das ging jetzt nicht mehr.

„Den Zettel habe ich gerade in einer Steinritze gefunden. Vermutlich ein alter Brief.“

Der Pastor beugte sich über das Schriftstück. „Keine Ahnung, was das bedeuten soll. Vielleicht ist es ein heimlicher Liebesbrief“, lachte er. „Bringen Sie’s doch zum Museum oder zum Staatsarchiv nach Bückeburg. Vielleicht können die was damit anfangen.“

„Museum?“

„Vielleicht besser zur Polizei nach all dem, was passiert ist. Wer weiß, ob sich eine geheime Spur dahinter verbirgt“, äußerte der Pastor auf einmal mit ernster Miene und eilte nach draußen in den Klostergarten.

Polizei?

Karl-Gustav Bracks dachte nicht daran, die Beamten wieder hierherzulocken. Der Einsatz neulich hatte schon genug Staub aufgewirbelt. Die Besucher der Gottesdienste sollten nicht noch mehr verunsichert werden. Polizeiliche Ermittlungen und Kirche – das vertrug sich nicht auf Dauer.

Er vergewisserte sich, dass der Pastor nicht in der Nähe war. Schnell versteckte er den Fund unauffällig hinter der Orgel. Irgendwann würde schon Gras über die Sache wachsen.

Am Abend zog ein schweres Gewitter auf. Es blitzte und krachte. Dazu ergossen sich Wolkenbrüche, die die Straßen in reißende Bäche und Keller in Schwimmbecken verwandelten. Stürmische Winde fegten über das alte Klostergelände, das Dach der Kirche ächzte unter dem gewaltigen Druck. Stadthagen drohte unterzugehen. In der Nacht ging das Toben weiter. Die Natur schien außer Rand und Band geraten zu sein.

Bracks fand keine Ruhe. Er wälzte sich auf dem Bett hin und her, während seine Frau seelenruhig neben ihm schlief und leise vor sich hin schnarchte. Seine Gedanken kreisten. Unentwegt musste er an die geheimnisvolle Schrift hinter der Orgel denken. Gab es einen Zusammenhang mit diesem schrecklichen Unwetter? War das ein Zeichen des Allmächtigen, seine gerechte Strafe? Wirre Vorstellungen quälten ihn die Nacht hindurch und steigerten sich in grausame Fantasien, die Wirklichkeit zu werden drohten.

Endlich fasste er einen Entschluss.

Am Morgen, noch vor dem Frühstück, eilte er vorbei an unzähligen Pfützen und heruntergerissenen Ästen zur Klosterkirche. Mit zittrigen Händen kramte er aus dem Versteck das Schriftstück hervor. Dann wählte er die Nummer der Polizeiwache in Stadthagen und berichtete dem Beamten von dem ungewöhnlichen Fund.

„Wir sind nicht mehr zuständig“, erklärte der Mann abweisend. „Rufen Sie bei der Uni Göttingen an. Im Historischen Seminar. Die bearbeiten das.“

„Haben Sie die Telefonnummer?“

Nach langem Suchen gab ihm der Beamte sie endlich durch. Der Küster legte auf und zögerte. Sollte er wirklich dort anrufen und was für Folgen könnte das nach sich ziehen? Als ihm jedoch das heftige Gewitter wieder einfiel, wählte er die angegebene Nummer.

Er ließ es endlos klingeln. Bis jemand abhob.

„Universität Göttingen, Historisches Seminar, Christian Sonnthag“, meldete sich eine tiefe Stimme.

„Bracks. Ich habe in der Klosterkirche in Stadthagen beim Putzen einen seltsamen Fund gemacht“, begann er stockend und merkte, wie er schwitzte.

„Was haben Sie entdeckt?“

„Ein Schriftstück.“

Christian wurde hellhörig. „Was ist damit?“

„Es wirkt sehr alt. Deshalb rufe ich an. Vielleicht ...“

Christians Herz klopfte aufgeregt. „Das muss ich mir unbedingt anschauen. Ich komme zu Ihnen, heute Nachmittag werde ich da sein. Warten Sie auf mich und lassen den Fund dort, wo er ist.“ Er wollte auflegen, fügte aber noch schnell hinzu: „Sagen Sie niemandem davon. Und rufen Sie bloß nicht die Polizei! Die verstehen davon nichts.“

Der Küster nickte stumm und legte auf.

Christian sprang in seinen Audi und brauste nach Stadt­hagen. Eigentlich wollte er zusammen mit Aprikose dorthin, aber seine Neugier überwog, sofort zu fahren. Außerdem war er sich sicher, dass sie für solch eine spontane Tour nicht bereit gewesen wäre. Sie hätte sich, das war ihre Art, mental darauf vorbereiten müssen.

Zum Glück gab es keinen Stau oder andere Hindernisse auf der A7. Nur die Strecke von der Abfahrtsstelle Bad Nenndorf erwies sich als mühsam. Überall rote Ampeln, lahme Trecker mit Anhänger oder blinkende Baustellenfahrzeuge – er kam nur langsam voran. Seine Un­ruhe wuchs, als direkt vor den Toren der Stadt ein Unfall passierte. Zwei Fahrer hatten nicht aufgepasst und waren an einer Kreuzung ineinandergerauscht. Blechschaden. Wüste Beschimpfungen folgten, bis die Polizei erschien.

Nervös trommelte Christian gegen das Lenkrad. Erst nach einer Weile konnte er weiterfahren.

Endlich bog er in die schmale Klosterstraße, parkte und stieg aus dem Wagen. Das schmiedeeiserne Tor zum Klostergarten war fest verschlossen. Er rüttelte. Nichts tat sich. Seltsam. Wo steckte Bracks? Er spähte durch die Gitterstäbe. Niemand war zu sehen. Hoffentlich war nichts passiert.

Er hielt den Küster für einen zuverlässigen Mann, auf den man bauen konnte, der Termine und Absprachen einhielt. Dieses Verhalten schien überhaupt nicht zu ihm zu passen.

Plötzlich hatte er das Gefühl, als tippte jemand ihm von hinten auf die Schulter.

Erschrocken fuhr er herum, blickte hastig nach rechts, dann nach links.

Aber da war keiner. Die Straße wirkte menschenleer.

Oder doch nicht?

Ganz am Ende der Straße nahm er eine dunkle Gestalt wahr. Sie verharrte regungslos und schien ihn direkt anzustarren. Hemmungslos, minutenlang.

Christian spürte die unausgesprochene Warnung: „Was willst du? Hau ab! Ich will dich hier nicht sehen. Komm ja nicht wieder. Wir bewachen das alte Klostergelände Tag und Nacht. Da kommt niemand einfach so rein. Verschwinde!“

Ohne zu zögern, machte Christian kehrt und eilte zu seinem Wagen. Die Reifen quietschten. Bloß weg.

Auf einem Parkplatz am Stadtwall stoppte er und überlegte. Er musste unbedingt dieses Schriftstück in den Händen haben. Egal, wie. Wahrscheinlich enthielt es eine Spur im Fall der mysteriösen Mumie. Immer wieder versuchte er, den Küster telefonisch zu erreichen. Vergeblich. Inzwischen machte sich seine Frau große Sorgen.

„Ich werde Ihren Mann finden, verlassen Sie sich darauf“, versuchte er sie zu beruhigen.

Die Frau fing an zu schluchzen. „Wenn ihm etwas passiert ist? Nicht auszudenken! Ich will nicht länger warten, ich rufe bei der Polizei an.“

„Bitte nicht die Polizei“, drängte Christian. „Ihr Mann macht sicher nur ein paar Besorgungen. Oder er hat einen alten Schulfreund getroffen, mit dem er jetzt munter in einer Kneipe hockt.“

„Kneipe – mein Mann?“ Ihre Stimme überschlug sich.

„Egal, wo auch immer. Geben Sie mir ein paar Stunden Zeit. Bis heute Abend, okay?“

Es hatte ihr die Sprache verschlagen und sie legte verstört auf. Eine Spur des Zweifelns zerriss ihr Herz und wuchs zur Verzweiflung. Was wäre, wenn ihr Mann ein Doppelleben führte? War er nicht manchmal stundenlang weg, gelegentlich sogar über Nacht? Gab es den angeblichen Freund in Göttingen wirklich, zu dem er mit seinem schweren Motorrad brauste? Quälende Fragen, die ohne Antwort blieben.

Hoffentlich dreht die Frau nicht durch, flehte Christian innerlich.

Ein mulmiges Gefühl blieb. Christian spähte durch die beschlagenen Autoscheiben und versuchte, den Überblick zu behalten. Nach einer Weile stieg er vorsichtig aus und ging zum Marktplatz. Das alte Rathaus mit der reich verzierten Fassade aus Sandstein sowie die Kirche Sankt Martini zogen seinen Blick an.

Eine seltsame Spannung lag in der Luft. Er spürte, dass irgendetwas passieren würde, ja geschehen müsste. Vielleicht erst, wenn es stockfinster war. Wenn sich die Helligkeit zurückgezogen hatte, um dem Geheimen Platz zu machen, dem Unheimlichen und dem Verbrechen.

Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, begab er sich in ein traditionelles Restaurant und begann in Ruhe, Wildbraten aus regionalem Wald zu essen. Doch in Wirklichkeit war er nervös und mit den Gedanken ganz woanders. Wirre Bilder und Fantasien stiegen in ihm hoch. Diffuse Ängste machten sich breit und ließen sich auch nicht durch das Schaumburger Bier wegspülen.

Inzwischen war es draußen dunkel geworden. An den Tischen neben ihm saßen Leute, die sich gedämpft unterhielten. Ab und zu lauschte er den Gesprächen. Ging es um Belanglosigkeiten – oder hatte er aufschlussreiche Stichworte überhört? Tuschelten die Leute über ihn? Er fühlte sich unwohl.

Immer wieder schweifte sein Blick aus dem trüben Fenster über den spärlich beleuchteten Marktplatz. Ging da gerade Bracks vorbei – oder die düstere Gestalt? Angestrengt rieb er sich die Augen. Noch ein starker Kaffee.

Bald zahlte er und verließ das Lokal.

Er blickte sich um. Auf dem Marktplatz hatte sich eine Gruppe von etwa zwanzig Leuten versammelt. Sie schienen auf jemanden zu warten.

Da kam er auch schon, der Nachtwächter. Er trug einen breiten Hut und war mit einem langen, braunen Mantel gekleidet. In der einen Hand hielt er eine leuchtende Laterne, in der anderen einen kräftigen Stock.

„Meine Damen und Herren, bitte folgen Sie mir“, rief er mit kräftiger Stimme den Umherstehenden zu.

Christian mischte sich aus Neugier unter die Leute und ging mit ihnen. In dieser Gruppe fühlte er sich sicher.

Der Nachtwächter erklärte die Bauwerke, die den Platz säumten, und sparte nicht mit lustigen Anekdoten. Die Leute lachten jedes Mal schallend. Nur zwei Personen blieben angespannt und beobachteten genau die Lage. Nach geraumer Zeit verließ die Gruppe den Marktplatz und bog in die Klosterstraße. Die Laterne tanzte unruhig hin und her. Wie ein flackerndes Irrlicht.

Die Nervosität stieg. Christians Herz klopfte schneller, er ahnte, wohin es gehen würde. Mit sicherem Schritt näherte sich der Wächter dem Tor zum Klosterareal. Umständlich zückte er seinen Schlüssel und öffnete es. Grausiges Quietschen hallte durch die Nacht.

Wo war der Unbekannte? Würde er die Gruppe daran hindern, den Klostergarten zu betreten?

Nichts geschah. Die Gruppe trat ein. Nur Christian spürte einen feindlichen Blick hinter seinem Rücken. Wie sich in einen Leib bohrende Pfeile. Den Mann mit dem In­frarot-Fernglas, oben auf dem Balkon des gegenüberliegenden Hauses, konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen.

Nun schloss der Nachtwächter die knarrende Kirchentür auf und bat die Gruppe einzutreten. Er schaltete den großen Kronleuchter an, das Licht flammte auf und tauchte die Kirche in feierlichen Schein. Dann bat er die Besucher um Ruhe und begann mit ausführlichen Erklärungen. Besonders ging er auf die alten Grabsteine ein, die in stattlicher Größe an der Wand aufgereiht standen. Nur einen Stein ließ er bei seinen Erläuterungen aus: den dritten auf der linken Seite. Ausgerechnet den!

Irgendwann hörte Christian nicht mehr richtig zu, sondern inspizierte unauffällig den Kirchenraum. Den Tatort.

Nach einer Weile beendete der Mann seine Beschreibungen und ließ den Besuchern Zeit, sich alles selbst in Ruhe anzuschauen. Kaum, dass es jemand bemerkte, verschwand er für einen Augenblick. Hastig kletterte er auf steilen Stufen zur Empore. Dort stand die Orgel.

Plötzlich ein Klirren und Scheppern. Ein Notenständer war umgefallen und hatte einen zweiten mitgerissen.

Christian schreckte auf und starrte nach oben. Niemand war zu sehen. Die hölzerne Brüstung verhinderte den direkten Blick. Diese Klosterkirche wurde ihm immer unheimlicher. Vieles schien sich hinter den Kulissen im Verborgenen abzuspielen.

So schnell, wie der Wächter oben gewesen war, stand er auch wieder unten und mischte sich unter die Leute. Bald hieß es, die Kirche zu verlassen.

„Wir wollen weiter“, rief er mit kräftiger Stimme, „die Amtspforte wartet auf uns.“

Die Menschen strebten nach draußen, doch der Ausgang war eng. Für einen Augenblick entstand Gedränge. Die Leute schoben und schubsten, als ginge es um ihr Leben. Christian war ein solch rücksichtsloses Verhalten zuwider, gerne ließ er die anderen vorgehen.

Auf einmal rempelte der Nachtwächter ihn kräftig von der Seite an. Er merkte, wie der Mann seine Hand packte und ihm etwas Dünnes zusteckte. Alles geschah in Bruchteilen von Sekunden. Christian sah ihn verdutzt an.

Der Mann raunte ihm wenige Worte zu. „Gut, dass Sie gekommen sind. Ich hatte damit gerechnet.“

Karl-Gustav Bracks war heute der Nachtwächter. Erstaunlich, dass er den Mann aus Göttingen erkannt hatte.

Christian spürte brüchiges Papier in seiner Hand. Rasch ließ er es in der Jackentasche verschwinden. Er hoffte, dass niemand etwas mitbekommen hatte. Schnell trat er hinaus ins Freie und tauchte ein in das Dunkel und die Kälte der Nacht. Die Gruppe bewegte sich nun in Richtung der Amtspforte, eines prächtigen Fachwerkgebäudes aus dem Jahr 1553, das in der Nähe des Schlosses lag. Die schwankende Laterne leuchtete voran.

Christian verlangsamte den Schritt, um ganz hinten zu gehen. Als die Klosterstraße eine Biegung machte, blickte er sich um. Niemand schien ihm zu folgen. Er spähte nach einer Lücke zwischen den Häusern. Irgendwo musste es eine geben.

Da! Eine Hauseinfahrt mit Hinterhof. Noch einmal der Blick zurück. Schnell verließ er den Weg und verschwand in der Finsternis. Seine Jacke presste er an sich. Niemals darf dieses wertvolle Dokument verloren gehen oder in falsche Hände geraten!, sagte er sich.

Über Umwege erreichte er den Parkplatz am Stadtwall. Schon von fern entdeckte er seinen Wagen, völlig einsam. Während tagsüber die Autos dicht an dicht parkten, herrschte jetzt gähnende Leere.

Nicht ganz. An der Seite bei den Büschen stand ein dunkler Transporter, dahinter ein schweres Motorrad. Zwei Männer warteten daneben und qualmten.

Vorsicht!

Christian war die Situation nicht geheuer. Wenn die mir auflauern und mich verfolgen? Oder gleich überfallen, ausrauben und das Schriftstück an sich reißen? Hat das Göttinger Kennzeichen mich verraten? Mit jeder Frage spürte er, wie das Risiko stieg. Das durfte er unter keinen Umständen eingehen. Er machte kehrt und lief kreuz und quer durch die nächtliche Stadt, bis er endlich ein Taxi fand.

„Zum Bahnhof. Ich muss unbedingt nach Hannover“, erklärte er und schlug die Wagentür zu.

„So spät fahren da nur noch Güterzüge hin“, grinste der Fahrer. „Die sind echt lahm, dafür aber geräumig und sogar kostenlos. Allerdings eiskalt heute Nacht.“

Christian nickte verärgert. „Dann fahren Sie mich direkt nach Hannover.“

Das Taxi startete. Erst als es Stadthagen verlassen hatte, atmete Christian erleichtert auf und merkte, wie er sich langsam entspannte. Ich habe das rätselhafte Schriftstück – das wäre erst einmal geschafft! Meinen Wagen werde ich morgen abholen, auch wenn der Parkschein längst abgelaufen ist. Egal, auf jeden Fall am helllichten Tag.

Im sicheren Hotelzimmer in Hannover zog er das Schriftstück hervor. Gespannt faltete er es auseinander. Er starrte auf die Seite und raufte sich unruhig die Haare. Eisige Kälte, wie Schlangengift, kroch in ihm hoch. Er ahnte nicht, dass dieses Blatt Papier sein Leben verändern sollte.

Kapitel 2 Alles ist relativ

Die Nacht im Hotel in Hannover war grauenvoll gewesen. Christian war nicht zur Ruhe gekommen, weil angetrunkene Gäste auf dem Flur lärmten. Außerdem drang Krach vom nahen Bahnhof durchs Fenster. Weil die Klimaanlage nicht funktionierte, hatte er es einen Spalt weit geöffnet. Ohne frische Luft in der Nacht fühlte er sich eingesperrt. Zu allem Übel war die Matratze für seinen Rücken eine Katastrophe.

Am nächsten Morgen, gleich nach einem kargen Frühstück, war er mit der S-Bahn zurück nach Stadthagen gefahren, um seinen Wagen abzuholen, zum Glück ohne Knöllchen. Dann ging es endlich wieder nach Göttingen. Erst am Abend fand er Zeit, Aprikose Brauhaus aufzusuchen.

Zum Glück traf er sie im Historischen Seminar der Uni an, dort, wo Urkunden und Schriften entziffert wurden. Sie hockte sich an ihren Schreibtisch und schaltete die Tageslichtlampe ein. Diese besaß ein spezielles Spektrum, das dem des Tageslichts in optimaler Weise entsprach.

Die Arbeit an den Originalen stand immer an erster Stelle. Erst dann kamen Abschriften, Kopien, digitale oder herkömmliche Fotografien infrage. Dafür standen teure Geräte zur Verfügung, auch welche zur Durchleuchtung und Untersuchung von unterschiedlichen Schichten. „Von den Schichten zur Geschichte“ – das war für Christian ein beliebtes Wortspiel, das er gerne in Diskussionsrunden warf und zum Nachdenken anregte.

„Was kannst du dazu sagen?“ Christian schaute seine Arbeitskollegin gespannt von der Seite an.

Aprikose setzte eine Brille auf, zog dünne Handschuhe an und betrachtete aufmerksam das Schriftstück. Zwischen den Fingern befühlte sie die Dicke des Papiers. Dann kramte sie aus einer Schublade eine starke Lupe und beugte sich tief darüber.

Sie schwieg.

Christian wurde ungeduldig. „Nun sag schon …“

Sie mochte solches Drängen nicht. Wissenschaft brauchte Zeit und unendlich viel Geduld. Vorschnelle Antworten, so ihre Erfahrung, waren meistens nicht hilfreich. Entweder stellten sie sich als absolut falsch heraus und führten in eine verkehrte Richtung, oder sie waren nur teilweise richtig. Wie auch immer – wenn sie erst einmal in der Welt kursierten, konnte man sie nur äußerst schwer wieder korrigieren. Besonders, wenn Medienleute Wind davon bekommen hatten und eine Sensation vermarkten wollten. Wahrheit hin oder her, die war denen nicht so wichtig. Deshalb arbeitete sie lieber langsam und gewissenhaft.

Natürlich konnte sie die Ungeduld ihres Freundes verstehen. Hatte dieser doch viel riskiert, um das rätselhafte Stück hierherzubringen. Dennoch galt für sie: Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.

Nach geraumer Weile blickte sie auf und nahm ihre Brille ab. Sie griff zu einem Glas Mineralwasser und trank in Ruhe ein paar Schlucke.

Erst jetzt begann sie zu erklären: „Das Dokument ist alt, vermutlich stammt es aus dem 15. Jahrhundert.“

„Wie kommst du darauf?“

„Das Papier zeigt Merkmale in der Struktur, die es später nicht mehr gegeben hat. Das heißt, es könnte sogar noch etwas älter, also aus dem 14. Jahrhundert sein. Ich werde das genau im Labor prüfen lassen.“

„Mir reicht eine ungefähre Altersbestimmung.“ Christian blickte sie zufrieden an.

„Als Schrift wurde schwarze Tinte benutzt. Keine künstliche, sondern eine Mischung aus Ruß in einer Leimlösung, vielleicht mit etwas Eisenoxyd versetzt. Auch hier kann unser Labor herausfinden, aus welcher Region die einzelnen Substanzen stammen.“

„Das hört sich interessant an. Ist solch eine Analyse schwierig?“

„Wir müssten die originale Tinte von einem Buchstaben abschaben und untersuchen. Dabei würden wir natürlich das Schriftstück leicht verletzen. Anders geht’s nicht.“

„Das können wir ja noch offen lassen. Wie deutest du den Inhalt, die Zeichen?“

Genau darauf kam es Christian an. Er hatte sich bereits seine eigene Deutung zurechtgelegt, aber er wollte sie von einer Fachfrau hören.

„Meiner Meinung nach handelt es sich um eine flüchtige Zeichnung, die auf ein bestehendes oder noch zu malendes Bild hinweist. Wobei es nicht auf Details ankam, sondern auf den Gesamteindruck, verbunden mit sechs bedeutsamen Buchstaben …“

Auf einmal weiteten sich ihre Augen und ihr Puls ging schneller. Eine seltsame Spannung breitete sich aus. Es war, als stieg eine alte Ahnung in ihr hoch. Das untrügliche Gefühl, solch eine Situation schon einmal erlebt zu haben. Aprikose strich sich unruhig durch ihre rotblonden Haare. Dann schloss sie die Augen und saß wie versteinert da. Sie sah Bilder vor sich, die starke Empfindungen auslösten. Unmerklich zitterte sie. Ein Beben aus der Vergangenheit erfasste sie und brachte ihre Seele in Schwingungen, denen sie sich nicht entziehen konnte.

„Ist es eine Skizze von einem Bild oder eher ein Entwurf?“, fragte er in die Stille hinein und merkte nicht, was in ihr vorging.

Ein kräftiger Ruck zuckte durch ihren Leib. Aprikose schüttelte sich und brauchte Augenblicke, bis sie ihre Sprache wiederfand. Fahrig strich sie die Haare zur Seite.

„Was hast du gesagt?“, hauchte sie und blickte ihn mit glasigen Augen an.

Arglos wiederholte er seine Frage.

„Schwer zu sagen“, begann sie stockend, wobei sich ihre Stimme wie aus einer anderen Welt anhörte. „Beides könnte möglich sein. Aber ich vermute, dass es eine Skizze ist.“

„Warum?“

„Weil die Zeichnung ungenau ist. Schau hier: Die Gestalt in der Mitte ist umrissen dargestellt. Skizzenhaft angedeutet. Wenn es ein Entwurf wäre, würde alles viel genauer sein.“

„Das bedeutet, dass es ein richtiges Bild gegeben hat. Jenes hat der Zeichner gesehen und auf dieser Skizze festgehalten“, folgerte Christian. „Vielleicht gefiel es ihm und er wollte es nachmalen.“

„Oder es gefiel ihm nicht und er wollte es in seinem Sinn verändern.“

„Auf jeden Fall war das Bild für ihn wichtig. Sonst hätte er keine Skizze davon gemacht.“

Die Gestalt auf der Zeichnung breitete die Arme und Füße weit auseinander.

„Was meinst du, was könnte das für eine Person sein?“, fragte er neugierig weiter.

„Wenn ich das wüsste!“

„Du weißt doch sonst immer alles“, schmeichelte er ihr.

„Mein Lieber, das sind nur Vermutungen ...“

Gespannt blickte er sie an. Jetzt durfte er sie nicht unterbrechen, musste ihr das Wort lassen.

„In der Malerei des späten Mittelalters kommen überwiegend religiöse Motive vor. Ich glaube, dass Jesus am Kreuz dargestellt ist. Also ist es ein Kruzifix. So sehen unzählige Bilder aus dem 15. Jahrhundert aus und entsprechen damit ganz der römischen Tradition.“

„Dennoch stimmt etwas mit diesem Bild nicht, sonst hätte man keine Mumie gefunden“, ergänzte er.

„Wenn es da einen Zusammenhang gibt, ist genau das das Rätselhafte“, bekräftigte sie und blickte ihn verstört an. „Irgendwie stimmen die Proportionen nicht, wie man sie von einem Kruzifix kennt. Die Arme und Beine sind zu lang geraten und seltsam weit ausgestreckt. Sehr ungewöhnlich.“ Bruchstücke von Gefühlen keimten in ihr auf, ohne einen Zusammenhang. „Ich glaube, solch ein Bild schon einmal gesehen zu haben ...“

„Wo war das? Erinnere dich ...“ Gebannt sah er sie an.

Sie wurde blass und starrte vor sich hin. Fast hörte sie auf zu atmen.

„Keine Ahnung“, antwortete sie schließlich, rieb sich die müden Augen und gähnte. „Vielleicht bei Vitruv...“

„Bei wem?“

„Vitruvius. Ein römischer Gelehrter, er soll dabei gewesen sein, als Caesar ermordet wurde. Soweit ich mich erinnere, hatte er besondere Theorien.“

„Das klingt spannend.“ Christian schaute sie interessiert an.

Auf einmal, völlig unvermittelt, wiegelte sie ab. „Unsinn, ich irre mich!“

Sprachlos starrte er sie an.

Mehrmals wiederholte sie ihren Irrtum und steigerte sich in ablehnende Formulierungen hinein.

Aprikose Brauhaus irrte sich nicht.

Eine bedrückende Pause entstand. Keiner wusste im Augenblick, was er sagen sollte.

Dicke Regentropfen prasselten gegen die Scheiben des Instituts. Kräftige Böen fegten um die Ecken. Irgendwo war Donnergrollen zu hören. Plötzlich zuckte ein greller Blitz und tauchte für Sekunden den Raum in fahles Licht.

Unheimliche Zeichen, die bedrohlich näher kamen.

Christian tat so, als würde er das Unwetter nicht bemerken. Doch in seinem Inneren setzte sich das Beben des Donners fort.

„Was bedeuten die Buchstaben?“, fragte er, um zum Thema zurückzukehren.

„LDVATM“, las sie vor, als läge im lauten Lesen die Lösung. „Ein Wort kann es nicht sein, dafür müsste es mehr Vokale geben. Ein einzelnes A reicht nicht.“

Er nickte. „Es könnte eine römische Zahl darin enthalten sein, die ein bisschen durcheinandergeraten ist. Oder absichtlich so gestaltet wurde:

V – für 5

L – für 50

D – für 500

M – für 1000

Das ergibt 1555. Ich würde zu gerne wissen, was in dem Jahr los war.“

Aprikose erhob sich und schritt zum Bücherregal. Auf Zehenspitzen zog sie ein dickes Buch hervor. Es war ein spezielles Lexikon, das Ereignisse nach Jahreszahlen aufführte.

Sie blätterte und fand, was sie suchte. „1555 – in dem Jahr wurde der italienische Barockmaler Ludovico Carracci geboren. Im selben Jahr ist der niederländisch-deutsche Künstler des Manierismus, Bartholomäus Bruyn, gestorben.“

„Mmmh, die Namen habe ich noch nie gehört. Trotzdem interessant. Vielleicht helfen die uns irgendwie weiter.“

„Nur A und T passen nicht. Dafür gibt es keine römischen Zahlen“, stellte sie nüchtern fest.

„Klar. Was kann es sonst sein?“, bohrte er nach. „Vielleicht ist alles eine Abkürzung.“

„Es ist möglich, dass es sich um die Kürzel der Anfangsbuchstaben eines Satzes handelt. Im Kontext des späten Mittelalters sicherlich keiner in deutscher, sondern in lateinischer Sprache.“

„Das V spricht dafür.“

„Wenigstens nicht dagegen.“

„Vielleicht ist es ein Name. V wie Vitruv?“

Sie wurde blass. „Hör auf mit dem!“, rief sie verärgert und merkte, wie sich ihr Magen verkrampfte.