1,99 €
Friedrich Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft" ist ein scharfsinniges und provokantes Werk, das zwischen Poesie und Philosophie oszilliert. In den fünf Büchern entfaltet Nietzsche seine Kritik an der traditionellen Moral und Metaphysik und führt den Leser durch einen kaleidoskopischen Gedankenprozess über die Schönheit des Lebens, die Kraft des Individuums und den Tod Gottes. Der literarische Stil ist geprägt von aphoristischen Einsichten, die oft als paradox und überraschend erscheinen, und laden zur Reflexion über den Zustand der menschlichen Existenz ein. Die gesellige und oft ironische Tonalität durchzieht die Werke und setzt sich mit den tiefsten Fragen des Seins und der menschlichen Freiheit auseinander. Friedrich Nietzsche (1844-1900), einflussreicher deutscher Philosoph, Schriftsteller und Kulturkritiker, gilt als einer der Vordenker der modernen Philosophie. Seine Erfahrungen als Professor, seine Krankheitsgeschichte und seine Auseinandersetzungen mit der Philosophie seiner Zeit prägten seinen kritischen Blick auf die Gesellschaft und die Religion. Diese Erlebnisse sind entscheidend für die Grundgedanken in "Die fröhliche Wissenschaft", wo er den Optimismus und die Lebensbejahung feiert, während er gleichzeitig die Dissonanzen und Widersprüche der menschlichen Natur beschreibt. Ich empfehle "Die fröhliche Wissenschaft" allen Lesern, die bereit sind, sich mit den komplexen Abgründen des menschlichen Daseins auseinanderzusetzen. Dieses Buch bietet nicht nur tiefgehende philosophische Einsichten, sondern auch einen Zugang zu einer lebensbejahenden Weltanschauung, die inspirierend und herausfordernd zugleich ist. Es ist ein Meisterwerk der Philosophie, das die Herausforderungen und Freuden des Lebens mit klarem Verstand und unerschütterlichem Geist erkundet. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Wissen wird hier zur Kunst des Lebens. In Die fröhliche Wissenschaft begegnet uns eine Philosophie, die Erkenntnis nicht als Last, sondern als lebendige Praxis begreift. Friedrich Nietzsche verbindet Skepsis und Bejahung, Strenge und Leichtigkeit, Nachdenken und Mut zum Experiment. Diese Einleitung führt in das fünfteilige Werk ein, ohne seine überraschenden Wege vorwegzunehmen. Im Zentrum steht die Frage, wie man unter veränderten Voraussetzungen denken, fühlen und handeln kann, ohne sich an alte Sicherheiten zu klammern. Die Fröhlichkeit ist dabei kein Lachen über Oberflächen, sondern die heitere Disziplin, der Vielfalt und Unsicherheit produktiv zu begegnen.
Verfasst wurde das Buch von Friedrich Nietzsche (1844–1900), einem der einflussreichsten Denker der europäischen Moderne. Die erste Ausgabe erschien 1882 und umfasste vier Bücher; 1887 folgte eine erweiterte Ausgabe mit einem fünften Buch sowie redaktionellen Ergänzungen. Entstanden ist demnach ein Text der frühen 1880er Jahre, erweitert in der Mitte des Jahrzehnts. Die hier vorliegende Einführung bezieht sich auf die vollständige fünfteilige Gestalt. Das Werk ist in pointierten Abschnitten geschrieben und verbindet Gedankenexperimente mit literarischer Gestaltung. Ohne ein systematisches Lehrgebäude vorzulegen, bietet es einen beweglichen Parcours durch Motive von Erkenntnis, Kultur und Selbstbildung.
Als Klassiker gilt Die fröhliche Wissenschaft, weil es Philosophie in einer Form zeigt, die ebenso künstlerisch wie gedanklich präzise ist. Die dichte, aphoristische Prosa erlaubt überraschende Wendungen, die bis heute anregen. Gleichzeitig öffnet das Buch ein Labor, in dem Werte, Gewissheiten und Gewohnheiten geprüft werden. Es hat die moderne Essayistik, die Kunst des Fragments und das Denken in Perspektiven nachhaltig geprägt. Statt mit Lehrsätzen zu überzeugen, demonstriert es Denkbewegungen. Der Rang des Werks gründet darin, dass es eine neue Haltung zur Wahrheit behauptet: mutig, spielerisch, nicht beliebig, mit einem Sinn für Konsequenzen, die das eigene Leben verändern können.
Inhaltlich gliedert sich das Buch in fünf Teile, die jeweils Bündel von Gedankengängen, Beobachtungen und kurzen Szenen enthalten. Die Texte kreisen um Fragen der Erkenntnis, der Moral, der Kultur, der Kunst und der Wissenschaft. Sie erkunden, wie Menschen Sinn schaffen, wie Stile des Denkens entstehen und wie sie wieder aufgegeben werden können. Wiederkehrend ist das Motiv der Selbstprüfung: Welche Maßstäbe haben Geltung, welche tragen nur aus Gewohnheit? Ohne Handlungsverlauf oder Figuren im erzählerischen Sinn entfaltet das Werk eine Bewegung: vom tastenden Prüfen über kühne Experimente hin zu einer reiferen, gelasseneren Bejahung der offenen Zukunft.
Nachhaltige Themen durchziehen das Ganze: die Freude an der Suche statt an der endgültigen Antwort; die Kritik an absoluten Begründungen; die Einsicht, dass Perspektiven unsere Urteile formen; die Rolle von Kunst, Stil und Rhythmus für das Denken; die Frage, wie eine lebensfördernde Ethik möglich ist. Nietzsche insistiert darauf, dass Erkenntnis nicht außerhalb des Lebens steht, sondern in es zurückwirkt und Charakter bildet. So verbindet das Buch Erkenntnistheorie mit Kulturdiagnose und Existenzkunst. Es schlägt vor, Denken als schöpferische Praxis zu verstehen, die Risiken annimmt, ohne ins Beliebige zu fallen. Darin liegt seine provokative und zugleich befreiende Kraft.
Literarisch ist Die fröhliche Wissenschaft ein Wegbereiter moderner Schreibweisen. Die Mischung aus Aphorismus, Miniatur, Gedicht und Gedankenbild hat die Gattung des philosophischen Essays erneuert und der literarischen Moderne wichtige Impulse gegeben. Die Offenheit der Form lädt zur aktiven Lektüre ein und hat Autorinnen und Autoren, Philosophinnen und Philosophen, Kulturkritik und Feuilleton gleichermaßen beeinflusst. Besonders wirksam wurde die Idee einer heiteren Strenge: sprachliche Beweglichkeit, gekoppelt mit gedanklicher Konsequenz. Viele spätere Debatten über Subjektivität, Sinnstiftung und Wertepluralität lassen sich auf Impulse zurückführen, die dieses Buch mit seiner scharf konturierten, musikalischen, oft funkelnden Prosa freigesetzt hat.
Nietzsche arbeitet mit Masken, Rollenwechseln und Tonlagen, um Einseitigkeiten sichtbar zu machen. Ein Gedanke erscheint zunächst als Versuch, taucht später aus anderer Perspektive auf und erprobt neue Konsequenzen. So lernen die Lesenden, Vielfalt auszuhalten und den eigenen Blick zu differenzieren. Die Heiterkeit hat methodischen Charakter: Sie schützt vor der Schwere leerer Dogmen, ohne Ernsthaftigkeit zu verlieren. Humor, Pathos und Nüchternheit treten in eine produktive Spannung. Die Form des Fragments verhindert trügerische Endgültigkeit und öffnet Spielräume des Selbstdenkens. Dadurch entsteht ein dialogischer Text, der weniger fertige Antworten gibt als die Fähigkeit zur Prüfung schult.
Der Titel spielt auf eine Tradition an, in der fröhliche Wissenschaft die kunstfertige, lebensnahe Übung bedeutete, wie sie in der provenzalischen Dichtung gepflegt wurde. Nietzsche greift das als Programm auf: Erkenntnis soll geübt, gestaltet, verfeinert werden, nicht bloß gesammelt. Wissenschaft im engen Sinne bleibt wichtig, doch sie steht neben Kunst, Geschichte und Psychologie, die hier zu Mitspielern des Denkens werden. Das Werk fragt, wie ein klarer, prüfender Geist und eine schöpferische, formende Kraft zusammenfinden. In dieser Verschränkung von Nüchternheit und Stil, von Analyse und Gestaltung, liegt ein Schlüssel zu seiner bleibenden Wirkung.
Wer dieses Buch liest, sollte nicht nach einem System suchen, sondern nach Bewegungen. Die einzelnen Stücke bilden ein Gewebe, in dem Motive wiederkehren, verlagert, zugespitzt, gelockert. Es hilft, langsam zu lesen, Verbindungen zu notieren und die eigene Erfahrung als Resonanzraum zuzulassen. Die fünf Bücher zeigen eine Entwicklung der Fragen und der Tonlage, doch sie bleiben offen genug, um unterschiedliche Wege des Lesens zu begünstigen. Statt fertiger Lehre bietet das Werk ein Repertoire von Prüfsteinen: für Gewohnheiten, Ängste, Hoffnungen, Ideale. Dadurch kann jede Lektüre neu beginnen, ohne das bereits Gelesene zu entwerten.
Historisch steht Die fröhliche Wissenschaft im Zeichen einer europäischen Umbruchzeit. Industrialisierung, beschleunigte Wissenschaften, veränderte Bildungswege und kulturelle Säkularisierung fordern vertraute Sinnordnungen heraus. Nietzsches Antwort ist keine Rückkehr zu alten Sicherheiten, sondern eine Verschärfung der Prüfung und eine Ermutigung zur Formung neuer Maßstäbe. Diese Konstellation verleiht dem Buch sein besonderes Profil: Es registriert den Verlust fragloser Autorität und sucht in Stil, Kunst und Charakterbildung Ressourcen, um die gewonnene Freiheit nicht als Leere, sondern als Aufgabe zu leben. Darin liegt sein Beitrag zu einer Moderne, die sich ihrer eigenen Bedingungen bewusst wird.
Heute ist das Werk aktuell, weil es einen Umgang mit Vielfalt, Unsicherheit und Beschleunigung vorschlägt, der weder resigniert noch schlicht bejaht. In Zeiten globaler Vernetzung, widersprüchlicher Wissensbestände und intensiver Selbstentwürfe erinnert es daran, dass Klarheit und Mut zusammengehören. Es zeigt, wie man Kritik übt, ohne destruktiv zu werden, und wie man bejaht, ohne naiv zu sein. Wer lernen will, verantwortungsvoll zu wählen, kann hier eine Schule der Unterscheidung finden: zwischen Pose und Haltung, Meinung und Urteil, Reiz und Orientierung. Die fröhliche Wissenschaft ermutigt, eine persönliche, prüfbare und bewegliche Praxis des Denkens zu entwickeln.
Die zeitlose Qualität dieses Buchs liegt in seiner Verbindung von intellektueller Disziplin, stilistischer Eleganz und existenzieller Ernsthaftigkeit. Es ist offen genug, um mit veränderten Problemen zu sprechen, und präzise genug, um geistige Bequemlichkeit anzutasten. Als Klassiker wirkt es, weil es die Verantwortung für das eigene Maß wachhält und die Freude an Klarheit weckt. Wer Die fröhliche Wissenschaft liest, findet kein Ruhepolster, sondern eine Einladung, die eigene Art zu denken zu bilden und zu pflegen. Dass es dabei heiter bleibt, ist keine Nebensache, sondern der Ausdruck einer Stärke: der Übereinstimmung von Erkenntnisliebe und Lebenskunst.
Die fröhliche Wissenschaft ist ein aphoristisches Hauptwerk Friedrich Nietzsches, gegliedert in fünf Bücher. Es verbindet eine heitere, spielerische Tonlage mit scharfer Kritik, um den Sinn und die Folgen moderner Erkenntnis zu erkunden. Statt ein geschlossenes System zu liefern, eröffnet das Werk eine Versuchsanordnung: Wie lässt sich Erkenntnis lieben, ohne ihr religiöse oder metaphysische Garantien zu unterstellen? In der Abfolge der Bücher verdichten sich Motive wie Befreiung von überlieferten Gewissheiten, Neubewertung der Moral und die bejahende Wendung zur Welt. Die knappe Form ermöglicht Perspektivwechsel, Selbstkorrekturen und Kontraste, die das Denken in Bewegung halten und die Lesenden zur Mitgestaltung herausfordern.
Das erste Buch eröffnet das Programm einer fröhlichen Wissenschaft: Wissen soll nicht auf Entsagung, sondern auf Mut, Heiterkeit und geistiger Leichtigkeit beruhen. Nietzsche richtet das Augenmerk auf die Triebkräfte des Erkennens, auf Eitelkeit, Angst, Ehrgeiz und die Lust am Spiel. Er problematisiert den Anspruch, Wahrheit sei unabhängig von Lebenserfordernissen zu haben, und schlägt vor, Erkenntnis als Praxis der Selbsterziehung zu verstehen. Kritik gilt der ernsten Pose philosophischer und religiöser Ernsthaftigkeit, die Leid verabsolutiert. Die Leitfrage lautet, wie man mit Unsicherheit leben kann, ohne in Zynismus oder Trostbedürftigkeit zu verfallen, und wie Stil und Experiment die Strenge des Denkens erhöhen.
Im zweiten Buch treten die sozialen und moralpsychologischen Dimensionen hervor. Nietzsche zerlegt gewohnte Tugendbegriffe, lotet ihre Herkunft aus Affekten und Nützlichkeiten aus und entwirft einen Blick auf Moral als historisch gewordene Konvention. Freundschaft, Einsamkeit, Erziehung, Geschmack und die Kunst der Maskierung erscheinen als Übungsfelder, in denen ein freier Geist sich formt. Der Konflikt zwischen Einzelnen und Herde wird sichtbar: Anpassung sichert Sicherheit, doch mindert sie geistige Fruchtbarkeit. Das Buch skizziert die mühsame Arbeit der Selbstüberwindung, die nicht asketische Verneinung, sondern bewusste Umwertung meint. Humor und Distanz dienen als Werkzeuge, um Abhängigkeiten zu durchschauen, ohne in Ressentiment zu verfallen.
Das dritte Buch verschiebt den Akzent auf Erkenntnistheorie und Sprachkritik. Nietzsche untersucht, wie Kategorien, Begriffe und Gewohnheiten unsere Welt bauen, und wie nützliches Irren mit dem Leben verflochten ist. Daraus erwächst eine Diagnose: Die großen transzendenten Sicherheiten verlieren Überzeugungskraft, und mit ihnen die alten Sinnhorizonte. Diese Einsicht ist kein bloßer Verlust, sondern eröffnet ein neues Meer der Möglichkeiten. Sie stellt jedoch Anforderungen: Die Vernichtung alter Stützen kann in Müdigkeit umschlagen oder in schöpferischen Mut. Das Buch tastet danach, welche Tugenden in einer solchen Lage tragen, und wie ein denkender Mensch seinen Vorrat an Tapferkeit erneuern kann.
Im vierten Buch verdichtet sich die bejahende Wendung. Nietzsche entfaltet ein Ethos der Leichtigkeit, das Leid und Zufall nicht beseitigen will, sondern sie in eine höhere Praxis des Lebens integriert. Zentral ist ein Gedankenexperiment: die Wiederkehr des Gleichen als Prüfstein für den Grad der Zustimmung zum Dasein. Wer diese Probe besteht, hat Maßstäbe, Ziele und Gewohnheiten so geordnet, dass selbst Widriges als Stoff der Gestaltung erscheint. Zugleich preist das Buch die Künste der Form – Tanz, Stil, Rhythmus – als Modelle für ein Denken, das strenger wird, indem es beweglicher und fröhlicher wird, statt sich in Hartleibigkeit zu erstarren.
Der später ergänzte fünfte Teil verschärft und präzisiert frühere Einsichten im Licht moderner Wissenschaften. Nietzsche diskutiert Psychologie, Physiologie und historische Methode, um zu zeigen, wie sehr Selbsttäuschung, Sprache und Perspektiven unsere Urteile formen. Die Diagnose eines heraufziehenden Nihilismus wird realistischer: Wissensfortschritt beseitigt nicht Wertfragen, sondern verschärft sie. Das Buch skizziert eine neue intellektuelle Redlichkeit, die ohne metaphysische Rückversicherung auskommt und doch die Größe wissenschaftlicher Arbeit anerkennt. Es prüft, wie weit Kausaldenken, Bewusstsein und Moral begrenzt sind, und wie aus dieser Einsicht ein produktiver, schöpferischer Umgang mit Unsicherheit und Konflikt hervorgehen kann. Dabei wächst der Anspruch an persönliche Disziplin und Mut.
Über alle fünf Bücher hinweg wiederholen sich Leitmotive, die je neu gewichtet werden. Dazu zählen die Figur des freien Geistes, der seine Herkunft kritisch anerkennt; die Arbeit am Stil als ethische Übung; die Ambivalenz des Mitleids; und die Versuchung des asketischen Ideals, das Verneinung in Tugend kleidet. Nietzsches Kritik richtet sich weniger gegen einzelne Sätze als gegen Gewohnheiten des Fühlens und Bewertens. Zugleich betont er die produktive Funktion von Irrtum und Maske: Sie schützen, erziehen und ermöglichen. Daraus entsteht ein Konflikt zwischen Wahrhaftigkeit und Lebensdienlichkeit, der nicht theoretisch gelöst, sondern praktisch ausgetragen werden soll. Diese Spannung treibt die Suchbewegung des Textes voran.
Form und Methode tragen das Argument. Die Aphorismen erzeugen Abstände, in denen Lesende prüfen und kombinieren müssen; Wiederholungen in veränderter Beleuchtung ersetzen Systemzwang. Im Verlauf entsteht eine Bewegung: von der Diagnose veralteter Autoritäten über die Entdeckung neuer Risiken hin zur Schulung bejahender Kräfte. Episodische Szenen, Skizzen, Selbstgespräche und Miniaturen der Kulturkritik bilden ein Mosaik, dessen Sinn nicht in einer letzten Formel aufgeht. Das Werk arbeitet mit Kontrapunkten – Härte und Heiterkeit, Analyse und Stilübung –, um zu zeigen, dass Denken nicht endet, sondern Übungen verlangt, die über das Buch hinausführen. So entfaltet sich eine stille Dramaturgie, ohne die Offenheit des Ganzen zu schließen.
Die fröhliche Wissenschaft endet nicht mit einer Lösung, sondern mit einer Haltung. Sie fordert, Erkenntnis als lebenssteigernde Kunst zu betreiben: ohne Trostversprechen, aber mit Mut zur Form, zur Prüfung und zur bejahenden Selbstüberwindung. Die maßgebliche Einsicht lautet, dass Sinn nicht gefunden, sondern geschaffen und verantwortet werden muss – einzeln, historisch, riskant. Damit wird das Werk zum Scharnier innerhalb von Nietzsches Denken und zu einem Ausgangspunkt für Debatten über Moderne, Moral und Subjektivität. Seine nachhaltige Bedeutung liegt in der Aufforderung, die Freiheit der Perspektive mit der Strenge des Selbsturteils zu verbinden und aus beidem eine Praxis zu machen.
Die fröhliche Wissenschaft entsteht im Europa der 1870er und 1880er Jahre, geprägt vom Kaiserreich in Deutschland, dem Erstarken moderner Nationalstaaten und der Autorität von Kirche, Universität und Presse. Naturwissenschaftliche Erfolge und industrielle Expansion schufen ein Klima technischer Zuversicht, zugleich wirkte die klassische Gelehrtenkultur in Akademien und Gymnasien fort. In dieser Gemengelage aus Macht des Staates, religiösen Traditionen und neuen Wissensformen positioniert sich Nietzsches Buch als Intervention. Es wendet sich gegen erstarrte metaphysische Gewissheiten, prüft moralische Selbstverständlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft und spiegelt die Spannungen einer Epoche, die den Fortschritt feiert und zugleich an alten Legitimationsmustern festhält.
Nietzsche selbst war von dieser Bildungswelt geprägt. Als junger Ordinarius für klassische Philologie in Basel (ab 1869) an die deutsche Universitätstradition gebunden, verließ er das Amt 1879 aus gesundheitlichen Gründen. Danach schrieb er als freier Autor, meist zwischen dem Alpenraum und mediterranen Küstenstädten pendelnd. Die Distanz zur akademischen Routine schärfte sein Misstrauen gegen gelehrte Systeme und begünstigte die Form experimenteller Aphorismen. Die fröhliche Wissenschaft knüpft an diese biografische Bewegung an: Sie verbindet philologische Schulung mit dem Blick des Außenseiters, der ohne institutionelle Rücksichten die moralischen, religiösen und erkenntnistheoretischen Fundamente seiner Zeit testet.
Publikationsgeschichtlich erschien Die fröhliche Wissenschaft zuerst 1882 in vier Büchern, ergänzt um die Lieder des Prinzen Vogelfrei. Sie wurde damals bei Ernst Schmeitzner verlegt, der bereits frühere Schriften Nietzsches betreute. Nach dem Bruch mit Schmeitzner ließ Nietzsche 1886 Neuauflagen seiner Werke bei C. G. Naumann herstellen. In diesem Zusammenhang erschien 1887 eine erweiterte zweite Ausgabe der Fröhlichen Wissenschaft, nun mit Vorrede und einem fünften Buch. Die Ergänzungen markieren eine Phase der Selbstrevision, in der Nietzsche frühere Einsichten neu rahmt und zugleich die geistige Situation der 1880er Jahre schärfer diagnostiziert.
Zentraler Hintergrund ist die europäische Säkularisierung. Historisch-kritische Bibelforschung, naturwissenschaftliche Erklärungen und Vergleichende Religionsgeschichte relativierten traditionelle Glaubensgewissheiten. Werke von David Friedrich Strauss und Ernest Renan hatten bereits zuvor Wirkung entfaltet; Darwins Evolutionstheorie vertiefte das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Theologie. Nietzsches berühmte Formel vom Tod Gottes, in der Parabel vom tollen Menschen verdichtet, deutet diesen kulturellen Prozess: Nicht ein Ereignis, sondern das langsame Erodieren transzendenter Autorität durch historische Kritik, wissenschaftliche Methode und modernen Lebensstil. Die fröhliche Wissenschaft inszeniert diese Diagnose mit rhetorischer Wucht und psychologischer Feinheit.
Neben Säkularisierung prägte Positivismus das intellektuelle Klima. Labor, Messung und Statistik gewannen Autorität, physiologische und psychologische Forschung boomten. Nietzsche beobachtet diese Entwicklung aufmerksam und nimmt sie ernst, wendet sich aber gegen naive Wissenschaftsvergötterung. Seine Analysen von Trieb, Affekt und Perspektive greifen auf physiologisches Vokabular zurück, zugleich relativieren sie den Wahrheitsanspruch einer einheitlichen, abschließenden Erkenntnis. Die aphoristische Form dient als Versuchsanordnung: knappe Experimente des Denkens statt systematischer Doktrin. In diesem Gefüge ist Fröhlichkeit nicht bloße Heiterkeit, sondern die heitere Strenge eines Denkstils, der Risiken eingeht und geistige Gewohnheiten testet.
Die Beschleunigung der Lebenswelt bildet einen weiteren Kontext. Eisenbahnnetze und Telegraphie verdichteten Europa, beförderten Tourismus, Handelsströme und Zeitungsverkehr. Nietzsche selbst nutzte diese Mobilität, wechselte kurativ zwischen Höhenklima und Meeresluft und schuf aus Reise- und Genesungsetappen einen produktiven Rhythmus. Die fröhliche Wissenschaft spiegelt diese neue Beweglichkeit in ihren Ortsbildern: mediterrane Helligkeit, Meeresmetaphorik und Stadtbeobachtungen. Die technische Moderne mit ihrem Tempo liefert nicht nur Stoff, sondern auch Formimpulse: Kurze, prägnante, portable Gedankenstücke, geeignet für eine Öffentlichkeit, die zwischen Bahnhöfen liest und in Feuilletons debattiert.
Politisch dominierte im Deutschen Reich die Ära Bismarcks, mit Realpolitik, Reichsgründungserbe und starker Exekutive. Nationalistische Selbstgewissheit, Militärkult und die Sozialistengesetze prägten die 1880er Jahre, während Arbeiterbewegung und bürgerlicher Liberalismus um Spielräume rangen. Nietzsche steht quer zu dieser Konstellation. Er polemisiert gegen Herdenmoral und nationalen Dünkel und skizziert einen kosmopolitischen, übernationalen Typus des Europäers. Diese Haltung ist keine parteipolitische Programmatik, sondern kulturkritische Diagnose: Massenmeinung, Ressentiment und moralische Gleichmacherei gefährden für ihn die geistige Unabhängigkeit. Die fröhliche Wissenschaft verdichtet diesen Befund im Register von Leichtsinn, Witz und radikaler Selbstprüfung.
Kulturgeschichtlich wirkt die Abkehr von Wagner und Schopenhauer nach. Nach dem Bayreuther Einschnitt der 1870er Jahre suchte Nietzsche Distanz zu deutscher Schwermut und Erlösungspathos. Er wandte sich französischem Esprit, römisch-griechischer Heiterkeit und provenzalischer Dichtkunst zu. Der Titel spielt bewusst auf die sogenannte gaya scienza der Troubadoure an, die Kunst fröhlichen Könnens. Damit markiert das Buch einen mediterranen Gegenentwurf zur nördlichen Schwere: Stilistisch leicht, gedanklich kompromisslos. Diese Verschiebung verweist auf eine umfassendere kulturelle Umorientierung Europas, in der alte romantische Großentwürfe unter dem Druck moderner Erfahrungswelten brüchig werden.
Topografisch ragt Sils-Maria im Engadin heraus, wo Nietzsche seit den frühen 1880er Jahren Sommer verbrachte. In dieser Umgebung, mit langen Spaziergängen und hochalpiner Klarheit, gewann er zentrale Motive. Der Gedanke der ewigen Wiederkunft wird von Nietzsche 1881 notiert und in Die fröhliche Wissenschaft aphoristisch zugespitzt. Die Landschaftserfahrung – Licht, Höhe, Kälte – fungiert nicht als Dekor, sondern als klimatische Schulung eines Denkens, das Pathetik vermeidet und strenge Fröhlichkeit übt. Das Motiv steht exemplarisch für die Verbindung aus existenzieller Probe, poetischer Form und philosophischer Pointe, die das Werk trägt.
Zum intellektuellen Umfeld gehören enge Kontakte zu wenigen Vertrauten. Der Basler Theologe Franz Overbeck unterstützte Nietzsche menschlich und kritisch. Heinrich Köselitz, genannt Peter Gast, half bei Abschriften und Korrekturen und war musikalisch-literarischer Resonanzraum. Paul Rée hatte mit naturalistischer Moralpsychologie wichtige Impulse geliefert, die in die Fröhliche Wissenschaft einfließen. 1882 entstand in Rom eine kurzlebige geistige Verbindung mit Lou Andreas-Salomé und Rée; die Debatten über Freiheit, Wahrheit und Lebensführung schärften Nietzsches Perspektiven. Aus diesen Kreisen erwächst keine Schule, aber ein Labor an Gesprächssituationen, in dem die Form der konzentrierten, dialogfähigen Aphorismen gedeiht.
Die deutschen Universitäten dieser Zeit prägte Historismus: philologische Quellenkritik, Aufmerksamkeit für Entstehungskontexte, Misstrauen gegen zeitlose Systeme. Nietzsche, aus dieser Schule kommend, wendet die Methode gegen ihre Grundpfeiler. Statt Texte allein historisch einzuordnen, genealogisiert er Wertungen, Gefühle und Moralideale. Die fröhliche Wissenschaft enthält derartige Umwertungsversuche bereits programmatisch und bereitet die 1887 veröffentlichte Genealogie der Moral vor. Die später hinzugefügte fünfte Abteilung der Fröhlichen Wissenschaft steht in diesem Horizont: Sie vertieft die Analyse moderner Nihilismusformen und tastet nach experimentellen Gegenentwürfen zu asketischen Idealen und akademischer Wissensfrömmigkeit.
Literarisch bindet sich das Buch an europäische Traditionen kurzer Formen. Französische Moralistinnen und Moralisten wie La Rochefoucauld oder Chamfort, Montaignes Essaykunst und italienische Sentenzen bieten Modelle für Prägnanz und Witz. Zugleich nutzt Nietzsche deutsche Bildungssprache mit musikalischen Wendungen und schaltet am Ende Lieder auf, um Denken und Dichten zu verschränken. Diese Hybridform reagiert auf eine Öffentlichkeit, die zwischen Salon, Zeitung und Lesegesellschaft zirkuliert. Die Fröhliche Wissenschaft grenzt sich dabei von Lehrgedicht und Systemtraktat ab: Sie ist ein Buch für bewegliche Leserinnen und Leser, die an geistigen Übungen Spaß und Ernst zugleich finden.
Ökonomisch befand sich die Buchbranche im Aufschwung: verbilligte Auflagen, Leihbibliotheken, internationales Vertriebsnetz. Dennoch blieb Nietzsches Leserschaft zunächst klein. Die Fröhliche Wissenschaft verkaufte sich anfangs nur mäßig und kursierte vor allem unter befreundeten Gelehrten, Künstlern und wenigen Neugierigen. Nietzsche investierte eigenes Geld in Neuauflagen und Umbrüche der Drucklegung. Diese relative Randständigkeit ist Teil des historischen Kontextes: Das Buch spricht in der Sprache einer Minderheit moderner Gewissen, zielt aber auf eine kommende Leserschaft, die erst die Krisen der 1890er Jahre und darüber hinaus in vollem Umfang sensibilisieren sollten.
Auch die Nachwirkungen des Kulturkampfs bilden Hintergrundfolie. Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Reich und katholischer Kirche in den 1870er Jahren normalisierten sich die Verhältnisse schrittweise, doch blieb das Verhältnis von Glauben, Staat und Bildung umstritten. Parallel brach die soziale Frage auf; Arbeiterbewegung, christliche Sozialreformen und bürgerlicher Philanthropismus formten das moralische Vokabular der Zeit. Nietzsche reagiert darauf mit Kritik am Mitleidskult und am moralischen Journalismus. Die fröhliche Wissenschaft prüft, ob Wohltätigkeit, Humanitarismus und politische Tugendposen nicht oft aus Schwäche, Angst oder Ressentiment gespeist werden und so geistige Selbstbestimmung bedrohen.
Debatten über Geschlechterrollen und Bildung von Frauen durchzogen die 1880er Jahre. Universitätszugang, bürgerliche Ehemodelle und weibliche Berufstätigkeit wurden kontrovers diskutiert. Nietzsche reflektiert diese Konjunkturen nicht systematisch, doch sein Sprachgebrauch greift zeittypische Metaphern auf: Wahrheit als Verführerin, Erkenntnis als Entschleierung, Philosophie als Spiel mit Masken. Diese Bilder verweisen auf eine Epoche, die Wissensbegehren, Erotik und Macht symbolisch verschränkt. Historisch bedeutsam ist, dass die literarische Form des Aphorismus solche Spannungen sichtbar macht, ohne sie dogmatisch zu entscheiden – ein Verfahren, das in der polarisierten Öffentlichkeit der 1880er Jahre provokativ wirkte.
Die Jahre 1886 und 1887 markieren eine Neugewichtung. Nietzsche ordnet sein Werk neu, versieht frühere Bücher mit Vorreden und grenzt sich deutlicher von Schopenhauer und Wagner ab. In diesem Zuge erweitert er Die fröhliche Wissenschaft um das fünfte Buch und spitzt die Krisendiagnose der Moderne zu. Europa erlebt zugleich wachsenden internationalen Wettbewerb, koloniale Rivalitäten und ideologische Polarisierungen. Vor diesem Hintergrund diskutiert das Buch die Möglichkeiten einer bejahenden Lebenskunst unter Bedingungen fortschreitender Entzauberung: Wie lässt sich ohne transzendente Garantien denken, arbeiten, lieben und urteilen, ohne in Müdigkeit, Nihilismus oder moralische Verhärtung zu verfallen.
Die fröhliche Wissenschaft kommentiert ihre Zeit, indem sie ihre Kräfte mobilisiert und ihre Schwächen entlarvt. Sie nimmt Säkularisierung, Wissenschaftsdrang, Industrialisierung und Massengesellschaft ernst, ohne ihnen zu huldigen, und fordert eine Kultur, die Experiment, Humor und Strenge verbindet. Das Buch kritisiert nationale Selbstüberhebung, moralischen Konformismus und metaphysische Vertröstung, und es wirbt für eine heitere Tapferkeit, die sich an der Gegenwart erprobt. So wird es zum Spiegel der 1880er Jahre und zugleich zu einem Stachel für kommende Debatten über Wahrheit, Freiheit und Werte, die Europas Moderne nachhaltig prägen.
Friedrich Nietzsche (1844–1900) war ein deutscher klassischer Philologe und Philosoph der späteren Moderne, dessen scharfe Kritik an Moral, Religion und Kultur weit über seine Zeit hinauswirkt. Mit stilistisch markanten Aphorismen, literarischen Experimenten und polemischer Schärfe stellte er Selbstverständlichkeiten der europäischen Geistesgeschichte infrage. Seine Denkbilder – ewige Wiederkehr, Perspektivismus, Umwertung der Werte – prägten Debatten des 20. und 21. Jahrhunderts in Philosophie, Literatur und Kulturtheorie. Nietzsche verband philologische Genauigkeit mit psychologischer Tiefenschärfe und einer radikalen Diagnose der Moderne. Sein Werk ist fragmentarisch und vielstimmig, verlangt aktive Leserschaft und inspiriert bis heute kontroverse Interpretationen.
Ausgebildet wurde Nietzsche in der klassischen Philologie, zunächst an der Universität Bonn, später in Leipzig, wo ihn die Schule um Friedrich Wilhelm Ritschl prägte. 1865 stieß er auf Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung, was seine intellektuelle Ausrichtung tief beeinflusste. 1869 erhielt er, auf Empfehlung Ritschls, einen Ruf als Professor nach Basel – ungewöhnlich früh und ohne reguläre Promotion. Im selben Jahr legte er die preußische Staatsbürgerschaft nieder und blieb fortan staatenlos. Seine philologische Praxis formte seine Methode: genaue Textarbeit, historische Sensibilität und die Aufmerksamkeit für sprachliche Masken, aus denen sich später philosophische Experimente entwickelten.
Früh verband Nietzsche eine intensive, zunächst produktive Beziehung zur Kunst Richard Wagners; in Basel stand er dem Kreis um das Projekt Bayreuth nahe. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) deutete die griechische Tragödie als Spannungsfeld von Apollinischem und Dionysischem und begründete sein Renommee wie auch Kontroversen in der Philologie. Es folgten die Unzeitgemäßen Betrachtungen (1873–1876), Essays gegen Historismus und zeitgenössische Bildungsrituale. Gegen Ende der 1870er-Jahre distanzierte er sich entschieden von Wagner und dessen Kult, was eine Neuorientierung seiner Schreibweise und Themen anstieß: mehr Psychologie, kürzere Formen, schärferer Angriff auf moralische Selbstbilder.
Gesundheitliche Beschwerden – insbesondere Migräne, Augenprobleme und Erschöpfungszustände – führten 1879 zu seinem Rücktritt von der Basler Professur. In den folgenden Jahren lebte er als freier Schriftsteller, wechselte zwischen Aufenthalten in der Schweiz, Italien und Südfrankreich und suchte mildes Klima. Menschliches, Allzumenschliches (1878–1880), Morgenröte (1881) und Die fröhliche Wissenschaft (1882, erweitert 1887) markieren seine sogenannte Freigeister-Phase. Darin entwickelt Nietzsche eine experimentelle Psychologie der Moral, übt scharfe Metaphysikkritik, würdigt wissenschaftliche Haltung und kultiviert den Aphorismus als Denkform. Der oft heitere Ton ist von prüfender Strenge getragen und bereitet zentrale Motive seiner späteren Schriften vor.
Mit Also sprach Zarathustra (1883–1885) erreichte Nietzsche eine neue, hymnisch-dithyrambische Form, die philosophische Dichtung und Polemik verbindet. Das Werk artikuliert Figuren und Motive wie den Übermenschen und die ewige Wiederkehr, ohne systematische Darlegung anzustreben. Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887) radikalisieren seine Kritik an metaphysischen Wahrheitsansprüchen und an moralischen Herkunftsgeschichten; hier untersucht er Ressentiment, asketische Ideale und die Verflechtung von Wissen und Macht. Die Auseinandersetzung mit Wissenschaft, Kunst und Religion bleibt dabei eng verflochten. Sein Perspektivismus fordert, Begriffe als Werkzeuge und Standpunkte zu begreifen. Diese Phase begründet Nietzsches Ruf als kompromissloser Diagnostiker moderner Wertordnungen.
Das Jahr 1888 brachte eine Häufung spätstiliger Schriften: Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung, Der Antichrist, Ecce Homo und Nietzsche contra Wagner entstanden in rascher Folge. Nietzsche profilierte darin seine Kulturkritik, distanzierte sich von zeitgenössischem Nationalismus und wandte sich gegen Antisemitismus. Im Januar 1889 erlitt er in Turin einen Zusammenbruch, nach dem er nicht mehr publizierte. Spätere Ausgaben, darunter postume Veröffentlichungen, wurden maßgeblich von seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche organisiert, die das Nietzsche-Archiv gründete und interpretatorisch eingriff. Dadurch kam es zu Verzerrungen und politisch instrumentalisierenden Lesarten, die die Forschung des 20. Jahrhunderts schrittweise korrigierte.
Nietzsche starb 1900 nach Jahren schwerer geistiger Erkrankung; sein Werk blieb jedoch ein Kristallisationspunkt intellektueller Auseinandersetzung. Es prägte Existentialismus, Lebensphilosophie, Psychoanalyse und spätere Theorien der Genealogie, Diskurs- und Machtanalyse. Zugleich wurde es im frühen 20. Jahrhundert politisch vereinnahmt, bevor kritische Editionen und Interpretationen – insbesondere die Arbeit von Giorgio Colli und Mazzino Montinari – entstellende Lesarten zurückdrängten. Heute wird Nietzsche als radikaler Diagnostiker des Nihilismus gelesen, dessen Schreibweisen Philosophie, Literatur und Philologie verschränken. Seine Begriffe wirken in Ethik, Kulturkritik und Ästhetik weiter und fordern Leserinnen und Leser zu eigenständiger Bewertung und Selbstprüfung auf.
«Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Erlebnisse nützlich. alle Tage heilig, alle Menschen göttlich.»
Emerson.
Ich wohne in meinem eigenen Haus, Hab Niemandem nie nichts nachgemacht Und — lachte noch jeden Meister aus, Der nicht sich selber ausgelacht.
Ueber meiner Hausthür.
Diesem Buche thut vielleicht nicht nur Eine Vorrede noth; und zuletzt bliebe immer noch der Zweifel bestehn, ob Jemand, ohne etwas Aehnliches erlebt zu haben, dem Erlebnisse dieses Buchs durch Vorreden näher gebracht werden kann. Es scheint in der Sprache des Thauwinds geschrieben: es ist Uebermuth, Unruhe, Widerspruch, Aprilwetter darin, so dass man beständig ebenso an die Nähe des Winters als an den Sieg über den Winter gemahnt wird, der kommt, kommen muss, vielleicht schon gekommen ist… Die Dankbarkeit strömt fortwährend aus, als ob eben das Unerwartetste geschehn sei, die Dankbarkeit eines Genesenden,— denn die Genesung war dieses Unerwartetste.»Fröhliche Wissenschaft«: das bedeutet die Saturnalien[1] eines Geistes, der einem furchtbaren langen Drucke geduldig widerstanden hat — geduldig, streng, kalt, ohne sich zu unterwerfen, aber ohne Hoffnung —, und der jetzt mit Einem Male von der Hoffnung angefallen wird, von der Hoffnung auf Gesundheit, von der Trunkenheit der Genesung. Was Wunders, dass dabei viel Unvernünftiges und Närrisches an's Licht kommt, viel muthwillige Zärtlichkeit, selbst auf Probleme verschwendet, die ein stachlichtes Fell haben und nicht darnach angethan sind, geliebkost und gelockt zu werden. Dies ganze Buch ist eben Nichts als eine Lustbarkeit nach langer Entbehrung und Ohnmacht, das Frohlocken der wiederkehrenden Kraft, des neu erwachten Glaubens an ein Morgen und Uebermorgen, des plötzlichen Gefühls und Vorgefühls von Zukunft, von nahen Abenteuern, von wieder offenen Meeren, von wieder erlaubten, wieder geglaubten Zielen. Und was lag nunmehr Alles hinter mir! Dieses Stück Wüste, Erschöpfung, Unglaube, Vereisung mitten in der Jugend, dieses eingeschaltete Greisenthum an unrechter Stelle, diese Tyrannei des Schmerzes überboten noch durch die Tyrannei des Stolzes, der die Folgerungen des Schmerzes ablehnte — und Folgerungen sind Tröstungen —, diese radikale Vereinsamung als Nothwehr gegen eine krankhaft hellseherisch gewordene Menschenverachtung, diese grundsätzliche Einschränkung auf das Bittere, Herbe, Wehethuende der Erkenntniss, wie sie der Ekel verordnete, der aus einer unvorsichtigen geistigen Diät und Verwöhnung — man heisst sie Romantik — allmählich gewachsen war —, oh wer mir das Alles nachfühlen könnte! Wer es aber könnte, würde mir sicher noch mehr zu Gute halten als etwas Thorheit, Ausgelassenheit» fröhliche Wissenschaft«,— zum Beispiel die Handvoll Lieder, welche dem Buche dies Mal beigegeben sind — Lieder, in denen sich ein Dichter auf eine schwer verzeihliche Weise über alle Dichter lustig macht.— Ach, es sind nicht nur die Dichter und ihre schönen» lyrischen Gefühle«, an denen dieser Wieder-Erstandene seine Bosheit auslassen muss: wer weiss, was für ein Opfer er sich sucht, was für ein Unthier von parodischem Stoff ihn in Kürze reizen wird?» Incipit tragoedia«— heisst es am Schlusse dieses bedenklich-unbedenklichen Buchs: man sei auf seiner Hut! Irgend etwas ausbündig Schlimmes und Boshaftes kündigt sich an: incipit parodia, es ist kein Zweifel…
—Aber lassen wir Herrn Nietzsche: was geht es uns an, dass Herr Nietzsche wieder gesund wurde?… Ein Psychologe kennt wenig so anziehende Fragen, wie die nach dem Verhältniss von Gesundheit und Philosophie, und für den Fall, dass er selber krank wird, bringt er seine ganze wissenschaftliche Neugierde mit in seine Krankheit. Man hat nämlich, vorausgesetzt, dass man eine Person ist, nothwendig auch die Philosophie seiner Person: doch giebt es da einen erheblichen Unterschied. Bei dem Einen sind es seine Mängel, welche philosophiren, bei dem Andern seine Reichthümer und Kräfte. Ersterer hat seine Philosophie nöthig, sei es als Halt, Beruhigung, Arznei, Erlösung, Erhebung, Selbstentfremdung; bei Letzterem ist sie nur ein schöner Luxus, im besten Falle die Wollust einer triumphirenden Dankbarkeit, welche sich zuletzt noch in kosmischen Majuskeln an den Himmel der Begriffe schreiben muss. Im andren, gewöhnlicheren Falle aber, wenn die Nothstände Philosophie treiben, wie bei allen kranken Denkern — und vielleicht überwiegen die kranken Denker in der Geschichte der Philosophie —: was wird aus dem Gedanken selbst werden, der unter den Druck der Krankheit gebracht wird? Dies ist die Frage, die den Psychologen angeht: und hier ist das Experiment möglich. Nicht anders als es ein Reisender macht, der sich vorsetzt, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen und sich dann ruhig dem Schlafe überlässt: so ergeben wir Philosophen, gesetzt, dass wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib und Seele der Krankheit — wir machen gleichsam vor uns die Augen zu. Und wie Jener weiss, dass irgend Etwas nicht schläft, irgend Etwas die Stunden abzählt und ihn aufwecken wird, so wissen auch wir, dass der entscheidende Augenblick uns wach finden wird,— dass dann Etwas hervorspringt und den Geist auf der That ertappt, ich meine auf der Schwäche oder Umkehr oder Ergebung oder Verhärtung oder Verdüsterung und wie alle die krankhaften Zustände des Geistes heissen, welche in gesunden Tagen den Stolz des Geistes wider sich haben (denn es bleibt bei dem alten Reime» der stolze Geist, der Pfau, das Pferd sind die drei stölzesten Thier' auf der Erd«—). Man lernt nach einer derartigen Selbst-Befragung, Selbst-Versuchung, mit einem feineren Auge nach Allem, was überhaupt bisher philosophirt worden ist, hinsehn; man erräth besser als vorher die unwillkürlichen Abwege, Seitengassen, Ruhestellen, Sonnen stellen des Gedankens, auf die leidende Denker gerade als Leidende geführt und verführt werden, man weiss nunmehr, wohin unbewusst der kranke Leib und sein Bedürfniss den Geist drängt, stösst, lockt — nach Sonne, Stille, Milde, Geduld, Arznei, Labsal in irgend einem Sinne. Jede Philosophie, welche den Frieden höher stellt als den Krieg, jede Ethik mit einer negativen Fassung des Begriffs Glück, jede Metaphysik und Physik, welche ein Finale kennt, einen Endzustand irgend welcher Art, jedes vorwiegend aesthetische oder religiöse Verlangen nach einem Abseits, jenseits, Ausserhalb, Oberhalb erlaubt zu fragen, ob nicht die Krankheit das gewesen ist, was den Philosophen inspirirt hat. Die unbewusste Verkleidung physiologischer Bedürfnisse unter die Mäntel des Objektiven, Ideellen, Rein-Geistigen geht bis zum Erschrecken weit,— und oft genug habe ich mich gefragt, ob nicht, im Grossen gerechnet, Philosophie bisher überhaupt nur eine Auslegung des Leibes und ein Missverständniss des Leibes gewesen ist. Hinter den höchsten Werthurtheilen, von denen bisher die Geschichte des Gedankens geleitet wurde, liegen Missverständnisse der leiblichen Beschaffenheit verborgen, sei es von Einzelnen, sei es von Ständen oder ganzen Rassen. Man darf alle jene kühnen Tollheiten der Metaphysik, sonderlich deren Antworten auf die Frage nach dem Werth des Daseins, zunächst immer als Symptome bestimmter Leiber ansehn; und wenn derartigen Welt-Bejahungen oder Welt-Verneinungen in Bausch und Bogen, wissenschaftlich gemessen, nicht ein Korn von Bedeutung innewohnt, so geben sie doch dem Historiker und Psychologen um so werthvollere Winke, als Symptome, wie gesagt, des Leibes, seines Gerathens und Missrathens, seiner Fülle, Mächtigkeit, Selbstherrlichkeit in der Geschichte, oder aber seiner Hemmungen, Ermüdungen, Verarmungen, seines Vorgefühls vom Ende, seines Willens zum Ende. Ich erwarte immer noch, dass ein philosophischer Arzt im ausnahmsweisen Sinne des Wortes — ein Solcher, der dem Problem der Gesammt-Gesundheit von Volk, Zeit, Rasse, Menschheit nachzugehn hat — einmal den Muth haben wird, meinen Verdacht auf die Spitze zu bringen und den Satz zu wagen: bei allem Philosophiren handelte es sich bisher gar nicht um Wahrheitg, sondern um etwas Anderes, sagen wir um Gesundheit, Zukunft, Wachsthum, Macht, Leben…
—Man erräth, dass ich nicht mit Undankbarkeit von jener Zeit schweren Siechthums Abschied nehmen möchte, deren Gewinn auch heute noch nicht für mich ausgeschöpft ist: so wie ich mir gut genug bewusst bin, was ich überhaupt in meiner wechselreichen Gesundheit vor allen Vierschrötigen des Geistes voraus habe. Ein Philosoph, der den Gang durch viele Gesundheiten gemacht hat und immer wieder macht, ist auch durch ebensoviele Philosophien hindurchgegangen: er kann eben nicht anders als seinen Zustand jedes Mal in die geistigste Form und Ferne umzusetzen,— diese Kunst der Transfiguration ist eben Philosophie. Es steht uns Philosophen nicht frei, zwischen Seele und Leib zu trennen, wie das Volk trennt, es steht uns noch weniger frei, zwischen Seele und Geist zu trennen. Wir sind keine denkenden Frösche, keine Objektivir- und Registrir-Apparate mit kalt gestellten Eingeweiden,— wir müssen beständig unsre Gedanken aus unsrem Schmerz gebären und mütterlich ihnen Alles mitgeben, was wir von Blut, Herz, Feuer, Lust, Leidenschaft, Qual, Gewissen, Schicksal, Verhängniss in uns haben. Leben — das heisst für uns Alles, was wir sind, beständig in Licht und Flamme verwandeln, auch Alles, was uns trifft, wir können gar nicht anders. Und was die Krankheit angeht: würden wir nicht fast zu fragen versucht sein, ob sie uns überhaupt entbehrlich ist? Erst der grosse Schmerz ist der letzte Befreier des Geistes[1q], als der Lehrmeister des grossen Verdachtes, der aus jedem U ein X macht, ein ächtes rechtes X, das heisst den vorletzten Buchstaben vor dem letzten… Erst der grosse Schmerz, jener lange langsame Schmerz, der sich Zeit nimmt, in dem wir gleichsam wie mit grünem Holze verbrannt werden, zwingt uns Philosophen, in unsre letzte Tiefe zu steigen und alles Vertrauen, alles Gutmüthige, Verschleiernde, Milde, Mittlere, wohinein wir vielleicht vordem unsre Menschlichkeit gesetzt haben, von uns zu thun. Ich zweifle, ob ein solcher Schmerz» verbessert«—; aber ich weiss, dass er uns vertieft. Sei es nun, dass wir ihm unsern Stolz, unsern Hohn, unsre Willenskraft entgegenstellen lernen und es dem Indianer gleichthun, der, wie schlimm auch gepeinigt, sich an seinem Peiniger durch die Bosheit seiner Zunge schadlos hält; sei es, dass wir uns vor dem Schmerz in jenes orientalische Nichts zurückziehn — man heisst es Nirvana —. in das stumme, starre, taube Sich-Ergeben, Sich-Vergessen, Sich-Auslöschen: man kommt aus solchen langen gefährlichen Uebungen der Herrschaft über sich als ein andrer Mensch heraus, mit einigen Fragezeichen mehr, vor Allem mit dem Willen, fürderhin mehr, tiefer, strenger, härter, böser, stiller zu fragen als man bis dahin gefragt hatte. Das Vertrauen zum Leben ist dahin — das Leben selbst wurde zum Problem.— Möge man ja nicht glauben, dass Einer damit nothwendig zum Düsterling geworden sei! Selbst die Liebe zum Leben ist noch möglich,— nur liebt man anders. Es ist die Liebe zu einem Weibe, das uns Zweifel macht… Der Reiz alles Problematischen, die Freude am X ist aber bei solchen geistigeren, vergeistigteren Menschen zu gross, als dass diese Freude nicht immer wieder wie eine helle Gluth über alle Noth des Problematischen, über alle Gefahr der Unsicherheit, selbst über die Eifersucht des Liebenden zusammenschlüge. Wir kennen ein neues Glück….
Zuletzt, dass das Wesentlichste nicht ungesagt bleibe: man kommt aus solchen Abgründen, aus solchem schweren Siechthum, auch aus dem Siechthum des schweren Verdachts, neu-geboren zurück, gehäutet, kitzlicher, boshafter, mit einem feineren Geschmacke für die Freude, mit einer zarteren Zunge für alle guten Dinge, mit lustigeren Sinnen, mit einer zweiten gefährlicheren Unschuld in der Freude, kindlicher zugleich und hundert Mal raffinirter als man jemals vorher gewesen war. Oh wie Einem nunmehr der Genuss zuwider ist, der grobe dumpfe braune Genuss, wie ihn sonst die Geniessenden, unsre» Gebildeten«, unsre Reichen und Regierenden verstehn! Wie boshaft wir nunmehr dem grossen Jahrmarkts-Bumbum zuhören, mit dem sich der» gebildete Mensch «und Grossstädter heute durch Kunst, Buch und Musik zu» geistigen Genüssen«, unter Mithülfe geistiger Getränke, nothzüchtigen lässt! Wie uns jetzt der Theater-Schrei der Leidenschaft in den Ohren weh thut, wie unsrem Geschmacke der ganze romantische Aufruhr und Sinnen-Wirrwarr, den der gebildete Pöbel liebt, sammt seinen Aspirationen nach dem Erhabenen, Gehobenen, Verschrobenen fremd geworden ist! Nein, wenn wir Genesenden überhaupt eine Kunst noch brauchen, so ist es eine andre Kunst — eine spöttische, leichte, flüchtige, göttlich unbehelligte, göttlich künstliche Kunst, welche wie eine helle Flamme in einen unbewölkten Himmel hineinlodert! Vor Allem: eine Kunst für Künstler, nur für Künstler! Wir verstehn uns hinterdrein besser auf Das, was dazu zuerst noth thut, die Heiterkeit, jede Heiterkeit, meine Freunde! auch als Künstler —: ich möchte es beweisen. Wir wissen Einiges jetzt zu gut, wir Wissenden: oh wie wir nunmehr lernen, gut zu vergessen, gut nicht-zu-wissen, als Künstler! Und was unsere Zukunft betrifft: man wird uns schwerlich wieder auf den Pfaden jener ägyptischen Jünglinge finden, welche Nachts Tempel unsicher machen, Bildsäulen umarmen und durchaus Alles, was mit guten Gründen verdeckt gehalten wird, entschleiern, aufdecken, in helles Licht stellen wollen. Nein, dieser schlechte Geschmack, dieser Wille zur Wahrheit, zur» Wahrheit um jeden Preis«, dieser Jünglings-Wahnsinn in der Liebe zur Wahrheit — ist uns verleidet: dazu sind wir zu erfahren, zu ernst, zu lustig, zu gebrannt, zu tief… Wir glauben nicht mehr daran, dass Wahrheit noch Wahrheit bleibt, wenn man ihr die Schleier abzieht; wir haben genug gelebt, um dies zu glauben. Heute gilt es uns als eine Sache der Schicklichkeit, dass man nicht Alles nackt sehn, nicht bei Allem dabei sein, nicht Alles verstehn und» wissen «wolle.»Ist es wahr, dass der liebe Gott überall zugegen ist?«fragte ein kleines Mädchen seine Mutter:»aber ich finde das unanständig«— ein Wink für Philosophen! Man sollte die Scham besser in Ehren halten, mit der sich die Natur hinter Räthsel und bunte Ungewissheiten versteckt hat. Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehn zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?… Oh diese Griechen! Sie verstanden sich darauf, zu leben: dazu thut Noth, tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehen zu bleiben, den Schein anzubeten, an Formen, an Töne, an Worte, an den ganzen Olymp des Scheins zu glauben! Diese Griechen waren oberflächlich — aus Tiefe! Und kommen wir nicht eben darauf zurück, wir Wagehalse des Geistes, die wir die höchste und gefährlichste Spitze des gegenwärtigen Gedankens erklettert und uns von da aus umgesehn haben, die wir von da aus hinabgesehn haben? Sind wir nicht eben darin — Griechen? Anbeter der Formen, der Töne, der Worte? Eben darum — Künstler?
Ruta bei Genua, im Herbst 1886.
Wagt's mit meiner Kost, ihr Esser! Morgen schmeckt sie euch schon besser Und schon übermorgen gut! Wollt ihr dann noch mehr,— so machen Meine alten sieben Sachen Mir zu sieben neuen Muth.
Seit ich des Suchens müde ward, Erlernte ich das Finden. Seit mir ein Wind hielt Widerpart, Segl' ich mit allen Winden.
Wo du stehst, grab tief hinein! Drunten ist die Quelle! Lass die dunklen Männer schrein: «Stets ist drunten — Hölle!»
War ich krank? Bin ich genesen? Und wer ist mein Arzt gewesen? Wie vergass ich alles Das! Jetzt erst glaub ich dich genesen: Denn gesund ist, wer vergass.
Unseren Tugenden auch soll'n leicht die Füsse sich heben: Gleich den Versen Homer's müssen sie kommen und gehn!
Bleib nicht auf ebnem Feld! Steig nicht zu hoch hinaus! Am schönsten sieht die Welt Von halber Höhe aus.
Es lockt dich meine Art und Sprach, Du folgest mir, du gehst mir nach? Geh nur dir selber treulich nach:— So folgst du mir — gemach! gemach!
Schon krümmt und bricht sich mir die Haut, Schon giert mit neuem Drange, So viel sie Erde schon verdaut, Nach Erd' in mir die Schlange. Schon kriech' ich zwischen Stein und Gras Hungrig auf krummer Fährte, Zu essen Das, was stets ich ass, Dich, Schlangenkost, dich, Erde!
