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Ein totes Baby, eine verschwundene Mutter, eine Polizistin am Limit Mitten in der Nacht fliehen zwei Frauen in Panik durch die schwedischen Wälder. Beide sind hochschwanger, die Verfolger ihnen dicht auf den Fersen. Kurz darauf wird Polizistin Hannah Wester mit einem neuen Fall konfrontiert: Im Unterholz hat man ein totes Baby entdeckt, die Mutter ist verschwunden. Hannah, die vor einem Jahr ihren Mann verloren hat und gerade erst im Dienst zurück ist, stürzt sich mit aller Energie in die Ermittlungen. Und sie stößt auf einen Fall, der über alles hinausgeht, was sie sich je hätte vorstellen können.
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Seitenzahl: 534
Veröffentlichungsjahr: 2026
Hans Rosenfeldt
Thriller
Ein totes Baby, eine verschwundene Mutter, eine Polizistin am Limit
Mitten in der Nacht fliehen zwei Frauen in Panik durch die schwedischen Wälder. Beide sind hochschwanger, die Verfolger ihnen dicht auf den Fersen.
Kurz darauf wird Polizistin Hannah Wester mit einem neuen Fall konfrontiert: Im Unterholz hat man ein totes Baby entdeckt, die Mutter ist spurlos verschwunden.
Hannah, die ihren Mann verloren hat und gerade erst im Dienst zurück ist, stürzt sich mit aller Energie in die Ermittlungen. Und sie stößt auf einen Fall, der über alles hinausgeht, was sie sich je hätte vorstellen können.
Vom Drehbuchautor der Erfolgsserien «Die Brücke – Transit in den Tod» und «Marcella».
Hans Rosenfeldt, Jahrgang 1964, ist einer der angesehensten Drehbuchautoren Schwedens und Schöpfer der bislang erfolgreichsten skandinavischen Serie «Die Brücke», die in über 170 Ländern ausgestrahlt wurde und zahlreiche Preise erhielt. Für die britische Fernsehserie «Marcella» wurde er mit dem British Screenwriters’ Award in der Kategorie Best Crime Writing on Television ausgezeichnet. Zuletzt verantwortete er das Drehbuch für die Serienverfilmung von «Ronja Räubertochter».
Als Teil des Autorenduos Hjorth & Rosenfeldt schrieb er acht Kriminalromane der Sebastian-Bergman-Reihe, die in 34 Ländern erscheint und sich weltweit über 4 Millionen Mal verkauft hat – allein in Deutschland 2,8 Millionen Mal. Alle Bände befanden sich monatelang in der Top 10 der Spiegel-Bestsellerliste.
Maike Barth übersetzt Belletristik und Sachbücher aus dem Schwedischen, Dänischen und Norwegischen, unter anderem von Ann-Helén Laestadius und Peter Englund. Sie lebt in Schleswig-Holstein.
Antje Rieck-Blankenburg hat Skandinavistik und Literaturwissenschaft studiert. Sie übersetzt vorwiegend aus dem Schwedischen und hat u. a. Werke von Arne Dahl und Fredrik Backman ins Deutsche übertragen. Sie lebt in Bühl/Baden und in Frankfurt am Main.
Die Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel «Skördebarn» bei Norstedts, Schweden.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«Skördebarn» Copyright © 2025 by Hans Rosenfeldt
Redaktion Andrea Groll
Covergestaltung FAVORITBUERO, München
Coverabbildung Shutterstock
ISBN 978-3-644-00306-4
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Das Schiff Brachte den Tod mit sich.
Seit Anders Rydberg, ein Zimmermann auf einer Werft in Göteborg, der Krankheit im Juli 1834 als Erster zum Opfer gefallen war, hatte sie in einer Welle nach der anderen Zehntausende Opfer gefordert. Doch sie war nicht bis nach Haparanda vorgedrungen.
Das sollte noch zweiunddreißig Jahre dauern.
Bis zum Spätsommer 1866.
Die Seuche kam ausgerechnet mit dem Dampfschiff Haparanda, das am vierten August von Stockholm aus lossegelte. Beim Halt in Ratan ging sie an Bord, und während der fortgesetzten Fahrt in Richtung Norden erkrankten mehrere Passagiere, und ein Besatzungsmitglied starb. Die sechs Personen mit den schwerwiegendsten Symptomen wurden in Piteå zur Behandlung abgesetzt, wo die Hälfte von ihnen innerhalb von vierundzwanzig Stunden starb. Als die Krankheit in der Stadt nach einem guten Monat abklang, hatte sie weitere dreiundzwanzig Menschen ins Grab gebracht.
Alle Passagiere mit nur leichten Symptomen setzten ihre Reise fort.
Bis hin zu dem kleinen Ort Salmis, dem Hafen von Haparanda.
Dort wurden sowohl die Besatzung als auch die Passagiere in einem eilig bereitgestellten Gebäude isoliert, das als Quarantänestation herhalten musste. Man tat, was man konnte, was allerdings nicht gerade viel oder zumindest nicht angemessen war. Kalte und warme Wickel, Senfumschläge auf dem Bauch, Hauteinreibungen mit Branntwein, Kampfer und Terpentin. Der akute Flüssigkeitsmangel wurde durch Aderlass und die Gabe von Brechmitteln nur noch verschlimmert.
Über dreißig weitere Menschen verstarben.
Wie an so vielen anderen Orten in Schweden wurde im Wald ein Massengrab ausgehoben, in das man die Leichen ohne jegliche Zeremonie beförderte. Erst weit später sollte das Gebiet mit einer schweren Eisenkette eingefriedet und mit Laternen sowie einer Tafel versehen werden, auf der die Geschichte und die Namen der Toten aufgelistet waren.
Die Namen all jener, die auf dem Cholerafriedhof von Salmis begraben lagen.
Von alldem wsste Natalia nichts.
Sie war mehr oder weniger über die robuste Kette gestolpert, hatte das Gleichgewicht verloren und war ins moosbewachsene Gebüsch gefallen, ohne wieder aufstehen zu können. Ihr Körper weigerte sich zu gehorchen. Die Schmerzen überwältigten sie.
Dardana mahnte zur Eile.
Sie mussten weiter. Waren noch nicht weit genug gekommen. Längst nicht weit genug. Man würde sie finden. Und zurückbringen.
Natalia begriff, sah es genauso, wollte nichts lieber als wegkommen, aber es tat so weh. So entsetzlich weh. Irgendetwas stimmte nicht. Sie wusste nicht viel über Schwangerschaften, aber sie wusste, dass es sich nicht so anfühlen sollte. Sie hatte schon von Entbindungen gehört, die sich ganze zwölf Stunden hinzogen, vierundzwanzig, zwei volle Tage. Von den Schmerzen und der Erschöpfung. Von dem Vergleich mit einem Volleyball, der durch einen Gartenschlauch gepresst wurde. Doch niemand hatte je irgendetwas von dem erwähnt, was sie gerade erlebte. Es war, als würden sich ihr zwei glühende Messer in die Seite bohren, was jede Bewegung unmöglich machte, sodass sie kaum Luft holen konnte.
«Bitte, Natalia, wir müssen weiter.»
Sie nickte, wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß aus dem Gesicht, presste die Kieferknochen aufeinander und versuchte, wieder auf die Füße zu kommen. Doch sie fiel mit einem lauten Schrei wieder zurück. Dardana ging neben ihr in die Hocke, legte einen Arm um ihren Rücken, ergriff ihre Hand und versuchte, ihr aufzuhelfen. Doch es ging nicht. Sie konnte sich nicht bewegen.
Noch nicht, jetzt nicht.
Sie atmete schwer und stoßweise.
Noch vor wenigen Minuten, als sie hastig den Salmisväg überquert hatten und auf der anderen Straßenseite in den Wald verschwunden waren, hatte sie in ihrem Bauch ungewöhnlich viel Aktivität verspürt. Das Baby hatte zwar schon vorher lebhaft um sich getreten, vor allem nachts, aber nicht in diesem Ausmaß. Es waren immer entschlossene, aber ruhige Bewegungen gewesen, als hätte es sich gestreckt oder im immer enger werdenden Raum eine bequemere Position gesucht. Natalia hatte es nie als unangenehm empfunden. Im Gegenteil. Es hatte ihr gefallen, die Hand auf ihren wachsenden Bauch zu legen und die Augen zu schließen. So zu tun, als sei das kleine Wesen, das sie in sich trug, ihr eigenes. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es wohl aussah, in dem Bewusstsein, dass sie es höchstwahrscheinlich nie erfahren würde.
Doch die heftigen Tritte beim Überqueren der Straße waren anderer Natur gewesen. Als würde es dort drinnen auf einmal um sein Leben kämpfen. Als würde es ertrinken. Versuchen, irgendwie hinauszugelangen. Kurz darauf war es ruhig geworden.
Absolut ruhig. Viel zu ruhig.
Und dann hatten die Schmerzen eingesetzt.
Sie hatte gespürt, wie irgendetwas in ihrem Inneren platzte, zerrissen wurde, hatte versucht, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzulaufen, gehofft, dass der Schmerz vorübergehen würde. Doch dann war sie über die niedrighängende Eisenkette gestolpert, die mehr oder weniger im Gestrüpp verborgen und im abnehmenden Tageslicht kaum zu sehen gewesen war.
Der Schritt ihrer grauen Jogginghose wurde auf dem noch immer sommerwarmen Boden auf einmal feucht und warm. Das Fruchtwasser ging ab. Sie wusste nicht viel mehr über dessen Bedeutung, als dass die Geburt nun unmittelbar bevorstand. Aber sollte es wirklich rot sein? Klebrig und dick? Wie Blut? Sie glaubte es nicht.
«Was ist los?»
Die Panik in Dardanas Augen bestätigte, was sie eigentlich bereits wusste. Irgendetwas stimmte nicht.
Ganz und gar nicht.
Das Bett neben ihr war leer. Unangerührt.
Hannah wusste noch, wie sehr es sie genervt hatte. Ihre unterschiedlichen Tagesrhythmen. Thomas war abends früh zu Bett gegangen und hatte bereits geschlafen, wenn sie ins Zimmer kam, war schon wieder aufgestanden und aus dem Haus gegangen, wenn sie morgens aufgewacht war. Der zunehmende Abstand zwischen ihnen. Aber er war zumindest da gewesen. Am Leben, in ihrem Leben.
Was hätte sie nicht alles gegeben, um diese Zeit zurückkriegen zu können.
Ihn zurückzukriegen.
Sie drehte sich auf den Rücken, schaute an die Decke und erblickte die Lampe, über deren Attraktivität sie geteilter Meinung gewesen waren.
Wann entschied man sich für ein Einzelbett? Sie ertappte sich bei der Frage. Niemals? Wenn man umzog? Das Zimmer wechselte?
Sie wusste es nicht.
Seufzend schlug sie die dünne Bettdecke zur Seite und warf die Beine über die Bettkante. Blieb sitzen. Sie müsste aufstehen, duschen, frühstücken und sich dann auf den Weg machen. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie wieder Verpflichtungen.
Nach der Beerdigung im vorigen Jahr waren die Kinder bis Anfang August geblieben. Gabriel war schließlich nach Uppsala zurückgefahren, Alicia nach Lund. Er, um sein Studium fortzusetzen, sie, um ihres anzufangen. Ihr Leben weiterzuleben. Genau wie vorhergesehen pflegten sie jetzt nur noch sporadischen Kontakt. In diesem Sommer waren beide pflichtschuldig für eine Woche zu Besuch gekommen, bevor sie zu ihren Ferienjobs, Lehrgängen, Freundeskreisen und Herzensmenschen zurückkehrten. Zu dem Leben, das sie sich unabhängig von Hannah aufgebaut hatten. Sie konnte es ihnen nicht verdenken, denn sie selbst hatte nicht viel zu bieten. Thomas war derjenige gewesen, der die Familie zusammengehalten hatte.
Doch Thomas war nicht mehr da.
Sie stand auf und ging ins Bad, zog den Slip aus und setzte sich zum Pinkeln auf die Toilette. Als Kind hatte sie immer Nachtwäsche tragen müssen – nur böse Mädchen schlafen ohne Nachthemd, hatte ihre Mutter immer gesagt –, und obwohl es sukzessive seltener wurde, kam es noch immer vor, dass sie mitten in der Nacht von einer Hitzewallung überrascht wurde, und dann hatte sie keine Lust, sich ein durchgeschwitztes Nachthemd vom Körper streifen zu müssen. Es reichte ihr schon, die Decke beiseiteschieben zu müssen, wenn sie das Nahen der Wallung spürte, die ihren Oberkörper aufheizte und jede einzelne Pore öffnete, ohne dass sie irgendetwas dagegen hätte tun können.
Nach dem Duschen öffnete sie reflexmäßig die Badezimmertür, um die feuchte Wärme herauszulassen, während sie sich vor dem Spiegel abtrocknete.
Sie war dünner geworden, aß nicht mehr so viel und so oft. Es langweilte sie, nur für eine Person zu kochen. Allein mit ihrem Teller am Küchentisch sitzend, vermisste sie ihn ungemein. Da hatten sie sich zumindest gesehen. Beim gemeinsamen Abendessen. Gesehen und miteinander gesprochen. Jetzt reichte es meistens nur für ein Mikrowellengericht, die wenigen Male, wenn sie Hunger verspürte, oder wenn ihr ein Blick auf die Uhr sagte, dass sie schon lange nichts mehr gegessen hatte.
Sie fuhr sich mit der Bürste durchs feuchte Haar. Es war schon lange her, dass sie es gefärbt hatte, die grauen Strähnen wurden immer mehr, besonders im Pony. Diese und die dunklen Ringe unter ihren Augen ließen sie älter aussehen. Müder. Sie beschloss, sich zu schminken. Etwas Concealer unter die Augen und dann das Übliche, Simple. Ein Hauch Lidschatten, ein wenig Wimperntusche, diskreter Lippenstift.
Während die Kaffeemaschine auf der Arbeitsplatte in der Küche laut blubberte – sie müsste dringend entkalkt werden, eines der vielen Dinge, zu denen sie sich nicht aufraffen konnte –, ging sie in Richtung Wohnzimmer und blieb im Türrahmen stehen. Der Esstisch war vollgestellt, die Wand dahinter ein einziger Wirrwarr. Papiere, Ordner, Zeitungsausschnitte, Post-it-Zettel, Ausdrucke, Bilder, Fotos und Landkarten. Das, womit sie im Prinzip seit einem guten Jahr ihre gesamte Zeit verbracht hatte.
Mit der Akademie.
Ihr einziger Anhaltspunkt: ein Name. Eine geheime Organisation. Ein Begriff, der hin und wieder in internationalen Polizeikreisen und bei diversen Geheimdiensten gefallen war. Ein Ort, vielleicht sogar mehrere, zu dem man – so lautete der Verdacht – Kinder brachte, um sie zu Attentätern auszubilden.
Zu außergewöhnlich leistungsstarken Attentätern.
Wie die Frau, die Thomas ermordet hatte.
Nicht, weil jemand es auf ihn abgesehen hätte, er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Sein Neffe war im vergangenen Jahr in der Umgebung von Haparanda irgendwie in eine Jagd nach Drogen und einer hohen Summe verschwundenen Geldes involviert gewesen, und bei dem Versuch, ihm zu helfen, war Thomas erschossen worden.
Hannah ging zum Tisch und fing an, das Material einzusammeln, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. Sie würde die Sache jetzt hinter sich lassen, alles, was mit der Akademie zu tun hatte. Mehrere internationale Organisationen hatten bereits weitaus mehr Ressourcen und Zeit darauf verwendet, die Drahtzieher ausfindig und dingfest zu machen, ohne Erfolg. Und die Frau, die ihren Ehemann erschossen hatte, konnte unmöglich Elin sein.
Ein abgeschlossenes Kapitel.
Es war höchste Zeit, nach vorn zu schauen.
Als Hannah die Haustür hinter sich abschloss, überlegte sie erneut, ob sie das Haus nicht verkaufen sollte. Wegziehen. Noch einmal neu anfangen. Sich etwas Kleineres zulegen, eine nette Dreizimmerwohnung mit einem Gästezimmer für die Kinder und diesem Einzelbett für sie. Das Haus kam ihr viel zu groß und verlassen vor. Es war immer ihr gemeinsames gewesen, nie ihr eigenes. Sie hatten es gekauft, als sie aus Stockholm weggezogen waren. Jetzt befand sie sich in einer ähnlichen Situation wie damals.
Weitermachen oder untergehen.
Damals hatte sie ihre Tochter verloren, doch Thomas hatte ihr geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Das Fundament, auf dem sie ihr Leben aufgebaut hatte.
Aber jetzt hatte sie niemanden mehr.
Wie sie wusste, waren im vergangenen Jahr einige wenige Häuser in der Gegend verkauft worden, auch wenn die Nachfrage nicht gerade riesig gewesen war. Bei manchen Objekten hatte es ein halbes Jahr gedauert, bei anderen länger. Knapp eine Million Kronen würde sie schätzungsweise bekommen. Das Haus hatte 625000 gekostet, und die Kredite waren im Prinzip getilgt, sodass sie sogar Gewinn machen würde, wenn auch keinen besonders großen. Insbesondere, da ein ähnliches Haus in einem attraktiven Vorort der Hauptstadt zehn- bis zwölfmal mehr eingebracht hätte. Kein Wunder, dass viele Leute in der Region keinen Nutzen darin sahen, zu renovieren oder ihre Häuser instand zu halten, denn keine dieser Investitionen würde sich je finanziell lohnen.
Die Augustsonne wärmte, als sie auf die Björnholmsgatan hinaustrat. Sie ging in Richtung Zentrum, den Hügel hinauf zur Kirche mit dem Friedhof, auf dem Thomas lag. Sie besuchte sein Grab regelmäßig, aber nicht häufig. Hauptsächlich nur, um die Blumen auszutauschen und schweigend davorzustehen, weil es irgendwie von ihr erwartet wurde, und nicht, weil es ihr irgendetwas gegeben hätte. Sie benötigte kein Grab, um seiner zu gedenken. Ihn zu vermissen.
Dann bog sie nach links in die Köpmansgatan in Richtung Innenstadt ein. Diese Strecke war sie vor mehr als einem Jahr zuletzt gegangen. Sie war kaum einmal in der Stadt gewesen, und wenn, dann hatte sie das Auto genommen. Ansonsten war sie zum Einkaufen überwiegend zu Ica Maxi gefahren und, wenn sie irgendetwas benötigt hatte, das es bei Ica nicht gab, zu dem kleinen Einkaufszentrum bei Ikea, oder auch zu Rajalla in Tornio, der einige Hundert Meter entfernt liegenden Shoppingmall auf der anderen Seite des Flusses und der Grenze.
Jetzt ging sie vorbei am Wasserturm und am Stadthotel, bevor sie den Marktplatz überquerte. Auf dem Weg hinunter in die Storgatan erblickte sie ein neu eröffnetes Handarbeitsgeschäft.
Sie gab dem Laden ein Jahr.
Maximal.
Nun die Packhusgatan hinunter, an der Stadsbibliotek vorbei, und dort lag er. Ihr Arbeitsplatz. Das ziemlich anonyme längliche dreistöckige Gebäude am Flussufer aus gelben Ziegelsteinen, das sich die Polizei mit dem Finanzamt und der Sozialversicherung teilte.
War sie bereit?
Ihr blieb nichts anderes übrig.
Sie war erst fünfundfünfzig, und eine trauernde Witwe konnte einfach nicht alles sein, was sie ausmachte, durfte nicht alles sein. Sie holte tief Luft und ging hinein.
Der kleine Empfangsbereich sah genauso aus wie eh und je.
Die beiden Stühle, der niedrige Tisch, das Metallgestell mit den verschiedenen Informationsbroschüren vor der gelblich grauen Wand und die verschlossene Sicherheitstür zu den verschiedenen Abteilungen.
«Willkommen zurück.»
Carin lächelte ihr hinter der verglasten Rezeption zu, als Hannah die Tür aufzog und eintrat.
«Danke.»
Hannah sah ein, dass sie kurz stehen bleiben und ein paar Worte mit ihr wechseln müsste, anstatt geradewegs weiterzugehen, um sich umzuziehen und in ihrem Büro zu verschwinden, wie sie es am liebsten getan hätte. Small Talk war noch nie ihre Stärke gewesen, und das Jahr, das sie nahezu gänzlich allein verbracht hatte, hatte es auch nicht gerade besser gemacht.
«Ich habe an dich gedacht, musst du wissen», sagte Carin. Sie war ebenfalls ganz die Alte. Allerdings mit neuer Frisur. Das Ergebnis einer, wie Hannah schätzte, selbstgemachten, leicht misslungenen Dauerwelle. «Wie geht es dir?»
Hannah wusste, dass über sie geredet worden war. Ganz klar. Niemand in Haparanda hatte je einen Sommer wie den vorherigen erlebt. Acht Tote – unter ihnen ein finnischer Polizist –, eine Explosion im Stadthotel und die Frau von der Akademie, auf die Gordon und Morgan auf der Eisenbahnbrücke geschossen hatten, woraufhin sie in den Fluss gestürzt war und nie gefunden wurde.
Und schließlich Thomas …
Carins Freundinnen erwarteten bestimmt, dass sie ihnen von Hannahs erstem Arbeitstag berichtete. Wie sie gewirkt hatte. Trotzdem hatte sie den Eindruck, dass Carins Frage nach ihrem Befinden eher einem gewissen Mitgefühl als ihrer Neugier entsprang.
«Geht so», antwortete Hannah ehrlich. «Schon viel besser», korrigierte sie sich, wobei sie sogar ein Lächeln zustande brachte. Sie war wieder da, um die ersten Schritte zurück in den Alltag zu machen. Alles sollte schrittweise wieder so werden wie zuvor. Da war Mitleid nicht angebracht.
«Sag einfach, wenn du irgendwas brauchst.»
«Mache ich, danke.»
«Schön, dass du wieder zurück bist.»
Hannah lächelte ihr zu.
«Fühlt sich gut an, wieder hier zu sein.»
Sie wollte ihre kleine Unterhaltung gerade beenden und weitergehen, als Carin sie aufhielt.
«Du sollst gleich in den Konferenzraum raufkommen.»
«Jetzt sofort?»
«Ja.»
«Und warum?»
«Gordon hat nur gesagt, dass ich dich hochschicken soll», erklärte Carin, leicht die Achseln zuckend.
Hannah nickte, zog ihre Schlüsselkarte durch den Scanner, gab den Code ein, öffnete die Sicherheitstür und erklomm die Stufen im Treppenhaus. Sie hoffte, dass es sich um ein gewöhnliches Morgenmeeting handelte, bei dem sie auf den neuesten Stand gebracht werden sollte, damit sie so rasch wie möglich anfangen könnte zu arbeiten.
Hoffte es, war sich aber ziemlich sicher, dass es anders sein würde.
Sie hatte recht.
Die Kollegen waren bereits in dem großen Raum im ersten Stock versammelt, saßen jedoch noch nicht am Tisch. Morgan und P-O standen an einer Längsseite, die vom Boden bis zur Decke mit Regalen voller alter Bücher in verschlissenen braunen und schwarzen Ledereinbänden bestückt war und dem Raum eher den Touch eines umgebauten alten Archivs als eines modernen Konferenzraums verlieh. Ludwig stand gegen die unter den Fenstern eingebaute Heizung gelehnt. Hannah sah sofort, dass er abgenommen hatte und müde wirkte, und sie glaubte auch zu wissen, warum. Lurch stand vor dem riesigen, von vergilbten Fotos ehemaliger Polizeichefs eingerahmten Polizeiemblem an der Stirnseite des langen Konferenztisches aus hellem Holz. Auf dem Tisch standen sechs Kaffeebecher und ebenso viele Teller mit Teelöffeln sowie eine Thermoskanne bereit. Daneben prunkte eine Prinzessinnentorte, auf deren grüner Marzipanschicht in weißer Schokolade die Aufschrift Willkommen zurück, Hannah leuchtete. Gordon stand mitten im Raum und lächelte ihr zu, als sie eintrat.
«Hej, willkommen. Wie schön, dich zu sehen.»
Er ging auf sie zu und umarmte sie. Sie schloss die Augen und gestattete sich, die Berührung seiner kräftigen Arme und die Wärme seines im Uniformhemd steckenden Oberkörpers zu genießen.
Er hatte sie kaum losgelassen, als auch schon Morgan auf sie zukam und sie ebenfalls in die Arme schloss.
«Wir haben dich vermisst, musst du wissen.»
«Ich habe euch auch vermisst», entgegnete Hannah, und jetzt, da sie alle wiedersah, spürte sie, wie sehr es stimmte. Hätte sie schon früher zurückkommen sollen?
Müßig, sich diese Frage jetzt zu stellen.
«Alles in Ordnung?», erkundigte sich Morgan und hielt sie auf einer Armlänge Abstand, um sie mit einem warmherzigen Blick aus den braunen Augen oberhalb seines Rauschebarts zu begutachten. Sie lächelte ihn an und nickte. Auch wenn nicht alles in Ordnung war, hatte sie definitiv einen Schritt in die richtige Richtung gemacht.
P-O kam auf sie zu und streckte ihr kollegial die Hand entgegen. Hannah ergriff sie und erwiderte sein kurzes Nicken. Er war ungefähr so gefühlvoll, wie sie es von Herrn Korpela erwartet hatte. Lurch und Ludwig begnügten sich mit einem kurzen Handheben, Lächeln und «Willkommen, schön dich zu sehen».
«Wir haben eine Torte besorgt, um ein wenig zu feiern», sagte Gordon und deutete auf den Tisch. Hannah erachtete es in dieser Situation als unangemessen, darauf hinzuweisen, dass sie Marzipan hasste. Die anderen hatten sich extra Mühe gegeben, weshalb sie sich ein kleines Stückchen abschnitt und einen Becher Kaffee einschenkte. Während sich die Kollegen bedienten, saß sie schweigend da. Sie linste zu Gordon hinüber. Er hatte sie im vergangenen Jahr mehrfach angerufen, nach ihrer Krankschreibung gefragt und sich erkundigt, ob sie irgendetwas bräuchte, ihn bräuchte. Doch seit der Beerdigung hatten sie sich nicht mehr gesehen.
«Und, was ist hier so passiert?», fragte sie, als sich alle hingesetzt hatten.
«Du kennst doch die Brüder Pelttari», begann Gordon.
«Ja.»
Jyri und Mikko, zwei finnische Hünen, die eine Autowerkstatt in Tornio betrieben, aber nebenbei Waren schmuggelten und Drogen vertickten.
«Sie scheinen sich im letzten Herbst, als dieser René Fouquier verschwand, in Haparanda eingerichtet zu haben.»
Hannah nickte. Es erstaunte sie nicht.
Die Natur hasste Leerlauf, dasselbe galt auch für den Drogenhandel. Der Grenzübergang hier oben war der einzige Landweg nach Finnland, wo die Preise für Stoff doppelt so hoch waren. Etablierte kriminelle Netzwerke lagerten die Präparate in Haparanda, um sie dann portionsweise hinüberzuschmuggeln. Ein ganzer Teil blieb jedoch in der Stadt und war somit leicht verfügbar. Es gab nur allzu viele Leute, in der näheren Umgebung vor allem junge Männer, die jegliche Ambitionen im Leben vermissen ließen.
Ohne Richtung, ohne Plan, ohne Job.
Haparanda wies die höchste Arbeitslosenquote in der Region auf. Der perfekte Nährboden für grassierenden Drogenmissbrauch und das Risiko, von der Bande rekrutiert zu werden. Deshalb standen Leute wie die Brüder Pelttari unter polizeilicher Beobachtung.
«Können wir sie festnehmen?», fragte Hannah.
«Noch nicht, aber wir sind dran, gemeinsam mit Tornio.»
«Okay, noch was?»
«Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast …», sagte Ludwig leise, den Blick auf die Tischplatte gerichtet. «Aber Eveliina hat sich Helmi geschnappt und ist mit ihr in eine dieser verfluchten Sekten eingetreten.»
Eveliina war Ludwigs Freundin gewesen, sie hatten sich kennengelernt, als er seinen Dienst als Polizeianwärter in Kalix geleistet hatte, und Helmi war ihre Tochter aus einer früheren Beziehung. Die beiden waren der Grund dafür, dass Ludwig, der eigentlich aus Småland kam und seine Ausbildung in Växjö absolviert hatte, in Haparanda geblieben war.
«Ich glaube, Hannah meinte eher, was im Job passiert ist», schob Gordon vorsichtig ein.
«Es sollte aber zu unserem Job gehören», entgegnete Ludwig in seinem breiten småländischen Dialekt mit den Doppellauten und dem schwerfälligen R und bedachte Gordon mit einem finsteren Blick. «Nie im Leben ist all dieser Scheiß, den die da draußen veranstalten, gesetzeskonform.»
«Wir sind doch dort gewesen. Im letzten halben Jahr sogar zweimal. Alle halten sich dort freiwillig auf, und alle sind sauber.»
«Und was ist das für eine Sekte?», fragte Hannah. Es konnte nicht schaden, mehr darüber zu erfahren, und Ludwig war offenbar mitteilsam.
«Ein Typ namens Björn Karhu hat einen alten Bauernhof gekauft und lockt die Leute jetzt mit irgendeinem verfluchten Paradies-auf-Erden-Gefasel.»
«Björn Karhu?», Hannah konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. «Dann heißt er quasi Bär Bär?»
«Vermutlich absichtlich gewählt», schob Morgan ein.
«Glaubst du?»
Gordons Handy klingelte, woraufhin er es aus der Tasche zog und sich meldete.
«Ja?» Er schwieg einige Sekunden und wirkte augenblicklich ernster. «Und wo war das noch mal? … Okay, wir fahren sofort los.»
Er beendete das Telefonat und wandte sich Hannah zu.
«Was meinst du? Bereit, gleich loszulegen?»
«Ich dachte, es sei eine Schlange.»
Die Frau, die sich als Maud Ericsson vorgestellt hatte, war blass, wirkte aber gefasst. Sie war gekleidet für einen Tag im Wald. Funktionshose, grobe Stiefel, Windjacke und eine dünne Mütze, die darauf verwies, dass sie schon mal am Gebirgszug Getryggen gewesen war. Einen Wanderstock in der Hand.
«Aber dann sah ich … also … die Hand.»
Hannah drehte sich zu der mit Heidekraut bewachsenen Fläche um. Gordon stand vor der groben Eisenkette, das Handy am Ohr. Vermutlich rief er gerade in Luleå an, sie benötigten sowohl Kriminaltechnik als auch einen Rechtsmediziner.
«Haben Sie irgendwen in der Nähe gesehen?»
Maud schüttelte den Kopf.
«Nein, ich habe oben an der Hauptstraße geparkt und wollte nur rasch einen Blick auf den Cholerafriedhof werfen, bevor ich weiter in den Ort runter und ein Stück am Wasser entlanggehen wollte, aber dann … Ja, wie gesagt, ich dachte, es sei eine Schlange.»
Verständlich. Zum einen, weil es um diese Jahreszeit reichlich Kreuzottern gab, zum anderen, weil sich die graublaue Nabelschnur tatsächlich wie eine Schlange durchs Gestrüpp schlängelte.
«Und wann war das?»
«Ich weiß nicht genau, aber ich habe gleich, nachdem ich erkannte, was es ist, bei Ihnen angerufen.»
«Aber Sie haben niemand anderen hier gesehen?»
«Nein.»
«Und oben auf dem Parkplatz auch nicht?»
«Nein, mein Auto stand als einziges dort.»
Hannah seufzte im Stillen. Ein Augenzeuge wäre zu viel des Glücks gewesen. Es deutete auch nichts darauf hin, dass die Babyleiche gerade erst dort abgelegt worden war. Vielleicht gab es sogar Anzeichen dafür, dass sie schon eine Weile im Gestrüpp gelegen hatte. Hannah wusste es nicht, sie hatte sich nicht überwinden können, genauer hinzuschauen.
«Danke», sagte sie zu Maud. «Wir wissen ja, wie wir Sie erreichen können, wenn wir noch irgendwelche Infos brauchen.»
«Ich hoffe, Sie finden die arme Mutter», sagte Maud und ging zur Straße hinauf, zurück zu ihrem geparkten Wagen.
Hannah überlegte, ob sie die Kollegen informieren sollte, aber bestimmt hatte Gordon das schon getan. Sie würden gezwungen sein, die Häuser in der Gegend um den Salmisväg aufzusuchen und die Anwohnenden zu befragen – vielleicht hatte irgendwer etwas beobachtet. Auf dieser Straße herrschte nicht gerade viel Verkehr, der Cholerafriedhof war kein Touristenmagnet. Man konnte ihn finden, doch es gab kein Hinweisschild von der E4 aus, die nur knappe fünfzig Meter entfernt verlief, und auch weder einen ausgeschilderten Parkplatz noch Informationstafeln oder gar einen Behälter mit Broschüren. Lediglich ein schiefes Schild mit dem Hinweis auf eine altertümliche Fundstätte am Salmisväg deutete vage in den Wald hinein. Es kamen nicht viele hierher, weshalb man ziemlich unbemerkt hingelangen konnte, wenn man es denn wollte. Falls es jemand wirklich gewollt hatte. Natürlich konnte es auch reiner Zufall gewesen sein, dass sie die Leiche bei der alten Begräbnisstätte gefunden hatten.
Sie wussten es nicht.
Sie wussten gar nichts.
Außer, dass hier ein toter Säugling im Heidelbeerkraut lag.
Hannah legte die wenigen Schritte zu Gordon zurück, der gerade sein Telefonat beendet hatte und nun mit dem blauweißen Absperrband der Polizei in der Hand losging, um das Gelände zu sichern.
«Hast du die anderen schon herbeordert?», fragte sie.
«Morgan und Lurch sind bereits unterwegs.»
«Was glaubst du?» Hannah deutete nickend auf den eingefriedeten Ort.
«Totes Kind, noch mit der Nabelschnur verbunden, entweder hier geboren und zurückgelassen oder vorsätzlich abgelegt worden.»
«Dann wohl eher abgelegt. Wer will hier draußen schon ein Kind zur Welt bringen?»
«Eine Frau, die es nicht behalten will. Es ist immerhin eine Art Friedhof.»
«Und was denkst du, wie lange es hier schon liegt?»
«Es ist ein Junge», erklärte Gordon und zuckte die Achseln. «Keine Ahnung, das ist etwas für den Rechtsmediziner.»
«Wann kommen sie?»
«Sie sind schon unterwegs, wurden vorgewarnt, als der Anruf einging, von dieser …»
«Maud Ericsson.»
«Aha. Also schätzungsweise in einer knappen Stunde.»
Sie setzten sich ein Stück entfernt hin, um zu warten. Wollten nicht zu nahe herangehen, konnten den Ort aber auch nicht aus den Augen lassen. Die Babyleiche lag noch immer dort.
Maud hatte recht. Sie mussten die Mutter finden und ihr helfen. Hannah konnte sich kaum vorstellen, wie sie sich jetzt fühlen musste. Das Trauma. Die Schuldgefühle und die Angst, die sie innerlich zu zerreißen drohten, auch wenn es ihr womöglich gelungen war, sich einzureden, dass es keine Alternative gegeben hatte. Hannah schüttelte leicht den Kopf und zwang sich, an etwas anderes zu denken.
«Weißt du, warum sie nicht auf einem gewöhnlichen Friedhof begraben sind? Die Choleraopfer?», fragte sie und wedelte die um sie herumsurrenden Mücken weg.
«Nein, warum?»
«Keine Ahnung, wollte nur hören, ob du es weißt.»
«Nein, da müssen wir Morgan fragen.»
Morgan Berg war bekannt dafür, nahezu alles zu wissen. Dreimal hatte er in der Quizsendung Vem vet mest schon das mit zehntausend Kronen dotierte Freitagsfinale gewonnen. Und vor gut zwanzig Jahren hatte er bei Wer wird Millionär? auf TV4 teilgenommen und es bis nach ganz oben geschafft. Hatte drei Millionen Kronen eingestrichen und dabei noch zwei Joker übrig gehabt. Im Frühjahr hatte er dann buchstäblich die Mauer aus der Quizsendung Muren eingerissen. Wenn es jemanden gab, der wusste, warum Cholerafriedhöfe errichtet worden waren, dann er.
Sie verstummten. Die Mücken griffen Hannah immer wieder aufs Neue an, nur sie. Gordon schienen sie nicht weiter zu kümmern.
Ansonsten war es ein schöner Augusttag. Die Luft hatte zwar schon etwas Herbstliches, aber die Temperaturen waren noch sommerlich. Das Sonnenlicht rieselte durch die im Wind raschelnden Baumkronen, und irgendein Vogel – sie wusste nicht, welche Art – übertönte alle anderen. Thomas hätte gewusst, was es für einer war.
Wenn der Grund dafür, dass sie hier saßen, ein anderer gewesen wäre, hätte es richtig angenehm sein können.
«Wie geht es dir?»
Sie hatte geahnt, dass die Frage kommen würde, sobald sie zu zweit wären, und wusste auch, dass er eine ehrliche Antwort erwartete, denn vermutlich würde er merken, wenn sie log.
Er kannte sie gut.
«Besser», antwortete sie und nickte, wie um es zu verstärken. «Viel besser. Inzwischen ist ein Jahr vergangen, und … es war an der Zeit zurückzukommen.»
«Gut, aber wenn es irgendwas gibt, das wir tun können, was auch immer …»
«Dann lasse ich es dich wissen, versprochen.»
Gordon Backman Niska war ein guter Chef. Ein guter Mensch.
Sie hatten eine Affäre gehabt.
Hannah hatte sie beendet, nachdem Thomas ihr von seiner Krankheit erzählt hatte. Bevor er aus ihrem Leben gerissen worden war. Doch eine Zeit lang hatte sie Gordon gebraucht. Sie war nie in ihn verliebt gewesen, hatte ihn auch nie geliebt, aber sehr gemocht.
Er hingegen hatte sie geliebt.
Glaubte sie zumindest.
Doch das war schon über ein Jahr her. Die Dinge veränderten sich.
«Und den Kindern, wie geht es denen?»
«Besser, als ich zu hoffen gewagt habe. Beide studieren. Scheinen sich wohlzufühlen. Sie haben es gut, es geht ihnen gut.»
«Und dein Vater? Er war ja gar nicht auf Thomas’ Beerdigung.»
Hannah erstarrte. Von all den Themen, zu denen sie an ihrem ersten Arbeitstag gezwungenermaßen Stellung beziehen müsste, hatte sie gehofft, ihren Vater außen vor lassen zu können. Beziehungsweise hatte sie es nicht gehofft, sondern erst gar keinen Gedanken an ihn verschwendet. Genau wie an allen anderen Tagen zuvor. Sie schaffte es einfach nicht.
Ein klassischer Fall von Verdrängung.
Solange sie nicht an das Problem dachte, existierte es auch nicht.
«Darüber will ich nicht reden», sagte sie nur und wusste, dass sich Gordon damit begnügen würde.
«Okay», meinte er ganz richtig, und sie schwiegen. Inzwischen allein – auch der laut trällernde Vogel war weggeflogen.
«Und wie geht es dir?», fragte sie.
«Gut, richtig gut, wie immer.»
«Aber du bist noch immer hier.»
Es war kein Geheimnis, dass ihm eine Stelle in Umeå, dem Verwaltungssitz der Polizeiregion Nord, angeboten worden war. Gordon Backman Niska war ein Name, den man sich merken musste. Nicht nur Hannah hatte angenommen, dass er zusagen würde.
«Ich hab’s doch gesagt, als wir darüber sprachen», erklärte er und sah sie lächelnd an. «Dass ich vorhabe zu bleiben.»
«Man kann seine Meinung schließlich ändern.»
«Mir gefällt es hier.»
«Haparanda ist der reinste Karrieretod.»
«Es gibt noch andere Dinge im Leben als die Karriere.»
Sie fragte sich kurz, ob er noch immer Hoffnungen hegte, was sie beide anging. War sie etwa die ‹anderen Dinge›, auf die er anspielte?
Sie würde es nie erfahren, hatte auch nicht vor nachzufragen.
Er würde es ihr ohnehin nicht sagen.
Sie waren nicht so weit gekommen, wie Dardana gehofft hatte.
Nicht im Geringsten.
Laut Plan wollten sie bei Tageslicht jeglichen Straßen ausweichen und ausschließlich durch den Wald wandern, um sich bei Einbruch der Dunkelheit auf die größere Straße zu begeben, einen Lkw anzuhalten und zu trampen.
Und dann am nächsten Morgen weit, weit weg sein.
Die Geburt war schnell gegangen, ungewöhnlich schnell, als hätte Natalias Körper das Kind so rasch wie möglich loswerden wollen, doch der Schmerz nahm einfach nicht ab.
Sie blutete. Heftig.
Weinte die ganze Zeit.
Wegen der Schmerzen, aber auch wegen des Kleinen. Sie wollte ihn nicht hergeben, bestand darauf, ihn mitzunehmen. Es dauerte lange, sie davon zu überzeugen, dass es unmöglich war. Der Junge war tot. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ihre Flucht zu zweit fortzusetzen. Sie trug Natalia mehr oder weniger vom Ort mit den Eisenketten und der Beleuchtung weg in den Wald hinein.
Alles ging so langsam.
Für einen Moment spielte Dardana mit dem Gedanken, ihre Freundin einfach zurückzulassen. Sie dort liegen zu lassen. Um sich selbst zu retten. Doch sie brachte es nicht übers Herz. Sie kannten einander noch nicht lange, nur wenige Monate, aber eingesperrt in dem kleinen Zimmer waren sie Freundinnen geworden und hatten sich versprochen, die Sache gemeinsam durchzuziehen. Einander zu helfen und zu unterstützen. Dardana war sich sicher, dass Natalia sie auch nicht alleingelassen hätte, wenn sie an ihrer Stelle gewesen wäre.
Aber es ging alles viel zu langsam.
Bis es überhaupt nicht mehr ging.
Sosehr sie auch zur Eile mahnte, sosehr sie auch kämpften: Sie kamen nicht weiter. Dardana ließ sie los, und Natalia sank zu Boden. Legte sich auf den Rücken, schloss die Augen und atmete schwer, während sich ihr Gesicht zu einer gequälten Grimasse verzog.
«Du musst ins Krankenhaus.»
«Nein.»
«Du musst, ich glaube nicht, dass wir es schaffen.»
«Wir schaffen es», entgegnete Natalia angestrengt und ließ sich zurück ins Moos fallen. «Kein Krankenhaus. Wir schaffen es.»
Der letzte Satz war kaum hörbar, er glich eher einem keuchenden Ausatmen, und dann schien sie aus reiner Erschöpfung eingeschlafen zu sein.
«Warte hier», sagte Dardana, nicht ganz sicher, ob Natalia sie überhaupt hörte. Egal, wohin sollte sie schon gehen? Sie sagte es hauptsächlich, um Natalia zu versichern, dass sie zurückkommen würde.
Sie schaute sich um. Wald. Nichts als Wald. Die Hauptstraße, auf der sie gehofft hatten, nach Einbruch der Dunkelheit trampen zu können, lag schätzungsweise rechts den Hügel hinauf. Es war ausschließlich Wald hinter ihr, doch was sich vor ihr oder links den Hügel hinab befand, wusste sie nicht. Sie durfte nicht allzu weit gehen, schließlich musste sie wieder zurückfinden.
Während sie sich einen Weg durchs dichte Unterholz bahnte, wurde ihr bewusst, wie übel sie dran waren, wie gering ihre Chancen standen, es zu schaffen. Sollte sie aufgeben? Zurückkehren? Die Strafe auf sich nehmen, von der sie überzeugt war, dass sie folgen würde? Ihr konnten sie nicht viel anhaben, schließlich hatte sie das, was sie brauchten, noch immer. Aber Natalia … Was würden sie ihr antun?
Was auch immer. Sie hatten mitnichten vor zurückzukehren.
Irgendwie würden sie es schaffen.
Sie riss sich zusammen. Lief schneller, warf hin und wieder einen Blick zurück, prägte sich jede Abzweigung ein, um sicher wieder dorthin zurückzufinden, wo sie Natalia zurückgelassen hatte.
Dann erblickte sie die Hütte.
Sie stand einfach da, wie hingeworfen, ganz allein und, wie es schien, verlassen. Zumindest leer. Doch sie musste sich erst vergewissern. Schlich näher heran und linste vorsichtig in eines der Fenster. Kein Lebenszeichen. Kein Licht oder irgendetwas, das auf die Anwesenheit der Besitzer hindeutete. Dardana umrundete die Hütte, warf einen Blick durch jedes Fenster, an dem sie vorbeikam. Sie war leer, dessen war sie sich sicher.
Wie weit war sie gelaufen?
Nicht weit, sie würde Natalia herbringen können.
Beim Blick durch die Fenster hatte sie ein Schlafzimmer mit zwei Betten und einem Sofa, eine Küche und ein kleines Bad gesehen. Ein Ort, an dem sie sich hinlegen und neue Kräfte sammeln könnten. In der Küche stand ein größerer Schrank, schätzungsweise mit Vorräten gefüllt. Wenn diese einsame Hütte auch nur im Geringsten der ihrer eigenen Familie in ihrem Heimatland ähnelte, befanden sich darin bestimmt Trockenwaren und Konserven, Lebensmittel, die nicht verdarben. Und wenn aus den Hähnen auch noch Wasser käme, könnten sie sich eine Mahlzeit zubereiten, etwas essen und sich dann ausruhen.
Mit neuer Energie kehrte sie zurück. Natalia hatte sich nicht bewegt. Sie lag noch immer auf dem Rücken, die Augen geschlossen, jedes Ausatmen begleitet von einem schwachen Wimmern.
«Ich habe ein Haus entdeckt», sagte Dardana und ging neben ihr in die Hocke. «Darin gibt es ein Bett und vielleicht sogar etwas Essbares und Wasser.»
Sie ergriff Natalias Schulter und schüttelte sie leicht. Natalia öffnete die Augen, und für einige Sekunden wurde deutlich, dass sie Dardana nicht erkannte.
«Ich hab ein Haus entdeckt», wiederholte sie und half Natalia zum Sitzen hoch. «Dort können wir uns verstecken. Ausruhen.»
«Ich kann nicht», kam es schwach von Natalia. «Ich kann nicht.»
«Wir müssen aber.»
Dardana mobilisierte all ihre Kräfte und brachte ihre Freundin wieder auf die Beine.
«Es ist auch nicht weit», spornte sie sie an, während sie die ersten stolpernden Schritte gemeinsam zurücklegten. «Du schaffst das, bald kannst du dich ausruhen.»
Sie brauchten eine Dreiviertelstunde, um die kurze Strecke zu bewältigen, die Dardana in weniger als zehn Minuten gelaufen war. Endlich angekommen, setzte sie Natalia in einen durchlöcherten, von Algen befallenen Korbstuhl an der Hauswand, bevor sie um die Ecke bog und auf die Tür zuging. Sie warf einen Blick unter die nächstliegenden Steine, tastete mit den Fingern die Holzleiste oberhalb des Türrahmens ab und suchte nach weiteren Stellen, an denen möglicherweise ein Schlüssel liegen könnte. Doch sie fand keinen. Deshalb ging sie zum größten Fenster, hob einen Stein vom Boden auf und schlug die Scheibe ein. Entfernte mit einem Stock die letzten Glasscherben, bevor sie ihren Körper hochstemmte und hineinschob. Drinnen blieb sie mehrere Sekunden lang reglos stehen und horchte angestrengt. Kein Laut, keine Bewegungen. Sie eilte zur Tür, schloss sie auf und holte Natalia herein.
Mit Mühe gelang es ihr, sie in eines der Betten zu verfrachten, bevor sie in die Küche ging. Endlich hatten sie etwas Glück. Im Vorratsschrank lagerten diverse Packungen mit Reis und Nudeln sowie einige Konservendosen, Gewürze, Mehl, Tee, Kaffee und Zucker. Dardana drehte den Hahn in der Küche auf, und zu ihrer Freude kam unmittelbar Wasser. Sie füllte ein Glas und kehrte damit zurück zu Natalia.
«Trink das hier», forderte sie sie auf, half ihr, den Kopf zu heben, und hielt ihr das Glas an die Lippen. Das Meiste rann übers Kinn herab und hinunter aufs Kissen. «Ich mach uns was zu essen», sagte Dardana, stellte das Glas auf den kleinen Nachttisch und ging zurück in die Küche. Kochte Nudeln und wärmte eine Dose mit irgendeinem Fleisch auf, sie konnte nicht lesen, was auf der Verpackung stand. Füllte das Essen auf zwei Teller, suchte in einer Schublade nach Besteck und kehrte zurück in das Zimmer, in dem Natalia lag.
«Essen ist fertig», sagte sie und rüttelte leicht an Natalias Schulter. Keine Reaktion. Sie versuchte es erneut, diesmal etwas fester, jedoch mit demselben Resultat. Dardana zog sich einen Sessel ans Bett heran und setzte sich zu ihr. Aß hungrig ihre Pasta mit Fleisch, stellte dann den Teller zur Seite und leerte ihr Wasserglas. Im Bett atmete Natalia schwer und röchelnd.
Allmählich wurde es in der Hütte dunkel, doch Dardana wagte es nicht, Licht zu machen. Inzwischen war ihr Verschwinden bestimmt entdeckt worden. Natürlich konnten die Männer unmöglich wissen, in welche Richtung sie sich abgesetzt hatten, doch sie bräuchten nur ein paar Leute zusammenzutrommeln und die Gegend abzusuchen, dann würden sie sie womöglich finden. Natalia und sie hatten anfangs ein hohes Tempo angeschlagen und nur wenige Pausen eingelegt, sodass sie ein ganzes Stück zurücklegen konnten, bevor die Geburt eingesetzt hatte. Aber reichte das? Setzten die Männer womöglich Hunde ein? Dardana hatte während ihrer Zeit dort weder welche gesehen noch gehört, aber ausgeschlossen war es natürlich nicht.
Ihr fiel auf, dass Natalia ganz still geworden war, so still, dass sie sich vorbeugen musste, um sicherzugehen, dass sie noch atmete. Was sie tat. Dardana lehnte sich wieder zurück, zog die Beine zum Körper heran und schloss die Augen, bemüht, sich keine Sorgen zu machen.
«Ich hab Durst.»
Dardana zuckte zusammen. Ohne es zu merken, war sie weggedöst. Natalia starrte leeren Blickes an die Decke, sie hatte die Worte offenbar ausgesprochen, ohne zu wissen, ob irgendwer in der Nähe war. Dardana nahm das Glas vom Nachttisch, hielt mit der einen Hand Natalias Kopf und führte das Glas mit der anderen wieder an ihre Lippen. Gut möglich, dass einige Tropfen in ihrem Mund landeten, doch das Meiste rann erneut seitlich herunter.
Dardana legte Natalias Kopf wieder zurück aufs Kissen, und sie schloss umgehend die Augen. Jetzt atmete sie ruhig und geräuschlos. Sie schien schmerzfrei zu sein. Dardana befühlte ihre Stirn und Wangen. Trocken und kühl. Also zumindest kein Fieber.
Ein gutes Zeichen.
Dennoch, jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten. Sie würde dem Ganzen noch ein paar Stunden geben und dann eine Entscheidung fällen. Wenn es Natalia dann besser ginge, würden sie gemeinsam weiterziehen. Und wenn nicht … Der Gedanke daran, ihre Freundin zurückzulassen, was ihr noch vor wenigen Stunden ausgeschlossen erschienen war, erwies sich nun zunehmend als mögliche Alternative. Sie könnte irgendwo nach einem Handy fragen, im nächsten Krankenhaus anrufen, erklären, wo die Hütte lag, und dafür sorgen, dass Natalia Hilfe bekäme, während sie selbst allein weiterfloh.
Das Baby in ihrem Bauch trat um sich, und sie legte ihre Hände auf die Wölbung. Versprach sich selbst und dem Kleinen eine Sache.
Was auch immer geschehen mochte, sie würde nie mehr zurückkehren.
NEUGEBORENES TOT AUF CHOLERAFRIEDHOF GEFUNDEN
Der Projektor an der Decke surrte. An der Wand hinter Gordon wurden die Schlagzeilen beider Abendzeitungen nebeneinander sichtbar. Expressen hatte nicht wie Aftonbladet ‹Neugeborenes›, sondern ‹Baby› geschrieben, doch ansonsten waren sie identisch. Gordon hatte gegenüber der Presse nicht viel preisgegeben, deshalb waren die Angaben knapp, und offenbar hatte es auch niemand für wichtig genug befunden, jemanden für Fotos zu schicken. Beide Artikel waren mit Fotos aus Datenbanken von anderen Cholerafriedhöfen bebildert.
«Okay, dann fangen wir an», sagte Gordon, stellte seinen Kaffeebecher ab und beugte sich über den Tisch, auf dem noch die unangerührten Reste des morgendlichen Tortenessens standen. «Wir haben ein äußerst provisorisches Gutachten aus der Rechtsmedizin.»
Er warf einen Blick in den Notizblock vor sich auf dem Tisch.
«Das Kind war weniger als vierundzwanzig Stunden tot. Die Menge an Blut auf dem Boden und die Tatsache, dass sie große Teile des Mutterkuchens gefunden haben, legen nahe, dass es vor Ort geboren wurde.»
«Hat es noch gelebt?», hakte Morgan nach.
«Das konnten sie nicht sagen. Aber es war vollentwickelt, schätzungsweise in der siebenunddreißigsten bis vierzigsten Woche.»
«Ich will ja nicht taktlos sein», bemerkte Lurch mit einem Blick auf die Kollegschaft um den Tisch herum. «Aber wenn es eine Totgeburt war, handelt es sich nicht um ein Verbrechen.»
«Wir ermitteln erst mal wegen Kindestötung, bis sich möglicherweise etwas anderes herausstellt», hielt Gordon fest. «Morgan?»
«Niemandem in den Häusern am Salmisvägen ist eine schwangere Frau aufgefallen. Aber im Lauf des gestrigen Tages standen zwei oder möglicherweise drei Autos bei dem Hinweisschild zur altertümlichen Fundstätte, die Angaben gehen auseinander. Farbe und Modell von zweien haben wir, mal schauen, ob wir da etwas erreichen.»
«Kameras?»
«Eine Verkehrskamera an der E4, acht Kilometer entfernt, ansonsten nichts.»
«Können wir dem Kind DNA entnehmen?», fragte Lurch. «Für einen Abgleich?»
«Ja, aber dafür muss mindestens ein Elternteil im Register stehen.»
«Nicht, dass ich so einer wäre», begann P-O. «Aber ein großer Teil der städtischen Casanovas steht drin.»
Was stimmte. Auch wenn die Mädchen in Haparanda statistisch gesehen bessere Leistungen in der Schule zeigten als die Jungen und viele von ihnen nach dem Abitur weggingen und in Städte zogen, in denen sie vielfältigere Arbeitsmöglichkeiten und attraktivere Jobs vorfanden, blieben noch genügend von jenen vor Ort, die keine Zukunftspläne hegten und von der Bad-Boy-Aura halbkrimineller, meist älterer Jungen angelockt wurden. Eine Verlockung, die nicht selten mit einer Schwangerschaft endete.
«Aber bei einer gewöhnlichen Geburt blutet man nicht so stark», bemerkte Hannah. «Unabhängig davon, ob es eine Straftat war oder nicht, müssen wir die Mutter finden.»
«Wir fragen in den Krankenhäusern nach», entschied Gordon.
«Wenn ihre Schwangerschaft so geheim war, dass sie bereit war, ihr Kind sterbend im Wald zurückzulassen, wird sie sich hinterher wohl kaum in ein Krankenhaus begeben haben», wandte P-O sachlich ein.
«Eine kurze Nachfrage schadet nicht, wir haben schließlich nicht gerade viele andere Spuren», beschloss Gordon. «Ludwig, übernimmst du das?»
Ludwig nickte und machte sich Notizen in seinem Block.
«Und warum will man eine Schwangerschaft geheim halten?», fragte er, während er schrieb.
«Aus Angst, dass jemand davon erfährt.»
«Also gehen wir von einem Ehrenmord aus?»
Ausgeschlossen war es natürlich nicht, die mit Abstand größte Gruppe von nichtschwedischen Menschen mit Wohnsitz in Haparanda stammte zwar noch immer aus Finnland, doch in den vergangenen Jahren hatte der Anteil an Flüchtlingen und Asylsuchenden aus Syrien, dem Irak und Sudan zugenommen. Die meisten von ihnen waren Muslime, und auch wenn der Islam mitnichten Ehrenmorde befürwortete, ließ sich nicht leugnen, dass solche in dieser Gruppe gehäuft vorkamen. Es wäre naiv gewesen, irgendetwas anderes zu glauben, doch dabei ging es weniger um die Religion als um Traditionen und eine stark ausgeprägte patriarchalische Denkweise.
«Nicht unbedingt», warf Morgan ein. «Ich kenne eine ganze Menge ehrenwerte schwedische Steuerzahler, die vor Wut schäumen würden, wenn ihre Teenagertochter auf einmal geschwängert nach Hause käme.»
«Können wir herausgeben, dass wir an einer Kontaktaufnahme ihrerseits interessiert sind?», fragte Hannah, direkt an Gordon gewandt. Ihm unterlag die Zusammenarbeit mit der Presse. «Also anonym? Weil wir uns Sorgen machen.»
«Und an wen herausgeben?», hakte Ludwig nach. «Jugendliche lesen weder Zeitung, noch hören sie Radio.»
«Wir wissen ja gar nicht, ob sie eine Jugendliche ist.»
«Aber wenn dem so wäre, stünden die Chancen für uns natürlich bestens, dass sie alles gefilmt und bei TikTok eingestellt hat», bemerkte P-O.
Hannah war klar, dass es als Scherz gemeint war, doch darin lag zweifelsohne ein Fünkchen Wahrheit. Es war erstaunlich, was die Leute auf Social Media alles posteten und publik machten. In den vergangenen Jahren konnte eine Anzahl von Missbrauchsfällen, Einbrüchen und Diebstählen aufgeklärt werden, weil die Delinquenten ihre Straftaten gefilmt und veröffentlicht hatten, teilweise sogar in einem Livestream.
«Haben wir schon nachgeschaut, ob irgendeine schwangere Frau als vermisst gemeldet wurde?», fragte Lurch hoffnungsvoll.
«Ja, hab ich», antwortete Morgan. «Keine.»
Gordon klappte seinen Notizblock zu und holte tief Luft. Signalisierte damit, dass er das Meeting beenden wollte.
«Wir fragen bei den Krankenhäusern an, und ich wende mich mit der Bitte um eine Kontaktaufnahme an die Presse, weil wir uns Sorgen machen.»
«Und hört euch im Bekanntenkreis um, ob vielleicht irgendwer eine Klassenkameradin oder Arbeitskollegin kennt, die aus unerklärlichen Gründen für einige Monate gefehlt hat.»
Gordon nickte, schob seinen Stuhl zurück und stand auf. Die anderen folgten seinem Beispiel.
«Du hast dir aber wirklich einen miesen Tag für deine Rückkehr ausgesucht», sagte Morgan, als sie den Konferenzraum verließen und zur Küche gingen.
«Das bringt mich zumindest auf andere Gedanken.»
«Immerhin etwas, nehme ich an.»
Er stellte seinen Becher in die bereits geöffnete Spülmaschine und wollte gerade die Küche verlassen, als Hannah ihn zurückhielt.
«Weißt du eigentlich, warum Choleraopfer auf Cholerafriedhöfen begraben wurden anstatt auf gewöhnlichen Friedhöfen?»
«Man wusste damals noch nicht, wie die Ansteckung vonstattenging oder ob die Krankheitserreger aus der Erde wieder an die Oberfläche gelangten, deshalb hielt man die Toten fern von Orten, an denen sich Menschen aufhielten.»
«Okay, danke. Wir haben nämlich darüber gerätselt, Gordon und ich, während wir auf die Kollegen aus Luleå warteten, aber keiner von uns wusste es sicher.»
Morgan schien gerade gehen zu wollen, hielt jedoch inne, trat einen Schritt näher zu Hannah heran und senkte die Stimme, obwohl sie beide allein in der Küche waren.
«Wie läuft es denn so mit Gordon?»
«Was meinst du?!»
«Du weißt genau, was ich meine.»
Das stimmte. Morgan war, soweit sie wusste, der Einzige, der von ihrer Affäre mit Gordon wusste. Und letztlich auch der Kollege, der Gordon am nächsten stand.
«Gut. So, wie es sein soll.»
«Das freut mich.»
Er lächelte, klopfte ihr leicht auf die Schulter und nickte ihr zu. Dann ging er endgültig. Hannah seufzte im Stillen. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte zu suchen, aber sie hatte die Mutter eines toten Babys zu finden.
Er sollte jetzt besser nach Hause fahren.
Sie warteten schon auf ihn. Max musste zum Hockeytraining gebracht werden, und Emelie hatte er seine Hilfe bei den Biologiehausaufgaben versprochen. Sie würde übermorgen eine Klausur schreiben und wollte gut abschneiden, wie bei allem, was sie sich vornahm.
Er sollte wirklich nach Hause fahren.
Ehemann, Vater, Nachbar sein.
Ein normales Leben führen.
Niemand wusste es. Natürlich nicht. Linda würde ihn verlassen, wenn sie auch nur ahnte, was Sache war, dessen war er sich sicher. Das Erbe ihrer Eltern, die Fonds der Kinder, ihr gemeinsames Erspartes. Es war sein kleines Glück, dass Erinnerungs- und Mahnschreiben heutzutage digital versendet wurden und er sich ganz allein um die Finanzen kümmerte. Linda hatte kein Interesse daran und vertraute ihm, nahm an, dass sie von ihren beiden Gehältern gut lebten, und er war ein ausgezeichneter Lügner.
Er sollte nach Hause fahren.
Doch es widerstrebte ihm, den Motor zu starten, vom Parkplatz auf die Straße einzubiegen und die gut elf Minuten bis zu ihrem Haus zurückzulegen. Der Tag war der reinste Horror gewesen.
Fünfundzwanzigtausend Kronen.
Verzockt in weniger als einer Stunde.
Ein Blankodarlehen, das innerhalb eines Monats zurückgezahlt werden musste. Mit Zinsen wären das letztendlich 30890. Es war nicht das erste Mal, dass er Geld verloren hatte, das er nicht besaß, doch heute war es anders gewesen. Er war sich seiner Sache so sicher gewesen. Endlich würde er aus dem Schuldensumpf, in dem er bis zum Hals steckte, wieder herauskommen. Und einen Monat Aufschub erhalten. Er hatte angenommen, dass sich die fünfundzwanzigtausend, die ihm nur wenige Minuten nach Ausfüllen der Anfrage im Internet aufs Konto überwiesen worden waren, verdoppeln würden, damit er die Summe sofort zurückzahlen und auch gleich das Darlehen abstottern könnte, das er im vergangenen Monat aufgenommen hatte und das nach dem Wochenende fällig wurde.
Er sollte nach Hause fahren.
Stattdessen zückte er sein Handy und scrollte die Liste von Kreditgebern durch.
Flexkontot, Binly, Moneezy, Credifi, Kontantfinans, Lumify.
Alles wohlbekannte Namen, den meisten von ihnen war er noch Geld schuldig. Nicht, dass es sie daran hindern würde, ihm weitere Beträge zu leihen, doch aus irgendeinem Grund erschien es ihm immer besser und einfacher, sich einen neuen zu suchen oder zumindest einen, bei dem er seine früheren Schulden schon abbezahlt hatte.
Merax.
Ein neuer Name.
Sie boten bis zu dreißigtausend mit einem sechsjährigen Tilgungsplan. Zwar lag der effektive Jahreszins bei über hundertachtundzwanzig Prozent, doch die monatlichen Raten erschienen ihm erschwinglich.
Er lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze und schloss die Augen. Hörte sein Herz im Brustkorb schlagen. Er wusste, was er tat, irgendwann musste ihm das Glück doch mal hold sein. So oft, wie er schon gespielt hatte, müsste er statistisch betrachtet unverzüglich den Jackpot holen. Ein reeller Gewinn, das war alles, was er brauchte, um sich aus dem Schlamassel zu befreien. Schuldenfrei zu werden, alle Apps auf seinem Handy zu löschen und nie wieder zu spielen. Ehemann, Vater und Nachbar zu sein. Ein gewöhnliches Leben führen. Ja, genau das strebte er an.
Er arbeitete sich weiter durch die Website, klickte auf «Beantragen» und tippte den Maximalbetrag ein. Zuckte zusammen, als auf einmal das Telefon in seiner Hand klingelte.
Auf dem Bildschirm stand, dass ‹Bruce› anrief. Wie Springsteen. Der Boss.
Henrik wusste nicht, wie er in Wirklichkeit hieß.
Als hätte er nicht schon genug um die Ohren, aber den Boss zu ghosten, war keine gute Idee. Immer erreichbar zu sein, gehörte zu seiner Tätigkeitsbeschreibung. Er räusperte sich und nahm das Gespräch an.
«Ja, hier ist Henrik», sagte er, bemüht, wie ein ganz normaler Familienvater auf dem Heimweg von der Arbeit zu klingen, den gerade keine größeren Sorgen plagten.
«Hast du die Zeitung gelesen?», fragte die Stimme am anderen Ende.
«Nein, ich habe …» Er suchte nach einem Grund dafür, dass er das Tagesgeschehen nicht auf dem Schirm hatte, doch ihm fiel keiner ein. «Nein, hab ich nicht», gestand er.
«Die Bullen haben ein Baby gefunden.»
«Wirklich?»
«Tot. Beim Cholerafriedhof in Salmis.»
«Ist es unseres?»
«Was zum Teufel glaubst du denn? Klar ist es unseres.»
«Okay.»
Schweigen. Henrik war am Vortag nicht draußen beim Anwesen gewesen, hatte nur einen Anruf erhalten mit der Information, dass zwei ihrer Objekte verschwunden waren, aber von ihm war nicht erwartet worden, in irgendeiner Form aktiv zu werden. Würde es jetzt wieder so sein?
«Ich möchte, dass du dich mit Toni und Rasmus in Salmis triffst und nach ihnen suchst», erklärte die Stimme in der Leitung und beantwortete somit umgehend seine unausgesprochene Frage.
«Jetzt?»
«Nein, irgendwann die Woche, wenn es dir mal passt.»
Also jetzt. Henrik seufzte laut, schloss die Augen und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken. Ausgerechnet …
«Haben die anderen nicht schon nach ihnen gesucht? Hast du sie denn nicht losgeschickt, als ihr entdeckt habt, dass sie verschwunden sind?»
«Aber jetzt wissen wir, in welche Richtung sie verschwunden sind.»
«Okay, aber ich kann hier im Augenblick nur schlecht weg.»
«Aha?»
«Ich muss noch ein paar Dinge erledigen.»
«Wichtige Dinge?»
Kinder zum Training fahren, Hausaufgaben begleiten, nach dem Abendessen vermutlich Geschirr spülen und sich dann zusammen mit Linda irgendeine Folge einer Netflix-Serie anschauen, bevor es Zeit wurde, zu Bett zu gehen. Die übliche Wochentagsroutine, doch es erschien ihm wichtig. Insbesondere heute.
«Ja.»
«Wichtiger, als nicht im Knast zu landen?»
Natürlich nicht. Es war eine Sache, die Familienfinanzen zu ruinieren. Das könnte vielleicht sogar Mitgefühl wecken, Spielsucht hatte bei anderen oftmals diese Wirkung. Aber als Beteiligter an schweren Straftaten wie Menschenhandel erwischt zu werden, was nun wegen der beiden Ausreißerinnen zu passieren drohte, war etwas ganz anderes. Der ohnehin schon horrormäßige Tag wurde immer grauenvoller.
«Ich muss erst nach Hause und mit Linda reden.»
«Und worüber?»
«Ihr erklären, dass ich nicht alles wie versprochen übernehmen kann.»
«Wie viel weiß deine Frau?»
Sein Ton veränderte sich. Von gestresst, aber überlegen hin zu streng und bedrohlich. Henrik holte tief Luft und blies sie zwischen zusammengebissenen Zähnen wieder aus. Er sollte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr infrage gestellt werden.
«Nichts, sie weiß nichts», antwortete er mit fester Stimme, ohne seinen Frust zu offenbaren. «Aber ich muss ihr erklären, warum ich das, was wir verabredet hatten, nicht machen kann», fuhr er geduldig fort.
«Ruf sie an und sag ihr, dass du einen Notfall reingekriegt hast.»
«So funktionieren private gynäkologische Praxen nicht, und das weiß sie.» Und du müsstest das auch wissen, dachte er.
«Klär das, du hast eine halbe Stunde Zeit.»
Dann wurde es still, das Telefonat war beendet. Henrik saß mit dem Handy in der Hand da. Weder sein neues Darlehen noch seine alten Schulden waren jetzt noch von Bedeutung. In was für eine beschissene Situation hatte er sich nur gebracht.
«Verfluchte Scheiße! Scheiße! Scheiße!»
Er schlug mit der Hand so fest aufs Lenkrad, dass es wehtat. Schaute sich rasch in der Nygatan um, wo er vor der Praxis stand. Kein Mensch weit und breit, niemand hatte seinen kleinen Wutanfall mitbekommen. Er holte tief Luft, startete den Wagen und bog auf die Straße ein. Zückte erneut sein Handy.
Er hatte nicht vor, nach Hause zu fahren.
Er würde Linda anrufen.
Hatte keine Ahnung, was er sagen sollte, war sich jedoch sicher, dass ihm schon irgendetwas einfallen würde. Er war schließlich ein ausgezeichneter Lügner.
Der Himmel färbte sich allmählich orange.
Der Uhr nach war es an der Zeit, zusammenzupacken und Feierabend zu machen, doch es gefiel ihr, noch länger sitzen zu bleiben. In Uniform vor dem Bildschirm am Schreibtisch. Der Empfang war schon seit Langem geschlossen, und nach siebzehn Uhr hatten auch ihre Kollegen einer nach dem anderen das Büro verlassen. Alle hatten noch einmal zu ihr hereingeschaut und versichert, wie froh sie seien, dass sie wieder zurück war.
Gordon war als Letzter gegangen. War in ihr Büro gekommen und hatte sich wie immer auf den Stuhl neben der Tür gesetzt, als sei seit dem letzten Mal nicht bereits über ein Jahr vergangen.
«Irgendetwas, das ich wissen muss, bevor ich gehe?», hatte er gefragt, während er ein Bein über das andere geschlagen und es sich bequem gemacht hatte.
«Zum Fall?»
«Ja, erst mal dazu.»
Hannah hatte ihren Bürostuhl zurückgeschoben und sich ihm zugewandt.
«Ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll. Beratungsstellen für Schwangere und gynäkologische Praxen werden keine Informationen rausgeben.»
«Aber wenn sie eine solche aufgesucht hätte, hätte sie doch wahrscheinlich abgetrieben, oder nicht?»
«Ja, vielleicht … Vermutlich. Wenn sie es nicht zu spät bemerkt hat.»
«Kann man denn in der achtzehnten Woche sein, ohne es zu merken?»
«Ich persönlich habe es im Prinzip jedes Mal schon in der zweiten Woche gemerkt, aber man hört ja immer wieder von Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, ohne überhaupt gewusst zu haben, dass sie schwanger waren.»
«Ja, stimmt …»
«Hat sich schon irgendwer gemeldet?»
Gordon hatte eine Pressemitteilung mit kurzen Angaben zum Fall herausgegeben, gefolgt von der Bitte an die Mutter – oder wer auch immer meinte, über verwertbare Informationen zu verfügen –, von sich hören zu lassen. Jetzt schüttelte er den Kopf.
«Noch nicht.»
«Und wann bekommen wir die DNA?»
«Ich habe darum gebeten, dass sie die Sache vorziehen, aber es wird eine Weile dauern.»
Gordon beugte sich vor und stützte die Hände auf die Knie.
«Irgendwas anderes, das ich wissen muss, bevor ich gehe?»
«Das nichts mit dem Fall zu tun hat?»
«Ja.»
Hannah überlegte. Irgendetwas, das er wissen müsste? Es gab Dinge, über die sie sich gerne mit jemandem ausgetauscht hätte. Es war lange her, dass sie sich länger mit einem anderen Erwachsenen unterhalten hatte oder jemandem körperlich nah gewesen war. Aber etwas, das er wissen müsste? Eigentlich nicht. Nicht als ihr Chef, der er im Augenblick ausschließlich war.
«Nein, ich glaube nicht», antwortete sie nachdenklich.
«Okay.» Gordon stand auf und unterdrückte ein Gähnen. «Dann sehen wir uns morgen.»
«Das machen wir.»
«Und bleib nicht mehr allzu lange.»
Mit diesen Worten war er verschwunden. Das war bereits mehrere Stunden her, die Sonne hatte noch hoch am Himmel gestanden. Hannah schloss die offenen Dateien in ihrem Computer, sie kam nicht weiter mit dem toten Kind im Wald.
Nicht jetzt. Nicht heute.
Sie bewegte den Cursor hin zu einem anderen Ordner auf ihrem Desktop, öffnete ihn und informierte sich eingehender über alles, was während ihrer Abwesenheit passiert war. Trunkenheit am Steuer, Geschwindigkeitsüberschreitungen, Fahren ohne Führerschein, Einbrüche, Moped- und Autodiebstähle, geringfügige Drogendelikte, Rauschgifthandel, leichte Körperverletzung, schwere Körperverletzung, sexuelle Belästigungen, Vergewaltigungen, Betrügereien, zwei Morde, beide rasch aufgeklärt – ein eifersüchtiger Exmann und ein alter Saufkumpan. Hannah kannte mehrere der auf dem Bildschirm vorbeiflimmernden Namen.
Ein ganz gewöhnliches Jahr in Haparanda.
Allerdings wies die Statistik in die falsche Richtung.
In den anderen Städten der Region gingen die Gewaltverbrechen zurück, in Haparanda hingegen nicht. Inzwischen waren sie von sämtlichen Kommunen in Norrbotten diejenige mit den meisten zur Anzeige gebrachten Gewalttaten pro Einwohner. Mit Abstand. Eine düstere Lektüre. Sie schloss das Dokument wieder und lehnte sich auf ihrem Bürostuhl zurück. Dennoch, insgesamt gesehen war es ein guter Tag. Der beste seit Langem. Für viele Stunden hatte sie nicht mehr an den vorigen Sommer zurückgedacht. Nicht an Thomas, nicht an die Akademie, nicht an Elin.
Gut für sie.
Gut und notwendig.
Morgen würde sie sich wieder dem Fall widmen. Hoffentlich meldete sich bald irgendwer. Wenn nicht, würde es schwierig werden. Sie wollte die Mutter unbedingt finden, um ihr zu helfen. Doch hier und jetzt konnte sie nicht viel mehr tun.
Als die Mikrowelle zu piepen begann, nahm sie die Packung Tortelloni mit Ricotta heraus, zog die schützende Plastikfolie ab, schnappte sich die auf dem Küchentisch bereitgelegte Gabel und ging ins Wohnzimmer.
Es war an der Zeit, den neu eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
Die Dinge hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen.
