Verlag: cbj Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

Die Gabel, die Hexe und der Wurm. Geschichten aus Alagaësia. Band 1: Eragon E-Book

Christopher Paolini  

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E-Book-Beschreibung Die Gabel, die Hexe und der Wurm. Geschichten aus Alagaësia. Band 1: Eragon - Christopher Paolini

Ein Wanderer und ein verfluchtes Kind. Zaubersprüche und Magie. Und natürlich Drachen. Willkommen zurück in Eragons Welt!Es ist ein Jahr her, dass Eragon aus Alagaësia aufgebrochen ist auf der Suche nach dem geeigneten Ort, um eine neue Generation Drachenreiter auszubilden. Jetzt kämpft er mit unendlich vielen Aufgaben: Er muss einen riesigen Drachenhorst bauen, Dracheneier bewachen und mit kriegerischen Urgals, stolzen Elfen und eigensinnigen Zwergen zurechtkommen. Doch da eröffnen ihm eine Vision der Eldunarí, unerwartete Besucher und eine spannende Legende der Urgals neue Perspektiven.Dieser Band enthält drei neue Geschichten aus Alagaësia und führt Eragon an den Beginn eines neuen Abenteuers. Außerdem enthüllt das Buch Auszüge aus der Biografie der unvergesslichen Kräuterhexe und Weissagerin Angela … geschrieben von Angela Paolini, der Schwester des Autors, die ihn zu dieser Figur inspiriert hat. Illustriert mit vier neuen Originalzeichnungen des Autors!

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E-Book-Leseprobe Die Gabel, die Hexe und der Wurm. Geschichten aus Alagaësia. Band 1: Eragon - Christopher Paolini

Christopher Paolini

Geschichten aus Alagaësia.

Band 1: Eragon

mit Angela Paolini,die als Angela, die Kräuterhexe, in»Über das Wesen der Sterne« schreibt

Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Link

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.Bei diesem Roman handelt es sich um ein fiktionales Werk. Namen, Figuren, Orte und Ereignisse stammen entweder aus der Vorstellung des Autors oder sind fiktiv gebraucht. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen (lebend oder tot), Ereignissen oder Schauplätzen sind rein zufällig.

2. Auflage 2019Text © 2018 by Christopher Paolini Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The fork, the witch, and the worm. Tales of Alagaësia. Volume 1: Eragon« bei Alfred A. Knopf, einem Imprint von Random House Children’s Books in der Verlagsgruppe Penguin Random House LLC, New York.Knopf is a registered trademark of Penguin Random House LLC.© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuch Verlagin der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenAlle deutschsprachigen Rechte vorbehaltenDieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.Aus dem Amerikanischen von Michaela LinkLektorat: Luitgard Distel/Katrin Künzel Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik und Typografie, unter Verwendung des Originalcovers von Knopf, einem Imprint von Random House Children’s BooksUmschlagillustration: © 2018 by John Jude PalencarInnenillustrationen: © 2018 Christopher PaoliniKolorierung der Landkarte: Immanuela Meijerkk · Herstellung: UKSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-24884-0V002www.cbj-verlag.de

Wie immer widme ich dieses Buch meiner Familieund auch den Lesern, die es erst ermöglicht haben

Inhalt

TEIL EINS: DIE GABEL

I. Der Berg Arngor

II. Eine Gabel und eine Weggabelung

III. Die Halle der Farben

TEIL ZWEI: DIE HEXE

IV. Reime und Rätsel

V. Über das Wesen der Sterne

VI. Fragen und Antworten

TEIL DREI: DER WURM

VII. Todesfalle

VIII. Der Wurm vom Kulkaras

IX. Eine neue Zeit

Namen und Sprachen

Nachwort

I.

Der Berg Arngor

Der Tag war nicht gut gelaufen.

Eragon lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck Brombeermet. Süße Wärme breitete sich in seiner Kehle aus und mit ihr kamen Erinnerungen an Sommernachmittage im Palancar-Tal, ans Beerenpflücken …

Heimweh überfiel ihn.

Der Met war das einzig Positive an dem Treffen mit Hruthmund, dem Gesandten der Zwerge, gewesen. Ein Geschenk, um die Bande freundschaftlicher Verbundenheit zwischen Zwergen und Reitern zu stärken. So hatte Hruthmund es jedenfalls ausgedrückt.

Eragon schnaubte. Eine schöne Freundschaft. In Wahrheit hatte er mit Hruthmund die ganze Zeit nur darüber diskutiert, wann die Zwerge endlich die versprochenen Vorräte liefern würden. Hruthmund schien zu glauben, dass es mehr als ausreichend war, alle drei bis vier Monate etwas zu liefern. Das war lächerlich, wenn man bedachte, dass die Zwerge näher an der Akademie lebten als irgendeins der anderen Völker. Selbst Nasuada hatte es geschafft, weit aus dem Westen – vom anderen Ende der Wüste Hadarac – monatlich Waren zu liefern.

Ich werde mich mit Orik treffen müssen, um die Angelegenheit mit ihm selbst zu klären. Noch ein weiterer Punkt auf einer scheinbar endlosen Liste von Aufgaben, die auf ihn warteten.

Eragon sah die Berge von Schriftrollen, Büchern, Landkarten und losen Pergamenten, die den Schreibtisch vor ihm bedeckten und allesamt seine Aufmerksamkeit forderten. Er seufzte, denn er fand den bloßen Gedanken daran deprimierend.

Er richtete den Blick auf die großen, grob behauenen Fenster des Drachenhorstes. Rings um den Arngor erstreckten sich im Abendlicht die windgepeitschten Ebenen. Im Norden und Westen glänzte der Fluss Edda wie ein Band aus gehämmertem Silber in der Landschaft. Zwei Schiffe lagen an der nächsten Biegung des Flusses längsseits am Ufer vertäut. Von dort aus führte ein Pfad in Richtung Süden in die Hügel am Fuß des Arngor.

Den Berg hatte Eragon – zusammen mit Saphira und ihren treuen Reisegefährten – als neues Zuhause für die Drachenreiter ausgewählt. Und er sollte noch mehr sein als das: ein sicherer Hort für die Eldunarí, die Seelensteine, und hoffentlich der Nistplatz für die nächste Generation von Drachen.

Der hohe Gipfel mit den steilen Felsflanken war ein letzter Ausläufer des Beor-Gebirges, kleiner als dessen himmelhohe Riesen, doch immer noch um ein Mehrfaches höher als die Berge des Buckels, wo Eragon aufgewachsen war. Einsam ragte er über die grüne Fläche der östlichen Ebenen auf, eine gemächliche Segelfahrt von zwei Wochen von der Grenze des eigentlichen Alagaësia entfernt.

Südlich des Arngor war das Land faltig wie eine Decke und struppig von Bäumen, deren Blätter im Wind silberhell leuchteten wie die Schuppen eines Fisches. Weiter im Osten erhoben sich Felswände, Kliffs und riesige, abgeflachte Felssäulen, die alle mit einem Pflanzenschopf bewachsen waren. Dort lebten Nomadenstämme: seltsame halbwilde Menschen, wie sie Eragon noch nie zuvor begegnet waren. Bisher hatten sie keine Schwierigkeiten gemacht, aber er blieb wachsam.

Das war jetzt seine Pflicht.

Der Berg trug viele Namen. Arngor bedeutete in der Zwergensprache Weißer Berg. Tatsächlich bedeckten Schnee und Eis das obere Drittel und von ferne hob sich der Gipfel strahlend weiß von der grünen Umgebung ab. Aber er hatte in der Sprache der Zwerge auch noch einen älteren, geheimen Namen. Den hatten sie kurz nach ihrer Ankunft herausgefunden, als eine Expedition unter Eragons Führung in die Hügel am Fuß des Berges vorgedrungen war. Dort hatten sie in den Stein gehauene Stollen entdeckt. In einem davon stand in Runen Gor Narrveln, Berg der Juwelen. Irgendein uralter Clan der Zwerge hatte Minen bis tief in den Fels des Arngor getrieben.

Die Zwerge, die sich Eragons Gruppe angeschlossen hatten, waren ganz begeistert von dieser Entdeckung gewesen. Sie debattierten ausgiebig darüber, wer die Minen angelegt hatte und welche Edelsteine in dem Berg wohl noch zu finden waren.

In der alten Sprache hieß der Berg Fell Thindarë, Berg der Nacht. Die Elfen konnten Eragon nicht sagen, woher der Name kam oder warum man ihn gewählt hatte, und so benutzte er ihn nur selten. Aber er hörte sie von dem Gipfel auch als Vaeta sprechen oder Hoffnung. Er fand das passend, da die Drachenreiter eine Hoffnung für alle Völker Alagaësias waren.

Die Urgals hatten einen eigenen Namen für den Gipfel: Ungvek. Als Eragon sie fragte, was er bedeute, behaupteten sie, es heiße starrköpfig. Aber er war sich nicht sicher.

Dann waren da noch die Menschen. Eragon hatte gehört, dass sie alle Namen nebeneinander benutzten. Außerdem bezeichneten sie den Berg als Spitzhorn. Ein Ausdruck, von dem er vermutete, dass die Händler häufig Scherze darüber machten.

Eragon persönlich mochte den Klang von Arngoram liebsten, aber er zollte jedem der Namen Respekt. Die Vielfalt dieser Namen war wie ein Abbild der Verhältnisse an der Akademie der Reiter: eine Mischung von Völkern und Kulturen und einander widerstrebenden Plänen, die alle noch unter einen Hut gebracht werden mussten.

Er nahm noch einen Schluck von dem Mûnnvlorss-Met; so hatte Hruthmund die Flasche genannt. Mûnnvlorss. Eragon schmeckte das Wort auf der Zunge und ertastete mit seinem Geist dessen Form, um seine Bedeutung zu erfassen.

Es hatte im Laufe des Tages noch andere Probleme gegeben, nicht nur das Treffen mit Hruthmund. Die Urgals waren streitlustig wie eh und je. Die Menschen uneinig. Die Drachen in ihren Eldunarí rätselhaft. Und die Elfen … Die Elfen waren so elegant und gewissenhaft und höflich, wie es nur ging. Aber sobald sie einmal eine Entscheidung getroffen hatten, wollten oder konnten sie ihre Meinung nicht mehr ändern. Der Umgang mit ihnen hatte sich als viel entmutigender erwiesen, als Eragon erwartet hatte, und je mehr Zeit er mit ihnen verbrachte, desto mehr musste er Orik recht geben, was die Elfen betraf. Man bewunderte sie am besten aus der Ferne.

Außer den Schwierigkeiten im Umgang miteinander gab es ständig Probleme, die den Bau der Festung, die Beschaffung von Lebensmitteln und anderen Vorräten für den bevorstehenden Winter und unzählige andere Einzelheiten betrafen, die die Verwaltung einer großen Stadt mit sich brachte.

Denn das war es im Grunde, was aus ihrer Entdeckungsfahrt entstanden war. Eine Siedlung, die bald dauerhaft sein würde.

Eragon trank den letzten Schluck Met. Er spürte, wie sich der Boden unter ihm leicht neigte – die Wirkung des Getränks.

Den halben Vormittag über hatte er am Bau der Festung mitgearbeitet, und das hatte ihn und Saphira viel mehr Kraft gekostet, als er erwartet hatte. Wie viel er auch aß, es schien nie zu genügen, um die verlorene Energie zu ersetzen. In den letzten beiden Wochen hatte er seinen Gürtel noch zwei Löcher enger schnallen müssen, und das zusätzlich zu dem einen, das er in den Wochen davor an Umfang eingebüßt hatte.

Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die Pergamente auf dem Schreibtisch.

Die Erneuerung des Drachenvolks, die Führung der Reiter und der Schutz der Eldunarí waren allesamt Pflichten, die er wollte, die ihm willkommen waren und die er ernst nahm. Und doch … Eragon hätte nie erwartet, dass er einen so großen Teil seines Lebens mit so etwas verbringen würde: an einem Schreibtisch zu sitzen und über Fakten und Zahlen zu grübeln, bis seine Sicht sich vor Anstrengung trübte. So ungeheuer viel Kraft der Kampf gegen das Imperium und Galbatorix auch gekostet hatte – nie, nie wieder wollte Eragon etwas Ähnliches erleben –, es war doch auch aufregend gewesen.

Bisweilen träumte er davon, sein Schwert Brisingr zu gürten, auf Saphira zu steigen und zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Aber das war eben nur ein Traum. Sie konnten weder die Drachen noch die Reiter sich selbst überlassen, noch lange nicht.

»Barzûl«, murmelte Eragon. Die Falte zwischen seinen Brauen wurde tiefer, während er über eine ganze Flut von Flüchen nachdachte, mit denen er die Pergamente belegen könnte: Feuer, Frost, Blitz, Sturm, Zerfall zu Staub und mehr.

Er seufzte, richtete sich auf und griff abermals nach der Schreibfeder.

Halt, bremste Saphira ihn. Auf der anderen Seite des Raums regte sie sich in der gepolsterten Kuhle, die in den Boden eingelassen war: ein Nest, groß genug für einen Drachen. Das Nest, in dem er jede Nacht unter einem ihrer Flügel zusammengerollt schlief.

Als sie sich erhob, warfen ihre juwelenartigen Schuppen einen Wirbel blauer Lichtpunkte an die Wände.

»Ich kann nicht«, sagte Eragon. »Ich wünschte, ich könnte, aber ich kann nicht. Diese Verzeichnisse müssen bis zum Morgen durchgesehen werden und …«

Es wird immer Arbeit geben, sagte sie und kam zum Schreibtisch herüber. Die Spitzen ihrer glänzenden Krallen klackerten dabei auf den Stein. Immer wird es jemanden geben, der etwas von uns braucht, aber du musst auch an dich denken, Kleiner. Für heute hast du genug getan. Leg deine Feder beiseite und lass deine Sorgen ruhen. Es ist immer noch ein wenig Licht am Himmel. Geh mit Bloëdhgarm kämpfen oder mach Kopfstoßen mit Skarghaz oder tu irgendetwas anderes – nur nicht dasitzen und grübeln.

»Nein«, entgegnete Eragon und richtete den Blick auf die Reihen von Runen, die das Pergament bedeckten. »Es muss getan werden, und es gibt niemanden außer mir, der es tun kann. Wenn ich es nicht tue …«

Er zuckte zusammen, als Saphiras linke Vorderklaue den Stapel Pergamente durchbohrte und auf dem Schreibtisch festnagelte. Das Tintenfass fiel zu Boden.

Genug, sagte sie. Sie schnaubte und blies ihm ihren heißen Atem entgegen. Dann reckte sie den Hals und musterte ihn mit einem ihrer glitzernden, unergründlichen Augen. Mehr wird heute nicht gearbeitet. Du bist nicht mehr du selbst. Geh raus!

»Dukannst mir nicht –«

Geh! Sie zog die Lefzen hoch und ein tiefes Knurren drang aus ihrer Brust.

Eragon schluckte seine Worte frustriert herunter. Dann warf er die Schreibfeder neben ihre Klaue. »Na schön.« Er schob den Stuhl zurück, stand auf und hob ergeben die Hände. »Schön. Du hast gewonnen. Ich gehe.«

Gut. Ein Anflug von Erheiterung erschien in ihren Augen und sie schob ihn mit der Schnauze zum Türbogen. Geh. Und komm nicht zurück, bevor du nicht besser gelaunt bist.

»Hmpf!«

Aber er lächelte, als er durch den Bogen trat und die breite Rampe der Wendeltreppe draußen hinunterging. Trotz seines Protests tat es Eragon nicht leid, von seinem Schreibtisch wegzukommen. Natürlich wusste er, dass Saphira sich ärgerlicherweise genau darüber im Klaren war. Kein Grund zu murren – das war schließlich die Natur ihrer besonderen Verbindung.

Manchmal war es einfacher, einen Kampf auszufechten, als herauszufinden, wie man mit den alltäglicheren Dingen des Lebens fertigwurde.

Das war eine Lektion, die er immer noch lernen musste.

Die Stufen waren flach, aber breit genug, dass Saphira mühelos zwischen den Wänden hindurchgleiten konnte. Bis auf die privaten Unterkünfte war die ganze Festung so angelegt, dass sie sogar für die größten Drachen zugänglich war, genau wie die Gebäude auf der Insel Vroengard, dem früheren Zuhause der Drachenreiter. Das war notwendig, aber dadurch hatte der Bau jedes einzelnen Raums eine monumentale Anstrengung bedeutet. Die riesigen Räume wirkten noch ehrfurchtgebietender als die große Zwergenstadt Tronjheim.

Es würde alles einen freundlicheren Eindruck machen, dachte Eragon, wenn sie erst die Zeit fänden, sich um die Inneneinrichtung zu kümmern. Ein paar Flaggen und Wandteppiche an den Wänden und Vorleger vor den Kaminen würden den Schall dämpfen, Farbe hereinbringen und ganz allgemein den Gesamteindruck verbessern. Bisher gab es in dem Bau noch nicht viel mehr als Dutzende von den Zwergen gefertigte flammenlose Laternen, die jetzt in Haltern in regelmäßigen Abständen an den Wänden für Beleuchtung sorgten.

Das Bauvorhaben war ohnehin noch nicht sehr weit gediehen. Es gab ein paar Lagerräume, einige Mauern und den Drachenhorst, in dem er und Saphira schliefen, hoch oben auf einem Felsfinger mit Blick auf den Rest der geplanten Zitadelle. Noch viel mehr musste gebaut und aus dem Fels gehauen werden, bis das Ganze dem, was Eragon sich vorstellte, auch nur ansatzweise nahekommen würde.

Er schlenderte hinunter in den Haupthof, der nicht mehr war als eine quadratische Fläche aus rohen Steinen, übersät mit Werkzeugen, Seilen und Zelten. Die Urgals rangen an ihrem Feuer miteinander, wie sie es so oft taten. Eragon sah ihnen eine Weile zu, verspürte aber nicht den Wunsch, mitzumachen.

Zwei der Elfen – Ästrith und Rílven –, die auf der Festungsmauer mit Blick auf die Hügel standen, nickten ihm zu, als er sich näherte. Eragon erwiderte den Gruß, blieb in einiger Entfernung von ihnen stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sog die reine Abendluft tief ein.

Dann ging er weiter, um die Fortschritte an der Haupthalle in Augenschein zu nehmen. Die Zwerge hatten sie nach seinem Gesamtplan entworfen. Dann hatten die Elfen die Details dieses Entwurfs verfeinert. Das hatte zu nicht geringen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen geführt.

Von der Halle aus machte Eragon sich auf den Weg zu den Lagerräumen. Dort nahm er den Bestand an Kisten und Fässern mit Vorräten auf, die am vergangenen Tag eingetroffen waren. Trotz Saphiras Ermahnungen brachte er es nicht über sich, seine Arbeit liegen zu lassen.

Es musste noch so viel erledigt werden, und er hatte nie genug Zeit und Energie, um auch nur einen Bruchteil seiner Ziele zu erreichen.

In seinen Gedanken spürte er vage Saphiras Missbilligung, dass er nicht mit den Zwergen zusammen etwas trank oder Übungskämpfe mit den Elfen ausfocht oder sonst etwas, irgendetwas anderes tat als seine Arbeit. Doch keine dieser Ablenkungen reizte Eragon. Ihm war nicht nach Kämpfen zumute. Ihm war nicht nach Lesen zumute. Ihm war nicht danach zumute, Energie mit etwas zu verschwenden, was ihm nicht helfen würde, die Probleme zu lösen, vor denen sie standen.

Es hing alles von ihm ab. Von ihm und Saphira. Jede Entscheidung, die sie trafen, wirkte sich nicht nur auf die Zukunft der Reiter aus, sondern auch auf das nackte Überleben der Drachen selbst. Und wenn sie schlechte Entscheidungen trafen, konnte beides bald enden.

Solche Gedanken machten es schwer, sich zu entspannen.

Getrieben von seiner Unzufriedenheit stieg Eragon wieder die Treppe zum Drachenhorst hinauf. Bevor er ganz oben ankam, bog er allerdings in einen kleinen Nebentunnel ab und betrat den Raum, den sie – mit Magie und Spitzhacken – direkt unter dem Drachenhorst dem Fels abgerungen hatten.

Es war ein großer, aber nicht sonderlich hoher, runder Raum. In seiner Mitte lagen auf mehreren stufenförmigen Podesten eine ganze Reihe glitzernder Eldunarí. Die meisten davon hatten Saphira und er aus dem Verlies der Seelen auf Vroengard geholt. Aber es waren auch einige Seelensteine hier, die Galbatorix zu Sklaven seines Willens gemacht hatte.

Der Rest der Eldunarí – diejenigen, die von Galbatorix durch seine Zauber gequält und in den Wahnsinn getrieben worden waren – lagerte in einer Höhle tief in der Flanke des Arngor. Dort konnten sie niemandem mit den Attacken ihres verwirrten Geistes schaden. Eragon hoffte, dass es ihm irgendwann gelingen würde, sie mithilfe der anderen Drachen zu heilen. Aber das würde Jahre dauern, wenn nicht Jahrzehnte.

Wäre es nach ihm gegangen, würden sämtliche Eldunarí in diesen Höhlen lagern, zusammen mit den vielen Dracheneiern. Es gab keine bessere Möglichkeit, sie zu beschützen, keine sicherere Unterbringung. Eragon war sich des Risikos von Diebstählen nur allzu bewusst, trotz der vielen Schutzzauber, mit denen er den Raum belegt hatte.

Doch Glaedr, Umaroth und die anderen Drachen, die noch Herr ihrer Sinne waren, hatten sich geweigert, unter der Erde zu leben. Wie Umaroth sagte: Wir haben über hundert Jahre eingekerkert im Verlies der Seelen verbracht. Vielleicht werden wir eines Tages weitere hundert Jahre in Dunkelheit ausharren. In der Zwischenzeit wollen wir das Licht auf unseren Facetten spüren.

Und so war es geschehen.

Die größeren Eldunarí ruhten auf dem zentralen Podest, während die kleineren kreisförmig um sie herum lagerten. Dutzende schmale Spitzbogenfenster gliederten die runde Außenwand des Raums. Die Elfen hatten in diese Fenster Kristalle eingesetzt, die das einfallende Licht in alle Farben des Regenbogens brachen. Der nach Norden gelegene Raum war zu jeder Tagesstunde hell erleuchtet und übersät von bunten Lichtflecken, sowohl von den Fenstern her als auch von den Eldunarí selbst.

Die Zwerge und die Elfen hatten sich angewöhnt, den Raum die Halle der Farben zu nennen, und Eragon war ganz ihrer Meinung. Es war in der Tat eine passende Beschreibung.

Er trat in die Mitte des Raums und kniete vor dem funkelnden goldfarbenen Juwel nieder, das Glaedrs Herz der Herzen war. Der Geist des Drachen berührte den seinen, und Eragon spürte, wie sich ein gewaltiger Raum von Gedanken und Gefühlen vor ihm öffnete. Wie immer war es eine Erfahrung, die ihn demütig werden ließ.

Was bekümmert dich, Eragon-Finiarel?

Immer noch ruhelos presste Eragon die Lippen zusammen und blickte an den Eldunarí vorbei auf die halbdurchsichtigen Kristalle der Fenster. Zu viel Arbeit. Ich komme einfach nicht nach. Und das ist auch der Grund, warum ich es nicht schaffe, irgendetwas anderes zu tun. Es zermürbt mich.

Du musst lernen, deine Mitte zu finden, erwiderte Glaedr. Dann werden diese unbedeutenden Sorgen dich nicht mehr belasten.

Ich weiß … Und ich weiß, dass es viele, viele Dinge gibt, die ich nicht beeinflussen kann. Eragon gestattete sich ein kurzes, grimmiges Lächeln. Aber Wissen und danach handeln sind zweierlei.

Ein weiterer Geist – der von Umaroth, einem der ältesten Eldunarí – öffnete ihnen seine Gedanken. Instinktiv blickte Eragon zu dem weißen Herz der Herzen, das das Bewusstsein des Drachen enthielt.

Umaroth sagte: Was du brauchst, ist Ablenkung, damit dein Geist Ruhe und Erfrischung findet.

Ja, das stimmt, antwortete Eragon.

Dann können wir dir vielleicht helfen, Argetlam. Erinnerst du dich, wie meine Gefährten und ich vom Verlies der Seelen aus über Alagaësia gewacht haben?

Ich erinnere mich, erklärte Eragon, den bereits eine Ahnung überkam, worauf der Drache hinauswollte.

Und er lag richtig.

Wir haben diese Gewohnheit beibehalten, Argetlam, um uns die Zeit zu vertreiben. Aber auch, um bestimmte Geschehnisse zu verfolgen und nicht vom Aufstieg eines neuen Feindes überrascht zu werden.

Weitere Geister gesellten sich zu dem von Umaroth: Die Gedanken der übrigen Eldunarí strömten auf Eragons Bewusstsein ein wie ein Meer dröhnender Stimmen. Wie immer kostete es Eragon einiges an Konzentration und Anstrengung, sie abzuwehren und einen Schutzwall um seine eigenen Gedanken zu errichten. Warum überrascht mich das nicht?

Wenn du es wünschst, sagte Glaedr, können wir dir etwas von dem zeigen, was wir sehen. Eine Vision von einem anderen Ort, die dir vielleicht eine neue Sichtweise ermöglicht.

Eragon zögerte und dachte über das Angebot nach. Wie lange wird das dauern?

So lange wie nötig, Jüngling, erwiderte Umaroth. Genau davon musst du geheilt werden. Kümmert es den Adler, wie lange ein Tag dauert? Kümmert es den Bären oder den Hirsch oder den Fisch im Meer? Nein. Also, warum sollte es dich kümmern? Nimm dir nicht zu viel auf einmal vor und verschiebe den Rest auf morgen.

Also gut, stimmte Eragon zu. Er streckte sich und holte tief Luft. Dann zeigt sie mir!

Unausweichlich wie die heranrauschende Flut rollten die Gedanken der Drachen über seine hinweg. Sie rissen Eragon aus seinem Körper heraus, heraus aus der Halle der Farben. Weg vom schneebedeckten Gipfel des Arngor und weg von all seinen Sorgen und Nöten. Sie trugen ihn ins vertraute und jetzt so ferne Alagaësia.

Bilder entstanden vor ihm, und Eragon sah und empfand mehr dabei, als er erwartet hatte …

II.

Eine Gabel und eine Weggabelung

Es war zwei Tage nach Maddentide und die ersten Schneeflocken wehten aus dem wolkenverhangenen Himmel auf die Stadt Ceunon herab.

Essie bemerkte es nicht. Sie stapfte die gepflasterte Gasse hinter dem Yarstead-Hof entlang, die Lippen zu einer harten Linie zusammengepresst und die Wangen brennend, während sie sich bemühte, nicht zu weinen. Sie hasste diese dumme, gemeine Hjordis mit ihrem falschen Lächeln und ihren hübschen Schleifen und all ihren abscheulichen kleinen Beleidigungen. Sie hasste sie.

Und dann der arme Carth. Essie musste immerzu daran denken, wie enttäuscht und verletzt er sie angesehen hatte, nachdem sie ihn in den Trog gestoßen hatte. Er hatte kein einziges Wort gesagt, nur dort gesessen, wo er hingefallen war, und sie angestarrt mit großen, runden Augen.

Der Ärmel ihres Kleides war noch feucht, wo das dreckige Wasser hingespritzt war.

Das vertraute Klatschen der Wellen, die gegen die Kaimauern schlugen, wurde lauter, als sie sich dem Hafen näherte. Sie nahm die Gassen – die schmalen Wege, die die Erwachsenen selten benutzten. Über ihr hockte mit aufgeplustertem Gefieder eine Krähe auf der Dachtraufe der Sortierhalle. Der Vogel legte den Kopf schief und öffnete den Schnabel, um einen klagenden Ruf auszustoßen.

Essie schauderte, wenn auch nicht wegen der Kälte, und zog sich den Schal fester um die Schultern. Ein Hund hatte in der Nacht geheult, die Kerze auf dem kleinen Regal, auf dem die Opfergaben – Milch und Brot – für die Svartlinge lagen, war erloschen, und jetzt hatte eine einsame Krähe gerufen. Allesamt böse Omen. Wartete noch mehr Pech auf sie? Sie glaubte nicht, dass sie noch Schlimmeres ertragen konnte …

Sie schlüpfte zwischen den stinkenden Trockengestellen am Rand des Fischmarkts hindurch und erreichte die Straße. Aus dem Gasthaus Zum endlosen Gelage, das vor ihr lag, erklangen Musik und Gespräche, und warmes Licht fiel durch die Fenster auf die Straße. Diese Fenster waren aus Kristall, eigens angefertigt von den Zwergen, und sie glänzten wie Diamanten in dem flackernden Licht. Essie war jedes Mal stolz, wenn sie sie sah, selbst jetzt. Kein anderes Haus in der Straße hatte so etwas vorzuweisen.

Im Schankraum war es so laut und voll wie immer. Essie ignorierte die Gäste und ging direkt zur Theke. Ihr Papa schenkte Bier aus, wusch Krüge und servierte Teller mit geräuchertem Hering. Er sah, wie sie sich unter der Halbtür am Ende der Theke hindurchduckte.

»Du bist spät dran«, bemerkte er.

»Entschuldige, Papa.« Essie nahm sich einen Teller und belud ihn mit einem Kanten Brot, einem Stück hartem Sartos-Käse und einem verrunzelten Apfel – alles aus dem Regal unter der Theke. Sie war noch immer zu klein, um zu bedienen, aber sie würde später beim Saubermachen helfen.

Und noch später, nachdem alle zu Bett gegangen waren, würde sie sich in den Keller hinunterschleichen und die Vorräte zusammensuchen, die sie brauchte …

Sie trug den Teller zu einem freien Stuhl vor der großen steinernen Feuerstelle. Neben dem Stuhl stand ein kleiner Tisch mit einem zweiten Stuhl auf der anderen Seite. Auf diesem saß ein Mann. Er war schlank und dunkeläugig, mit einem sauber geschnittenen Bart und einem langen schwarzen Reiseumhang. Auf den Knien balancierte er einen Teller mit einer Portion gerösteter Rüben mit Lammfleisch aus der Küche ihrer Mama. Er spießte die Bissen einzeln mit einer der Eisengabeln aus dem Gasthaus auf.

Essie interessierte sich nicht für ihn. Er war einfach irgendein Reisender wie so viele, die ins Endlose Gelage kamen.

Sie ließ sich auf den freien Stuhl plumpsen, brach ein Stück von dem Brotkanten ab und stellte sich vor, es sei Hjordis’ Kopf, den sie abriss … Immer weiter zerfetzte sie mit Fingern und Zähnen das Essen und kaute mit einer Wut, die seltsam befriedigend war.

Sie hatte immer noch das Gefühl, gleich losheulen zu müssen, was sie nur noch wütender machte. Tränen waren etwas für kleine Kinder. Tränen waren etwas für Schwächlinge, die herumgeschubst wurden und denen man sagte, was sie zu tun hatten. Nicht für sie!

Sie seufzte frustriert, bevor sie in den Apfel biss, und sein Stiel verklemmte sich in der Lücke zwischen ihren Schneidezähnen.

»Du hast dich wohl geärgert«, bemerkte der Mann neben ihr verständnisvoll.

Essie runzelte die Stirn. Sie zog den Stiel zwischen ihren Zähnen hervor und warf ihn ins Feuer. »Das ist alles Hjordis’ Schuld!« Ihr Papa sah es nicht gern, wenn sie zu viel mit den Gästen redete, aber das hatte sie noch nie groß gekümmert. Die Gäste wussten immer interessante Geschichten zu erzählen, und viele von ihnen zerzausten ihr das Haar und machten Bemerkungen darüber, wie entzückend sie sei. Sie gaben ihr kandierte Nüsse oder Zuckerstangen – zumindest im Winter.

»Ach ja?«, meinte der Mann. Er legte seine Gabel beiseite und drehte sich in ihre Richtung, um sie besser betrachten zu können. »Und wer ist diese Hjordis?«

»Sie ist die Tochter von Jarek. Er ist der oberste Steinmetz des Grafen«, antwortete Essie missmutig.

»Ich verstehe. Macht sie das zu jemand Wichtigem?«

Essie schüttelte den Kopf. »Sie denkt nur, sie sei wichtig.«

»Was hat sie getan, dass du dich derart ärgern musst?«

»Alles!« Essie nahm einen energischen Bissen von dem Apfel und kaute so kräftig und schnell, dass sie sich auf die Innenseite ihrer Wange biss. Sie zuckte zusammen, schluckte und versuchte, den Schmerz zu ignorieren.

Der Mann trank einen Schluck aus seinem Krug. »Überaus interessant«, stellte er fest und benutzte eine Serviette, um sich etwas Schaum von seinem Schnurrbart zu tupfen. »Nun denn, ist es eine Geschichte, die du gern erzählen würdest? Vielleicht fühlst du dich besser, wenn du darüber redest.«

Essie sah ihn etwas misstrauisch an. Er wirkte aufrichtig, aber der Blick seiner dunklen Augen war seltsam intensiv und eine Spur hart, sodass sie sich nicht sicher war. »Mein Papa will bestimmt nicht, dass ich Euch behellige.«

»Ich habe ein wenig Zeit«, erwiderte der Mann freundlich. »Ich warte hier auf einen gewissen Geschäftspartner, der leider gewohnheitsmäßig zu spät kommt. Wenn du mir von deinem Kummer erzählen willst, dann bitte. Betrachte mich als aufmerksamen Zuhörer.«

Er benutzte eine Menge hochtrabender Worte und Essie war sein Akzent fremd. Seine Aussprache wirkte übertrieben bedächtig, als meißele der Mann die Worte mit der Zunge in die Luft. Trotzdem und trotz der Härte seiner Augen kam sie zu dem Schluss, dass er ein netter Mensch war.

Sie ließ die Beine baumeln und kickte mit den Füßen gegen den Stuhl. »Also … Ich würde es Euch gern erzählen, aber das kann ich unmöglich tun, es sei denn, wir wären Freunde.«

»Ist das so? Und wie werden wir Freunde?«

»Ihr müsst mir Euren Namen sagen! Dummkopf.«

Der Mann lächelte. Er hatte schöne Zähne. »Natürlich. Wie töricht von mir. Wenn das so ist, ich heiße Tornac.« Und er streckte ihr die Hand hin. Seine Finger waren lang und blass, sahen aber stark aus. Die Nägel waren ganz gerade geschnitten.

»Essie Siglingstochter.« Sie spürte eine Reihe von Schwielen an seinen Fingern, als sie sich die Hand gaben.

»Es ist mir ein großes Vergnügen, dich kennenzulernen, Essie. Also, was bedrückt dich?«

Essie betrachtete den halb gegessenen Apfel in ihrer Hand. Sie seufzte und legte ihn zurück auf den Teller. »Es ist alles Hjordis’ Schuld.«

»Das sagtest du bereits.«

»Sie ist immer gemein zu mir und bringt ihre Freunde dazu, mich zu piesacken.«

Tornacs Gesichtsausdruck wurde ernst. »Das ist gar nicht gut.«

Solchermaßen ermutigt, schüttelte Essie den Kopf und ließ ihrer Entrüstung freien Lauf. »Genau! Ich meine … Manchmal piesacken sie mich auch so, aber, ähm, Hjordis – wenn sie dabei ist, ist es wirklich schlimm.«

»So wie heute?«

»Ja. Schon irgendwie.« Sie brach ein Stück Käse ab und knabberte daran, während sie über die vergangenen Wochen nachdachte. Tornac wartete geduldig. Das gefiel ihr an ihm. Er erinnerte sie an eine Katze. Schließlich brachte sie den Mut auf, zu sagen: »Vor der Ernte war Hjordis auf einmal netter zu mir. Ich dachte – ich dachte, vielleicht würde es jetzt besser werden. Sie hat mich sogar zu sich nach Hause eingeladen.« Essie sah Tornac an. »Sie wohnt gleich oben an der Burg.«

»Beeindruckend.«

Essie nickte, froh darüber, dass er sie verstand. »Sie hat mir eins ihrer Bänder geschenkt, ein gelbes, und gesagt, dass ich zu ihrer Maddentide-Feier kommen darf.«

»Und bist du dort gewesen?«

Ein weiteres Nicken. »Die Feier – die Feier war heute.« Heiße Tränen füllten ihre Augen, und sie blinzelte hektisch, enttäuscht von sich selbst.

»Na, komm«, sagte Tornac betroffen und hielt ihr ein weiches weißes, quadratisches Tuch hin.

Zuerst wollte Essie es gar nicht annehmen. Das Tuch war so sauber! Aber dann kullerten ihr die Tränen über die Wangen und sie griff nach dem Taschentuch und wischte sich damit übers Gesicht. »Danke, Herr.«

Ein weiteres kleines Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes. »Es ist lange her, seit mich jemand Herr genannt hat, aber du darfst es gern tun. – Ich vermute, das Fest ist nicht so gut gelaufen?«

Essie runzelte die Stirn und drückte ihm das Taschentuch wieder in die Hand. Sie würde jetzt nicht mehr weinen. Sie doch nicht. »Das Fest war schön. Aber Hjordis – sie war wieder gemein zu mir, danach, und … und …« Essie holte tief Luft, als müsse sie Mut fassen. »Und sie hat gesagt, wenn ich nicht tue, was sie will, sagt sie ihrem Vater, er soll zum Sonnenwendfest nicht in unser Gasthaus gehen.« Sie spähte zu Tornac hinüber und fragte sich, ob er wusste, warum das so wichtig war. »Alle Steinmetze kommen her, um zu trinken, und …« Sie bekam einen Schluckauf, obwohl sie dagegen ankämpfte. »… sie trinken viel, und das bedeutet, dass sie stapelweise Kupfermünzen hierlassen.«

Tornac stellte seinen Teller auf den Tisch und beugte sich mit ernstem Gesicht zu ihr herüber. Sein Umhang raschelte wie Wind in einem Strohdach. »Was solltest du denn tun?«

Beschämt starrte Essie auf ihre dreckigen Schuhe. »Sie wollte, dass ich Carth in eine Pferdetränke schubse«, berichtete sie und stolperte über die Worte, so eilig hatte sie es, sie hervorzustoßen.

»Carth ist ein Freund von dir?«

Essie nickte unglücklich. Sie kannten einander seit ihrem dritten Lebensjahr. »Er wohnt am Hafen. Sein Vater ist Fischer.«

»Also würde man ihn nie zu einem solchen Fest einladen?«

»Nein, aber Hjordis hat ihre Dienerin geschickt, um ihn zu holen, und …« Essie starrte Tornac an, ihr Gesichtsausdruck grimmig. »Ich hatte keine Wahl! Wenn ich ihn nicht geschubst hätte, hätte sie ihrem Vater gesagt, er soll nicht mehr ins Endlose Gelage gehen.«

»Ich verstehe«, sagte Tornac in besänftigendem Ton. »Du hast also deinen Freund geschubst. Konntest du dich bei ihm entschuldigen?«

»Nein«, murmelte Essie und fühlte sich noch schlechter. »Ich – ich bin weggelaufen. Aber alle haben es gesehen. Er wird nicht länger mein Freund sein wollen. Niemand wird mehr mit mir befreundet sein wollen. Hjordis wollte mich nur austricksen. Ich hasse sie.« Essie nahm den Apfel und biss erneut ab. Ihre Zähne knackten aufeinander.

Tornac öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber in diesem Moment kam ihr Papa vorbei, um zwei Krüge zu einem Tisch an der Wand zu bringen. Er warf ihr einen missbilligenden Blick zu. »Meine Tochter fällt Euch doch nicht zur Last, oder, Meister Tornac? Sie hat die schlechte Angewohnheit, Gäste zu belästigen, die hier in Ruhe essen wollen.«

»Ganz und gar nicht.« Tornac lächelte. »Ich war viel zu lange unterwegs, nur mit der Sonne und dem Mond als Gesellschaft. Ein kleines Gespräch ist genau, was ich brauche. Ach, und …« Seine Finger tauchten unter seinen Gürtel, und Essie sah Silber aufblitzen, als er ihrem Vater die Hand hinstreckte. »… kannst du vielleicht dafür sorgen, dass die Tische neben uns frei bleiben? Ich erwarte einen Partner, und wir haben etwas, nun ja, Geschäftliches zu besprechen.«

Die Münzen verschwanden in seiner Schürze und Papa nickte. »Natürlich, Meister Tornac.« Er sah sie abermals an, seine Miene eine Spur besorgt, doch dann setzte er seinen Weg fort, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Heftige Gewissensbisse quälten Essie. Ihr Papa würde so traurig sein, wenn sie fort war. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Sie musste weg von hier.

»Also dann«, sagte Tornac und streckte seine langen Beine in Richtung Feuer. »Du wolltest mir von deinem Kummer erzählen, Essie Siglingstochter. War das der ganze Bericht?«

»Ja, das war er«, bestätigte Essie kleinlaut.

Tornac nahm die Gabel von seinem Teller und ließ sie zwischen den Fingern herumwirbeln. Sie fand den Anblick irgendwie faszinierend. »Das ist sicher alles nicht so schlimm, wie du denkst. Ich bin mir sicher, wenn du es deinem Freund erklärst …«

»Nein«, unterbrach sie ihn energisch. Sie kannte Carth. Er würde ihr nie verzeihen, was sie getan hatte. Keiner ihrer Freunde vom Hafen würde ihr verzeihen. Sie würden denken, sie hätte sich gegen sie gewandt, um sich Hjordis und den anderen Kindern vom Burgberg anzuschließen. Und in gewisser Weise hatte sie das getan. »Er wird es nicht verstehen. Er wird mir nie wieder vertrauen. Sie alle werden mich dafür hassen.«

Ein scharfer Unterton trat in Tornacs Stimme. »Dann waren sie vielleicht gar nicht wirklich deine Freunde.«