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Es ist das Jahr 1980. Der Chemiestudent Gregor Engel liegt schwer verletzt im Klinikum Aachen. Seiner eigenen Erzählung zufolge hat er seine schweren Verletzungen in einem Forschungsinstitut in Nazareth, Belgien, erlitten. Dieses Institut wird beziehungsweise wurde von einer Geheimgesellschaft betrieben, den »Kanaanitern«, denen es darum geht, »das Überleben der Menschheit zu sichern«. Auf das Institut hat jedoch ein Kommilitone und enger Freund Gregors ein Bombenattentat verübt, wobei es völlig zerstört wurde. Gregor konnte dem Tod dabei nur sehr knapp entkommen.
Das Problem ist jedoch: Alle Menschen in seiner Umgebung behaupten, er sei gar nicht in Nazareth gewesen, sondern von einem Auto überfahren und dabei so schwer verletzt worden, dass er wochenlang im Koma gelegen habe. Also habe er sich die Geschichte mit Nazareth bloß zusammenfantasiert.
Offen bleibt, wer nun recht hat …
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Alfons Winkelmann
Nebel über Nazareth
Roman
Neuausgabe
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Verlag: Xeban-Verlag: Kerstin Peschel, Am Wald 67, 14656 Brieselang; [email protected]
Lizenzgeber: Edition Bärenklau / Jörg Martin Munsonius
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Cover: © Copyright by Kathrin Peschel nach Motiven, 2024
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Nebel über Nazareth
1 – Schrecken
2 – Vergangenheit
3 – Studium
4 – Zweifel
5 – Zusammenbruch
6 – Dunst
7 – Aufgenommen
8 – Arbeit
9 – Erfolg
10 – Offenbarung
11 – Held
12 – Albtraum
13 – Verrat
14 – Entkommen
15 – Genesung
16 – Zukunft
Von Alfons Winkelmann sind weitere Romane erhältlich oder befinden sich in Vorbereitung
Es ist das Jahr 1980. Der Chemiestudent Gregor Engel liegt schwer verletzt im Klinikum Aachen. Seiner eigenen Erzählung zufolge hat er seine schweren Verletzungen in einem Forschungsinstitut in Nazareth, Belgien, erlitten. Dieses Institut wird beziehungsweise wurde von einer Geheimgesellschaft betrieben, den »Kanaanitern«, denen es darum geht, »das Überleben der Menschheit zu sichern«. Auf das Institut hat jedoch ein Kommilitone und enger Freund Gregors ein Bombenattentat verübt, wobei es völlig zerstört wurde. Gregor konnte dem Tod dabei nur sehr knapp entkommen.
Das Problem ist jedoch: Alle Menschen in seiner Umgebung behaupten, er sei gar nicht in Nazareth gewesen, sondern von einem Auto überfahren und dabei so schwer verletzt worden, dass er wochenlang im Koma gelegen habe. Also habe er sich die Geschichte mit Nazareth bloß zusammenfantasiert.
Offen bleibt, wer nun recht hat …
***
von Alfons Winkelmann
Am Anfang war es wie im Traum, wenn man daliegt und auf einmal glaubt, hellwach zu sein. Ich lag auf einem Bett, blickte zu einer weiß gestrichenen Zimmerdecke etwa zwei Meter über mir empor und dachte zunächst nicht daran, irgendeine meiner Gliedmaßen zu bewegen. Denn jetzt so hellwach dazuliegen war eine Befreiung, ein Loslösen aus etwas, das mich bis dahin umklammert gehalten hatte, das mich in Erstarrung gehalten hatte, und so genoss ich es, völlig entspannt dazuliegen und der Stille zu lauschen.
Irgendwann erst bemerkte ich die beiden Lampen, deren Licht mir in die Augen fiel. Es war ein gedämpftes Licht wie draußen, wenn der Nebel herrschte und die Sonne nicht frei vom Himmel schien. Es war ein Licht, wie ich es gut kannte, obwohl mir im Augenblick nicht einfallen wollte, woher ich es kannte. Dennoch reichte es aus, dass ich meine Umgebung mehr als deutlich zu sehen vermochte. Ein Zimmer – nicht das meine in der Kasinostraße – mit weiß gestrichenen Wänden, einem von einer Jalousie bedeckten Glasfenster links, irgendwelchen Apparaten rechts von mir, auf denen es blinkte und blitzte, und ein heller Punkt, der eine schwache Linie nach sich zog, lief über einen dunklen Bildschirm. In regelmäßigen Abständen zuckte der Punkt hoch und fiel gleich darauf wieder herab, und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte. Dann geschah eine Zeit lang weiter gar nichts, als dass ich weiterhin da lag und schaute und schaute und schaute, ohne jedes Bewusstsein davon, dass es außer der weißen Decke und dem gedämpften Licht und den Apparaten um mich herum noch etwas geben mochte. Ich war Zentrum der Welt, ein und alles, fühlte nichts, sondern sah nur in der Stille. Reglos.
Ganz allmählich nur, kaum dass ich es recht wollte, tauchte etwas anderes auf. Zunächst lediglich unbestimmte, formlose Dinge und Gestalten, die ich nicht zuordnen konnte. Farben, Gerüche, Klänge, ja, jetzt hörte ich auch etwas, neben meinen eigenen Atemzügen ein Piepen, ein regelmäßiges Piepen, das immer lauter wurde. Anfangs versuchte ich, mich gegen diese Dinge zu wehren, ich wollte nicht gestört sein in meiner Ruhe. Dann jedoch wurden diese Dinge mächtiger, sie ließen sich nicht mehr zurückdrängen, ganz, als führten sie ein Eigenleben, hätten eigenen Willen. Kurze Zeit geriet ich in Panik, wollte um mich schlagen und bemerkte, dass ich mich tatsächlich nicht bewegen konnte. Also doch ein Traum, ein Albtraum?
Schließlich erkannte ich einige der Dinge, und die Panik ebbte ab. Einen langen Korridor mit vielen Türen, ein stetiges Summen, ein Zimmer mit einem großen Schrank, ein Bett mit einem Holzkreuz darüber, an dem ein vergoldeter Heiland hing. Eine Kutsche. Getrappel eines Pferds. Ein Klassenzimmer, und hier schien die Sonne hell und freundlich herein, Kreide quietschte über die Tafel. Ein starr ruhender See, und auch darauf fiel helles Sonnenlicht. Ein Mann in Uniform, der vor mir stand. Irgendwann bemerkte ich, dass diese Dinge etwas mit mir zu tun haben mussten, dass sie zu mir gehörten, aber ich wusste sie nicht einzuordnen, zu sortieren. Es war, als ginge ich in einer Rumpelkammer umher, wo alles ungeordnet über- und untereinander lag. Alles war verschwommen, und obwohl es zu mir gehörte, entwand es sich meinem Griff, wollte sich nicht fassen lassen. Ein Tisch mit einer hellen Resopal-Beschichtung und einem Stuhl davor. Ein mächtiger Kachelofen, der eine freundliche Wärme verströmte. Der Geruch nach Suppe, und mir lief das Wasser im Mund zusammen, weil mir jäh auffiel, dass ich hungrig war. All diese Dinge verschwanden jedoch ganz rasch wieder, um von anderen Dingen ersetzt zu werden. Das Gesicht einer Frau, die sich über mich beugte. Die Frau hatte graues, struppiges Haar. Ein Schulheft, und jemand schrieb in dieses Heft, eine ungelenke Kinderhand. Jetzt ertönte ein Rumpeln und Donnern, ich schaukelte, als säße ich in einer Straßenbahn, die über ausgeschlagene Schienen fuhr.
Da verspürte ich zum ersten Mal Angst.
Eine gleichfalls noch unbestimmte Angst, deren Ursache ich nicht zu ergründen vermochte. Dann flüsterte mir eine dunkle Frauenstimme Worte ins Ohr, und die Angst schwand wieder, zog sich ins Dunkel zurück. Ich wusste jedoch, dass die Angst weiterhin dort lauerte, dass sie jederzeit zurückkehren konnte – aber nicht, solange die Stimme weiter Worte flüsterte. Es machte nichts, dass ich die Worte nicht verstand. Es machte auch nichts, dass mir selbst keine Worte einfielen, dass ich stumm blieb. Denn die Worte waren wie warmer Schnee, der mich einhüllte, der mich schläfrig machte, der mich die Ruhe zurückfinden ließ.
Wieder geschah lange Zeit nichts.
Da schreckte ich aus der Ruhe hoch und schrie laut, schrie laut auf, dass ich vor der eigenen Stimme erschrak. Eine Flammenzunge hatte nach mir geleckt, und ich hatte ihr gerade noch ausweichen können. Eine gewaltige Explosion rüttelte mich. Ich schrie und schrie, und niemand war da, der mir half. Ich versuchte zu rennen, aber die Beine waren so schwer, und ich kam nur so langsam von der Stelle. Erneut eine grelle Flammenzunge – warum war denn da niemand, der mich davor rettete? Man musste doch sehen, dass ich nicht imstande war zu laufen!
Nun sagte jemand ganz klar und deutlich: »Sei ruhig, Gregor, du träumst nur!«
War’s dieselbe Frau, die mir auch das erste Mal die beruhigenden Worte ins Ohr geflüstert hatte? Ich konnte es nicht erkennen, aber mir wurde bewusst, dass es noch etwas anderes gab als die schrecklichen Dinge um mich herum. Dass es einen Unterschied gab zwischen Traum und jenem Zustand, in dem sich die Frau offenbar befand. Und jenem Zustand, den nun auch ich wieder erlangen wollte.
Aber die großen Dinge, wie ich jene unbestimmten Schemen und Gestalten nannte, wollten das noch nicht zulassen. Sie stürmten heran, umklammerten mich, hielten mich fest. Sie zerrten mich in das Dunkel, wo die Angst lauerte, und diesmal gab es keine Stimme, die mich zurückholte. Und diesmal fand ich keine Kraft zum Schreien.
In diesem Dunkel jedoch war nicht mehr die Angst. Dort war etwas Lebendiges, etwas Warmes, das offenbar auf mich gewartet hatte, denn es begrüßte mich mit wortloser Freude. Ich kuschelte mich an dieses Wesen – wenn es denn eines war –, und mir wurde klar, dass dies hier kein Traum war, sondern die Wirklichkeit. Nicht das Wachen, das auch nicht. Etwas viel Wirklicheres als das Wachen, etwas, das viel mehr zu mir gehörte als das Zimmer, welches ich beim Erwachen gesehen hatte. Noch begriff ich nicht, was es war. Es war einfach – und das reichte aus. Und es sollte immer sein, keinen anderen Wunsch hatte ich. Dieses Lebendige, Warme war mit mir in völligem Einklang, reine Harmonie.
Auch diesmal wusste ich nicht, wie lange dieser Zustand der völligen Geborgenheit währte.
Ich wusste nur, dass das Lebendige, Warme immer deutlicher Gestalt annahm, immer klarere Konturen aufwies. Es formte sich zu etwas, das ich war und zugleich es selbst. Es löste sich von mir, und dennoch blieben wir beisammen, blieben eins. Wie ein gemeinsames Größerwerden, Wachsen, und alles in mir kribbelte vor Freude. Hatte ich bislang die Augen niedergeschlagen, so erhob ich nun den Blick und sah der anderen Wesenheit ins Gesicht.
Und merkte, dass sie mich getäuscht hatte. Die andere Wesenheit war die nackte Angst, das Entsetzen, das sich unter der Maske der Geborgenheit getarnt hatte. Ich hörte ein schrilles Piepen, ein wahnsinniges, anschwellendes Kreischen. Schließlich verspürte ich einen heftigen Stich und fiel in die Schwärze zurück.
*
Am Anfang kam ich übergangslos vom Zustand des Nicht-Bewusstseins ins Bewusstsein. Dass ich die Augen aufgeschlagen hatte, ich hatte es nicht bemerkt. Zwei Männer und eine Frau, alle in Weiß gekleidet, standen neben meinem Bett und blickten mir ins Gesicht. »Endlich«, sagte der ältere der beiden Männer. Der andere Mann und die Frau seufzten hörbar erleichtert auf.
Der ältere Mann beugte sich über mich. »Können Sie mich verstehen?« Ich fühlte mich zu schwach zum Sprechen, zumal mein ganzer Körper schmerzte und die Kieferknochen sich so anfühlten, als könnte ich sie nicht bewegen. Daher nickte ich bloß, obgleich ich auch jetzt das Gefühl hatte, dass das Nicken nicht zu erkennen gewesen war, weil mein Kopf gleichfalls völlig unbeweglich war. Der Mann über mir musste jedoch bemerkt haben, dass ich ihn verstanden hatte. Sein Gesicht entfernte sich, er wandte sich den beiden anderen im Zimmer zu. Als der jüngere der Männer auf mich zutrat, war die Überraschung stärker als jeder Schmerz. »Du!«, brachte ich mühsam hervor.
Auch der Mann war sichtlich überrascht. Er hatte also verstanden, was ich gesagt hatte. »Nicht sprechen!«, sagte er schließlich und legte mir die Hand auf den Arm. O, wie gut ich diese Geste kannte! Sie war nicht nur deshalb so beruhigend, weil der gute Wille dahintergestanden hatte, mich zu beruhigen. Sie war vor allem deshalb so beruhigend, weil ich nun plötzlich wusste, was da in meinen Gedanken gebrodelt hatte, sich nicht recht hatte zusammenfinden wollen. Nun fügte sich alles nahtlos ineinander, wurde deutlich, klar, ich sah es, und es gehörte mir, es war ich.
»Wir lassen Sie jetzt in Ruhe«, sagte der jüngere Mann. »Wir kommen nachher zurück und untersuchen Sie«, und an die Frau gerichtet, fügte er leise hinzu, jedoch so, dass ich’s verstehen konnte, obgleich es vermutlich nicht für meine Ohren gedacht war: »Seien Sie behutsam. Er ist zwar endlich wieder wach, aber sein Zustand ist immer noch ziemlich kritisch.« Die Frau nickte, und die beiden Männer verließen den Raum, nachdem sie sich kurz um die durchsichtigen Behälter gekümmert hatten, die neben meinem Bett standen und von denen Schläuche unter die Verbände liefen, die ich plötzlich überall an mir entdeckte.
»Hat man eine Hauttransplantation durchführen müssen?«, krächzte ich hervor, und die Frau, natürlich eine Krankenschwester, dachte ich, sah mich an, als hätte sie meine Frage nicht verstanden. Ich wiederholte die Frage, und die Frau schüttelte sichtlich verwundert den Kopf, ehe sie die Worte des jüngeren Mannes wiederholte: »Nicht sprechen, Gregor!« Da bemerkte ich, dass diese Frau meine Tante war. Das weiße Häubchen und der Mundschutz hatten ihre Gesichtszüge verborgen, und erst der Klang dieser dunklen Stimme hatte in mir die Erinnerung geweckt. Die Tante setzte sich auf die Bettkante und strich mir übers Gesicht. »Armer Junge!«, sagte sie dabei, und ich wusste nicht, wovon ich mehr überrascht sein sollte: Dass meine Tante hier war, oder dass sie mich so zärtlich behandelte. Das war schließlich niemals ihre Art gewesen. »Armer, armer Junge«, wiederholte sie und sagte schließlich: »Aber meine Gebete sind erhört worden, Gott hat dich errettet. Dafür solltest du ihm dankbar sein!« So kannte ich sie, so hatte sie stets mit mir geredet. Ich schloss die Augen, während sie mir mit leiser Stimme Dinge zu erzählen begann, die ich nicht zu glauben vermochte. Ich sei vor dem Aachener Hauptbahnhof von einem Auto angefahren worden, sagte sie mir. Am Freitag, dem 22. August.
Wenn ich nicht so schwach gewesen wäre, hätte ich ihr widersprechen können, hätte ihr sagen können, dass das gar nicht möglich war. Denn am Samstag, dem 23. August, war ich nach Brügge gefahren und hatte am Abend zuvor, um mir die Zeit bis zur Abfahrt etwas zu verkürzen, im Aachener Stadttheater die Generalprobe eines Theaterstücks gesehen. Das wusste ich deshalb so genau, weil ich mir an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben ein Schauspiel angesehen hatte. Nebel im Sommer, wenn ich mich recht erinnerte. Aber ich war mir sicher, dass mein Widerspruch nichts genutzt hätte, dass sie ihn wie immer mit einer einzigen Handbewegung beiseite gewischt hätte, die besagte: ›Was weißt denn du!‹.
Sie erzählte mir weiter, dass man ihr sofort Bescheid gegeben habe, dass sie jedoch nicht sofort habe kommen können, weil sie mitten in den Vorbereitungen für das Stadtteilfest der Kirchengemeinde gesteckt habe. Sie sei jedoch einige Tage nach dem Unfall gekommen, und als sie mich da im Koma habe liegen sehen, da habe sie sofort zu Gott gebetet, dass ich wieder gesund werden möge. Oftmals habe sie so wie jetzt an meinem Bett gesessen und zu mir gesprochen, ich habe jedoch nie reagiert. Aber jetzt sei ja alles gut, jetzt habe Gott ihre inbrünstigen Gebete endlich erhört. Irgendwann konnte ich nicht mehr zuhören. Denn ich wusste jetzt, dass sie die Unwahrheit sprach. Natürlich hatte man ihr sofort Bescheid gegeben – aber man hatte sie auch eingeweiht, daher die Geschichte, dass sie angeblich nicht sofort habe kommen können. Das sah meiner Tante nämlich überhaupt nicht ähnlich. Sie hätte alles, wirklich alles, stehen und liegen gelassen, wenn man sie gerufen hätte.
Ich schloss die Augen, und sie hörte sofort auf, ihren Unsinn zu erzählen. Sie stand auf und sagte: »Natürlich, du bist ja noch völlig erschöpft. Schlaf’ ruhig weiter, Gregor, ich will dich nicht stören. Ich sage den Ärzten Bescheid, dass du wieder schläfst. Ich werde weiterhin jeden Tag kommen und nach dir schauen. Ich wohne so lange in deinem Zimmer in der Kasinostraße.« Damit verließ sie das Zimmer, und ich atmete erleichtert auf. Ihre Anwesenheit hatte etwas Erdrückendes an sich, das sich mir wie ein Alb auf die Brust gelegt hatte. Ich atmete wieder leicht und frei, nachdem sie verschwunden war.
Die Verletzungen, die ich auf meiner wilden Flucht aus dem brennenden Gebäude erlitten hatte, waren offensichtlich zwar sehr schwer, aber die Verbrennungen mussten sich wohl doch in Grenzen gehalten haben. Vorausgesetzt, meine Tante hatte meine Worte richtig verstanden. Aus irgendwelchen Gründen war das für mich ungeheuer erleichternd. Was mich jedoch völlig ratlos sein ließ, war seine Anwesenheit hier. Ich wusste, dass er kein Arzt war. Er war Chemiker, genau wie ich, und verstand von Medizin ebenso viel oder wenig wie ich. Weshalb war er dann als Arzt aufgetreten und von den anderen auch als solcher behandelt worden? Ich musste ihn unbedingt danach fragen, wenn er einmal allein bei mir auftauchte – dass er das mit Sicherheit täte, daran zweifelte ich nicht eine einzige Sekunde. Zu viel hatten wir gemeinsam erlebt, und zu viel hatten wir auch noch zu tun, als dass wir uns wie zwei Fremde begegnen konnten.
Es konnte natürlich auch sein, dass die Kanaaniter etwas ganz Bestimmtes dabei bezweckten, ihn hier als Arzt auftreten zu lassen. Es war ja durchaus möglich, dass sie ihm, während ich im Koma gelegen hatte, im Schnellverfahren zumindest das Nötigste beigebracht hatten – was wusste ich denn trotz allem von den Möglichkeiten der Kanaaniter! Vielleicht sollte er mich bewachen, darauf achten, dass mir nichts zustieße. Klar, das wäre nur logisch. Dass unsere Gegner zu vielem fähig waren, das hatten sie ja dort eindeutig bewiesen. Allerdings konnte das bedeuten, dass Hanno gleichfalls überlebt hatte.
Beim Gedanken an Hanno wallte wieder jene Angst in mir auf, die mir zuvor schon begegnet war. Diesmal jedoch nicht mehr so heftig, dass sie mich in die Dunkelheit zurückschleuderte. Natürlich wusste ich nicht, ob der Waffenstillstand zwischen uns beiden, den wir ganz kurz vor dem Ende geschlossen hatten, noch galt. Was wiederum dafür spräche, dass man Rein zu meiner Bewachung hierher versetzt hatte.
Es war einfach zu viel.
Zu schwach war ich, um mir alles bis ins Letzte zusammenreimen zu können. Ich musste die Tatsachen erst einmal hinnehmen, aber ich nahm mir auch vor, zumindest den Versuch zu unternehmen herauszufinden, warum alles geschah, wie’s jetzt geschah. So lag ich da, ließ den Blick umherschweifen, sah aus dem Fenster, das ich vor mir in der Wand entdeckt hatte, auf graue und weiße Wolkenfetzen, die eilig dahintrieben und zwischendrin immer wieder den wie verwaschen aussehenden blauen Himmel durchscheinen ließen. Abgesehen von einem leisen Surren, das offenbar von den vielen Apparaturen neben mir stammte, und dem gleichmäßigen Piepen, war’s im Raum völlig still. Die Leuchtziffern und Linien auf den Apparaten sagten mir nichts, obwohl sie offensichtlich irgendetwas mit meinem Zustand zu tun hatten.
Die Tür öffnete sich, und Reinder trat ins Zimmer. Er zog den Stuhl von dem Tisch meinem Bett gegenüber heran und ließ sich darauf nieder. »Die Werte sehen ganz gut aus«, sagte er, nachdem er einen kurzen Blick auf die Apparaturen geworden hatte. »Wir werden Sie bald davon erlösen können«, fuhr er fort, wobei er auf die Schläuche wies. »Die übrigen Verletzungen sind schon ziemlich gut ausgeheilt, in ein paar Tagen können wir die letzten Verbände entfernen, und dann kommen Sie auch von der Intensivstation herunter.« Es war ganz klar, dass er mich aufmuntern wollte, und irgendwie hörte ich zwischen den Worten heraus, dass ich schweigen sollte – schweigen über das, was geschehen war. Aber ich konnte nicht schweigen. »Wie bist du eigentlich da ’rausgekommen?«, fragte ich.
Er sah mich wiederum überrascht an. »Wo?«
Einen kurzen Moment lang verzweifelte ich. Wenn ich es nicht so genau gewusst hätte! Seine Überraschung schien so echt, so aufrichtig! Nein, etwas anderes musste die Ursache dafür sein, dass er so tat, als wüsste er von nichts. Dennoch drängte es mich zum Reden. »Aus Nazareth, natürlich. Aus dem Institut. Ich hätte nicht geglaubt, dass da noch jemand außer uns beiden, Hanno und mir, meine ich, lebendig ’rauskommen konnte.«
Als ich Hanno erwähnte, fuhr er zusammen. Eindeutig. Dann jedoch warf er einen besorgten Blick auf die Apparaturen. An den Zahlen dort hatte sich nichts geändert, was ihn offensichtlich beruhigte. Allenfalls die Pieptöne folgten jetzt etwas rascher hintereinander. »Sie dürfen nicht so viel sprechen«, sagte er, sich wieder an mich wendend. »Sie sind trotz allem noch sehr schwach. Vor allem dürfen Sie sich nicht aufregen.« Sein Blick barg etwas Flehendes, und ich sah ein, dass ich jetzt nichts aus ihm herausbekäme. Vielleicht stand er ja auch seinerseits unter Überwachung, vielleicht waren unsere Gegner ja gar nicht sehr weit entfernt. Ich nickte. »Aber eines kannst du mir doch ruhig sagen«, meinte ich daher, und jetzt nickte er. »Waren die Verbrennungen eigentlich sehr schlimm? Und was war mit der Strahlung?«
»Verbrennungen? Strahlung?« Erneuter Blick zu den Apparaturen. »Sie hatten ein Polytrauma, also eine Menge komplizierter Knochenbrüche, intrakranielle Blutungen und eine Kieferfraktur. Wie es jedoch aussieht, haben Sie eine robuste Natur. Nicht jeder hätte einen solchen Unfall überstanden.«
»Keine Verbrennungen?« Er log. Mit diesen Worten hatte er sich entlarvt. Ich musste Verbrennungen gehabt haben, das war sogar mir als völligen medizinischen Laien klar. Er log, vermutlich aus den besten Absichten heraus, aber es verstimmte mich. In Nazareth hatten wir einander nie angelogen. Jetzt legte er mir wieder mit dieser Geste die Hand auf den Arm. »Versuchen Sie, noch ein bisschen zu schlafen. Die Untersuchungen führen wir dann nachher durch, wenn Sie aufgewacht sind. In ein paar Tagen können Sie versuchen aufzustehen. Dann wird sich unsere Physiotherapeutin um Sie kümmern, damit Sie möglichst rasch wieder laufen können. Bis dahin sollten Sie versuchen, an möglichst angenehme Dinge zu denken. Neben ihrem Kissen befindet sich ein Knopf für das hauseigene Radio. Vielleicht möchten Sie ja Musik hören. Wenn Sie ein wenig kräftiger geworden sind, können wir uns über diese Dinge, von denen Sie gerade gesprochen haben, in aller Ruhe einmal unterhalten. Auf Wiedersehen!«
Nein, er hatte mich nicht täuschen können. Die anderen hier, vermutlich, die konnte er täuschen. Ihnen konnte er eine Rolle vorspielen, die glaubhaft genug war. Für mich jedoch waren die Hinweise nur allzu deutlich, die zwischen den ausgesprochenen Worten gelegen hatten. Insofern war er erfolgreich: Es gelang mir tatsächlich, an angenehme Dinge zu denken, und ich folgte tatsächlich seinem Ratschlag und stellte das Radio an. Leise Musik ertönte, bei der ich bald in Schlaf fiel.
Sollte ich jemals einen Bericht über die Ereignisse in Nazareth schreiben, so werde ich wohl ein wenig aus meiner Biografie hinzufügen – denn dass ich dort mit den Kanaanitern in Berührung gekommen bin, ist wohl am Ende doch einer Verkettung bestimmter Umstände zuzuschreiben, von der ich mittlerweile nicht mehr weiß, ob sie rein zufällig gewesen ist. Nun neige ich bestimmt nicht dazu, mystische Zusammenhänge da zu sehen, wo keine zu finden sind, das hat mich spätestens das Chemiestudium gelehrt. Aber auch in den Naturwissenschaften gibt es unabänderliche Kausalketten, und wenn man bei einem Versuch bestimmte Rahmenbedingungen vorlegt, so wird man am Ende mit völliger Sicherheit ein Produkt – oder mehrere in ganz bestimmtem Verhältnis zueinander stehende Produkte – erhalten. In meinem Fall haben, mit anderen Worten, ebenfalls ganz bestimmte Rahmenbedingungen vorgelegen, und die würde ich in einem derartigen Bericht zumindest anskizzieren wollen.
Mein Name ist Gregor Engel, und ich wurde am 4. April des Jahres 1954 geboren. Mein Vater, Josef Engel, Jahrgang 1923, war im Spätsommer des Jahres 1952 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Aufgenommen hatte ihn seine ältere Schwester Gerda, meine Tante, die damals in dem kleinen Ort Waldorf bei Ludwigshafen lebte. Er und meine im Jahre 1933 geborene Mutter Maria lernten einander im folgenden Jahr kennen, als mein Vater, wie er es mir viele Jahre später einmal erzählte, in seine Heimatstadt Düren zurückkehrte, »auf der Suche nach seiner Vergangenheit«. Düren war im Krieg schwer zerstört worden, und mein Vater war in der Stadt, vielmehr in dem, was davon noch übrig war, umhergeirrt und hatte nichts mehr von seinen Erinnerungen vorgefunden. Nur mit viel Mühe und Not habe er, so erzählte er, die Straße wiedererkannt, in der aufgewachsen war, und er sei angesichts der zerstörten Umgebung tatsächlich in Tränen ausgebrochen. Da sei eine junge Frau auf ihn zugetreten und habe ihn nach der Ursache seines Kummers gefragt. Und er habe erfahren, dass es ihr ähnlich ergangen war wie ihm. Es habe sie in den Kriegswirren und vor allem in der schrecklichen Zeit danach in eine völlig andere Gegend Deutschlands verschlagen, und auch sie finde nun nichts mehr von dem vor, was sie – wenn auch nur noch schwach – in Erinnerung habe.
Was weiter geschah, ist vermutlich nicht schwer zu erraten. Der jungen Frau gefiel der hagere, stoppelbärtige Mann trotz der Hagerkeit und des Stoppelbartes recht gut, und nach zwei Monaten waren die beiden verlobt, und ein halbes Jahr später heirateten sie. Möglich geworden war ihnen dies, weil mein Vater dank seiner Schwester eine Arbeit bei der BASF in Ludwigshafen bekommen hatte. Danach hätten sie eine schöne Zeit miteinander verlebt, bis ich ein knappes Jahr später geboren worden sei.
An dieser Stelle seiner Erzählung geriet mein Vater jedes Mal ins Stocken. Früher hatte ich immer angenommen, dass es die Erinnerung an den jähen Tod seiner jungen Frau gewesen war, die ihn zum Verstummen gebracht hatte, wann immer er beim Erzählen den Zeitpunkt meiner Geburt erreichte. Tatsache bleibt auf jeden Fall, dass ich meine Mutter niemals gesehen habe, außer auf dem Hochzeitsfoto, das im Zimmer meines Vaters stand: Eine junge Frau, etwa zwanzig Jahre alt, in einem weißen, schäbig aussehenden Kleid mit weißem Tuch, das sie sich um den Kopf geschlungen hatte. Im linken Arm hielt sie einen kärglichen Blumenstrauß, den rechten Arm hatte sie durch den Arm meines Vaters geschoben. Mein Vater – noch immer nicht bloß dünn, sondern regelrecht mager und hohlwangig – trug einen schwarzen Anzug, der ihm viel zu weit war. Gott weiß, wo er ihn sich ausgeliehen hatte! Das Bild war jedoch ansonsten dermaßen vergilbt, dass ich die Gesichtszüge meiner Mutter darauf kaum noch erkennen konnte. Sie hatte offenbar wie mein Vater tief dunkle Augen. Und die habe ich von beiden ebenso geerbt wie das schwarze Haar.
Ich wuchs bei der älteren Schwester meines Vaters auf, die irgendwann wieder nach Ludwigshafen gezogen war, genauer gesagt, in eine kleine Siedlung am Stadtrand. Einige ziemlich provisorisch errichtete Häuser, die eine Menge Familien beherbergten, welche im Krieg obdachlos geworden waren. Diese Tante Gerda hatte selbst nie geheiratet. Sie war im Gegensatz zu meinem Vater sehr fromm, und sie versuchte ständig, dem, wie sie es nannte, »schlechten Einfluss meines kommunistischen Vaters« etwas entgegenzusetzen, indem sie sehr viel Wert auf eine christliche Erziehung legte. Sie hatte zunächst insofern Erfolg damit, als mein Vater wegen des weiten Weges zur Firma immer sehr früh am Morgen aus dem Haus musste und erst spät am Abend zurückkehrte, sodass ich ihn außer an den Sonntagen kaum zu Gesicht bekam.
Warum meine Tante ihren Bruder einen »Kommunisten« nannte, erfuhr ich erst viel später, als mir mein Vater an jenem Abend, von dem ich noch sprechen werde, erzählte, dass er Mitglied der SPD war. Meine Tante war in jeder Hinsicht – außer, was die Religion betraf – eine ›praktische‹ Frau, die der Meinung war, dass es auch einem Jungen nichts schaden konnte, wenn er etwas »von der Hausarbeit« verstand. Als ich groß genug dazu war, musste ich einkaufen gehen, putzen, waschen, gelegentlich sogar das Essen kochen. Das hielt mich davon ab, mich »auf der Straße herumzutreiben«, ebenfalls ein Lieblingsspruch meiner Tante. Wer nun dafür verantwortlich war, dass ich nach vier Jahren in der Volksschule aufs Gymnasium gehen sollte, weiß ich nicht – es mag sein, dass sich hier mein Vater einmal gegen seine Schwester durchgesetzt hatte.
Meinem Vater ging es finanziell zwar nicht schlecht, gesundheitlich kam er jedoch nie mehr auf einen grünen Zweig. Und das war mit Sicherheit nicht nur eine Folge der Kriegsgefangenschaft. Anfang der sechziger Jahre bekam er einen Ausschlag im Gesicht, der nicht mehr zurückgehen wollte, und es kam vor, dass er längere Zeit im Bett verbringen musste, obgleich er es hasste, »nicht sein Brot verdienen zu können«. Vielleicht hasste er es auch, dass sich in solchen Zeiten seine Schwester so intensiv um ihn kümmerte. Es verging kaum ein Tag, an dem sie ihm nicht Vorwürfe wegen seines »gottlosen Lebenswandels« machte. Ich habe nie in Erfahrung gebracht, was genau sie damit meinte. Vielleicht war sie aus irgendeinem Grund der Auffassung, dass die Mitgliedschaft meines Vaters in der SPD Ursache für seinen schlechten Gesundheitszustand war.
Es ist nun nicht so, dass ich meine Tante, eine hagere Frau mit einer Frisur, die mich stets an ein Vogelnest denken ließ, nicht mochte. Es gefiel mir sogar, wenn sie mir abends vor dem Schlafengehen Geschichten aus der Bibel vorlas, von der Fahrt der Israeliten nach Kanaan, ins gelobte Land, von Jesus Christus, und was der alles für die Menschen erlitten hatte, um sie zu erlösen. Oder aus ihren Traktaten, die ihr ein älterer Mann ständig vorbeibrachte und in denen es häufig um das Ende der Welt ging und dass diejenigen, die nicht auserwählt waren, in das Höllenfeuer gehen würden. Bei diesen Worten lösten sich ihre sonst so strengen Züge, ihre Stimme begann zu zittern, und manchmal weinte sie sogar, wenn sie daran dachte, was aus meinem Vater einmal werden sollte, wenn er sich nicht zum rechten Weg bekehren würde.
»Du aber nicht, mein Junge«, sagte sie dann. »Du gehörst zu den Auserwählten. Ganz bestimmt. Dafür werde ich schon sorgen.« Sie liebte ihren Herrgott aus ganzem Herzen, so viel kann ich ruhig sagen. Und sie liebte dessen Stellvertreter auf Erden, der für sie nicht der Papst, sondern ein Priester der Gemeinde Christi war, ein sehr hagerer Mann mit stark gerötetem Gesicht und einem nahezu kahlen Schädel. Die wenigen Haarsträhnen verteilte dieser Priester, wie es damals üblich war, sorgfältig darüber – und ich erinnere mich deutlich, dass ich mich als Kind darüber gewundert hatte.
Jener Priester, auf dessen Namen ich mich nicht mehr besinnen kann, war’s auch, der mir ein Kruzifix mit einem vergoldeten Heiland daran schenkte. Das musste Anfang der sechziger Jahre gewesen sein, aber so ganz genau weiß ich es nicht mehr. Ebenso wenig ist mir der Anlass für dieses Geschenk gegenwärtig.
Überhaupt ist mir aus dieser Zeit bloß noch in Erinnerung, dass mich die Tante sehr häufig sonntags zu Gottesdiensten mitnahm, bei denen sehr viel gesungen und gepredigt wurde, und zwar immer wieder vom Ende der Welt und vom Höllenfeuer und den Auserwählten.
Später ging ich zwar auch noch mit, kehrte aber häufig lange vor meiner Tante nach Hause zurück. Sie blieb da, um mit ihren Freundinnen »erbauliche Gespräche zu führen«, wie sie es nannte. Ich traf mich lieber mit Freunden aus der Schule.
In der Schule kam ich immer gut mit, zum Teil wohl deshalb, weil die Tante jede schlechte Note unweigerlich mindestens mit einer Predigt über meine Faulheit und Undankbarkeit ihr und meinem Vater gegenüber bedachte, wenn nicht sogar mit einigen Stockschlägen. Die wenigen Mitschüler, die ich mit nach Hause bringen durfte, waren von ihr sorgfältig auf ihre »Anständigkeit« hin überprüft worden und hatten dieser Überprüfung standgehalten. Von den Kindern aus der Siedlung befand sich, glaube ich, keines darunter. Die Kinder der Siedlung nannten mich einen Streber, wenn sie mir auf meinem morgendlichen Weg zur Straßenbahn oder bei meinen Einkäufen nicht sogar Schlimmeres nachriefen. Sie gingen fast alle auf die Schule in der Nähe, eine Realschule, von der meine Tante aus irgendwelchen Gründen nichts hielt.
Über die Jahre hinweg ging es meinem Vater immer schlechter, und schließlich überlegte meine Tante sogar, ob wir nicht eine Wohnung in der Stadt nehmen sollten, damit der Weg zur Arbeit für meinen Vater nicht so weit wäre. Diese Überlegungen wurden von einem schrecklichen Ereignis beschleunigt, das ich wohl mein Lebtag nicht vergessen werde.
Ich war damals zwölf Jahre alt, als mich meine Tante eines Nachts aus dem Schlaf riss, mir rasch einen Mantel überwarf und mich aus unserer kleinen Wohnung schob. Diese Wohnung hatte aus zwei Räumen bestanden.
