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Was hat es damit auf sich, dass Robert Schlegel seinen Neffen Paul plötzlich beauftragt, seine Wohnung zu räumen? Und was hat das vierzehnjährige Mädchen mit den kunterbunten Haaren und der ebenso kunterbunten Kleidung damit zu tun, das währenddessen plötzlich auftaucht? Eigentlich heißt sie Manou Schneider, aber Pauls Onkel nannte sie die »kleine bunte Maus«. Sie ist hochbegabt und betreibt unter seiner Anleitung wissenschaftliche Forschungen über die »Klänge von Molekülen«.
Und dann ist da dieses alte, etwas heruntergekommene Haus in einer Umgebung, in der ansonsten nur die allerneuesten Wohnblocks stehen. Ein Haus, das Robert Schlegel regelmäßig aufgesucht hat. Dort gibt es eine Kellerbar, wo eine Gruppe junger Leute sich regelmäßig trifft und ein seltsames Projekt bespricht.
Schließlich lernt Paul, mit dessen Ehe es nicht zum Besten steht, eine Frau von Mitte dreißig kennen und fängt mit ihr ein Verhältnis an. Allerdings hat diese Frau dabei durchaus einige Hintergedanken.
Binnen kürzester Zeit wird Paul in einen Strudel von Ereignissen hineingezogen, die in einem völlig rätselhaften Höhepunkt münden …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Alfons Winkelmann
Die fremden Klänge
Mystery-Thriller
Copyright © by Author/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer unter Mithilfe von eedebee/KI mit Bärenklau Exklusiv, 2025
Korrektorat: Sophie Weber
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau (OT), Gemeinde Oberkrämer. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
www.baerenklauexklusiv.de / [email protected]
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Die fremden Klänge
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
21.
22.
23.
Nachwort
Was hat es damit auf sich, dass Robert Schlegel seinen Neffen Paul plötzlich beauftragt, seine Wohnung zu räumen? Und was hat das vierzehnjährige Mädchen mit den kunterbunten Haaren und der ebenso kunterbunten Kleidung damit zu tun, das währenddessen plötzlich auftaucht? Eigentlich heißt sie Manou Schneider, aber Pauls Onkel nannte sie die »kleine bunte Maus«. Sie ist hochbegabt und betreibt unter seiner Anleitung wissenschaftliche Forschungen über die »Klänge von Molekülen«.
Und dann ist da dieses alte, etwas heruntergekommene Haus in einer Umgebung, in der ansonsten nur die allerneuesten Wohnblocks stehen. Ein Haus, das Robert Schlegel regelmäßig aufgesucht hat. Dort gibt es eine Kellerbar, wo eine Gruppe junger Leute sich regelmäßig trifft und ein seltsames Projekt bespricht.
Schließlich lernt Paul, mit dessen Ehe es nicht zum Besten steht, eine Frau von Mitte dreißig kennen und fängt mit ihr ein Verhältnis an. Allerdings hat diese Frau dabei durchaus einige Hintergedanken.
Binnen kürzester Zeit wird Paul in einen Strudel von Ereignissen hineingezogen, die in einem völlig rätselhaften Höhepunkt münden …
***
Widmung
Für K.S. Ganz großen Dank für deine Hilfe!
***
von Alfons Winkelmann
Die folgenden Ereignisse spielen sich zwischen dem 31. März und dem 26. Mai 2029 ab. Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlich lebenden Personen wäre rein zufällig.
(31. März)
Nach dem Anruf seines Onkels hatte Paul Schlegel seine Wohnung im Grünen Viertel in aller Eile verlassen. Er war allerdings kaum ein paar hundert Meter weit gekommen, da schrillte die Warnapp in seinem Ohr los. Zugleich verspürte er die ersten Warnhinweise in seinen linken Arm. Schmerzhaft noch nicht, eher eine Art Kribbeln, als würden Insekten über seine Haut laufen, Ameisen, die schon ein wenig bissen, aber er wusste, dass es recht bald richtig schmerzhaft werden würde. Auf jeden Fall war das Gefühl bereits jetzt äußerst unangenehm. Offenbar war die Belastung heute wieder sehr hoch, und das Schrillen und Kribbeln konnte nur bedeuten, dass die Kapazität des Filters in seiner Maske nahezu erschöpft war. In der Tat zeigte sich der rote Warnbalken auf der Anzeige seines Phones fast bis zum Anschlag. Er schaute in Richtung seines Wohnblocks zurück und kam zum Schluss, dass es bis dorthin fast genauso weit wäre wie zum Wohnblock seines Onkels, eine Umkehr mithin mehr oder weniger sinnlos wäre. Also versuchte er, einen Kompromiss zu finden zwischen zügigem Gehen und gleichzeitigem flachen Atmen. Wenn er gehofft hatte, dass die Warnstöße dadurch nachließen, dann sah er sich getäuscht. Im Gegenteil, sie wurden sogar heftiger. Und es waren jetzt keine Insekten mehr, die über seine Haut krabbelten, sondern er erhielt echte Stromschläge. Zudem schrillte die Warnapp noch lauter – Hinweis darauf, dass in nicht allzu langer Zeit die belastete Luft ungehindert in seine Lungen dringen würde. An die Folgen wollte er lieber nicht denken. Fast war er so weit, doch umzukehren. Zugleich verfluchte er sich, weil er vor dem Verlassen seiner Wohnung nicht nachgesehen hatte, ob mit der Maske alles in Ordnung war. Normalerweise kümmerte sich seine Frau Emma darum, dass die Masken immer im Top-Zustand waren. Allerdings hatten sie sich beide am Abend zuvor wieder mal heftig gestritten. Worum es genau gegangen war, wusste er schon gar nicht mehr. Vielleicht hatte sie ihm vorgeworfen, zu wenig zum gemeinsamen Verdienst beizutragen, weil er nicht noch mehr Privatkunden annahm, und er hatte gesagt, sie solle nicht so viel für unnütze Dinge wie ihre Kosmetikbehandlungen und das Frisurenstyling ausgeben. Wie dem auch gewesen sein mochte, er konnte sich durchaus vorstellen, dass Emma aus reinem Trotz die Filter in seiner Maske nicht ausgetauscht hatte, bevor sie früh zur Arbeit gegangen war.
Allerdings war der Anruf eine allzu große Überraschung gewesen. Paul Schlegel hatte gerade seine zweite Online-Kundin dieses Morgens verabschiedet, eine Dame von Anfang Fünfzig, die sich ständig beklagte, dass ihr seine Behandlung fürs Gesäß nicht viel einbringen würde. Sein wiederholter Hinweis, dass die auch nicht dafür gedacht war und dass es darum sinnvoll wäre, persönlich bei Andy’s Fitnesscenter vorbeizukommen und die Abduktorenmaschine zu nutzen, wies sie voller Panik von sich. Sie hatte eine allzu große Angst vor der Belastung. »Herr Schlegel, Sie wissen doch, wie es um meine Lungen steht. Ich kann es mir nicht leisten, bei einer solchen Belastung ins Freie zu gehen. Ich bin ja froh, dass ich dank meiner letzten Immunisierung immer noch ganz gut auf den Beinen bin und zumindest etwas trainieren kann.« Ja, das wusste Paul, erzählte sie ihm schließlich in jeder Stunde aufs Neue, wie schlimm es um ihre Lungen stand. Auf jeden Fall hatte er sie an diesem Morgen noch nicht völlig verabschiedet, da war ein Dringlichkeitsanruf eingegangen.
»Paul?«, hatte eine Stimme gesagt, in der er nicht auf Anhieb die seines Onkels erkannt hatte. Er hatte die Geistesgegenwart besessen, die Verbindung zu seiner Kundin rasch zu trennen, bevor er den Anruf entgegengenommen hatte.
Das Gespräch war kurz und knapp verlaufen. »Onkel Rudolf, bist du das?«
»Stell keine geistreichen Fragen. Natürlich bin ich es.« Dennoch hatte eine gewisse Verzweiflung, sogar Panik, in den weiteren Worten gelegen. »Paul, jetzt frag nicht weiter nach, sondern komm her. Sofort!«
»Was ist denn?«
»Es ist was passiert. Du musst sofort kommen. Bitte!« Es musste etwas Ernsthaftes sein, wurde Paul klar. Sonst hätte sein Onkel sich nicht aufs Bitten verlegt. Also erwiderte er: »Ja, ja, natürlich. Ich mache mich gleich auf den Weg, wenn’s so dringend ist.«
»Natürlich ist es dringend, sogar mehr als das. Ich muss meine Wohnung räumen, sofort, heute, auf der Stelle, kann das aber selbst nicht machen, weil … Bitte, mach du das, ja? Nimm das Wichtigste mit. Ich muss verschwinden, und zwar sofort. Ich sehe keine andere Lösung.« Sein Onkel war kurz auf dem Bildschirm zu sehen, hinter ihm ein mit Büchern vollgestopftes Regal. Aber da war das Gespräch abgebrochen. Nur noch Rauschen in der Leitung und ein schwarzer Bildschirm. Einen Moment lang saß Paul da wie gelähmt. Was hatte sein Onkel da gesagt? Er müsse die Wohnung räumen? Und: »Keine andere Lösung?« Was meinte er damit? Er wollte sich doch nicht etwa … Da war Paul tatsächlich so heftig aufgesprungen, dass er seinen Schreibtischstuhl umgestoßen hatte. Er hatte sich nicht damit aufgehalten, ihn wieder hinzustellen, sondern war in den Flur hinaus, hatte sich seine Jacke und die Maske geschnappt – und den Schlüssel zur Wohnung seines Onkels – und wollte schon loslaufen, da fiel ihm ein, dass er noch Andy Bescheid geben musste. In aller Eile verfasste er eine Nachricht, dass er krank geworden sei und leider nicht kommen könne, und schickte sie los. Ob das nun glaubwürdig war oder nicht, war ihm in diesem Moment gleichgültig. Dann war er nach unten gerannt. Offenbar war der Filter in der Maske noch gerade genügend intakt gewesen, dass ihn die Schleuse seines Wohnblocks ohne Warnung ihrerseits durchgelassen hatte.
Jetzt stand er also hier, die Warnapp schrillte, der linke Arm schmerzte heftig, und er wusste nicht weiter. Er sah sich hastig um. Die Straße leer wie immer, kein Mensch draußen. Wie auch! Bei dieser Belastung? Wer jetzt nichts absolut Lebensnotwendiges zu erledigen hatte, der blieb, wo er war. In diesen Wohnblocks, bei denen einer wie der andere aussah. Zehn Etagen, abwechselnd quadratisch, also gerade Nummer, oder V-förmig, ungerade Nummer. Er selbst wohnte in einem der quadratischen, sein Onkel in einem der V-förmigen. Die Fenster schienen spöttisch auf ihn herabzusehen, als ob sie sagen wollten: Siehst du, selbst schuld. Was bist du auch einfach rausgerannt! Aber nirgendwo eine Möglichkeit unterzukommen. Die Schleusen der anderen Häuser würden ihn nicht einlassen. Schließlich war er nirgendwo registriert. Und die App sandte immer heftigere Stromstöße durch seinen Arm, und in seinem Ohr schrillte es inzwischen so laut, dass er gewiss halb taub wäre, wenn das Schrillen jemals wieder aufhörte. Verzweifelt überlegte er, wo er auf die Schnelle einen Filter für seine Maske herbekommen sollte. Oder wie er die Wohnung seines Onkels erreichten könnte und dabei möglichst wenig belastete Luft einatmen müsste. Er hastete trotz allem weiter. Dachte kurz daran, eines der E-Taxis zu rufen. Allerdings bezweifelte er, dass er dann wesentlich schneller am Wohnblock seines Onkels eintreffen würde. E-Taxis waren schließlich sowohl rar als auch teuer, und ob eines gerade in der Nähe war, wusste er natürlich nicht. Zudem war in dieser Woche mal wieder Stromsparen angesagt. Den genauen Grund hierfür kannte er nicht. Er hatte nur in den Nachrichten gehört, dass irgendwo ganz in der Nähe in einem Energiepark diverse Windräder in sich zusammengestürzt seien. Die Ursache werde noch untersucht, aber wahrscheinlich seien wieder mal die Destroyer am Werk gewesen. Was ihn im Augenblick auch nicht weiter interessierte. Schlimmer war fast noch, dass sein Budget an Socialcreditpoints, SCPs, für diesen Monat aufgebraucht war, und da nutzte es nichts, dass der nächste Erste der folgende Tag war. Zumal es sich um einen Sonntag handelte und die Buchung wahrscheinlich erst am Montag erfolgen würde, es sei denn, Andy hätte den Sonntagszuschlag gezahlt, wovon Paul allerdings nicht ausging. So gut stand es um Andy’s Fitnesscenter nun wieder nicht, und dementsprechend verdiente er als Fitnessassistent, halbe Stelle, nicht gerade sehr viel. Weswegen er heute früh die Kundin betreut hatte. Zusatzverdienst als Freiberufler. In Emmas Augen aber viel zu wenig. Was sie in ihrem Einkaufszentrum verdiente, wo sie die Kunden überwachte, war kaum der Rede wert und reichte gerade für die Betreuung ihrer beiden Töchter in der Kita. Und für Emmas Körperpflegeartikel. Und ihre regelmäßigen Besuche im Beautyshop und beim Haarstylist unten im Wohnblock. Unter anderem deswegen also die ständigen Auseinandersetzungen.
Inzwischen schrillte die Warnapp tatsächlich so heftig, dass es ihn schmerzte, und die Stromstöße in seinem Unterarm waren auch kein Spaß mehr. Über das Schrillen hinweg hörte er eine ebenfalls schrille Stimme: »Filter austauschen! Sofort! Filter austauschen!« Er hätte es gern getan, wusste jedoch nach wie vor nicht, wo und wie er das hätte tun sollen. Ihm war klar, dass er nie und nimmer die paar Hundert Meter bis zum Wohnblock seines Onkels schaffen würde. Es konnte sogar schon sein, dass der automatische Alarm ausgelöst worden und ein Rettungsfahrzeug unterwegs war. So beruhigend das auf der einen Seite sein mochte, so ärgerlich war die saftige Geldstrafe, die ihn erwarten würde. Wegen fahrlässiger Inanspruchnahme einer öffentlichen Rettungseinheit oder wie das hieß. Er rief die Umgebungskarte auf seinem Phone auf und sah nach, ob es irgendwo in der Nähe nicht doch einen Automaten für Körperschutzzubehör gab. Im Grunde wusste er genau, dass das nicht der Fall war. Schließlich benötigte er nicht zum ersten Mal Filter für seine Maske, und der Automat, an dem er sie normalerweise besorgte, lag genau in entgegengesetzter Richtung. Und war gerade mal wieder defekt. Aufgebrochen und ausgeplündert worden. Wer diese Automaten ständig ausraubte, war zwar allgemein bekannt, aber Polizei und Behörden unternahmen trotzdem nichts. Personalmangel, hieß es.
Während er noch verzweifelt nach einem Automaten oder einer anderen Lösung seines Dilemmas suchte, berührte ihn jemand am Arm. Erschrocken fuhr er herum und sah eine Gestalt neben sich, bei der er sich zunächst nicht sicher war, ob es ein Mann oder eine Frau war. Oder sonst wer. Die Maske verdeckte den größten Teil des Gesichts, der Kopf war von einem Tuch umhüllt, und sie trug einen weiten Mantel, der die Konturen des Körpers völlig verbarg. Allein die Augen, große, grüne Augen, waren zu sehen und zeigten so etwas wie Freundlichkeit. Ihre Stimme war durch die Maske gedämpft, sodass er auch daran nicht erkennen konnte, wen er vor sich hatte. Zuletzt tippte er auf einen dieser Diversen, obwohl es sie nicht mehr so häufig gab. Nach dem Boom vor ein paar Jahren, als sich jeder, der etwas auf sich hielt, zum Diversen erklärt hatte, war ihre Zahl beträchtlich zurückgegangen. Schließlich waren die meisten der damit verbundenen Vergünstigungen gestrichen worden. Fehlende Mittel. Die Gestalt neben Paul mochte einer von den besonders Hartnäckigen sein. »Sie sind doch Paul Schlegel?«
Überrascht trat er einen Schritt zur Seite. Musterte die Gestalt erneut. Nein, da klingelte nichts in seinem Kopf außer der Warnapp. Dennoch nickte er. »Ja, bin ich.« Und fragte: »Woher kennen Sie mich?« Jetzt lachte die Gestalt. »Ich habe Sie ein paar Mal im Haus gesehen, wie Sie bei Rudolf Schlegel geläutet haben.« Sie hielt kurz inne. »Wissen Sie, es hat mich schon immer fasziniert, dass wir bei uns im Haus jemanden wohnen haben, der eine Tür mit Klingel und Türschloss hat.« Stimmte schon, dachte Paul, es war etwas Besonderes. Auch er selbst hatte sich immer schon über diesen Spleen seines Onkels gewundert und sogar heimlich darüber gelächelt. Wie es ihm überhaupt gelungen war, die Standardtüre zu ersetzen, wusste Paul nicht. Da ertönte erneut das leise Lachen der Gestalt neben ihm, und ihm fiel die recht hübsche, nicht mehr so ganz junge Frau ein, die ihm öfter im Treppenhaus begegnet war. Stets war er davon irritiert gewesen, dass sie gewartet hatte, bis er bei seinem Onkel geläutet hatte, bevor sie das Treppenhaus verließ. Anscheinend hatte sie bloß zusehen wollen, wie er anschellte. So einfach war das. »Haben Sie Probleme?«, fragte sie jetzt. Natürlich konnte sie das Schrillen der Warnapp nicht hören, ebenso wenig die Warnstöße spüren. »Mein Filter für die Maske ist am Ende«, erwiderte er und zuckte erneut unter einem heftigen elektrischen Schlag zusammen.
»Und Sie haben keinen Ersatz?«
Er nickt erneut. Beschämt. Verlegen. Weil es eigentlich Pflicht war, einen Ersatz bei sich zu führen, zumindest bei so starker Belastung.
»Da haben Sie aber Glück«, sagte die Frau. »Ich habe nämlich einen dabei. Hier!«
Aus einer Tasche ihres Umhangs förderte sie einen Filter zutage. Trotz seiner Schmerzen musterte ihn Paul neugierig. »Das Modell kenne ich gar nicht«, sagte er. »Passt der denn überhaupt bei mir rein?«
Sie lachte. »Natürlich. Was sollte ich denn mit einem Filter, der nicht in die Standardausführung passt? Nein, nein, es ist nur ein Modell, das nicht so weit verbreitet ist. Ich mag es lieber. Nun, nehmen Sie schon!« Sie hielt ihn Paul hin. Er sah sich suchend um. Entdeckte etwas, was ihm zuvor entgangen war. »Vielleicht gehen wir besser da drüben hin«, schlug er vor und deutete auf das Wartehäuschen für E-Taxis. Das war luftdicht abgeschottet, und dort ließe sich der Filter gefahrlos wechseln.
Sie gingen hinüber, und nachdem die Schleusentür sich hinter ihnen geschlossen hatte, riss sich Paul Schlegel die Maske vom Gesicht, und zu seiner Überraschung tat es ihm die Frau nach. Jetzt erkannte er sie. Tatsächlich, recht hübsch, etwa Mitte dreißig, also etwas jünger als er selbst. Sie richtete erneut die großen grünen Augen auf ihn. »Sie wollen zu ihrem Onkel?«, fragte sie. »Heute, am Samstag? Sie kommen doch sonst immer donnerstags.« Auch das wusste sie also, dachte er. Nun ja, sie hatte ihn häufig genug beim Läuten beobachtet. Er musste wohl etwas missmutig ausgesehen haben, denn sie lachte erneut auf und zeigte dabei ihre ebenmäßigen, strahlend weißen Zähne. Perfekt behandelt. »Ach, wissen Sie, so jemand wie Sie, der fällt halt auf. Zumal wir ja sonst kaum Besucher haben.« Während er den alten Filter aus seiner Maske herausholte, in den Recycler steckte und den neuen, den sie ihm gereicht hatte, einbaute, fragte er: »Was heißt: So jemand wie ich? Warum sollte ich auffallen?«
Sie musterte ihn von oben bis unten. »Zum einen sind Sie nicht gerade klein und offenbar gut durchtrainiert. Zum anderen kommen Sie regelmäßig immer am gleichen Tag zur gleichen Stunde.« Er wollte etwas erwidern, aber da ertönte ein Piepsen. Die Wählapp im Wartehäuschen war angesprungen, weil sie die Anwesenheit der beiden registriert hatte. »Bitte gewünschte Abfahrzeit und gewünschtes Fahrtziel eingeben!« Paul Schlegel zeigte darauf, froh um die Ablenkung. »Ich glaube, wir sollten wieder verschwinden. Sonst dreht der Kasten da noch durch und ruft tatsächlich ein E-Taxi.« Er wollte sich allerdings auch nicht anmerken lassen, dass ihm ihre Worte über sein Aussehen geschmeichelt hatten. Wobei er an die Kundinnen im Fitnesscenter denken musste, häufig mittelalte bis ältere Frauen, so um die Fünfzig bis Sechzig, die stets sagten, sie wollten fit bleiben, und ihm manchmal schon sehr unverblümt gewisse Angebote unterbreiteten. Offiziell gab es so etwas natürlich nicht, zudem grenzte es schon sehr dicht an Belästigung. Und zwar von seiner Seite. Er kannte zwei Kollegen, die auf solche Angebote eingegangen waren und jetzt im Gefängnis saßen, nachdem die Damen das Interesse an ihnen verloren und sie wegen sexueller Belästigung angezeigt hatten. Da hielt er sich doch lieber zurück.
»Ja, allerdings«, hörte er die Frau in seine Überlegungen hinein sagen, und sie wandte sich der Schleusentür zu. »Kannten Sie meinen Onkel eigentlich näher?« Warum er diese Frage stellte, wusste er selbst nicht so recht. Die Frau hielt in ihrer Bewegung inne, die Hand vor den Sensor zu halten. »Kannten? Wieso kannten? Ich kenne ihn so gut, wie man halt die Leute in einem so großen Haus kennt.« Sie schwenkte ihre Hand, aber die Tür glitt erst einmal nicht zurück. Wiederum ertönte die Blechstimme. »Die Nutzung der Wartekabine zu einem anderen Zweck als der Herbeirufung eines E-Taxis ist gebührenpflichtig. Zwanzig SCPs.« Seufzend ließ sich die Frau die Gebühr über ihren Handgelenkchip abbuchen, und daraufhin öffnete sich die Tür tatsächlich. »Übrigens sind Sie nicht der Einzige, der regelmäßig bei ihm auftaucht.« Paul nickte. »Haben Sie seine Schülerin auch beobachtet?«
Inzwischen hatten beide ihre Masken wieder aufgesetzt, sodass Paul Mühe hatte, die Frau zu verstehen. »Ich habe niemanden ›beobachtet‹. Und ich glaube kaum, dass das Schüler von ihm waren. Es waren immer mehrere Leute. So etwa alle zwei, drei Tage.« Sie hielt kurz inne. »Ach so. Ich glaube, ich weiß, wen Sie meinen. Dieses junge Ding, das ab und zu bei ihm aufgetaucht ist. Das war seine Schülerin? Das hätte ich nicht gedacht. Ich dachte eher …« Sie brach ab und sagte Paul nicht, was sie gedacht hatte. Er war einerseits froh darüber, dass sie ihm geholfen hatte, andererseits missfiel es ihm, dass sie so neugierig war und offenbar seltsame Ideen hinsichtlich seines Onkels hatte. Er merkte jetzt, dass sie ihn zum Wohnblock seines Onkels begleiten wollte. »Sie gehen nach Hause?«, fragte er daher. »Sie waren doch woandershin unterwegs.«
»Eigentlich ja«, erwiderte sie. »Aber ich hatte vergessen, auf die Belastungsapp zu sehen.« Ihr Lachen klang leicht gequält. »Das passiert mir manchmal. Ich frage mich, ob das schon die ersten Anzeichen von altersmäßigem Gedächtnisschwund sind.« Paul sah sie von der Seite an, aber sie sah zu ihm hoch und zwinkerte mit einem Auge, also meinte sie es anscheinend nicht ernst. Dann fuhr sie fort: »Warum haben Sie es eigentlich so eilig, zu ihrem Onkel zu kommen? Ist etwas passiert mit ihm?«
Paul Schlegel blieb stehen. Überlegte, ob er etwas vom Anruf erzählen sollte. Entschied sich, nicht so ganz bei der Wahrheit zu bleiben. »Nein, nein, es ist nur so, dass er sich anscheinend etwas verhoben hat und meine Hilfe braucht.« Jetzt war es an ihr, ihm einen kurzen Blick von der Seite zuzuwerfen. »Na ja, in seinem Alter kann so etwas schon mal vorkommen. Vielleicht hat er auch nicht so sicher auf den Beinen gestanden und ist hingefallen.«
»Was meinen Sie denn damit?« Paul wollte schon wütend werden, aber da fügte sie hinzu: »Schließlich ist er nicht mehr der Jüngste. Da kann so etwas schon mal passieren, oder etwa nicht?« Nun ja, dagegen konnte er kaum etwas sagen. Schließlich wollten einige ältere Kunden des Fitnesscenters genau dagegen etwas vorbeugen. »Wie heißen Sie eigentlich?«, fragte Paul schließlich, um von diesem Thema abzulenken. Er wusste ja wirklich nicht, was mit seinem Onkel geschehen war, und seine Worte, bevor das Gespräch abbrach, hatten alles andere als beruhigend geklungen. Keine andere Lösung? Das hörte sich richtiggehend nach Selbstmord an, obwohl sich Paul nicht im Geringsten vorstellen konnte, weshalb sich sein Onkel umbringen sollte oder wollte. Dennoch. Er hörte die Frau antworten: »Nora. Nora Weißengerber«, und sah aus dem Augenwinkel, wie sie den Blick erwartungsvoll auf ihn richtete. Als ob ihm ihr Name etwas sagen sollte. Angesichts seines wohl verständnislosen Ausdrucks fuhr sie resigniert, wenn nicht gar beleidigt, fort: »Eine Großnichte von ›Bubi‹ Weißengerber.« Auch das sagte ihm nichts. »Eine Fußballlegende«, erklärte sie. »Torwart. War zu seiner Zeit richtig berühmt hier in Buchenfurt. Ist es eigentlich heute noch. Beim 1. FC Buchenfurt 07.« Paul zuckte die Achseln. Fußball gehörte nicht zu den Sportarten, die ihn interessierten. Von ihm aus hätte sie die Großnichte von Gerd Müller sein können. Das war der einzige Fußballspieler, dessen Name ihm auf Anhieb einfallen wollte. Jetzt war sie tatsächlich beleidigt. »Na, Sie wohnen hier in Buchenfurt und haben noch nie etwas von ›Bubi‹ Weißengerber gehört? Dann müssen Sie sich unbedingt mal das Video über ihm ansehen. Der 1. FC Buchenfurt und seine größten Erfolge. Habe ich bei mir liegen. Kommen Sie doch vorbei. Nachher. Wenn Sie Ihren Onkel versorgt haben.«
Sie blickte auf ihren Timepiece und ging auf einmal etwas rascher. »Vorher muss ich jedoch meine Trainingsstunden abhalten. Leider wieder nur online. Wissen Sie, ich trainiere die B-Jugend. Mädchen und Diverse.« Sie merkte, dass ihm auch das nichts sagte. »1. FC Buchenfurt 07, wie gesagt.« Allmählich wusste Paul nicht mehr, wie er reagieren sollte, daher sagte er: »Aha.« Sie seufzte auf und fuhr fort: »Normalerweise versuchen wir natürlich, draußen zu trainieren, auf dem Platz da hinter dem Wohnblock.« Sie zeigte unbestimmt hinter sich. »Aber heute …« Sie ließ den Satz unvollendet, und Paul konnte sich denken, was sie damit gemeint hatte. »Die Halle können wir uns nicht oft leisten. Sie ist außerdem schon wieder belegt.« Sie wirkte traurig, gab sich dann jedoch einen Ruck und war wieder heiter. »Wissen Sie, ich bin eine absolute Fußballnärrin, und ich glaube immer, dass alle anderen ebenso vernarrt in den Fußball sind wie ich.« Erneuter kurzer Seitenblick. »Wir sind übrigens gar nicht so schlecht. Wir haben schon an den Stadt- und Bezirksmeisterschaften teilgenommen und sind einmal sogar Hallen-Vizemeister geworden.«
Unterdessen fragte sich Paul, warum sie ihm das alles erzählte. Sie musste doch bemerkt haben, dass es ihn überhaupt nicht interessierte. Er hoffte bloß, dass das keine Anmache sein sollte, denn darauf hatte er momentan absolut keine Lust. Sollte es dennoch so etwas sein, hätte sie sowieso den falschen Weg gewählt. Er rückte sogar noch etwas weiter von ihr weg. Sie gab nicht zu erkennen, ob es ihr aufgefallen war, sondern plauderte weiter. »Sagen Sie, da fällt mir etwas ein. Sie wollen doch Ihrem Onkel helfen. Sie sind nicht zufällig Physiotherapeut oder so etwas in der Art?« Jetzt fühlte er sich wieder wohler. »Nein, lediglich Fitness-Assistent.« Und ergänzte: »Außerdem freiberuflicher CBM-Lehrer.« Woraufhin sie ihn jetzt fragend ansah. »CBM. Cyril-Bernstein-Methode. Eine spezielle Art von Physiotherapie, wenn Sie so wollen. Allerdings nicht staatlich anerkannt. Dennoch sehr wirksam.« Sie blieb stehen. »Mensch, so jemanden brauche ich noch. Zu dumm, dass Sie männlich sind. Sonst hätte ich Sie nämlich gefragt, ob Sie nicht bei uns mitarbeiten möchten.« Wiederum ein Blick von der Seite, diesmal ein etwas merkwürdiger. »Sie hätten nicht Interesse, mal Ihr Geschlecht … Sie wissen schon. Vielleicht für ein Jahr? Oder auch nur für eine Saison? Meines Wissens geht das immer noch.«
Nein, hatte er nicht. Das gab er ihr deutlich zu verstehen, verbal und indem er noch ein wenig weiter von ihr wegrückte. Zum Glück war der Wohnblock seines Onkels bereits in Sicht, und er konnte sich von dieser … dieser Fußball-Verrückten gleich verabschieden. Hoffte er. Sie blieb jedoch hartnäckig an ihm kleben.
Die restlichen paar Meter bis zur Schleuse des Wohnblocks beschränkten sie sich dann auf ein paar der üblichen Bemerkungen über die Belastung und das für diese Jahreszeit viel zu warme Wetter. Nora Weißengerber kam nicht wieder auf ihren Vorschlag zurück. Kurz nachdem sie die Schleuse hinter sich gelassen und ihre Masken wieder abgenommen hatten, sagte die Frau auf einmal: »Wissen Sie, manchmal frage ich mich ja schon, warum Menschen wie Ihr Onkel noch allein in einer so großen Wohnung leben können. Wir sind immerhin zu zweit, mein Bruder und ich. Wäre es für Ihren Onkel nicht besser, in eine Seniorengemeinschaft zu ziehen?« So sehr Paul sich über die Bemerkung ärgerte, so wenig ließ er sich etwas von diesem Ärger anmerken. Niemals eine Frau oder einen Diversen provozieren. Stattdessen hob er nur die Hand zu einer unverbindlichen Geste und begab sich zur Treppe neben dem Aufzug. »Sie wollen nicht mit dem Aufzug fahren?«, hörte er Nora hinter sich fragen.
»Ich gehe lieber zu Fuß. Training. Außerdem energiesparender«, erwiderte er und setzte den Fuß auf die erste Stufe. Da vernahm er schnelle Schritte, und als er sich umdrehte, kam die Frau auf ihn zu. Er betrachtete sie jetzt zum ersten Mal, seitdem sie die Maske abgenommen hatte, so richtig. Ihre grünen Augen waren immer noch groß, wirkten aber nicht mehr ganz so riesig über der Stupsnase und dem etwas breiten Mund, den sie zu einem Lächeln verzogen hatte. Ihm fiel auf, dass sie nach wie vor ihr eng anliegendes Kopftuch trug. »Ganz richtig. Ich gehe eigentlich auch immer die Treppe hinauf.« Als sie ihn erreicht hatte, setzte sie hinzu: »Der Aufzug tut’s im Moment sowieso nicht. Keine Hauptverkehrszeit. Stromsparen. Sie wissen schon.« Sie hatte sich inzwischen ihres Umhangs entledigt und ihn über den rechten Arm genommen. Darunter trug sie Jeans und T-Shirt, und ihr üppiger Vorbau war nicht zu übersehen. Ganz nett, was da wippt, fuhr es ihm durch den Kopf. Das hat Emma nicht zu bieten. Zugleich schämte er sich dafür, dass ihm trotz aller Schulungen im Umgang mit Frauen und Diversen so unkorrekte Gedanken durch den Kopf gingen. Um sich abzulenken, fragte er: »Sie finden keine Fitness-Assistentin?« Sie lächelte leicht betreten und schüttelte den Kopf. Eine Zeitlang druckste sie herum, bevor sie schließlich zugab: »Diejenigen, die wir bisher hatten, taugten alle nichts.« Bei diesen Worten sah sie sich rasch um, ob nicht irgendwer mithören konnte. »Sie werden das doch nicht melden? Sie wissen schon?«, fügte sie im Flüsterton hinzu.
Nun mochte Paul Schlegel vieles nachgesagt werden. Unzuverlässigkeit, zum Beispiel, ein Vorwurf seiner Frau. Aufdringlichkeit. Ebenfalls beliebt bei Emma. Faulheit. Der häufigste Vorwurf. Aber ein Denunziant, nein, das war er keinesfalls. Im Grunde war es ihm völlig gleichgültig, was andere Menschen taten oder ließen. Also äußerte er sich dahingehend, und Nora Weißengerber erschien aufrichtig erleichtert. Das Treppensteigen fiel ihr im Übrigen nicht schwer, im Gegenteil. Paul hatte den Eindruck, dass sie noch schneller steigen könnte, wenn sie gewollt hätte. Bald darauf, im zweiten Stockwerk, wandte sie sich nach rechts und sagte dabei: »Ich wohne da drüben, dritte Tür. Wie gesagt, Sie können nachher gern vorbeikommen. Dann können wir uns das alte Video ansehen. Von meinem Großonkel.« Mit diesen Worten ging sie, und erst auf halber Treppe ins nächste Stockwerk begriff er so richtig, was sie gesagt hatte. Nachher vorbeikommen? Er warf noch einmal einen Blick nach unten, aber sie war schon nicht mehr zu sehen. Er hörte lediglich das Klacken der automatischen Türverriegelung.
Noch anderthalb Etagen, dann wäre er auf der Ebene, auf der sein Onkel wohnte. Ihm klopfte heftig das Herz, und er fragte sich immer noch bang, was ihn dort erwarten würde. Ob ihn sein Onkel umsonst so erschreckt hatte, dass er Hals über Kopf losgestürzt war. Auf einmal hoffte er inständig, dass ihm sein Onkel nur einen Streich spielen wollte. Was er sich jedoch absolut nicht vorstellen konnte. Es hätte ihm überhaupt nicht ähnlich gesehen.
Noch eine Kehre, dann hatte Paul den Flur erreicht, in dem die Wohnung seines Onkels lag. Dort erwartete ihn allerdings eine Überraschung, aber eine, mit der er nicht im Geringsten gerechnet hätte.
(31. März)
Diese Überraschung bestand in fünf Gestalten, die vor der Wohnungstür seines Onkels hockten. Vier trugen schwarze Kopftücher, während die fünfte barhäuptig war. Ein Mann. Dichtes schwarzes Haar, mächtiger Bart. Alle waren schwarz gekleidet, schwarzes Oberteil, schwarze Hose, schwarze Schnürstiefel. Offenbar eine der allgegenwärtigen »Anti-Destroyer«- oder »Girls for Justice«-Gangs. Was manchmal ein- und dasselbe war. Gerüchte besagten, dass diese Gangs sogar von Regierungsseite finanziell unterstützt oder zumindest geduldet würden. Die hier hatte offenbar einen »Beschützer«. Also doch eher »Girls for Justice«. Paul Schlegel war in diesem Augenblick froh um seine Zweimeter-Statur und sein Gewicht von annähernd einhundert Kilogramm. Muskeln, kein Fett. Er hätte jede von den Gestalten mit dem kleinen Finger die Treppe hinunterbefördern können, wenn er gewollt hätte. Natürlich wollte er nicht, denn am Ende hätte er doch den Kürzeren gezogen. Mochte er diese Gang hier auch hinauswerfen, so konnte er mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass ihn am folgenden Tag eine Gang nur aus jungen Männern draußen erwarten würde, die für Gerechtigkeit sorgen wollten. Gerechtigkeit in ihrem Sinne. Und genügend viele, dass er gegen sie nicht den Hauch einer Chance hätte. Im Übrigen fragte er sich, wie diese Leute hier eigentlich ins Gebäude gelangt waren. Aber sie waren offensichtlich clever genug, die Schleuse irgendwie zu überlisten.
Also unterdrückte er seinen ersten Impuls und gab sich Mühe, so ruhig zu bleiben, wie es ihm möglich war. Die Gestalten hatten mit gesenktem Kopf auf ihre Phones gestarrt. Jetzt jedoch schauten alle auf, als sie ihn herankommen hörten, und musterten ihn feindselig. Er blieb vor ihnen stehen. »Willste was?«, fragte die Gestalt in der Mitte, offenbar weiblich und wahrscheinlich die Anführerin. Natürlich nur der Mädels. Ihrerseits wurde sie von dem jungen Mann überwacht, dem Beschützer. Betont höflich gab Paul zur Antwort: »Ich will zu meinem Onkel, wenn ihr nichts dagegen habt.« Und fügte hinzu: »Der wohnt nämlich hier.« Und er zeigte auf die geschlossene Tür.
»Der alte Wichser ist offenbar nicht da«, sagte die Gestalt. Anscheinend ein jüngeres Mädchen, soweit er das unter dem Kopftuch erkennen konnte, das ihr Gesicht völlig umrahmte. Die Lippen waren grellrot geschminkt, und um die Augen lagen tiefschwarze Ringe. »Wir haben schon -zig Mal alle möglichen Apps ausprobiert, aber nichts. Die Tür geht nicht auf. Muss ’ne besondere Sperre sein«, fuhr sie fort.
Und die Tür eintreten geht natürlich auch nicht, dachte Paul. Das hätte dann doch zu viel Aufmerksamkeit erregt, und sie hätte zudem mit einer Polizeistation verbunden sein können. Ob die Polizei tatsächlich gekommen wäre, war eine ganz andere Frage. Auf jeden Fall wollten sie dieses Risiko offensichtlich nicht eingehen. Mal ganz abgesehen davon, ob ihnen das rein kräftemäßig überhaupt gelungen wäre. »Der ist bloß zu feige zum Aufmachen«, warf eine der anderen ein, die ganz links. Paul stand dicht davor, ihnen zu sagen, weswegen genau er kam, aber es interessierte ihn auch zu erfahren, seit wann sie hier hockten. »Seit wann?« Die Anführerin warf einen Blick auf ihren Timepiece. »Keine Ahnung. Vielleicht seit ner Stunde oder so.« Er war verblüfft. »Und es hat sich nichts gerührt?«
»Nee«, erwiderte sie. »Der alte Pisser da drin hat so getan, als wär’ er gar nicht da.«
»Sag ich ja, Feigling«, ließ sich erneut die andere vernehmen.
Paul überlegte kurz. Der Anruf war vor etwa einer halben Stunde gekommen. Seit einer Stunde saßen diese Gestalten hier. Vielleicht waren auch sie der Grund, weswegen sein Onkel ihn angerufen hatte und weswegen er sich jetzt nicht rührte. Vielleicht wollte er sie tatsächlich im Glauben lassen, er sei gar nicht daheim. Zum Glück hatte Paul ja gerade noch an den Schlüssel für die Wohnung hier gedacht, bevor er losgestürzt war. Wenn er bei seinem Onkel wäre, würde die Gang hier ihm zumindest im Moment bestimmt nichts antun. Und dann müssten sie beide sich halt das weitere Vorgehen überlegen. Paul dachte daran, seinen Onkel Rudolf zu sich nach Hause mitzunehmen. Allerdings ein absurder Gedanke. Selbst wenn Rudolf damit einverstanden gewesen wäre – Emma mit Sicherheit nicht. Sie konnte ihn absolut nicht ausstehen. Und ganz abgesehen davon hatte sein Onkel ja auch davon gesprochen, dass er verschwinden müsse. Keine andere Lösung … Paul schüttelte innerlich den Kopf. Das alles wurde immer undurchsichtiger und rätselhafter. Um jedoch seinerseits eine Lösung für dieses Rätsel zu finden, müsste er zunächst erst einmal in die Wohnung. »Also, dann lasst mich mal ran, wenn ihr reinwollt.« Sie rührten sich nicht. »Ihr müsst schon zur Seite rücken.«
Sie sahen einander an, wussten offenbar nicht, was sie tun sollten. Sicherlich hatten sie nicht mit seinem Auftauchen gerechnet. Und dass er sich ziemlich cool gab. Schließlich rückte die Anführerin unwillig zur Seite, sodass Paul an die Tür gelangen konnte. Er zog den Schlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn ins Schloss. »Echt jetzt?«, rutschte es einer der Gestalten heraus. Sie hatten wohl noch nie ein Schloss mit Schlüssel gesehen. Er brauchte den Schlüssel nicht einmal zu drehen. Die Tür war gar nicht abgeschlossen. Es reichte aus, die Klinke zu drücken. Was er auch tat.
Vorsichtig, fast auf Zehenspitzen, betrat er die Wohnung. Seltsam still war es dort, ganz im Gegensatz zu sonst immer. Irgendein Geräusch hatte er immer gehört, wenn er eingetreten war, nachdem ihm sein Onkel auf sein Klingeln hin geöffnet hatte. Manchmal sogar Musik. »Du kennst den Weg«, hatte er immer gesagt, und Paul war den Flur ins Arbeitszimmer hinabgegangen. Meist war die Workstation dort eingeschaltet, und irgendeine Datei zeigte sich auf dem Bildschirm. Häufig verwirrende Kurven, fast wie ein abstraktes Gemälde, hin und wieder jedoch bloß das Hintergrundbild. Das Mädchen, das auch auf dem gerahmten Foto daneben zu sehen war. Manou. Eine Schülerin seines Onkels. Eine überragende Schülerin, hatte ihm sein Onkel gesagt. Ein Genie. Paul hatte das stets für mehr oder minder übertrieben gehalten. Allerdings war dieses Mädchen auch der Grund für das Verfahren, das Rudolf am Hals gehabt hatte. Missbrauch einer Minderjährigen. Irgendwer hatte ihn gemeldet, und er hatte alle Mühe gehabt, diese Behauptung zu widerlegen. Ob es ihm so ganz gelungen war, wusste Paul nicht. Auf jeden Fall hatte die Sache zur Folge, dass sein Onkel an der Schule gefeuert worden war, an der er als Aushilfslehrer unterrichtet hatte. Man hatte ihn vor zwei Jahren aus der Pensionierung zurückgeholt, weil es kaum noch Mathematik- und Physiklehrer gab.
»Rudolf?«, fragte er laut, aber nichts rührte sich. Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen, der Raum jedoch war leer. Ansonsten herrschte nur Stille, eine unheimliche Stille, und Paul lief es kalt den Rücken hinab. »Rudolf?«, fragte er noch einmal. Immer noch nichts. Die Gang, die ihm gefolgt war, verhielt sich ebenfalls seltsam still. Nichts von der Aggressivität, die sie draußen gezeigt hatte, war mit hereingekommen. Was vielleicht den Grund hatte, dass etwas in der Luft lag, was nicht so recht zu fassen war. Manchmal wollte es Paul so vorkommen, als ob er eine Art Klänge vernehmen würde, ganz dicht an der Hörschwelle, jedoch nicht laut genug, um wirklich gehört zu werden. Nicht das sonst immer vorhandene untergründige Rauschen der Klimaanlage, nein, das nicht. Zudem hatte er das Gefühl, als wäre noch vor kurzem jemand hier gewesen und gerade erst verschwunden. Als wäre jemand nur rasch aus dem Zimmer gegangen und hätte gesagt, er würde gleich zurückkehren. Ein Gedanke, der Paul dazu veranlasste, in den anderen Zimmern nachzusehen. Dazu musste er allerdings die Mädels beiseiteschieben, die sich hinter ihm im Flur drängten. Hatten sie womöglich gar Angst? Er ging jedenfalls so behutsam wie möglich vor, um nur ja nicht den Anschein eines aggressiven Verhaltens zu erwecken. Zumal er gesehen hatte, dass zwei von ihnen ihre Bodycam eingeschaltet hatten und alles aufzeichneten, was geschah. Um sich vielleicht später damit in ihrem Netzwerk zu brüsten. Obwohl es im Moment kaum etwas gab, mit dem sie sich hätten brüsten können.
Er warf einen kurzen Blick ins Bad, dann verweilte er etwas länger im Schlafzimmer, sah sogar in den Schrank, in dem die wenigen Kleidungsstücke lagen und hingen, die sein Onkel besessen hatte. Zwei der unvermeidlichen braunen Anzüge, die er stets in der Schule getragen hatte. Paul musste unwillkürlich grinsen, weil unter den Schülern der Scherz umgelaufen war: »Es geht das Gerücht, Herr Schlegel besitzt sogar zwei braune Anzüge«. Wie es schien, war es kein Gerücht, sondern traf tatsächlich zu. Ansonsten fand er auch hier nichts, was sich irgendwie mit dem Verschwinden seines Onkels in Zusammenhang hätte bringen lassen.
Schließlich wandte er sich der Küche zu. Natürlich wäre sein Onkel auch dort nicht, so viel stand für ihn bereits fest. Dennoch öffnete er die Tür und winkte der Gang, sie solle hereinkommen. Der Küchentisch war gerade groß genug, und es waren auch genau fünf Stühle vorhanden. Die Gangmitglieder setzten sich tatsächlich hin, während Paul stehen blieb, die Arme vor der Brust verschränkt. Er überlegte, was die jungen Leute vor ihm wohl dazu bewogen haben mochte, seiner Aufforderung zu folgen. Offenbar waren sie von der seltsamen Umgebung eingeschüchtert worden. Und vielleicht auch von seiner imposanten Gestalt. Oder auch von diesem untergründigen Vibrieren. »Und?«, fragte er die Sprecherin. »Wie heißt du eigentlich?« Sie zögerte einen Moment, bevor sie leise antwortete: »Greta.« Er nickte und fuhrt fort: »Also, Greta, was hattet ihr eigentlich vor?«
Natürlich wusste er, was sie vorgehabt hatten, zumindest so im Wesentlichen. Aber er wollte es gern von den Mädchen selbst hören. Die sahen jedoch zunächst den Mann an, der bisher wortlos dagesessen und das Geschehen lediglich beobachtet hatte. »Wir wollten ihm erst mal nur eine kleine Lektion erteilen, diesem Destroyer und Mädchenficker«, sagte der. »Um ihm deutlich zu verstehen zu geben, dass wir ihm was abschneiden würden, wenn er sich weiter an kleine Mädchen heranmacht. Du verstehst schon.« Bei diesen Worten vollführte er eine eindeutige Geste im Schoß. Das klang jetzt wieder sehr aggressiv. Vielleicht war er auch wütend darüber, dass ihr Opfer nicht da war. Von irgendwoher hatte er zudem ein Messer hervorgezogen, mit dem er jetzt herumspielte.
Paul gab sich wiederum cool, tat so, als ob er das Messer nicht sehen würde. Es war allgemein bekannt, dass die Gangs ziemlich rabiat werden konnten. Er hätte es allerdings nicht für möglich gehalten, einmal einer solchen gegenüberzustehen. »Hätte er schließlich verdient«, ließ sich jetzt eines der anderen Mädchen hitzig vernehmen. »Meine Schwester hat gesagt …«
»Schnauze, Angela!«, fauchte der Typ mit dem Messer. Die so Zurechtgewiesene brach ab und starrte zum Fenster hinaus, obwohl es da nichts weiter zu sehen gab als die Fenster des nächsten Wohnblocks.
Eine Weile lang sagte niemand etwas. Die beiden anderen Mädchen, die bisher noch kein Wort von sich gegeben hatten, starrten ebenfalls zum Fenster hinaus, und Paul bekam allmählich den Eindruck, dass sie gar nicht so recht verstanden, um was es eigentlich ging. Wahrscheinlich waren sie nur mitgelaufen, dachte er, weil es sich halt gehörte, über alte und weniger alte Männer herzufallen, die ihrerseits angeblich über unschuldige Frauen und Mädchen hergefallen waren. »Die Ehre wiederherstellen«, hieß das in ihrer Weltanschauung. Die »Girls for Justice«-Gangs standen natürlich immer unter dem »Schutz« eines männlichen Begleiters wie dem, der jetzt bei Paul Schlegel in der Küche saß und weiterhin mit seinem Messer herumspielte. Bei den »Anti-Destroyer«-Gangs gab es meist keinen »Beschützer«. Sie waren sowieso meist aus jungen Männern zusammengesetzt, und die Mitglieder trugen zudem auch so gut wie immer Masken.
Paul gab sich nach wie vor so, als ob alles ganz normal wäre, als ob die Gangmitglieder ganz normale Gäste wären, die zufällig vorbeigeschaut hatten. »Ich habe euch ja noch gar nichts angeboten«, sagte er daher. »Möchtet ihr etwas trinken?« Er schlug sich theatralisch vor die Stirn. »Also, ich bin vielleicht ein Gastgeber.« Er öffnete den Kühlschrank. Zwei Bierflaschen standen in der Tür, ansonsten herrschte gähnende Leere, was Paul allerdings doch überraschte. Sein Onkel hatte zwar selten viel vorrätig, aber rein gar nichts? »Tja«, sagte er, »tut mir leid. Es ist einfach nichts da. Es sei denn, ihr möchtet ein Glas Wasser …« Wie einer schüttelten alle den Kopf. Der Messermann erhob sich, und gleich darauf standen auch die Mädchen auf. »Wir gehen«, sagte er, und sie verließen tatsächlich die Küche. Paul bemerkte, dass sich die Hand des jungen Mannes fester um den Messergriff schloss, als er an ihm vorüberging, und wieder einmal hatte er den Eindruck, dass er es nur seiner Gestalt zu verdanken hatte, jetzt nicht seinerseits ein Opfer zu werden. Allerdings zischte der Messermann Paul noch zu: »Sag deinem Onkel, wenn wir ihn kriegen, dann …« Er vollführte noch einmal eine zackige Geste mit der Hand vor seinem Unterleib und fügte hinzu: »Und pass bloß selbst auf!« Woraufhin er mit den anderen aus der Wohnung verschwand. Die Tür ließen sie offenstehen, vielleicht, weil sie nicht wussten, dass sie sich nicht von selbst schloss. Also erledigte Paul das für sie.
Auf dem Weg zurück ins Arbeitszimmer überfiel ihn ein Gefühl der Ratlosigkeit. Sein Onkel war tatsächlich verschwunden? Er dachte an das Telefongespräch. »Ich sehe keine andere Lösung …« Als? Als was? Weggehen? Aber dann hätte es die Gang mitbekommen müssen, die schließlich schon vor seiner Tür gesessen hatte. Oder hatte sein Onkel überhaupt nicht mehr aus seiner Wohnung angerufen? An diese Möglichkeit hatte Paul bisher noch gar nicht gedacht. Allerdings war bei dem Gespräch im Hintergrund unscharf ein Bücherregal zu sehen gewesen, und das konnte durchaus dasjenige gewesen, was gegenüber der Workstation seines Onkels stand. Die Workstation. Vielleicht fand sich darauf ein Hinweis. Er schaltete sie an und gab das Passwort ein, das ihm sein Onkel vor einiger Zeit anvertraut hatte. »Falls mir etwas zustößt«, hatte er gesagt, und Paul hatte daraufhin nur lachend erwidert: »Was sollte dir denn zustoßen?« Woraufhin sein Onkel nur sehr ernst erwidert hatte: »Wer weiß?« Das war noch vor der Sache mit dem angeblichen Missbrauch einer Minderjährigen gewesen, und das Passwort war ziemlich simpel: 963Hz. Was es bedeutete, wusste Paul nicht, und es war ihm im Moment auch gleichgültig. Er gab es in der Hoffnung ein, dass es sein Onkel inzwischen nicht geändert hatte.
Erleichtert sah er, wie der Bildschirm hell wurde und das Abbild der gespeicherten Dateien und Ordner erschien. Kunterbunt durcheinander, wie üblich. Gleich darauf ploppte jedoch eine Nachricht auf. Mit Priorität. Und amtlich. Überschrift: »Mahnung.«
»Sehr geehrter Herr Rudolf Schlegel«, hieß es darin. »Nach Paragraph 43 Absatz 7 sind Sie verpflichtet, Ihre Wohnung bis zum 31. März, 24.00 Uhr, vollständig zu räumen. Bei Zuwiderhandlung kann eine Ordnungsstrafe bis zu einer Höhe von 30.000 SCPs, ersatzweise 60 Tage Haft, verhängt werden. Hochachtungsvoll, Weißengerber.« Paul saß wie erstarrt da. Konnte sich keinen Reim auf diese Nachricht machen, obwohl sie unmissverständlich war. Sein Onkel hatte bis zu dem Anruf von vorhin kein Wort darüber verlauten lassen, dass er eine Anordnung zur Wohnungsräumung erhalten hatte. Aus welchem Grund? Hastig durchsuchte er die Ordner, aber da sein Onkel seine Daten nie systematisch abgespeichert hatte, war das ein hoffnungsloses Unterfangen. Da ertönte ein kurzer Klingelton, und dann wich das Bild der Dateien einem anderen.
Ein Mädchen mit kurzen, kunterbunten Haaren erschien. Die großen braunen Augen erfassten Paul, und sie zog die Brauen hoch. Natürlich erkannte er sie sofort. Manou. Musste sie unbedingt jetzt anrufen? Doch dann tauchten hinter dem Mädchen ein paar Gestalten auf, die er inzwischen kennengelernt hatte. Fünf schwarz gekleidete Gestalten, vier mit schwarzem Kopftuch, eine mit mächtigem schwarzem Vollbart. Er erschrak, denn ihm wurde klar, dass Manou gar nicht anrief, sondern draußen vor der Tür stand und dass das Bild vor ihm von der Überwachungskamera stammte.
Inzwischen sah Manou sich hektisch um, und da ertönte dieser Klingelton noch einmal. Natürlich. Das war die Türglocke! Dass er sie nicht gleich erkannt hatte! Er rannte hinaus in den Flur, riss die Tür zur Wohnung auf, und das Mädchen fiel ihm geradezu in die Arme. Offenbar hatte sie nicht bemerkt oder gewusst, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Die fünf Gestalten hinter ihr prallten zurück, und wieder einmal war Paul dankbar für seine Statur. »Rein mit dir!«, rief er Manou zu, die sofort ins Arbeitszimmer rannte, während er sich den fünf Gestalten draußen zuwandte. »Und ihr verschwindet besser, sonst …« Er ließ den Satz wohlweislich unvollendet. Sie musterten ihn, bevor die Anführerin, Greta, den anderen nach einem Blick auf den Mann etwas zu brummte, was Paul nicht verstand. Immerhin machten sie kehrt und verschwanden die Treppe hinunter. Er sah ihnen noch so lange nach, bis er sie aus den Augen verloren hatte, schloss die Wohnungstür und drehte sogar den Schlüssel herum. Schließlich konnten die da draußen durchaus lernfähig sein.
Langsam kehrte er ins Arbeitszimmer zurück, wo ihm eine verwirrte Manou entgegenblickte. »Wo ist Rudolf? Ich meine, Herr Schlegel? Ist ihm was passiert? Wir treffen uns doch normalerweise immer samstags um diese Zeit.« Sie hielt inne und musterte Paul erneut, und ein wenig ihrer Verwirrung wich. »Sie sind Paul, sein Neffe, nicht wahr?«
»Und du bist Manou«, stellte er das Offensichtliche fest. Eigentlich sagte er es nur, um überhaupt etwas zu sagen. »Wo ist Herr Schlegel?«, wiederholte sie. »Setz dich doch erst mal«, forderte er sie auf und zeigte auf den Stuhl neben dem Schreibtisch. Er selbst blieb, wie schon bei der Gang vorhin in der Küche, erst einmal stehen. Sie setzte sich, sprang aber sogleich wieder auf. »Ist ihm etwas passiert?«, fragte sie noch einmal. Sie hatte eine überraschend musikalische Stimme, sehr klangvoll, fast singend. Ansonsten wirkte sie wie eine Elf- oder Zwölfjährige, dünn, wie sie war. Die engen, wie ihre Haare schrill-bunten Leggins und das enganliegende rote T-Shirt, unter dem sich nur eine Spur Brust abzeichnete, verstärkten diesen Eindruck noch. Eine schwarze Jacke hatte sie über einen Tisch geworfen. Paul wusste, dass sie jedoch mindestens vierzehn Jahre alt sein musste. Alles in allem sah sie gar nicht wie das Genie aus, von dem sein Onkel so geschwärmt hatte. »Ich bin regelrecht verliebt in sie«, hatte er einmal zu seinem Neffen gesagt und gleich hinzugefügt: »Nicht, wie du vielleicht denkst. Für kleine Mädchen habe ich nichts übrig. Aber du weißt, wie sehr ich Menschen schätze, die vor allem eines sind: wissbegierig. Und das ist Manou, das kannst du mir glauben. Außerdem kann es sein, dass sie etwas entdeckt hat … nun ja, ist noch nicht so ganz spruchreif.« Hier hatte sein Onkel nicht mehr weitergeredet, und Paul hatte nicht weiter nachgehakt, weil es sich vermutlich um etwas gehandelt hatte, was er sowieso nicht verstanden hätte.
Da fiel Manous Blick auf die Nachricht am Bildschirm, die sich inzwischen wieder zeigte, und ihre sowieso schon großen Augen wurden noch größer. »Er soll die Wohnung räumen? Wieso das denn?« Paul trat neben sie und sagte: »Ich weiß es auch nicht. Hat er dir gegenüber nie etwas davon verlauten lassen?« Sie schüttelte den Kopf, während sie weiterhin die Nachricht anstarrte. »Aber das ist ja entsetzlich!« Sie sah zu Paul auf. »Was machen wir denn jetzt?« Er schüttelte den Kopf. »Wir machen gar nichts. Das heißt, du machst weiter nichts. Am besten gehst du wieder heim, und ich kümmere mich um die Sache. Wahrscheinlich bleibt mir tatsächlich nichts anderes übrig, als die wichtigsten Dinge aus der Wohnung zu schaffen, bevor die Entrümpler kommen.« Er hielt kurz inne und fuhr fort: »Mein Onkel hat mich darum gebeten. Wo er jetzt ist, kann ich dir auch nicht sagen.« Wobei er ebenfalls keine Ahnung hatte, was wohl die wichtigsten Dinge sein konnten. Er hatte erst einmal nur das Bedürfnis, das Mädchen nach Hause zu schicken. Aber so leicht ließ sich Manou nicht abwimmeln. »Ich könnte Ihnen doch dabei helfen«, schlug sie vor. »Zumindest bei den Sachen auf der Workstation da. Sie müssen sie schließlich löschen, aber ich könnte Ihnen sagen, was wichtig ist, und das könnten Sie auf eine externe Festplatte kopieren. Haben Sie so was?« Klar, war er versucht zu sagen, so was habe ich immer in der Hosentasche. Er verneinte stattdessen. »Müsste ich mir zunächst von irgendwoher besorgen. Ich habe so ein Ding nicht mal bei mir zuhause.« Ihr Ausdruck verdüsterte sich, aber schon im nächsten Moment sprang sie zu einer Schublade im Schreibtisch seines Onkels und zog sie auf. »Da!«, sagte sie strahlend. »Hab ich’s doch gewusst!« Sie holte ein kleines Kästchen heraus und reichte es Paul. »Schließen Sie’s an und kopieren Sie alles, was da herumliegt.« Er zögerte kurz, und sie fragte: »Soll ich Ihnen dabei helfen?«
Er nahm das Kästchen, schloss es an und sagte: »Nein, schon gut, Manou. Ich weiß, wie das geht, und hoffe nur, dass genügend Platz drauf ist.« Dann wiederholte er: »Ich glaube, du gehst besser wieder nach Hause. Ich komme hier schon zurecht.« Einen Moment lang sah sie so aus, als ob sie ihm widersprechen wollte, aber dann nickte sie. »Okay. Ich hab’s ja nicht weit.« Doch sie zögerte immer noch. Da fiel Paul die Gang wieder ein, die er zwar die Treppe hinuntergejagt hatte, die aber durchaus noch draußen warten konnte. »Hast du Angst vor der Gang?«, fragte er daher direkt. Manou nickte. »Die haben mich schon mal verprügelt, weil ich nicht gegen Ihren Onkel ausgesagt habe.« Erneut sah sie zu ihm auf. Bittend. »Aber da war wirklich nichts irgendwie Unanständiges.« Paul konnte nicht anders und legte ihr den Arm um die schmalen Schultern. »Ich glaub’s ja auch nicht, dass da was war. Das hätte meinem Onkel überhaupt nicht ähnlich gesehen.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Soll ich dich nach Hause bringen?« Sie nickte kurz und wiederholte, wie um ihn zu beruhigen: »Ist wirklich nicht weit.«
Also gingen sie los. Paul schloss die Wohnungstür sorgfältig hinter sich ab, und während sie die Treppe hinuntergingen, fragte er Manou, um sie etwas abzulenken: »Was habt ihr eigentlich immer gemacht, du und mein Onkel?« Sie gab nicht sogleich Antwort, erwiderte jedoch nach kurzem Schweigen: »Das ist schwierig, so im Treppenhaus zu erklären. Wir haben geforscht, wissen Sie? Ich untersuche da etwas, was mir schon längere Zeit aufgefallen ist, was ich aber nicht verstehe, und Rudolf, ich meine, Ihr Onkel, hat mir dabei geholfen.« In seinen Ohren hörte sich das sowohl unverständlich als auch altklug an. »Was ist dir denn aufgefallen?«, fragte er weiter. Sie hob den Kopf und sah ihm ins Gesicht. Dann lächelte sie. Ein bezauberndes Lächeln. Ein anrührendes. Auf einmal wirkte sie wie jemand nicht von dieser Welt. Schließlich erwiderte sie: »Bitte nicht böse sein, aber das würden Sie auf Anhieb vermutlich nicht verstehen. Ich versteh’s ja selbst noch nicht so richtig.«
Kurz bevor sie die Schleuse erreichten, sah sich Paul um und entdeckte ein Stück weiter oben jemanden, den er auch erst vor kurzem kennengelernt hatte. Nora Weißengerber. Sie sah zu ihnen herab und hob die Hand, wie zu einem Gruß. Er fragte sich, was sie wollte, und kam zum Schluss, dass es schlicht und einfach Neugier war. Ohne auf ihre Geste zu reagieren, wandte er sich wieder der Schleuse zu. Sie hätten die Maske aufsetzen müssen, da laut Anzeige immer noch hohe Belastung herrschte. Allerdings dachte Manou offenbar gar nicht daran. Sie spazierte einfach hinaus ins Freie, und die Schleuse ließ sie kommentarlos passieren. So etwas hatte Paul noch nicht erlebt. Er selbst hatte sich natürlich seine Maske aufgesetzt und überlegte, ob er sie nicht daran erinnern sollte, die ihre aufzusetzen, aber das Mädchen war bereits losgegangen, also blieb ihm nichts weiter übrig, als ihr rasch zu folgen. Und natürlich war er besorgt um sie. Zudem hoffte er, dass sie nicht gerade jetzt jemand über eine der Überwachungskameras beobachtete, denn dann wäre er selbst ebenfalls betroffen. Manou war minderjährig, und er war ihr erwachsener Begleiter, daher für sie und ihr Wohlergehen verantwortlich. Im Zweifelsfall hätte er ihr die Maske gewaltsam überstreifen müssen, was ihm angesichts ihrer sehr verschiedenen Körpermaße vermutlich sogar gelungen wäre. Dennoch verzichtete er darauf und nahm somit in Kauf, im Zweifelsfall etliche SCPs zu verlieren, falls man ihn doch erwischte oder meldete. Im Weitergehen konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Manou darauf wartete, dass er etwas sagte, und offenbar ebenso wie er selbst überrascht davon war, dass er es nicht tat. Drüben, auf der anderen Straßenseite, wartete tatsächlich die Gang. Alle fünf waren versammelt. Allerdings schlichen sie sich jetzt davon. Wahrscheinlich enttäuscht, weil ihr potenzielles Opfer von jemandem begleitet wurde, an den sie sich nicht herantrauten. Noch nicht.
Weil ihm das Schweigen zu lange dauerte, wandte er sich erneut mit einer Frage an Manou. »Wie lange gehst du eigentlich schon zu meinem Onkel?« Nach einem Moment des Überlegens erwiderte sie: »Das sind jetzt ziemlich genau zwei Jahre. Seitdem wir ihn in der Schule in Mathe bekommen hatten. Also, natürlich nicht sofort, aber bald danach. Das hat sich halt so ergeben. Ich habe ihn mal gefragt, ob er mir bei etwas weiterhelfen könnte, bei dem ich nicht weiterkam. Das fand er toll. Er hat gemeint, das müssten wir mal genauer besprechen, und ich bin dann einfach zu ihm hingegangen. Er war ziemlich überrascht, als ich vor seiner Tür aufgetaucht bin. Schließlich sollte eigentlich niemand ins Haus kommen, der nicht dort hineingehörte oder zumindest als Besucher einprogrammiert ist, nicht? Er hat mich aber trotzdem reingelassen. Ja, das ist jetzt ziemlich genau zwei Jahre her.« Sie sah zu Paul auf und lächelte. Wieder dieses Lächeln, das ihr auf einmal eine seltsame Aura zu verleihen schien. Als ob sie wesentlich älter wäre, wissender.
Um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, sagte er: »Er hat ziemlich viel von dir gehalten, weißt du? ›Diese Manou‹, hat er manchmal gesagt. ›Diese Manou, die hat ganz schön was im Köpfchen‹.« Er bedachte sie seinerseits mit einem Lächeln, obwohl sie es unter seiner Maske gar nicht sehen konnte. Vielleicht hörte sie es. »Übrigens, der Name, der hat mir gleich von vorherein echt gefallen. Nicht so was Modisches wie Darya oder Aischa oder wie sie alle heute heißen.« Oder Greta und Angela, setzte er in Gedanken hinzu. Oder Balca und Aylin, wie seine eigenen Töchter. Emma war es gedankt. »Manou. Nachname Schneider, nicht wahr?«
»Schnei-därr«, verbesserte sie ihn grinsend. »Betonung auf der zweiten Silbe. Als ob es Französisch wäre. Meine Eltern legen sehr viel Wert darauf.« Jetzt lachte sie, und das Lachen klang ganz normal, wie halt ein vierzehnjähriges Mädchen lachte. »Sie sind irgendwie in Frankreich vernarrt. Wir fliegen jedes Jahr mindestens einmal nach Südfrankreich in so ein kleines Kaff. Da haben wir ein Ferienhaus. Direkt am Meer.« Sie hielt kurz inne und fuhr fort: »Wahrscheinlich haben sie mich deswegen Manou genannt.«
»Manou Schnei-därr«, wiederholte er und lachte ebenfalls. Manou hatte ein ansteckendes Lachen. Überhaupt wirkte sie im Moment wieder wie ein knapp vor der Pubertät stehendes Mädchen. Fast ein wenig unschuldig. Wahrscheinlich war sie es sogar. Sie erweckte auch nicht den Eindruck, dass sie sich schon mal damit beschäftigt hätte, sich zu überlegen, ob sie auch das richtige Geschlecht hatte. Seine ältere Tochter, Aylin, hatte tatsächlich einige Zeit einen Jungen gespielt. Ein halbes Jahr so getan, als ob sie ein Junge namens Magnus war. Was in seinen Augen daran lag, dass sie in der Tagesstätte, in die sie ging, für einen Jungen dieses Namens schwärmte. Seine Frau hatte das natürlich völlig anders gesehen. »Wer weiß, vielleicht ist sie im Innern wirklich ein Junge«, hatte sie gesagt und Aylin tatkräftig unterstützt. Unterstützen wollen. Was zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihm und ihr geführt hatte. Inzwischen war Aylin allerdings wieder Aylin, und das war zumindest ihm lieber so. Seine Frau war allerdings tief enttäuscht gewesen, als ihre Tochter eines Tages wieder ein Mädchen sein wollte. Wahrscheinlich, weil ihr Schwarm Magnus die Tagesstätte verlassen hatte.
»Also, Frau Schnei-därr, was genau habt ihr gemacht, wenn du meinen Onkel besucht hast?«
»Wir haben viel über meine Forschung gesprochen, meine Entdeckung«, erwiderte sie. »Aber nicht nur. Rudolf hat mir auch sonst unheimlich viel beigebracht. Besonders fasziniert hat mich zum Beispiel der Kanal von diesem Professor Dickopp, wissen Sie, diese Vorträge über die Entstehung des Weltalls und die neuesten Forschungsergebnisse dazu. Die haben wir uns immer zusammen angesehen. Wollten wir eigentlich heute Vormittag auch. Deswegen bin ich ja gekommen. Die müssen Sie sich unbedingt auch mal ansehen. Also, die dauern immer so etwa eine Dreiviertelstunde, und anschließend hat mir Rudolf meine Fragen beantwortet. Meistens, jedenfalls.« Sie grinste wieder. »Ab und zu hat auch er nicht mehr weitergewusst. Dann hat er immer gesagt: ›Beim nächsten Mal, meine kleine bunte Maus‹. Er hat mich immer ›kleine bunte Maus‹ genannt, zumindest bei sich zuhause. Finde ich witzig. In der Schule war ich natürlich Manou. Manou Schnei-därr. Er hat den Namen immer richtig ausgesprochen.« Paul musste unwillkürlich ebenfalls grinsen. ›Kleine bunte Maus‹. Das traf es genau.
Je länger sie so gingen und über das eine oder andere plauderten, zum Beispiel über Manous musikalische Vorliebe für das Ungewohnte, das Unbekannte, womöglich noch nie Gehörte, desto netter fand Paul seine Begleiterin. Oder auch ihre Vorliebe für lange Spaziergänge irgendwohin, mal durch die Stadt, mal hinaus aufs Land. »Ich geh einfach gern nur so los.« Dass sie nicht bloß das altkluge Wunderkind war, hatte er schon in der Wohnung seines Onkels bemerkt. Auf einmal blieb sie stehen. »Sehen Sie da drüben dieses Haus da?« Sie zeigte über die Straße auf ein Gebäude, das eigentlich gar nicht in diese Gegend passte. Etwas heruntergekommen wirkte es. Ein Eindruck, den die vielen modernen Wohnblocks rundum noch verstärkten. Energiesparende Hochhausblocks. Schließlich war dies hier eines der Vorzeigeviertel von Buchenfurt. »Da ist Ihr Onkel häufig reingegangen. Er hat mich fast immer bis hierher begleitet, genau wie Sie jetzt. Ab hier bin ich dann allein weiter. Was er da gemacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht heimlich Bier getrunken?« Sie kicherte, mal wieder ganz das pubertierende Mädchen. Paul hatte das Haus bisher nicht weiter beachtet, wenn er zu seinem Onkel gegangen war. Er hatte sich lediglich darüber gewundert, dass es überhaupt noch stand. Aber nach Manous Bemerkung nahm er sich vor, auf dem Rückweg zur Wohnung seines Onkels einmal kurz hineinzuschauen, falls möglich. »Sie können übrigens ruhig schon umkehren«, hörte er das Mädchen neben sich sagen. »Ich hab’s wirklich nicht mehr weit. Sehen Sie? Da drüben, der dritte Block, da ist unsere Stadtwohnung. Ganz oben. Tolle Aussicht.« Paul zögerte. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, sie allein weitergehen zu lassen. Auch wenn auf der Straße weit und breit niemand zu sehen war. Daher entschloss er sich, sie bis zur Schleuse ihres Wohnblocks zu begleiten. »Ist mir lieber so«, erklärte er und ging zusammen mit ihr die letzten paar Meter. Bevor sich die Schleusentür öffnete, wandte sich Manou noch einmal zu Paul um und fragte: »Also, Sie sagen mir Bescheid, wenn Sie etwas über Robert, ich meine, Herrn Schlegel, erfahren, ja?« Sie hielt kurz inne und fügte ein wenig verlegen hinzu: »Außerdem würde ich mich gern mit Ihnen mal wieder treffen.« Überrascht erwiderte er: »Natürlich, wenn du möchtest. Du wolltest mir sowieso noch erzählen, was du da forschst und entdeckt hast. Und wobei dir mein Onkel geholfen hat. Ruf mich einfach an.« Sie nickte nur und war gleich darauf durch die Schleuse verschwunden, die sich auch hier problemlos öffnete, obwohl doch eine so hohe Belastung herrschte und Manou keine Maske trug. Kopfschüttelnd trat Paul den Rückweg zur Wohnung seines Onkels an.
(31. März/1. April)
