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Ein Attentat auf den Prinzen von Gaheris öffnet Kian ein Tor zu einer verborgenen Welt, die der Anderlinge. Noch ahnen diese jedoch nicht, dass nicht nur die Welt der Menschen in Gefahr ist, sondern auch ihre bald von einer Wolke der Bedrohung überschattet wird...
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Lieber Leser,
es freut mich, dass du deinen Weg zu dieser Geschichte gefunden hast. Ich hoffe die Welt, in welche du jetzt eintauchen wirst, wird dir gefallen.
Ich weiß, dass einige sogenannten spicy Content mögen, andere wiederrum nicht. Daher war ich so frei entsprechende Stellen als Erzähler anzukündigen und in kursiver Schrift zu verfassen. Wenn du also zu jenen gehörst, die nicht gerne über den Akt zweier Menschen lesen, dann kannst du den kursiven Teil überspringen.
Am Ende des Buches findet ihr auch ein Glossar zu Personen, Wesen, Orten, Zaubersprüchen und Übersetzungen. Pass nur auf, dass du dich nicht spoilerst.
Wayazar bitte erzähl uns doch Geschichten…
Kapitel I
Wie Pirmin zum Meister wurde…
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Vom See der Eifersucht…
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Wie der Hass die Welt entzweite…
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Von dem entführten Bündel…
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Von dem Geheimnis des Berges…
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Von Javis und Sabrina…
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Epilog
Danksagung
Glossar
Charakterübersicht
Der Rat
Weitere Charaktere
Übersetzungen
Orte
EIGENTLICH WÄRE ER LÄNGST TOT gewesen, wenn sie sich nicht begegnet wären…
Der Wind wehte und die Blätter sangen ihr berauschendes Lied. Es klang fast wie kühle Regentropfen, die vom Himmel herab auf die Erde fielen. Im goldwarmen Licht der Sonne liegend atmete er tief den Duft der Wälder ein. Die Grashalme um ihn herum wehten leicht und es schien ihm beinahe, als würden sie ihm seinen Weg weisen wollen. Er schloss die Augen und genoss die warmen Strahlen, die auf sein leicht gebräuntes Gesicht fielen und wie seine dunklen Haarsträhnen durch sein Gesicht tanzten. Lange lag er noch da und erholte sich von den Strapazen seiner Reise, bis ihn seine treue Stute mit einem Schnauben zum Aufstehen anregte.
»Na gut, dann lass uns weiterziehen.«, sagte er zur schwarzen Schönheit. Als er sich aufsetzte roch er die unverkennbare Essenz von Rosen. Kaum von seiner Nase vernommen begann sein inneres Auge das Bild jener Frau zu malen, welcher er sein Leben zu verdanken hatte. Ihr langes, kastanienbraunes Haar geflochten zu einem Zopf tanzte hin und her, während sie vor ihm her ritt, und verbreitete den süßlichen Duft der Blume, die er in jenem Moment wahrnahm. Er wollte sie berühren, streckte die Hand nach ihr aus. Sie schien so nah. Dreh dich um, dachte er. Noch einmal wollte er in ihre grünen Augen schauen, die durch ihn drangen und in die tiefste Ecke seiner Seele zu gelangen schienen. Die Sehnsucht nach ihr war so unerträglich groß, dass er innerlich die Sekunden zählte, bis er mit seinen Fingern wieder über ihre weiche Haut streifen konnte. Doch Zahra holte ihn ins Dies und Jetzt zurück, indem sie ihn mit ihrer gepflegten Schnauze anstupste. »Tut mir leid meine Liebe. Ich weiß wir sollten weiterziehen und eine Unterkunft finden, bevor die Nacht einbricht.«, sagte er und tätschelte sie. Ihr Fell war warm und weich, wenn auch durch die Reise leicht verstaubt. Galant setzte er sich in den Sattel und ritt weiter zum nächsten Dorf.
flehte eine junge Dame den Dorfältesten an. Nach dem Abendmahl hatten sich die Bewohner um ein gemütliches Lagerfeuer gesammelt und genossen die kühle Brise der Abendruhe. Einige Kinder spielten noch in der Nähe herum, würden aber bald vom Sandmann besucht und ins Land der Träume geleitet werden.
»Oh ja, bitte Wayazar! Jene vom Wind.«, stimmten die anderen mit ein, die Platz auf den üppigen Holzbänken genommen hatten. Einige knabberten genüsslich an verschiedenen Nüssen, die sie in ihrer zur Schale geformten Hand hielten und wollten sichtlich unterhalten werden.
Der Alte lächelte in seinen Bart hinein, nahm seine Pfeife aus der Tasche und begann die Mischung aus Tabak und Kräutern hineinzustopfen. »Die habe ich euch schon so oft erzählt.«, grummelte er wohlwissend, dass er um diese Bitte nicht herumkommen würde. »Weil sie so wunderbar sind! Bitte erzähl sie uns noch mal! Die Sterne am Himmel und die Ruhe der Nacht laden förmlich dazu ein, das kannst du nicht bestreiten.«, flehte die junge Dame erneut und ihre Freunde stimmten bejahend zu.
Wayazar zündete seine Pfeife an, nahm einen tiefen Zug und antwortete: »Das sind so viele schöne und auch lange Geschichten. Ich bin erschöpft. Ich werde euch nur eine davon erzählen. Von wem möchtet ihr denn hören?«, fragte er in die Runde hinein. Flüsternd diskutierten sie. Es dauerte einige Minuten, bis sich die Zuhörer einigen konnten. Währenddessen begannen die noch spielenden Kinder sich langsam die Augen vor Müdigkeit zu reiben und machten es sich in den Armen ihrer Eltern bequem. Einige wurden von ihren Großeltern ins Haus und zu Bette gebracht. Die Älteren der Gemeinde hatten die Geschichten schon etliche Male gehört, sodass es sie nicht störte auf ihre Enkel aufzupassen und den Eltern den Vortritt zu lassen.
Schließlich einigten sich die Versammelten und die junge Frau antwortete: »Die Beste von allen. Die Geschichte von Kian!«
»Da wählt ihr natürlich ausgerechnet die längste Geschichte. Aber haltet mich alten Mann nicht für einen Narren. Ich werde sie euch erzählen, aber so, wie es mir beliebt und mit Sicherheit nicht heute in vollen Zügen. Kommt jeden Tag zu dieser Stunde wieder an diesen Platz und ich werde euch in die Welt der Vergangenheit führen. Beginnen wir also mit Kian. Nun gut.
Kian von Gaheris, der Thronfolger von König Vahan und damit der Prinz der Menschheit war im Land sehr beliebt. Die holden Damen verliebten sich, sobald sie sein holdes Antlitz nur sahen. Man munkelt sogar, dass selbst die Damen, die nur von seiner Stattlichkeit hörten, ihm verfielen. Sein unverkennbares Erscheinen sollte allerdings bald in Dunkelheit gehüllt sein. Bedenkt, mit hoher Beliebtheit folgt auch immer Neid und Hass. So erging es auch unserem Prinzen. An dieser Stelle ist es wichtig, dass ich euch sein Äußeres nun auch gänzlich beschreibe.
Die meisten von euch wissen warum, aber vielleicht hat sich ja auch der ein oder andere unter euch gesellt, der die Geschichte noch nicht gehört hat.
Kian von Gaheris war ein stattlicher Mann im heiratsfähigen Alter. Sein Schopf war bedeckt mit goldenen Locken, seine Augen so blau wie das Meer an den paradiesähnlichsten Orten dieser Erde. Niemand, nicht innerhalb und auch nicht außerhalb der königlichen Dynastie hatte jemals dieses Blau als seine Farbe verkennen dürfen. So war es Kian gar unmöglich unerkannt durchs Land zu reisen und musste stets von schützenden Männern begleitet werden. Doch genau jene Männer, die er als Freunde und seine treuen Diener schätzte waren es, die sein Leben und ihm sein Geburtsrecht nehmen wollten. Kian war das einzige Kind von König Vahan und somit der Einzige aus seiner Blutslinie, der Anrecht auf das große Erbe seines Vaters hatte. Sollte Kian zu früh von Gott zu sich geholt werden, ohne einen Nachfahren in die Welt gesetzt zu haben, würde die zweite Blutslinie an die Macht gelangen. Diese Bestand aus dem Stamm seiner Mutter.«
»Warum nicht aus König Vahan?«, fragte ein großgewachsener Junge mit piepsiger Stimme.
»König Vahan hatte nur eine Schwester. Sie wurde von der Familie ausgestoßen. Man munkelt sie sei zum Masak gereist. Ihr seid noch zu jung, um die Geschichte von ihr zu erfahren.« Die Kinder maulten traurig, aber Wayazar ließ sich nicht umstimmen und fuhr mit seiner Geschichte fort.
»Wie in vielen Geschichten unserer Vergangenheit trachteten welche nach der Macht und wollten Kian Böses. Darum schlossen sie sich zu einem Bund zusammen und planten einen furchtbaren Mord am Thronfolger. Sie mischten Gift in seinen Schlaftrunk. Jetzt mögt ihr euch fragen, wie dies geschehen konnte, wenn Aristokraten doch erst speisten, wenn der Vorkoster es für ungefährlich eingestuft hat. Das erfahrt ihr an späterer Stelle. Kian nahm also in jener Nacht das Gift zu sich. Um Hilferufe seinerseits zu verhindern, schlug man ihn nieder und brachte ihn hinaus in die Tiefen des Waldes.«
Die Nacht erwachte und tauchte die Welt in Dunkelheit. Die Bauern schliefen, die Menschen in den Städten begnügten sich in ihren Tavernen und lallten Volkslieder. Die Huren krabbelten aus ihren Verstecken heraus und machten den betrunken Heimgehern schöne Augen. Die Stadtwache tolerierte es und ging seine übliche Patrouille. Dieselbe Strecke Nacht für Nacht beginnend am Schloss, weiter zur Taverne, bis zum Hospital und nächstem Stadttor. Die Halunken wussten genau, wann sie welchen Ort zu meiden hatten.
Jene Routine sollte für diese Nacht gestört werden. Natürlich handelte es sich um keinen Zufall, oder Schicksal, wie manche glauben mögen, sondern um ein gut durchdachtes Ablenkungsmanöver.
Die Turmglocke schlug elf Schläge, als der Attentäter begann mit einem Eisenschwert die Bettler des Viertels zu schlachten. Blut floss in die Rillen der Pflastersteine und bahnte seinen Weg hinab. Die Wachen hörten die verstörten Schreie der armen Opfer. Bewohner begannen ihre Türen zu verriegeln, aus Angst der Wahnsinnige könnte sie als nächstes in Augenschein nehmen. Seine Augen schienen in der Nacht zu funkeln. Unnachgiebig schwang er immer öfter sein Schwert und mit jedem Hieb legte er mehr Kraft hinein. Das furchtbare Geräusch des zerschneidenden Fleisches und der brechenden Knochen war wie ein Minnelied in seinen Ohren.
Die Stadtwache eilte zur Hilfe herbei und stellten sich dem Widersacher entgegen. Doch besonders die Wachen mussten selten ihr eigenes Schwert zücken und waren daher ungeübt darin, tatsächlich gegen einen Feind kämpfen zu müssen. Die häufigsten Einschreitungen begnügten sich auf Schlägereien unter Betrunkenen. Für die Hochverräter eine ideale Basis, um ihrem Pan nachzukommen.
Die überforderten Stadthüter forderten Hilfe herbei. Der Jüngste von ihnen eilte in einen schmalen Spalt zwischen zwei Häusern, wo sich ein Horn befand. In der Stadt hatten sie an vielen Stellen welche platziert, um bei genau solchen Angriffen Verstärkung rufen zu können. Als die Torwächter den laut vernahmen verließen sie ihren Posten und eilten ihnen zur Hilfe. Auch weitere Soldaten hörten den Notruf, machten sich fertig und eilten von der Schlosskaserne zum Blutviertel.
Auf diesen Moment hatten die drei Brüder gewartet. Eilig hasteten sie zum Tor und verließen mit ihrem Anhang die Stadt. In Lumpen gehüllt trugen sie etwas Menschengroßes bei sich. Die Schwere der Last bremste sie auf ihrem Weg ab und ihr Keuchen wurde vom Nachtwind verschluckt.
Sie hatten es zwar durch das Tor geschafft, allerdings lauerten auch hinter den Mauer gefahren und Wachleute. Doch alle Schützer hatten ihre Auswärtsposten verlassen, als der rare Notruf in ihren Ohren erklang. Der Weg zum nahe gelegenen Wald war also frei und sie brauchten keine Sorge tragen, dass jemand sie sehen würde. Denn diesen Ort mieden alle Menschen bei Dunkelheit. Warum? Weil sich dort anderweitige Gefahren verbargen. Nein, ich rede hier nicht von Werwölfen oder anderen magischen Wesen, sondern von Aussätzigen, die sich im Wald ein Heim aufgebaut haben und alles und jenen vertrieben, der sich dem näherte. Leider nicht im Guten, sondern oftmals durchbohrt von einem selbst gebauten Speer. Aber nicht nur diese wenigen Menschen, die an einer Hand abzählbar sind, waren gefürchtet, sondern auch die Tiere, die vor Menschenfleisch nicht zurückschraken. Die Bewohner von Gaheris wussten nicht, warum ihre Waldwölfe Genuss an dieser Sorte hegte, während man von jenen in Taranis sogar hörte, dass diese ganz zahm seien und sich von Menschenhand streicheln ließen.
Dutzende Leichen wurden bereits geborgen, zerfetzt von ihnen, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit. Ja, eines Tages fand man sogar ein Opfer mit aufgeschlitzter Kehle. Definitiv ein Waldbewohner, der sich in seiner Ruhe gestört und bedroht gefühlt hatte. Sie mussten also vorsichtig sein, nicht selbst Opfer der Geheimnisse des Waldes zu werden.
Tief gingen sie daher nicht hinein. Ihr Leben war ihnen zu teuer dafür und so warfen sie ihre Fracht mit voller Wucht zu Boden. »Meinst du, dass das eine gute Idee ist? Was ist, wenn er überlebt?«, sagte der Größere von den Dreien. »Selbst, wenn, wird er von den Viechern sicherlich zerfetzt werden und sein Gesicht eine Scham.«, antwortete der Anführer der Bande.
»Das will ich hoffen! Sonst wird man uns wegen Hochverrat hängen oder noch schlimmer, unseren Kopf mit der Guillotine abschlagen!«
Er vernahm deutlich jene Worte, die seine Entführer sprachen, aber rühren konnte er sich nicht. Er hörte, wie sich ihre Schritte von ihm entfernten und er auf der nassen Erde zurückgelassen wurde. Die Stunden vergingen und selbst durch die Lumpen hindurch, die ihn verdeckt hielten, spürte er die kalte Brise auf seiner blanken Haut. Ihn überkam ein Zucken, beginnend an seinen Beinen und sich weiter durchdringend zu Bauch und Brust, schließlich zu seinen Armen. Es hatte ihn bereits in seinen Gemächern erfasst, doch nun wurde es immer stärker und stärker. Es fühlte sich an wie ein langsames und unerträgliches Pochen im ganzen Körper. Je länger er da lag, desto schmerzvoller wurde dieses Gefühl und er hatte die Angst, dass er innerlich zerplatzen würde.
Seine Muskeln verkrampften sich von Mal zu Mal mehr. Noch immer konnte er sich nicht rühren, nur bloß dar liegen und die Prozedur, die ihn erlitt, aushalten.
Das Rascheln von Blättern, was es von sich gab, wenn jemand hinauf trat, drang dumpf zu seinen Ohren hindurch. Etwas fing an, an ihm zu schnüffeln. Er hörte die schnellen Atemzüge des Tieres und wie es plötzlich anfing zu Knurren. Er hielt den Atem an und hoffe innerlich, dass sein Puls mittlerweile so niedrig war, dass das Tier denken möge, er sei tot. Und wenn er eines über die Wölfe in seinem Land wusste, dann, dass sie kein Aas verspeisten. Doch innerlich war ihm klar, dass diese Hoffnung irrsinnig war.
Der wo mögliche Wolf biss knurrend in die Lumpen und verfehlte nur knapp seine Hüfte. Sofort reagierte sein Körper auf die fehlenden Wärme und ließ ihn zittern. So lag er nun da, im Dreck, wie Gott ihn erschaffen hatte und konnte tatsächlich die eisblauen Augen eines Wolfes vor sich sehen. Das würde also das Letzte auf dieser Welt sein, dass er zu sehen bekam. Nicht die Gesichter der Attentäter, nicht jenes des Auftraggebers, sondern die eines hungrigen Tieres, welches seine Lefzen bedrohlich hochzog.
Gleich würde es vorbei sein. Gleich würde er sterben. Welch unehrenhafter Tod. Reglos da liegend, verspeist von einem wilden Tier. Nicht dazu fähig, sich zu bewegen und zu wehren. Ausgetrickst und vergiftet von irgendwelchen Halunken, die ihn wie einen verfaulten Apfel einfach auf dem Waldboden fallen und zurückgelassen hatten.
Würde man ihn finden und beerdigen? Würde man ihn, nachdem der Wolf sich an ihm gelabt und satt gefressen hatte, überhaupt erkennen? Würde man seinen Tod bedauern? Was würde aus seinem Volk werden, wenn der Anspruch auf den Thron von jemanden erhoben wird, der wenig mit seinem Hofe bisher zu tun gehabt hatte? All diese Fragen schossen ihm durch den Kopf und er wischte sie mit Mühe zur Seite. Stets war er der Überzeugung gewesen, dass ein Mensch im Angesicht des Todes die schönsten Momente seines kurzen, irdischen Lebens erneut vor seinem inneren Auge vorbeiziehen sehen würde. Doch diese wohligen Erinnerungen blieben aus.
Ein kurzes, zischendes Geräusch erklang und etwas streifte an seinem Kopf vorbei. Daraufhin erfüllte ein beißendes Jaulen den Wald. Der Wolf lief seine letzten Meter, bevor er hörbar reglos zu Boden fiel. Wieder vernahm er Schritte. Diesmal von einer Person, die leichter sein musste als seine Missetäter.
Das Knirschen war wesentlich leiser. Auf seiner Haut spürte er die langen Strähnen auf seiner Haut streifen als sich seine Retterin über ihn beugte. Das Haar roch nach Rosen.
»Kannst du mich verstehen?«, fragte ihre helle und klare Stimme. Er versuchte zu antworten, brachte allerdings nicht mehr als den dumpfen Versuch eines Lautes hervor. Seine Stimmbänder schienen wie zu einer Schleife zugeschnürt zu sein.
Die junge Frau nickte nur, bedeckte ihn mit der Decke und versuchte ihn hochzustemmen. Er war jedoch zu schwer für sie. Sie nahm ihre Finger zwischen ihre Lippen und pfiff durch sie hindurch. Ein weißes, braunbeflecktes Pferd kam herbei geritten und warf seine wilde, schwarze Mähne durch den Wind. »Ruhig Herold!«, sagte sie und tätschelte den prachtvollen Hals des Tieres. Erneut versuchte sie den am Boden liegenden Mann auf ihre Schulter zu hieven und schob ihn mit aller Kraft auf den Rücken von Herold. »Ich hoffe es ist nicht all zu unbequem, aber deine Reglosigkeit lässt mich mehr nicht tun.«, sagte sie, während sie ebenfalls auf den Rücken von Herold stieg und versuchte den ihr Unbekannten einigermaßen würdevoll zu platzieren.
Er sah nur noch den sich bewegenden Boden, als sie weiter durch den Wald ritten. Immer tiefer hinein, wie es sich kein Mensch aus Gaheris gewagt hatte. Oder zumindest niemand lebend zurückgekommen war.
Die Dunkelheit verschwand allmählich und die golden glänzenden Blätter wurden von einem ominösen Licht zum Strahlen gebracht. »Das sind Glühmonen. Ähnlich wie Glühwürmchen, nur ist ihr Licht magischer Natur.«, erzählte sie ihrem Begleiter, der wenig von diesen unbekannten Wesen sehen konnte. Und hatte sie eben etwas von magischer Natur erwähnt? Unsicherheit breitete sich in Kian aus. Geschah dies alles tatsächlich, oder träumte er? Denn Magie gehörte zu den Geschichten, die die Ältesten den Kindern erzählten. Märchen, die erfunden waren und nicht auf Wahrheit beruhten. Konnte er andererseits die Wahrheit vollumfänglich kennen, wenn er nicht einmal die Geheimnisse des Waldes erforscht hatte?
»Wir sind bald da.«, hörte er sie sagen. Das Licht der Glühmonen wurde immer heller und sie traten in einen Ort ein, der vom Herbst verschont geblieben war. Überall blühten die Bäume in voller Pracht und trugen ihre Früchte mit sich. Das war unmöglich und wenn er von seinem möglichen Blickwinkel dieses Wunder nicht mit eigenen Augen sehen würde, würde er es nicht glauben.
Reges Gewirr machte sich breit und grazile Wesen mit spitzen Ohren drangen aus den Bäumen hervor. In den Kronen hatten sie Häuser gebaut, die Dächer bedeckt mit den Blättern von Eichen. Waren das etwa Elfen? Zu gerne würde er sich nun die Augen reiben, doch seine Lähmung ließ keine Regung zu.
»Da, das ist Alara!«, rief eine Rothaarige, gekleidet in einem dunkelgrünen Wams den anderen Bewohnern zu. Ihre blasse Haut schimmerte im magischen Licht. Alara stieg vom Pferd hinab und verbeugte sich ehrfurchtsvoll. »Ich bedaure es sehr euer Lager zu solch einer Stunde aufsuchen zu müssen, doch benötige ich eure Hilfe, um diesen Mann zu heilen. Ich bewahrte ihn vor dem Tode, weil er sich weder regen noch wenden konnte.«
»Wieso sollten wir einem Fremden helfen?«, erwiderte ein alter Elf mit schwarzen Haaren, die ihm knapp über sein Ohr ragten. »Weil jedem Wesen in Not geholfen wird.«, antwortete Alara, die sich nun selbstbewusst aufrichtete und alle Elfen durchdringend ansah.
Der Alte mit dem Namen Pirmin wies zwei seiner Gehilfen dazu an, unseren Freund vom Pferd zu nehmen und ihn in seine Hütte, wie er sie zu nennen pflegte, zu schaffen. Alara folgte ihnen und sah zu, wie sie den Mann, mit dem blonden, schulterlangen Haar auf eine Art Bett legten und ihn bedeckten. »Was ist mit ihm passiert?«, fragte Pirmin. »Ich habe ihn so vorgefunden. Er lag im Wald und ein Wolf war dabei, ihn als Abendmahl zu verspeisen. Er kann seine Muskeln nicht bewegen. Sprechen kann er auch nicht.«
»Diese widerwärtigen mutierten Dinger.«, hörte er Pirmin sagen, der sich Kian näherte und ihn ausgiebig musterte. Er vernahm das Pochen und merkte in den Augen unseres Freundes den Schmerz, der ihm bereitet wurde. Der Elf rieb sich am Kinn, ging zu einem Schränkchen hinüber und mischte einige Essenzen zusammen, die er ihm dann verabreichte. »Dies dürfte die Schmerzen lindern.«, sagte Pirmin, als er die Flüssigkeit in seinen Mund tröpfelte. »Mehr kann ich nicht für ihn tun.«
»An was leidet er denn?«, fragte Alara, die noch immer am Fuße des Bettes mit verschränkten Armen dastand. »Ich weiß es nicht, darum können wir auch nicht mehr tun. Es scheint mir beinahe, als sei Magie im Spiel. Eine uralte Form der Magie, die unsereins nicht nutzen sollte. Anständige Kundige wie meinesgleichen wehren sich vehement gegen das Studieren dieser Künste, da sie zu gefährlich sind.«
»Wird er sterben?«, fragte sie in einem kühlen Ton und hakte nicht weiter nach.
»Das wird uns der Morgen sagen.«, antwortete Pirmin, legte mitfühlend seine Hand auf ihre Schulter und verließ die Stube. Alara setzte sich neben das Bett, sodass er sie sehen konnte. Sie hatte kastanienbraunes Haar. Ihre Haut war von der Sonne des Sommers geküsst und mit kleinen, fast unscheinbaren Sommersprossen befleckt. Ihre Augen waren beinahe grasgrün und sprenkelten sich in gelben Tupfern.
»Ich habe dich nicht gerettet, damit du mir jetzt wegstirbst! Also reiß dich zusammen und überlebe!«, sagte sie in einem strengen Befehlston und sah in seine Augen, die sie an Bernstein erinnerten. Er sah sie an und wollte ihr danken, doch die letzte Kraft, die er aufbringen konnte, war die, seine Augen zu schließen.
Bis zum Sonnenaufgang war es nicht mehr lang. Der Himmel verfärbte sich rot und die Welt erschien warm und herzlich. Die wohligen Strahlen tanzten auf seiner Haut und kitzelten seine Nasenspitze. Er erhob seine Lider und erblickte die friedlich schlafende Retterin. Die Erinnerungen der gestrigen Nacht stiegen in ihm auf. Es war also kein Traum gewesen. Der Wald, die unbekannte Frau und dann auch noch diese märchenhaften Wesen, die den Erzählungen gemäß an Elfen erinnerten. War das alles Wirklichkeit und in all den Jahren seiner Existenz auf Erden war diese Welt vor ihm verborgen geblieben?
Der Schmerz, den er den Hauptteil der Nacht gespürt hatte, war wie verflogen. Seine Gliedmaßen konnte er endlich wieder bewegen und so richtete er sich behutsam auf. Schlagartig erwachte die Frau namens Alara.
»Du kannst dich bewegen.«, stellte sie vergnügt fest. Ihre Stimme klang etwas kratzig vom kürzlichen Erwachen, weshalb sie sich räusperte.
»Ja.«, lächelte er sie an. Seine Stimme war nicht sehr tief, aber tief genug für einen Mann. Sie hatte einen angenehmen Klang. »Ich danke dir für alles, Alara! So heißt du doch? Zumindest habe ich gehört, wie man dich so angesprochen hat.«, sagte er. Sie verzog eine irritierte Miene. »Richtig. Nichts zu danken. Wie…«, sagte sie monoton, konnte ihre Frage allerdings dank des Hereinschneiens Pirmins nicht stellen.
»Unserem Fremdling geht es also besser. Da hat er wohl doch überlebt.«, sagte er, ohne Freude in seiner Stimme verklingen zu lassen. »Sieht so aus.«, entgegnete Alara in einem monotonen Tonfall. Pirmin kramte in seinem Schränkchen herum und pfiff eine unbekannte Melodie einher. »Er ist zwar etwas kräftiger gebaut, aber mit etwas Hilfe, werden wir ihn schon rein zwängen können.«, Pirmin hatte Kleidung mitgebracht. »Hast du keine Rüstung?«, fragte ihn Alara. »Wir vergeben keine Rüstungen an Menschen.«, antwortete der Elf sichtlich brüskiert.
»Ausnahmen bestätigen die Regel.«
»Nicht diese. Du weißt, wie wir alle zu Menschen stehen. Du müsstest das am besten wissen, Alara. Wie sie versucht haben unser Wissen zu stehlen und unsere Art auszurotten. Ich habe mit meiner Hilfe schon genug getan. Mehr als ich hätte tun wollen und dies nur euretwegen. Ich stelle euch noch etwas Proviant zur Verfügung. Ich hoffe ihr werdet nicht übel von mir denken, weil ich eurem Wunsch nicht entgegengekommen bin.«, Pirmin warf eine Tasche gefüllt mit den elfischen Köstlichkeiten auf das Bett und ging erhobenen Schrittes hinaus. Der Duft des frisch gebackenen Brotes ließ seinen Magen knurren. Alara, die es unverkennbar gehört hatte, nahm es aus der Tasche und reichte es ihrem neuen Wegbegleiter. Kräftig biss er hinein und zerkaute das wohl Schmeckende hastig. »Du wirst dich an Hunger gewöhnen müssen. Es dauert manchmal Tage, bis man die nächste Stadt erreicht.« Er sah die grazile Figur Alaras, die sie wohl aufgrund solcher Tage hatte. Sie legte ihr ledernes Wams wieder an, welches sie zur Nachtruhe abgelegt hatte.
»Wie lautet eigentlich dein Name?«, fragte sie, während sie immer fester an den Schnüren um ihre Brust herumzog.
Hastig schluckte er sein Essen hinunter. Er zögerte einen Moment und überlegte, ob er seinen wahren Namen preisgeben sollte. Noch nie zuvor hatte er darüber nachgedacht, ob und wie viele Namensvetter ist auf der Welt womöglich gab. Da er aber ihren wahren Namen kannte, wollte er ihr mit Ehrlichkeit entgegenkommen: »Ich bin Kian.«
»Und wieso, Kian, lagst du beinahe Splitterfaser nackt im Wald, nicht einmal fähig, dich zu bewegen?«
Kian fragte sich, ob sie ihn wohl in seiner gesamten Blöße gesehen hatte und balancierte nervös hin und her. »Ich weiß es nicht. Ich bin zu Bett gegangen und merkte, wie mein Körper sich verkrampfte und nicht mehr Willens war, mir zu gehorchen. Drei Männer kamen in mein Zimmer, es war zu Dunkel als dass ich ihre Gesichter erkennen konnte. Sie wickelten mich in diese Lumpen und trugen mich zum Wald.«
»Du scheinst einen großen Feind zu haben, oder gar mehrere.«
»Keine von denen ich wüsste.«
»Dann hast du welche, von denen du nicht weißt.«, Alara drehte sich um, als Kian anfing, die Sachen, die ihm etwas zu eng schienen, über seinen Leib zu stülpen. »Kannst du kämpfen?«, fragte sie ihn, während sie aus der Obstschale an der Anrichte einen hellgrünen Apfel nahm und herzlich reinbiss.
»Ich habe gelernt ein Schwert zu führen, habe es aber noch nie gegen ein Tier, oder einen Menschen eingesetzt.«, entgegnete Kian, der sich daran erinnerte, wie er mit dem Freund und Ritter seines Vaters Vahan sich an der Schwertkunst ausübte. Oft hatte er mit seinem besten Freund Tristan gemeinsam mit Holzschwertern trainiert, wenn die Kampfstunden mal wieder zu früh endeten. Ob sein Freund nach ihm suchen würde?
»Dann wirst du bald deine Entjungferung auf diesem Gebiet erleben. Wir müssen eine Rüstung und ein Schwert auftreiben.«, sie drehte sich um und musste feststellen, dass Kian sie um einiges an Größe überragte. Mehr als eine Lederhose und ein Leinenhemd hatte Pirmin nicht abgeben wollen. Nicht einmal Stiefel sollten die Füße Kians bedecken, was auch schwer möglich gewesen wäre, denn die Elfen waren zierlicher und kleiner als Menschen und entsprechend fiel ihre Schuhgröße auch aus.
Die Rothaarige, die Alara in der Nacht erkannt hatte, brachte das gesäumte Pferd, welches den Kopf zu seiner Herrin lenkte, als es sie erspähte. »Wir werden vorerst zu dritt reiten Herold.«, er wieherte verstehend und ging etwas vor, damit Alara sich in den Sattel werfen konnte. Kian schwang die Umhängetasche über seine Schultern und hievte sich hinter seiner Begleiterin aufs Pferd. Er schlang seine Hände um ihren Bauch und sie ritten los.
Die Elfen hatten nicht viel übrig für große Abschiede und so blieb es bei einem Bis die Wege sich wieder kreuzen mögen.
Die Blätter der Baumkronen verminderten sich und nahmen die Farbe zu herbstlichen Rottönen an. »Wieso ist dort Sommer?«, fragte Kian und sein warmer Atem kitzelte Alaras Ohrmuschel.
»Die Elfen bevorzugen die warmen Temperaturen und die grüne Umgebung.«
»Also sorgen sie für die Jahreszeit in ihrem Dorf?«, fragte er vorsichtig nach.
»Ja. Mit ihrer Magie.«
Kian ging nicht weiter darauf ein. Sein Leben lang hatte er all die Geschichten rund um Anderlinge und Magie in der Welt für Märchen gehalten, wie alle anderen Menschen auch. Der Anblick der Elfen, die Glühmonen und die Stätte an sich bewies ihm das Gegenteil.
»Der Herbst und der Winter tragen doch ebenfalls Vorzüge. Die rotbraunen Blätter, die wie Regen von den Bäumen fallen. Der kalte Schnee, der die Landschaft zu einer Magischen macht.«, er stolperte kurz über seine eigene Wortwahl und schmunzelte in sich hinein,
»Mir scheint ihr seid ein Poet.«, entgegnete Alara sarkastisch.
»Ein Poet bin ich wahrlich nicht.«, bemerkte er mit einem unsicheren Lachen.
»Dann solltet ihr es unterlassen so geschwollen einherzureden. Andere Männer könnten Spott mit euch treiben.«
»Oder Frauen wie ihr.«, antwortete Kian lächelnd. Alara blickte über ihre Schulter und sah ihn mit einer leichten Verwunderung über diese Äußerung an, wandte ihr Gesicht aber wieder umgehend nach vorne.
Der weitere Ritt war in Schweigen gehüllt. Herold schnaubte ab und an, um der Stille zu entgehen. Plötzlich wies ihn Alara zum Halten an. »Was…«
»Psst!«, unterbrach sie ihn. Kian konnte nicht hören was sie anscheinend vernahm. Sie stieg von Herold ab und wies ihn darauf an auf sie zu warten. Kian wollte ihr folgen, aber sie befahl ihm sich ebenfalls nicht vom Fleck zu rühren.
»Du trägst keine Rüstung, damit bist du leicht verwundbar, das kann ich jetzt nicht gebrauchen.«, erklärte sie und verschwand ins Dickicht. Kian saß auf Herold und versuchte angestrengt das Geschehen mitzuhören. Aus einer sehr weiten Entfernung vernahm er einige Männerstimmen, die rau und nach niederem Stande klangen.
Das Zischen eines Pfeils und seines hinein Gleitens ließ den anderen Mann aufschreien, welcher kurz danach ebenfalls verstummte. Kurze Stille. Der gesamte Wald schien zu Schweigen. Dann hörte er ihre Stimme durch die Äste dringen: »Kian! Komm her!«, und er tat wie ihm geheißen. Er stieg von Herold ab, band die Zügel um einen Baumstamm und ging ihr nach.
Als er ankam sah er zwei von Pfeilen durchbohrte Männer reglos vor ihm liegen. Blutlachen tränkten den hellen Sand des Gehwegs in dunkle Flecken. Beide wurden genau am Hals getroffen. Sie mussten nicht lange leiden. »Warum hast du sie umgebracht?«, fragte er empört. Ein dicker Kloß wollte sich in seinem Hals festsetzen.
»Darum.«, sagte Alara und wies mit dem Finger auf die Leiche eines jungen Mädchens, dessen Kleider zerfetzt waren. Offensichtlich hatten die Männer sich an ihr begnügt. Kian schluckte schwer und sah das Mädchen mitleidig an. Zu jung, zu zierlich als dass sie sich hätte wehren können. Nun fühlte er Bedauern, dass sie diesen Weg nicht früher passiert waren. Dann hätte wenigstens sie womöglich überlebt.
»Sie tragen Rüstungen. Bedien dich.«, wies Alara ihn an, während sie in den Satteltaschen der Männer nach Stoff oder Kleidung suchte. Sie wurde nicht fündig, bemerkte aber, dass unter dem Sattel eines Pferdes eine Decke war.
»Ich trage doch nicht die Kleidung eines Toten und Vergewaltigers!«, sagte Kian.
Alara blieb unbeeindruckt und entfernte den Sattel, warf diesen auf den Boden und warf die Decke über das junge Mädchen. Danach gab sie dem nun ungesattelten Pferd einen Klaps auf den Hintern und es ritt wiehernd an den beiden davon.
»Wenn du nicht selbst zu den Toten gehören möchtest, wirst du das wohl tun müssen.«, gab sie als Antwort zurück und bediente sich nun an den Säckelchen der Männer, die an ihren Gürteln festgebunden waren. »Zweihundert Silberlinge. Nicht schlecht. Das wird für einige Mahlzeiten und Unterkünfte genügen.«, gleichzeitig nahm sie den Männern noch Ringe und andere Wertgegenstände ab. Kian zog die Rüstung des größeren Mannes an. Es war ein stattliches, dunkles Lederwams und die dunkelbraunen Stiefel dazu passten wie angegossen. Der anderen Leiche nahm er einen dunkelgrünen Mantel ab. Leider hatte sich das Blut darauf ausgebreitet, sodass es fleckig war. Er würde versuchen es an einer Wasserstelle so gut es ging auszuwaschen und womöglich konnte er in der nächsten Stadt auch eine Waschdame beauftragen. Er legte sich bereits zurecht, welche Antworten er bei Fragen zum Blut geben konnte. Von einem Reh, würde er sagen, dessen Kehle er durchschneiden musste, um es ausbluten zu lassen. Aber sein Schnitt war nicht geschickt, weswegen seine Kleidung darunter gelitten hatte. Oder etwas in der Art. Ihm würde schon etwas einfallen.
»Die Sachen sind alle erbeutet. Sie sehen nicht wie wahrliche Kämpfer aus. Sie werden sich an anderen Leichen, die im Kampf gefallen sind, bedient haben, oder sie haben sie hinterrücks ermordet. Für solche Kleidung sind sie zu niederen Standes.«, erklärte Alara. Sie gab ihm ein Schwert, welches auf dem ersten Blick gewöhnlich aussah. Doch beim genaueren Hinsehen konnte man am Griff Verzierungen erkennen, wie es Schwerter nur von den dienenden Soldaten oder Wachen von Königshäusern bevorzugten.
Kian sah in die zahnlosen Gesichter der Halunken. Ihm wurde klar, dass es sich tatsächlich um skrupellose Räuber handelte und das Mitleid, welches er zuvor für diese Seelen verspürt hatte, verflog wie die Dunkelheit der Nacht.
»Damit hätten wie die erste Hürde auch schon geklärt. Jetzt bist du ausgerüstet. Manchmal muss man einfach dem Pfad des Schicksals vertrauen.«, sagte Alara zufrieden lächelnd.
Kian wusste nicht, ob er diese Fügung als Glücksfall ansehen sollte, oder als tragisches Ereignis. Einerseits wurde dem Mädchen Gerechtigkeit erteilt, andernfalls sind nun drei Menschen tot. »Lass uns gehen.«, wies ihn Alara an.
»Und was ist mit den Leichen?«, fragte er.
»Darum kümmert sich die Natur. Das ist nicht unsere Sache.« Das Blut der Männer sickerte immer mehr in den Boden.
»Wir müssen hier weg!«, drängelte sie nun und schubste ihn, damit er endlich zurück ging. Er hörte, wie sich etwas Gewaltiges bewegte und durch die Erde drang. Ein Geräusch des Zusammenbrechens von etwas Unbekanntem. Die Äste knarrten und als er sich umblickte sah er, wie sich dicke Ranken um die Leichen schlangen und sie in die Erde sogen.
Der junge Elf war ambitioniert und übte sich früh in der Schule der magischen Künste. Der weise Alte im Dorf freute sich über jeden Besuch des durstenden Burschen. Bei jedem Mal brachte er ihm einen neuen Spruch bei, an welchem er sich üben sollte.
Pirmin verbrachte Stunden an seinem Lieblingsbaum, den er liebevoll Celest getauft hatte. Die Baumkronen überragten den Boden meterweit und spendeten ihm Schutz vor der Sonne. Die Blätter geformt zu symbolischen Herzen, gelblich gesprenkelt und grün strahlend. Um den dicken Stamm herum sprießen kleinere Blätter hervor, die davon träumten, irgendwann an der Spitze erblühen zu dürfen.
Er war überzeugt davon, dass alles in der Natur so lebte wie die Elfen, nur auf ihre eigene Art und darum auch einen besonderen Namen verdient hatten.
Celest war schon Jahrtausende alt. Mit der Geschichte der Elfen in sich tragend, faszinierte ihn dieses Urgestein und gab ihm das Gefühl, die Quelle seiner Begabung zu sein.
So war es sehr verwunderlich, dass man Pirmin an jenem Tag nicht an seinen Lieblingsbaum antraf.
Für die heutige Übung, die ihm sein Meister gestellt hatte, ging er zum grauen Monolithen und versuchte eine Adlerfeder zum Schweben zu bringen. In seiner letzten Unterrichtsstunde hatte der Alte dies mit einer Leichtigkeit getan von welcher Pirmin nur träumen konnte. Immer wieder versuchte er es, aber sie erhob sich keinen Zoll. Frustriert nahm er einen kleinen Stein in seine Hände und schleuderte ihn wütend von sich hinweg.
Kurz darauf vernahm er ein mädchenhaftes Kichern. »Wer seid ihr? Was wollt ihr?«, rief er ins Nichts, genervt von der Tatsache, dass jemand sein magisches Versagen beobachtet hatte. Das Lachen hallte lauter und prasselte von allen Seiten auf ihn herab. Wer wagte es Spott über ihn zu üben? War er doch der einzige Jungelf im Dorf, der überhaupt ein magisches Talent inne trug.
Erneut forderte er zum Erscheinen auf und verhöhnte die fremde Person zu einem Feigling. Ein Jungelfin trat aus den Büschen hervor. Ihr Haar war weißblond und so lang wie von keiner anderen im Dorf. Sie war ihm fremd. Nicht aus seinem Dorfe stammend betrachtete er sie mit Vorsicht.
»Wer seid ihr?«, fragte er, die eine Hand erhoben, um sie vor weiterer Annäherung zu ermahnen. Das Mädchen ließ sich nicht davon abschrecken und ging langsam und grazil einige Schritte voran. »Ich bin Celest.«, antwortete sie und wickelte dabei eine ihrer langen Haarsträhnen um ihren Finger. Ihre Stimme klang wie süßer Honig, den seine Mutter ihm zur Belohnung für gute Leistungen auf sein warmes Elfenbrot mit Butter schmierte. »Betreibt keinen Spott mit mir. Euer Name lautet nicht Celest.«, sagte er entschlossen. »Woher wollt ihr das wissen, junger Pirmin? Seid ihr etwa einer unserer Erhabenen?«, giggelte sie, hüpfte einen halben Meter zur Seite und landete mit nur einem Fuß wieder auf den Rasen. Einige Sekunden balancierte sie auf einem Bein und summte eine unbekannte Melodie.
»Woher wisst ihr meinen Namen?«, fragte er, die Augen zu schlitzen verzogen.
»Weil du ihn mir gesagt hast.«, lächelte sie verschmitzt und beendete ihr kleines Spiel.
»Ich habe euch noch nie zuvor gesehen, also kann ich euch es nicht gesagt haben.«
Sie lächelte und als Pirmin genauer hinschaute bemerkte er, dass ihre Füße nun nicht einmal mehr den Boden berührten. Schwebend näherte sie sich ihm. Instinktiv wich er zurück, knallte mit dem Rücken dann aber gegen den Monolithen und war vor Schreck zu erstarrt, um zur Seite auszuweichen.
»Mein armer kleiner Pirmin.«, sagte sie als sie ihm so nah gekommen war, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. Sanft strich sie ihm über seine Wange. Ihre Berührung fühlte sich weich und wohlig an. So etwas hatte er noch nie zuvor gespürt.
»Ich bin deine Celest. Jeden Tag kamst du an diesen Baum, unseren Baum und hast mit mir geredet, mir deine Sorgen und deine Bedenken geteilt. Ich habe dich beobachtet, wie du versuchtest die Magie zu beherrschen und gab dir Ratschläge, die du nie hörtest.«
»Und warum, zeigt ihr euch erst jetzt, wenn ihr meine Celest seid?«, fragte der Jungelf und starrte in ihre eisblauen Augen, die vollkommen sein Wesen einnahmen.
»Weil erst jetzt die Zeit gekommen ist.«, trällerte sie im Singsang.
»Warum jetzt?«
»Jetzt beginnt die größte Prüfung deines Lebens. Die Entscheidung, ob du zum Magier wirst, oder ein gewöhnlicher Elf bleibst. Dabei liegt die Wahl ganz bei dir, Pirmin.«, daraufhin küsste sie ihn. Das Feuer in ihm erwachte und zum ersten Mal spürte er die Bedürfnisse eines jungen Mannes. Sich vollkommen von ihr führend gab er sich ihr hin und verließ seine Jugend. Die neu erlebte Ekstase wirkte wie ein kurzer Rausch, den er immer wieder erleben wollte. Tag für Tag besuchte er seine Celest, die Elfin seiner Träume und gab sich ihr hin. Die Besuche beim Ältesten wurden immer rarer. Die magischen Übungen vergaß er vollkommen. Stattdessen malte er sich das Leben mit Celest aus. Wie sie beide in eine Hütte in den Baumkronen seines Dorfes zogen und viele kleine Jungelfen auf die Welt brachten. Sie ihn bekochte und beglückte. Er jeden Morgen an ihrem seidenartigen Haar riechen konnte und wie jeder andere Elf ihn beneiden würde, um seine schöne Frau. Alles würde Pirmin haben. Die Macht, den Status, den Neid.
Doch mit der fehlenden Inanspruchnahme der Magie, minderte sich auch sein Können. Mit jedem Tag floss sie langsamer durch seine Adern und ruhte. Erst bemerkte er es kaum. Doch als seine kleine Schwester in eine Schlucht zu stürzen drohte und sein Zauber nicht wirkte, wurde ihm bewusst, dass ihm sein Geschenk genommen wurde. Nur mit viel Glück konnte er sie am Arm packen und vor dem Fall bewahren.
Nächtelang plagte ihn diese Szenerie und raubte ihm den Schlaf. Durch einen Traum wurde seine Erinnerung an seinen Meister geschärft. Stets war dieser allein gewesen, ohne Frau. Keine Kinder. Im Geiste zählte er die Namen der größten Elfenmagier der Geschichte und bemerkte eine Gemeinsamkeit: Sie hatten keine Familien. Natürlich kam es vor, dass Magier anderer Arten Eltern wurden und ihre Talente weitergaben. So auch unter den Elfen. Aber die Größe der Macht, nach welcher Pirmin strebte, hatte keiner von diesen beherrschen können. Celest sagte bei ihrer erstmaligen Begegnung, eine Prüfung stünde ihm bevor. Lag es also nun bei ihm, sich zu entscheiden? Musste er wählen zwischen einem nützlichen Talent und der großen Liebe, oder eben der größten Macht, die Elfen in sich tragen konnten, um so ihrem Volk zu dienen? Zu lehren, zu helfen und zu beraten? Sollte das seine Lebensaufgabe sein?
Erging es den Meistern der anderen im elitären Kreis ähnlich? Magier der anderen Spezien und Orten? War ein Leben ohne Liebe das alles wert?
Er kehrte zurück an den Ort, an welchem sie sich das erste Mal begegnet waren. Nicht am Platz des Baumes, denn dort war seit ihrer Niederkunft keiner mehr, sondern zum Monolithen. Seufzend setzte er sich im Schneidersitz auf die Erde und lehnte sich ans Gestein an. Tief atmete er ein, legte Zeigefinger und Daumen aufeinander und schloss die Augen. Dabei begann er zu summen und tief in sich hineinzuhören. Wie hatte sein Meister immer gesagt? Nur er selbst kennt die tatsächlichen Antworten, wenn er nur auf sie hören würde.
In seiner Meditation suchte er den Ort auf, den er in seiner Fantasie erschaffen hatte. Ein Platz voller exotischer Pflanzen in Blau- und Fliedertönen, gehüllt in goldenem Sonnenlicht, welches durch die Kronen fiel und die in der Luft schwebenden Pusteblumen sichtbar machte.
Auch hier gab es einen Baum, den er über alles liebte und aus welchem er Kraft schöpfte. Seine Hand legte er auf den Stamm und fuhr mit den Fingern über die Furchen der Rinde. Zum Himmel hinaufblickend spürte er die Energie des Lichts auf ihn. Ein Lächeln. Er wusste nun, was er zu tun hatte.
Er löste sich aus seiner Meditation und wartete auf seine Geliebte. Seine Intuition gab ihm Gewissheit, dass sie bald zu diesem Ort kommen würde und er behielt recht. Sanftmütig lächelnd schritt sie auf ihn zu.
»Ich weiß, was jetzt passieren wird.«, sagte sie ihm und kniete sich vor ihm nieder. »Du hast verstanden, worin die Prüfung liegt.«
Pirmin nickte mit höchstem Bedauern. Tränen füllten seine schmalen Augen und Celest verstand. Er hatte seine Wahl getroffen.
»Nun denn, so soll es sein. Und niemals, sollst du bereuen. Ich werde immer dein sein und nur dein. In deiner Erinnerung und in deinem Herzen.«, sie beugte sich zu ihm und gab ihm den letzten, süßen Kuss, den sie verschenken konnte. Dann löste sie sich in glitzernde Punkte auf, die vom Wind hinfort getragen wurden.
Sie erreichten Oisin. Eine ruhige Stadt, die vielen unbekannt war, weil sie durch ihre Neutralität oft in Vergessenheit geriet. Keine Kriege, keine Skandale, keine schöne Prinzessin, die von einem Drachen befreit werden musste. Oisin war mehr ein kleines Dorf als eine Stadt, welche von Herzog Dustan bewohnt wurde.
Er war ein alter, knausriger Mann, den mehr das Kartenspiel kümmerte als irgendwelche politischen Ambitionen. In Oisin lebte man in den Tag hinein und kümmerte sich wenig, was in Gaheris, Taranis und den vielen anderen Ländern dieser Welt geschah. Die einzigen Untaten an diesem Ort waren körperliche Lustspiele gegen Bezahlung und Prügelwetten im betrunkenen Zustand. Dinge, die immer und überall vorkamen, weil es wohl in der Natur des Menschen lag.
Kian und Alara hatten Unterkunft im schlafenden Trunkenbold gefunden und füllten ihre Bäuche mit einem ominösen Gericht aus Kalbfleisch. Zumindest behauptete der Wirt es wäre welches. Die beiden konnten nicht wirklich herausschmecken, ob er die Wahrheit sagte, oder log. Womöglich war es auch besser so.
Ein großer, stämmiger Mann mit einer riesigen Narbe auf seiner rechten Gesichtshälfte und einem kahl rasierten Kopf näherte sich dem speisenden Paar. »Na Neuling! Lust auf einen kleinen Kampf? Mindesteinsatz fünf Kreuzer!«, knurrte er Kian an und stieß ihn mit der Spitze seines Ellenbogens in die Seite. Kian verschluckte sich und prustete laut los woraufhin Alara in Gelächter ausbrach.
»Warum lachst du, Mädchen?«, knurrte er sie an. Verlegen räusperte sich Kian, der überzeugt davon war, dass er der Grund dafür war. Zu seiner Überraschung antwortete sie jedoch: »Weil du keine Chance hast. Nimm die fünf Kreuzer lieber für einen Krug Bier und verschwinde von unserem Tisch.«
Kian hielt den Atem an. Nicht nur ihre Worte verblüfften ihn, sondern auch die ruhige und eisige Art ihres Ausdrucks. Mit einem Selbstbewusstsein, wie nicht mal er als Prinz es bisher an den Tag gelegt hatte. Der Mann sah bedrohlich aus, hatte bestimmt schon etliche Faustkämpfe hinter sich und vermutlich bereits einige seiner Gegner zu Tode geschlagen. Nie im Leben wäre Kian in der Lage diesen Kerl umzunieten.
»Dieser Bubi hat doch gar keine Chance gegen mich du…du…«, brachte er knirschend hervor, ballte seine Faust und wedelte bedrohlich wenige Zentimeter von Alaras Nase damit entfernt.
»Du was?!«, Alara sprang energisch vom Stuhl auf, knallte beide Hände auf den Tisch und beugte sich mit bedrohlicher Miene zu ihm vor. Der Kahlkopf bewegte seine Lippen, Kian konnte allerdings nicht ganz verstehen, was er dabei war zu sagen. Es ging alles sehr schnell. Der Mann hatte nicht mal seinen Mund geschlossen, da packte Alara ihn am Arm, zog diesen hinter seinen Rücken, knallte ihn mit voller Wucht herunter zum Tisch und quälte ihn mit unerträglichen Schmerzen. Sein Kopf wurde knallrot, wie eine reife Tomate und seine Augen füllten sich mit Tränen.
»Ich will dieses Wort nicht gehört haben!«, brüllte sie ihn an. Sein Gesicht klebte am Holztisch und unter den jaulenden Lauten zischte er zwischen seiner Zahnlücke eine dumpfe Entschuldigung.
Daraufhin ließ sie von ihm ab. »Falls du eben mich nicht richtig verstanden hast, wiederhole ich es gerne noch mal. Verschwinde und suche dir jemand anderen zum Spielen!«
Humpelnd glitt er zur Seite. Nachdem er wieder die Balance gefunden hatte, drehte er sich um und wollte ihr gerade die Faust ins Gesicht rammen, da hatte Kian aber schon seins erwischt. Der Glatzkopf viel zu Boden und blieb bewusstlos liegen.
Kian schaute verwundert seinen ausgestreckten Arm an. Noch nie hatte er jemanden zuvor geschlagen und war sich bis eben nicht sicher gewesen, ob er wirklich die Kraft dazu gehabt hätte, jemanden ein Haare zu krümmen. Das Ergebnis bewies allerdings, dass er sie besaß.
Alara setzte sich wieder auf ihren Platz und nahm einen großen Schluck aus ihrem Becher. »Der ist betrunken. Ihn hätte sogar ein kleines Kind umgehauen.«, sagte sie und Kian spürte zum ersten Mal eine Kränkung in sich aufkeimen. Das Gefühl gefiel ihm ganz und gar nicht. Nichts darauf erwidernd setzte er sich ebenfalls und widmete sich den letzten Bissen seines Mahls.
Niemand kümmerte sich um den am Boden liegenden Störenfried, der ab und an ein Grunzen von sich gab und zu schlafen schien. »Siehst du. Scheint öfter vorzukommen.«, sagte Alara als Kian die Ignoranz der Gäste bemerkte. Sie blickte zu ihm und Kian vermerkte erneut diesen Gesichtsausdruck, den sie ihm an seinem Krankenbett gegeben hatte.
Eine Ballade erklang und alle widmeten ihre Aufmerksamkeit den gerade eben eingetretenen Barden. Sein Lied handelte von einer Prinzessin, eingesperrt in einem hohen Turm mit solch langem Haar, dass ein Prinz damit zu ihr klettern konnte.