1,99 €
Ein Funke springt über. Das Dorf brennt. Für Kommissar Collin Beyer und seinen Partner Jonas Kasch ist es der größte Fall, in dem sie jemals ermittelt haben. Über Nacht wird das kleine Dorf Tolzum von Unbekannten bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Das Motiv scheint klar: Wahnsinn und Zerstörungslust. Die Kommissare müssen handeln, bevor die Täter zu einem weiteren Schlag ausholen können.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Impressum
1
2
3
4
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
Leon Grüne
Funkenflug
Tolzum-Reihe, Band Nr. 1
Texte: © 2021 Copyright by Leon Grüne
Umschlag: © 2021 Copyright by Hannah Schulz
Verantwortlich
für den Inhalt: Leon Grüne
Eitzumer Hauptstraße 57
31028 Gronau
Leon Grüne
Funkenflug
Teil der Tolzum-Reihe
Prolog
Können wir kurz reden? Nur eine Sekunde, länger brauche ich Ihre Aufmerksamkeit nicht. Ich möchte Sie nur etwas fragen, bevor Sie lesen können, was ich Ihnen zu erzählen habe. Ja? Danke.
Ich weiß nicht, ob Sie es wissen, aber woher sollten Sie es auch, schließlich bin ich ein Mensch wie jeder andere. Ich verbringe gerne viel Zeit mit Spaziergängen durch den Wald, der bei mir oben am Dorf liegt. Während der Pandemie bin ich fast jeden Tag dort oben gewesen. Habe gesehen wie der Wald langsam kahl wird, um dann im Laufe der Monate wieder zu voller Pracht zu erblühen. Ich habe viel Inspiration und Ideen dort oben zwischen den Bäumen bekommen und auf eine bestimmte Art und Weise glaube ich, dass es an dem Wald liegt. Sämtliche Entscheidungen, die ich für die Figuren in meinen Romanen und Geschichten treffe, finden dort oben statt. Jedes Mal, wenn ich zwischen den Feldern in Richtung des Waldes gehe, habe ich die Hoffnung, dass ich mit einer neuen Idee wieder nach Hause gehe. Nicht immer funktioniert das, aber wenn es funktioniert, dann lässt es mich nicht mehr los. Auch ganz besondere Szenen fallen mir dort um einiges leichter. Beispielsweise ist das Kapitel aus „Die Grenze“, in dem Frank im Wald sitzt und ein älterer Mann mit seinem Weimaraner vorbeikommt, nichts anderes als etwas, das mir selbst bei einem meiner Spaziergänge so passiert ist. Zwar hat der Siebenschläfer das Ganze überlebt, doch ich verspreche Ihnen, dass es sowohl den Aussichtsplatz und den Mann mit dem Hund wirklich gibt. Ich weiß, dass ich vom Thema abschweife und deswegen möchte ich Ihnen jetzt endlich meine Frage stellen, die ich schon von Beginn an stellen wollte. Woran glauben Sie?
Ich möchte Ihre Antwort nicht hören, doch ich möchte, dass Sie sich diese Frage stellen und sich selber eine ehrliche Antwort geben. Und tun Sie mir den Gefallen und denken Sie nicht an Gott oder eine höhere Macht. Nein, das ist zu einfach. Denken Sie an Geschichten, die sie gehört haben. Denken Sie an Märchen, Schauergeschichten und meinetwegen - wenn Sie so unkreativ sein wollen - auch an Liebesgeschichten. Ich für meinen Teil glaube an die Geschichten, die ich mir erzähle, wenn ich wieder einmal im Wald zwischen den hohen Bäumen spazieren gehe oder an meinem Aussichtspunkt sitze und ein gutes Buch lese. Aber können Sie das auch? Können Sie an die Geschichten glauben, die Sie nie erlebt, sondern nur von gehört haben? Die meisten Menschen können das nicht. Schauergeschichten glauben sie nicht, weil sie erwachsen sein wollen. Liebesgeschichten glauben sie nicht, weil sie neidisch sind. Geschichten, in denen es um ungewöhnliche Ereignisse oder abnormale Geschehnisse geht, glauben sie nicht, weil sie realistisch sein wollen. Lassen Sie mich von einer Geschichte erzählen, von der ich nicht nur glaube, dass sie wahr ist, sondern von der ich weiß, dass sie es ist. Wahrscheinlich werden Sie mir nicht glauben. Doch damit kann ich leben. Manche wollen erst an etwas glauben, wenn es schon lange zu spät ist. Ich bin nur derjenige, der am Ende sagen kann: Ich habe Sie gewarnt.
Funkenflug
Man kann die Wahrheit nicht ins Feuer werfen –
Sie ist das Feuer.
- Friedrich Dürrenmatt
Es ist deine beste Arbeit Basil,
das Beste, was du je gemacht hast.
- Lord Henry
Punkt eins: Ich glaube nicht an spukende Tiger!
Punkt zwei: Ich bin nicht ängstlich!
Und Punkt drei: Das war meine Limo!
- Peter Shaw
I’ll look back at myself and say
I did it all for love
(Oh)
Yes I did it for love
- Freddie Mercury
Niemand bemerkte den Wagen, der mitten in der Nacht das kleine Dorf kurz vor Laatzen erreichte. Außer dem leisen Summen und gelegentlichen Klopfen des Motors war es still. In den Häusern brannten ein paar wenige Lichter. Keiner der Männer, die in dem Auto saßen, wunderte sich darüber. Sie waren viel zu angespannt, als sich über irgendetwas Gedanken zu machen. Keiner sah es, als der Wagen von der Straße auf das Feld fuhr, das direkt neben den Häusern lag. Niemand sah es und niemand wusste, was die beiden Männer, die darinsaßen, vorhatten. Falls sie selbst es denn überhaupt wussten. Vielleicht hatten sie eine Vorahnung, doch im Endeffekt wussten sie bloß eines: Für einen Rückzieher war es zu spät. Wer wusste, ob sie jemals wieder so eine Gelegenheit bekamen. Mühsam schleppte das Auto sich den Hügel hinauf, der an das Dorf grenzte. Spätestens jetzt müsste irgendjemand den Wagen gehört haben. Doch in den Häusern regte sich weiterhin nichts. Niemand sah hinaus, wer mitten in der Nacht versuchte, mit seinem Auto den steilen Hügel zu erklimmen, und niemand beschwerte sich, dass seine geliebte Nachtruhe gestört wurde. Das Dorf schien wie ausgestorben, doch das schienen die beiden Männer nicht zu bemerken. Als das Auto auf dem Hügel zum Stehen gekommen war, verstummte der Motor. Ein Knacken ertönte, als der Fahrer die Handbremse anzog. In der stillen Nacht hörte es sich so an, als wenn jemand mit einem Hammer auf ein Brett einschlug. Einen Moment lang verharrten die beiden, wie wenn sie sichergehen wollten, dass niemand es gehört hatte. Nachdem sie eine Sekunde später immer noch keine Stimmen hörten oder Gesichter an die Fensterscheiben gepresst sahen, stiegen sie aus dem Wagen. Alles, worauf sie sich konzentrierten, war der Gedanke, dass das, was sie tun würden, einen Sinn hatte. Und dass jeder, der ihnen die Wahrheit glauben würde, es verstehen würde. Doch eben das war das Problem. Es gab niemanden, der es ihnen glauben würde. Zumindest niemanden von Bedeutung. Aus diesem Grund sagte die große unbekannte Gestalt:
„Wir werden es niemandem sagen.“ Eine Zigarette glühte zwischen seinen Fingern auf und erhellte die schwarze Nacht für einen kurzen Augenblick. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, erwiderte die kleinere Gestalt neben ihm unsicher. Im Gegensatz zu der großen zitterte sie am ganzen Körper wie Espenlaub und schaffte es, keinen Moment lang sich auch nur minimal zu beruhigen. Ein kalter Wind pfiff zwischen den Häusern unter ihnen am Fuß des Hügels hindurch.
„Du musst. Wir haben keine Wahl, das weißt du“, antwortete die größere und ließ die Zigarette erneut aufglühen, wobei man sein Gesicht, das eines Mannes mit ergrautem Bart, nur ganz kurz sehen konnte.
„Mir ist nicht wohl bei der Sache. Was ist, wenn sie uns fragen, wo wir gewesen sind oder ob wir gesehen haben was passiert ist oder ...“
„Hör auf zu jammern. Wir werden ihnen genau das erzählen, was wir vorher abgesprochen haben, weißt du nicht mehr?“
„Doch, aber was ist, wenn sie mich schwören lassen? Ich kann sowas doch nicht. Ich kann nicht lügen, das ist eine Sünde, verstehst du, eine Sünde!“
„Und wenn sie dich auf die Titten deiner Großmutter schwören lassen ist mir das egal, Sean! Du wirst genau das tun, was wir besprochen haben, ist das klar?“
Undeutlich und hinter dem dunklen Mantel der Nacht verborgen, nickte die kleine Gestalt schwach. Ihre Hände klammerten sich fester an das kleine Holzkreuz, das sie um den Hals trug. Leise begann sie ein Gebet zu flüstern, während der große Mann neben ihr ein weiteres Mal an seiner Zigarette zog.
Einen Moment lang schien es ruhig und nur das Säuseln des Windes und das Murmeln der kleinen Gestalt störte die nächtliche Stille.
„... erhebe dich in deiner Kraft, so wollen wir singen und loben deine Macht.“
„Ich bewundere deinen Enthusiasmus.“
„Halt die Klappe!“, entgegnete der kleine Mann, der scheinbar Sean hieß, beleidigt.
Schmunzelnd zog er ein letztes Mal an seiner Zigarette.
„Wozu beten, wenn wir dabei sind etwas zu tun, das selbst den Teufel eifersüchtig machen würde?“
„Weil es im Guten geschieht!“
„Amen“, erwiderte der Mann mit dem ergrauten Bart und schnippte seine glühende Zigarette in den trockenen Busch wenige Meter unter ihnen, ehe sie den Lichtern des Dorfes den Rücken zudrehten und sich aus dem Staub machten.
Die Glut war übergesprungen. Das Dorf brannte.
Scheppernd flog die Tür des Präsidiums in den Rahmen, sodass die Fensterscheiben der „Kammern“, wie sie ihre Büros immer nannten, vibrierten. Das Geräusch von Jonas‘ Schuhen auf den Fliesen ging in dem Stimmenschwall seiner Kollegen unter. Einige Köpfe drehten sich in den Kammern herum und starrten ihn mahnend wie eine alte Bibliothekarin an, als er pfeifend in das erste Büro auf der rechten Seite einbog, in welchem sein Partner saß.
„Wenn das mal nicht das Geburtstagskind ist“, begrüßte Jonas ihn mit einem Grinsen und warf die Blätter, die er in der Hand hielt, auf seinen Schreibtisch. Zu seinem Glück hielt die Tackernadel in der oberen linken Ecke, und der Stapel landete in einem Ganzen auf der Tastatur seines PCs.
„Mach es für mich nicht schlimmer, als es ist“, erwiderte Collin scherzend, ohne von seinem Rechner aufzusehen.
„Ach, jetzt hab dich nicht so mein Glücksbärchi. Auch, wenn du aussiehst, als wärst du schon vor Jesus da gewesen, bist du erst 43 Jahre alt“, entgegnete Jonas und klopfte ihm auf die Schulter.
„43 Jahre, von denen ich dir nur zu gerne die Hälfte abgeben würde, du Milchbubi.“
„Darauf kannst du lange warten, Opa.“
„So lange es keine weiteren 43 Jahre werden, kann ich damit leben.“
„Das nenne ich Optimismus. Falscher Optimismus, aber immerhin schon mehr, als ich je von dir erwartet hätte. Scheinbar bringt das Alter doch die Weisheit.“
Schmunzelnd drehte Collin sich auf dem Schreibtischstuhl zu seinem Partner herum. Er war gut 15 Jahre jünger und erst vor drei Jahren zur Kriminalpolizei, kurz Kripo, gegangen, nachdem er als Polizeivollzugsbeamter bei der Schutzpolizei gearbeitet hatte. Er hatte sich schon damals nicht viel aus Formalitäten und humorloser Arbeit gemacht, weswegen Collin sich ohne zu zögern darauf eingelassen hatte, seine Ermittlungen in Zukunft im Team zu erledigen. Wirklich lange hatten sie nicht gebraucht, um sich an die Arbeit zu zweit zu gewöhnen. Eigentlich hatten sie sich gar nicht gewöhnen müssen, da jeder seine Rolle für sich akzeptierte und sich demnach auch verhielt. Während Collin als Diensterfahrener vorrangig das Sagen hatte, übernahm Jonas als athletischer Jungspund die körperlich anspruchsvolleren Aufgaben. Sie funktionierten, als wären sie schon immer ein Team gewesen.
T!-E!-A!-M!
Team AUF!
GO Team GO!
So oder so ähnlich waren die Publikumsrufe bei den Basketballspielen seiner Mannschaft an der Universität gewesen. Auch wenn er die einfachen und simplen Rufe, die man bestmöglich auch mit einem Pegel von mehr als 1,4 Promille noch brüllen konnte, nie wirklich hatte leiden können, musste er zugeben, dass sie mit der Zeit immer mehr wie ein passendes Leitmotiv für seine Arbeit geworden waren. Teamarbeit war wichtig, wenn es um das Ermitteln in Kriminalfällen ging. Die Spurensicherung musste mit den Ermittlern zusammenarbeiten, die Zeugen mussten mit den Ermittlern kooperieren, die Gerichtsmedizin musste sich mit den Ermittlern austauschen und schlussendlich mussten sich die Ermittler mit der Staatsanwaltschaft auseinandersetzen. Alles in dem Beruf war ein stetiger Austausch und Kommunikation war das höchste Gut. Wer glaubte, dass man auf eigene Faust Detektiv spielen konnte, lebte in einer Irrwelt, in der man etwas wie Eigenbrötlerei als selbstverständlich betrachtete und der Name des freundlichen Nachbarn Judas lautete.
„Das hättest du wohl gerne, aber ich muss dich enttäuschen, du wirst auch weiterhin deine grauen Zellen für den Job hier anstrengen müssen.“
„Um sie weiterhin anstrengen zu können, hätte ich sie vorher schon einmal beanspruchen müssen, alter Mann“, erwiderte Jonas und ging zu seinem Stuhl auf die andere Seite des Tisches, wo er die getackerten Blätter hingeworfen hatte.
„Ich glaub‘ dir immer noch nicht, dass es reines Glück mit dem Klemens-Burschen war, aber wenn du darauf bestehst, dann sonne dich gern weiter in deiner Selbstgefälligkeit und behalte deine Geheimnisse für dich. Früher oder später werd ich es schon noch herausfinden“, versprach Collin ihm und rückte wieder an seinen Computer heran.
„Wenn du weißt, was es war, dann verrate es mir bitte.“
Das Klingeln von Collins Diensthandy, ein relativ neues Blackberry, unterbrach die heitere Gesprächsstimmung und erinnerte die beiden wieder daran, was ihre eigentliche Aufgabe hier war. Das Lächeln aus Collins leicht faltigen Gesicht verschwand, als er das Handy vom Tisch nahm und den Anruf entgegennahm. In der Zwischenzeit begann Jonas seine Jacke über die Rückenlehne seines Stuhls zu hängen.
„Ja, Beyer“, meldete er sich mit seinem Nachnamen.
Angespannt wartete er, bis sein Kollege am anderen Ende der Leitung fertig war, ehe er sich flüchtig verabschiedete und versprach, sich sofort auf den Weg zu machen.
Team AUF!
„Du kannst dir die Jacke direkt wieder anziehen, es gibt Arbeit“, verkündete Collin und machte sich daran, den Rechner herunterzufahren. Es konnte noch eine ganze Weile dauern, bis er ihn wieder gebrauchen würde, und der Tag drohte bereits jetzt schon länger zu werden, als er es eigentlich überhaupt sein konnte.
5
Es war Brandstiftung gewesen. So hatte es Frank ihm jedenfalls am Telefon gesagt, als er ihn angerufen und nach Tolzum, einem kleinen Dorf zwischen Hannover und Hildesheim, beordert hatte. Die wirklich treffende Bezeichnung war es eigentlich nicht, denn man konnte niemanden mehr nach Tolzum schicken. Man könnte jemanden höchstens noch dort hinschicken, wo es einmal gewesen war. Von dem Dorf selber war nach dem großen Feuer nicht mehr wirklich etwas übriggeblieben. Das Einzige, was davon noch existierte, war Asche und die Fundamente der Häuser, auf denen die halb verkohlten Querverstrebungen und einzelne Pfosten der Grundgerüste der alten Fachwerkhäuser lagen. Alles in allem war das Dorf praktisch wie tot. Collin suchte vergeblich nach auch nur einem einzigen Haus, welches das Feuer überlebt hatte. Lange dauerte es nicht, bis er zu der Erkenntnis kommen musste, dass jedes der Holzhäuser – zu ihrem Pech waren sie tatsächlich noch alle aus dem leicht entzündlichen Material gebaut worden – bis auf seine Grundfesten niedergebrannt war. Das gelbe Ortsschild, auf dem „Tolzum – Landkreis Hildesheim“ zu lesen war, erinnerte zwar noch daran, dass hier einmal etwas existiert hatte, aber mehr als eben das war es auch nicht. Nur eine Erinnerung mit dem Namen eines Ortes, der einmal das Zuhause von etwas mehr als 20 Familien und insgesamt knapp 70 Menschen gewesen war. Der kleine Hügel, der hinter dem Mahnmal des Feuers zu sehen war, trennte die Erinnerung von dem Rest der Welt. Man konnte eindeutig erkennen, dass sich das Feuer von dort ausgebreitet haben musste, denn die Büsche und Bäume auf dem Hügel sahen so unbeschadet aus wie eh und je und ließen nicht den kleinsten Verdacht aufkommen, dass ein Funke ihnen zu nahegekommen war. Das Feuer hatte sich wie eine hungrige Bestie durch die Büsche am Fuß des Hügels, dann durch das trockene Gras und schließlich durch die Gerüste und Dächer der Häuser gefressen, ehe es auf Höhe des Ortsausgangs satt genug gewesen war, um sich zur Ruhe zu legen. Alles war wie in einer sauberen Schneise heruntergebrannt. Er hatte noch nicht viele Fälle gehabt, in denen er wegen eines vorsätzlich gelegten Brandes ermitteln musste, doch dieser hier schrie geradezu nach dem Begriff Brandstiftung. Das Feuer hatte am Ortsende, am Fuß der Hügel, begonnen und am Ortseingang, fast exakt auf Höhe des Ortsschildes, aufgehört. Eben genau so, als wenn jemand versucht hätte, das Dorf gezielt auszuräuchern. Trotzdem waren die Genauigkeit und die Präzision des Brandes geradezu erschreckend, wenn man bedachte, was Feuer für ein tödliches und unzähmbares Raubtier war. Selbst wenn man sagen wollte, dass es sich hierbei um die Arbeit eines Fakirs handeln würde, dann müsste dieser in Relation dazu in ungefähr die Größe des Burj Khalifa in Dubai besitzen. Doch da keine Fußabdrücke oder ein Streichholz der entsprechenden Größe zu finden waren, konnte man – wenn er nicht grade auf dem fliegenden Teppich gesessen und einen Aschenbecher besessen hätte – davon ausgehen, dass es sich doch um die Arbeit eines intelligenten Brandstifters handeln musste. Vielleicht auch um die von zwei oder noch mehr Beteiligten, doch das würde man zusammen mit den Brandermittlern noch in Erfahrung bringen müssen. Fakt war, dass der Ausbruch des Feuers keines natürlichen Ursprungs gewesen sein konnte, ebenso wenig wie das Erlöschen der Flammen auf eine natürliche Art passiert sein konnte. Das war jedenfalls das, was die Brandermittlung den beiden sagte, als sie am Tatort ankamen.
„Morgen Männer“, begrüßte Polter, der Forensiker, mit dem Collin seit Beginn seiner Zeit als Ermittler bei der Kripo zusammenarbeitete, die beiden freundlich und stieg über einen verkohlten Balken hinweg.
„Morgen Jens“, erwiderte Collin knapp, wohingegen Jonas nicht mehr tat, als einfach nur grüßend die Hand zu heben.
„Sieht nicht wirklich schön aus hier, nicht wahr?“, sagte Polter und deutete mit dem Daumen auf die abgebrannten Häuser hinter sich. Der Wind wehte den Geruch von Kohle und Rauch zu ihnen herüber und strich durch Polters schulterlange, weiße Haare. Seine Augen hatte er leicht zugekniffen. Trotz seiner 67 Jahre war er immer noch zu stolz, um eine Brille zu tragen.
„Das kannst du laut sagen. Brandstiftung?“, erwiderte Collin, wobei es weniger eine richtige Frage, sondern eher eine Benennung des ohnehin Offensichtlichen war.
„Die präziseste, die ich je gesehen habe. Es ist wirklich beeindruckend.“
„Ich hoffe, du weißt, dass wir hier sind, um herauszufinden, wer es gewesen ist? Wir wollen ihn einsperren und ihm nicht die Hand schütteln und gratulieren?“, bemerkte Jonas mit einem matten Lächeln. Er konnte Polter gut leiden, doch manchmal wirkte der alte Mann etwas zu schrullig und verdreht, als dass er damit gänzlich klarkam. Polter stieß ein leises Lachen aus, das die beiden an das Lachen eines Großvaters im Altenheim erinnerte, sprachen diesen Gedanken jedoch nicht aus.
„Ich habe noch nie viel übrig gehabt für Brandstifter und Mörder, auch wenn diese hier keine Mörder waren“, erzählte er und setzte wieder ein ernstes Gesicht auf.
„Wenn keiner der Anwohner dabei zu Tode gekommen ist, dann ist das doch zumindest ein Anfang. Hat man die Verletzten inzwischen ins Krankenhaus gebracht?“, fragte Collin und musterte den Forensiker misstrauisch. Er wirkte entspannter und wesentlich besser gelaunt als sonst, wenn sie sich am Tatort über die bisherigen Erkenntnisse und Informationen austauschten.
„Es gibt keine“, erklärte er ruhig.
„Wie meinst du das, es gibt keine?“
„Es gibt keine Verletzten.“
„Keine Rauchvergiftungen oder Verbrennungen?“
„Rein gar nichts.“
„Das kann doch gar nicht sein“, fiel Jonas in die Diskussion mit ein. Im Gegensatz zu dem Kriminaltechnologen ihm gegenüber wirkte er nun gar nicht mehr entspannt.
„Da brennt jemand ein ganzes Dorf bis auf die Stützbalken nieder und kein einziger hat auch nur einen Kratzer abbekommen?“
„Ich wollte es auch nicht glauben, doch Markus Tornell ist heute Morgen persönlich rübergefahren und hat sich überzeugt, dass es allen gut geht. Laut den Anwohnern sind alle vollständig und niemand hat bisher jemanden als vermisst gemeldet.“
Collin und Jonas tauschten einen nichtssagenden Blick aus. Es beruhigte sie ein wenig, dass auch der andere sich keinen richtigen Reim darauf machen konnte, sondern genauso leer im Kopf war, wie man selbst.
„Um die Anwohner kümmern wir uns später, nachdem wir mit Tornell geredet haben. Vielleicht hat unser Hobbydetektiv von Bürgermeister ja eine Ahnung oder ihm ist irgendwas aufgefallen“, schlug Collin vor, was Jonas mit einem nachdenklichen Nicken bestätigte.
„Mich würde es wirklich interessieren, wie es alle schaffen konnten, dem Feuer zu entkommen.“
„Glaub mir das interessiert uns alle, aber vielleicht sollten wir uns erstmal darum kümmern, herauszufinden, was hier passiert ist. Abgesehen davon, dass hier ein riesiges Feuer ausgebrochen ist, natürlich“, sagte Jonas. Dieses Mal war Collin derjenige, der bestätigend nickte, während er nachdenklich an seinem Dreitagebart kratzte.
GO Team GO!
„Was meinst du? Fangen wir bei den Hügeln an?“, fragte Collin den Forensiker, der seit zwei Jahren schon hätte in Rente gehen können und deutete mit dem Kopf in Richtung der grasgrünen Hügel hinter der Dorfgrenze. „Davon war ich ausgegangen“, erwiderte er und ging als Erster voran in die Richtung, wo bereits das Team der Spurensicherung mit den Brandermittlern zugange war.
Dadurch, dass keine Häuser mehr existierten, die ihnen die Sicht oder den Weg zu ihrem Ziel versperrten, konnten sie auf grader Linie durch die Überreste von Tolzum bis an den Fuß der Hügel gehen. Vorher hatten hier einmal Büsche und Sträucher gestanden, die, wie eine Gartenhecke, das hügelige Gebiet hinter dem Dorf von den Häusern getrennt hatten. Genau an der Stelle standen nun die Leute der Spurensicherung gemeinsam mit den Brandermittlern und durchsuchten das verbrannte Gras nach Hinweisen oder Indizien, die verraten konnten, wie das Feuer entstanden war.
„Schon was gefunden?“, fragte Polter die in weiße Schutzanzüge gekleideten Männer und Frauen.
„Noch nicht“, entgegnete der junge Mann, den er gefragt hatte kurz und sachlich.
„Vielleicht sollten wir uns mal dort oben umsehen“, schlug Jonas vor und zeigte auf den kleinen Hügel vor ihnen, dessen Spitze in etwa fünf einhalb Metern über ihren Köpfen thronte. Ohne einen Kommentar folgte Collin seinem Kollegen an dem Team der Spurensicherung vorbei, um sich auf den Hügel zu begeben.
Der Anstieg erwies sich schwieriger als gedacht, denn von vorne wirkte der Hügel trotz seiner Höhe relativ flach und leicht bezwingbar. Besonders Polter fiel es schwer, die steile Seite des Hügels heraufzuklettern, und es grenzte fast an ein Wunder, dass er es dennoch ohne einen Herzanfall schaffte. Der Boden des Hügels war weich und leicht rutschig. Die flachen Wurzeln des Grases waren das Einzige, das dem Boden überhaupt einen Hauch von Festigkeit verlieh, doch auch diese Stabilität war lediglich nur eine bestandslose Wirkung nach außen hin. Als Collin Polter auf dem letzten Meter noch seine stützende Schulter angeboten und ihm das letzte Stück nach oben geholfen hatte, fiel ihm auf, dass es mehr eine erhöhte Plattform als ein einzelner Hügel war, auf dem sie nun standen. Zum Dorf hin fiel sie flach ab und gab dem Ganzen das Aussehen eines Hügels, doch in der anderen Richtung war sie weitläufig und offenbarte in der Ferne einige kleine Acker, welche die Bauern zu der richtigen Zeit mit Mais, Soja, Raps und anderen Nutzpflanzen bestellten. Scheinbar waren Monokulturen nichts, was die Landwirte den Böden hier in der Region antun wollten.
„Volltreffer“, sagte Jonas, der bereits einige Meter vorausgegangen war.
Wie aufs Stichwort kam Collin zusammen mit Polter, der immer noch ein wenig am Schnaufen war, neben ihm zum Stehen, und sah auf das herunter, was Jonas gefunden hatte. Etwa einen halben Meter vor ihnen waren, kurz vor dem Abhang, Schuhabdrücke zu sehen, die in Richtung des Dorfes deuteten. Genauer gesagt waren es zwei unterschiedliche Abdrücke, denn während das eine Paar breit und mit kleinen Kreuzen im Profil versehen war, war das andere Paar dagegen schmal und erinnerte eher an die Abdrücke von schicken Lackschuhen. Neben den Schuhabdrücken war eine Zigarette in die Erde eingetreten worden.
„Scheinbar haben sich die beiden nicht die Mühe gemacht, hier hochzuklettern“, sagte Polter, der sich ein paar Schritte von ihnen entfernt hatte und neben den Reifenspuren hockte, die den weichen Boden und das Gras so eingedrückt hatten, dass an manchen Stellen die nackte Erde offen lag.
„Sieht wohl so aus“, antwortete Jonas und stellte sich neben ihn, um die Reifenspuren zu fotografieren, während Collin im Hintergrund das Team der Spurensicherung und der Brandermittlung nach oben rief. Ein erster Regentropfen landete auf seiner Schulter. Er hoffte, dass die Spurensicherung schnell genug war, um Abdrücke von den Fuß- und Reifenspuren nehmen zu können. Schweigend sah er über das abgebrannte Dorf hinweg. Wie ein einziger schwarzer Streifen von Asche und Kohle lag es dort unter ihm, während sich der immer dunkler werdende Himmel wie ein Leichensack darüber zuzuziehen schien. Er fragte sich, ob jemand ein Kreuz oder einen Gedenkstein aufstellen würde, bezweifelte aber, dass das jemals passieren würde.
„Was denkt ihr?“, unterbrach Jonas die Stille vor dem heraufziehenden Gewitter, das sich langsam am Himmel bildete.
„Ich weiß es nicht, aber irgendjemand hat hier versucht, ein ganzes Dorf auszulöschen“, erwiderte Polter. Die Ruhe in der Stimme des alten Mannes löste ein nervöses Kribbeln bei Collin aus, und obwohl der richtige Regen noch auf sich warten ließ, zog er seine Jacke noch ein Stück weiter zu, während er dabei zusah, wie die ersten Tropfen auf die Asche der Häuser fielen.
Es grenzte fast an ein Wunder, dass die Spurensicherung es tatsächlich noch schaffte, ein paar gute Abdrücke vom Tatort machen zu können, ehe dieser vom Regen fortgespült wurde. Ob das Wort Wunder in Anbetracht einer rechtzeitig festgewordenen Masse aus Gips so passend erschien, war zwar durchaus fraglich und diskutabel, doch es war ein willkommener Vorteil, der die Ermittlungen voranbringen würde. Man hatte schließlich nicht immer das Glück, dass alle Beweismittel sichergestellt werden konnten oder man etwas wie Fuß- oder Reifenspuren fand, von denen die Abdrücke dann auch noch gut wurden. Dieses Mal hatten sie es jedoch, und die Regentropfen, die ein Gewitter angekündigt hatten, entpuppten sich vorerst nur als leichter Schauer, bei welchem man die Spuren noch gut hatte schützen können. Nur eine Stunde später jedoch war das prophezeite Unwetter über ihnen hereingebrochen. Vielleicht konnte man es tatsächlich als Wunder schimpfen, doch das würde die Strenggläubigen unter Ihnen wahrscheinlich nur verärgern, weswegen man es diplomatisch gesehen einfach nur Glück nennen sollte. Glück, gefolgt von Erleichterung. Nachdem die Spurensicherung den getrockneten Gips aus der Erde herausgeholt und fein säuberlich mit Borstenpinseln verschiedener Größen gesäubert hatte, waren die Abdrücke umgehend im Labor von Polter gelandet, welcher sich daraufhin vorerst von Collin und Jonas verabschiedete, um sich der Auswertung der Gipsstücke zu widmen. Eine weitere Absprache war nicht nötig, denn es war ohnehin eindeutig, dass sie sich in ihrer Mittagspause wie jeden Mittwoch bei „Mister Yan“, dem freundlichen Asiaten um die Ecke des Präsidiums, der gerne mit Glutamat und feurigen Preisen um sich warf, treffen würden. Routinen gehörten nun mal ebenso zum Leben dazu, wie die Spontanität der Situation, mit der man ebenfalls nicht brechen sollte. Während Polter also wie Doktor Jackyll in seinem Labor verschwand, um die Beweismittel zu analysieren, unternahmen Collin und Jonas den Versuch, sich mit Markus Tornell, dem Bürgermeister der Gemeinde Geiersbach, in Verbindung zu setzen. Kein wirklich angenehmes oder schönes Unterfangen, denn Tornell war, wie ein echter Politiker eben, staubtrocken und kümmerte sich lieber um die Wohlhabenden als um die einfachen Leute der normalen Bevölkerung. Ich glaube, das Stichwort Spendengelder reicht in dem Kontext aus, sodass Sie verstehen, was ich sagen möchte. Auch wenn er von vielen als Sympathieträger und liebender Familienmensch angesehen wurde, konnte Collin sich genauso gut denken, dass auch diese Eindrücke nur das Resultat von richtig eingesetzten „Spendengeldern“ sowie genügend Rühren der lokalen Werbetrommel waren. Eine Sache, die man ihm außerdem nicht aberkennen konnte, auch wenn man es am liebsten wollte, war das permanente Einmischen in die Angelegenheiten, die ihn am wenigsten etwas angingen, was in den meisten Fällen die Arbeit der ermittelnden Kripo betraf. Man konnte ihm immer wieder sagen, dass es nett war, wenn er helfen oder recherchieren wollte, doch mit der Zeit kotzte es einen nur mehr an, als dass man sich noch beherrschen konnte, die Form zu wahren. In diesem Fall ging es ihn jedoch ausnahmsweise etwas an, denn schließlich gehörte Tolzum, ebenso wie Vornstetten, Reiersen und Hallende zu seiner Gemeinde. Allerdings zeigte er auch hierbei wieder sein ganz eigenes und besonderes Talent dafür, den Bogen zu überspannen. Es wirkte lächerlich, geradezu grotesk, wie er sich die Mühe machte und auf dem Rathausplatz der Gemeinde jedem Einzelnen der ehemaligen Anwohner von Tolzum die Hand schüttelte und jedes Mal aufs Neue ein und denselben Dialog abspulte, ganz gleich wie gut seine Aussagen zu den Antworten der jeweiligen Leute passten. Während es bei dem jungen Herrn Becker noch als passend erschien, dass er ihm versicherte, dass die Polizei sich darum kümmern würde, die Täter zu fassen, wirkte es bei der alten Frau Gold eher wie ein schlechter Scherz, nachdem sie bereits auf die Polizisten geschimpft und sie zur Hölle geschickt hatte. Sein Mitgefühl und seine Anteilnahme waren, um es politisch korrekt auszudrücken, äußerst milde gehalten und vermutlich ungefähr genauso viel wert wie der Händedruck, mit dem er die Leute vor dem Rathaus abspeiste. Es gab wahrlich nicht viel Positives, das man aus der Situation herausziehen konnte, die sich vor den Augen von Collin und Jonas abspielte, als sie am Straßenrand, gegenüber des Rathauses, mit ihrem Dienstwagen zum Stehen kamen. Ihre Lust, sich schon zu so früher Stunden mit einem Schmarotzer wie Tornell befassen zu müssen, der auch vor ihnen mit seiner – gespielten – überschwänglich motivierten Art und seinem selbstbewussten Saubermann-Image keinen Halt machen würde, hielt sich in Grenzen. Und weil klagen und meckern ohnehin nicht half, entschieden sich die beiden dazu, es kurz und schmerzlos zu halten und sich aus dem Auto zu pellen, während sie sahen, wie Tornell bereits auf sie zukam. Die Baskenmütze auf seinem Kopf wirkte wie festgeschweißt und bewegte sich keinen Zentimeter unter dem Beben seiner Schritte und dem daraus resultierenden Wackeln seiner gesamtem Körpermasse, die immerhin aus stolzen 120 Kilo bestand. Für einen Modellathleten, der eine Bodybuilderfigur und ein Körpermaß von fast zwei Metern besitzt, war dies vermutlich ein angemessenes Gewicht, doch in Anbetracht der Tatsache, dass Tornell weder das eine war noch das andere besaß, galt das wohl kaum. So kam er also mit seiner vibrierenden Kugel, die er zwischen Männerbrüsten und Hüfte – falls er sie denn hatte – trug, in kleinen Schritten über das Kopfsteinpflaster auf sie zu.
„Guten Morgen, meine Herren“, begrüßte er sie, als wenn er Befehlshaber einer Garnison der Armee wäre, und reichte erst Collin und dann Jonas die Hand. Die beiden kannten sein übliches Prozdere, weswegen sie sich nicht weiter beirren oder einlullen ließen, sondern lediglich eine schwache morgendliche Begrüßung erwiderten und widerwillig das Angebot seines Händedrucks annahmen. Mit einem breiten Grinsen, bei dem er immer den Mund öffnete und seine Mundwinkel fast seine Ohren erreichten, drückte er Collins Hand.
„Das ist ja ein Ding, nicht wahr? Und das so kurz vor unserer Feier zum 300-jährigen Jubiläum unserer schönen Gemeinde“, begann er das Gespräch, wobei Collin sich sicher war, dass er das Lächeln nur aufbehielt, weil er mit den Rücken zu den Anwohnern stand.
„Das kann man wohl so sagen“, entgegnete er deutlich sachlicher und wischte sich unauffällig die Hand, die Tornell geschüttelt hatte, an seiner Jeanshose ab. Seine fleischige Hand war unangenehm warm und auch leicht verschwitzt gewesen. Es war besser, nicht zu wissen, wie viele Hände er heute schon gedrückt und wie viele Bazillen er damit bereits ausgetauscht hatte.
„Ein starkes Stück. Ein ganzes Dorf einfach niedergebrannt. Da fehlen mir die Worte“, fuhr Tornell kopfschüttelnd fort und stemmte die Hände in die Seiten. Er war immer noch leicht am Pumpen, obwohl der Weg, den er zu ihnen zurückgelegt hatte, keine zehn Meter lang gewesen war. „Verständlich. Ich nehme an, Sie haben schon mit ihnen geredet?“
„Selbstverständlich, schließlich liegt mir als Bürgermeister das Wohlergehen meiner ...“ Er holte einmal kurz Luft, ehe er weitersprach.
„Mitmenschen in der Gemeinde sehr am Herzen“, erklärte er mit seinem üblichen Ich-liebe-die-Menschen-weil-sie-mich-wählen-aber-eigentlich-sind-sie-mir-egal-Gesicht und nickte ein paar Mal heftig, als wenn er Collin bei irgendetwas unbedingt beipflichten wollte. Er war sich sicher, dass Tornell eigentlich Untertanen oder Wähler sagen wollte, behielt diesen Gedanken aber für sich.
„Gibt es irgendjemanden, der vermisst wird? Leute, die ihre Nachbarn hier nicht auffinden oder Familien, denen die Großmutter von gegenüber fehlt?“, fragte Collin weiter, ohne sich von dem Geschwätz des Bürgermeisters beeindrucken zu lassen. Tornell schüttelte bedächtig und mit geschlossenen Augen den Kopf. Es sah fast so aus, als wolle er einen Streit mit seiner Frau schlichten, indem er ihr langsam aufzählen würde, was sie falsch gemacht hätte und wieso sie das Problem wäre und nicht er.
„Sie stehen unter Schock. Viele von ihnen sind in dem Dorf aufgewachsen und haben ihr ganzes Leben dort verbracht. Es wäre nicht verwunderlich, wenn noch nicht alle in der Lage sind, einen klaren Gedanken zu fassen. Sehen Sie, ich als Bürgermeister sehe es in meiner Pflicht ...“, begann er eine seiner altbekannten Lobeshymnen auf sich selbst, ehe Jonas ihn rechtzeitig noch unterbrechen konnte.
„Sie haben im Rathaus doch Zugriff auf die Daten des Dorfes, nicht wahr? Welche Einwohner gemeldet sind, wem die Grundstücke gehören und so weiter.“
„Ja, ja, natürlich“, erwiderte er eilig. Er hasste es, unterbrochen zu werden, doch im selben Zuge aalte er sich darin, eine Aufgabe zu erhalten, mit der er helfen und sich diese Hilfe dann schlussendlich auf die Fahnen schreiben konnte.
„Wäre es möglich, dass Sie eine Liste mit den Grundstücksbesitzern und den gemeldeten Einwohnern erstellen, damit wir prüfen können, ob nicht doch jemand fehlt?“, fragte Jonas und versuchte dabei ein ernstes Gesicht zu machen.
„Selbstverständlich unter dem Siegel des Schweigens. Es geht uns nur um die Namen und wir wollen keinesfalls irgendeine Form des Datenschutzes missachten“, fügte er hinzu. Collin schmunzelte in sich hinein. Er wusste genau, dass etwas wie das Halten an Vorschriften und Gesetze sowie Verschwiegenheit Sachen waren, in denen sich der ehrenwerte Herr Bürgermeister nur allzu gerne sah. Vorschriften und Gesetze bedeuten Ordnung und Verschwiegenheit bedeutet, dass etwas wichtig ist.
„Aber natürlich, meine Herren, wenn es denn der Sache dienlich ist.“
Man konnte die Selbstgefälligkeit beinahe schon wie einen glitschigen, schleimigen Wurm in Form des Sichelmondgrinsens auf dem Gesicht von Tornell kriechen sehen. Langsam kroch er vom linken zum rechten Ohr und hinterließ dabei eine triefende, grüne Schleimspur von Eitelkeit. Collin verkniff sich ein Lachen.
„Das würde uns sehr helfen, danke. Würden Sie uns entschuldigen?“
„Aber sicher doch, aber sicher doch, nur zu. Ich werde ihnen die Liste schnellstmöglich zukommen lassen.“
„Vielen Dank, Sie sind eine große Hilfe“, sagte Jonas noch einmal abschließend, ehe sie dem Bürgermeister noch einen schönen Tag wünschten und ihm hinterher sahen, wie er sich auf seinen kurzen, viel zu dicken Beinen die Treppen des Rathauses hochwuchtete.
„Du musst es auch immer wieder auf die Spitze treiben, nicht wahr?“, fragte Collin mit einem amüsierten Grinsen.
„Solange es ihn beschäftigt und er uns nicht stört, kann ich damit leben“, erwiderte er feixend.
Gemächlich näherten sie sich der Menschenmenge, die sich auf dem Rathausplatz versammelt hatte. Die meisten hatten sich bereits zu ihnen umgedreht, als Tornell zu ihnen geeilt war (was in seinem Fall nun mal geeilt bedeuten mochte, können Sie sich ja denken). In etwa ein Dutzend Augen starrten sie an, als sie über die Straße gingen und sich ihnen näherten. Als sie drüben angekommen waren, mochten es schon an die drei Dutzend sein, und als Collin das Wort ergriff, gehörte ihnen alle Aufmerksamkeit.
„Entschuldigung, dürfte ich um ihre Aufmerksamkeit bitten?“, sagte er in einem etwas lauteren Ton, woraufhin sich schließlich auch die Letzten zu ihm umdrehten. Besonders laut musste er nicht reden, denn die Menschenmenge war nicht nur von überschaubarer Größe, sondern dazu auch noch auffallend still gewesen. Keiner hatte aktuell großartig Interesse daran, zu plaudern oder irgendein Gespräch zu beginnen. Collin wartete ein paar Sekunden der Stille ab, dann fuhr er fort.
„Ich danke Ihnen. Mein Name ist Collin Beyer, Kripo Helmingen, und das ist mein Kollege Jonas Kasch, ebenfalls Kripo Helmingen. Warum wir hier sind, können sie sich wahrscheinlich denken. Ich kann verstehen, dass das für sie eine äußerst schwere Situation ist und sie vermutlich alle noch ein wenig geschockt sind von dem, was passiert ist, doch ich kann ihnen garantieren, dass sie jetzt in Sicherheit sind und sie keine Angst mehr haben müssen.“
Mit Ausnahme von Existenz- und Wohnungsangst jedenfalls, doch er hielt es für diplomatischer oder besser gesagt fairer, sie nicht nun auch noch daran zu erinnern. Sie hatten ohnehin schon genug durchmachen müssen. Zumindest nahm er das an. Wirklich sicher war er sich jedoch nicht. In einigen Augen konnte er Angst und Verunsicherung lesen, als wenn man es den Leuten auf die Stirn tätowiert hätte, doch genau so sah er bei manchen, dass sie alles hatten, aber keine Angst.
