Die Frage der Wiedergeburt - Sri Aurobindo - E-Book

Die Frage der Wiedergeburt E-Book

Sri Aurobindo

4,9
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Die Frage der Wiedergeburt ist ursprünglich eine Serie von Artikeln, die Sri Aurobindo zwischen 1914 und 1920 für seine Zeitschrift ARYA geschrieben hat und die später als Buch veröffentlicht wurde. Die Frage der Wiedergeburt beschäftigt sich auf erleuchtende Weise mit der Wechselwirkung zwischen der evolutionären Welt von Materie, Leben und Geist und der Welt des Spirits, die diese evolutionäre Welt hervorbringt und zu ihrem Ziel führt. Die Seele, als immer wiederkehrender Besucher aus der Welt des Spirits, bewohnt den Körper und wächst durch seine Instrumente des Denkens und Lebens zu einem erwachten psychischen Wesen, das nun die spirituelle Welt und die evolutionäre Welt der Materie, des Lebens und des Denkens in einem neuen Bewusstsein vereinen kann: dem supramentalen Bewusstsein, und dadurch den Sinn der Schöpfung und der Geburt zur Erfüllung bringt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 327

Bewertungen
4,9 (18 Bewertungen)
17
1
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch

Die Frage der Wiedergeburt ist ursprünglich eine Serie von ­Artikeln, die Sri Aurobindo zwischen 1914 und 1920 für ­seine Zeitschrift ARYA geschrieben hat und die später als Buch veröffentlicht wurde. Die Frage der Wiedergeburt

SRI AUROBINDO

SRI AUROBINDO

2013

ISBN (Druck) 978-3-922800-68-2

ISBN (ePub) 978-3-86710-100-4

ISBN (mobi) 978-3-86710-101-1

ISBN (pdf) 978-3-86710-102-8

© der deutschen Ausgabe by Mirapuri-Verlag, Gauting

BIBLIOGRAPHISCHE HINWEISE

Die Aufsätze dieses Buches erschienen zwischen 1915 und 1921 zuerst in der Monatszeitschrift Arya. Diejenigen im Abschnitt „Wiedergeburt und Karma“ kamen im November und Dezember 1915 (Bd. II, Nr. 4 und 5) und zwischen März und Dezember 1919 (Bd. V. Nr. 8, bis Bd. VI, Nr. 5) heraus. Die drei Aufsätze des 2. Abschnitts „Die Prinzipien des Karmas“ wurden zwischen August und Dezember 1920 (Bd. VII, Nr. 1-3 und Nr. 4+5) veröffentlicht, und die beiden Aufsätze des 3. Abschnitts „Die höheren Prinzipien des Karmas“ kamen in den beiden letzten Ausgaben des Arya im November/Dezember 1920 und Januar 1921 (Bd. VII, Nr. 4+5 und Nr. 6) heraus.

Irgendwann in den zwanziger Jahren wurde offenbar eine leicht überarbeitete Fassung der Aufsätze unter dem Titel The Problem of Rebirth gedruckt, jedoch nie freigegeben. Die wichtigsten Änderungen dieser Fassung sind ein am Schluss von „Die Bedeutung der Wiedergeburt“ hinzugefügter Absatz, drei neue Absätze am Ende von „Involution und Evolution“ sowie drei neue Absätze am Ende von „Karma, Wille und Auswirkungen“.

Um 1927 erwog Sri Aurobindo wiederum die Veröffentlichung von The Problem of Rebirth in Buchform. Mehrere Entwürfe zu ­einem neuen Aufsatz, der an das Ende der ganzen Reihe kommen sollte, wurden geschrieben, aber eine Endfassung dieses Aufsatzes wurde nie hergestellt, und das Buch ist zu Lebzeiten von Sri Aurobindo nie veröffentlicht worden. Im Jahr 1935 schrieb Sri Aurobindo in einem Brief an einen Schüler, dass er „die Erlaubnis zur Veröffentlichung von ‘Wiedergeburt und Karma’“ (oder irgendeines anderen Aufsatzes in The Problem of Rebirth) nicht gegeben habe, da gewisse Dinge „zu korrigieren waren und die tiefere Wahrheit“ an deren Stelle gesetzt werden musste. Dies war Sri Aurobindos Absicht, aber er fand „keine Zeit, um die restlichen Artikel zu beenden“.

Die tatsächlich veröffentlichte Erstausgabe von The Problem of Rebirth erschien 1952. Ihr Text folgte dem des Arya, jedoch wurden die oben erwähnten Überarbeitungen und neuen Absätze sowie einige weitere Überarbeitungen Sri Aurobindos mit aufgenommen. Die 2. Auflage (1969) enthielt den gleichen Text wie die erste. Sie brachte als Anhang den oben angeführten Brief zusammen mit der Frage, durch die er veranlasst worden war. Die 3. und die 4. Auflage von The Problem of Rebirth wurden 1971 als Teil der Luxus- und der Standardausgabe von Band 16 der Sri Aurobindo Birth Centenary Library veröffentlicht. In diesen Ausgaben wurden zwei Aufsätze, „Involution und Evolution“ und „Die aufsteigende Einheit“, ausgeschieden und in einer anderen Abteilung desselben Bandes untergebracht. Die 5. Auflage, im wesentlichen die gleiche wie die 2., kam 1973 heraus.

Die vorliegende 6. Auflage [die dieser Übersetzung zugrunde liegt] wurde fotomechanisch nach der Sri Aurobindo Birth Centenary Library-Ausgabe gedruckt. Die beiden ausgesonderten Aufsätze wurden wieder an ihre ursprüngliche Stelle gerückt und einige Druckfehler verbessert. Eine Anzahl kleinerer textlicher Änderungen und Zusätze von Sri Aurobindo, einschließlich einer Fußnote, wurden in dieser Auflage zum ersten Mal aufgenommen. Hier erscheint auch, als Anhang I, ein Aufsatz mit dem Titel „Die Verworrenheit des Karmas“, der wahrscheinlich zu der geplanten Fortsetzung des Werkes gehört, auf die sich der Autor in seinem Brief von 1935 bezieht. Dieser Brief ist im Anhang II der vorliegenden Ausgabe abgedruckt. Wie oben erwähnt, existieren mehrere Entwürfe des neuen Aufsatzes, von denen einer in Band 17 der Sri Aurobindo Birth Centenary Li­brary (S. 33-35) veröffentlicht wurde. Dieser Entwurf ist eine überarbeitete Fassung der ersten drei Absätze eines anderen, vollständigeren früheren Entwurfs. Der hier vorgelegte Text von „Die Verworrenheit des Karmas“ besteht aus dem schon veröffentlichten Entwurf, so weit er reicht (drei Absätze); zur Vervollständigung wurde der frühere Entwurf herangezogen.

INHALTSVERZEICHNIS

1. Abschnitt: WIEDERGEBURT UND KARMA

1. Wiedergeburt

 2. Die sich wiederverkörpernde Seele

 3. Wiedergeburt, Evolution und Vererbung

4. Wiedergeburt und Seelen-Evolution

 5. Die Bedeutung der Wiedergeburt

6. Die aufsteigende Einheit

7. Involution und Evolution

8. Karma

9. Karma und Freiheit

10. Das Karma, der Wille und ihre Auswirkung

11. Wiedergeburt und Karma

12. Karma und Gerechtigkeit

2. Abschnitt: DIE PRINZIPIEN DES KARMAS

1. Die Grundlage

2. Das irdische Gesetz

3. Geistesnatur und Karmagesetz

3. Abschnitt: DIE HÖHEREN PRINZIPIEN DES KARMAS

1. Die höheren Prinzipien des Karmas

2. Die höheren Wahrheitsprinzipien

1. Abschnitt

1. WIEDERGEBURT

Die Theorie der Wiedergeburt ist fast so alt wie das Denken selbst, und ihr Ursprung ist unbekannt. Wir können sie je nach Neigung als Frucht alter psychologischer Erfahrung annehmen, die erneuerungsfähig und nachprüfbar und daher wahr ist, oder sie als philosophisches Dogma und geistreiche Spekulation abtun; doch in beiden Fällen wird die Lehre, genauso wie sie allem Anschein nach fast so alt ist wie das menschliche Denken selbst, wahrscheinlich auch fortdauern, solange Menschen denken.

Früher war die Lehre in Europa unter der grotesken Bezeichnung „Seelenwanderung“ in Umlauf und bescherte dem westlichen Geist die komische Vorstellung, wonach die Seele des Pythagoras aus der göttlichen Menschengestalt wahllos wie ein Zugvogel in den Körper eines Meerschweinchens oder in den ­eines Esels wanderte. Die philosophische Würdigung der Theorie drückte sich in dem wunderbaren, doch ziemlich unpraktischen griechischen Wort Metempsychosis aus, das „Beseelung eines neuen Körpers mit demselben psychischen Individuum“ bedeutet. Die griechische Sprache hatte immer eine glückliche Hand, Gedanke und Wort miteinander zu verbinden, und es konnte gar kein besserer Ausdruck gefunden werden; doch ins Englische eingezwängt ist das Wort nur noch lang und pedantisch, ohne dass eine Erinnerung an seinen feinen griechischen Sinn anklingt, und man muss darauf verzichten. Wiederverkörperung ist der jetzt allgemein übliche Ausdruck, doch der Wortgedanke neigt zu vergröbernder oder äußerlicher Auffassung des Sachverhalts und geht von vielen falschen Voraussetzungen aus. Ich ziehe „Wiedergeburt“ vor, denn es gibt den Sinn des weiten, schmucklosen, aber hinreichenden Sanskrit-Ausdrucks punarjanma wieder, „von neuem geboren werden“, und verpflichtet uns lediglich auf den Grundgedanken, der der Kern der Lehre ist und ihr Leben gibt.

Wiedergeburt ist für das moderne Denken nicht viel mehr als Spekulation und Theorie; sie ist durch die Methoden der modernen Naturwissenschaften nie bewiesen worden, auch nicht zur Befriedigung des neuen, von der Wissenschaftskultur geformten kritischen Denkens. Sie wurde auch nicht widerlegt; denn die modernen Naturwissenschaften wissen nichts von einem Leben vorher oder einem Leben nachher für die menschliche Seele, sie wissen nicht einmal etwas von einer Seele überhaupt, können es auch nicht wissen; ihre Domäne ist der Körper, Gehirn und Nerven, der Embryo und seine Bildung und Entwicklung, weiter nichts. Auch hat der moderne Kritizismus keinen Apparat, mit dem er die Wahrheit oder Unwahrheit der Wiedergeburt nachweisen kann. Tatsächlich ist er, trotz seinem ganzen Anspruch auf gründliche wissenschaftliche Forschung und gewissenhafteste Bestimmtheit, bei der Wahrheitsfindung nicht so tüchtig. Außerhalb des unmittelbar Physischen ist er fast hilflos. Für die Entdeckung von Tatsachen ist er geeignet, wenn die Schlüssigkeit dieser Tatsachen jedoch nicht aus deren eigenem Äußeren hervorgeht, hat er keine Möglichkeit, sich auf die allgemeinen Aussagen zu verlassen, die er in der einen Generation so selbstsicher verkündet und in der nächsten widerrufen muss. Er hat keine Möglichkeit, die Wahrheit oder Unwahrheit einer fragwürdigen historischen Behauptung zweifelsfrei herauszufinden. Nach einer ein Jahrhundert dauernden Kontroverse ist er nicht einmal in der Lage, uns zu sagen, ob Jesus Christus gelebt hat oder nicht. Wie kann er sich also mit einer Materie wie der Wiedergeburt befassen, die Gegenstand der Psychologie ist und besser durch psychologisches als durch naturwissenschaftliches Beweismaterial geklärt wird?

Die Argumente, die gewöhnlich durch Befürworter und Gegner vorgebracht werden, sind oft nicht sehr sinnvoll und bestenfalls mit Sicherheit nicht ausreichend, um irgend etwas auf der Welt zu beweisen oder zu widerlegen. Ein häufig triumphierend vorgebrachtes Gegenargument lautet zum Beispiel: Wir haben keine Erinnerung an unsere vergangenen Leben, also gibt es keine vergangenen Leben! Man lächelt, wenn man sieht, dass eine solche Argumentation allen Ernstes von denen gebraucht wird, die sich einbilden, den intellektuellen Kinderschuhen entwachsen zu sein. Der Beweis wird mit psychologischer Begründung weitergeführt, und doch bleibt dabei gerade die Natur unseres normalen oder physischen Erinnerungsvermögens unberücksichtigt, das der Durchschnittsmensch als einziges benutzen kann. In welchem Umfang haben wir eine Erinnerung an unser gegenwärtiges Leben, das wir ja unbestreitbar im Augenblick führen? Unser Gedächtnis ist normalerweise gut für das Naheliegende, wird verschwommener oder weniger aufnahmebereit für entferntere Gegenstände, erfasst weiter weg nur noch einige ins Auge springende Punkte und fällt, was den Beginn unseres Lebens angeht, in ein reines Nichts. Können wir uns auch nur an die bloße Tatsache, an den simplen Zustand erinnern, als wir ein kleines Kind an der Mutterbrust waren? Und doch gehörte dieser frühe Kindheitszustand – und das ist nicht etwa eine buddhistische Theorie – zu demselben Leben und zu derselben Person – gerade zu der, die sich nicht daran erinnern kann, sowenig wie an ihre vergangenen Leben. Dennoch verlangen wir von diesem physischen Gedächtnis, von diesem Gedächtnis des rohen Menschengehirns, das sich nicht an unsere frühe Kindheit zu erinnern vermag und dem so viel von unseren späteren Jahren entfallen ist, sich doch die Zeit vor der Kindheit, vor der Geburt und bevor es selbst gebildet wurde, wieder in Erinnerung zu rufen. Und wenn es das nicht kann, sollen wir unsere Stimme erheben: „Widerlegt ist eure Wiederverkörperungstheorie!“ Die neunmalkluge Weisheit unseres gewöhnlichen menschlichen Argumentierens musste in einer solchen Schlussfolgerung steckenbleiben. Wenn unsere vergangenen Leben erinnert werden sollen, entweder als Tatsache und Zustand oder in ihren Ereignissen und Bildern, kann es offenbar nur durch ein erwachendes psychisches Erinnerungsvermögen geschehen, das die Beschränkungen des Physischen überwindet und Eindrücke wieder aufleben lässt, die anders sind als die dem physischen Wesen von der physischen Gehirntätigkeit eingeprägten.

Auch wenn wir Beweise für die physische Erinnerung an vergangene Leben oder für ein solches psychisches Erwachen hätten, bezweifle ich, ob die Theorie als irgend besser bewiesen denn zuvor gelten würde. Man hört jetzt viel von solchen zuversichtlich vorgebrachten Beispielen, wenn auch ohne jenen Apparat von verifiziertem, verantwortlich geprüftem Beweismaterial, das den Ergebnissen psychischer Forschung Gewicht verleiht. Der Skeptiker kann sie stets als bloße Erfindung und Einbildung anzweifeln, wenn und bis sie nicht auf eine feste Beweisgrundlage gestellt sind. Auch wenn die angeführten Tatsachen bestätigt sind, kann er sich auf die Behauptung zurück­ziehen, dass es sich nicht um wirkliche Erinnerungen handelt, ­sondern dass sie der vorbringenden Person mittels normaler naturwissenschaftlicher Methoden bekannt geworden oder ihr von anderen eingegeben und in eine Wiederverkörperungserinnerung verwandelt worden seien, entweder durch bewusste Täuschung oder durch ­einen Vorgang der Selbsttäuschung und Selbsthalluzination. Und auch angenommen, das Beweismaterial wäre zu stichhaltig und einwandfrei, als dass man es mit diesen bekannten Tricks loswerden könnte, wäre es doch möglich, sie nicht als Beweis für die Wiedergeburt zu akzeptieren; der Geist kann für eine einzige Faktengruppe hundert theoretische Erklärungen beibringen. Spekulatives Denken und Forschung der Moderne haben diesen Zweifel eingeführt, so dass er drohend über jeder psychischen Theorie und allgemeinen Aussage schwebt.

Wir wissen zum Beispiel, dass etwa bei den Erscheinungen des automatischen Schreibens oder bei der Verbindung mit den Toten darüber debattiert wird, ob sie von außen kommen, von einem entkörperten Geist, oder von innen, vom unterschwelligen Bewusstsein, oder ob die Verbindung wirklich und unmittelbar von der abgelösten Persönlichkeit ausgeht oder aber, ob es ein an die Oberfläche gelangter telepathischer Eindruck ist, der dem Geist des damals Lebenden entsprang, jedoch in unserem unterschwelligen Geist untergetaucht blieb. Derartige Bedenken könnten auch den Materialien der Wiederverkörperungserinnerung entgegengebracht werden. Man könnte die Behauptung aufstellen, dass durch diese Materialien die Kraft einer gewissen geheimnisvollen Fähigkeit in uns bewiesen wird, ein Bewusstsein, das ein unerklärliches Wissen vergangener Geschehnisse in sich bergen kann, dass diese Geschehnisse aber zu anderen Persönlichkeiten als der unseren gehören und dass ihre Zuordnung zu unserer eigenen Persönlichkeit in vergangenen Leben eine Fantasievorstellung, eine Halluzination ist oder aber ein Beispiel der Selbst­an­eignung von wahrgenommenen Dingen und Erfahrungen, die jedoch nicht uns angehören – eine jener unbezweifelbaren Erscheinungen mentalen Irrtums. Durch eine solche Ansammlung von Beweismaterial würde vieles bewiesen, nicht jedoch die Wiedergeburt, zumindest nicht für den Skeptiker. Wäre das Material hinreichend ausführlich, genau und reichhaltig sowie persönlich genug, würde es sicher eine Atmosphäre schaffen, die letztlich dazu führen würde, dass die Theorie als eine moralische Gewissheit vom Menschengeschlecht allgemein angenommen wird. Beweisen ist jedoch etwas anderes.

Im Grunde ist das meiste, was wir als Wahrheit annehmen, eigent­lich nichts anderes als moralische Gewissheit. Wir alle haben den tiefsten, unerschütterlichsten Glauben, dass die Erde sich um ihre eigene Achse dreht, doch wurde diese Tatsache nie bewiesen, wie ein großer französischer Mathematiker aufzeigte; es ist nur eine Theorie, die eine gute Begründung für einen zu beobachtenden Sachverhalt abgibt, weiter nichts. Wer weiß, ob sie nicht in diesem oder einem anderen Jahrhundert durch eine bessere – oder schlechtere – ersetzt wird. Alle beobachteten astronomischen Erscheinungen wurden durch Sphärentheorien und was sonst noch alles großartig erklärt, bevor Galilei mit seinem „Und sie bewegt sich doch!“ auftrat und die Unfehlbarkeit von Papst und Bibel, Wissenschaft und Gelehrtenlogik erschütterte. Man hat das sichere Gefühl, dass großartige Theorien erfunden werden könnten, um die Tatsache der Gravitation zu erklären, wäre unser Intellekt nicht von den früheren Beweisführungen Newtons1 voreingenommen. Dies ist die unserem Verstande eigene und ihn stets verwirrende Plage; denn wenn er anfängt, weiß er nichts und hat sich mit unendlich vielen Möglichkeiten zu befassen, und die möglichen Erklärungen für jede beliebige Faktenreihe, bis man wirklich weiß, was dahintersteckt, sind endlos. Letztlich wissen wir eigentlich nur das, was wir beobachten, und auch dies unterziehen wir einer quälenden Untersuchung, zum Beispiel, dass grün grün und weiß weiß ist, obgleich es so aussieht, als wäre die Farbe nicht Farbe, sondern etwas anderes, das das Erscheinen von Farbe hervorbringt. Jenseits der beobachtbaren Tatsachen müssen wir uns mit annehmbarer Erfüllung der Logik, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit und mit moralischer Gewissheit zufriedengeben – wenigstens so lange, bis wir für die Beobachtung Sinn haben, dass es höhere Möglichkeiten in uns gibt als den sinnenabhängigen Verstand – und die Entwicklungen abwarten, mit denen wir zu größerer Gewissheit gelangen können.

Zugunsten der Theorie der Wiedergeburt können wir in der Tat keine solche sehr große Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit behaupten, wie wir es gegen den Skeptiker getan haben. Der noch verfügbare äußere Beweis ist letztlich nur ein Ansatz. Pythagoras war einer der größten Weisen, aber seine Behauptung, er habe vor Troja unter dem Namen des Antenoriden mitgekämpft und sei durch den jüngeren Atreussohn erschlagen worden, ist eben nur eine Behauptung, und seine Identifizierung des Trojanischen Schildes wird niemanden überzeugen, der nicht schon überzeugt ist; die moderne Beweisführung ist bis jetzt um nichts überzeugender als der Beweis des Pythagoras. In Ermangelung eines äußeren Beweises, der für unseren sachbeherrschten, sinnenhaften Intellekt allein schlüssig ist, haben wir das Argument der Verfechter der Wiederverkörperung, dass ihre Theorie alle Fakten besser erklärt als jede andere schon vorgebrachte. Der Anspruch ist berechtigt, aber er schafft überhaupt keine Gewissheit. Die Theorie der Wiedergeburt verbunden mit der Karma-Theorie gibt uns eine einfache, symmetrische und schöne Erklärung der Dinge; doch eine ebenso einfache, symmetrische und schöne Erklärung der Himmelsbewegungen gab uns auch die Sphärentheorie. Doch wir haben jetzt eine ganz andere Erklärung, eine viel komplexere, in ihrer Symmetrie viel gröbere und schwankendere, eine unerklärliche Ordnung, die sich aus chaotischen Unendlichkeiten heraus entwickelte und die wir als die Wahrheit der Sache akzeptieren oder zu akzeptieren pflegten, aber jetzt wird uns zu verstehen gegeben, dass diese Ordnung nur ein von unserem eigenen Geist geschaffenes oder von der Beschaffenheit unseres Gehirns bestimmtes Schema ist, eine Syntax und Logik von Worten und Gedanken, die wir einer Welt aufzwingen, die in Wahrheit nichts Derartiges enthält beziehungsweise enthalten kann. Und doch, wenn wir nur denken wollen, werden wir vielleicht erkennen, dass auch dies nicht die ganze Wahrheit ist; es steckt viel mehr dahinter, was wir noch nicht entdeckt haben. Daher ist die Einfachheit, Symmetrie und Schönheit und das Befriedigende der Wiederverkörperungstheorie keine Garantie für ihre Gewissheit.

Gehen wir in die Einzelheiten, wächst die Ungewissheit. Die Wiedergeburt erklärt zum Beispiel das Phänomen des Genies, angeborener Fähigkeiten und so manches andere psychologische Geheimnis. Doch dann kommt die Wissenschaft mit ihrer Vererbung, die allem gerecht wird und alles erklärt – obschon, wie bei der Wiedergeburt, nur für die, die ohnehin bereits daran glauben. Zweifellos wurden die Ansprüche der Vererbungslehre unsinnig übertrieben. Es gelang ihr in vielem, nicht in allem, die Begründung unseres Körperbaus, unseres Temperaments und unserer vitalen Eigenheiten. Ihr Versuch, eine Begründung für Genie, für angeborene Fähigkeiten und andere psychologische Erscheinungen höherer Art zu liefern, ist dagegen in seiner Anmaßung ein Fehlschlag. Dies mag daran liegen, dass die Naturwissenschaften überhaupt nichts Grundlegendes über unsere Psychologie wissen – nicht viel mehr als die ersten Astronomen von der Zusammensetzung und den Gesetzen der Sterne, deren Bewegungen sie doch schon mit hinreichender Genauigkeit beobachteten. Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft in der Lage sein wird, auch wenn sie mehr und besser weiß, diese psychologischen Dinge mittels Vererbung zu erklären; doch kann der Wissenschaftler sehr wohl so argumentieren, dass er erst am Anfang seiner Untersuchungen stehe, dass die Verallgemeinerung, die so vieles erklärt hat, sehr wohl alles erklären könne und dass seine Hypothese mit ihrem beweiskräftigen Faktenmaterial auf jeden Fall eine bessere Ausgangsposition gehabt habe als die Wiederverkörperungstheorie.

Dennoch ist das Argument des Wiederverkörperungstheoretikers so weit gut und verdient Respekt, obwohl es nicht schlüssig ist. Doch gibt es ein anderes, lautstärker vorgetragenes, das mir der feindseligen Argumentation vom fehlenden Gedächtnis zu entsprechen scheint, wenigstens in der Form, in der es normalerweise vorgebracht wird, um unreife Gemüter anzuziehen. Es ist das sittliche Argument, mit dem man Gottes Wege mit der Welt oder die Wege der Welt mit sich selbst zu rechtfertigen sucht. Es muss da eine moralische Weltregierung geben, so wird gedacht; oder mindestens ein Dekret in der Weltordnung zur Belohnung der Tugend und zur Bestrafung der Sünde. Doch auf unserer wirren und chaotischen Erde tritt keine solche Sanktion in Erscheinung. Wir sehen, wie der gute Mensch in die Presse des Jammers und Elends hinuntergestoßen wird und der schlechte wie ein grüner Lorbeerbaum gedeiht und an seinem Ende eben nicht elend dahingerafft wird. Nun, das ist unerträglich. Es ist eine grausame Anomalie, es wirft ein schlechtes Licht auf Gottes Weisheit und Gerechtigkeit und ist beinahe ein Beweis dafür, dass es Gott nicht gibt; wir müssen das in Ordnung bringen. Oder wenn es Gott nicht gibt, müssen wir irgendeine andere Sanktionierung der Rechtschaffenheit haben.

Wie tröstlich wäre es, wenn wir einen guten Menschen und sogar den Umfang seines Gutseins – denn sollte nicht der Höchste ein genauer und ehrbarer Buchhalter sein? – am Umfang des Ghee2 erkennen könnten, das er in seinen Magen tun darf, an der Anzahl von Rupien, die er auf sein Bankkonto klingeln lassen kann, und an den verschiedenen Arten von Glück, die ihm zufallen. Ja, und wie tröstlich auch, wenn wir auf den Schlechten, der von keiner Verheimlichung mehr gedeckt wird, mit dem ­Finger zeigen und ihn anschreien könnten: „O du schlechter Mensch! Denn wenn du nicht böse wärst, wärst du in einer von Gott oder wenigstens vom Guten regierten Welt so zerlumpt, hungrig, unglücklich, von Kummer verfolgt, ehrlos unter den Menschen? Ja, es ist erwiesen, dass du schlecht bist, denn du ­gehst in Lumpen. Gottes Gerechtigkeit ist fest gegründet.“ Da die Höchste Intelligenz zum Glück weiser und edler ist als das kindische Wesen des Menschen, ist das unmöglich. Doch trösten wir uns! Der Gute hat anscheinend deshalb nicht genug Glück, Ghee und Rupien, weil er wirklich ein Schuft ist und wegen seiner Verbrechen leidet – aber ein Schurke in seinem vergangenen Leben, der im Mutterleib plötzlich ein neues Blatt aufgeschlagen hat; und wenn jener schlechte Mensch prächtig gedeiht und die Welt großartig mit Füßen tritt, dann nur wegen seines Gutseins – in einem vergangenen Leben, da der damalige Heilige mittlerweile – war es durch seine Erfahrung, dass die Tugend auf Erden eitel ist? – zum Kult der Sünde übertrat. Alles wird geklärt, alles gerechtfertigt. Wir leiden für unsere Sünden in einem anderen Körper; wir werden in einem anderen Körper belohnt für unsere Tugenden in diesem; und so wird es ad infinitum weitergehen. Kein Wunder, dass die Philosophen dies für ein schlechtes Geschäft erklärten und als Heilmittel, um Sünde wie Tugend loszuwerden, vorschlugen, man solle aus einer so unbegreiflich regierten Welt irgendwie hinausklettern, und dies uns sogar als unser höchstes Gut empfahlen.

Offensichtlich ist dieses System nur eine Variante der alten, spirituell-materiellen Lockung und Drohung: Der Gute erhält die Lockung eines Himmels reichlicher Freuden und dem Schlechten wird mit einer Hölle ewigen Feuers oder bestialischer Qualen gedroht. Die Vorstellung vom Weltgesetz, das in erster Linie Belohnungen und Strafen austeilt, ist verwandt mit der Vorstellung, dass das Höchste Wesen ein Richter, „Vater“ und Schulmeister ist, der seine guten Jungen fortwährend mit Bonbons belohnt und seine nichtsnutzigen Bengel dauernd verhaut. Sie ist auch verwandt mit dem barbarischen und gedankenlosen System der manchmal grausamen und stets entwürdigenden Bestrafung für gesellschaftliche Verstöße, worauf die menschliche Gesellschaft immer noch beruht. Der Mensch besteht fortwährend darauf, Gott nach seinem eigenen Bilde zu erschaffen, anstatt danach zu trachten, sich immer mehr nach dem Bilde Gottes zu gestalten, und alle diese Vorstellungen sind ein Spiegel für das Kind, den Wilden und das Tier in uns, die wir immer noch nicht umgewandelt haben und über die wir immer noch nicht hinausgewachsen sind. Wir sollten eigentlich darüber erstaunt sein, wie diese Kinderfantasien ihren Weg in so tiefe philosophische Religionen wie den Buddhismus und den Hinduismus gefunden haben, wäre es nicht so offenkundig, dass die Menschen sich nicht den Luxus versagen werden, den Kehricht ihrer Vergangenheit mit den tieferen Gedanken ihrer Weisen zusammenzubringen.

Zweifellos müssen diese Vorstellungen, da sie so markant sind, ihren Nutzen für die Erziehung der Menschheit gehabt haben. Wahr ist vielleicht auch, dass der Höchste mit der Kinderseele kindgemäß umgeht und ihr erlaubt, ihre sinnenhaften Fantasien von Himmel und Hölle noch eine Zeitlang nach dem Tod des physischen Körpers weiterzuträumen. Vielleicht waren diese Vorstellungen vom Leben nach dem Tode und von der Wiedergeburt als Spielfeld für Strafe und Belohnung notwendig, weil sie zu unserer halbmentalisierten Tierhaftigkeit passten. Aber nach einer bestimmten Entwicklungsstufe hört das System auf, wirklich effektiv zu sein. Die Menschen glauben an Himmel und Hölle, aber sündigen fröhlich weiter und kommen schließlich doch davon infolge päpstlicher Nachsicht, der letzten priesterlichen Absolution oder der Reue auf dem Totenbett oder durch ein Bad im Ganges oder einen heiligen Tod in Benares – das sind die kindlichen Einfälle, mit denen wir uns von unserer Kindlichkeit freimachen!

Und am Ende wird der Geist erwachsen und legt den ganzen Kinderstuben-Nonsense verächtlich beiseite. Ebenso unwirksam wird die Lohn-und-Strafe-Theorie der Wiedergeburt, obschon etwas gehobener oder zumindest weniger grob sinnlich. Und es ist gut, dass es so ist. Denn es ist unerträglich, dass der Mensch mit seiner göttlichen Fähigkeit um einer Belohnung willen tugendhaft bleiben und die Sünde aus Angst meiden soll. Besser ein starker Sünder als ein selbstischer Feigling oder eine kleinliche, mit Gott feilschende Krämerseele; in ihm ist mehr Göttlichkeit, mehr Fähigkeit zur Erhebung. Die Gita hat es wahrhaftig gut gesagt, krpanah phalahetavah. Und es ist unvorstellbar, dass das System dieser weiten und majestätischen Welt auf diesen kleinlichen und armseligen Motiven beruhen soll. Vernunft sei in diesen Lehren? Dann nur die kindliche Vernunft der Kinderstube. Sittlichkeit? Dann nur Sittlichkeit des Schmutzes, schmutzige.

Die wahre Grundlage der Theorie der Wiedergeburt ist die Entwicklung der Seele oder vielmehr ihr Aufblühen aus dem Schleier der Materie und ihre allmähliche Selbstfindung. Der Buddhismus enthielt diese Wahrheit in seiner Lehre vom Karma und vom Auftauchen aus dem Karma, versäumte aber, sie bekannt zu machen; der Hinduismus kannte sie von alters her, verfehlte aber später das rechte Gleichgewicht des Ausdrucks. Heute sind wir wieder in der Lage, die alte Wahrheit in einer neuen Sprache zu formulieren, und dies wird bereits von einigen Denkschulen getan, obschon die alten Inkrustationen die Neigung haben, sich an diese tiefere Weisheit anzuheften. Und wenn dieses allmähliche Aufblühen wahr ist, dann ist die Theorie der Wiedergeburt eine intellektuelle Notwendigkeit, eine logisch zwingende Folge. Doch was ist das Ziel der Evolution? Nicht konventionelle oder interessierte Tugend und das fehlerlose Aufzählen der kleinen Münze des Guten in der Hoffnung auf eine gerechte Zuteilung materieller Belohnung, sondern ein fortwährendes Wachsen zu göttlichem Wissen und göttlicher Kraft, Liebe und Reinheit. Diese Dinge allein sind wirkliche Tugend und diese Tugend trägt ihren Lohn in sich selbst. Der einzige wahre Lohn für die Werke der Liebe besteht darin, ewig an Liebesfähigkeit und -wonne zu wachsen, empor zur Ekstase der allumfassenden Umarmung und Liebe des Spirits; der einzige Lohn für die Werke des rechten Wissens besteht im immerwährenden Wachstum in das unendliche Licht; der einzige Lohn für die Werke der rechten Macht besteht darin, immer mehr die Göttliche Kraft in uns Wohnung nehmen zu lassen, und für die Werke der Reinheit, immer mehr vom Egoismus befreit zu werden in diese makellose Weite hinein, in der alle Dinge umgewandelt und in der göttlichen Gelassenheit versöhnt sind. Einen anderen Lohn suchen heißt, sich selbst an eine Torheit und eine kindliche Unwissenheit binden; und auch diese Dinge als Belohnung anzusehen, zeugt ebenfalls von Unreife und Unvollkommenheit.

Und wie steht es mit Leiden und Glück, Unglück und Wohlstand? Dies sind Erfahrungen der Seele in ihrer Erziehung, Hilfe, Stützen, Mittel und Wege, Disziplinen, Tests, Zerreißproben – und Wohlstand ist oft eine schwerere Prüfung als Leiden. Tatsächlich können Not, Unglück, Leiden oft eher als Belohnung für Tugendhaftigkeit denn als Strafe für die Sünde angesehen werden, da es sich herausstellt, dass sie die größten Helfer und Reiniger der um ihre Entfaltung kämpfenden Seele sind. Sie lediglich als das harte Urteil eines Richters, als den Zorn eines gereizten Herrschers oder auch als die mechanische Rückwirkung der Folge des Bösen auf dessen Ursache zu betrachten, bedeutet, Gottes Umgang mit der Seele und das Gesetz der Welt-Evolution so oberflächlich wie nur möglich zu beurteilen. Und wie steht es mit weltlichem Wohlstand, Reichtum, Nachkommenschaft, dem äußeren Genuss von Kunst, Schönheit und Macht? Gut, wenn sie ohne Verlust für die Seele erreicht werden und nur als Ausgang göttlicher Wonne und Gnade auf unsere materielle Existenz genossen werden. Aber wir wollen sie zuerst für andere oder vielmehr für alle suchen und für uns selbst nur als einen Teil des universellen Zustandes oder als eines der Mittel, die uns der Vollkommenheit näher bringen.

Die Seele braucht keinen Beweis für ihre Wiedergeburt, genauso wenig wie sie einen Beweis für ihre Unsterblichkeit braucht. Denn es kommt eine Zeit, da sie bewusst unsterblich ist und sich selbst in ihrer ewigen und unwandelbaren Substanz kennt. Wenn diese Verwirklichung einmal erreicht ist, fällt alles intellektuelle Fragen für und wider die Unsterblichkeit der Seele ab wie der nichtige Lärm der Unwissenheit um die selbstevidente und ewig gegenwärtige Wahrheit. Tato na vicikitsate. Das ist der wahre Glaube an die Unsterblichkeit, wenn sie für uns kein intellektuelles Dogma wird, sondern eine so klare Tatsache wie die physische unseres Atmens und genauso wenig eines Beweises oder einer Erörterung bedürftig. So kommt auch eine Zeit, da die Seele sich selbst in ihrer ewigen und wandelbaren Bewegung erkennt; sie erkennt dann die Zeitalter hinter dem, was die gegenwärtige Organisation der Bewegung bildete, sie sieht, wie dies in einer ununterbrochenen Vergangenheit vorbereitet wurde, erinnert sich an vergangene Seelenzustände, Umgebungen, besondere Tätigkeitsformen, die ihre gegenwärtigen Bestandteile aufgebaut haben, und weiß, worauf sie sich durch Entwicklung in einer ununterbrochenen Zukunft zu bewegt. Das ist der wahre dynamische Glaube an die Wiedergeburt und auch da hört das Spiel des fragenden Intellekts auf; die Vision der Seele und die Erinnerung der Seele sind alles. Gewiss bleibt die Frage nach dem Mechanismus der Entwicklung und nach den Gesetzen der Wiedergeburt, wo der Intellekt und seine Untersuchungen und Verallgemeinerungen immer noch etwas Spielraum haben können. Und je mehr man hier denkt und erfährt, von desto zweifelhafterem Wert scheint die gewöhnliche, einfache, verkürzte und trockene Darstellung der Wiederverkörperung zu sein. Hier begegnen wir mit Sicherheit einer größeren Komplexität, einem Gesetz, das sich mit schwierigerem Gang und komplizierterer Harmonie aus den Möglichkeiten des Unendlichen heraus entwickelte. Doch dies ist eine Frage, die eine lange und ausführliche Betrachtung erfordert; denn „fein ist das Gesetz davon“. Anur hyesha dharmah.

1 Dies wurde vor dem Bekanntwerden der Einsteinschen Theorie geschrieben.

2 Geklärte Butter

2. DIE SICH WIEDERVERKÖRPERNDE SEELE

Menschliches Denken ist bei den meisten Menschen nicht mehr als eine ungefähre und undurchdachte Annahme ungeprüfter Gedanken. Unser Geist ist ein verschlafener Wachposten, der alles die Tore passieren lässt, was einigermaßen anständig daherkommt oder ein gewinnendes Äußeres hat oder etwas murmeln kann, das einer bekannten Losung gleicht. Dies ist besonders bei subtileren Dingen der Fall, die der konkreten Wirklichkeit unseres physischen Lebens und unserer physischen Umwelt fernliegen. Sogar Menschen, die normalerweise sorgfältig und scharf argumentieren und denen Wachsamkeit gegenüber Fehlern als eine intellektuelle oder fachliche Pflicht gilt, geben sich doch, wenn sie auf höheren und schwierigeren Grund geraten, mit dem unachtsamsten Straucheln zufrieden. Wo Exaktheit und feinsinniges Denken am meisten benötigt werden, sind sie höchst ungeduldig und der Mühe abhold, die von ihnen verlangt wird. Die Menschen bringen scharfsinnige Gedanken über greifbare Dinge zustande, aber subtil über das Subtile nachzudenken, ist eine zu große Anstrengung für die Derbheit unseres Intellekts; so begnügen wir uns mit einem Klecks auf der Wahrheit wie der Maler, der seinen Pinsel auf sein Bild warf, als ihm der gewünschte Effekt nicht gelang. Wir halten den so entstandenen Fleck irrtümlich für die vollkommene Form einer Wahrheit.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Menschen sich mit unreifen Gedanken über eine Materie wie die Wiedergeburt zufriedengeben. Diejenigen, die sie akzeptieren, nehmen sie gewöhnlich fertig „von der Stange“, entweder als schablonenhafte Lehre oder als grobes Dogma. Die Seele wird in einem neuen Körper wiedergeboren – diese verschwommene und fast nichts sagende Behauptung genügt ihnen. Doch was ist die Seele, und was kann möglicherweise mit der Wiedergeburt einer Seele gemeint sein? Nun, es bedeutet Wiederverkörperung; die Seele, was immer das sein mag, war aus dem Gehäuse eines Leibes herausgekommen und kommt nun in das Gehäuse eines anderen Leibes hinein. Es klingt einfach – sagen wir, es ist wie beim Dschinn im arabischen Märchen, der seiner Flasche entstieg, sich ausbreitete und sich dann wieder in sie hineinpresste, oder wie etwa bei einem Kissen, das aus einem Kissenbezug herausgezogen und in einen anderen hineingestopft wird. Oder die Seele bildet sich einen Körper im Mutterleib und nimmt ihn dann in Besitz, oder aber, so können wir sagen, sie legt das Gewand eines Leibes ab und zieht ein anderes an. Doch was „verlässt“ so den einen Körper und „betritt“ einen anderen? Ist es ein anderer, ein psychischer Körper und eine subtile Form, die in die grobe Körperform eintritt – vielleicht der Purusha der alten Vorstellung, nicht größer als ein Menschendaumen –, oder ist es etwas in sich selbst Formloses und Ungreifbares, das sich insofern verkörpert, als es eine für die Sinne greifbare Gestalt von Fleisch und Knochen wird oder annimmt?

In der normalen volkstümlichen Vorstellung gibt es überhaupt keine Geburt einer Seele, sondern nur die Geburt eines neuen Körpers in die Welt, in Besitz genommen von einer alten Persönlichkeit, die sich nicht von der unterscheidet, die einmal eine jetzt abgelegte physische Gestalt verlassen hat. John Robinson verließ die leibliche Form, die er einmal innehatte, und derselbe John Robinson verkörpert sich morgen oder nach einigen Jahrhunderten in einer anderen leiblichen Form wieder und nimmt den Gang seiner irdischen Erfahrungen unter anderem Namen und in einer anderen Umgebung wieder auf. Nehmen wir einmal an, Achilles wird als Alexander, Sohn Philipps von Mazedonien, wiedergeboren, er ist Sieger nicht über Hektor, sondern über Darius, mit einem größeren Horizont, mit höherer Bestimmung; aber es ist noch Achilles, es ist dieselbe Persönlichkeit, die wiedergeboren wird, nur die körperlichen Verhältnisse sind anders. Dieses Weiterleben der identischen Persönlichkeit zieht den europäischen Geist heute in seiner Wiederverkörperungstheorie an. Denn die Auslöschung oder Auflösung der Persönlichkeit, dieses Mental-Nerven-Körper-Kompositums, das ich „ich“ nenne, ist für einen in das Leben Verliebten schwer zu ertragen, und das Versprechen, dass sie weiterlebt und physisch wieder erscheint, ist der große Köder. Der einzige Einwand, der seiner Annahme wirklich im Weg steht, ist das offensichtliche Nicht-Weiterleben der Erinnerung. Der Mensch ist Erinnerung, sagt der moderne Psychologe, und was nützt das Weiterleben meiner Persönlichkeit, wenn ich mich nicht an meine Vergangenheit erinnere, wenn ich auch nicht merke, dass ich immer und ewig dieselbe Person bin? Was ist der Nutzen? Wo liegt der Genuss?

Die alten indischen Denker – ich spreche nicht von dem volkstümlichen Glauben, der ziemlich roh war und überhaupt nicht über die Sache nachdachte –, die alten buddhistischen und vedischen Denker betrachteten den ganzen Bereich von einem völlig anderen Standpunkt aus. Sie hingen nicht am Weiterleben der Persönlichkeit; sie gaben diesem Weiterleben nicht den erhabenen Namen Unsterblichkeit; sie sahen diese Persönlichkeit so, wie sie ist, eine sich ständig verändernde Mischung, das Weiterleben einer identischen Persönlichkeit war Unsinn, ein Widerspruch in sich selbst. Sie nahmen in der Tat wahr, dass es eine Kontinuität gibt, und sie suchten zu entdecken, wodurch diese Kontinuität bestimmt wird und ob das Gefühl der Identität in ihr eine Illusion ist oder eine Tatsache, eine wirkliche Wahrheit, und, wenn dies der Fall ist, was für eine Wahrheit das sein mag. Der Buddhist leugnete eine wirkliche Identität. Es gibt, sagte er, kein Selbst, keine Person; es gibt nur einen ununterbrochenen Energiestrom in Tätigkeit wie das unaufhörliche Fließen eines Flusses oder das unaufhörliche Brennen einer Flamme. Diese Kontinuität schafft im Geist das falsche Gefühl der Identität. Ich bin jetzt nicht dieselbe Person, die ich vor einem Jahr war, nicht einmal dieselbe Person, die ich einen Augenblick zuvor war, genauso wenig wie das Wasser, das an jener Wassertreppe vor­bei­fließt, dasselbe ist wie das vor einigen Sekunden vorbei geflossene; durch das beharrliche Fließen im selben Flussbett erhält sich das falsche Erscheinungsbild der Identität. Offensichtlich gibt es dann auch keine Seele, die sich wiederverkörpert, sondern nur das Karma, das beharrlich andauernd im scheinbar ununterbrochenen Flussbett hinab fließt. Das Karma ist es, das sich verkörpert; das Karma erschafft die Form einer sich ständig verändernden Geistesverfassung und physische Körper, die, so können wir vermuten, das Ergebnis dieser sich verändernden Mischung von Vorstellungen und Empfindungen sind, die wir „ich“ nennen. Das identische „Ich“ ist nicht, war nicht, wird nie sein. Solange der Irrtum der Persönlichkeit währt, besteht praktisch kein großer Unterschied, und ich kann in der Sprache der Unwissenheit sagen, dass ich in einem neuen Körper wiedergeboren bin; praktisch muss ich auf der Grundlage dieses Irrtums vorgehen. Aber es gibt diesen wichtigen Gewinnpunkt, dass alles ein Irrtum ist, und ein Irrtum, der aufhören kann; das Gemisch kann für immer ohne Neubildung aufgelöst werden, die Flamme kann ausgelöscht, das Flussbett, das sich Fluss nannte, zerstört werden. Und dann ist Nicht-Sein, Stillstand, die Befreiung des Irrtums von sich selbst.

 Der vedische Seher kommt zu einem anderen Schluss; er nimmt ein Identisches an, ein Selbst, eine fortwährende unwandelbare Wirklichkeit – die aber etwas anderes ist als meine Persönlichkeit, etwas anderes als diese Mischung, die ich „ich“ nenne. In der Katha Upanishad wird die Frage in sehr instruktiver Form aufgeworfen, ganz dem Gegenstand angemessen, den wir vor uns haben. Nachiketas, von seinem Vater in die Welt des Todes gesandt, befragt Yama, den Herrn jener Welt, so: Von dem Menschen, der vorangegangen ist, der von uns gegangen ist, sagen einige, dass er ist, und andere, „das ist er nicht“; was ist nun richtig? Was ist die Wahrheit des großen Durchgangs? So die Form der Frage, und auf den ersten Blick scheint es, als ob das Problem der Unsterblichkeit im europäischen Sinn des Wortes aufgeworfen wird, das Weiterleben der identischen Persönlichkeit. Aber das will Nachiketas nicht wissen. Er hat als zweite der drei ihm von Yama angebotenen Wohltaten schon das Wissen der heiligen Flamme angenommen, mit dem der Mensch Hunger und Durst überschreitet, Sorge und Furcht weit hinter sich lässt und frohlockend und sicher im Himmel wohnt. Unsterblichkeit in diesem Sinn nimmt er als gegeben, wie er es, da er schon in jener entfernteren Welt steht, sicherlich tun muss. Das Wissen, nach dem er fragt, schließt das tiefere, heiklere Problem mit ein, von dem Yama behauptet, selbst die Götter stritten von alters her darüber und es sei nicht leicht zu erfahren, denn subtil sei sein Gesetz; etwas lebt weiter, das dieselbe Person zu sein scheint, das in die Hölle hinab- und in den Himmel emporsteigt und mit einem neuen Körper auf die Erde zurückkehrt, doch ist es wirklich dieselbe Person, die so weiterlebt? Können wir wirklich von dem Menschen sagen: „Er ist noch“, oder müssen wir nicht vielmehr sagen: „Dies ist er nicht mehr“? Auch Yama spricht in seiner Antwort überhaupt nicht vom Weiterleben nach dem Tode, und er teilt nur ein paar Verse für eine knappe Beschreibung dieser ständigen Wiedergeburt mit, die alle ernst zu nehmenden Denker als eine allgemein anerkannte Wahrheit akzeptierten. Sondern er spricht vom Selbst, vom eigentlichen Menschen, dem Herrn aller dieser wechselnden Erscheinungsformen; ohne das Wissen von diesem Selbst ist das Weiterleben der Persönlichkeit kein unsterbliches Leben, sondern ein ständiges Weitergehen von Tod zu Tod; nur wer über die Persönlichkeit hinausgeht zur wahren Person, wird der Unsterbliche. Bis dahin scheint der Mensch wirklich immer wieder geboren zu werden durch die Kraft seines Wissens und seiner Werke, ein Name folgt dem anderen, eine Form weicht der anderen, aber Unsterblichkeit gibt es nicht.

Dies ist also die eigentliche Frage, die der Buddhist und der vedische Seher so sehr voneinander abweichend stellen und beantworten. Es herrscht eine ständige Neuformung der Persönlichkeit in neuen Körpern, doch diese Persönlichkeit ist eine unbeständige Schöpfung der tätigen Kraft, vorwärtsströmend in der Zeit und keinen Augenblick gleich, und der Ego-Sinn, durch den wir am Leben des Körpers hängen und bereitwillig glauben, dass es dieselbe Vorstellung und Form sei, dass John Robinson als Sidi Hussein wiedergeboren wird, ist eine Schöpfung unseres Geistes. Achilles wurde nicht als Alexander wiedergeboren, sondern der Kraftstrom in seinen Werken, der den jeden Augenblick sich ändernden Geist und Körper des Achilles erschuf, floss weiter und erschuf den jeden Augenblick sich ändernden Geist und Körper Alexanders. Dennoch, so sagt der alte vedische Seher, gibt es doch etwas jenseits dieser tätigen Kraft, ihr Meister, einer, der sie neue Namen und Formen für ihn erschaffen lässt, und das ist das Selbst, der Purusha, der Mensch, die wirkliche Person. Der Ego-Sinn ist nur ihr verzerrtes Bild im fließenden Strom des eingekörpert Geistigen.

Ist es also das Selbst, das sich verkörpert und wiederverkörpert? Doch das Selbst ist unvergänglich, unwandelbar, ungeboren, unsterblich. Das Selbst wird nicht geboren und existiert nicht im Körper; eher wird der Körper geboren und existiert im Selbst. Denn das Selbst ist Eines überall – sagen wir, in