Die Frau, die schrie - David L. Ulin - E-Book

Die Frau, die schrie E-Book

David L. Ulin

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit David L. Ulins Kriminalroman "Die Frau, die schrie", der im Original "The Thirteen Questions Method" heißt, überschreiten wir die Grenze des Genres. Ist ein Mord überhaupt geschehen? Waren es gar zwei? Der Ich-Erzähler sitzt in Los Angeles, will seine Vergangenheit vergessen und hört eine Frau schreien. Die Schreie seiner Nachbarin wecken nicht nur sein Interesse, plötzlich steht sie vor seiner Tür und droht, ihre Stiefmutter zu ermorden, die sie um ihr Erbe betrügen will. Wie in einem Fiebetraum wird er in ein Netz aus Angst und Manipulation hineingezogen. Schon bald weiß er nicht mehr, was er glauben soll. David L. Ulin schafft eine klaustrophobische Atmosphäre, die an David Lynch erinnert.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



David L.Ulin

Die Frau, die schrie

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt Herausgegeben von Wolfgang Franßen

Polar Verlag

Originaltitel: Thirteen Question Method

Copyright: © 2023 by David L. Ulin

Alle Rechte vorbehalten

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt

Mit einem Nachwort von Chris Harding Thornton © 2024

übersetzt von Peter Hammans © 2024

© 2025 Polar Verlag e.K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Peter Hammans

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Sara / Adobe Stock

Autorenfoto: © Noah Ulin

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: CPI Books GmbH, Ulm, Deutschland

ISBN: 978-3-910918-14-6 eISBN: 978-3-910918-15-3

Für Mark Haskell Smith

The thirteen question method is the one to use.

Chuck Berry

Inhalt

Question Number One: Do You Want To Have Fun?

Question Number Two: What To Do?

Question Number Three: Will You Dine And Dance With Me?

Question Number Four: Out The Door?

Question Number Five: Don’t Give Me No Jive?

Question Number Six: How Long To Get Fixed?

Question Number Seven: Should I Pick You Up At A Quarter To Eleven?

Question Number Eight: Is It A Date?

Question Number Nine: Where To Dine?

Question Number Ten: Can We Get In?

Question Number Eleven: It’ll Be Just Like Heaven?

Question Number Twelve: When We’re By Ourselves

Question Number Thirteen: How Can I Be Certain?

Über Eisberge und Auslöschung

Ein Nachwort von Chris Harding Thornton

Question Number One: Do You Want To Have Fun?

Die Frau auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs schrie. Flatternde Bänder der Tobsucht, wie das Geheul eines Kojoten. Als es begann, saß ich im Wohnzimmer auf dem Sofa, die Füße unter mich gezogen. Einen kurzen Moment klang ihre Stimme wie die eines Beutejägers, und mein Herz machte vor Adrenalin einen Satz, als sei ich selbst die Beute. Dann erkannte ich die Modulationen, den Tonfall und das ausgefeilte Auf und Ab.

Es war ein Samstagabend Ende Juli und das Wetter fühlte sich schon seit Tagen tropisch an. Drückende, schwüle Hitze stieg in schimmernden Wellen vom Asphalt auf. Draußen in den Canyons versengten Flächenbrände das trockene Gestrüpp. Kontrolle war ein Wort aus einem anderen Sprachschatz. Die Leute behaupten, der Herbst sei die Brandsaison Südkaliforniens, doch ich finde den Sommer am fiesesten. Heute Abend war die Luft jedoch klar, und meine Fenster standen offen. Nun stand ich vom Sofa auf, durchquerte das Zimmer und schloss mich ein. Ließ etwas Musik laufen. Das Problem mit der Frau war nicht, dass sie schrie, sondern dass ich das Schreien schon kannte.

Ich wusste, wer sie war. So ungefähr. Zumindest vom Gesicht her. Eckig, aber auch mondförmig – jedes Mal, wenn sie mir auffiel, sah sie anders aus. Gut schulterlanges Haar, braun mit verblichenen blauen Strähnen. Sie lebte allein, in dem Bungalow gegenüber, auf der anderen Seite des Innenhofs. Mitte dreißig, nur ein paar Jahre jünger als ich. Schlank, aber mit vollen Hüften und leichtem Schwung darin, schick gekleidet, in eng anliegenden Jeans und knöchelhohen Stiefeln.

Mir fallen solche Sachen auf, besonders die Stiefel …

Zu behaupten, sie hätte mich bemerkt, wäre übertrieben.

Nein, das stimmt nicht, ich bin sicher, dass sie mich bemerkt hat, so wie man Leute bemerkt, die man entweder nicht kennt oder die einem nicht sonderlich wichtig sind. Ich war nur ein Typ, der in einem der anderen Bungalows wohnte, unauffällig, früh ergraut. Ich war hier eingezogen, nachdem meine Ehe implodiert war, im Windschatten jenes Sturms. Ich war auf der Suche gewesen … nicht nach einem Zuhause oder irgendeinem Gefühl von Zugehörigkeit, sondern nur nach einem Ort, an dem ich landen konnte.

Dieser Bungalow war die erste Behausung, die ich mir angesehen hatte: Schlafzimmer, Wohnzimmer, mit einer Küche auf der anderen Seite einer halbhohen Wand, Küchentresen, ein paar Hocker. Ich habe das gesamte Mobiliar übernommen – Sofa, Bett, Sessel, Couchtisch –, alles an einem einzigen Nachmittag. Ich wollte es einfach nur hinter mir haben und mich nicht damit belasten.

In den letzten Wochen oder Monaten meiner Ehe hatte ich mich genauso gefühlt; ich wollte sie einfach nur hinter mir lassen, was immer sie war. Should I Stay Or Should I Go, wie in diesem alten Clash-Song, den ich, weiß ich noch, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, in dem Jahr, in dem ich zwanzig wurde, viel gehört habe. Ich war frisch mit der Frau zusammen, die ich später geheiratet habe. Dieser Teil meines Lebens war nun vorüber. In diesem Bungalow wartete ich nun, wartete auf eine Zukunft, die nie kommen würde.

Die Musik, die über meine Lautsprecher knurrte, waren frühe Klassiker: Little Walter, Memphis Minnie, Bessie Smith. Meine Frau hatte mich ständig gerügt, ich würde in der Vergangenheit leben. Warum hörst du keine Musik aus diesem Jahrhundert?, fragte sie, nicht immer freundlich, doch die Wahrheit war, dass ich mich nach Beruhigung sehnte. Alte Musik hielt keine Überraschungen bereit; ich kannte jeden Riff, jede Note, jede Schwankung in den Tonhöhen. Alte Musik brachte ihre eigenen, vertrauten Bilder mit, ebenso ausgeformt wie Erinnerungen.

Doch wenn, so wie jetzt, eine Aufnahme wie How Many More Years von Howlin’ Wolf aus meinem Mix lief, konnte das auch ein zweifelhafter Segen sein. Das war das Lied, das ich immer, mit wütenden Tränen, im Auto geschmettert hatte, wenn ich an meine Frau dachte, während sich vor meinem inneren Auge ein Bild aufbaute. Das ist die andere Sache mit alter Musik, in ihr liegen unsere Erinnerungen verschlüsselt, unsere Waswärewenns, was man getan haben könnte oder wollte, die Zeilen, von denen wir einst geglaubt hatten, sie sprächen uns aus der Seele. How many more years, wie viele Jahre noch … was für ein Scheißwitz. Wir konnten noch nicht mal unser Eheversprechen halten.

Aber, was hatte ich denn erwartet? Es war ja nicht nur sie, es war ja auch ich, und in dem Song ging es ja sowieso nicht darum, jemanden zu lieben, sondern darum, wie es sich anfühlt, nicht geliebt zu werden. Vielleicht hat er mich deswegen angesprochen, weil es mir beim Mitsingen erlaubte, mir vorzustellen, dass ich mich in diesem Kreislauf von Bedauern und Schuldzuweisung befände, so wie es der Sänger immer vor sich hin singt. Und was meine Ex-Frau angeht, na ja … sie passt nicht so recht in die Gleichung. Mit ihr hätte es kein Bedauern, keine Schuldzuweisung und kein Warten gegeben.

Eines Tages war es vorbei, und wir waren fertig miteinander.

Was auch immer, das sind alte Kamellen, Schnee von gestern. Ein weiterer Aspekt meines Lebens, den ich nicht kontrollieren konnte. Das Lied endete, wie das eben immer so ist, und in der plötzlichen Stille wurde ich mir einer tieferen Stille bewusst: Die Frau gegenüber im Hof hatte aufgehört zu schreien, gab überhaupt keinen Laut mehr von sich. Die Luft in meinem Wohnzimmer war still und dick, als hätte man eine Decke über die Nacht gelegt. Ich spürte Schweißperlen unter meinen Achseln und hinten im Nacken. Als ich zum Fenster ging, fühlte ich mich ein wenig benommen, und mir kam in den Sinn, es wieder zu öffnen. Bevor ich ein Fenster hochschieben konnte, bemerkte ich ein schlurfendes Geräusch, als würde ein kleines Tier irgendwo wühlen oder sich verstecken; und während ich noch da stand, klopfte es leise an meiner Tür.

Ich sah auf die Uhr – halb zehn abends. Ich durchquerte das Zimmer, als watete ich durch einen Sumpf. Plötzlich wurde ich mir einer so tiefen Erschöpfung bewusst, dass ich kaum noch aufrecht stehen konnte. Ich machte einen Schritt, dann noch einen, das Klopfen im Hintergrund wie ein pulsierendes Blinklicht. An der Tür atmete ich tief durch und fuhr mir mit den Fingern durchs Haar. Ohne zu fragen oder durch den Türspion zu schauen, wusste ich, wer es war, und tatsächlich, als ich den Riegel zurückgeschoben hatte, stand sie dort. Die Frau von gegenüber. Ihr zweifarbiges Haar hing wie eine Kapuze über die Augen, eine Maske, eine Art Schutz, als wolle sie sich verstecken.

Zunächst mal war sie hübsch. Ich hatte sie nie aus der Nähe gesehen, oder zumindest nie nah genug, hatte nie die Flecken Lavendel in ihren haselnussbraunen Augen gesehen, deren Lider mit Kajal geschminkt waren. Ihre Hand war erhoben, die Finger zu einer losen Faust geballt, als hätte ich sie mitten in einem Klopfen erwischt. Sie trug schwarzen Nagellack, gesplittert und zerfranst.

»Hallo«, sagte ich. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich …«, antwortete sie, und ihre Stimme verstummte, als hätte sie kein Wort gesagt.

In der Ferne hörte man eine Sirene, Polizei, Krankenwagen oder Feuerwehr, die ihr Heulen mit Doppler-Effekt gegen die Berge warfen. Das Gebäude lag in Hollywood, auf der Südseite Franklins, kurz unter dem Magic Castle. Nicht lange nachdem ich eingezogen war, hatte es eine Pandemie von Autobränden gegeben. In einer Nacht brannten einundzwanzig Wagen, in der nächsten achtzehn, und jedes Mal, wenn ich jetzt eine Sirene hörte, dachte ich wieder zurück an jene verzweifelten Stunden, in denen die Streifenwagen kreuz und quer durch die Nachbarschaft fuhren und der Himmel nach Kerosin stank oder Zigarettenbenzin. Der Typ, den die Cops verhaftet hatten, sagte, er hätte es nicht getan, doch er hatte eine Menge Scheiß durchgemacht, eine Trennung, den Verlust eines Angehörigen, ich weiß nicht mehr genau. Irgendwann konnte er gehen und verschwand wieder in der Stadt, als wäre er nie daraus hervorgekommen.

Die Frau von gegenüber sah mir nicht in die Augen.

»Sie wohnen auf der anderen Seite des Hofes, nicht wahr?«, fragte ich und deutete in Richtung ihres Bungalows. Sie nickte, sah mich aber immer noch nicht an. »Gibt es etwas …«, fuhr ich fort, und jetzt schaute sie auf und schüttelte kurz und heftig den Kopf, wobei ihre Augen im Licht des Wohnzimmers funkelten. »Wollen Sie reinkommen?«, fragte ich.

In der Wohnung sah sie sich vorsichtig um, wie ein wachsames Tier, bevor sie sich wieder mir zuwandte. »Ich möchte mich entschuldigen«, begann sie, ihre Stimme tonlos und fließend, mit einem kehligen Raspeln. Ich sah sie an, als wüsste ich nicht, was sie meinte; sie hob die Augenbrauen und schenkte mir denselben Blick wie ich ihr. »Ich weiß, dass Sie mich gehört haben«, fuhr sie fort. »Ich habe gesehen, wie Ihre Fenster hinuntergeschoben wurden. Ich konnte nicht anders. Haben Sie nie das Bedürfnis zu schreien?«

Nie das Bedürfnis zu schreien? Mein ganzes Leben fühlte sich so an. Aber wie konnte ich das jemandem erklären, den ich gerade erst kennengelernt hatte? Egal. Aber was war mit letzter Woche oder der Woche davor? Das hier war ja schließlich keine einmalige Angelegenheit.

Ich fühlte mich wie gelähmt, als könnte ich für immer in diesem Zimmer in dieser Position verharren. Wenn es zu brennen begänne, oder die Berge bei einem Erdbeben oder in einer Schlammlawine herunterfließen würden, fände man uns hier, immer noch an der Tür stehend. Es würde aussehen, als wären wir ein Paar, aber dem wäre nicht so. Nur zwei separate Leben, parallel gelebt. Wie konnte jemand ahnen, dass wir uns erst in diesem Moment kennengelernt hatten, dass wir kaum ein paar Worte miteinander gesprochen hatten, bevor die Wände einstürzten?

Und doch, was, wenn all das Chaos, diese Kakophonie, nicht zur Verwüstung führte, sondern zu einem Ausweg, einer unerwarteten Freiheit? Was, wenn es uns freisetzen könnte? Wie das alte Black-Spiritual-Versprechen: Mein Kerker erbebte, und meine Ketten fielen ab.

Das war es, was ich mir wünschte.

Ein neuer Song setzte ein, diesmal von Elmore James, The Sky Is Crying, ein weiteres Black Spiritual. Beim ersten scharfen Beißen der Slide-Gitarre kräuselte sich ihr Mund zu etwas wie einem Grinsen. Ich hatte keine Ahnung, was wir da taten, doch es fühlte sich so an, als hätten wir einen gemeinsamen Nenner gefunden, als hätten wir eine Übereinkunft getroffen.

»Warum setzen Sie sich nicht?«, sagte ich. Und dann: »Ich schreie nicht gern.«

»Einer von denen, hm? Stauen es lieber auf.«

»Ich staue nichts auf.«

»Ach ja? Sie konnten diese Fenster doch gar nicht schnell genug runterkriegen.«

»Wenn Sie so aufgebracht waren, warum haben Sie dann auf mein Fenster geguckt? Ich könnte einen falschen Eindruck bekommen, wissen Sie? Annehmen, dieses ganze Geschrei wäre … ich weiß nicht … eine Show.«

»Es ist keine Show, so viel kann ich Ihnen versichern. Aber danke für Ihre Anteilnahme.«

»Hey«, sagte ich. »Verstehen Sie das nicht falsch, aber Sie sind schließlich hierhergekommen, nicht umgekehrt.«

Einen Moment lang sagte sie gar nichts. Dann, langsam fing sie an zu lachen. Die Laute waren ihrem Kreischen nicht unähnlich: ein Rieseln, das sich aufbaute, je lauter sie wurde. Darunter konnte ich ein verstörtes Flüstern hören und mir vorstellen, wie es den Fesseln der Zurückhaltung entglitt. Sie ging weiter in die Wohnung hinein und rieb sich mit dem Handballen die Augen.

»Was muss ’ne Frau tun, um hier was zu trinken zu bekommen?«, fragte sie, und als sie das tat, begriff ich, dass sie, was auch immer sonst noch in diesem Augenblick passierte, zugleich eine Rolle spielte.

Ich ging zum Schrank und holte eine Flasche heraus: Maker’s Mark. Ich war ein Mann der einfachen Freuden; wenn ich trank, dann Bourbon. Kein Schickimicki. Nicht dass ich ein großer Trinker gewesen wäre, obwohl das davon abhängt, wie man groß definierte. Da ich nicht arbeitete, waren die Geisterstunden immer weiter vorgerückt, von sechs auf fünf auf halb fünf, allerdings nicht jeden Tag. Ich hatte an diesem Abend versucht, es locker angehen zu lassen. Ich hatte mir ausgemalt, wie es wäre, produktiv zu sein, obwohl ich keine Vorstellung hatte, wie ich das zuwege bringen sollte. Ich war schlapp und hatte eine kleine Wampe. Wenn ich darüber nachdachte, wohin mein Weg mich führen könnte, fiel es mir schwer, mir eine Welt größer als dieses Zimmer vorzustellen.

Ich holte Gläser heraus, Eis, und stellte alles auf den Couchtisch, ein trauriges kleines Ensemble. Sie lächelte wieder, und die Lippen kräuselten sich zu etwas wie einem Fragezeichen, als wäre sie nicht sicher, ob sie bleiben sollte. Dann ließ sie ein paar Eiswürfel in ein Glas fallen und goss einen ordentlichen Schuss Whiskey darüber.

»Nehmen Sie keinen?«, fragte sie, doch ich war noch nicht sicher, und nachdem sie ein paar Sekunden gewartet hatte, hob sie ihr Glas in meine Richtung und nahm einen tiefen Zug.

Und ich wusste, dass ich etwas sagen sollte, aber was gab es da überhaupt zu sagen? Hier saßen wir, in meiner Wohnung, zwei Fremde, zusammengebracht durch die räumliche Nähe, die nichts gemeinsam hatten, außer der Tatsache, dass wir beide in derselben Bungalow-Anlage lebten. Alles, was ich über sie wusste, war, dass sie eine Brüllerin war. Das war nichts, oder vielleicht alles. Wie auch immer, jetzt, wo wir hier saßen, war es vielleicht eine gute Idee, das herauszufinden.

»Das war nicht das erste Mal, dass ich Sie schreien gehört habe«, sagte ich mit einer Stimme, so ausdruckslos und kontrolliert wie ein Metronom.

»Nein.«

»Möchten Sie mir erzählen, was passiert ist?«

»Ich weiß nicht.«

Sie sah mich an, mit haarverdeckten Augen; ich gab nach und schenkte mir einen Drink ein. Nur ein oder zwei fingerbreit, anständig, obwohl das hier nichts mit Anstand zu tun hatte.

»Sie müssen sich nicht entschuldigen«, sagte ich, oder vielleicht dachte ich es auch nur – aber, wie dem auch sei, etwas löste sich. Sie nahm einen weiteren Schluck Whiskey und begann zu sprechen, Worte, die wie das tiefe Summen von Moskitos klangen, schwer einzuordnen und doch ganz deutlich.

»Mein Vater ist gestorben«, sagte sie.

»Das tut mir leid.«

»Ist ein paar Monate her.« Sie schenkte sich noch etwas Whiskey ein und trank erneut, als würde sie Kraft schöpfen. »Ich mochte ihn nicht.« Sie hob den Blick, um meine Reaktion einzuschätzen. »Was ich meine ist, wir standen uns nicht nahe.«

Ich wusste, was sie meinte; mir ging es mit meinen Eltern genauso, obwohl ich das nicht erwähnte. Ich reagierte nicht, saß einfach nur da, wartete ab und versuchte, neutral zu wirken, so als wäre ich gar nicht da.

»Er hat mir eine Menge Geld hinterlassen«, fuhr sie fort, »doch seine Frau ficht das Testament an.«

Geld?, dachte ich, sagte aber nur: »Ihre Mutter?«

»Nein, sie ist auch schon tot. Ist gestorben, als ich fünfzehn war. Ich spreche von seiner zweiten Frau.«

»Muss kompliziert sein«, meinte ich, bemühte mich um einen ausdruckslosen Tonfall und sah ihr in die Augen.

»Kompliziert beschreibt es nicht einmal annähernd. Sie behauptet, dass ihr alles zusteht. Sagt, er wäre dabei gewesen, sein Testament umzuschreiben, und hätte geplant, mich zu enterben. Das lässt sie durch ihre Rechtsanwälte ausrichten, und dann ruft sie mich an und sagt es mir selbst noch mal. Damit hat das Schreien angefangen.«

Sie grinste mich an, mit ihren dunklen Augen, die Mundwinkel leicht heruntergezogen, nur einen Tick schlampig. Ich spürte das Verlangen aufflackern wie eine Flamme. Es begann mitten im Magen, bereitete sich dann in einer Welle über meine Brust aus, bis in die Finger, wie eine Art Strom oder Ekzem. Es war schon so lange her, seit ich mit irgendwem zusammen gewesen war. Das letzte Mal mit meiner Frau war in jeder Hinsicht ein Fiasko gewesen. Und hier saß sie nun, die Frau von gegenüber, einen Meter entfernt, in meinem eigenen Wohnzimmer, und der Duft ihres Parfums – blumig, leicht, knapp über der Schwelle, sodass man ihn wahrnahm – erfüllte die Luft zwischen uns wie der Gesang einer Sirene. Sie sah mich an, als wartete sie auf eine Reaktion. Sie sah mich an, als wäre es ein Test. Warum erzählen Sie mir das alles?, wollte ich sie fragen, aber dann hatte ich eine … ich weiß nicht, wie man das nennen soll, keine richtige Vorahnung, eher eine Warnung. Nicht, dachte ich, tu’s nicht. »Ich kenne noch nicht einmal Ihren Namen«, sagte ich.

Da lachte sie wieder, es klang heiter, doch mit etwas gemischt, einem Hauch Wehmut, oder vielleicht Verzweiflung. »Corrina«, antwortete sie. »Wie der alte Song von Bob Wills.«

Bob Wills? Das hatte ich nicht erwartet. Es war, als sähe ich sie in einem neuen Licht. Ich kannte diese Aufnahme, hatte sie schon viele Male gehört. Und mir kam kurz der Gedanke, ich könnte sie ihr vorspielen, wie zum Beweis, doch verwarf ihn genauso schnell wieder.

Mittlerweile war Elmore James von Robert Johnson abgelöst worden und nun lief der Song Kind Hearted Woman. Ich lauschte einen Moment dem leisen Klagen seines Gesangs und dem stetigen Klirren der Gitarre. Dieser Song war in einem Hotelzimmer aufgenommen worden, kurz bevor Johnson an Syphilis starb oder von dem eifersüchtigen Freund einer Geliebten vergiftet wurde oder Satan an der Weggabelung auftauchte, um seine Seele zu beanspruchen. Alles davon inzwischen im Nebel der Mythen oder Geschichten verloren. Die Geschichte mit der Weggabelung hatte mir nie gefallen, nicht weil ich nicht an den Teufel glaubte – obwohl dem so war –, sondern weil es Johnson nicht genug Handlungsfähigkeit verlieh. Es machte ihn zu einem passiven Empfänger seines eigenen Schicksals.

Seine Seele zu verkaufen war zu einfach. So simpel war das Leben nicht.

»Und, was wirst du jetzt tun, Corrina?«, fragte ich, als würden wir uns schon lange kennen, als wären wir alte Freunde. Die Frage lag da zwischen uns auf dem Tisch, neben dem Eis und den Gläsern, wie etwas, das man sich teilte.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Vermutlich könnte ich sie jederzeit umbringen. Oder sie umbringen lassen.« Sie verstummte und sah mich direkt an, die Augen so klar wie fließendes Wasser. Dann hob sie lässig das Glas, als wolle sie anstoßen, oder wie zum Gruß.

Und vielleicht hätte ich da etwas sagen sollen. Nein, überhaupt kein Vielleicht. Doch da stand etwas im Raum zwischen uns, mehr als nur Schweigen, als wäre ein Fehdehandschuh geworfen worden. Ich hatte genug Erfahrung, um die Sache ernst zu nehmen; wir kannten einander nicht, und vermutlich hatte sie getrunken, oder Drogen genommen, bevor sie zu mir gekommen war. Doch es gibt Augenblicke, in denen es eine Rolle spielt, ob man etwas sagt oder nicht, und dieser Augenblick fühlte sich so an. Machen Sie Scherze? Sie machen doch Scherze. So etwas hätte ich sagen können. Oder: Das ist nicht lustig, darüber macht man keine Witze. Als der Augenblick sich in die Länge zog, verdunstete die Möglichkeit, ihn auszufüllen, und alles, was blieb, machte mich zum Komplizen.

Komplizen? Ja, weil ich weder die Richtung noch das kollektive Bewusstsein verändert hatte. Stattdessen gab meine Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu antworten dem Moment eine Form und verwandelte ihn in etwas anderes, als er gewesen war, etwas, das sie und ich nun teilten.

Nicht dass ich annahm, es würde sich etwas daraus ergeben; so wirkte sie nicht. Sie redete nur, ließ ihren Frust ab, schließlich waren wir ja verantwortungsbewusste Individuen. Wir saßen an einem Samstagabend in meinem Wohnzimmer und tranken zusammen etwas, wie die Leute überall in der Stadt. Ich wedelte mit dem Maker’s in ihre Richtung und bot einen weiteren Schluck an. Als ich ihr Glas füllte, stellte ich mir vor, wie es laufen könnte, nicht die Ermordung, sondern der Rest. Aus der Nähe sah man, dass ihre Jeans hauteng saßen. Sie trug eine dünne Bluse über einem hellen Tank-Top, das beinahe hautfarben war. Wenn ich blinzelte, konnte ich sie mir fast ohne vorstellen, hatte beinahe vor Augen, wie wir uns ins Schlafzimmer bewegten und ich ihr jeden Fetzen auszog, bis auf die Stiefel. Ich sah beinahe vor mir, wie ihr Haar über mein Gesicht hing, während ihr Körper sich hob und senkte. Beinahe, beinahe, beinahe … ich konnte es beinahe sehen, doch irgendetwas, auf das ich nicht so recht meinen Finger legen konnte, hielt mich zurück. Ich dachte weiter an ihre Haut, die an der Kinnpartie so sanft war. Es war lange her, seit ich eine Frau dort berührt hatte.

Dann schlingerte sie, oder rülpste, eine Unterbrechung in meinem Augenwinkel. Das Bild, nie ganz aufgebaut, verblasste, und ich war wieder in meinem Wohnzimmer.

»Bad?«, fragte sie, und bevor ich antworten konnte, hatte sie sich schon in Bewegung gesetzt, als wäre sie zuvor schon einmal dort gewesen. In gewisser Weise war sie das natürlich auch; die Bungalows waren alle gleich geschnitten. Als ich sie beobachtete, schlingerte sie erneut, taumelig, und stürzte durchs Zimmer. Durch die Badezimmertür hindurch konnte ich sie würgen hören. Es war wie das Würgen eines Motors, der stotterte, sich fing und wieder stotterte. Ich wollte helfen, ihr zumindest das Haar halten, wenn ich schon nichts anderes tun konnte, doch das fühlte sich unerträglich intim an. Es war noch keine Stunde her, seit sie an meiner Tür aufgetaucht war.

Es gibt eine Grenze zwischen Vorstellung und Realität, zwischen dem, was wir uns wünschen, und dem, wer wir sind. Was sie gesagt hatte, saß auf der einen Seite dieser Grenze, genau wie all das, was ich gedacht hatte; keines dieser Dinge würde je passieren, nicht an diesem Abend und auch an keinem weiteren.

Dort befand ich mich jetzt, in einer Art Niemandsland, weder intim noch distanziert, in welchem ich zu viel über sie wusste und doch nicht genug. Sie hatte nicht nach mir gefragt, und würde das auch nicht, wurde mir klar, als sie aus dem Badezimmer kam, immer noch ein wenig schwankend, mit feuchtem Haar und verschmiertem Kajal unter den geröteten Augen. Das war in Ordnung; es gab nichts, was sie über mich wissen musste. Ich wartete nur, besetzte diesen Raum, diese Umgebung und schindete Zeit. Jeder Moment, jede Reihe von Handlungen, war so bedeutungslos wie die nächste. Egal was passierte, morgen würde ich aufwachen und es wäre Sonntag, und ich würde mich wieder der gähnenden Leere von allem gegenübersehen. Nichts zu tun und alle Zeit der Welt, um es zu tun, bis die Zeit sich zusammenschob und in sich selbst zusammenfaltete, wie die Implosion einer Supernova, aus der ein schwarzes Loch entstand.

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich sollte dann mal gehen.« Und dann: »Ich habe das Badezimmer sauber gemacht so gut es ging.«

»Machen Sie sich deswegen keine Gedanken. Passiert jedem mal«, erklärte ich ihr, obwohl ich es in Wahrheit gar nicht wissen wollte.

Sie stand einen Moment still da, als würde sie über etwas nachdenken. Dann hatte sie offensichtlich einen Entschluss gefasst. »Was ich vorhin da gesagt habe?«, fing sie an, mit schriller Stimme, halb Feststellung, halb Frage. »Sie wissen, dass ich das nicht ernst gemeint habe, oder?«

»Was Sie vorhin gesagt haben?«, fragte ich, als würde ich mich nicht erinnern, bis sie mich mit hochgezogenen Augenbrauen wieder ansah. »In Ordnung«, sagte ich. »Ich merk’s mir.«

»Manchmal rede ich einfach Scheiße. Ich wollte das noch nicht mal.«

Ich nickte, doch ein Teil von mir konnte sie immer noch in die Nacht hinausschreien hören.

»Wie auch immer«, fuhr sie fort, »danke für Ihre Gastfreundschaft. Vielleicht können wir das irgendwann mal wiederholen.«

Ich sah zu, wie sie ein Stück zur Tür torkelte. Und jedes Verlangen, das ich gehabt haben könnte, fühlte sich nun verflüchtigt und fern an. Die Tür öffnete und schloss sich wie das Tor zu einer anderen Welt. Ich war wieder allein, und der einzige Hinweis, dass sie hier gewesen war, waren das leere Glas auf dem Tisch und das, was mich im Badezimmer erwarten mochte. Ich saß einen Moment still da, als würde ich mich sammeln, und ging dann in die Küche, um einen Wischmopp zu holen.

Im Badezimmer war es nicht schlimm, obwohl es roch: leicht bitter, leicht süßlich. Ich schaltete das Licht an sowie die Abluft, und das Surren des winzigen Ventilators durchschnitt die Stille der Nacht. Sie hatte sich bemüht, das musste ich ihr lassen; der Boden und die Toilette waren sauber. Mitten im Raum lag feucht und zusammengeknüllt mein Duschtuch, mit Streifen von etwas, das aussah wie Schokolade oder Matsch.

Ich ging zurück in die Küche, holte einen Müllbeutel und packte das Handtuch hinein. Ich dachte kurz darüber nach, es in den Wäschekorb zu stecken, wollte es aber nicht mit meiner anderen Kleidung vermengen. Ich ließ es liegen, wischte dann den Boden und reinigte alle Oberflächen mit Desinfektionsmittel. Der Geruch hing noch in der Luft, wurde jedoch schwächer und vermischte sich mit dem Duft des antiseptischen Reinigers.

Nachdem ich fertig war, nahm ich die Mülltüte, trat hinaus in den Hof und ging zum hinteren Tor, wo die Mülltonnen standen. Der Himmel über der Sicherheitsbeleuchtung war bedeckt und wie in Gaze gehüllt. Die Hitze fühlte sich beklemmend und kratzig an, und mir fiel das Atmen schwer. Von irgendwo trieb ein Hauch von Rauch herüber, oder von einer Flamme, wie ein subtiler Unterton. Irgendwo hörte ich den sanften Klang einer Gitarre, doch es war zu leise, um die Melodie zu erkennen. Warum hörst du keine Musik aus diesem Jahrhundert? … nein, das hatte ich jetzt alles hinter mir.

Ich ließ den Müllbeutel fallen und schloss den Müllcontainer, als würde ich ein Beweisstück verstauen. Dann kehrte ich in meine Wohnung zurück, wusch mir die Hände und schenkte mir einen Drink ein. Es langsam anzugehen – eine weitere Entscheidung, die ich offensichtlich fallen gelassen hatte. Der Bourbon brannte etwas im Abgang, doch das Gefühl verebbte, und ich trank das Glas noch im Stehen aus und schenkte mir dann nach.

Die Stereoanlage spielte wieder Howlin’ Wolf, der knurrte, er sei ein »Back Door Man«. Ich wusste noch, wie ich das Lied das erste Mal gehört hatte, in einer Coverversion der Doors, den seltsamen Kitzel, jemanden davon singen zu hören. Es war ein typischer Blues, diese Zweideutigkeiten, verschlüsselten Botschaften, die danach schrien, laut herausposaunt zu werden, weil der Schlüssel direkt vor einem lag und lächerlich einfach zu knacken war. Wang dang doodle; squeeze my lemon till the juice runs down my leg – drück meine Zitrone, bis mir der Saft das Bein hinunterläuft. Das war es gewesen, was mich zuerst zu dieser Musik hingezogen hatte, der Eindruck, dass sie gleichermaßen grenzüberschreitend und alltäglich war. Was wir uns alle wünschten, einen Konnex herzustellen, und sei er auch geringfügig, und dann schnell wieder weg, Trost für die Einsamkeit, am Leben zu sein. Das hatte ich mit meiner Frau, oder etwas in der Art, bis alles den Bach runterging. Das letzte Mal, als wir zusammen waren, meine Zitrone reif und klebrig, ihr Honigtopf, ihr Distelkuchen. Nun war ich allein, mit nichts als Erinnerungen. Und diese Erinnerungen … sie waren weniger ein Trost als eher eine Reihe von Vorwürfen. Was war passiert? Ich wusste, was passiert war, wollte jedoch nicht weiter in die Tiefe gehen. Nur eine weitere vermasselte Chance, noch etwas, das nicht geklappt hatte. Wie die Frau heute Abend, ihr unerwarteter Besuch und die gleichermaßen unerwartete Art, wie sie wieder verschwand.

Ich mochte keinen Song übers Vögeln hören; das erinnerte mich nur daran, was ich alles verloren hatte. Also klickte ich durch die Playlist, bis ich den Anfang einer weiteren Aufnahme hörte, Chuck Berrys Thirteen Question Method.

Was für eine seltsame Platte das war, so schräg, so unerwartet, kein echter Rock’n’Roll, keine Ballade, sondern irgendwo im Grenzbereich dazwischen. Ich hatte immer schon eine Schwäche dafür: ein Song aufgebaut auf Fragen, einer Reihe von Vermutungen, eher ein Ruf als eine Antwort. Vielleicht war es dieses lässige Gitarrenspiel, das so anders war als Berrys typischer Klang. Damals, als er noch bereit war, etwas anderes auszuprobieren, bevor er in die Routine verfiel, den Erwartungen zu entsprechen, als Musik noch keine Zwangsjacke war, sondern Kunst. Vielleicht war es dieser Text, so offen und sehnsuchtsvoll, der keine Geschichte anbot, sondern Poesie. Alles war möglich, das war das indirekte Versprechen, und es machte mir Hoffnung, obwohl ich begriff, dass es eine Lüge war.

Nachdem das Lied vorbei war, stellte ich die Musik aus und öffnete zur Nacht die Fenster. Zwischen der Luft drinnen und draußen bestand kein Unterschied, beide waren dick und still und wie verseucht, die Art von Luft, die einen krank machen konnte. Morgen war ein neuer Tag und ich wusste nicht, was passieren würde. Wie bei jedem neuen Tag.

Ich schaltete das Licht aus und stand dort in der Dunkelheit, hingerissen von den Schatten. Ich fühlte mich so verloren, dass ich eine Minute brauchte, vielleicht auch länger, bis ich begriff, dass die Frau von gegenüber wieder angefangen hatte zu schreien.

Question Number Two:What To Do?

Meine Ehe war von Anfang an beschissen. Ich sage das nicht aus Selbstmitleid und will auch kein Mitgefühl. Es war einfach so, und das ist alles, was uns bleibt, wenn alles aus und vorbei ist, egal welche Lügen wir uns einreden. Wenn ich nicht der Katalysator war, dann war ich lange Zeit der willige Teilnehmer. Einfacher kann ich es nicht ausdrücken.

Aber meine Frau hat auch ihren Teil dazu beigetragen. Nicht in dem Sinn, wie jeder immer einen Teil in dem eigenen Zusammenbruch oder dem seines Partners spielt, sondern auf ganz besondere Weise. Es war letztendlich ihre Idee gewesen. Nicht das Ende, sondern das andere. Die Sache, die uns in das unheimliche Tal unserer Scheidung führte, war (wie konnte es anders sein?) Sex.

Meine Frau war, schlicht ausgedrückt, abenteuerlustig. Das war vom ersten Augenblick an, als ich sie sah, ein Teil der Anziehungskraft. Sie war einer dieser Menschen, die von anderen bemerkt werden, und ich … ich war ein Mitläufer. Wie wir uns kennengelernt haben, ist angesichts dessen, wie alles gelaufen ist, unwichtig. An diesem ersten Abend hatten wir getrunken; und als wir dann schließlich bei ihr landeten, war es, als hätte ich mich selbst gefunden. Sie war wild, sie war nackt, und wir blieben wach bis zum Morgengrauen, das ist alles, was ich darüber erzählen möchte, und es hat nichts mit dem zu tun, woran ich mich erinnere, sondern mit dem, was ich immer noch gern schützen möchte. Ich sehe es alles vor mir, alles, was je passiert ist, alle Stadien von ihr mit zwanzig, achtundzwanzig und dreiunddreißig. Mir gefiel, wie sie aussah, ihre Ambitionen, und dass sie Geld verdiente. Ich mochte ihre Neigung, die Kontrolle zu übernehmen und mich in ihrem Kielwasser mitzunehmen. Es war, als müsste ich keine Entscheidungen fällen, als müsse ich sie nur begleiten. So kam es, dass wir heirateten, dass wir in Kalifornien landeten, und so kam auch das Ende, in einem langen letzten Akt, der sich unausweichlich anfühlte, mit einem anderen Mann in unserem Bett.

Ein anderer Mann in unserem Bett. Und sollte das heißen, dass es ihre Idee war? Nein, nur eine Art, die Langeweile zu vertreiben, obwohl, wer war gelangweilt wovon? Vom ganzen Leben, genau davon, eine Art, die Langeweile abzuwehren, sich, wenn wir Glück hatten, einen Moment lang vor der Unausweichlichkeit der geschlossenen Kiste zu verstecken. Manchmal stelle ich sie mir so vor, auf dem Rücken, die Hände auf der Brust gefaltet, die Augen geschlossen, die Blässe ihrer Haut, die wächsernen Lippen, wie gedehntes Toffee, nicht so künstlich, wie ich es mir ausgemalt habe oder als hätte ich sie mir ausgedacht. Was den Sex anging, so stimmte das schon – sie ging von Anfang an gern an die Grenzen: Bondage, Fantasy. An einem Samstag ließ sie sich von mir ans Bett fesseln und dort zurücklassen, während ich eine Liste von Aufgaben abarbeitete, die sie mir gegeben hatte, Wäsche, Abwasch, das Wohnzimmer saugen. Als ich schließlich zu ihr ins Bett kam, war sie so aufgegeilt, wie ich sie noch nie gesehen hatte, obwohl sie nicht losgebunden werden wollte. Also … reicht das an Informationen? Selbst wenn ich nur das erzähle, fühle ich mich schmutzig, obwohl ich mich zu Anfang bei ihr nicht schmutzig fühlte. Ja, schmutzig wie ein Betrug, als würde ich Geheimnisse aus der Schule ausplaudern. Sex war für uns wie eine Verschwörung, etwas, das man herausholen konnte, wenn wir allein waren und es willens war, offenbart zu werden. Ich bin kein prüder Mensch, ich bin das Gegenteil eines Kavaliers, und das, was wir uns antaten und miteinander taten, hatte nichts mit Prüderie zu tun. Dennoch möchte ich diese Geheimnisse, obwohl ich sie nicht mehr kenne, für mich behalten.

Wie dem auch sei, ein anderer Mann in unserem Bett. Gibt nicht viel darüber zu sagen, außer dass es, kurz nachdem wir nach Los Angeles gezogen waren, eine ihrer Fantasien war. Wir wohnten in einem Apartmentkomplex in North Hollywood, ähnlich dem hier. Nebenan wohnte ein Paar, das auf Partnertausch stand, und eines Abends kam meine Frau errötet herein. Sie war dem Ehemann begegnet, und er hatte ihr Fotos von seiner Frau gezeigt. Ich war zu überrascht, um verärgert zu sein, oder vielleicht hatte ich es auch die ganze Zeit vermutet. Sie schlug nicht vor, wir sollten mit ihm schlafen, oder mit ihnen, obwohl diese Tür eindeutig aufgestoßen worden war. Besser, sagte sie, nicht das eigene Nest beschmutzen. Danach wurde sie zunehmend hartnäckiger, redete oft davon im Bett und außerhalb. Es begann mit ein paar Ausflügen in teure Stripclubs, wo sie für einen Tänzer in einem Privatzimmer bezahlte. An dem Abend, an dem wir diese letzte Grenze überschritten, nahmen wir uns eine Suite in einem Hotel. Der andere Mann war eine angeheuerte Hilfe; sie wollte keine Bindung, keine Komplikationen, nichts, was zu ihr zurückzuverfolgen war. Es begann mit Cocktails, dann Tanz; sie wollte, dass ich zusehe. Nach ungefähr einer Stunde, als ich am Bettende saß, meine Frau vor mir ausgebreitet, die Augen geschlossen, die Lippen in einer Grimasse aus Schuldgefühl und Ekstase verzogen, wusste ich, dass wir unseren Rubikon überschritten hatten.

Sonntag wachte ich mit einem Kater auf. Sonnenstrahlen linsten wie Flecken um die Säume meiner Schlafzimmervorhänge. Meine Augen fühlten sich trocken an, als wäre sämtliche Flüssigkeit ausgelaufen. Mein Kopf pochte mit jedem Blutstoß wie zum Bersten.

Ich sah mich im Zimmer um und versuchte, mich zu erinnern. Auf dem Nachttisch stand ein halb leeres Glas Maker’s Mark. Seinen Drink mit ins Bett zu nehmen, ist nie gut, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich selbst dorthin gekommen war. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, dass ich das Badezimmer gereinigt und den Müll rausgebracht hatte.

Sag mir, Corrina, wo bist du so lange gewesen?

Und dann fiel mir auch das wieder ein. Das Geräusch ihres Schreiens und die Unterhaltung, die wir geführt hatten.

Unterhaltung? Wohl kaum. Eher ein paar Bemerkungen. Wie das Glas Whiskey, ein Beispiel, dem man folgen sollte. Immer häufiger stellte ich fest, dass ich Zeit verliere oder Erinnerungen, dass ich aufwachte, wie jetzt gerade, ohne eine Ahnung, was am Abend zuvor passiert war. Kein Blackout. Eher eine Art Dämmerung, die man auch inneren Nebel nennen könnte. Es war der Alkohol, natürlich war er das, aber nicht nur – oder sollte ich sagen, dass es noch etwas anderes war? Wie dem auch sei, oft stellte ich fest, dass ich morgens versuchte, Teile zusammenzusetzen, und auf meinem Handy und dem Computer nach irgendwelchen Hinweisen suchte. Es war beunruhigend, so durchs Leben zu gehen. Als bestünden wir nur aus einer Reihe von Spuren, Müll und Hinweisen. Manchmal kontrollierte ich meinen Browser-Verlauf und fand Einkäufe, meistens Musik, Zeug, über das ich im Internet gestolpert war, eine Ernte merkwürdiger Früchte. Manchmal war das, was ich fand, dunkler, wie die Reste eines geisterhaften Traums. Ich fühlte mich, als würde ich einen Fingerabdruck ansehen, den mein Unterbewusstsein zurückgelassen hatte, mein Selbst, das ich war, wenn ich nicht zugegen war. Doch es war auch Zeug, das ich nicht ansehen mochte, eine Seite an mir, von der ich nichts wissen wollte. Mehr als einmal durchfuhr mich beim Durchblättern des Browser-Verlaufs eine derartig zähflüssige Welle des Abscheus, dass ich meinte zu ertrinken: Scham war es nicht, denn Scham war tilgbar, sondern etwas Umfassenderes, Perverseres. Demütigung vielleicht, oder Degradierung, so, wie ich mich in dem Hotelzimmer gefühlt hatte. Sich mit den Beweisen zu konfrontieren fühlte sich an, als würde ich mir im Spiegel selbst in die Augen sehen, doch der Blick, der mir begegnete, war leer. Meist denke ich nicht darüber nach, wie ich hier gelandet bin; oder in meiner Ehe, in meinem Leben. Es spielt keine Rolle, wer wir waren oder wer wir sein werden, nur, wer wir sind. Aber diese Spuren, die beunruhigten mich, und nicht nur, weil sie etwas gekostet hatten. Nein, sie beunruhigten mich, weil sie nicht auf eine Hoffnung hinwiesen, sondern auf das Gegenteil, eine Reihe von Symptomen, eine Erinnerung daran, dass hier etwas vor sich ging, und zwar mehr, als oberflächlich zu sehen war.

Ich rieb mir die Augen, versuchte, mich zu fokussieren, und spürte, wie sie brannten, weil sie so trocken waren. Meinem Laptop schenkte ich keinen Blick; wenn ich am Vorabend irgendetwas getan hatte, ließ ich das besser ruhen. Langsam zog ich mich hoch, zuerst in einen tiefen Buckel, dann die Füße auf den Boden. Meine Glieder waren schwer, fast schon geschwollen, als wäre ich geschlagen worden oder tausend Meilen gerannt.