Verlag: cbj Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

Eragon - Das Erbe der Macht E-Book

Christopher Paolini  

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E-Book-Beschreibung Eragon - Das Erbe der Macht - Christopher Paolini

Das lang ersehnte, grandiose Finale der Eragon-SagaE-Book-Ausgabe mit Text-BonusmaterialDiese E-Book-Ausgabe enthält folgendes Bonusmaterial: – einen Brief Jeods über das Leben in Alagaësia nach Abschluss der Geschichte– eine neue Szene im Buch– ein Geleitwort Christopher Paolinis an seine Fans und weitere Illustrationen des AutorsEin schrecklicher Krieg wütet in Alagaësia. Alle Völker haben sich zusammengeschlossen und ziehen in den Kampf gegen Galbatorix, den grausamen Herrscher des Imperiums. Eragon weiß, dass er und Saphira ihm irgendwann gegenüberstehen werden. Treue Gefährten kämpfen an seiner Seite, allen voran die wunderschöne, kluge Elfe Arya. Doch der finstere König ist nahezu unbesiegbar, denn er besitzt die Macht zahlloser Drachen, deren Seelenhort, den Eldunarí, er an sich gerissen hat. Ein neuer Drache und ein neuer Drachenreiter verändern das Kräfteverhältnis. Wird Eragon Galbatorix besiegen können? Oder muss er sich geschlagen geben? Eine Prophezeiung besagt, dass Eragon Alagaësia für immer verlassen wird ...

Meinungen über das E-Book Eragon - Das Erbe der Macht - Christopher Paolini

E-Book-Leseprobe Eragon - Das Erbe der Macht - Christopher Paolini

Christopher Paolini

Das Erbe der Macht

Dorn

Foto: © Elena Seibert

DER AUTOR

Christopher Paolinis Leidenschaft für Fantasy und Science Fiction inspirierte ihn zu »Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter«, seinem Debütroman, den er mit fünfzehn Jahren schrieb. Inzwischen wird Paolini weltweit als Bestsellerautor gefeiert und hat seine Drachenreitersaga, die seitdem alle Rekorde bricht, mit »Eragon – Das Erbe der Macht« abgeschlossen. Er lebt mit seiner Familie in Montana.

Weitere Informationen zu Autor und Buch unter: www.eragon.de

Saphira

Christopher Paolini

Das Erbe der Macht

Aus dem amerikanischen Englisch von

MICHAELA LINK

cbj ist der Jugendbuchverlagin der Verlagsgruppe Random House

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. 1. überarbeitete Auflage 2012

Erstmals als cbj Taschenbuch Dezember 2012

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt/cbj Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text © 2011 by Christopher Paolini

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »Inheritance. The Vault of Souls« bei Alfred A. Knopf, New York.

Published by arrangement with Random House Children’s Books, a division of Random House, Inc.

Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Link

Lektorat: Luitgard Distel/Katrin Künzel

Umschlagabbildung: © 2011 by John Jude Palencar, www.johnjudepalencar.com

Illustrationen © 2002–2012 Christopher Paolini

Umschlaggestaltung und Illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft unter Verwendung eines 3D Models von Jesse Sandifer

KK · Herstellung: Claudia Zobel

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-07136-3V004www.cbj-verlag.de

Aren

WIE IMMER ist dieses Buch für meine Familie.Und ebenso für alle Träumer:für die vielen Künstler, Musiker und Geschichtenerzähler, die diese Reise möglich gemacht haben.

Glaedr

Inhalt

GELEITWORT VON CHRISTOPHER PAOLINI

IM ANFANG WAREN DIE DRACHEN

IN DIE BRESCHE

HAMMERFALL

SCHATTEN AM HORIZONT

KÖNIG KATZE

NACHKLANG

DIE ERINNERUNGEN DER TOTEN

ARBEIT FÜR EINEN MANN

DER PREIS DER MACHT

UNSANFT INS LICHT DER WELT

EIN WIEGENLIED

KEINE RAST

TANZ DER SCHWERTER

KEIN RUHM, KEINE EHRE, NUR BLASEN ÜBERALL

MONDESSERIN

REDEN AM FEUER,SCHREIBEN IM ZELT

AROUGHS

DRAS-LEONA

GEWAGTES SPIEL

FREUND ODER FEIND

WILDE FAHRT

STAUB UND ASCHE

INTERREGNUM

THARDSVERGÛNDNZMAL

DER WEG DES WISSENS

EIN VERTRAULICHES GESPRÄCH

ENTDECKUNGEN

ENTSCHEIDUNGEN

UNTER STOCK UND STEIN

EIN MAHL FÜR DIE GÖTTER

DIE UNGLÄUBIGEN SIND LOS

GLOCKENGELÄUT

SCHWARZE-WÜRGER-DORNENHÖHLE

HAMMER UND HELM

UND DIE MAUERN FIELEN …

AN DEN UFERN DES LEONA-SEES

DAS WORT EINES REITERS

KLAUSUR DER KÖNIGE

EIN ENDLOSES LABYRINTH

GEDANKENSPLITTER

UNBEANTWORTETE FRAGEN

AUFBRUCH

DIE QUAL DER UNGEWISSHEIT

DIE HALLE DER WAHRSAGERIN

AUF DEN SCHWINGEN EINES DRACHEN

SEINE STIMME, SEINE HÄNDE

KLEINE REBELLIONEN

EINE KRONE AUS SCHNEE UND EIS

BOHRMADEN

INMITTEN VON RUINEN

SNALGLÍ FÜR ZWEI

DER FELSEN VON KUTHIAN

UND DIE GANZE WELT EIN TRAUM

EINE FRAGE DES CHARAKTERS

DAS VERLIES DER SEELEN

DIE VERGESSENEN –TEIL EINS

DIE VERGESSENEN – TEIL ZWEI

RÜCKKEHR

DIE STADT DES KUMMERS

KRIEGSRAT

EINE FRAGE DER PFLICHT

FEUER IN DER NACHT

ÜBER DIE MAUER UND IN DEN SCHLUND

DER STURM BRICHT LOS

WAS UNS NICHT UMBRINGT …

IM ÄRGSTEN GETÜMMEL

DER NAME ALLER NAMEN

MUSKELN GEGEN METALL

DIE GABE DES WISSENS

TODESKAMPF

EIN MEER AUS NESSELN

DAS ERBE DES IMPERIUMS

EINE PASSENDE GRABINSCHRIFT

WIE SPIELSTEINE AUF EINEM BRETT

FÍRNEN

EIN MANN MIT GEWISSEN

EINE FRAGE DER EHRE

ALTE UND NEUE VERSPRECHEN

ABSCHIED

ÜBER DEN URSPRUNG DER NAMEN

AUSSPRACHE

DIE ALTE SPRACHE

DIE SPRACHE DER ZWERGE

DIE SPRACHE DER NOMADEN

DIE SPRACHE DER URGALS

DANKSAGUNG

EIN BRIEF VON JEOD

GELEITWORTVON CHRISTOPHER PAOLINI

I

Kvetha Fricäya! – Seid gegrüßt, Freunde!

Endlich ist es geschafft. Ich habe dreizehn Jahre gebraucht, von 1998 bis 2011, um den Eragon-Zyklus zu vollenden – weit länger, als ich erwartet hatte. Tatsächlich habe ich, als ich Eragon begann, nicht geglaubt, dass ich die Geschichte über den ersten Band hinaus fortsetzen würde.

Wieso nicht? Ich war mir mit fünfzehn überhaupt nicht sicher, ob ich die etwa fünfhundert Seiten zusammenbekommen würde, die man für ein ausgewachsenes Buch braucht. (Mehr als fünf oder sechs Seiten pro Versuch hatte ich bis dahin noch nicht zustande gebracht.) Ich wusste noch nicht, ob ich von Beruf Schriftsteller werden wollte, ja nicht einmal, dass dies wirklich eine Möglichkeit war, obwohl ich mir immer gern Geschichten ausdachte. Ich hatte keine Ahnung, wo oder womit ich die nächsten Jahre zubringen würde. (Das College war damals die naheliegendste Wahl.) Und ich hatte viel zu viele andere Dinge im Kopf, die ich ausprobieren wollte, als dass ich überhaupt in Erwägung gezogen hätte, mich endlose Jahre lang nur einem einzigen Projekt zu widmen.

Außerdem sollte Eragon für mich am Anfang nur eine Übung sein, mit der ich mir das Handwerkszeug aneignete, das ich für ein richtiges Buch brauchen würde. Natürlich hatte ich schon vor Eragon versucht, Bücher zu schreiben, war aber nie über die schon erwähnten fünf bis sechs Seiten hinausgekommen. Das Problem war immer das gleiche: Ich hatte eine coole Idee, die als Kern einer Geschichte nicht schlecht gewesen wäre, aber eben selbst noch keine Geschichte war, und stürzte mich dann sofort darauf, ohne einen Gedanken an den Aufbau der eigentlichen Geschichte und des Buches zu verschwenden. Folglich hatte ich nach den ersten paar Seiten selbst keine Ahnung, wie ich weitermachen sollte, und damals fehlten mir noch die Mittel, die Grundzüge einer Romanhandlung während des Schreibens zu improvisieren.

Das erste Buch, an dem ich mich versuchte, war die Geschichte eines Pseudosuperhelden; das Ergebnis konnte man einfach vergessen, so erbärmlich war es. Mein zweiter Anlauf galt einer postapokalyptischen Erzählung, die schon erfolgversprechender war. Aber mir fehlte noch das Gefühl für den großen Handlungsbogen und ich gab die Arbeit daran schnell wieder auf.

Etwa zur gleichen Zeit – ich glaube, es war im Jahr 1997 – las ich ein Buch mit dem Titel Jeremy Thatcher, Dragon Hatcher (Der Drache in der Schultasche) von Bruce Coville. Es handelt von einem jungen Mann in unserer Welt, der in einen heruntergekommenen Zauberladen geht und dort schließlich einen Stein kauft, der sich als Drachenei entpuppt. Aus dem natürlich ein Drache schlüpft.

Warum auch immer, jedenfalls setzte sich die Idee von einem jungen Mann, der ein Drachenei findet, bei mir fest; ich konnte an nichts anderes mehr denken. Also fing ich an, ein Buch über genau dieses Motiv zu schreiben.

Das war mein erster Versuch zu Eragon. Die Geschichte spielte damals in der wirklichen Welt. Ich hatte aber noch keine Seite geschrieben, da erkannte ich, dass es so nicht das Richtige für mich war. Außerdem war ich viel zu nah an Bruce’ Roman geblieben.

Mein zweiter Versuch spielte in einer eher traditionellen Fantasy-Welt, und da gab es schon eine Reihe von Elementen, wie ihr sie aus der später veröffentlichten Version des Eragon kennt: zum Beispiel, dass Arya das Drachenei in einen Wald befördert, wo Eragon es findet. Es gab aber auch große Unterschiede (der damalige Versuch begann mit einem Kampf in einem Verlies, Eragon hieß Kevin usw.). Obwohl das ein stärkerer, dem Stoff eher angemessener Ansatz war, fehlte mir immer noch das richtige Gefühl für die Welt des Buches und für seine Figuren, und wieder gab ich nach fünf oder sechs Seiten auf.

Das hat mich damals ganz schön frustriert, und ich begriff, dass ich mehr über das Schreiben lernen musste, wenn ich jemals ein Manuskript für ein Buch mit einem normalen Umfang fertigbekommen wollte.

Also ging ich zunächst einmal auf Abstand zu der Geschichte und verbrachte den größten Teil des Jahres 1998 damit, verschiedene Bücher darüber zu lesen, wie man die großen und kleinen Handlungsstränge eines Romans entwickelt, Welten entwirft und Figuren zeichnet. Und ich bin meinen Eltern ewig dankbar, dass sie mein Interesse erkannten und dafür sorgten, dass ich ihm nachgehen konnte. Ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen.

Während dieser Zeit las ich außerdem eine Reihe extrem schlecht gemachter Begleitbücher zu Videospielen, die mich inspirierten, gerade weil sie so schlecht gemacht waren. Ich konnte mir gut vorstellen, dass ich es besser konnte. Tatsächlich setzte ich mich sogar daran, eins von ihnen ganz neu zu schreiben. Allerdings wurde mir bereits nach wenigen zu Papier gebrachten Worten klar, dass es ziemlich witzlos war, so viel Zeit auf das Werk eines anderen zu verwenden.

Und so entschloss ich mich, alles, was ich in diesem Jahr gelernt hatte, anzuwenden und ernsthaft zu versuchen, ein Buch zu schreiben. Aber ich stürzte mich nicht einfach auf die erstbeste Geschichte, die mir in den Sinn kam. Nein, dieses Mal ging ich systematischer vor. Ich machte mir einen Arbeitsplan, in dem ich Schritt für Schritt festhielt, wie ich – hoffentlich – dorthinkam, wo ich hinwollte.

Zuerst nahm ich mir einen Monat Zeit, um eine fantastische Welt zu erschaffen und mir dann für diese Welt die Handlung eines ausgewachsenen Romans auszudenken (in der zufällig eine halbelfische Prinzessin namens Arya eine Hauptrolle spielte), obwohl ich überhaupt nicht die Absicht hatte, diesen Roman auch wirklich zu schreiben.

Es sollte nur eine Übung sein. Eine Übung, um festzustellen, ob ich so etwas überhaupt konnte.

Als ich damit fertig war, schob ich diese Welt und diese Geschichte erst einmal beiseite. Dann sagte ich mir: »Gut, ich weiß jetzt, dass ich die komplette Handlung für ein Buch entwerfen kann. Jetzt will ich sehen, ob ich das auch für eine ganze Trilogie schaffe – denn alle großen Werke der Fantasy sind Trilogien –, und dann schreibe ich den ersten Band, wieder nur als Übung. Und danach werde ich dann ein richtiges Buch schreiben.«

Dieser erste Band war nichts anderes als Eragon: Das Vermächtnis der Drachenreiter. Und ihn zu schreiben, war aufregender und hat mich mehr geformt als alles andere, was ich bis dahin getan hatte. Und so kam es, dass ich Eragon nicht einfach liegen lassen konnte, nachdem ich den ersten Entwurf fertig hatte. Ich hatte zu viel Arbeit investiert und – Übung hin oder her – wollte nun sehen, wie gut mir das Buch gelingen würde.

Jeder Band des Drachenreiterzyklus brachte seine besonderen Herausforderungen mit sich: Für Das Vermächtnis der Drachenreiter musste ich die grundlegenden Regeln der Grammatik und des Romanschreibens lernen. In Der Auftrag des Ältesten hatte ich mir und der Welt zu beweisen, dass der erste Band kein Glückstreffer war. Und ich versuchte mich sprachlich zu verbessern – sowohl was die Erzählsprache als auch was die erfundenen Sprachen des Buches betraf. Außerdem ging es mir darum, die Emotionen der handelnden Personen lebendiger werden zu lassen und verschiedene strukturelle Elemente zu verbessern. Für Die Weisheit des Feuers verfeinerte ich mein Handwerkszeug weiter, und ich sah mich unerwartet vor der Notwendigkeit, das Buch in zwei Bände aufzuteilen, damit ich meinen Lesern keinen Wälzer von fast zweitausend Seiten zumutete. Und bei Das Erbe der Macht brachten mich die neue Aufgabe, eine Geschichte zum Abschluss zu bringen (das hatte ich auch nach drei bereits erschienen Büchern noch nie gemacht), die schiere Länge des Bandes und eine Schilddrüsenerkrankung, die man lange nicht erkannt hatte und die mich zeitweilig fast bewegungsunfähig machte, an die Grenzen meiner Kraft und Fähigkeiten.

In gewisser Weise passte es gut, dass Eragon und seine Gefährten ihre dunkelsten Stunden durchlebten, als auch ich mich in einer Krise befand. Aus dieser Erfahrung habe ich viel gelernt, vor allem wie wertvoll Beharrlichkeit ist. Oft war ich versucht, die Arbeit an dem Buch liegen zu lassen und mich etwas Leichterem zuzuwenden – beispielsweise, von Hand schwere Felsen zu bewegen. Oder ein Bild der Sixtinischen Kapelle in Originalgröße zu malen, und zwar mit einem Zahnstocher. Aber ich blieb bei meinem Buch, weil ich wusste, dass ich es mir nie verzeihen würde, wenn ich diese Reise nicht zu Ende brachte. Von den empörten Lesern einmal ganz abgesehen.

Obwohl die Arbeit daran manchmal unerträglich schwer war, ist der Drachenreiterzyklus ein Teil meines Lebens gewesen. Durch ihn habe ich einige wunderbare Erlebnisse gehabt und sehr viele interessante Menschen kennengelernt. Und vor allem hat er mir ermöglicht, das zu tun, was ich gern tue, nämlich Geschichten erzählen. Und das erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit.

Trotzdem müsste ich, wenn meine Bücher weiterhin ein Spiegel meines Lebens sein sollen, als Nächstes wohl eine Komödie schreiben.

II

Diese spezielle Ausgabe ist aus mehreren Gründen etwas Besonderes.

Sie enthält einige neue Illustrationen – manche sind von mir, manche von dem Illustrator der Cover, John Jude Palencar – sowie eine Ergänzung, die mir besonders am Herzen liegt: einen Brief von Jeod, der nach den Ereignissen dieses Bandes geschrieben wurde und als Epilog dient. Wer Das Erbe der Macht noch nicht gelesen hat, sollte es besser vor diesem Brief lesen, denn sonst verrät der Brief zu viel von der Handlung.

Außer den Illustrationen und dem Brief habe ich auch noch einige Stellen gegenüber vorherigen Auflagen geändert. In einem so umfangreichen Werk gibt es immer ein paar Fehler im Detail, die dem Autor (und dem Lektor, dem Redakteur, den Testlesern usw.) entgehen. Als mir daher mein Verlag, Knopf, die Möglichkeit bot, das Buch noch einmal durchzusehen, habe ich die Gelegenheit gern genutzt.

Was also habe ich geändert?

Einem aufmerksamen Leser war aufgefallen, dass Eragons Schwert im Kapitel »Das Wort eines Reiters« einmal nicht in Flammen aufgeht, wenn er dessen Namen nennt. Ein etwas peinliches Versehen meinerseits. Es ist nun richtiggestellt.

Den Dialog zwischen Eragon und Arya gegen Ende des Kapitels »Eine Frage der Pflicht« habe ich etwas erweitert; es geht um ihr Gespräch über die wahren Namen.

Das Kapitel »Feuer in der Nacht« habe ich um eine Szene ergänzt, in der Eragon den verwundeten Krieger aus Die Weisheit des Feuers wiedertrifft – den Krieger, der das Licht sieht, welches alles Fleisch erhellt.

Im Kapitel »Was uns nicht umbringt« habe ich eine kurze Erwähnung von Eragons magischem Faelnirv eingefügt und im Kapitel »Wie Spielsteine auf einem Brett« ein paar Zeilen über Jeod und Saphira. Im selben Kapitel habe ich den Abschnitt, der von der Insel Vroengard handelt, etwas verständlicher gemacht und im Schlusskapitel, »Abschied«, schließlich die drei Eldunarí erwähnt, die aus den dort angeführten Gründen in Du Weldenvarden bleiben werden.

Ich habe das Gefühl, dass ich mit diesen Änderungen hauptsächlich einige kleine Versäumnisse meiner Darstellung behoben habe. Denn was geschehen ist in Alagaësia, ist geschehen, auch wenn ich es zuvor vielleicht nicht mit aufgeschrieben hatte.

III

Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass der Drachenreiterzyklus – vorerst jedenfalls – mein Lebenswerk ist. Ich hoffe sehr, dass ich ihn eines Tages noch übertreffen werde, aber bisher ist er meine größte Leistung, und selbst wenn ich nie wieder etwas Neues schreibe, kann ich doch auf die Eragon-Bände zeigen und sagen: »Das ist mein Werk!«

Ihr könnt euch denken, dass ich stolz darauf bin.

Doch war es nicht leicht, Eragon und Saphira – und all den anderen Menschen, Drachen, Elfen und Zwergen Lebewohl zu sagen, nachdem ich so viele Jahre in ihrer Gesellschaft verbracht hatte. Wer genauso traurig ist wie ich, sie davonziehen zu sehen, sollte bedenken, dass das Ende dieses Bandes nicht auch das Ende von Alagaësia ist. Diese Welt lebt weiter, ganz gleich ob ich als Chronist ihre weitere Geschichte aufzeichne oder nicht. Schließlich haben Träume ein Eigenleben. Vor allem Träume von Drachen.

Ja, ich habe durchaus die Absicht, irgendwann einmal nach Alagaësia zurückzukehren. (Der eine oder andere hat vielleicht schon die Pforten entdeckt, die ich offen gelassen habe und die in die Handlung eines zukünftigen Buches führen können.) Aber zuerst gibt es andere Geschichten, die ich erzählen will, Geschichten, von denen ich hoffe, dass sie meinen Lesern ebenso viel Freude machen werden wie die Geschichte von den Drachenreitern.

Bis es so weit ist, blättert um und lasst euch erzählen, wie Eragon Schattentöter und Saphira Bjartskular der dunklen Stadt Urû’baen immer näher kommen, der Stadt, in der Galbatorix, der König des Schreckens, sie auf seinem geraubten Thron erwartet …

Atra Esterní ono thelduin.

Christopher PaoliniOktober 2012

IM ANFANGWARENDIE DRACHEN

Die Geschichte vom Vermächtnis der Drachenreiter,dem Auftrag des Ältesten undder Weisheit des Feuers

Im Anfang waren die Drachen: stolz, wild und unabhängig. Ihre Schuppen waren wie Edelsteine und jeder verzweifelte bei ihrem Anblick, denn ihre Schönheit war groß und schrecklich.

Für sehr lange Zeit lebten sie allein im Lande Alagaësia.

Dann schuf der Gott Helzvog aus dem Stein der Wüste Hadarac die starken und unbeugsamen Zwerge.

Und oft herrschte Krieg zwischen den beiden Völkern.

Dann kamen die Elfen über das silberne Meer nach Alagaësia gesegelt. Auch sie führten Krieg mit den Drachen. Aber die Elfen waren stärker als die Zwerge und sie hätten die Drachen zerstört, wie auch die Drachen die Elfen zerstört hätten.

Und so wurde ein Frieden geschlossen und ein Pakt zwischen den Drachen und den Elfen besiegelt. Mit diesem Pakt schufen sie die Drachenreiter, die den Frieden in Alagaësia wahrten wohl über tausend Jahre.

Dann kamen die Menschen über das Meer nach Alagaësia. Und die gehörnten Urgals. Und die Ra’zac, die menschenfressenden Jäger der Dunkelheit.

Und die Menschen traten dem Pakt mit den Drachen bei.

Doch ein junger Drachenreiter, Galbatorix, erhob sich gegen seinesgleichen. Er versklavte den schwarzen Drachen Shruikan und brachte dreizehn der anderen Reiter dazu, sich ihm anzuschließen. Und die dreizehn nannte man die Abtrünnigen.

Und Galbatorix und die Abtrünnigen bezwangen die Reiter, brannten ihre Stadt auf der Insel Vroengard nieder und erschlugen alle Drachen dort, bis auf drei Eier: ein rotes, ein blaues, ein grünes. Und wo sie konnten, nahmen sie den Drachen ihren Eldunarí – das Herz der Herzen, das die Macht und den Geist eines Drachen enthält, auch fern von seinem Körper.

Und zweiundachtzig Jahre lang regierte Galbatorix uneingeschränkt über die Menschen. Die Abtrünnigen starben, er jedoch lebte, denn seine Macht war die Macht aller Drachen und niemand konnte hoffen, ihn zu stürzen.

Im dreiundachtzigsten Jahr seiner Herrschaft stahl ein Mann das blaue Drachenei aus seiner Burg. Das Ei gelangte in die Obhut derer, die noch immer gegen Galbatorix kämpften und die man die Varden nannte.

Die Elfe Arya brachte das Ei zu den Varden und zu den Elfen, auf der Suche nach einem Menschen oder Elf, für den das Drachenküken schlüpfen möge. So vergingen fünfundzwanzig Jahre.

Dann, als Arya in die Elfenstadt Osilon reiste, wurde sie von einer Schar Urgals angegriffen. Bei den Urgals aber war der Schatten Durza: ein Zauberer, der von einem Dämon besessen war, den er heraufbeschworen hatte, um ihn sich gefügig zu machen. Nach dem Tode der Abtrünnigen war er zu Galbatorix’ meistgefürchtetem Diener geworden. Die Urgals erschlugen Aryas Wachen, doch bevor sie und der Schatten die Elfe gefangen nehmen konnten, sandte Arya das Ei mit Magie zu jemandem, von dem sie glaubte, er würde es beschützen können.

Aber ihr Zauber misslang.

Und so geschah es, dass Eragon, ein Waisenjunge von nur fünfzehn Jahren, das Ei in den Bergen des Buckels fand. Er nahm das Ei mit auf den Hof, wo er bei seinem Onkel Garrow und seinem einzigen Cousin Roran lebte. Das Drachenküken in dem Ei schlüpfte für Eragon und er zog es auf. Und er gab dem Drachen den Namen Saphira.

Da sandte Galbatorix zwei Ra’zac aus, das Ei zu finden und ihm zurückzubringen. Sie erschlugen Garrow und brannten Eragons Zuhause nieder. Denn Galbatorix hatte sich die Ra’zac untertan gemacht und es blieben nur wenige von ihnen.

Eragon und Saphira machten sich auf, um Rache zu üben an den Ra’zac. Begleitet wurden sie von Brom, dem Geschichtenerzähler, der vor dem Sturz der Reiter einst selbst ein Drachenreiter gewesen war. Brom war es auch, dem die Elfe das blaue Ei hatte schicken wollen.

Brom brachte Eragon viel über Schwertkunst und Magie bei, außerdem, was Ehre bedeutete. Und er gab ihm Zar’roc, das Schwert, das einst Morzan geführt hatte, der erste und mächtigste unter den Abtrünnigen. Aber die Ra’zac töteten Brom bei ihrer nächsten Begegnung und Eragon und Saphira entkamen nur mit der Hilfe eines jungen Mannes. Sein Name war Murtagh und er war Morzans Sohn.

Auf ihrer Reise durch Alagaësia nahm Durza, der Schatten, Eragon in der Stadt Gil’ead gefangen. Eragon konnte sich selbst befreien und er befreite auch Arya aus ihrer Zelle. Arya war vergiftet und schwer verletzt, sodass Eragon, Saphira und Murtagh sie mit zu den Varden nahmen, die bei den Zwergen im Beor-Gebirge lebten.

Dort wurde Arya geheilt, und dort segnete Eragon einen Säugling mit dem Namen Elva. Sein Segen sollte das Mädchen vor allem Unglück bewahren. Eragon aber sprach den Segen unwissentlich falsch und er kehrte sich in einen Fluch um. Der Fluch zwang Elva, stattdessen, alle um sie herum vor jedem Unglück zu bewahren.

Bald darauf schickte Galbatorix ein großes Urgal-Heer, die Zwerge und die Varden zu überfallen. Und in der folgenden Schlacht tötete Eragon den Schatten Durza. Aber Durza fügte Eragon eine schwere Wunde am Rücken zu und Eragon litt schreckliche Qualen, trotz aller Heilzauber der Varden.

Und in seinem Schmerz hörte er eine Stimme. Und die Stimme sagte: Komm zu mir, Eragon. Komm zu mir, denn ich habe Antworten auf all deine Fragen.

Drei Tage danach lockten Urgals Ajihad, das Oberhaupt der Varden, in einen Hinterhalt und töteten ihn auf Befehl eines Zwillingspaars von Magiern, die die Varden an Galbatorix verraten hatten. Die Zwillinge entführten auch Murtagh und brachten ihn zu Galbatorix. Für Eragon und alle anderen bei den Varden aber sah es so aus, als sei Murtagh umgekommen. Eragon war sehr betrübt.

Und Ajihads Tochter Nasuada wurde Anführerin der Varden.

Aus Tronjheim, dem Hauptsitz der Zwerge, brachen Eragon, Saphira und Arya auf gen Norden, in die Wälder von Du Weldenvarden, wo die Elfen lebten. Mit ihnen reiste der Zwerg Orik, der Neffe des Zwergenkönigs Hrothgar.

In Du Weldenvarden lernten Eragon und Saphira Oromis und Glaedr kennen, den letzten freien Reiter und seinen Drachen. Sie hatten dort das letzte Jahrhundert im Verborgenen gelebt und warteten darauf, die nächste Generation von Drachenreitern auszubilden. Eragon und Saphira trafen dort auch Königin Islanzadi, die Herrscherin der Elfen und Mutter von Arya.

Während Oromis und Glaedr Eragon und Saphira noch ausbildeten, sandte Galbatorix die Ra’zac und einen Trupp Soldaten in Eragons Heimatdorf Carvahall, auf dass sie dort seinen Cousin Roran gefangen nähmen. Aber Roran versteckte sich und seine Häscher hätten ihn nicht gefunden, wenn nicht der Metzger Sloan ihn in seinem Hass verraten hätte. Denn Sloan brachte einen Wachmann aus Carvahall um, um die Ra’zac ins Dorf zu lassen, wo sie Roran überraschten.

Roran kämpfte und entkam, aber die Ra’zac raubten ihm seine geliebte Katrina, Sloans Tochter. Daraufhin überzeugte Roran die Dorfbewohner, ihre Heimat zu verlassen und mit ihm zu kommen. Sie zogen durch die Berge des Buckels bis zur Küste von Alagaësia und weiter mit dem Schiff in das Land Surda tief im Süden, das noch unabhängig von Galbatorix war.

Weiterhin quälte Eragon die Wunde auf seinem Rücken. Aber während der Blutschwur-Zeremonie der Elfen, in der sie allhundertjährlich den Pakt zwischen Reitern und Drachen feierten, wurde seine Wunde vom Urvater aller Drachen geheilt, dem Geist, den die Elfen am Ende des Festes heraufbeschworen. Auch verlieh dieser Geist Eragon die Kraft und die Schnelligkeit, die sonst nur Elfen eigen war.

Dann flogen Eragon und Saphira nach Surda, wo Nasuada die Varden hingeführt hatte, um ihren Angriff auf Galbatorix’ Imperium zu beginnen. Dort schlossen sich die Urgals den Varden an, denn sie hatten herausgefunden, dass Galbatorix ihren Geist beeinflusst hatte, und wollten Rache üben. Bei den Varden war auch Elva. Und Eragon sah, dass sein Zauber sie unnatürlich schnell hatte heranwachsen lassen. Aus dem Säugling war vor der Zeit ein Mädchen von drei oder vier Jahren geworden. Wahrhaft furchtbar war ihr Blick, denn sie kannte die Schmerzen all derer, die um sie waren.

Und unweit der Grenze von Surda, in der Schwärze der Brennenden Steppen, schlugen Eragon, Saphira und die Varden eine blutige Schlacht gegen Galbatorix’ Armee.

Inmitten der Schlacht stießen Roran und die Männer aus Carvahall zu den Varden, wie auch die Zwerge, die aus dem Beor-Gebirge zu ihnen gekommen waren.

Aber von Osten erhob sich ein Reiter in glänzender Rüstung. Und er ritt auf einem funkelnden roten Drachen. Und mit einem Zauber tötete er König Hrothgar.

Da kämpften Eragon und Saphira gegen den Reiter und seinen roten Drachen. Und sie erkannten, dass der Reiter Murtagh war, gebunden an Galbatorix durch unlösbare Eide. Und der Drache war Dorn, geschlüpft aus dem zweiten der drei Eier.

Murtagh besiegte Eragon und Saphira mit der Macht der Eldunarí, die Galbatorix ihm gegeben hatte. Doch Murtagh ließ Eragon und Saphira ziehen, denn er trug noch immer Freundschaft zu Eragon im Herzen. Und er offenbarte Eragon, dass sie Brüder seien, beide Söhne von Morzans Lieblingsgefährtin Selena.

Dann entriss Murtagh Eragon das Schwert ihres Vaters, Zar’roc, und Murtagh und Dorn zogen sich von den Brennenden Steppen zurück, und so auch der Rest von Galbatorix’ Streitmacht.

Nachdem die Schlacht geschlagen war, flogen Eragon, Saphira und Roran zu dem dunklen Felsenberg Helgrind, der den Ra’zac als Unterschlupf diente. Sie erschlugen einen der Ra’zac – und die widerlichen Eltern der Ra’zac, die Lethrblaka – und retteten Katrina aus dem Helgrind. Und in einer der Zellen entdeckte Eragon Katrinas Vater Sloan, blind und halb tot.

Eragon erwog, Sloan um seines Verrats willen zu töten, aber er verwarf den Gedanken. Stattdessen versetzte er Sloan in einen tiefen Schlaf und erklärte Roran und Katrina, dass er tot sei. Dann bat er Saphira, dass sie Roran und Katrina zu den Varden zurückbringen möge, während er blieb, um den letzten Ra’zac zu jagen.

Allein tötete Eragon den letzten Ra’zac. Dann holte er Sloan aus dem Helgrind. Nach gründlichem Nachdenken fand Eragon Sloans wahren Namen in der alten Sprache, der Sprache der Macht und der Magie. Und Eragon band Sloan mit seinem Namen und er zwang den Metzger, zu schwören, dass er seine Tochter nie wiedersehen würde. Dann schickte Eragon ihn zu den Elfen, dort zu leben. Er sagte dem Metzger jedoch nicht, dass die Elfen ihm sein Augenlicht wiedergeben würden, sobald er den Verrat und den Mord bereute, den er begangen hatte.

Arya kam Eragon auf seinem Rückweg zu den Varden entgegen und zusammen kehrten sie zu Fuß durch Feindesland zurück.

Bei den Varden erfuhr Eragon, dass Königin Islanzadi zwölf Elfen, allesamt Magier, gesandt hatte, angeführt von einem Elf namens Bloëdhgarm, um ihn und Saphira zu beschützen. Eragon machte seinen Fluch an Elva rückgängig, soweit es in seiner Macht stand. Doch sie behielt ihre Fähigkeit, den Schmerz anderer zu empfinden, wenn sie auch nicht mehr gezwungen war, sie vor ihrem Unheil zu bewahren.

Und Roran heiratete Katrina, die schwanger war, und zum ersten Mal seit langer Zeit war Eragon glücklich.

Da griffen Murtagh, Dorn und eine Gruppe von Galbatorix’ Männern die Varden an. Mithilfe der Elfenmagier konnten Eragon und Saphira sie aufhalten, aber weder Eragon noch Murtagh konnten den Sieg erringen. Es war eine schwere Schlacht, denn Galbatorix hatte seine Soldaten mit einem Zauber belegt, sodass sie keinen Schmerz empfanden, und die Varden hatten hohe Verluste zu beklagen.

Kurz darauf entsandte Nasuada Eragon als Vertreter der Varden zu den Zwergen, die ihren neuen König wählten. Eragon ging nur sehr ungern, denn Saphira musste bleiben und das Feldlager der Varden beschützen. Doch er ging.

Und Roran diente den Varden und stieg in ihren Rängen auf, indem er sich als guter Krieger und Anführer erwies.

Während Eragon bei den Zwergen weilte, versuchten sieben von ihnen, ihn zu ermorden. Nachforschungen ergaben, dass der Clan der Az Sweldn rak Anhûin hinter dem Anschlag steckte. Die Clan-Versammlung aber wurde fortgesetzt und Orik wurde zum Nachfolger seines Onkels als König der Zwerge gewählt. Zur Krönung kam auch Saphira. Dabei erfüllte sie ihr Versprechen, den großen Sternsaphir, den Stolz der Zwerge, wiederherzustellen, den Arya während Eragons Kampf mit dem Schatten Durza gesprengt hatte.

Dann flogen Eragon und Saphira nach Du Weldenvarden zurück. Dort enthüllte Oromis Eragon die Wahrheit über seine Herkunft: dass er tatsächlich nicht Morzans Sohn war, sondern der Sohn Broms, auch wenn Selena ihrer beider Mutter war. Oromis und Glaedr erklärten Eragon und Saphira auch, was es mit den Eldunarí auf sich hatte. Ein Drache konnte schon bei Lebzeiten beschließen, sein Herz der Herzen auszuspeien – was aber nur unter größter Vorsicht geschehen durfte. Denn wer immer den Eldunarí besaß, konnte mit ihm den Drachen kontrollieren, dem er gehörte.

Im Elfenwald entschied Eragon, dass er ein Schwert als Ersatz für Zar’roc brauche. Er entsann sich der Worte der Werkatze Solembum, die er auf seiner Reise mit Brom getroffen hatte, und begab sich zum Menoa-Baum in Du Weldenvarden. Er sprach mit dem Baum und der Baum willigte ein, ihm gegen einen ungenannten Preis den Sternenstahl unter seinen Wurzeln zu überlassen.

Dann formte die Elfenschmiedin Rhunön – die die Schwerter aller Reiter geschmiedet hatte – zusammen mit Eragon aus dem Sternenstahl eine neue Klinge. Das Schwert war blau und Eragon nannte es Brisingr – »Feuer«. Und die Klinge des Schwerts ging in Flammen auf, wann immer er ihren Namen sprach.

Dann vertraute Glaedr Eragon und Saphira sein Herz der Herzen an und sie machten sich auf zu den Varden. Glaedr und Oromis dagegen schlossen sich dem Elfenheer an, um das Imperium von Norden her anzugreifen.

Beim Sturm auf Feinster trafen Eragon und Arya auf drei feindliche Magier. Einer von ihnen verwandelte sich in den Schatten Varaug. Mit Eragons Hilfe tötete Arya ihn.

Zur selben Stunde lagen Oromis und Glaedr im Kampf mit Murtagh und Dorn. Und Galbatorix nahm Besitz von Murtaghs Geist und beherrschte ihn. Mit Murtaghs Arm erschlug Galbatorix Oromis und Dorn tötete Glaedrs Körper.

Und wenn die Varden auch in Feinster gesiegt hatten, so hatten Eragon und Saphira doch den Verlust ihres Lehrers Oromis zu beklagen. Die Varden aber marschierten weiter, immer tiefer in das Imperium hinein und auf die Hauptstadt Urû’baen zu, wo Galbatorix residiert, hochmütig, siegessicher und voller Verachtung für seine Feinde, denn sein ist die Macht der Drachen.

Das Erbe der Macht

Shruikan

INDIE BRESCHE

Saphira brüllte und die Soldaten vor ihr erzitterten.

»Mir nach!«, rief Eragon. Er riss Brisingr hoch, sodass alle es sehen konnten. Hell schillernd strahlte das blaue Schwert vor der Wand aus schwarzen Wolken, die sich im Westen zusammenballten. »Für die Varden!«

Ein Pfeil zischte an ihm vorbei, doch er beachtete ihn nicht.

Die Krieger, die sich vor der eingestürzten Mauer versammelt hatten, auf der Eragon und Saphira standen, brüllten als Antwort aus vollem Halse: »Für die Varden!« Sie schwangen ihre eigenen Waffen, stürmten vorwärts und begannen über die Steinbrocken des Schuttwalls zu klettern.

Eragon wandte seinen Männern den Rücken zu. Auf der anderen Seite des Trümmerhaufens lag ein weiter Burghof. Etwa zweihundert Soldaten des Imperiums drängten sich dort zusammen. Hinter ihnen erhob sich der hohe, düstere Wohnturm der Burg mit schmalen Schlitzen als Fenstern und mehreren rechteckigen Türmchen. Ganz oben im höchsten brannte ein Licht. Irgendwo in dem Gebäude, das wusste Eragon, hielt sich Fürst Bradburn auf, der Gouverneur von Belatona – der Stadt, um deren Einnahme die Varden seit mehreren Stunden kämpften.

Mit einem Aufschrei sprang Eragon von den Trümmern auf die Soldaten zu. Die Männer wichen zurück, richteten aber ihre Speere und Piken weiter auf das gezackte Loch, das Saphira in die Ringmauer der Burg gerissen hatte.

Bei der Landung knickte Eragon mit dem rechten Fuß um. Er fiel aufs Knie und musste sich mit der Schwerthand auf dem Boden abstützen.

Einer der Soldaten nutzte die Gelegenheit, löste sich aus der Formation und stieß mit seiner Lanze nach Eragons ungeschützter Kehle.

Mit einer kleinen Drehung seines Handgelenks parierte Eragon den Stoß. Brisingr schwang so schnell herum, dass weder Mensch noch Elf der Bewegung folgen konnten. Das Gesicht des Soldaten erstarrte vor Angst, als er seinen Fehler erkannte. Er versuchte zu fliehen, aber bevor er sich auch nur eine Handbreit bewegen konnte, stürzte Eragon vor und rammte ihm seine Klinge in die Eingeweide.

Mit einem gewaltigen Satz folgte Saphira Eragon in den Burghof. Blaue und gelbe Flammen strömten ihr aus dem Rachen. Eragon ging in die Hocke und spannte die Beinmuskeln an, als sie hart auf dem gepflasterten Grund landete. Der Aufprall ließ den ganzen Hof erzittern. Viele der Glassteinchen, die in dessen Mitte ein großes buntes Mosaik auf dem Boden bildeten, lösten sich und sprangen hoch wie Münzen, die man auf eine Trommel geworfen hatte. Weiter oben riss es die Läden eines Turmfensters auf, dann knallten sie wieder zu.

Die Elfe Arya begleitete Saphira. Das lange schwarze Haar wehte ihr wild um das schmale Gesicht, als sie von der eingestürzten Mauer heruntersprang. Blutspritzer bedeckten ihre Arme und ihren Hals. Die Klinge ihres Schwerts war mit getrocknetem Blut überzogen. Mit einem sanften Knarzen von Leder landete sie auf den Pflastersteinen.

Ihre Gegenwart machte Eragon Mut. Es gab niemanden, an dessen Seite er und Saphira lieber gekämpft hätten. Sie war, dachte er, die ideale Kampfgefährtin.

Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln, das Arya erwiderte. Sie wirkte nun wild und entschlossen. Im Kampf war von der für sie typischen Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. An ihre Stelle trat eine Offenheit, die sie sonst nur selten zeigte.

Eragon duckte sich hinter seinen Schild, als eine sich kräuselnde Wand aus blauem Feuer zwischen ihnen erschien. Den Helm tief ins Gesicht gedrückt, beobachtete er, wie Saphira die Soldaten in einem Meer von Flammen badete. Aber das Feuer umloderte die Männer, ohne ihnen den geringsten Schaden zuzufügen.

Die Reihe der Bogenschützen auf den Zinnen der Burg ließ eine Salve von Pfeilen auf Saphira herabregnen. Ihr Feueratem verströmte jedoch eine solche Hitze, dass die meisten Pfeile bereits auf halbem Wege in Flammen aufgingen und zu Asche zerfielen. Die übrigen wurden von dem Schutzzauber abgewehrt, mit dem Eragon Saphira belegt hatte. Einer der abgelenkten Pfeile prallte mit einem dumpfen Schlag von Eragons Schild ab und hinterließ eine Kerbe.

Die Flammenzungen wanden sich jäh um drei der Soldaten und töteten sie so schnell, dass sie nicht einmal mehr einen Schrei von sich geben konnten. Die anderen Soldaten drängten sich in der Mitte des Infernos zusammen, wobei die Klingen ihrer Speere und Piken in dem grellen blauen Licht funkelten.

Sosehr sie sich auch bemühte, Saphira konnte die Überlebenden nicht einmal ansengen. Schließlich gab sie auf und schloss mit einer entschiedenen Geste das Maul. Nach dem unvermittelten Ende des Flammeninfernos herrschte auf dem Innenhof eine beunruhigende Stille.

Wie schon etliche Male zuvor kam Eragon in den Sinn, dass der Schutzzauber dieser Soldaten das Werk eines geschickten und mächtigen Magiers sein musste. Kann es Murtagh sein?, fragte er sich. Wenn ja, warum sind er und Dorn dann nicht hier, um Belatona zu verteidigen? Ist es Galbatorix gleich, ob er die Kontrolle über seine Städte verliert?

Eragon stürmte los und mit einem einzigen Streich Brisingrs schlug er die Spitzen von einem Dutzend Piken und Hellebarden ab, so mühelos wie er in jüngeren Jahren die Ähren von Gerstenhalmen geköpft hatte. Er schlitzte dem ihm am nächsten stehenden Soldaten die Brust auf und durchdrang dabei seinen Panzer, als sei er aus dünnstem Tuch. Eine Blutfontäne spritzte aus der Wunde. Dann erstach Eragon den nächsten Soldaten in der Reihe und schlug den Soldaten zu seiner Linken so heftig mit seinem Schild, dass der Mann drei seiner Kameraden mit zu Boden riss.

Die Reaktionen der Soldaten wirkten auf Eragon unbeholfen und träge, während er durch ihre Reihen tanzte und sie ungestraft niedermähte. Saphira stürzte sich zu seiner Linken ins Getümmel – sie schleuderte Soldaten mit gewaltigen Prankenhieben durch die Luft, erschlug sie mit ihrem zackenbewehrten Schwanz oder packte sie mit dem Maul und brach ihnen mit einer schnellen Bewegung ihres Kopfes das Genick. Währenddessen war Arya zu seiner Rechten ein einziger Wirbel schneller Bewegungen, wobei jeder Hieb ihres Schwertes einem weiteren Diener des Imperiums den Tod brachte. Als Eragon sich herumwarf, um zwei Speeren auszuweichen, bemerkte er dicht hinter sich den fellbedeckten Elf Bloëdhgarm – genau wie die elf übrigen Elfen, deren Aufgabe darin bestand, ihn und Saphira zu schützen.

Inzwischen strömten auch die Varden durch das Loch in der Außenmauer in den Burghof, ohne vorerst jedoch in den Kampf einzugreifen. Es war zu gefährlich, sich in Saphiras Nähe zu wagen. Weder der Drache noch Eragon oder die Elfengarde brauchten Hilfe, um mit den Soldaten fertig zu werden.

Im Eifer des Gefechts fanden sich Eragon und Saphira bald an entgegengesetzten Enden des Burghofs wieder. Eragon machte sich deshalb keine Sorgen. Auch ohne Schutzzauber war Saphira in der Lage, zwanzig bis dreißig Soldaten zu besiegen.

Ein Speer krachte gegen Eragons Schild und schrammte an seiner Schulter entlang. Er wirbelte zu dem Werfer herum, einem großen, narbengesichtigen Mann, dem die unteren Schneidezähne fehlten, und stürmte auf ihn zu. Der Mann mühte sich, einen Dolch aus seinem Gürtel zu ziehen. Kurz bevor er ihn erreichte, drehte Eragon sich ein wenig, spannte Arme und Brust an und rammte dem Mann die geprellte Schulter ins Brustbein. Die Wucht des Aufpralls trieb den Soldaten mehrere Schritte zurück; dann fasste er sich an die Brust und brach zusammen.

Plötzlich hagelten wieder schwarz gefiederte Pfeile herab und töteten oder verletzten viele der Soldaten. Eragon wich den Geschossen aus und benutzte seinen Schild als Deckung, obwohl er überzeugt war, dass seine Magie ihn beschützen würde. Aber deshalb durfte er nicht unvorsichtig werden. Jederzeit konnte ein feindlicher Magier einen Pfeil abschießen, der die Schutzzauber möglicherweise durchbrechen konnte.

Ein bitteres Lächeln erschien auf Eragons Lippen. Den Bogenschützen über ihm war klar geworden, dass ihre einzige Hoffnung auf einen Sieg darin bestand, Eragon und die Elfen irgendwie zu töten, ganz gleich wie viele ihrer eigenen Männer sie dafür opfern mussten.

Für euch ist es zu spät, dachte Eragon mit grimmiger Befriedigung. Ihr hättet euch vom Imperium abwenden sollen, solange ihr noch die Chance dazu hattet.

Der anhaltende Hagel surrender Pfeile gab ihm die willkommene Gelegenheit, einen Moment durchzuatmen. Der Sturm auf die Stadt hatte bei Tagesanbruch begonnen und er und Saphira hatten die ganze Zeit über an vorderster Front gekämpft.

Sobald kaum mehr Pfeile flogen, wechselte Eragon Brisingr in die linke Hand, hob den Speer eines Soldaten vom Boden auf und schleuderte ihn nach den Bogenschützen vierzig Fuß über ihm. Wie Eragon wusste, war es schwer, ohne viel Übung mit einem Speerwurf sein Ziel zu treffen. Es überraschte ihn daher nicht, dass er den Mann, dem er den Speer zugedacht hatte, nicht traf. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, gleich die gesamte Reihe von Bogenschützen auf den Zinnen zu verfehlen. Der Speer segelte über sie hinweg und prallte weiter oben gegen die Burgmauer. Die Bogenschützen lachten und johlten und schmähten seinen Wurf mit beleidigenden Gesten.

Eine schnelle Bewegung am Rand seines Gesichtsfelds lenkte Eragons Aufmerksamkeit auf Arya. Er bekam gerade noch mit, wie sie ihren eigenen Speer nach den Bogenschützen schleuderte und damit gleich zwei Männer aufspießte, die dicht nebeneinanderstanden. Dann zeigte Arya mit ihrem Schwert auf die Männer und rief: »Brisingr!«, worauf der Speer in smaragdgrünes Feuer ausbrach.

Die Bogenschützen wichen vor den brennenden Körpern zurück und hatten es sehr eilig, die Wehrgänge zu verlassen. Sie drängten sich durch die Türen, die in die oberen Stockwerke der Burg führten.

»Das ist nicht fair«, sagte Eragon. »Ich kann diesen Spruch nicht benutzen, ohne dass mein Schwert in Flammen aufgeht wie ein Leuchtfeuer.«

Auf Aryas Gesicht erschien der Hauch eines Lächelns.

Die Kämpfe währten nur noch wenige Minuten, bis die restlichen Soldaten auf dem Burghof sich entweder ergaben oder zu fliehen versuchten.

Eragon ließ es zu, dass die fünf Männer, die gerade noch vor ihm gestanden hatten, davonliefen, denn er wusste, dass sie nicht weit kommen würden. Nach einem kurzen, prüfenden Blick, um sich davon zu überzeugen, dass die um ihn her niedergestreckten Soldaten tatsächlich tot waren, sah er noch einmal über den Hof zurück. Die Varden hatten das Tor in der äußeren Mauer geöffnet und trugen einen Rammbock über die Straße zur Burg hinauf. Andere hatten sich in loser Formation am Tor des Wohnturms zusammengefunden, bereit, den Turm zu stürmen und sich den Soldaten darin im Kampf zu stellen. Bei ihnen stand Roran, Eragons Cousin, gestikulierte mit seinem allgegenwärtigen Hammer und erteilte dem Zug unter seinem Kommando Befehle.

Am anderen Ende des Burghofs hockte Saphira auf den Leichen derer, die sie getötet hatte, inmitten eines einzigen Schlachtfelds. Blutstropfen klebten auf ihren edelsteingleichen Schuppen und die roten Flecken bildeten einen verblüffenden Kontrast zum Blau ihres Panzers. Sie warf ihren zackenbewehrten Kopf zurück und brüllte ihren Triumph so laut heraus, dass ihr wilder Schrei den Kampfeslärm aus der Stadt übertönte.

Dann hörte Eragon aus dem Innern der Burg das Rasseln von Rädern und Ketten, gefolgt vom Knarzen schwerer Holzbalken, die zurückgezogen wurden. Diese Geräusche lenkten aller Blicke auf das Tor des Turms.

Mit einem mächtigen Schlag schwangen die beiden Torflügel auf. Eine dicke Rauchwolke, die von den Fackeln im Innern herrührte, wogte heraus, sodass die am nächsten stehenden Varden husten und ihre Gesichter bedecken mussten. Von irgendwoher aus der Dunkelheit erklang das Trommeln eisenbeschlagener Hufe auf den Pflastersteinen, dann brach ein Pferd mit einem Reiter aus dem Rauch hervor. Im Inneren des Turms rasselte es erneut, als fiele ein Eisengitter herab.

In der linken Hand hielt der Reiter etwas, was Eragon zuerst für eine gewöhnliche Lanze hielt. Aber er erkannte bald, dass die Waffe aus einem seltsamen grünen Material gefertigt war und eine in einem fremdartigen Muster geschmiedete, mit einem Widerhaken versehene Klinge besaß. Ein schwaches Leuchten umgab die Spitze der Lanze und das unnatürliche Licht verriet die Gegenwart von Magie.

Der Reiter zerrte an den Zügeln und lenkte sein Ross auf Saphira zu, die sich auf die Hinterbeine erhob, bereit, mit ihrer rechten Pranke einen tödlichen Hieb zu führen.

Furcht erfasste Eragon. Der Reiter war sich seiner Sache allzu sicher, die Lanze war zu ungewöhnlich, zu unheimlich. Obwohl Schutzzauber sie vor Schaden bewahren sollten, war Eragon überzeugt, dass Saphira sich in tödlicher Gefahr befand.

Ich kann sie nicht rechtzeitig erreichen, wurde ihm klar.

Er sandte seinen Geist nach dem Reiter aus, aber der Mann war so von seinem Auftrag erfüllt, dass er Eragons Gegenwart nicht einmal bemerkte, und seine unerschütterliche Konzentration hinderte den Drachenreiter daran, mehr als einen oberflächlichen Zugang zu seinem Bewusstsein zu erlangen.

Eragon zog sich in seinen eigenen Geist zurück, ging ein halbes Dutzend Worte aus der alten Sprache durch und verfasste einen simplen Zauber, damit das galoppierende Schlachtross wie angewurzelt stehen blieb. Es war eine schiere Verzweiflungstat – denn er wusste nicht, ob der Reiter selbst ein Magier war oder welche Vorsichtsmaßnahmen er möglicherweise gegen magische Angriffe getroffen hatte –, aber Eragon würde nicht tatenlos zusehen, wenn Saphiras Leben bedroht war.

Eragon füllte seine Lungen. Er vergegenwärtigte sich die korrekte Aussprache mehrerer schwieriger Laute in der alten Sprache. Dann öffnete er den Mund, um den Zauber auszusprechen.

Doch so schnell er auch war, die Elfen waren schneller. Bevor er auch nur ein einziges Wort herausgebracht hatte, erhob sich hinter ihm ein leiser, berauschender Gesang, dessen Vielstimmigkeit eine misstönende und beunruhigende Melodie erzeugte.

»Mäe…«, brachte er noch heraus, dann zeigte die Magie der Elfen Wirkung.

Das Mosaik vor dem Pferd geriet in Bewegung, die Glassteinchen zerflossen wie Wasser und ein langer Riss tat sich im Boden auf, ein klaffender Spalt von ungewisser Tiefe. Mit einem entsetzten Wiehern stürzte das Pferd in das Loch und brach sich beide Vorderbeine.

Während Pferd und Reiter stürzten, holte der Mann im Sattel aus und schleuderte die leuchtende Lanze nach Saphira.

Saphira konnte nicht weglaufen. Sie konnte nicht ausweichen. Also schlug sie mit einer Pranke nach der Lanze, um sie beiseitezuschleudern. Sie verfehlte ihr Ziel jedoch – um weniger als eine Handbreit – und Eragon verfolgte voll Entsetzen, wie die Lanze sich eine Armlänge oder tiefer in Saphiras Brust bohrte, direkt unter dem Schlüsselbein.

Heißer Zorn verschleierte seinen Blick. Er sammelte den gesamten Vorrat an Energie, der ihm zur Verfügung stand – aus seinem Körper, dem Saphir im Knauf seines Schwerts, den zwölf Diamanten im Gürtel von Beloth dem Weisen und aus Aren, dem Elfenring, den er an der rechten Hand trug –, und schickte sich an, den Reiter zu vernichten, koste es, was es wolle.

Bevor Eragon sich aber rühren konnte, kam Bloëdhgarm bereits hinter Saphiras linkem Vorderbein hervorgesprungen. Der Elf landete auf dem Reiter wie ein Panther, der sich auf ein Reh stürzt, und schlug den Mann zur Seite. Mit einer wilden Drehung seines Kopfes riss Bloëdhgarm dem Mann mit seinen langen weißen Reißzähnen die Kehle auf.

Ein Kreischen alles verzehrender Verzweiflung erklang von einem Fenster hoch über dem offenen Tor zum Wohnturm der Burg, gefolgt von einer gewaltigen Explosion, die Teile des Mauerwerks aus dem Gebäude sprengte. Die großen Brocken krachten mitten unter die versammelten Varden und zermalmten Glieder und Leiber wie überreife Äpfel.

Eragon ignorierte den Steinhagel und rannte zu Saphira hinüber. Er nahm kaum wahr, dass Arya und seine Wachen ihn begleiteten. Die übrigen Elfen, die sich in der Nähe aufgehalten hatten, scharten sich bereits um die Drachendame und untersuchten die Lanze, die ihr aus der Brust ragte.

»Wie schlimm … Ist sie …?«, fragte Eragon, zu bestürzt, um seine Sätze zu Ende zu bringen. Er sehnte sich danach, seinen Geist zu Saphira auszuschicken und mit ihr zu sprechen, aber weil feindliche Magier auf dem Gelände sein konnten, wagte er es nicht, ihr sein Bewusstsein zu öffnen – aus Furcht, dass seine Widersacher seine Gedanken erkunden oder Gewalt über seinen Körper gewinnen könnten.

Nach einer scheinbar endlosen Zeit meinte Wyrden, einer der männlichen Elfen: »Ihr könnt dem Schicksal danken, Schattentöter; die Lanze hat die Hauptvene und die Hauptarterie in ihrem Hals verfehlt. Sie hat nur Muskeln getroffen und Muskeln können wir heilen.«

»Könnt Ihr die Lanze entfernen? Ist sie mit irgendwelchen Zaubern belegt, die verhindern …«

»Wir werden uns darum kümmern, Schattentöter.«

So ernst wie vor einem Altar versammelte Priester legten alle Elfen bis auf Bloëdhgarm Saphira die Hände auf die Brust, und wie ein Wispern des Windes, der durch die Weiden raunt, sangen sie. Von Wärme und Wachstum sangen sie, von Muskeln und Sehnen und pulsierendem Blut und von anderen, geheimnisvolleren Dingen. Es schien Saphira enorme Willenskraft zu kosten, während der Beschwörung bewegungslos zu verharren, obwohl alle paar Sekunden ein krampfartiges Beben ihren Körper schüttelte. Blut rann ihr in einer dünnen Linie über die Schuppen, wo der Schaft aus ihrer Brust ragte.

Als Bloëdhgarm neben ihn trat, warf Eragon ihm einen Blick zu. Geronnenes Blut klebte im Fell am Kinn und Hals des Wolfkatzenelfs und verdunkelte es von Mitternachtsblau zu einem matten Schwarz.

»Was war das?«, fragte Eragon und deutete auf die Flammen, die noch immer in der geborstenen Fensteröffnung hoch über dem Innenhof tanzten.

Bloëdhgarm leckte sich über die Lippen und entblößte seine katzenähnlichen Reißzähne, bevor er antwortete. »Im Augenblick seines Todes konnte ich in den Geist des Soldaten eindringen und durch ihn in den Geist des Magiers, der ihm geholfen hat.«

»Du hast den Magier getötet?«

»In gewisser Weise. Ich habe ihn gezwungen, sich selbst zu töten. Ich neige für gewöhnlich nicht zu solch übertrieben theatralischen Auftritten, aber ich war … verstimmt.«

Eragon wollte gerade zu ihr gehen, hielt jedoch inne, als Saphira ein lang gezogenes, leises Stöhnen ausstieß, während die Lanze, ohne dass irgendjemand sie berührte, langsam aus ihrer Brust glitt. Saphiras Lider flatterten und sie atmete schnell und flach, während die letzten sechs Zoll der Lanze sich aus ihrem Körper schoben. Die mit einem Widerhaken versehene Spitze mit ihrem schwachen Schein smaragdfarbenen Lichts fiel auf die Pflastersteine – aber sie klirrte nicht wie Metall, sondern eher wie Tongeschirr.

Als die Elfen ihren Gesang beendet und ihre Hände von Saphira genommen hatten, eilte Eragon an ihre Seite und berührte sie am Hals. Er wollte sie trösten, wollte ihr sagen, welche Angst er gehabt hatte, wollte sein Bewusstsein mit ihrem vereinen. Stattdessen begnügte er sich damit, in eins ihrer strahlend blauen Augen zu blicken und zu fragen: »Geht es dir gut?« Die Worte erschienen ihm armselig im Vergleich zur Tiefe seiner Gefühle.

Saphira antwortete mit einem Blinzeln, dann senkte sie den Kopf und liebkoste sein Gesicht mit einem sanften Schwall warmer Luft aus ihren Nüstern.

Eragon lächelte. Dann wandte er sich zu den Elfen um und dankte ihnen in der alten Sprache für ihre Hilfe: »Eka elrun ono, Älfya, wiol förn Thornessa.«

Die Elfen, die bei der Heilung mitgewirkt hatten, darunter auch Arya, verneigten sich und drehten die rechte Hand vor der Brust – eine Geste des Respekts, die für ihr Volk bezeichnend war.

Eragon bemerkte, dass mehr als die Hälfte der Elfen, die den Auftrag hatten, ihn und Saphira zu beschützen, bleich, schwach und unsicher auf den Beinen waren.

»Zieht Euch zurück und ruht Euch aus«, wies er sie an. »Ihr bringt Euch noch selbst um, wenn Ihr bleibt. Geht, das ist ein Befehl!«

Obwohl Eragon sicher war, dass sie ihn nur sehr ungern verließen, antworteten die Elfen: »Wie Ihr wünscht, Schattentöter.« Sie zogen sich aus dem Burghof zurück und stiegen dabei über die Leichen und Trümmer. Selbst nahe am Ende ihrer Kraft wirkten sie vornehm und würdevoll.

Dann trat Eragon zu Arya und Bloëdhgarm, die die Lanze untersuchten. Auf den Gesichtern der beiden lag ein seltsamer Ausdruck, als seien sie nicht sicher, wie sie reagieren sollten. Eragon hockte sich neben sie, darauf bedacht, dass kein Teil seines Körpers die Waffe berührte. Er starrte auf die zarten Linien, die um den Ansatz der Klinge eingeritzt waren. Linien, die ihm vertraut erschienen, obwohl er nicht recht wusste, woher. Er besah sich das grünliche Heft, das aus einem Material bestand, bei dem es sich weder um Holz noch um Metall handelte, und konzentrierte sich schließlich auf den sanften Schimmer, der ihn an die flammenlosen Laternen erinnerte, mit denen die Elfen und Zwerge ihre Hallen beleuchteten.

»Denkt ihr, das ist Galbatorix’ Werk?«, fragte Eragon. »Vielleicht ist er zu dem Schluss gekommen, Saphira und mich lieber zu töten, statt uns gefangen zu nehmen. Vielleicht glaubt er, dass wir tatsächlich zu einer Bedrohung für ihn geworden sind.«

Bloëdhgarm lächelte freudlos. »Ich würde mich nicht von solchen Fantasien in die Irre führen lassen, Schattentöter. Wir sind für Galbatorix nicht mehr als ein geringfügiges Ärgernis. Wenn er Euch oder irgendjemanden von uns wirklich tot sehen wollte, bräuchte er nur von Urû’baen herzufliegen und uns in einen Kampf zu verwickeln und wir würden fallen wie trockene Blätter in einem Wintersturm. Die Stärke der Drachen ist mit ihm und niemand kann seiner Macht trotzen. Außerdem lässt Galbatorix sich nicht so leicht von seinem Kurs abbringen. Wahnsinnig mag er sein, aber er ist auch schlau und vor allem entschlossen. Wenn er Euch zu versklaven wünscht, dann wird er dieses Ziel nötigenfalls verfolgen, als kenne er kein anderes, und nichts außer seinem Selbsterhaltungstrieb wird ihn davon abhalten.«

»In jedem Fall«, erklärte Arya, »ist das hier nicht Galbatorix’ Werk, es ist unseres.«

Eragon runzelte die Stirn. »Unseres? Diese Waffe wurde nicht von den Varden gemacht.«

»Nicht von den Varden, sondern von einem Elf.«

»Aber …« Er zögerte und versuchte eine vernünftige Erklärung zu finden. »Aber kein Elf wäre bereit, Galbatorix zu dienen. Sie würden eher sterben, als …«

»Galbatorix hat damit nichts zu tun, und selbst wenn er etwas damit zu tun hätte, würde er eine solch seltene und mächtige Waffe kaum einem Mann geben, der sie nicht besser zu bewachen versteht. Von allem Kriegsgerät, das es in ganz Alagaësia gibt, ist es dasjenige, das Galbatorix sicher am wenigsten in unseren Händen wissen will.«

»Warum?«

Mit dem Anflug eines Schnurrens in seiner tiefen, vollen Stimme sagte Bloëdhgarm: »Weil das, Eragon Schattentöter, ein Dauthdaert ist.«

»Und sein Name ist Niernen, die Orchidee«, warf Arya ein. Sie zeigte auf die in die Klinge eingeritzten Linien, die, so begriff Eragon jetzt, tatsächlich stilisierte Zeichen der einzigartigen Schrift der Elfen waren – gewundene, ineinander verwobene Formen, die in langen, dornenartigen Spitzen ausliefen.

»Ein Dauthdaert?« Als sowohl Arya als auch Bloëdhgarm ihn ungläubig ansahen, zuckte Eragon entschuldigend die Achseln. Sein Mangel an Bildung war ihm peinlich. Es frustrierte ihn, dass sein Onkel Garrow ihn nicht einmal lesen gelehrt hatte, weil ihm das unwichtig erschienen war, während die Elfen in ihrer jahrzehntelangen Jugend bei den besten Gelehrten ihres Volks studierten. »Ich konnte in Ellesméra nur eine begrenzte Zahl Bücher lesen. Was ist ein Dauthdaert? Wurde er während des Untergangs der Reiter geschmiedet, um ihn gegen Galbatorix und die Abtrünnigen einzusetzen?«

Bloëdhgarm schüttelte den Kopf. »Niernen ist viel, viel älter.«

»Die Dauthdaertya«, fügte Arya hinzu, »sind aus der Furcht und dem Hass heraus entstanden, die die letzten Jahre unseres Krieges mit den Drachen kennzeichneten. Unsere begabtesten Schmiede und Magier schufen sie aus Materialien, die wir längst nicht mehr verstehen, tränkten sie mit Zaubern, deren Wortlaut wir nicht mehr kennen, und benannten sie alle zwölf nach den schönsten Blumen – ein Fehlgriff, wie es ihn hässlicher nie mehr gegeben hat, denn wir schufen sie mit nur einem einzigen Ziel: um Drachen zu töten.«

Abscheu überkam Eragon, während er die schimmernde Lanze betrachtete. »Und haben sie es getan?«

»Jene, die es miterlebt haben, sagen, dass das Blut der Drachen vom Himmel fiel wie ein sommerlicher Gewitterregen.«

Saphira zischte, laut und scharf.

Eragon warf ihr einen Blick zu und sah aus dem Augenwinkel, dass die Varden noch immer vor dem offenen Tor standen und darauf warteten, dass er und Saphira den Angriff erneut anführten.

»Man dachte, alle Dauthdaertya seien zerstört oder unwiederbringlich verloren«, sagte Bloëdhgarm. »Offensichtlich haben wir uns geirrt. Niernen muss auf irgendwelchen Wegen in die Hände der Familie Waldgrave gefallen und hier in Belatona versteckt worden sein. Meine Vermutung ist: Als wir die Stadtmauern durchbrochen haben, hat Fürst Bradburn der Mut verlassen und er hat befohlen, Niernen aus seiner Waffenkammer zu holen, um so zu versuchen, Euch und Saphira aufzuhalten. Zweifellos wäre Galbatorix außer sich vor Wut, wenn er wüsste, dass Bradburn versucht hat, Euch zu töten.«

Obwohl ihm klar war, dass sie sich besser beeilen sollten, ließ Eragons Neugier ihm keine Ruhe. »Ihr habt mir immer noch nicht erklärt, warum Galbatorix so sehr dagegen sein sollte, dass uns das hier in die Hände fällt.« Er deutete auf die Lanze. »Was macht Niernen gefährlicher als diesen Speer dort drüben oder gar gefährlicher als Bris…« Er vermied es gerade noch, den ganzen Namen auszusprechen, »als mein eigenes Schwert?«

Es war Arya, die ihm antwortete. »Man kann einen Dauthdaert mit gewöhnlichen Mitteln nicht zerstören, Feuer kann ihm nichts anhaben und er ist fast gänzlich unempfänglich für Magie, wie du selbst gesehen hast. Die Dauthdaertya wurden dazu geschaffen, von jeder Magie, die die Drachen möglicherweise wirkten, unberührt zu bleiben, ebenso wie ihre Träger – und das will angesichts der Stärke, der Vielschichtigkeit und der Unberechenbarkeit der Drachenmagie schon etwas heißen. Galbatorix mag Shruikan und sich selbst mit mehr Schutzzaubern umgeben haben als irgendwen sonst in Alagaësia, aber es ist gut möglich, dass Niernen durch ihre Verteidigungswälle dringen könnte, als gäbe es sie gar nicht.«

Eragon verstand und ein Hochgefühl erfüllte ihn. »Wir müssen …«

Ein Kreischen unterbrach ihn.

Es war ein durchdringendes, schrilles, schauderhaftes Kreischen wie von Metall, das über Stein kratzt. Eragons Zähne vibrierten bei dem furchtbaren Geräusch. Er hielt sich die Ohren zu und verzog das Gesicht, während er sich umdrehte und versuchte, die Quelle des Kreischens auszumachen.

Saphira warf den Kopf hin und her und trotz des Getöses vernahm er ihr gequältes Wimmern.

Eragon ließ den Blick zweimal über den Burghof schweifen, bevor er eine feine Staubwolke bemerkte, die oben an der Mauer des Wohnturms aus einem einen Fuß breiten Riss aufstieg. Der Riss führte von der geschwärzten und teilweise zerstörten Fensteröffnung, wo Bloëdhgarm den Magier getötet hatte, nach unten. Als das Kreischen an Intensität noch zunahm, ging Eragon das Risiko ein, die Hand von einem Ohr zu nehmen, um auf den Riss zu deuten.

»Da!«, rief er Arya zu, die bestätigend nickte, und er presste die Hand wieder auf sein Ohr.

Unvermittelt brach das Kreischen ab.

Eragon wartete einen Moment, dann ließ er zögernd die Hände sinken und wünschte sich ausnahmsweise, sein Gehör wäre nicht ganz so scharf.

Im gleichen Augenblick brach der Riss weiter auf, bis er mehrere Fuß maß, und raste die Mauer des Turms hinab. Wie ein Blitz schlug er unten ein, zerschmetterte den Schlussstein über dem Torbogen des Turms und ließ kieselgroße Steine herabhageln. Die ganze Burg ächzte und von dem zerstörten Fenster bis hinab zu dem zerbrochenen Schlussstein begann sich die Front des Wohnturms vom Rest des Mauerwerks zu lösen und nach außen zu neigen.

»Lauft!«, schrie Eragon den Varden zu, die bereits in alle Richtungen davonsprangen, verzweifelt darauf bedacht, von der gefährlichen Mauer wegzukommen. Eragon trat einen Schritt vor – jeder Muskel in seinem Körper gespannt – und versuchte, irgendwo in dem Gedränge der Krieger Roran auszumachen.

Endlich entdeckte Eragon ihn. Er saß hinter der letzten Gruppe von Männern am Eingang fest. Roran brüllte die anderen wie wahnsinnig an, aber seine Worte gingen in dem Getöse unter. Dann sackte die Mauer mehrere Zoll in die Tiefe. Sie löste sich weiter vom Rest des Turms und ließ Steine auf Roran prasseln, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und zwang ihn, rückwärts unter den Schutz des Tores zu stolpern.

Als Roran sich aus seiner geduckten Haltung aufrichtete, trafen sich ihre Blicke und Eragon sah in seinen Augen Furcht und Hilflosigkeit aufblitzen, gefolgt von Resignation, als wisse Roran, dass er sich, wie schnell er auch rannte, unmöglich rechtzeitig in Sicherheit würde bringen können.

Ein schiefes Lächeln umspielte Rorans Lippen.

Und die Mauer stürzte ein.

HAMMERFALL

Nein!«, schrie Eragon, als die Tormauer des Turms donnernd einstürzte, Roran und fünf weitere Männer unter einem zwanzig Fuß hohen Steinhaufen begrub und den Burghof in eine dunkle Staubwolke hüllte.

Eragons Schrei war so laut, dass seine Stimme brach und er den Kupfergeschmack von Blut im Rachen spürte. Er atmete ein und krümmte sich hustend.

»Vaetna«, keuchte er und wedelte mit der Hand. Mit einem Rascheln wie von Seide teilte sich der dichte graue Staub über dem Burghof. In seiner Sorge um Roran bemerkte Eragon kaum, wie viel Kraft die Magie ihn kostete.

»Nein, nein, nein, nein«, murmelte Eragon. Er kann nicht tot sein. Er kann nicht, er kann nicht, er kann nicht … Als könne es dadurch wahr werden, wiederholte Eragon diese Worte in Gedanken wieder und wieder. Aber mit jedem Mal wurde es weniger Tatsache oder Ausdruck der Hoffnung als vielmehr ein Gebet an die Welt.

Arya und die anderen Krieger der Varden vor ihm husteten und rieben sich die Augen. Viele duckten sich, als erwarteten sie einen weiteren Schlag, andere starrten auf den beschädigten Wohnturm. Der Schutthaufen der eingestürzten Mauer reichte bis mitten in den Hof und verdeckte das Mosaik dort. Zweieinhalb Räume im ersten Stock des Turms und einer im zweiten – der Raum, in dem der Magier so gewaltsam ums Leben gekommen war – waren nun Wind und Wetter preisgegeben. Die Räume und die Möbel darin wirkten im vollen Licht der Sonne dreckig und ziemlich schäbig. In einem Raum wichen ein halbes Dutzend mit Armbrüsten bewaffnete Soldaten vor dem Abgrund zurück, der sich plötzlich vor ihnen aufgetan hatte. Unter gewaltigem Gedränge quetschten sie sich durch die Türen am anderen Ende der Räume und verschwanden in den Tiefen des Wohnturms.

Eragon versuchte, das Gewicht der Mauerbrocken in dem Trümmerhaufen zu schätzen. Jeder musste viele Hundert Pfund schwer sein. Wenn er, Saphira und die Elfen alle halfen, würden sie die Steine sicherlich mit Magie beiseiteschaffen können, aber die Anstrengung würde sie schwächen und angreifbar machen. Außerdem würde es viel zu lange dauern. Einen Moment dachte Eragon an Glaedr – der goldene Drache wäre mehr als stark genug, den ganzen Haufen in einem anzuheben –, aber Eile war hier das oberste Gebot und es würde zu lange dauern, Glaedrs Eldunarí zu holen. Abgesehen davon wusste Eragon nicht, ob er in der Lage sein würde, Glaedr zu überzeugen, mit ihm zu reden, geschweige denn, ihm zu helfen, Roran und die anderen Männer zu retten.

Dann sah Eragon wieder Roran vor sich, wie er ausgesehen hatte, kurz bevor die Sturzflut aus Steinen und Staub ihn verschluckt hatte; wie er unter dem Überhang des Turmtores gestanden hatte; und mit einem Mal wusste er, was zu tun war.

»Saphira, hilf ihnen!«, rief Eragon, während er seinen Schild wegwarf und losrannte.

Hinter sich hörte er Arya etwas in der alten Sprache sagen – ein kurzer Ausdruck, der »Verstecke es!« bedeuten mochte. Dann holte sie ihn ein und lief mit gezücktem Schwert neben ihm her.