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Leon Grüne

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Beschreibung

Kris lebt als Arzt mit seiner Frau und seinem Sohn in Dulingen ein glückliches, aber auch typisch eintöniges Leben. Bis zu dem Zeitpunkt als der mysteriöse Tod einer seiner Patienten die Geister seiner Vergangenheit heraufbeschwört und ihn immer weiter in den Selbstzweifel treibt. Doch neben seiner Vergangenheit scheinen die zunehmenden Todesfälle noch etwas anderes heraufbeschwört zu haben: Immer wieder wird Kris von einem alten Mann im Schlafanzug heimgesucht, der nicht nur ihn, sondern auch das Leben seiner Familie bedroht.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ähnliche


Leon Grüne

Die Grenze

Manchmal ist der Verstand unser gefährlichster Feind.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1. Teil

1

2 Zwanzig Jahre später

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

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2. Teil

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

3. Teil

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

4. Teil

61

62

63

64

65 Eine Woche später

Impressum:

Texte: Copyright by Leon Grüne

Cover: Copyright by Franka Häußler

Verlag: Leon Grüne

Eitzumer Hauptstraße 57

31028 Gronau

[email protected]

Prolog

Herzrasen. Gänsehaut. Schwitzen. Paranoia. Klamm. Schauer. Oder allgemein gesagt: Angst. Was genau ist Angst? Was löst sie aus? Wie kann man mit ihr umgehen? Kann man die Angst als Solches überhaupt definieren? Aber vor allem: Ist die Angst überhaupt etwas Reales? Verurteilen Sie mich nicht, aber ist Angst nicht im Grunde genommen das Denken an ein meist unwahrscheinliches, fiktives Ereignis in der Zukunft und somit nichts weiter als eine bloße Was-Wäre-Wenn-Konstruktion in unserem Kopf? Genau wie wir uns mit dem Alter entwickeln und dazulernen, entwickelt sich auch unsere Angst weiter und lernt mit der Zeit dazu. Sie ist nichts Starres oder ein durch Normen festgelegtes Konzept, welches bei jedem Menschen die gleiche Anwendung findet. Sie ist viel mehr ein starkes und denkendes Individuum, welches in uns lebt und einen bemerkenswerten Einfluss auf uns hat. Unsere Angst prägt das Leben, das wir haben, wie nichts anderes.

Erinnern Sie sich einmal an Ihre Kindheit zurück. Wovor hatten Sie Angst? Vor Vampiren, Werwölfen und Monstern mit rasiermesserscharfen Zähnen und riesigen Klauen, nicht wahr? Und wovor haben Sie jetzt Angst? Vor Insolvenz, beruflicher Instabilität, Inflationspreisen und der eigenen Unzulänglichkeit. Ich denke, Sie wissen, worauf ich hinaus will. Schlussendlich definiert sich der Mensch über die Entscheidungen, die er trifft. Und im Endeffekt liegt jeder Entscheidung, die wir treffen, eine bestimmte Angst zugrunde. Diese muss nicht einmal zwangsläufig von enormer Präsenz oder besonderem Schrecken sein, um einen Einfluss auf unsere Handlungen zu haben.

Die Angst, die man wirklich üblicherweise als solche definiert, ist eine gänzlich andere. Es ist das Herzrasen, das man empfindet, wenn man nachts als Kind im Bett liegt und glaubt, ein Monster, das einen jede Sekunde mit Haut und Haaren fressen könnte, würde unter dem Bett liegen. Es ist die Paranoia, die man nach dem Ansehen eines Horrorfilms empfindet und einen dazu bringt, sich fast kontinuierlich nach allen Richtungen umzusehen um festzustellen, dass man tatsächlich alleine ist. Es ist der Schauer, der einem über den Rücken läuft, wenn man ein Geräusch, welches man sich nicht erklären kann, in der Dunkelheit hört.

Die eigentliche Angst ist immer darauf aufgebaut, sich selbst in einer potenziellen Gefahr zu sehen. Das Fiktive in diesem Szenario nehme ich mir aus dem Grund heraus, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die einzige Angst, die wir haben, die vor der unbekannten Gefahr ist. Jede andere ist eine Angst im Luxus, die uns weder die ganze Nacht lang wachhält, noch uns die Haare zu Berge stehen lässt. Doch trotz der Entwicklung unserer Angst, die sie von der Angst der Fiktion zu der Angst des Luxus nimmt, bleibt eine Angst unveränderlich und allzeit gegenwärtig. Die Angst, dass die Monster, die wir unser Leben lang gefürchtet haben, im Endeffekt nicht bloß fiktiv, sondern erschreckend real sind.

1. Teil

Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen.

- Aristoteles

Leben und Tod sind eins,

Sowie der Fluss und das Meer eins sind.

Traut den Träumen,

Denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.

– Khalil Gibran

Ain’t that a shame

My tears fell like rain

Ain’t that a shame

You’re the one to blame

- Fats Domino

Hit the road, Jack

And don’t you come back

No More, No More, No More, No More

– Ray Charles

1

Es war der Morgen eines ganz normalen, kalten Sonntags im Dezember, an dem es passierte. Wie jeden Sonntag machten Benjamin und Kris mit ihren Eltern einen Ausflug zu dem großen See, der etwa zwei Kilometer entfernt von ihrem Haus lag, um eine halbe Stunde dort spazieren zu gehen. Eigentlich war es nicht anders als an den bisherigen Sonntagen, die sie mit einem Spaziergang begannen. Vorneweg lief Kris mit seiner Mutter, um sich über die Schule und alles andere zu unterhalten, das seinen Vater nicht interessieren würde. Dahinter liefen Benjamin und sein Vater, die sich über die Weltwirtschaft, die aktuellen Börsenkurse und wie Frederick Christ Trump es schaffte, zum Multimillionär aufzusteigen, austauschten. Alles Themen, die ihn in den Augen seines eigensinnigen Herrn Vaters interessieren mussten, um tatsächlich etwas aus dem eigenen Leben machen zu können.

Nur ein Leben in Wohlstand ist ein gutes Leben, war sein Leitmotiv. Er selbst war ein großer Unternehmer in der Tierfuttermittelbranche. Ihm gehörten mehrere Firmen, die von den Landwirten beauftragt wurden, Futter zu liefern, welches Schweine und Rinder besonders gut und schnell mästete, Kühe mehr Milch produzieren ließ und das alles mit möglichst günstigen und oft auch mehr als unmoralischen Methoden. Es war kein sauberes Geschäft, das unbedingt zur Nachhaltigkeit und der bioökologischen Landwirtschaft beitrug, aber es war ein Geschäft, das sich rentierte, und nur darauf kam es an. Die „Food for Food Corporation“, wie sich das Unternehmen seines Vaters nannte, wurde bereits mehrfach für ihre Arbeit und das offensichtlich rein ökonomische Image kritisiert, aber das störte seinen Vater nicht weiter, denn dies waren in seinen Augen bloß die eifersüchtigen Stimmen der schlecht verdienenden Menschen, die mit ihrer Gutmenschlichkeit niemanden außer sich selbst beeindrucken konnten. Er sorgte sich nicht um Nachhaltigkeit, den Gedanken an eine saubere Umwelt oder qualitativ hochwertiges Bio-Fleisch von Tieren aus artgerechter Haltung. Das, was für ihn wichtig war, war nicht die Vorstellung einer sauberen Umwelt, annehmbare Lebensstandards für künftige Generationen oder der Erhalt gefährdeter Tierarten. Sein Geld, sein Wohlstand und seine Ideologie waren die wichtigen Punkte, die zu jeder Zeit erhalten werden mussten. Abschweifungen oder gar Änderungen unerwünscht. Und aus diesem Grund gingen die vier auch an diesem kühlen Sonntagmorgen, wie jede andere Woche auch, in der üblichen Formation um den See herum.

Geräuschvoll knirschte der Schnee unter Kris Winterstiefeln. Die gesamten letzten Tage hatte es stark geschneit und die Landschaft in ein weißes Wunderland verwandelt. Doch am heutigen Morgen war es wärmer geworden, und die weiße Landschaft begann, sich langsam zu lichten und in dem Licht der Sonne dahinzuschmelzen. Kris‘ Mutter trug einen roten Wintermantel, der ihr bis zu den Knien reichte, sowie einen Pelzhut, der einen stark an die typisch russische Winterkleidung erinnerte. Sie war wunderschön, dachte Kris, als er seiner Mutter ein Lächeln zuwarf, welches sie bedingungslos erwiderte. Im Gegensatz zu seinem Vater war sie ein wahrer Engel auf Erden, den nichts erschüttern konnte. Sie war wie der Fels in der Brandung, der für alles und jeden einen starken Rückhalt bildete und sowohl den Schmerz als auch die Trauer, die bei ihr ausgelassen wurde, wie ein professioneller Seelsorger abfederte. Für Kris war sie die stärkste Frau der Welt, aber das war jede liebende Mutter für ihre Kinder.

Einige Meter hinter ihnen flachte die Stimmung jedoch ab. Kris verstand nicht viel von dem Gespräch zwischen seinem großen Bruder und seinem Vater, aber das, was er hörte, war nichts Erfreuliches. Wie so oft schien Benjamin sich wieder einen Vortrag über den aktuellen Aktienkurs und sinnvolle Investments der Zukunft anhören zu müssen.

„...das Gold liegt in den Immobilien. Mit ihnen wirst du dir ein Vermögen aufbauen können, von dem die meisten nur träumen können. Frederick Trump hat das erkannt und so angefangen sein Geld zu machen. Seine Mutter musste sein Unternehmen gründen, weil er noch zu jung dafür war, aber er hat Rückgrat und Können bewiesen und ist zu dem geworden, was er jetzt ist. Ich meine, sieh dir nur an wie ...“

So ging das Gespräch – eher der Monolog seines Vaters – pausenlos weiter und mit jedem Wort, das von den beiden zu ihm nach vorne durchdrang, war Kris ein Stück weit glücklicher, dass er nicht sein Bruder war.

„Was ist eigentlich mit diesem Mädchen, mit dem du dich triffst?“, fragte seine Mutter schmunzelnd. Vollkommen perplex und auch mit einer gewissen Röte stierte er sie an.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er überfordert und versuchte seine Unschuld hinter einem verlegenen Lachen zu verbergen. Er war jetzt fünfzehn Jahre alt und zum ersten Mal richtig verliebt in ein Mädchen, das gemeinsam mit ihm in eine Klasse ging.

„Du hast dich noch nie so oft mit deinen Freunden verabredet wie in den letzten zwei Monaten, und du besetzt andauernd das Telefon“, sagte sie und lächelte ihn verschmitzt an. Im Gegensatz zu Benjamin wurde Kris nicht von allen Freuden und Freizeitaktivitäten isoliert, um sich den wichtigen und intellektuellen Dingen hinzugeben. Es war nicht notwendig, dass auch er auf ein so erfolgsorientiertes Leben geprägt werden würde, wenn Benjamin es bereits wurde. Man brauchte schließlich keine zwei Thronerben. Da war es in Ordnung, wenn die „Vertretung“ des Haupterben nicht demselben Ideal entsprechen würde. Verdutzt und mit einem nervösen Lächeln senkte er den Blick auf die Kieselsteine, die vor ihm auf dem Weg lagen.

„Aber das muss doch nicht zwangsläufig bedeuten, dass ... nun ja, dass es da jemanden gibt“, versuchte er sich verlegen rauszureden.

„Ich bin deine Mutter. Du kannst mir nichts vormachen.“

Sprachlos und überfordert kratzte er sich am Hinterkopf.

„Wie heißt sie denn?“

„Mia“, antwortete er nach anfänglichem Zögern und sein nervöses Lächeln verlor mit einem Mal jede Spur von Verlegenheit.

In diesem Moment liebte er seine Mutter noch mehr, als ohnehin schon und war glücklich, dass er endlich kein Geheimnis mehr aus seiner heimlichen Schwärmerei machen musste. Jeder, der Ähnliches schon einmal erlebt hatte, kannte das Gefühl von Erleichterung und Zuneigung, das einen überkam, wenn man das erste Mal vor seiner Mutter von dem Mädchen zu schwärmen begann, mit welchem man sich eine schöne Zukunft erträumte. Es war kein Gefühl, das man mit Leichtigkeit beschreiben oder in Worten präzise ausdrücken konnte. Man müsste ein eigenes Wort erfinden, das die Emotionen und die Gedanken, die in diesem Moment über einen selbst hineinbrechen, beschreiben könnte, doch es gab kein Wort, welches so viele Gedanken zusammenfassen könnte.

„Wie ist sie so?“, löcherte seine Mutter ihn gnadenlos.

„Sie ist ...“, begann Kris glücklich, aber wurde just von seinem Vater unterbrochen, der hinter ihnen zu brüllen anfing.

„Was machst du denn da?!“, tönte die laute wütende Stimme seines Vaters empört.

„Sie sind da! Siehst du sie nicht? Da auf dem See!“, entgegnete Benjamin aufgeregt und versuchte, sich von seinem Vater loszureißen, der ihn am Arm gepackt hatte. In Sekundenschnelle hatten Kris und seine Mutter sich zu ihnen herumgedreht und sahen das groteske Schauspiel, das sich gut dreißig Meter hinter ihnen vollzog. Wie ein Wahnsinniger zog Benjamin an dem Arm seines Vaters, um ihn näher an den See zu bringen, und wurde gleichzeitig von diesem festgehalten, dass er nicht wegrennen konnte.

„Hör sofort auf mit dem Unsinn!“, brüllte er seinen Sohn an und riss ihn gewaltsam einen halben Meter zurück.

„Sie rufen mich Vater, hörst du es nicht?“, redete Benjamin unbeeindruckt weiter vor sich hin. Neben Kris und seiner Mutter kam ein Jogger zum Stehen und beobachtete die Szene aufmerksam.

„Ich warne dich Benni, wenn du nicht sofort aufhörst, dann stecke ich dich bis an dein Lebensende in die Psychiatrie!“

„Sieh doch, Vater, wie sie mir zuwinken. Sieh doch, wie sie sich freuen, dass wir zu ihnen kommen.“

„Du kommst nur noch in eine Gummizelle, so, wie du mich hier zum Affen machst! Du bist ja vollkommen wahnsinnig!“, erwiderte sein Vater aggressiv.

Geschickt drehte Benjamin sich so aus dem eisernen Griff seines Vaters heraus, dass dieser lang hinschlug und sich die Wange an einem scharfkantigen Stein, der auf dem Weg lag, aufschnitt.

„Hörst du nicht ihr liebliches Lachen? Siehst du nicht, wie sie mich zu sich winken?“, fragte Benjamin und begann auf den zugefrorenen See zu gehen.

„Bleib sofort stehen!“, brüllte sein Vater schwer atmend und versuchte, sich auf dem rutschigen Boden aufzurichten. Seine gesamte Kleidung war beschmutzt mit Erde, und einige Wasserflecken von dem geschmolzenen Schnee prangten auf seinem Mantel wie Flecken von verspritzter Tinte. Ein altes Ehepaar ging beschämt an ihm vorbei und versuchte den Blick bestmöglich auf etwas anderes zu richten. Aus irgendeinem Grund schien der Kies, auf dem sie gingen, besonders interessant geworden zu sein.

„Benni nein!“, brüllte nun auch seine Mutter panisch. Der Schock des Unerwarteten hatte Kris so stark getroffen, dass er immer noch unfähig zu sprechen oder sich zu bewegen auf der Stelle verharrte. Hinter Benjamin begannen sich Risse auf der dünnen Eisschicht des Sees zu bilden. Etwa fünfzig Meter fehlten ihm noch, dann wäre er in der Mitte des Sees angelangt.

„Führt mich, ihr wundersamen Lichtgestalten. Nehmt mich mit euch ins Paradies“, rief er voller Freude und mit einem Strahlen, das sich über sein ganzes Gesicht ausbreitete.

„Junge, komm zurück!“, brüllte sein Vater zornig, aber auch mit Sorge in der Stimme. Scheinbar verbarg sich hinter dem harten Kern in seiner Brust doch noch ein Hauch von väterlicher Liebe für sein eigen Fleisch und Blut. Mit einem Mal blieb Benjamin kurz vor der Mitte des Sees stehen und schaute fasziniert in den Himmel.

„Kris! Mutter! Seht ihr sie? Seht ihr nicht auch Aphrodite? Seht ihr, wie sie uns den Weg ins Paradies zeigen will? Seht ihr sie?“, rief er laut und zeigte hüpfend vor Freude in das blaue unendliche Nichts des klaren Himmels.

„Benni, komm wieder her!“, schrie sie ängstlich. Die Risse in dem Eis wurden mit jedem Sprung, den Benjamin machte, größer und bedrohlicher. Von diesem Moment an spielte sich Kris Erinnerung an diesen Morgen nur noch wie in Zeitlupe ab. Abrupt hörte Benjamin auf zu springen und warf seiner Mutter ein warmes Lächeln zu. Eine Träne rollte über ihre Wange und fiel lautlos auf den matschigen Kiesweg unter ihren Füßen. In einiger Entfernung machte Kris Vater einen Schritt aufs Eis, um zu Benjamin zu gelangen und ihn vom Eis wieder herunterzuholen. Dann passierte das, was sich von der ersten Sekunde an, in der er auf den See gerannt war, angebahnt hatte, und das Eis begann mit einem deutlich hörbaren Knacken unter seinen Füßen zu brechen. Noch ehe Kris oder seine Eltern realisieren konnten, was passiert war, versank Benjamin in sein dunkles, kühles Wassergrab. Das Einzige, woran Kris sich später noch erinnern konnte, war, dass er Minuten später, als die Rettungskräfte kamen, glaubte, ein paar Lichterkugeln über der Stelle tanzen zu sehen, an der sein Bruder versunken war.

2 Zwanzig Jahre später

In der Nacht vom 20. auf den 21. September gingen die Sirenen. Ungestört raste der Rettungswagen über die leeren Straßen auf dem Weg zu dem Einfamilienhaus, aus dem der Hilferuf des völlig aufgewühlten Vaters eingegangen war. Doch an diesem Abend, so wie an vielen folgenden Abenden, lärmten die Sirenen des Rettungswagens vergeblich, denn der Junge war bereits tot.

3

Dulingen war eine glanzlose Stadt. Sie war weder für ihre vielfältigen Einkaufs- oder Shoppingmöglichkeiten bekannt, noch konnte sie mit einer besonders interessanten Geschichte dienlich sein. Dulingen war ein Nichts. Dulingen war Staub und Ziegel. Im Mittelalter einmal war sie kurz davor, zu einer Grafschaft aufzusteigen und ein nicht grade unbedeutender Handelspartner von Karl IV. zu werden, aber das war auch schon alles, was es Interessantes zu sagen gab. Die Pest, auch bekannt als schwarzer Tod, verwehrte den Dulingern jedoch die Möglichkeit des Aufstiegs. Denn durch die Krankheit halbierte sich die Bevölkerung in der Mitte des 14. Jahrhunderts, und sie verlor sowohl Land, als auch Einfluss und Ressourcen. Inzwischen ist Dulingen zu einer Kleinstadt mit knapp fünftausend Einwohnern, einer weiterführenden Gesamtschule, einem Supermarkt, einem eigentlich viel zu kleinen Sportplatz mit einer Aschelaufbahn, einer veralteten Turnhalle, reichlich Kleinkrämerläden und einem US-amerikanischen Automobilzulieferer, der dort einen seiner vielen Auslandsstandorte bezog, geworden. Nicht mehr als ein unauffälliger Fleck auf der Landkarte zwischen Barsinghausen und Springe, den man nur beim genauen Hinsehen entdecken würde. Alles in allem war es eine ziemlich charme- und reizlose Kleinstadt, die man möglichst schnell hinter sich lassen wollte.

Die Menschen in Dulingen waren, grob zusammengefasst, zum Großteil junge Erwachsene und frisch gebackene Eltern, die auf der Suche nach einer nicht allzu teuren, aber trotzdem halbwegs annehmbaren Wohngelegenheit dort gelandet waren. Man könnte es ebenso gut als Stadt der gescheiterten Träume bezeichnen, denn die meisten, die nach Dulingen zogen, wollten das große Glück oder noch besser das große Geld machen und recht schleunigst wieder verschwinden, nachdem sie erfolgreich geworden wären. Doch die Zahl derjenigen, die es tatsächlich aus Dulingen geschafft und das große Geld gemacht hatten, war so gering, dass man sie sogar an einer Hand abzählen konnte, die einem Mann – oder auch einer Frau, wenn sie so wollen – gehörte, die bereits den Zeige- und Mittelfinger hätte einbüßen müssen.

Im März 1992 gelang Christopher Herzig sein endgültiger Durchbruch in seiner jungen Schauspielkarriere, und er wurde für die Hauptrolle eines Filmes engagiert, bei dem der berühmte Wim Wenders Regie führen sollte. Dabei war Wenders so begeistert von ihm, dass er ihn einen Vertrag für vier weitere Filme unterschrieben ließ, die er auf die internationale Bühne bringen wollte. Die Gage des ersten Filmes reichte aus, dass die Bank ihm einen Kredit gewährte, der ihm den Kauf eines eigenen Hauses in einem Vorort von Berlin erlaubte. Noch während der Dreharbeiten des ersten Filmes starben seine Eltern, und er verfiel in eine schwere Depression, die ihn schließlich in den Suizid trieb, indem er sich vor den Zug warf. Genau genommen war er also nie wirklich aus Dulingen weggekommen, denn er hatte zwar das Haus, in das er ziehen wollte, schon gekauft, aber umgezogen war er noch nicht. Doch auch die anderen beiden hatten Dulingen nie tatsächlich verlassen.

Melvin Stiehl erbte 2004 von seinem verstorbenen Vater ein Haus an der Nordsee, sowie mehrere tausend Euro, mit denen er sich an der Küste ein neues Leben aufbauen wollte. Doch er hatte nicht nur die schönen Dinge im Leben von seinem Alten vererbt bekommen, sondern auch einen Herzfehler, der ihm, kurz nachdem er sein neues Heim betreten hatte, den Gnadenstoß gab.

Der Letzte der drei, Georg Kempf, war ein junger Mann, welcher im Juni 2006 seine Verlobte geheiratet hatte und sich entschloss, zu ihr nach Göttingen zu ziehen. Als er auf der Autobahn einen LKW überholte, raste ihm ein neunzehnjähriger Bursche schräg von hinten in das Heck, sodass sein Wagen sich mehrmals überschlug, wobei er sich nicht nur seine Arme und Beine, sondern auch sein Genick brach. Zwar wurde der Raser wegen seiner Teilnahme an illegalen Straßenrennen für sieben Jahre in den Bau geschickt, aber auch das brachte das verunglückte Ehepaar nicht wieder unter die Lebenden.

Man konnte also sagen, dass Dulingen nicht, wie viele es wollten, ein Ort auf der Durchreise, sondern ein Ort für das gesamte Leben vor und nach dem Tod sei. Es war, als wenn der Ort die Menschen verschluckte und nicht wieder freigab. Nicht einmal nach ihrem Tod waren die drei aus Dulingen herausgekommen. Man hatte sie allesamt auf dem christlichen Friedhof von Dulingen, unweit der Kirche, beerdigen lassen.

„Sieh einer an. Schon wieder eine verlorene Seele“, witzelten die Ortsälteren jedes Mal, wenn sie ein neues junges Paar in der Stadt sahen, ohne zu wissen, wie Recht sie im Endeffekt damit hatten.

4

Es war ein sonniger Montagmorgen, an dem Kris zusammen mit seiner frisch verheirateten Juleen in das kleine Haus am Ende der Herrenhäuser Straße einzog. Ihr vierjähriger Sohn, Merlin, lief aufgeregt zwischen den Handwerkern und den Möbelpackern der Umzugsgesellschaft hin und her. Während seine Mutter ihn grade zum ungefähr tausendsten Mal ermahnte, dass er das ewige Rumgerenne doch bitte unterlassen solle, wies Kris die Möbelpacker an, das Ehebett, welches sie vorher für den Transport zum Teil auseinandergebaut hatten, in das Schlafzimmer zu bringen. Die Spedition, die sie für ihren Umzug engagiert hatten, war zum Glück alles andere als unkoordiniert, sodass der große Lastwagen mitsamt den Möbelpackern Dulingen gegen Mittag bereits wieder verließ. Eine halbe Stunde später, nachdem die Satellitenschüssel auf dem Dach angebracht und mit dem Fernseher verbunden worden war, verließ auch der schmierige Elektriker mit Haaren, die vor Fett nur so glänzten, das Haus.

Am Nachmittag waren auch Kris und Juleen mit dem Einräumen der letzten Sachen fertig und ließen sich erschöpft auf das große Sofa neben Merlin fallen, der bereits den Kinderkanal auf dem Fernseher für sich entdeckt hatte. Heute würden sie ihm etwas mehr Freiheiten gewähren als sonst. Schließlich war es auch für ihn ein aufwühlender und mit Sicherheit auch anstrengender Tag gewesen. Sollte er heute ruhig etwas Aufregung abbauen können, ehe er ab morgen wieder seine geregelten Fernsehzeiten – von 12 bis 13 Uhr und von 17 bis 18:30 Uhr - bekommen würde.

Gegen halb sechs machten die drei sich auf den Weg und erkundeten ihre neue Umgebung ein wenig. Zwar hatten sie das schon, nachdem sie sich das Haus angesehen und für sich entschieden hatten, dass sie es kaufen würden, aber immerhin lag dies auch schon ein paar Monate zurück. Auf dem Rückweg kauften sie in der Bäckerei, die sich im Eingangsbereich des Supermarktes befand, für sich einen Käsekuchen und für Merlin ein Stück Schokoladenkuchen mit Vanillepudding. Beides war verhältnismäßig trocken und schmeckte ziemlich langweilig, aber auch das spielte heute keine Rolle. Heute war es in Ordnung, dass nicht alles nach Plan lief.

Wieder zuhause angekommen, - Merlin trank einen Kakao mit drei Löffeln Pulver anstatt der üblichen zwei, denn heute war auch das in Ordnung - befüllte Kris die Kaffeemaschine für fünf Tassen Kaffee und setzte sich mit seiner braunen Ledermappe voller Briefe und anderer zu unterschreibender Dokumente auf einen der Holzstühle mit rotem Sitzpolster an den langen, rechteckigen Esstisch. Er war Arzt und hatte sich, nach nicht ganz zehn Jahren im Krankenhaus, entschieden eine eigene Praxis zu führen. Nach etlichen Bewerbungen, die alle gnadenlos abgeschmettert wurden, fand er schließlich einen Arzt in Dulingen, Dr. Beram, der für seine Praxis einen Nachfolger suchte. Umgehend schickte er seine Bewerbung ab und bekam zwei Tage später die Einladung für ein Bewerbungsgespräch.

Nachdem er zwei Jahre bei ihm als Assistenzarzt gearbeitet hatte, ging Dr. Beram in Rente und übertrug die Führung der Praxis an Kris, der wenig später aus diesem Grund in die nähere Umgebung der Praxis, nach Dulingen, zog. Nicht wenige, um genau zu sein zwei Drittel seiner Patienten, wohnten genau wie er in Dulingen und kamen jeden Montag bis Freitag zu ihm in die Praxis, um ihm von ihren Leidensgeschichten und anderen Wehwehchen zu berichten. Da er weder ein Verfechter der simplen Drei-Minuten-Medizin, noch der unorthodoxen Methode, alles im kompliziertesten und unverständlichsten Fachlatein zu erklären, das nur er selbst verstand, war, nahm er sich immer besonders Zeit für seine Patienten. Natürlich beanspruchte dies auch seine Zeit und seine Sprechstunden dauerten meist deutlich länger, als es auf dem Schild neben der Eingangstür stand, und wie immer beschwerten sich seine Patienten über die langen Wartezeiten, wollten aber zugleich selbst eine halbe Stunde mit dem Herrn Doktor reden. Wenn man selbst etwas hinnehmen muss, ist man der Erste, der direkt zeter und mordio schreit, aber wenn andere einen Nachteil haben, heißt es, dass sie sich doch nicht so anstellen sollen. Manchmal ist es schwer zu glauben, dass der Mensch tatsächlich ein intelligentes Lebewesen sein soll. Würden die verstaubten und knochigen Wissenschaftler eines Tages aus ihren Laboren, abgeschnitten von Sauerstoff und Tageslicht, hervorkommen und sich die Welt nicht bloß unter dem Mikroskop ansehen, dann würden vielleicht einige von ihnen sich an den Kopf schlagen und feststellen, dass wir alles andere als intelligent sind.

Nachdem Merlin seinen Kakao ausgetrunken hatte, verzog er sich in sein neues Zimmer und begann seine Playmobilfiguren aus dem großen Umzugskarton auszuräumen. Eine Stunde später, als Juleen nach ihm sehen wollte, fand sie ihn eingeschlafen auf dem Fußboden neben seinen Figuren liegen. Vorsichtig hob sie ihn hoch und legte ihn in sein Bett, wobei er kurzzeitig verwirrt die Augen öffnete, aber sie sofort wieder schloss und weiterschlief. Liebevoll küsste sie ihn auf die Stirn, dann ging sie zurück ins Wohnzimmer, wo Kris grade, sichtlich fertig mit dem Unterschreiben sämtlicher Dokumente, dabei war seine prall gefüllte Ledermappe zu schließen.

„Und? Was macht er?“, fragte Kris mit einem erleichterten Seufzen und griff nach seiner Tasse mit Kaffee. Es war bereits die Vierte, die er trank.

„Er ist eingeschlafen“, sagte Juleen mit einem Lächeln auf den Lippen und setzte sich auf den Stuhl gegenüber von ihrem Mann.

„Gut. Ich hatte Sorge, dass wir ihn heute wegen der ganzen Aufregung gar nicht ins Bett bekommen würden“, sagte er, wobei er ihr Lächeln müde erwiderte.

„Ich glaube, er steckt die Aufregung echt gut weg. Wir können wirklich stolz auf ihn sein.“

„Ja das stimmt“, antwortete Kris. Das Lächeln verschwand langsam aus seinem Gesicht, und er starrte nachdenklich auf die Holzmaserung des Tisches.

„Was ist los?“, fragte Juleen besorgt und strich ihm seine dunklen Haare von der Stirn, wie bei einem Kind.

„Nichts weiter“, entgegnete er und lächelte sie gezwungen an.

Sie erwiderte sein Lächeln nicht. Sie wusste, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Sie waren schon zu lange zusammen, als dass er sie mit so einer billigen Ausrede abspeisen konnte. Früher einmal hatte sie es sich gefallen lassen, dass er nicht mit ihr über manches reden wollte, das ihn bedrückte, aber inzwischen hatte sich das geändert. Inzwischen waren sie verheiratet und hatten einen gemeinsamen Sohn. Es wäre mehr als unfair, ihr nicht zu sagen, was mit ihm los sei. Das könne er mit jemand anderem, jemand Unbedeutenderen für ihn machen, aber nicht mit ihr. Fragend und mit einem Blick, der mehr als genug sagte, musterte sie ihn sorgfältig.

„Was soll das?“, fragte sie schließlich, nachdem er immer noch keine Anstalten machte, seinen niedergeschlagenen Blick zu erklären.

„Was soll was?“

„Du verheimlichst mir etwas.“

„Wie kommst du denn darauf?“, fragte er und schmunzelte verlegen, wodurch er sich endgültig enttarnte.

„Bitte hör auf, mir etwas vormachen zu wollen, Schatz. Ich weiß doch, dass dich etwas bedrückt. Ist es wegen des Jungen? Ben Klein oder so ähnlich.“

„Ben Kleinert. Ja es ist wegen ihm. Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte“, gab er zu und griff hilfesuchend nach ihrer Hand. Sie ließ ihn gewähren.

„Der Junge war kerngesund. Er hatte gar keine Beschwerden. Er war nicht krank. Er hatte ja nicht mal eine Allergie.“

Ben Kleinert, der zehnjährige Junge, wegen dem am vergangenen Samstag in der Nacht die Sirene losgegangen war, war Freitag erst noch bei ihm in der Sprechstunde gewesen. Nicht aus einem besonderen oder drastischen Grund, sondern bloß zu seiner Jugendschutzuntersuchung 1. Das bedeutete eine körperliche Untersuchung sowie eine Urinprobe und das Ausfüllen eines Fragebogens zur allgemeinen Befindlichkeit. Nichts Hochkomplexes. Alles war unauffällig ausgefallen.

„Menschen sterben halt…“, versuchte Juleen ihren verzweifelten Mann zu trösten, doch der ging kein Stück darauf ein.

„Alte Menschen sterben halt. Menschen mit unheilbaren Krankheiten sterben halt. Menschen im Koma sterben halt. Aber ein zehnjähriger, kerngesunder Junge stirbt nicht einfach so, nachdem er eingeschlafen ist!“

Nachdenklich sah sie ihrem Mann in die Augen. Sie wollte ihm widersprechen, aber das ging nicht. Sie wusste, dass er Recht hatte. Ben war laut der Aussage seines Vaters wie jeden Abend von ihm ins Bett gebracht worden und fast sofort eingeschlafen. Nachdem er wenige Minuten neben seinem vermeintlich schlafenden Sohn saß, war ihm aufgefallen, dass sich sein Brustkorb nicht mehr hob und er keine Luft mehr durch die Nase oder den Mund ausstieß. Panisch hatte er nach seinem Puls getastet und feststellen müssen, dass er keinen mehr besaß, woraufhin er ohne zu zögern den Rettungswagen gerufen hatte.

„Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte“, wiederholte er sich und sah Juleen überfordert an.

Doch auch sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das ganze Thema war ihr unangenehm. Sie erlebte es selten, ihren Mann verzweifelt und schwach zu sehen, aber wenn sie es sah, dann jagte es ihr einen regelrechten Schauer über den Rücken. Normalerweise war Kris ein selbstbewusster und starker Mann, aber wenn er verzweifelt war, dann wirkte er fast wie ein kleines, weinerliches Kind, das mal wieder in der Schule gemobbt wurde und sich nun bei seiner Mutter ausheulen würde, während sie sich im Stillen fragen würde, was sie in ihrem Leben nur falsch gemacht hätte, um jetzt so dazustehen. Verlegen senkte sie den Blick auf das leere Glas vor ihr. Sie wollte nicht, dass ihre Illusion eines starken und unerschütterlichen Mannes an ihrer Seite zerstört wurde. Nicht heute. Eine ganze Weile saßen sie noch schweigend am Tisch und lauschten der Musik, die aus dem alten Radio hinter ihnen mit gelegentlichen Störungen lärmte. Keiner der beiden schlief heute Nacht besonders gut.

5

Mit gesenktem Kopf betrat Jonas Kleinert das Schulgebäude. Am Freitag würde sein kleiner Bruder seinen letzten Weg unter die Erde finden, und er war alles andere als bereit dafür. Noch am Freitagmorgen hatte ihr Vater sie mit Tickets für das Fußballspiel von Hannover 96 am nächsten Wochenende überrascht. Es wäre das zweite Fußballspiel gewesen, das Jonas sich im Stadion angesehen hätte. Für Ben wäre es das Erste gewesen. Sein Vater hatte die Karten am Montag an Freunde verschenkt. Ihm war die Lust auf das Stadion vergangen. Allerdings wäre es vielleicht die Ablenkung gewesen, die ihnen allen gutgetan hätte, aber wer wollte, beziehungsweise konnte schon abgelenkt werden, wenn es um den unvorhergesehenen Tod des eigenen Kindes gehen würde. Niemand, der auch nur einen Funken Liebe für seine Kinder übrig hatte, verschmerzte so etwas leichtfertig, und Ben und Jonas Eltern hatten eine Menge Liebe für sie übrig. Folglich waren auch die Schmerzen der beiden von beträchtlichem Ausmaß.

Seitdem der Arzt im Krankenhaus Ben offiziell für tot erklärt hatte, liefen alle, sowohl seine Eltern als auch Jonas, in einer eigenen Gefühlsglocke mit der Stabilität von Obsidian, einem Vulkangestein, herum. Man konnte von außen hineinsehen und erkennen, wie es ihnen ging, aber hineingelangen, um ihnen zu helfen oder sie gar hinauszuziehen, war unmöglich. Sie isolierten sich selbst in ihre eigene unerreichbare Gefühlswelt. Sie verließen sie nicht einmal, um sich um ihren anderen, noch lebenden Sohn zu kümmern. Jeder lebte von da an quasi für sich alleine und empfand nicht einmal das eigene Leben noch länger als lebenswert.

In der ersten großen Pause setzte Jonas Kleinert sich auf einen der großen Steine, die wie im Kreis neben der Schulkantine angeordnet waren, und ließ den Kopf in seine verschränkten Arme sinken.

„Hey Jonas“, sagte Mark, ein guter Freund von ihm, vorsichtig und setzte sich zu ihm auf den Stein. Er antwortete nicht, sondern drehte sich noch ein Stück weiter von ihm weg. Respektvoll akzeptierte Mark sein Schweigen, blieb einfach stumm neben ihm sitzen und legte ihm die Hand auf die Schulter. Zumindest stieß er sie nicht weg. Scheinbar wollte er nicht tatsächlich alleine sein, sondern nur nicht reden. Das war in Ordnung. In einer Freundschaft musste man manchmal dem Anderen einfach etwas Freiraum geben, ohne ihn dabei komplett allein zu lassen. Manchmal tat es gut einfach schweigend nebeneinanderzusitzen, ohne in Not zu sein etwas sagen zu müssen. Manchmal sagte Stille schon genug aus.

„Ey Jungs seht mal, was wir da haben. Ne Schwuchtel“, lachte Erik dreckig und stieß seinem Kumpel in die Seite. Erik war das Alpha Tier des siebten Jahrgangs und versuchte sich mit Worten, die für ihn alt klangen, als schlau hervorzutun. Nicht wirklich glaubhaft, wenn man bedachte, dass seine Eltern ihn erst mit sieben eingeschult hatten und er trotz dessen in der fünften Klasse noch eine Ehrenrunde drehen musste, um nicht auf eine Sonderschule geschickt zu werden. Er war groß, stämmig und außerdem vierzehn Jahre alt und somit fast zwei Jahre älter als der Rest der Kinder aus dem Jahrgang, den er besuchte.

„Verzieh dich“, drohte Mark ihm zornig, wobei seine Drohung mehr wie eine kleinlaute Bitte, nicht verprügelt zu werden, klang. Erik hatte ihn schon oft mit blauen Flecken und Rissen in seinen Brillengläsern nach Hause geschickt, weil Mark sich aufgrund seiner Angst und Feigheit, den Mund gegenüber einem Lehrer oder gar seinen Eltern aufzumachen, als das perfekte Opfer seiner Gemeinheiten eignete. Mark war klein, ein wenig pummelig und trug eine Brille. Er war im Grunde genommen also wie dafür geboren, die Fresse eingeschlagen zu bekommen.

„Halt die Klappe, Speckie“, blaffte er ihn an und wandte sich Jonas zu, der immer noch geistesabwesend den Kopf in seinen Armen versteckte und gewissermaßen die Vogelstrauß-Taktik ohne Sand ausführte.

„Hab gehört, deinen Bruder hats erlegt, hä? Weißt du, was mein Vater gesagt hat?“, fragte er und beugte sich zu ihm hinunter, bis sein Gesicht auf einer Höhe mit Jonas gesenktem Kopf war.

„Lass ihn in Ruhe, Erik!“, versuchte Mark es dieses Mal mit ein wenig mehr, aber trotzdem kaum hörbarer, Kraft in der Stimme.

„Wenn du nicht die Schnauze hältst, dann nehme ich deine Brille und schiebe sie dir in deinen Fettarsch, kapiert?“, grunzte Erik ihn wütend an.

Ängstlich verstummte Mark, blieb aber trotzdem mit rotem Kopf neben seinem Freund sitzen. Vielleicht auch einfach, weil er wissen wollte, was passieren würde. Einen anderen logisch erkenntlichen Grund gab es jedenfalls nicht, denn es war zu offensichtlich, dass Erik nicht vorhatte, die Pause ohne ein paar Schläge seinerseits zu beenden.

„Weißt du, was mein großer Bruder gesagt hat, als er davon gehört hat?“

Ein weiteres Anzeichen von Eriks geistiger Schwäche war, obwohl allein seine Art, jedes Wort am Ende eines Satzes unnötig in die Länge zu ziehen, zur Genüge davon zeugte, dass er bei jeder Gelegenheit auf seinen Vater oder seinen großen Bruder verwies. Beide waren wie er nicht sonderlich intelligent, geschweige denn begabt, aber grade deswegen waren sie seine Vorbilder. Sein Bruder, der mit siebzehn seinen Hauptschulabschluss geschafft hatte, war nach absolvierter Ausbildung auf die Baustelle gegangen, wo er sich bis zur für ihn mit Sicherheit mickrigen Rente seine Gelenke und seinen Rücken kaputtschuften durfte. Eriks Vater hingegen hatte es sogar geschafft, eine Ausbildung zum Straßenwärter zu machen und arbeitete nun seit mittlerweile fast dreißig Jahren im öffentlichen Dienst bei der Straßenbauverwaltung der Stadt Dulingen. Keine geistige Meisterleistung, aber die strebte Erik auch nicht an. Alles, was er wollte, war arbeiten und Geld verdienen, ohne sich zu sehr anstrengen zu müssen, wobei Anstrengung für ihn bloß auf geistiger Ebene durch den Versuch zu denken vorkam. So waren sein Vater und sein Bruder in dem Sinne also seine idealen Vorbilder.

„Gut, dass der kleine Wichser tot ist. Noch eine Schwuchtel weniger“, zitierte er seinen Bruder, während er Jonas schief angrinste.

„Hör endlich auf, Erik!“, keifte Mark ihn an. Dieses Mal mit hörbarer Wut. Zornig sprang Mark auf und schubste den vor Jonas hockenden Erik um. Erik verlor das Gleichgewicht und plumpste wie ein nasser Sack nach hinten auf die noch leicht vom nächtlichen Regen befeuchtete Erde.

„Na warte du …“, schimpfte Erik, als er sich wieder aufrappelte und Mark, der den verzweifelten Versuch gestartet hatte wegzulaufen, sämtliche Beleidigungen und Flüche hinterherrief. Mark kam wenige Stunden später mit blutiger Lippe, blauem Auge und einer weiteren zerbrochenen Brille nach Hause. Jonas blieb von Eriks Wutausbruch verschont. Zumindest heute.

6

Angestrengt nahm Kris die Lesebrille von seiner Nase und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Er hatte gerade einige Gespräche mit seinen Psychos hinter sich, die den zeitlichen Rahmen mehr als einfach nur gesprengt hatten. Psychos, wie er sie gerne nannte, waren meist ältere Patienten von ihm, die eigentlich nur zu ihm kamen, weil es ihnen zuhause zu langweilig wurde und sie hofften, dass er etwas finden, würde, um sie als krank diagnostizieren zu können. Nicht, weil sie gerne krank sein wollten, sondern weil sie dann etwas hätten, worüber sie sich beklagen könnten, um etwas Abwechslung in ihren öden und langweiligen Alltag zu bringen. Sie waren schon mit einer Erkältung zufrieden, denn dies konnten sie Freunden, falls sie denn welche hatten oder meist einfach dem Nächstbesten, dem sie auf der Straße begegnen würden, als Bronchitis oder schwere Lungenentzündung verkaufen. Sie scherten sich nicht darum, wie es um andere stand, sondern interessierten sich hauptsächlich für das eigene Wohl. Kinder hatten sie meist keine, und wenn doch, waren sie entweder auch zu Psychos mutiert, oder sie hatten sie schon längst vergrault. Ein Psycho unterhielt sich am liebsten mit drei Gruppen von Menschen: Ärzten, anderen Psychos und jungen Erwachsenen, die ihnen, naiv wie sie oft waren, alles aufs Wort glaubten. Kritik oder gar Widerspruch duldeten sie keinen, außer er kam von ihrem Arzt und führte dazu, dass sie Medikamente bekommen oder sich längere Zeit ausruhen sollten, denn auch dies war wieder Gesprächsstoff, den man rumerzählen und dramatisieren konnte. Die Lieblingsbeschäftigungen der Psychos waren zum einen der Besuch bei ihrem Hausarzt, das Recherchieren von alternativen Fakten und Behandlungsmethoden – Krebs lässt sich mit homöopathischen Medikamenten heilen, vielleicht sollten sie das in Erwägung ziehen Doktor – und das Philosophieren über ihre unerträglichen Schmerzen, um sich dann als tapfer und stark aufzutun, dass sie diese durchstehen würden. Was sie außerdem mit Hingabe und viel Leidenschaft taten, war das Kommandieren anderer, denn Psychos liebten es, wenn sie sich selbst mit gutem Gewissen als intelligente und starke Führungspersonen ansehen können. Sie prahlen gerne vor ihrem Arzt mit Geschichten aus ihrem Leben, welches sie in den häufigsten Fällen bei der Post oder als Putzkraft verbracht haben und mit Wissen, welches sie sich durch das wundersame, aber doch allzeit wahrheitsgemäße Medium Internet angeeignet haben. Sie als philiströs oder spießbürgerlich zu bezeichnen, wäre mehr als verwerflich, denn schließlich waren sie ja, neben ihrem Hausarzt und ihrem ganz eigenen Arzt, namens Dr. Google, die einzig wirklich Aufgeklärten. So waren doch eigentlich nicht sie die Philister der heutigen Zeit, sondern der Rest der Menschheit einfach nur zu ignorant, ihren Intellekt zu würdigen. Die Bezeichnung als Erleuchtete oder als Reindenkende wäre der Wahrheit entsprechend weitaus angebrachter.

Doch zu seinem Glück waren es die letzten Erleuchteten, die er heute in der Sprechstunde betreuen musste. Sie hatten sich, nachdem klar war, dass er die Praxis am Montag wegen seines Umzugs schließen würde, sofort einen Termin für Dienstag machen lassen. Schließlich war der Herr Doktor ja Ewigkeiten nicht erreichbar gewesen, und man würde mit Sicherheit ein leichtes Ziehen im linken Ohrläppchen verspüren, das laut Dr. Google ein Vorbote für ein Magengeschwür, wenn nicht sogar für Hodenkrebs – ja auch bei der weiblichen Fraktion war dies durchaus beängstigend – sein konnte. Kris hatte schon etliche Psychos gehabt, die der Meinung waren, dass sie ihrer Diabetes nicht mit Insulinspritzen, sondern mit Roibuschtee, den man mit einer Hand voll Globuli einnehmen musste, entgegenwirken konnten. Wegschicken konnte er sie nicht, denn schließlich war auch geistige Armut in gewisser Weise eine Krankheit, gegen die es jedoch kein Heilmittel gab. Er könnte sie höchstens an einen Kollegen weiterleiten, der mit Menschen, die geistig verwirrt waren, arbeite, aber auch dabei stellte eine Eigenschaft der Psychos ein Problem dar, nämlich ihre Freude und Bereitschaft, ihr Verhalten in Sekundenschnelle anzupassen, sodass jeder durchschnittliche Neurologe Kris den Vogel zeigen würde, wenn er versuchen würde, ihm beizubringen, dass diese Patienten ein geistiges Problem hätten. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ihnen, ihren Leidensgeschichten und neuen Erkenntnissen aus den Untiefen des World Wide Web zu stellen. Also Augen zu - die Ohren wären ihm in diesem Fall zwar lieber, aber was sollte er schon machen - und durch. Amen.

Er wischte sich mit den Händen über die Augenlider und gähnte müde. Die Uhr mit dem Schmetterlingsverschluss an seinem Handgelenk tickte fast stumm vor sich hin. Langsam wanderte der Minutenzeiger auf die neun, so dass er mit dem Stundenzeiger beinahe eine grade Linie bildete. Mal wieder war er fast drei Stunden länger in der Sprechstunde gewesen, als das Schild neben der Tür verriet. Es zeigte außerdem, dass er ab halb fünf wieder hinter dem Schreibtisch sitzen und sich um Patienten kümmern würde. Aber auch das stimmte nicht. Er würde frühestens gegen fünf wieder an seinem Schreibtisch sitzen. Sein erster Termin für den Nachmittag war erst um viertel vor fünf. Eine Viertelstunde wäre schon zu verschmerzen. Um genau zu sein, war es eine herausragende und unterdurchschnittliche Wartezeit, wenn man bedachte, dass der Durchschnitt der Wartezeit beim Arzt bei einer halben Stunde lag.

Unmotiviert in knapp zwei Stunden wieder dort hinter dem Schreibtisch gegenüber einer seiner Patienten zu sitzen, erhob er sich von seinem Stuhl, nahm seine Jacke vom Haken und schloss die Tür seines Sprechzimmers hinter sich ab. In dem Moment, in dem er die Praxis durch die weiße Fronttür verlassen wollte, klingelte hinter der Rezeption das Telefon. Einen Moment hielt er inne und blickte sich zum Apparat um, der hinter dem 1,40 m hohen Tresen stand. Nachdem er hörte, dass der Anrufbeantworter den Anruf entgegennahm, schaltete er das Licht aus und verließ die Praxis für zwei Stunden.

Um Punkt vier Uhr öffnete Marion die Praxis von Dr. Kris Lindner wieder und hing ihre Jacke mitsamt ihrem Schal an die Garderobe im Eingangsbereich. Sie war eine der vier Medizinischen Fachangestellten - kurz MFA - die für ihn in der Praxis arbeiteten. Gemächlich setzte sie sich auf den runden Schreibtischstuhl ohne Rückenlehne und hörte die ersten Nachrichten von der Mailbox ab.

7

2009 hatte Diedrich Erhard die letzten Tauben in Dulingen gesehen. Jeden Freitag um zwölf Uhr hatte er sich mit einer Tüte Sonnenblumenkerne vor den Supermarkt auf die grün gestrichene Holzbank, von der die Farbe langsam abblätterte, gesetzt und abwechselnd sich und die Tauben mit Sonnenblumenkernen versorgt. Brot durfte er ihnen nicht geben, da es in ihren Mägen gären und ihnen so schaden könnte. Nachdem ihn sein ehemaliger Freund Julius Liebenbröck, der vor wenigen Jahren den friedlichen Tod des zu hohen Alters gestorben war, in die hohe Kunst des Taubenfütterns eingeweiht hatte, hatte er so allerlei Kenntnisse darüber erlangt, wie er sie richtig füttern musste. Getrocknete Erbsen, Popcornmais, Sonnenblumenkerne, roher Naturreis sowie Weizen- und Dinkelkörner eigneten sich besonders gut zum Verfüttern, verarbeitete Lebensmittel mit vielen Kohlenhydraten und Salz hingegen ganz und gar nicht. Im Herbst 2008 hatte die Gemeinde beschlossen, das Füttern von Tauben zu verbieten, da der Kot der Tiere die Stadt übermäßig verunreinigte und sie zudem Parasiten und Krankheiten übertrugen. Anfang des Jahres, noch zu der Zeit von Dr. Beram, waren drei Menschen in Dulingen an Typhus erkrankt. Die Gemeinde gab dem übermäßigen Bestand von Tauben und deren Fäkalien die Schuld an den schweren Durchfallerkrankungen. Seitdem war das Füttern von Tauben verboten und wurde mit einem Bußgeld von bis zu 3.000 Euro geahndet. Daher saß Diedrich jeden Freitag auf der Bank vor dem Supermarkt, von der langsam die grüne Farbe abblätterte, und aß alleine aus seiner Tüte mit Sonnenblumenkernen. Die Tauben waren so etwas wie seine letzten Freunde gewesen, die ihm noch Spaß bereiten konnten. Doch nun waren auch sie, wie der Rest seiner Freunde und seine Frau, fort und kamen nicht wieder. Zehn Jahre war er nun allein gewesen. Doch wer weiß. Vielleicht würde er sie schon bald alle wiedersehen.

8

Klackend landete die Tür des kleinen Hauses in der Neuenburger Straße im Schloss. Leise zog Erik seine Schuhe aus und hängte seine Jacke an den Haken über dem Schuhregal. Seine Jeans – Größe 32 / 34 – war hinten vom Hosenbund abwärts mit getrockneter Erde verschmutzt. Sie war schmutzig geworden als Mark, dieser kleine Hurensohn, ihn in den Dreck geschubst hatte. Dafür hatte er ihm zwar eine verdiente Abreibung verpasst, aber an seiner mit Erde verunreinigten Hose änderte das, außer, dass Mark sie zudem mit ein paar Blutflecken an den Oberschenkeln versehen hatte, verhältnismäßig wenig. Eilig, aber immer noch mit möglichst geringer Lautstärke verschwand er im Badezimmer und warf seine Hose in den Wäscheeimer, wo er sie unter ein paar T-Shirts vergrub, damit sie seinem Vater nicht sofort ins Auge fallen würde.

Eigentlich hatte er überhaupt keinen Grund, einen Blick in den Eimer zu werfen, wo das Waschen doch Aufgabe der Frauen und nicht des Hausherren sei. Wofür hatte man das Weibsbild schließlich im Haus, wenn es sich nicht um das Waschen, das Kochen und das Putzen kümmerte? Um sich belehren zu lassen? Harald brachte der Gedanke jedes Mal aufs Neue zum Lachen, wenn jemand von gebildeten oder intellektuellen Frauen sprach. Weiber waren nicht dafür da, schlaue Sprüche zu bringen von Sachen, die sie entweder nichts angingen oder nicht verstanden. Sie gehörten hinter den Herd, in die Besenkammer und in jeden anderen Raum, höchstens mit einem Putzlappen oder dem Staubsauger in der Hand. Und selbstverständlich gehörten sie darüber hinaus noch in das Bett des Ehemannes, um ihm jedes Mal, wenn ihm danach war, einen guten Fick zu geben.

Derjenige, der auf die Idee gekommen war, den Frauen damals ein Mitspracherecht an den Entscheidungen in der Welt zu geben, musste ohne jeden Zweifel eine verdammte Schwuchtel gewesen sein, die ihr Bier abends in der Kneipe mit einem feuchten Kuss auf den Zauberstab des Wirtes bezahlte, anstatt in barer Münze. Harald mochte Schwuchteln nicht, aber noch viel weniger mochte er es, wenn sein Sohn mit schmutziger Hose und dreckigem Gesicht nach Hause kam. Denn wenn er mit Dreck an den Klamotten zuhause auftauchte, bedeutete das für seinen Vater, dass er sich geprügelt und zudem auch noch verloren hatte. Harald konnte es natürlich nicht auf sich sitzen lassen, dass sein Sohn die Stärke des männlichen Geschlechts seiner Familie ins Lächerliche zog, also musste er ihm bisweilen immer wieder aufs Neue seine Lektionen erteilen, dass er bloß nicht vergaß, dass eine Niederlage nichts war, womit er sich zufriedengab. Seine Lektionen, die er mit dem Gürtel oder einer alten Reitgerte erteilte, dauerten in den häufigsten Fällen ein paar Minuten und hinterließen meist farbenfrohe Blutergüsse auf dem Körper seines vierzehnjährigen Sohnes. Schwäche war etwas, das Harald mindestens genauso verabscheute wie Frauen, die in dem Irrglauben lebten, sie seien relevant und gleichberechtigt. Auch Jesus hat sich die Füße von euch küssen und den Schwanz blasen lassen und ist trotzdem als Heiliger Geist in den Himmel aufgestiegen oder so ähnlich.

Mittlerweile hatte Erik sich eine Jogginghose angezogen und sich mit seinem Ranzen in der Hand nach oben in sein Zimmer begeben, um für den Rest des Tages die Tasten auf dem Controller seiner Playstation zu bearbeiten. Nachdem er zwei Stunden damit verbracht hatte, in der simulierten Version des Zweiten Weltkriegs Zielpunkte einzunehmen, brüllte sein Vater von unten energisch.

„Erik!“, rief er wütend und kam donnernd die Treppen hoch. Erschrocken ließ er den Controller aus der Hand fallen und drehte sich wie vom Hafer gestochen herum. Noch bevor er überhaupt wusste, auf was er sich einstellen musste, flog die Tür auf und sein Vater stand mit streitlustigem Blick im Türrahmen.

„Das ist doch wohl hoffentlich nicht deine Hose, oder etwa doch?“, fragte er und präsentierte ihm das verdreckte Kleidungsstück, das er in der Hand hielt.

„Antworte mir!“, befahl er seinem kreidebleichen Jungen, der mit einem Male alle Lust auf sein Videospiel verloren hatte.

„Ja ...“, antwortete er kleinlaut.

„Sprich gefälligst lauter!“

„Ja.“

„Was ist passiert? Wer war das?“, fragte Harald mit messerscharfem Unterton. Eine schmierige Haarsträhne hing ihm vor der Stirn und wippte im Takt seiner Worte auf und ab.

„Ich wurde geschubst“, gab Erik schüchtern zu. Er war froh, dass niemand aus der Schule ihn so sah. Dann wäre es mit seinem Ruf als starker Junge, vor dem man sich fürchten müsste, vorbei gewesen. Man würde mit Fingern auf ihn zeigen und ihn als Weichei und Pussy verhöhnen, wenn er die Flure entlangging. Zum Glück würde es nie jemand erfahren, dass er in Wahrheit genauso ein Opfer seines Vaters war, wie Mark und Jonas die seinen waren.

„Von wem?“

Erik traute sich nicht zu antworten. Er wusste, dass sein Vater Mark und dessen Familie kannte, und er wusste auch, dass er ihn für einen vollkommenen Versager halten würde, wenn er ihm beichten würde, dass er es war, der ihn geschubst hatte.

„Von wem hab ich gefragt!“, brüllte er seinen Jungen an und schlug mit der schmutzigen Jeanshose nach ihm. Ein Knopf traf ihn am Auge, welches sich sofort mit Tränen füllte, die ihm wenige Sekunden später über die Wangen liefen und ihm noch weitere Schläge einbringen würden.

„Mark Buscher, aber Papa ...“ Ein zweites Mal holte Harald mit der Hose aus und verpasste ihm einen Schlag.

„Von diesem kleinen Scheißer hast du dich in den Dreck werfen lassen?“ Nochmal schleuderte er ihm die Jeans ins Gesicht, wobei sich winzige Brocken Erde von ihr lösten und durch das Zimmer flogen.

„Papa nein ...“

„Und geblutet hast du auch noch, wie ein kleines Mädchen!“, fuhr er in seinem Wutrausch fort und hielt ihm die Blutflecken so dicht vor das Gesicht, dass er einige der winzigen Fasern beinahe einatmen konnte. Doch noch ehe Erik irgendetwas zu seiner Verteidigung sagen oder anbringen konnte, landete ein weiteres Mal ein Knopf der Jeans in seinem Auge, welches inzwischen gerötet war.

„Du bist eine Schande für mich! Jawohl eine Schande!“, brüllte sein Vater so laut, dass die Nachbarn vier Häuser weiter vermutlich noch jedes einzelne Wort ohne Mühe verstehen konnten.

„Ich hätte meine Samen besser spenden sollen, als sie in deine Mutter zu spritzen! Dann würde man meinen guten Namen nicht mit so einem erbärmlichen Haufen Mist wie dir in Verbindung bringen können! Du bist eine Schande, hast du das verstanden? Eine Schande!“, brüllte er weiter, sodass sein Kopf knallrot wurde und die Adern an seinem Hals heraustraten. Drei Schläge und eine Menge Tränen von Erik später, wurde sein Kopf langsam wieder schweinchenrosa, anstatt purpurrot und er wischte sich kopfschüttelnd den Schweiß von der Stirn.

„Du bist nicht mein Sohn. So sehr kann Gott mich nicht bestrafen“, sagte er mit ruhigerer, aber nicht leiser Stimme, dann verließ er das Zimmer und ließ seinen flennenden Jungen alleine zurück.

9

Erschöpft drehte Kris den Schlüssel in der Tür der Praxis und prüfte noch einmal sicherheitshalber, ob sie auch wirklich verschlossen war. Zufrieden zog er ihn aus dem Schloss und machte sich auf dem Weg zu seinem Auto, das er auf dem kleinen Parkplatz vor seiner Praxis abgestellt hatte. Zu seiner Erleichterung hatte er den für ihn reservierten Platz heute Morgen leer und nicht von einem seiner Patienten besetzt vorgefunden. Trotz der ausdrücklichen Botschaft auf dem Blechschild, das hinter besagtem Parkplatz aufgestellt war, dass dieser Platz bereits reserviert sei, kam es immer wieder vor, dass er sein Auto morgens nicht dort, sondern zwei Straßen weiter abstellen musste.

Mit der Zeit verfällt die Menschheit immer mehr der Anarchie. Wer weiß wie lange das Armageddon noch auf sich warten lässt.

Schmunzelnd über diesen Gedanken schloss er sein Auto auf und stellte seinen dunkelblauen Arztkoffer auf den Beifahrersitz. Gähnend drehte er den Zündschlüssel um und schaltete das Abblendlicht des Wagens ein. In einem der Häuser um ihn herum begann ein Baby zu schreien. Langsam griff er nach dem Gurt und schnallte sich an. Die grün leuchtenden Zahlen auf seinem Armaturenbrett verrieten ihm, dass es bereits nach neun Uhr war. Er hatte Überstunden gemacht und trotzdem einen Haufen Papierkram in seiner Mappe übrig, den er zuhause noch erledigen musste. Praktisch alles wie immer. Juleen würde nicht begeistert sein und sich schmollend vor den laufenden Fernseher setzen, während er neben ihr Zettel um Zettel unterschreiben würde. Doch sie nahm es ihm nicht übel. Er suchte es sich ja auch nicht aus, bis spät abends noch arbeiten zu müssen und irgendwer musste schließlich das Geld verdienen, während der Andere sich um den Haushalt und Merlin kümmerte. Ziemlich klischeehaft und sexistisch würden manche meinen, dass er selbstverständlich die Person war, die arbeiten ging und seine Frau zuhause den Haushalt schmiss. Doch solche Leute würden auch Rosa Parks oder Martin Luther King als selbstverliebte Möchtegernpatrioten bezeichnen. Es war nicht sexistisch. Es war das einzig Sinnvolle. Kris verdiente mit seiner Arztpraxis mehr als Juleen, die längere Zeit Lehrerin an einer Grundschule gewesen war. Zudem wäre es mehr als naiv gewesen, die Chance auf eine eigene Praxis aufzugeben, wenn sie ihnen mehr Möglichkeiten auf finanzieller Ebene gab, als Juleens Beruf als Grundschullehrerin, zu dem sie jederzeit zurückkehren konnte. Und genau das hatte sie auch vor, wenn Merlin etwas älter und selbstständiger geworden wäre. Doch bis dahin würde sie zuhause die Stellung halten und sich um ihn kümmern, wenn Kris arbeiten war.

Müde rieb er sich die Augen, dann drehte er den Schlüssel ein weiteres Mal herum und der Motor sprang an. Das Babygeschrei hatte immer noch nicht nachgelassen. Ganz im Gegenteil. Es war sogar lauter geworden und klang nun nicht mehr so, als ob es aus einem der Häuser, sondern von dem Gehweg gegenüber kam. Verwirrt blickte er in den Rückspiegel, aber der Gehweg sowie die komplette Straße war menschenleer. Leicht verunsichert und mit dem Plärren des Babys im Ohr löste er die Handbremse und fuhr rückwärts vom Parkplatz ab. Plötzlich wurde das Geschrei lauter und er sah im Augenwinkel über den Rückspiegel, wie ein Kind im pink-weiß gestreiften Schlafanzug und einer dazu passenden Schlafmütze vom Gehweg auf die Straße taumelte. Mit hochroten Backen, die von Tränen nur so glänzten, hielt es einem blauen Entchenschnuller in der Hand und schrie sich die Seele aus dem Leib.

Warum verdammt hat die Warnanlage nicht ausgeschlagen?

Ohne zu zögern, trat Kris die Bremse und die Kupplung voll durch, sodass das Auto augenblicklich zum Stehen kam. Ein Ruck ging durch den Wagen und das Schreien verstummte auf der Stelle. Innerhalb von einer Sekunde hatte er sich abgeschnallt und die Autotür aufgestoßen. Schwer atmend und in der Erwartung, gleich ein von seinen Reifen zerquetschtes Baby zu finden, rannte er um den Wagen herum. Doch dort war kein Kind. Hastig legte er sich auf den Bauch und sah unter das Auto. Nichts.

Wie war das möglich? Er hatte es doch gesehen und es schreien gehört. Und dann dieser Ruck, als wenn er über eine Gartenfigur aus Plastik gefahren und sie mit seinen Reifen brutal zerdrückt hätte. Aber da war nichts. Keine Gartenfigur und kein lebloser Körper eines Kindes. Keine Delle oder eine Schramme, die den Ruck zumindest erklären könnte.

---ENDE DER LESEPROBE---