Die Herrin des Waldes - Uwe Goeritz - E-Book

Die Herrin des Waldes E-Book

Uwe Goeritz

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Beschreibung

Die Herrin des Waldes Altersfreigabe ab 16 Jahren Seit Anbeginn der Zeit gibt es starke und weise Frauen, die sich für die Gemeinschaft aufopfern und die Verbindung zwischen den Welten aufrechterhalten. Zuerst als Schamaninnen, dann als heilige Mägde, als Priesterinnen der verschiedenen heidnischen Kulte und schließlich als christliche Nonnen. Nie war ihre Aufgabe leicht, doch es gab auch Zeiten, in denen ihre Handlungen für sie besonders gefährlich waren. Eine davon waren jene Jahre, als der oströmische Kaiser Theodosius I. im Jahre 380 ein Edikt erließ, in dem er alle heidnischen Kulte im römischen Reich verbot und deren Ausübung unter die Todesstrafe stellte. Christliche Eiferer ergriffen daraufhin das Schwert und rächten sich für die ihnen in den Jahrhunderten zuvor angetanen Verfolgungen und Repressalien, und ihre Opfer waren oft Frauen. Der Rhein trennte noch die christliche von der heidnischen Welt, doch das langsam zerfallende Reich konnte seine Grenzen schon bald nicht mehr ausreichend schützen und in der Art, wie fränkische und andere Stämme in das reiche Land strömten, wanderte die christliche Idee in die ostrheinischen Stämme ein. Dies ist die Geschichte zweier dieser starken Frauen, Mutter und Tochter, die in der Zeit dieses Umbruches versuchten, die heiligen Stätten vor religiösen Fanatikern zu beschützen, und die ihr Leben dafür einsetzten, die Götter und deren Andenken zu bewahren.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Die Herrin des Waldes

Blumen gegen Öl

Ungleiche Freundinnen

Balsam der Götter

Wohlbekannte und doch neue Wege

In vino veritas

Bienen und Blumen?

Ein heiliger Tempel

Höhen und Tiefen

Sieben mal sieben Kugeln!

Die erste Aufgabe!

Betrug oder Rettung?

Fehltritt oder Glücksfall?

Gefährliche Nähe

Tritt in den Tempel ein!

Umhüllt vom Verlangen

Bauch oder Kopf?

Für immer vereint

Zwei Göttinnen, oder drei

Eine Murmel für deine Gedanken!

Beim Blute eines Huhnes!

Frevel am Altartisch!

Blindwütige Raserei

Gefangen oder frei?

Das nackte Leben

Einem Licht gefolgt

Zwei Priesterinnen

Neuer Mond, neue Aufgaben

Winterwind im Tannengrund

Das Leben kehrt zurück

Fremde unter Fremden

Auf dem Altar der Göttin

Leben mit der Gefahr!

Die vierte Stufe

Trauer und Verantwortung

Leben für Leben

Wer den Bären stört

Eine schwere Last

Zwischen Fell und Haut

Wolf ohne Fell?

Mensch oder Biest?

Zwei Dienerinnen der Gottheit

Nur ein Kuss!

Die Herrin des Waldes!

Wild und Sanft

Ein Blick zurück

Hier oder dort?

Ein Wunder, oder mehrere?

Die Antwort der Gottheit

In der Falle?

Verzweifeltes Flehen

Die Rache einer Göttin?

Ein schmerzhafter Morgen

Mit vereinten Kräften

Am Ende der Kraft?

Reden ist Gold!

Gehen oder Bleiben?

Erntemond

Hinunter und wieder hinauf

Ein neuer Weg?

Zeit der fallenden Blätter

Winterwind und Rückenschmerzen

Führerin und Priesterin

Unter den Augen der Göttin

Eine besondere Familie

Mit der Hilfe von vielen

Sommer der Möglichkeiten?

Der Ruf der Natur

Mit anderen Augen

Der Stimme gefolgt

Auf heiliger Mission

Zeitliche Einordnung der Handlung

Die Herrin des Waldes

Seit Anbeginn der Zeit gibt es starke und weise Frauen, die sich für die Gemeinschaft aufopfern und die Verbindung zwischen den Welten aufrechterhalten. Zuerst als Schamaninnen, dann als heilige Mägde, als Priesterinnen der verschiedenen heidnischen Kulte und schließlich als christliche Nonnen.

Nie war ihre Aufgabe leicht, doch es gab auch Zeiten, in denen ihre Handlungen für sie besonders gefährlich waren.

Eine davon waren jene Jahre, als der oströmische Kaiser Theodosius I. im Jahre 380 ein Edikt erließ, in dem er alle heidnischen Kulte im römischen Reich verbot und deren Ausübung unter die Todesstrafe stellte.

Christliche Eiferer ergriffen daraufhin das Schwert und rächten sich für die ihnen in den Jahrhunderten zuvor angetanen Verfolgungen und Repressalien, und ihre Opfer waren oft Frauen.

Der Rhein trennte noch die christliche von der heidnischen Welt, doch das langsam zerfallende Reich konnte seine Grenzen schon bald nicht mehr ausreichend schützen und in der Art, wie fränkische und andere Stämme in das reiche Land strömten, wanderte die christliche Idee in die ostrheinischen Stämme ein.

Dies ist die Geschichte zweier dieser starken Frauen, Mutter und Tochter, die in der Zeit dieses Umbruches versuchten, die heiligen Stätten vor religiösen Fanatikern zu beschützen, und die ihr Leben dafür einsetzten, die Götter und deren Andenken zu bewahren.

Die handelnden Figuren sind zu großen Teilen frei erfunden, aber die historischen Bezüge sind durch archäologische Ausgrabungen, Dokumente, Sagen und Überlieferungen belegt.

1. KapitelBlumen gegen Öl

Ruhig plätscherte der Fluss, den man später irgendwann einmal Rhein nennen würde, durch das Land und trennte die germanischen Länder vom römischen Reich. Es war eine Art von Zivilisationsgrenze zwischen den anheimelnden Bauten der Römer auf dessen westlicher Seite und den eher kärglichen Siedlungen der Stämme des freien Germaniens im Osten, und damit natürlich auch ein trennendes Gewässer zwischen Arm und Reich, was man aber auf dessen östlichem Ufer natürlich niemals zugeben würde.

An einer Stelle am Ufer dieses mächtigen Stromes hatten bereits die Kelten eine Stadt gegründet, und zwar auf den Resten einer noch viel älteren Kultur. Diese Ortschaft hieß jetzt Civitas Vangionum1 und war die Heimat von Concordia, die soeben am Flussufer entlang schlenderte, um Blumen für einen Kranz zu pflücken.

Reich oder arm interessierte sie keineswegs, aber das war wohl auch völlig normal, wenn man wie sie bereits sein ganzes Leben immer gut behütet war und es auch in absehbarer Zukunft keinerlei Grund zur Sorge gab, dass sich daran etwas ändern könnte, denn sie war die älteste Tochter von Vitus Quintus, einem wohlhabenden Priester, und einer Priesterin aus einer langen Tradition von der großen Göttin geweihten Frauen.

Ihr Lebensweg war damit von Beginn an vorgezeichnet, denn mit ihrem achtzehnten Geburtstag im Herbst würde auch sie durch ihre Hochzeit mit einem Priester zur Priesterin in dem kleinen Tempel werden, den sie danach irgendwann einmal zusammen mit ihrem Mann führen würde, wie das ihre Eltern ihr bisher vorgemacht hatten.

Sie mochte den schön ausgeschmückten Tempel, wobei sie als noch nicht geweihte Frau nicht an den Zeremonien teilnehmen durfte, sondern nur nach den jeweiligen Gottesdiensten die Reinigung des Gebetsraumes auferlegt bekam, doch das geschah nur einmal in der Woche und sonst waren ihre Pflichten noch recht überschaubar.

Die Stadt lag wenige hundert Schritte hinter ihr und sie fühlte sich so, als würde die Göttin persönlich ihre Hand über sie halten.

In Anbetracht der möglichen Überfälle durch die Alamannen hätte man es die Tollerei eines Kindes nennen können, aber unter Kaiser Valentinian I.2 hatte die Stadt vor zehn Jahren eine Garnison und eine gute Befestigung erhalten und daher fühlte sie sich hier vollkommen sicher.

Sie tanzte regelrecht über die Wiese, bückte sich alle paar Schritte, um eine Blume zu pflücken, oder stand einen Moment später unbeweglich barfuß im Gras, um einem Schmetterling nachzuschauen.

Der Sommer war ihr die liebste Zeit, denn da gab es diese wundervollen Gewächse hier am Flussufer in Unmengen. Die Mutter hatte ihr zwar auch viel über Heilkräuter beigebracht, aber bis zu ihrer Weihe waren Blumen für sie viel schöner.

Eine Blüte nach der anderen wob sie sich in den Kranz, der dadurch immer mehr zu einer prächtigen Blütenkrone wurde, und diese würde sie dann ihrer Freundin Lucretia bringen, mit der sie sich am Nachmittag in der Therme treffen wollte.

Lucretia stand gesellschaftlich so weit unter ihr, dass eine Freundschaft zwischen ihnen normalerweise ausgeschlossen war, aber dennoch mochten sie sich beide sehr.

Die Therme war der einzige Platz im ganzen Ort, an dem sie sich ohne Probleme treffen durften, denn im Bad waren alle gleich, egal ob arm oder reich!

In einem viertel Jahr würde sie dann allerdings nicht mehr in die Therme dürfen, denn das war eine der vielen Einschränkungen, die ihr zukünftiger hoher Stand als Priesterin mit sich brachte und daher hieß es jetzt, die Zeit bis dahin so oft wie nur möglich mit der Freundin zu verbringen.

Und da Lucretia in der Nähe der Therme arbeitete, traf es sich dann immer ganz gut, dass sie sich dort zur Erholung begegnen konnten.

Lucretia würde ihre Beschäftigung zwar sicherlich nicht Arbeit nennen, aber das kam dem ziemlich nah, was sie tat. Sie war zwar keine Sklavin, aber dennoch käuflich, denn sie verkaufte ihren Körper für Geld an die Männer, oder vermietete ihn, wenn man es richtig nahm.

Doch das war kein Thema für ihre Unterhaltungen.

Zwei gleich alte Mädchen hatten andere Dinge, über die sie stundenlang plaudern konnten. Blumen zum Beispiel, wie die in ihrer Hand und die würden sicherlich sehr schön zu den hellblonden Haaren der Freundin passen.

Ihr eigenes Haar war tiefschwarz, sehr lang und besonders gepflegt, denn die Mutter achtete sorgsam darauf, dass keine fremde Klinge ihr Haar entweihte. Das machte sie persönlich mit einer silbernen Schere, bevor sie danach den Zopf wieder schnürte.

Diesen Zopf durfte sie erst bei der Weihe lösen, aber was sonst noch damit auf sie zukam, würde sie in den nächsten zwei Monaten erlernen, denn da musste sie mit der Mutter auf den Landsitz der Familie reisen.

In einer Art von Klausur würden es unglaublich lange acht Wochen Abschied von Lucretia für sie bedeuten und anschließend folgte nicht mal mehr ein Monat, bevor sie die Freundin danach vermutlich nie mehr wiedersehen würde.

Auf der einen Seite schmerzte dieser erzwungene Abschied bereits jetzt, aber auf der anderen war sie darauf gespannt, welche neuen Aufgaben damit auf sie zukamen.

Mutter machte jedenfalls seit ein paar Tagen solche komischen kryptischen Andeutungen, aber nicht wirklich etwas Konkretes und das machte die Sache für sie auch nur noch spannender.

Möglicherweise konnte sie der Mutter am nächsten Abend ein paar Details entlocken, denn der Vater hatte eine Feier einberufen, bei der auch sie teilnehmen durfte.

Es war die erste dieser Feierlichkeiten, die auch für sie erlaubt war, wohl so etwas wie eine Initiation oder Vorbereitung dieser Weihe und damit blieb es also spannend.

Und wenn die Neugier schon einmal geweckt war, dann wollte diese natürlich auch gestillt werden.

Endlich war der Kranz fertig geflochten und sie lief über die Wiese zum Tor zurück.

Neben dem Wachposten standen noch ihre Schuhe, sie schlüpfte flugs hinein und lief mit wehendem Kleid die Straßen zur Therme hinüber.

Rennen war noch so etwas, was schon bald nur noch Erinnerung sein würde, denn als Priesterin rannte man nicht, man schritt mit erhobenem Haupt dahin.

Gemächlich, andächtig und würdevoll!

Auch das galt es in den nächsten acht Wochen zu üben und vermutlich würde dies das Schwerste an der ganzen Prozedur sein!

Die wundervoll duftenden Blumen würde sie bei Lucretia gegen etwas anderes eintauschen, weil die Freundin keine Geschenke von ihr annahm.

Es kam ihr sonderbar und seltsam vor, wo sie doch so viel mehr Geld hatte, als die Freundin und doch war es so. Sicherlich war es eine Art von Stolz, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatte, denn Lucretia hatte einmal auf der anderen Seite des Flusses gelebt.

Lebte sie jetzt besser?

Vermutlich nicht, obwohl sie gegenwärtig viel mehr Geld besaß als früher, aber die Menschen auf der anderen Flussseite machten sich nicht viel aus Münzen.

Das hatte zumindest Lucretia behauptet.

Wissen konnte es wohl nur die Freundin, doch die lebte auch schon einige Jahre hier auf dieser Seite!

1 Civitas Vangionum war eine römische Siedlung im Bereich der heutigen Altstadt von Worms

2 Valentinian I. (ca. 321 - 17.11.375) war von 364 bis zu sei- nem Tode weströmischer Kaiser

2. KapitelUngleiche Freundinnen

Lucretia ließ ihre Beine langsam in das warme Wasser gleiten und blieb auf einer Kante sitzen, wodurch ihr dieses wundervolle Nass nur bis zum Knie reichte.

Sie liebte das Becken im Bereich der Frauen, denn hier durfte man sich völlig hüllenlos diesem herrlichen Vergnügen hingeben, und sie genoss es auch, dass alle anwesenden Frauen auf diese Art sehen mussten, dass das strohblonde Haar auf ihrem Kopf wirklich echt und keine Perücke war, wie sie viele der anderen Damen sich besorgten.

Dieses wundervoll goldgelbe Blond war momentan dermaßen angesagt, dass man nachts mitunter aus Sorge darum, es im Schlaf zu verlieren, nicht wirklich zur Ruhe kam.

Sie trug es offen und es fiel ihr bis weit in den Rücken herab, nicht so, wie ihre Freundin Adelma, die es zu einem Zopf gebunden hatte, der ihr in der letzten Nacht einfach vom Kopf geschnitten worden war.

Es gab hier wirklich Haarräuber!

Sie stützte sich mit den Händen hinter dem Körper ab und sah zur Tür hinüber, durch die eigentlich ihre Freundin Concordia jetzt kommen müsste.

Dieser Raum war für alle Frauen, gleich woher sie stammten, jede durfte in die Terme, nur die Eingänge waren verschieden. Sklaven und niedere Frauen, wie sie eine war, hatten eine andere Pforte als die Frauen der Ritter und vornehmen Bürger.

Im Wasser waren zwar alle gleich, doch sobald sie diesen Raum verließen, teilte sich die Gesellschaft wieder in Arme und Reiche. Eventuell vermischte man sich noch auf der angrenzenden Latrine, aber sonst wohl kaum.

Und daher war das hier genau der richtige Platz für sie und ihre Freundin, denn hier scherte sich keiner darum, dass sie beide so völlig unterschiedlich waren, und es war auch so, dass sie sich genau in diesem Raum vor ein paar Jahren kennengelernt hatten.

Wo auch sonst?

Gelangweilt zog sie mit den Fingern der rechten Hand Kreise durch die Oberfläche des Beckens, aber die anderen Frauen störten diese immer wieder.

Morgens, nach einer langen Nacht, war es hier immer ruhig, und sie konnte dann gelegentlich im Becken von den Zeiten träumen, als sie mit ihrer Mutter noch Steine in den kleinen Waldteich geworfen hatte, der hinter ihrem Dorf gelegen hatte. Viele Jahre war das aber schon her.

Die Annehmlichkeiten dieses Lebens hatten die Mutter hierhergezogen und wenig später auch getötet.

Seitdem schlug sie sich als Waise eher schlecht als recht durch ihr Leben, wobei es in den letzten Jahren durchaus bergauf ging, zumindest dann, wenn man vermied, daran zu denken, womit sie ihren Lebensunterhalt verdiente!

Aber für Mädchen ihres Standes gab es da nicht viele Möglichkeiten zur Wahl: Sklavin, Erntehelferin auf einer der Latifundien oder eben das hier.

Wobei diese Tätigkeit ihr die meiste Zeit für andere Dinge gab, und wer wollte schon den lieben langen Tag mit einer Hacke übers Feld gehen?

Sie ließ ihren Blick über die versammelte Menge an Frauen schweifen, von denen ein Dutzend gerade das Becken mit ihr teilte, aber keine davon in ihrem Alter und nur drei ebenfalls hüllenlos. Die anderen Frauen trugen leinene Gewänder, deren Schnitt eventuell etwas über ihren gesellschaftlichen Stand verraten konnte.

Doch auch ohne Kleidung versuchten einige hier, ihren Status zur Schau zu stellen, und eine ältere und ebenfalls nackte Frau trug eine goldene Halskette, die wohl mehr gekostet hatte, als sie in ihrem ganzen Leben mit dieser Tätigkeit verdienen würde.

Und obwohl diese Frau da drüben wohl nie in ihrem Leben etwas nicht erhalten hatte, konnte sie dennoch deren bewundernde Blicke auf sich spüren.

Zwischen ihnen standen nicht nur die gesellschaftlichen Höhen, sondern auch etwas mehr als dreißig Jahre, und trotz der sicherlich täglichen Schönheitsbehandlungen war das Alter nicht spurlos an der Frau vorbeigegangen.

Natürlich sah sie immer noch gut aus, aber aller Reichtum schützte eben weder vor dem Alter noch vor dem Tod!

Das war etwas, was keine Rücksicht auf den Status nahm.

Eine Sklavin kam mit einem Krug herum und füllte die Becher der Frauen auf. Sie hielt ihr ihren Becher hin und es war wieder dieser verdünnte römische Wein, den hier alle tranken, doch für ihren Geschmack war er viel zu wässrig!

In ihrer Unterkunft hatte sie noch einen Krug mit einem herrlichen und unverdünnten roten Wein aus Augusta Treverorum3. Nach einem Becher hätte der vermutlich jeder hier die Füße unter dem Körper weggerissen.

Von diesem dünnen Gebräu hier musste man so viel trinken, um dieselbe Wirkung zu erreichen, dass man hinterher Stunden auf der Latrine saß, um das Wasser wieder loszuwerden.

Schmunzelnd führte sie den Becher zum Mund, als endlich Concordia den Raum betrat.

Ohne das Gefäß anzusetzen, winkte sie der Freundin mit der anderen Hand zu.

Concordia nickte und schwebte regelrecht zu ihr herüber.

Sie war gleichsam einer Göttin ähnlich, wie die Freundin so durch den Raum ging, und eine der marmornen Statuen wäre wohl kaum anmutiger gewesen, wenn sie jetzt zu ihnen in den Pool gestiegen wäre.

Das war dieser vornehmen Abstammung der Freundin geschuldet, die sich aber gar nichts daraus machte, sondern einfach neben ihr an das Becken setzte und sich einen Becher griff.

„Ich habe dir wieder einen Blumenkranz mitgebracht“, erklärte sie, bevor sie anstießen und sich zuprosteten.

Momentan waren wohl alle Blicke auf Concordia gerichtet, aber das würde sich bestimmt gleich wieder ändern, denn ihre blonde Mähne zog noch immer jeden Blick auf sich und sie war auch ihr ganzer Reichtum, denn nicht nur die Frauen mochten es, auch die Männer standen darauf, diese Haarpracht beim Liebesspiel zu durchwühlen.

Nebeneinander saßen sie auf der Kante, mit den Beinen im Wasser, und erzählten sich gegenseitig die Dinge, die sie seit ihrem letzten Treffen erlebt hatten, und das war immerhin schon zwei Tage her, aber sie hatte wesentlich mehr zu erzählen als Concordia, doch das war auch normal so.

„Noch eine Woche, dann muss ich erst mal fort“, seufzte Concordia nach einer Weile und ließ ihren Fuß durch das Wasser kreisen.

„Und schon bald muss ich mir eine neue Freundin suchen“, entgegnete sie.

„Ja, leider. Am Tag vor meinem 18. Geburtstag werden wir wohl voneinander Abschied nehmen müssen. Das sind noch drei Monate und zwei davon muss ich auf Vaters Landsitz!“, erwiderte Concordia und stöhnte dabei auf.

3 Augusta Treverorum war eine römische Stadt an der Mosel, aus der das heutige Trier hervorgegangen ist

3. KapitelBalsam der Götter

Sie stieß sich von der Kante ab und ließ sich in das Becken rutschen, das warme Wasser umschmeichelte ihren Körper, und sie dachte daran, dass das noch etwas war, was es in einigen Monaten nicht mehr gab.

Allerdings nicht die Therme an sich, denn die gab es auch bei ihnen direkt am Tempel, aber all die Annehmlichkeiten, in dieser öffentlichen Einrichtung: die Massage, die Sklaven, die sie mit wohlriechenden Ölen einrieben, die köstlichen Trauben und der leckere Wein, und selbstverständlich auch diese Treffen mit anderen Menschen, Lucretia inbegriffen.

Das Badehaus an ihrem Tempel, das sie momentan noch nicht betreten durfte, stand ausschließlich dem Priester und der Priesterin zur Verfügung, und damit würde sie nach der Weihung ab dem Herbst das Wasser nur allein oder mit der Mutter genießen können.

Statt lustiger Geschwätzigkeit würde es dann nur noch eisiges Schweigen im heißen Bad geben. Es hatte einige Vorteile, wenn man die lebendige Verkörperung einer Göttin war, aber eben auch ein paar entscheidende Nachteile.

Nur noch wenige Tage konnte sie dieses gesellige Treiben hier genießen, danach ging es für Monate in die Verbannung des Landsitzes und anschließend in die Isolation der heiligen Räume!

Es war ihr ganzes Leben lang schon die Aufgabe, auf die sie sich vorbereiten sollte, aber war es das Opfer wert? Wenn sie nicht auf Lucretia getroffen wäre, dann hätte sie im Moment kein Problem damit gehabt, aber so?

„Wollen wir uns noch massieren lassen? Da drüben sind soeben zwei Liegen nebeneinander frei geworden?“, fragte Lucretia und zeigte mit der Hand in die Ecke.

„Na klar, aber den Wein nehme ich mit“, antwortete sie der Freundin.

„Wenn es denn richtiger Wein wäre“, seufzte Lucretia und schob den Becher von sich.

„Aber ich greife mir den Teller mit den Trauben! Ich habe nämlich noch nichts Richtiges gegessen!“, erklärte die Freundin und schnappte sich die flache Schale.

Zusammen gingen sie zu den beiden Liegen, neben denen bereits zwei Sklavinnen darauf warteten, sie mit Öl einzureiben und anschließend ordentlich durchzukneten.

Sie legte sich mit dem Bauch auf die Liege und fragte: „Was für Öl habt ihr denn heute? Letztens gab es da so ein wundervolles aus Ägypten?“

„Ja! Das war wirklich herrlich“, seufzte Lucretia auf, die sich augenblicklich neben ihr niederließ und dann die Schale so zwischen sie schob, dass sie beide abwechselnd die süßen Trauben greifen konnten.

„Heute leider nicht, aber wir haben etwas Neues bekommen, das riecht auch außerordentlich gut!“, erklärte eine der beiden Dienerinnen und hielt ihr ein kleines Gefäß vor die Nase.

„Das will ich haben und danach nie wieder von meinem Körper waschen!“, seufzte sie auf.

„Lass mich auch mal schnuppern“, bat Lucretia von der anderen Seite und tauchte danach fast die Nasenspitze in das flache Behältnis.

„Was ist das?“, fragte sie nach.

„Es ist ein Öl mit Ambra vermischt“, erklärte die Dienerin.

„Davon will ich eine Flasche haben, egal was es mich kostet!“, stöhnte sie auf.

Lucretia setzte von der anderen Seite hinzu: „Und ich eine ganze Amphore, damit ich mir das täglich auf den Leib pinseln kann! Das ist wohl wahrhaftig einer lebenden Gottheit wie dir angemessen!“

„Noch bin ich es nicht, aber wenn das der Tausch wäre, dieser Wohlgeruch, gegen die Unsterblichkeit, ich wüsste, was ich wählen würde!“, pflichtete sie der Freundin bei.

Endlich traten die beiden Frauen in Aktion und beträufelten ihren Körper mit dem Öl.

„Wenn ich eine Katze wäre, dann würde ich jetzt schnurren!“, stöhnte Lucretia neben ihr auf.

Und auch sie war in eine Wolke aus Duft gehüllt, die ihr dermaßen die Sinne vernebelten, dass sie davon unbedingt etwas haben musste!

„Ich gebe euch meine Kette, wenn ihr mir eine Flasche davon überlasst!“, bettelte sie regelrecht um diesen Balsam der Götter.

„Wir haben leider nicht so viel und dann bekommen die anderen nichts mehr davon ab“, erklärte die Dienerin.

„Was gehen mich die anderen an! Du kannst von mir alles bekommen, was du willst!“, jammerte Lucretia neben ihr.

Es war schon irgendwie eine Frechheit, dass man hier den Duft dieses wundervollen Balsams in die Nase bekam und ihn danach nie wieder riechen würde!

„Deine Kette gegen eine kleine Flasche?“, flüsterte ihr die Sklavin ins Ohr.

Sofort wechselte das Schmuckstück seinen Besitzer und die Dienerin schob ihr ein Fläschchen in die Hand.

Mit großen Augen jammerte Lucretia: „Und ich? Was muss ich tun?“

„Du hast mir schon viel von deinem Wein erzählt. Gib mir einen Becher davon zu kosten und ich gebe dir dafür etwas davon ab!“, antwortete sie der Freundin, denn sie hatte ja sowieso vorgehabt, diesen Duft mit ihr zu teilen.

„Einen ganzen Krug kannst du bekommen! Ich laufe schnell und hole ihn!“, stieß Lucretia aus und wollte nackt von der Liege hopsen, um sofort zu ihrer Unterkunft zu eilen.

„Zuerst sollten wir uns die Massage gönnen. Diese Flasche läuft dir nicht weg!“, entgegnete sie der Freundin und schnupperte an der Phiole.

„Versprochen?“, fragte Lucretia bittend.

Sie nickte nur, schloss die Augen, genoss den Duft und die Sklavin begann mit flinken Fingern den Wohlduft in ihre Haut einzukneten und sie hätte wirklich beinahe dabei angefangen zu schnurren.

Doch leider war diese Wohltat viel zu schnell vorüber.

Sie roch an ihrem Arm und sie beschlossen beide einstimmig, das eigentlich abschließende Bad zu unterlassen, denn dieser Duft sollte noch eine Weile auf ihrer Haut bleiben!

Und Lucretia ließ sie nicht mehr aus dem Blick.

Das war aber momentan sicherlich dem Fläschchen geschuldet, das sie, am Körper verborgen, heimlich nach draußen tragen wollte.

Die Sklavin hatte vermutlich das Geschäft ihres Lebens gemacht, aber dieses kleine Behältnis war ihr das Opfer hundertfach wert gewesen.

Dann wurde es etwas komplizierter, denn sie hätten eigentlich auch getrennte Ausgänge zu benutzen, allerdings wollte sie ja sowieso zu Lucretia in deren Unterkunft.

Gegen einen kleinen Ring drückte einer der Wärter ein Auge zu, als sie in dem deutlich teureren Gewand durch den Ausgang der Sklavinnen und einfachen Bürger nach draußen huschte.

Bei all den Beschränkungen schien ihr das wie etwas Verbotenes zu sein und dabei war sie doch jetzt auf derselben Straße, die sie auch durch den Vordereingang betreten hätte, nur eben auf der anderen Seite des Gebäudes.

„Halte die Flasche nur gut fest, damit sie dir nicht aus der Hand rutscht!“, bat Lucretia inständig.

Zusammen trugen sie den Schatz davon.

4. KapitelWohlbekannte und doch neue Wege

Nebeneinander schritten sie den Weg entlang, den sie schon seit vielen Jahren beinahe täglich ging, doch für die Freundin an ihrer Seite war es offensichtlich völliges Neuland.

Scheinbar hatte sich Concordia in ihrem Leben bisher noch nie in diesen Teil der Stadt begeben, denn sie fragte aller paar Schritte nach, was es hier überall zu sehen gab.

Und da war so einiges, an dem sie täglich vorbeiging und es dennoch nie hinterfragt hatte: der Stand mit dem Brot zum Beispiel, das Becken des Aquädukts, in dem sie oft Wasser holte, aber noch nie wirklich darüber nachgedacht hatte, woher das köstliche Nass wirklich kam.

„Aus der Wand“ war für Concordia keine erschöpfende Antwort gewesen.

Gleichsam mit den Augen eines Kindes lief die Freundin neben ihr her, und sie selbst hatte es eventuell vor vielen Jahren ähnlich gemacht, aber das meiste davon auch schon wieder vergessen.

Oder einfach nie danach gefragt, wie hier was funktionierte.

„Das ist hier nicht wirklich der schöne Teil der Stadt. Oder?“, bemerkte Concordia schließlich und zeigte auf eine bröcklige Hauswand mit unflätigen sowie obszönen Schmierereien.

„Es ist das Stadtviertel, welches dafür sorgt, dass das andere funktioniert“, gab sie der Freundin zurück.

Momentan stach Concordia nur noch viel mehr aus der Masse der Menschen hier heraus, und wenn sie nicht sowieso schon ihre Kette verschenkt hätte, dann hätte sie diese jetzt sicherlich unter ihrem Gewand verstecken müssen.

„Hier wohne ich“, sagte sie schließlich und setzte sogleich hinzu: „Eigentlich nicht. Ich arbeite hier, aber bei mir ist der Wohnund Arbeitsplatz so ziemlich dasselbe. Ich muss noch nicht mal das Bett dazu verlassen. Das ist der einzig positive Teil dieser Tätigkeit!“

„Und die Bezahlung selbstverständlich“, setzte sie nach einem Moment noch hinzu, bevor sie gemeinsam den Eingang des Gebäudes passierten.

Ein älterer Mann in vornehmer Kleidung kam ihnen daraus entgegen und Concordia zeigte hinter seinem Rücken heimlich auf ihn.

Sie nickte nur zur Bestätigung, denn hier gingen mitunter auch gut Betuchte ein und aus.

„Gelegentlich tritt hier auch die eine oder andere wohlhabende Dame ein, um sich etwas Spaß zu verschaffen“, raunte sie der Freundin ins Ohr.

Concordias Wangen bekamen etwas Farbe, aber das war sicherlich nur der Aufregung über dieses ungewohnte Abenteuer geschuldet, denn eine lebende Göttin, wie die Freundin es bald sein würde, hatte von all dem, was diese Mauern eventuell erzählen könnten, vermutlich keine Ahnung.

Amira hockte im Gang vor ihrem Zimmer. Die dunkelhäutige Sklavin aus dem fernen Nubien war wieder einmal von ihrem Herrn mit der Kette am Fuß gesichert worden, und diese Fessel gab ihr nicht viel Bewegungsfreiheit. Sie kam damit gerade einmal bis vor die Tür ihrer Kammer, aber auch nicht eine Armlänge weiter.

Die Frau mit der wundervoll dunklen Haut war mitunter so begehrt bei den Männern, dass für sie kaum noch etwas zu tun übrigblieb, aber im Gegensatz zu Amira war sie hier völlig frei.

Sie musste nur die Miete für ihren Raum pünktlich zahlen und durfte den Rest behalten, die Sklavin hingegen besaß nichts, nicht einmal ein Gewand! Das störte ihren Besitzer wohl nur an ihr.

Concordia zeigte auf Amira und sie hob nur die Schultern dazu. Gerade konnte sie ihr das nicht begründen, eventuell in ihrem Raum, der sich zwei Eingängen weiter befand.

„Mein Reich“, erklärte sie, schob den Vorhang zur Seite und gab Concordia den Blick auf ihr bescheidenes Domizil frei.

Die Freundin trat ein, schaute sich um und zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Ähm, was hast du erwartet?“, fragte sie zurück und blickte sich ebenfalls um.

Die Liege, das mit einem Vorhang vom Raum abgetrennte Regal mit ihren Habseligkeiten, ein Eimer, eine Schüssel auf einem Hocker und ein paar Tücher an einem Haken an der Wand, mehr Inventar gab es nicht.

Das Fenster zum Innenhof und die Tür zum Gang, sonst nichts, alles wie dutzende andere Räume in diesem Haus ebenfalls.

Amiras Zimmer einmal davon ausgenommen, denn die besaß noch nicht mal ein Regal!

„Und hier arbeitest du also?“, begann Concordia und zeigte auf die Liege.

„Und da schlafe ich auch“, entgegnete sie.

Die Freundin trat an das fest mit Wand und Fußboden verbundene Möbelstück, prüfte dessen Beschaffenheit und ließ sich vorsichtig darauf nieder.

„Das hält!“, erklärte sie ihr und setzte sich mit Schwung neben sie hin.

„Was macht die Frau da nackt an der Kette vor deinem Zimmer?“, fragte Concordia als Nächstes und zeigte mit der Hand in diese Richtung.

„Ähm, na ja, wie fange ich es an. Amira ist eine Sklavin und sie macht dasselbe wie ich, aber sie gehört ihrem Besitzer, der ihr danach alles sofort wieder abnimmt. Praktisch arbeitet sie hier dafür, dass sie etwas zu essen bekommt!“

„Und die Kette?“

„Das weiß wohl nur ihr Besitzer. Vermutlich als Bestrafung dafür, weil sie etwas nicht getan hat, was er von ihr verlangt hatte“, gab sie der Freundin zurück.

„Dein Raum ist ja nur so groß, wie unser Hühnerstall“, erklärte Concordia als Nächstes.

„Ich habe alles, was ich brauche“, begann sie und setzte sofort hinzu: „Oder nicht ganz, denn du wolltest mir etwas von diesem wundervollen Öl abgeben!“

„Im Tausch gegen einen Becher von deinem Wein, von dem du mir seit Jahren in den Ohren liegst“, antwortete Concordia und zog das Fläschchen hervor.

Gemeinsam schnupperten sie erneut daran, als die Freundin den Stöpsel zog.

„Bekommst du denn eigentlich keinen Ärger, weil deine Kette nicht mehr da ist?“

„Außer mir weiß vermutlich keiner, dass ich die überhaupt habe. Oder hatte!“, bemerkte sie und winkte ab.

„Na dann schaue ich mal nach“, erwiderte sie, erhob sich von ihrer Lagerstatt und trat an das Regal.

Die sorgsam verschlossene Amphore befand sich ganz unten auf der Ablage und zwei Becher standen auch dabei, denn gelegentlich bewirtete sie damit auch die Männer, aber die meisten vertrugen für gewöhnlich nicht viel davon.

Mit dem Krug und den Trinkgefäßen setzte sie sich zu Concordia zurück, die zuerst das Fläschchen sorgsam wieder verschloss.

„Ich gebe dir nur ein wenig davon, denn der reißt dir sonst die Füße weg“, erklärte sie der Freundin, drückte ihr einen Becher in die Hand und schenkte ihr nur einen kleinen Schluck ein.

„Der sieht wie Blut aus!“

„Der ist auch mit meinem Blut bezahlt!“, seufzte sie und sie stießen mit dem Getränk an.

„Der hat es wirklich in sich“, stellte Concordia nach dem ersten kleinen Schluck fest.

„Das habe ich dir doch aber schon gesagt!“, entgegnete sie, trank ihren Becher mit einem Zug aus und goss sich noch einmal nach.

5. KapitelIn vino veritas ...

Lucretia hatte mit ihren Schilderungen bei diesem Getränk wirklich nicht übertrieben, denn der ging schon nach dem ersten Schluck dermaßen in den Kopf, dass ein ganzer Becher sicherlich dafür sorgen würde, dass sie den Heimweg nicht mehr fände, wobei das nach den verschlungenen Wegen durch diesen Teil der Stadt schon nüchtern eine Herausforderung war.

„Manchmal trinke ich den einfach nur, um nicht daran denken zu müssen, womit ich ihn mir verdient habe“, gab Lucretia ihr zu verstehen und klopfte mit der Hand hinter sich auf das Lager, auf dem sie saßen.

Es war das einzige Möbelstück, auf das man sich hier setzen konnte, und daher war es eben einfach auch der Platz gewesen, auf dem sie jetzt zusammen und nebeneinander hockten.

„Du hast vorhin erzählt, dass hier auch wohlhabende Damen in die Räume kommen. Wozu das denn? Oder gibt es hier auch Männer?“

„Nein, hier gibt es nur Frauen, aber die Damen lassen sich hier massieren“, erklärte die Freundin.

„Massieren? Wie in der Therme?“

„So in etwa“, entgegnete Lucretia ihr.

„Dann könntest du mich also auch massieren?“

„Das habe ich am Anfang, vor vielen Jahren, in der Therme wirklich gemacht. Damals habe ich mir damit das erste Geld zusammengespart!“

„Jetzt, hier und gleich?“, fragte sie zurück.

„Hatten wir die Massage nicht gerade erst?“, antwortete die Freundin.

„Stimmt. Wir wollten tauschen!“, erwiderte sie.

„Wein gegen Duft!“

„Gib mir die Amphore und ich gebe dir das gesamte Öl!“

„Was willst du denn mit dem ganzen Krug?“

„Meine Mutter ist mitunter verschlossen, wie eine Schatzkiste, und eventuell könnte ich damit etwas von dem aus ihr herauskitzeln, was mich in drei Monaten erwartet, und zwar nicht erst dann, sondern bereits jetzt!“, erklärte sie ihr den Plan.

„Ich bin mir gerade nicht ganz sicher, ob ich dir wirklich diesen Wein überlassen sollte, denn du willst damit eine Priesterin betrunken machen, um ihr dadurch ihre Geheimnisse zu entlocken?“, entgegnete Lucretia zweifelnd.

„Ich zwinge sie nicht, davon zu trinken und ich höre dadurch auch nur Dinge, die ich in einigen Wochen sowieso erfahren würde. Ich beschleunige das Ganze nur ein wenig!“, erklärte sie, zog den Stöpsel aus dem Fläschchen und schwenkte es danach vor der Nase der Freundin hin und her.

Lucretia zögerte noch immer, aber schließlich umnebelte der betörende Wohlgeruch ihren Geist, brach ihren Willen, zerstreute ihre Zweifel und letztendlich tauschten sie die Behälter.

„Jetzt musst du mich nur wieder in meine Gegend bringen“, erklärte sie zum Schluss und erhob sich vom Bett.

Lucretia versteckte dieses, ihr offenbar sehr wertvolle, Behältnis hinter dem Vorhang und danach eilten sie durch die Gassen der abendlichen Stadt in einen ihr schon besser bekannten Stadtteil hinüber.

Zwei Kreuzungen vor dem Elternhaus verabschiedeten sie sich mit einer schnellen Umarmung.

Darauf folgend trennten sich ihre Wege, bevor sie in zwei Tagen sicherlich wieder in der Therme aufeinandertreffen würden.

Mit dem tönernen Krug schlenderte sie die letzten Schritte, betrat das Haus und ging zu ihrem Zimmer.

Ihre jüngere Schwester Maja saß an einem Tisch und las in einer Schriftrolle. Die Dreizehnjährige war momentan viel mehr gefordert als sie selbst, denn für das Mädchen war die Schule noch wichtiger.

Sie betrat ihr Zimmer, wusch sich, kleidete sich für das Abendessen um und ging danach zur Küche hinüber, um den Krug dort irgendwo zu deponieren, wo Maja nicht an das Gefäß herankam und auch kein anderer etwas davon nippen würde.

Ein wenig kam ihr dieser Plan verrückt und durchtrieben vor, aber er würde sicherlich seinen Zweck erfüllen und ihre Neugier stillen.

Ein oder zwei Becher davon und Mutter würde ihr alles verraten, was sie nie zu fragen gewagt hatte.

Zwei Dienerinnen bereiteten das Essen vor und sie sah ihnen dabei zu.

Offenbar kamen an diesem Tag auch einige Gäste, denn die Anzahl der Platten übertraf das sonst übliche Maß.

Ein wenig zögerte sie bei diesem Anblick mit der Umsetzung ihres Planes, aber da der Entschluss jetzt schon einmal gefasst worden war, galt es, ihn nur noch umzusetzen.

Es würde eigentlich nur noch einer gezielten Lüge oder Behauptung bedürfen, und alle anwesenden Frauen würden den Wein probieren wollen.

Und sich danach hoffentlich am nächsten Morgen an nichts davon mehr erinnern können.

Grübelnd begab sie sich in den großen Empfangsraum, nach und nach nahmen fünf fremde Frauen zwischen ihr und Mutter auf den Liegen Platz, das Essen kam, es wurde geschlemmt und danach geredet.

Jetzt kam dann wohl der Moment mit der Behauptung: „Ich habe von einem Zaubertrank der Germanen gehört und heute einen Krug davon bekommen. Er soll einem die Schönheit der Jugend zurückgeben können!“

Nun musste dieser Spruch nur noch wirken.

Er hatte den entscheidenden Vorteil, dass sie davon nichts probieren brauchte, denn sie sollte ja nicht noch jünger werden.

Der hinterlistige Plan ging perfekt auf, denn alle wollten wieder jung und schön sein, selbst die Mutter.

Auch eine lebende Göttin durfte eitel sein!

Und wenn die Freundin und die alten Dichter recht hatten, dann brachte dieser Wein auch nur die Wahrheit zutage.

Doch der Plan funktionierte und scheiterte gleichzeitig, denn die Frauen stürzten sich, angestachelt durch ihre Ausführungen, regelrecht auf die Becher, und durch die begrenzte Menge an Wein, die sich im Krug befand, tranken alle auch ziemlich schnell.

Im Nu hatte jede von ihnen drei Becher davon in sich, allerdings mit verheerender Wirkung!

Kichernd, singend, lallend und bei einer der Frauen, sich in die Zimmerecke übergebend, brachte keine von ihnen auch nur noch einen einzigen zusammenhängenden Satz zustande.

Dennoch musste sie ihre Neugier jetzt befriedigen, und daher schob sie sich an Mutter heran und fragte: „Wie war das denn bei deiner Weihung zur Priesterin so?“

„Wir waren nackt ... im Tempel ... die Gäste ... zugesehen ... ich legte mich ... Altar ... dein Vater ... sein Samen in mir ...“

Danach griff Mutter sich den letzten Becher und leerte diesen in einem Zug.

Wäre das ein Zaubertrank, der verjüngend wirkte, dann würde Mutter am nächsten Morgen wohl in Majas Alter erwachen, doch so kippte sie einfach hinterrücks von der Liege, wälzte sich auf dem Boden herum und lallte nur noch unzusammenhängendes Zeug.

Sie hatte erfahren, was sie wissen wollte, oder eben auch wieder nicht.

Samen kannte sie aus dem Garten, aber wo sollte der hin?

In sie hinein, aber wie? Vögel pickten Samen auf.

Diese Fragen konnte ihr eigentlich nur Lucretia beantworten, und sie hoffte, dass die Freundin aus den Satzfetzen etwas deuten konnte, was ihr half, allerdings konnte diese Antwort jetzt keine acht Wochen oder zwei Tage mehr warten!

6. KapitelBienen und Blumen?

Gut gelaunt tänzelte Lucretia durch die Gassen der langsam erwachenden Stadt zur Therme hinüber. Es war eine ruhige Nacht gewesen, in der sie einfach nur herrlich geschlafen hatte, denn dieses Öl war schon ein Zaubermittel!

Nur zwei Tropfen davon auf die Bettdecke oder den Saum des Gewandes genügten, und man hatte auf diese Weise stundenlang etwas zum Schnuppern und glücklich Lächeln.

Zu dieser frühen Stunde waren nicht viele Leute unterwegs und vermutlich hatte sie auch das große Becken ganz für sich allein und damit einen Platz der Ruhe, des Träumens und einfach nur, um die Seele baumeln zu lassen.

In ihrem kleinen Raum von vier mal vier Schritten Größe war sie eigentlich nur zum Schlafen und Arbeiten.

Die warmen Räume der Therme waren praktisch ihr zweites Obdach, und da sie dort immer ohne Gewand herumlief, schonte man damit auch noch die Kleidung.

Eigentlich war sie die meiste Zeit des Tages nur nackt! Und es gefiel ihr ausgesprochen gut!

Versonnen eine Melodie summend, die ihr schon seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf ging, trat sie in die Therme, wusch sich und schlenderte frohgemut zum Warmbad der Frauen, um dort in dessen Vorraum ihr Gewand an den Haken zu hängen.

Vermutlich waren noch nicht einmal die Sklavinnen anwesend, um sie zu massieren.

Mitunter war sie morgens völlig allein in dem Raum, doch dieses Mal saß Concordia bereits im Becken und schien auch auf sie zu warten, denn sie sprang sofort auf und kam durch das Wasser zu ihrer Seite herüber.

„Guten Morgen, du bist ja schon hier“, sagte sie und kniete sich an den Beckenrand.

„Komm rein, wir müssen reden!“, entgegnete Concordia.

Sie ließ sich in das Wasser gleiten und setzte sich neben der Freundin an den Rand.

„Hat dein Plan funktioniert?“

„Ja und nein“, gab Concordia ihr zurück.

„Eigentlich geht nur eines davon“, antwortete sie.

„Der Wein hat perfekt funktioniert. Ich habe meiner Mutter erzählt, dass es ein Zaubertrank ist, der verjüngend wirkt, aber sie hat danach so viel davon in sich gehabt, dass sie wirklich kindlich geworden ist, denn außer Kichern, Lallen und seltsamen Tönen kam nicht mehr viel aus ihr heraus“, seufzte die Freundin auf.

„Also alles vergebens! Die schöne Kette“, erwiderte sie.

„Nicht ganz. Ein einziger Satz war noch verständlich, aber ich kann nicht viel damit anfangen“, antwortete Concordia.

„Na ja, vielleicht gelingt es mir?“

„Also Mutter hat noch folgendes zu ihrer Weihe gesagt: »Wir waren nackt ... im Tempel ... die Gäste haben zugesehen ... in legte mich ... Altar ... dein Vater ... sein Samen in mir« wortwörtlich und genau in dieser Weise. Kannst du das mir verständlich machen?“

„Lass mich mal überlegen“, erwiderte sie und dachte über diese seltsamen Worte nach.

Concordia blickte sie fast flehend an und sie versuchte, einen Sinn in dem Satz zu finden, mit dem die Freundin auch etwas anfangen konnte.

„Wenn ich das richtig deute, dann findet die Weihe nackt und unter dem Beisein von einigen Gästen in eurem Tempel statt. Deine Mutter hat sich auf den Altar gelegt und dein Vater hat sie bei dieser Zeremonie mit seinem Samen zur Priesterin geweiht!“

„Das war auch meine Vermutung, aber diese Bemerkung, dass sein Samen in ihr war, verstehe ich nicht. Hat sie den gegessen? Oder was?“, fragte Concordia nach.

„Ähm, das käme im Tempel nicht so gut an, außer du wirst dabei zur vestalischen Jungfrau geweiht, dann vielleicht!“, antwortete sie und stellte sich das Bild gerade vor, wie Concordia in dem Tempel kniete und ...

Kichernd wischte sie das Bild schnell wieder vor ihrem inneren Auge fort.

„Wie erkläre ich dir das nur?“, setzte sie an und überlegte einen Moment.

Wie hatte die Mutter es ihr eigentlich erzählt?

Gar nicht, denn sie hatte ihr erstes Mal unwissend hier in der Therme gehabt, drüben im Warmbad der Männer, als sie dort gearbeitet hatte. Drei Jahre war das jetzt auch schon wieder her.

„Hast du schon mal Hengst und Stute gesehen?“, fragte sie.

„Ja, aber noch nie zusammen!“

„Kuh und Stier?“

„Nein!“

„Eber und Sau?“, erkundigte sie sich. Concordia schüttelte den Kopf.

„Hahn und Henne? Ach, vergiss das, bei Vögeln ist das anders! Wie erkläre ich dir nur, wie der Samen des Mannes in die Frau kommt?“

Sie hob den Blick und schaute zu den Bildern an der Wand ihr gegenüber, doch darauf waren nur Frauen abgebildet, die Ball spielten, sich gegenseitig fingen, oder im Garten herumtollten. In der Haupthalle waren zwar Tiere zu sehen, aber nicht bei der Paarung!

Nur drüben im Warmbad der Männer waren die Wandgemälde sehr viel eindeutiger.

Eventuell verstand Concordia die Zusammenhänge besser, wenn sie es bildlich vor sich hatte und möglicherweise waren drüben auch noch keine Besucher im Becken, damit sie schnell hineinschlüpfen konnten.

„Warte mal!“, erklärte sie, hüpfte aus dem Becken und rannte einfach nackt durch die Tür und die Haupthalle zum Eingang des anderen Warmbades.

Durch einen Spalt blickte sie hinein, aber acht junge Männer saßen in dem Becken und wenn sie da als Frauen hineingingen, dann würde Concordia in ein paar Augenblicken deutlich mehr wissen, als sie eigentlich wollte, denn jede Frau, die durch diese Tür ging, war da drin nur, um den Männern Genuss zu bereiten.

Sie selbst hatte es vor Jahren auch gemacht.

Damit fielen diese Bilder also als Anschauungsobjekt für Concordia aus.

Langsam und grübelnd ging sie zu ihrer Freundin zurück. Wie erklärte man so etwas, ohne zu deutlich zu werden?

Noch immer nachdenkend, ließ sie sich neben der Freundin abermals ins Wasser des Beckens rutschen.

„Du hast mir doch erzählt, dass du seit über zehn Jahren alles Mögliche lernen musst. War da nicht auch der Unterschied zwischen Mann und Frau dabei?“, erkundigte sie sich danach bei Concordia.

„Theoretisch schon, aber was hat das mit dem Samen zu tun?“

„Alle Himmel, wie erkläre ich dir nur, wie der Samen in die Furche kommt?“, stöhnte sie kopfschüttelnd auf.

„Zeige es mir doch einfach“, erwiderte Concordia.

Für einen Moment dachte sie an die acht Männer nebenan, aber wenn Concordia mit hinüberging, dann wäre es auch um sie geschehen und sie würde wohl kaum ungeschoren wieder herauskommen.

„Na gut, komm mit!“, antwortete sie schließlich und half der Freundin aus dem Becken.

„Wir treffen uns am anderen Ausgang auf der Gasse und gehen zu mir!“, erläuterte sie ihren Plan, der jetzt nur noch unterwegs ausreifen musste.

Dazu würde der Weg eventuell gerade so reichen.

7. KapitelEin heiliger Tempel

Gemeinsam liefen sie durch die Gassen denselben Weg entlang, den sie am Tage zuvor schon einmal gegangen waren, aber was hatte Lucretia vor?

Erst diese ganzen Andeutungen mit den verschiedenen Tierarten, dann die Bemerkung, dass es bei Vögeln anders war und jetzt wollte sie es ihr zeigen, allerdings nicht in der Therme.

All das hatte sie jetzt nur noch viel mehr verwirrt, als sie es zuvor schon gewesen war.

Grübelnd blickte sie vor sich hin, denn es gab wohl offensichtlich noch so einige Dinge, auf die sie in den letzten Jahren bei ihren vielen und eigentlich umfänglichen Studien nicht gestoßen war.

Was kam da wohl als Nächstes?

Gespannt blickte sie die Freundin von der Seite aus an, aber diese war offenbar tief in ihre eigenen Überlegungen verstrickt und daher wollte sie Lucretia auch dabei nicht unterbrechen.

Ein bisschen Geduld hatte sie noch, aber die Neugier brannte ihr auf den Nägeln!

Endlich erreichten sie das nicht wirklich ansehnliche Gebäude, in dem sich Lucretias Wirkungsstätte befand.

Amira döste auf ihrem Hocker im Flur, diesmal ohne Kette am Fuß, also war sie in der Nacht vermutlich brav gewesen und daher nicht mehr an diesen Platz gefesselt, den sie aber dennoch offenbar nicht verlassen durfte.

„So, wir sind da“, erklärte Lucretia und schob sie in den Raum hinein, den sie ja schon am Tage zuvor besucht hatte.

„Zeigst du es mir jetzt?“, fragte sie neugierig.

„Alleine geht das nicht. Ich brauche noch einen Mann dazu. Du stellst dich hinter den Vorhang und wartest da. Lass dich nicht sehen und blicke einfach durch den Spalt hindurch“, erklärte die Freundin, schob sie mit dem Rücken direkt in das Regal und schloss das Tuch vor ihr wieder.

Ein schmaler Schlitz blieb in der Mitte frei, durch den sie mit einem Auge in den Raum sehen konnte.

Lucretia trat einen Schritt zurück, nickte ihr zu und ging aus dem Raum.

Jetzt hieß es wohl, hier zu warten, bis die Freundin ihr zeigen würde, wie es ging, doch der Platz war nicht wirklich sehr bequem.

Es war kaum eine Handbreit Abstand zwischen Holz und Vorhang und es war eigentlich unmöglich, dass man von der anderen Seite aus nicht bemerken würde, dass sich dahinter jemand verbarg, doch sie musste der Freundin wohl einfach vertrauen!

Neugierig und gespannt wartete sie.

Und wartete, doch es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis von draußen Lucretias lautes Lachen zu hören war. So schallend laut, dass es wohl als Warnung für sie dienen sollte.

Die Freundin tanzte in den Raum, zog einen Mann hinter sich her und schloss dann den anderen Vorhang, der diesen Raum vom Gang abgrenzte.

Danach zog Lucretia sich aus, legte sich mit dem Rücken auf ihre Liege, der Mann trat zu ihr, positionierte sich zwischen ihren Beinen und machte dann irgendetwas, wovon sie nichts beobachten konnte, weil Lucretias Bein die Stelle verbarg, an der sich die beiden Körper berührten.

Jedenfalls schnauften beide, der Mann bewegte sich mit dem Unterleib vor und zurück, bis er aufstöhnte und schließlich ein Stück zurücktrat.

An seiner Körpermitte ragte das steil in die Höhe, was sie bisher nur im hängenden Zustand gesehen hatte.

Offenbar war dies das Pflanzholz, mit dem der Samen in die Furche kam, wie es Lucretia vor einer Weile gesagt hatte.

Die Freundin schwang sich von der Liege, zog sich wieder an und erhielt ein paar Münzen, bevor der Mann ging.

Lucretia öffnete anschließend beide Vorhänge und sie war ein kleines Stück schlauer, nicht viel, aber immerhin.

So in etwa würde es also bei der Weihe auf dem Altar sein: sie mit dem Rücken auf dem Stein, der Mann zwischen ihren Beinen und sein Pflanzholz in ihr.

Wie auch immer dieses da hineinpassen sollte!

„Und?“, fragte Lucretia.

„Dein Bein war im Weg!“, entgegnete sie.

„So ein Mist! Es war schon schwierig, einen Mann zu dieser Zeit zu finden, aber noch einmal tue ich mir das jetzt nicht an!“, stöhnte Lucretia und setzte sich auf ihre Liege.

„Das musst du auch nicht. Ich habe es, glaube ich zumindest, verstanden. Nur wie hat das Riesending da bei dir hineingepasst?“, erkundigte sie sich und setzte sich neben die Freundin.

„Wenn sich dein Eingang öffnet, dann passt das schon!“, erwiderte Lucretia und schaute sie an.

Diese Antwort war nun wieder etwas, was ihr offenbar die Frage ins Gesicht trug.

„Ich sehe schon, dass ich dir auch das erklären muss, oder?“, bemerkte die Freundin.

„Oder zeigen“, setzte Lucretia unmittelbar danach noch hinzu.

„Zeigen wäre wohl besser, aber nicht wieder das Bein davor halten!“, antwortete sie.

„Zieh dich mal aus und lege dich auf die Liege“, entgegnete Lucretia und erhob sich von ihrem Platz.

„Du willst das an mir zeigen?“, erkundigte sie sich. Die Freundin nickte nur.

Das Gewand landete flugs am Haken, sie positionierte sich so auf der Liege, wie es Lucretia zuvor getan hatte, und die Freundin trat neben sie.

„Ich hatte dir doch gestern erzählt, dass hier auch Damen herkommen, um sich massieren zu lassen. Ich würde das mal jetzt bei dir ebenfalls machen!“, begann Lucretia und schob sie in Position.

Wenig später lag sie, mit angewinkelten und gespreizten Beinen, die Füße auf der Liege abgestellt, die Hände verschränkt hinter dem Kopf, und blickte Lucretia fragend an.

Die Freundin holte etwas von dem Öl, tropfte es auf ihre Brust und sagte leise: „Jetzt schließt du deine Augen, leerst deinen Geist und genießt einfach, was passiert!“

Kaum hatte sie wunschgemäß die Augen geschlossen, begann die Freundin auch schon, das Öl auf ihr zu verreiben.