Die Hexen vom Tüllinger - T.M. Glaw - E-Book

Die Hexen vom Tüllinger E-Book

T.M. Glaw

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Beschreibung

Als Hauptkommissarin Jana Vecera aus München eine Woche Urlaub bei einer Freundin im südwestdeutschen Städtchen Stoppingen macht, erwartet sie Ruhe, Natur – und vielleicht ein Glas Wein mit Blick auf den Tüllinger Berg. Doch ein frühmorgendlicher Jogginglauf mit dem Familienhund bringt eine grausige Entdeckung: eine Leiche, drapiert wie in einem Ritual. Was zunächst wie ein Einzelfall wirkt, weckt bald düstere Erinnerungen an zwei ungelöste Morde – vor 30 und vor 60 Jahren, mit erschreckend ähnlichem Modus Operandi. Jana beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln, sehr zum Ärger des örtlichen Kommissars. Ihre Spurensuche führt sie tief hinein in die verdrängte Nazivergangenheit des Dorfes, zu alten Schuldverflechtungen, schweigenden Familien – und einem Hexenbild, das nichts mit der Realität zu tun hat. Ein atmosphärisch dichter Kriminalroman über Schuld und Schweigen, Wahrheit und Verdrängung – und die Geister, die ein Ort nie ganz loswird.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Doro, ohne die Jana nie im Oberen Wiesental gelandet wäre.

Der Verlag dankt Ulrike Parnow und Wolfgang Sauer für die Durchsicht des Manuspkripts.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar

1. Auflage

Dr. Glaw + Lubahn GbR - Mediathoughts Verlag

Copyright 2025 Dr. Glaw + Lubahn GbR - Mediathoughts Verlag

Grafische Gestaltung: Florian L. Arnold

ISBN: 978-3-947724-62-8

»Die Vergangenheit ist nicht tot.Sie ist nicht einmal vergangen.«

William Faulkner

Heinrich Wagner war ein Nazi und ein Schwein.

Adolf Wagner war sein Sohn und nicht viel besser.

Baron Friedrich von Gutzkow war ein freigiebiger Mann.

Franziska Keller ist eine Freundin, der manches unheimlich ist.

Adam Michnik pflückte Äpfel und wollte reich werden.

Hiltrud Haberer rettet ein Leben und starb zu früh.

Anna Haberer ist angeblich eine Hexe und erbt.

Kommissar Philipp von Reutberger ist ein Ur-ur-Enkel des letzten Kaisers.

Prof. Dr. Wolfgang Aspro ist ein Füllhorn des Wissens.

Kriminaldirektor a. D. E. O. Hansen wundert sich.

und Hauptkommissarin Jana Vecera wollte eigentlich nur eine Woche Urlaub machen.

1. Donnerstag

Hauptkommissarin Jana Vecera hatte die Nase voll.

Von München.

Von Kriminaldirektor Biedermann.

Und von Georg.

Von Letzterem insbesondere.

Wie schnell doch Liebe verflog.

Mein Restaurant hier, mein Restaurant da.

Nie hatte er Zeit.

Gut.

Vielleicht übertrieb sie ein wenig:

Aber vernachlässigt fühlte sie sich schon.

Es war August.

Die Äpfel auf dem Viktualienmarkt rochen nach – nichts.

Eine Freundin ihrer Mutter hatte in einen Obstbaubetrieb südlich von Freiburg eingeheiratet und schon ein paarmal gefragt, ob sie nicht vorbeikommen wolle.

»Ernsthaft?«, fragte Franziska Keller.

»Ernsthaft«, antwortete Jana. »Ich habe noch jede Menge Urlaub, ich muss hier raus und in München passiert sowieso nichts im Moment.«

»Dann komm«, hatte Franziska geantwortet.

Franziska war Janas Mutter bei einer Bergtour in den Schweizer Alpen begegnet und die beiden hatten sich angefreundet. Jana war Franziska vor zehn Jahren das erste Mal begegnet, danach hatten sie nur sporadisch Kontakt miteinander gehabt. Umso erstaunter war Jana, dass ihr Ersuchen so völlig ohne Zögern angenommen wurde.

Blieb Kriminaldirektor Biedermann.

»Was kann ich denn für Sie tun?«, meinte der.

»Hier ist nichts los, meine versprochene Mitarbeiterin lässt auf sich warten und ich brauche ein paar Tage Urlaub.«

»Sie sind immer noch ungestüm, junge Dame«, erwiderte Biedermann. »Ruhige Zeiten sind ruhige Zeiten, genießen Sie sie. Ihre Mitarbeiterin oder Ihren Mitarbeiter muss ich erst loseisen.«

»Möchten Sie, dass ich künftig alles allein stemme?«

»Frau Vecera, jetzt machen Sie mal halblang. Das fügt sich schon. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn Sie ein paar Tage Urlaub nehmen. Wohin soll es denn gehen?«

»Zum Tüllinger.«

»Bitte?«

»Das ist ein Hügel in der Nähe von Lörrach. Eine Freundin meiner Mutter hat dort eine Obstplantage.«

»Eine Obstplantage?«

»Na ja, sie hat in einen Bauernhof eingeheiratet, der vor allem Obst anbaut.«

»Dann machen Sie doch eine Woche Urlaub und entspannen Sie ein bisschen. Ich bin sicher, die Kollegen können München in der Zwischenzeit gut betreuen.«

»Eine Woche?«

»Von mir aus.«

Eine Stunde später hatte sie ihren Urlaubsantrag gestellt und von Kriminaldirektor Biedermann bestätigt bekommen. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Kurz vor vier. Zeit zu gehen. Sie verfrachtete die wenigen Papiere, die auf ihrem Schreibtisch lagen, in eine Schublade, schloss ab, fuhr ihren Rechner herunter und verließ ihr Büro.

Auf dem Gang begegnete sie Lisa Meineke, einer jungen Kriminalmeisterin, mit der sie ein- oder zweimal Kaffee trinken war.

»Schon Feierabend?«

Jana nickte. »Der Chef hat mir eine Woche Urlaub bewilligt.«

»Wohin soll es denn gehen?«

»Nichts Besonderes. Eine Freundin im Südschwarzwald hat mich eingeladen. Ich brauche einfach ein paar ruhige Tage.«

»Na dann viel Spaß.«

Sie überlegte, während sie durch die Theatinerstraße zum Odeonsplatz ging, ob Lisa eine Option für ihr zukünftiges Team sein könnte. Neben einem Kommissar oder einer Kommissarin, über den Biedermann sich nach wie vor in Stillschweigen hüllte. Als sie am Max-Weber-Platz aus der U-Bahn ausstieg, dachte sie kurz daran, bei Georg im Rosengarten vorbeizugehen, entschloss sich aber dagegen. Er hätte sowieso wieder keine Zeit.

Sie lief die Innere Wiener Straße entlang, entschied sich gegen einen Aperol Spritz in einem der schon überfüllten Lokale und schloss 10 Minuten später die Tür zu ihrer Wohnung auf. Nachdem sie Bluse, Jackett und die dunkle Stoffhose mit T-Shirt und Shorts vertauscht hatte, setzte sie sich mit einem Glas kühlen Grünen Veltliner auf ihren kleinen Balkon. Sie freute sich auf ihre morgige Reise. Wenn sie durch die Schweiz fuhr, würde das zwar ein paar Franken kosten, jedoch deutlich weniger Nerven als die vielen deutschen Baustellen. Vielleicht konnte sie sogar einen Stopp am Bodensee einlegen.

Sie ging zurück in die Küche, goss sich ein weiteres Glas ein, nahm ihr Handy vom Schreibtisch und sandte Franziska eine kurze WhatsApp, dass sie morgen käme.

2. Freitag

Sie hatte gepackt, sich beim Bäcker um die Ecke zwei Croissants besorgt und sich einen Cappuccino zubereitet. Mit beidem saß sie jetzt auf dem Balkon. Sie hörte die Frauenkirche in der Ferne neun Uhr schlagen und die kleinen Wolken am ansonsten blauen Himmel verhießen einen schönen Tag. Um halb zehn saß sie in ihrem Mini und fuhr auf dem Mittleren Ring der A 96 entgegen. Sie hatte Georg doch noch eine kurze WhatsApp geschickt, dass sie für ein paar Tage verreist sei, aber keine Antwort darauf erhalten.

Die Fahrt durch Deutschland verlief ereignislos, Tunnel wechselten sich mit Einhausungen und anderen Scheußlichkeiten aus Beton ab. Nachdem sie den Pfändertunnel durchquert hatte, schlugen Gewerbeviertel auf Schweizer Boden in dieselbe Kerbe. Da es gegen Mittag zuging, verließ sie die Autobahn in Rheineck, hielt kurz in der von Hundertwasser gestalteten Markthalle Altenrhein, um einen Salat zu essen, und machte sich schnell wieder auf den Weg Richtung Zürich. Das umgebende Gewerbeviertel war genauso dröge wie alle übrigen.

Knapp zwei Stunden später überquerte sie in Rheinfelden die Grenze und parkte ihren Wagen kurz darauf auf dem geräumigen Hof des Obstanbaubetriebs Keller in Stopfingen, das zwischen dem Oberrhein und dem Tüllinger, einem Hügel, verträumt vor sich hin döste.

Kaum war sie ausgestiegen, kam ihr ein etwa 1,90 Meter großer grinsender Blondschopf entgegen, der sie bärenmäßig umarmte und meinte: »Du musst die Jana sein. Kannst du bitte deinen Straßenfloh da drüben abstellen, andernfalls kommt unser Gabelstapler nicht durch.«

»Martin?«

»Wer sonst?«

»Dann park ich mal um.«

Nachdem sie ihren Mini dort abgestellt hatte, wohin Martin Keller deutete, nahm sie ihre Reisetasche vom Rücksitz und sperrte ihren Wagen ab.

»Franzi ist oben und bereitet Material für die Schule vor. Ich bring dich hoch.«

Sie blieb kurz stehen und sog den Duft ein. Äpfel, Birnen, Pflaumen.

»So ähnlich muss es im Paradies gerochen haben.«

Er lachte. »Na ja, ein Paradies ist es nicht. Da steckt schon viel Knochenarbeit drin. Aber man ist nah an der Natur und wenn man in so einen reinbeißt ...«, er griff in eine große Kiste und warf ihr einen rotbackigen Apfel zu, »... dann weiß man, was es im Supermarkt kaum mehr gibt.«

Sie fing den Apfel, biss hinein und musste aufpassen, dass ihr der Saft nicht aus den Mundwinkeln troff. Ein ungläubiges Lächeln huschte über ihr Gesicht..

»Gut, gell?«

Sie nickte und folgte dem Hünen ins Haus, wo er die Treppen in den zweiten Stock erklomm. Aus einer Zimmertür kam ihr eine dunkelblonde, lächelnde Frau entgegen, die ihre Lesebrille in den Ausschnitt ihrer Bluse gesteckt hatte und ihr beide Hände entgegenstreckte.

»Jana! Wie schön, dass du kommen konntest und wir uns endlich wiedersehen.«

Jana wusste nicht, wohin mit dem Apfelbutzen in ihrer Hand, Franziska nahm ihn einfach, gab ihn ihrem Mann und umarmte Jana.

»Du hast dich kaum verändert. Ein wenig müde siehst du aus.«

»Die letzten Wochen waren eher langweilig, unser letzter Fall lässt mich aber irgendwie nicht los.«

»Das musst du beim Abendessen erzählen«, warf Martin Keller ein. »Ich muss zurück ins Lager.«

»Bei euch ist Hochsaison, oder?«, fragte Jana.

»Könnte man sagen, aber eigentlich geht es hier immer rund. Jetzt zeige ich dir erst mal dein Zimmer.«

Sie stiegen gemeinsam eine weitere Treppe hinauf und betraten einen geräumigen Raum mit einer Wandschräge und einem Fenster, von dem aus man den hinter dem Ort ansteigenden Tüllinger sah.

»Hier kannst du dich ausbreiten, nebenan hausen Eva und Lena.«

»Wie alt sind die beiden denn jetzt?«

»Siebzehn und fünfzehn. Eva macht nächstes Jahr Abi.«

Jana stieß einen erstaunten Laut aus.

»Ja«, meinte Franziska lächelnd. »Die Zeit ist verflogen. Ich muss noch ein paar Aufgaben für das nächste Schuljahr vorbereiten, fühl dich einfach wie zu Hause. Wenn du etwas trinken oder dir einen Kaffee machen möchtest: Küche und Esszimmer sind unten.«

»Gibt es hier oben ein Bad?«

»Das hatte ich ganz vergessen. Am anderen Ende des Gangs, mit Dusche und Toilette.«

»Super.«

Jana packte aus, verstaute das meiste in dem kleinen Schrank, schnappte sich ihren Kulturbeutel und begab sich Richtung Bad. Als sie deutlich erfrischt und nur mit einem langen T-Shirt bekleidet zu ihrem Zimmer zurückging, kam eine junge Frau mit blonden Haaren die Treppen herauf, die fast ebenso groß wie Jana war.

»Eva?«

»Hallo, Jana. Schön, dass du da bist. Und jetzt sag bloß nicht so etwas wie ›Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du so groß‹.«

Sie mussten beide lachen.

»Wie lange bleibst du?«

»So eine Woche, denke ich.«

»Du wirst dich zu Tode langweilen. In diesem Kaff passiert absolut nichts.«

»Na ja, ich wollte ja ein wenig durchschnaufen, Abstand gewinnen, vielleicht einen Freund meiner Mutter in Freiburg besuchen ... und wenn du Ideen hast, dann nur heraus damit.«

»Mal schauen«, meinte Eva Keller. »Sind ja noch Schulferien.«

Als sie sich wieder angezogen hatte und die Treppe hinunterging, schlug es von einem Kirchturm vier Uhr. Durch die geöffnete Tür sah sie Franziska Keller am Schreibtisch. Sie klopfte kurz am Türrahmen und sagte: »Ich gehe mir ein wenig die Beine vertreten.«

Franziska wandte sich um und erwiderte: »Abendessen gibt es gegen sechs. Viel Spaß.«

Als sie den großen Hof betrat, kam ein irischer Setter laut bellend herbeigeschossen und sprang an ihr hoch. Jana beugte sich hinunter, um ihn zu kraulen, als Martin aus der Lagerhalle kam und rief:

»Melitta, aus!« Er kam zu ihr herüber und meinte: »Das ist ein weiteres Familienmitglied, Jana. Melitta die Siebte.«

»Die Siebte?«

»Ja, wir haben seit Langem irische Setter hier auf dem Hof und Melitta ist die siebte Melitta. Ihre Erziehung lässt allerdings noch zu wünschen übrig. Was hast du vor?«

»Rundgang durchs Viertel.«

»Dürfte eher ein Dorfrundgang werden. Möchtest du sie mitnehmen? Sie könnte ein wenig Auslauf gebrauchen und benimmt sich normalerweise ganz manierlich.«

»Meine Erfahrung mit Hunden ...«, sagte Jana vage.

»Das wird schon«, grinste Martin, nahm eine Leine von einem Haken neben der Tür und drückte sie Jana in die Hand. »Denk daran, wenn du auf die andere Seite des Dorfes willst, dass mittendurch die Bahnlinie läuft.«

Damit ging er zurück in die Lagerhalle und Jana blickte Melitta an, die hechelnd auf die Leine schaute.

»Was meinst du, sollen wir spazieren gehen?«

Gleich einer Antwort strich der Hund um ihre Beine und sie nahm ihn an die Leine. Der Hund wandte sich, nachdem sie den Hof verlassen hatten, sofort nach links und Jana folgte seiner Eingebung. Am Ende der Straße sah sie einen kleinen Kirchturm.

Sie liefen an zweistöckigen Häusern vorbei, an Gärten und Mauern, hinter denen man selten Kindergeschrei vernahm. Schließlich ging es über mehrere Treppen hinauf zu einer kleinen Kirche, hinter der ein Friedhof lag. Melitta VII hielt sich jetzt eng neben ihr, als hätte sie Respekt vor den Toten, drängte sie aber nach links. Vorbei an einer langen Reihe wohlgeordneter Gräber kamen sie auf einen Parkplatz und eine deutlich lebendiger werdende Melitta zog sie zu den Weinbergen. Ein aufkommender Wind nahm dem schwülen Nachmittag ein wenig die Schwere, und als der Hund sie bittend ansah, ließ sie ihn, ohne groß nachzudenken, von der Leine. Erstaunlicherweise erfolgte kein Ausbruch von Freiheitssehnsucht, sondern Melitta blieb relativ nah bei ihr, so als sei ihr bewusst, dass sie hier die Richtung vorgeben musste.

Zehn Minuten später erreichten sie den Rand eines kleinen Waldes. Auf der linken Seite des Weges stand ein in die Jahre gekommenes Haus, um das sich ein Bauerngarten ausbreitete, in dem eine ältere Frau sich an den Bohnen zu schaffen machte. Auf Melittas Bellen richtete sie sich auf und ging die wenigen Schritte zum Zaun.

»Ja, Melitta«, rief sie, »was machst du denn hier?«

Sie kraulte die Hündin, die sich am Zaun aufgerichtet hatte, und sah Jana interessiert an.

»Ich bin eine Freundin von Franziska«, sagte die, »und Melitta führte mich ein wenig spazieren.«

Die Frau reichte ihr die Hand: »Anna Haberer.«

»Jana Vecera.«

»Möchten Sie nicht auf eine Tasse Tee hereinkommen?«

»Wir sollten um sechs zurück sein«, meinte Jana und blickte auf ihr Handgelenk, wo sich eine Armbanduhr befinden sollte, die sie nach dem Duschen im Zimmer vergessen hatte.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, antwortete die alte Frau, nachdem sie kurz in den Himmel geblickt hatte. »Es dürfte erst Viertel vor fünf sein und bei den Kellers nimmt man es mit der Zeit sowieso nicht so genau.«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Jana lachend.

»Weil ich die beiden Mädels zur Welt gebracht habe.«

Sie folgte Anna Haberer durch den Garten um das Haus herum, wo unter einer Markise Stühle und ein großer Tisch standen.

»Nehmen Sie Platz und entschuldigen Sie mich einen Moment«, sagte die Gärtnerin und verschwand durch einen Vorhang im Haus.

Melitta trieb sich zwischen Phlox, Bohnen und Tomaten umher, offenbar auf der Spur nach Gerüchen, die nur sie mit ihrer feinen Nase wahrnehmen konnte. Jana nahm einen Stuhl, stellte ihn in die Sonne, die sich unter ein wenig Dunst verborgen hatte, und schloss die Augen. Als sie hinter sich Schritte vernahm, fuhr sie hoch.

»Die Chinesen sagen nicht zu Unrecht: ›Willst du ein Leben lang glücklich sein, so schaffe dir einen Garten‹.«

Anna Haberer hatte eine Teekanne, zwei Tassen und eine Schale mit Gebäck auf den Tisch gestellt, und Jana setzte sich ihr gegenüber.

»Ich hatte schon befürchtet, eingeschlafen zu sein«, meinte Jana.

»Ich glaube, Sie hatten das, was die junge Generation heute einen ›Power Nap‹ nennt. Für eine alte Frau wie mich heißt das nur, dass Sie eine gewisse Erschöpfung in sich tragen. Trinken Sie eine Tasse Tee.«

Jana sah der Frau in die Augen, sagte aber nichts und trank einen Schluck Tee. Dann setzte sie die Tasse kurz ab, ließ ihren Blick suchend über den Garten schweifen und trank einen weiteren.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte die alte Frau, »ich kenne auch diese Melitta. Sie treibt schon keinen Blödsinn.«

»Was ist das für ein Tee?«, fragte Jana nach dem dritten Schluck.

»Eine Hausmischung«, lächelte Anna Haberer. »Johanniskraut, Melisse und Lavendel. Dazu ein wenig grüner Tee.«

»Und das haben Sie sich gerade ausgedacht«, lächelte Jana.

»Nein«, meinte die alte Frau. »Aber ich glaube, der Tee passt zu Ihrem jetzigen Gemütszustand.«

Jana schaute interessiert und ein wenig skeptisch in das sonnengebräunte Gesicht ihres Gegenübers, aus dem sich das wirkliche Alter nur schwer ablesen ließ.

»Wie lange bleiben Sie denn bei den Kellers?«

»Ich habe eine Woche Urlaub.«

»Dann kommen Sie doch ab und zu einmal vorbei. Ich würde mich freuen.« Jana hörte in der Ferne die Kirchturmuhr dreimal schlagen. »Wie gesagt«, meinte die alte Frau, »bei den Kellers geht es nicht immer so pünktlich zu.«

»Vielen Dank für den Tee«, antwortete Jana. »Der war ... gut. Ich weiß zwar nicht wie, aber er war ... gut.«

»Ich weiß, Jana, ich weiß«, meinte die alte Frau, steckte zwei Finger in den Mund und pfiff, worauf Melitta wie der Blitz aus einem entfernten Teil des Gartens geschossen kam. »Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersähen.«

»Ich mich auch«, erwiderte Jana, reichte der alten Frau die Hand und wunderte sich über den kräftigen, langen Händedruck. Sie nahm Melitta an die Leine, schlüpfte durch das Gartentor, das sie hinter sich verschloss, und schaute noch einmal auf Anna Haberer, die ihr nachblickte. Als sie die Weinberge hinter sich gelassen hatten, läutete es sechs und Melitta hatte es mit einem Mal eilig. Jana begann sich zu wundern, ob in dieser Gegend sogar die Hunde einen sechsten Sinn hatten.

Kaum auf dem Hof, kam Martin aus der Lagerhalle und rief: »Na, hat dich Melitta durch das halbe Dorf geschleift?«

»Nö«, erwiderte Jana, »wir sind durch die Weinberge und haben an einem alten Haus bei einer netten älteren Frau, die Melitta zu kennen schien, eine kurze Pause eingelegt.«

Martin sah sie skeptisch an. »Bei den Haberers?«

»Genau so hieß die Frau. Anna Haberer.«

Martin brummte etwas und meinte dann: »Lass uns essen gehen. Franzi hat schon zweimal gerufen.«

Im Haus duftete es nach einer warmen Mahlzeit, und nachdem sie Melittas Pfoten gesäubert und sich die Hände gewaschen hatten, betraten sie eine große Wohnküche, wo drei Frauen ihrer Ankunft harrten. Die jüngste und kleinste von ihnen stand auf, ging auf Jana zu, umarmte sie und sagte: »Ich bin Lena, aber das hast du dir schon gedacht. Mama hat gesagt, du bist Kriminalkommissarin.«

Jana musste lachen: »Das bin ich tatsächlich, aber viel wichtiger ist: Hier riecht es verführerisch!«

»Mama hat einen Quiche Lorraine und einen Zwiebelkuchen gebacken!«

Nachdem sie ein Stück Quiche und etwas Salat auf dem Teller hatte, das Weinglas mit Weißwein namens ›Weiler Schlipf Gutedel‹ gefüllt war und Franziska ein kurzes Gebet gesprochen hatte, ließ es sich Jana schmecken.

»Wo warst du denn spazieren?«, wollte Eva wissen.

»Bei den Hexen«, brummte Martin.

»Bitte, Martin!«, fuhr Franziska auf, während die beiden Mädchen lachten.

Jana blickte in die Runde. »Möchte mich jemand aufklären?«

»Du bist durch die Weingärten gelaufen und dann an einem Haus am Waldrand gelandet, wo Melitta so lange gebellt hat, bis jemand kam.«

»Fast richtig«, antwortete Jana und schob sich ein weiteres Stück Quiche in den Mund, »es war allerdings schon eine ältere Frau im Garten, die Melitta kannte und freudig begrüßte. Ich habe mit ihr eine Tasse Tee getrunken.«

»Sie hat dich eingeladen?«, fragte Lena erstaunt.

»Ja, sie war sehr nett. Aber was hat das denn mit den vermeintlichen Hexen zu tun?«

Franziska Keller warf ihrem Mann einen ärgerlichen Blick zu. »In diesem Haus leben drei Frauen ...«

»Und kein Mann!«, warf ihr Mann ein.

»Papa, bitte!«, empörte sich Eva.

»Darf ich weiter erzählen?«, fragte Franziska ironisch ihren Mann. »Den Ureinwohnern Stopfingens ist das seit jeher ein Dorn im Auge und es gibt allerlei Gerüchte. Tatsache ist, dass es Großmutter, Mutter und Tochter sind. Wen hast du eigentlich kennengelernt?«

»Anna.«

»Das ist die Großmutter. Sie ist Hebamme und so etwas wie Naturheilerin. Das ist eine lange Geschichte, die erzähle ich dir bei Gelegenheit einmal. Ihre Tochter Margarete ist Apothekerin in Lörrach, deren Tochter Annemarie hat in Dresden und Paris Kunst studiert. Sie arbeitet als Grafikerin und freischaffende Künstlerin.«

»Und was hat es mit den Hexen auf sich?«

»Da gab es noch eine Urgroßmutter«, brummte Martin.

»Ich weiß, Martin«, erwiderte seine Frau ruhig. »Aber wollen wir wirklich beim Abendessen die gesammelten Vorurteile dieses Kaffs durchhecheln?«

In die entstandene Stille fragte Jana: »Könnte ich noch ein Stück Zwiebelkuchen bekommen?«

»Aber gerne«, sagte Franziska und füllte auch ihr Weinglas wieder auf.

»Ist der Wein von hier?«, wollte Jana wissen, in dem Versuch, dem Gespräch einen anderen Verlauf zu geben.

»Natürlich«, antwortete Martin. »Wie fast überall in Baden wächst auch in Stopfingen guter bis sehr guter Wein.«

Eva fing Janas Blick auf und lächelte.

»Ist die Kellerei am Ort?«

»Ja, sicher«, meinte Martin. »Wenn du magst, können wir die gerne anschauen«, er grinste, »gerne auch mit Weinprobe.«

»Dafür musst du aber nicht zur Kellerei, die hier fast ums Eck ist«, ergänzte Eva. »Die meisten Weine dürfte Papa im Keller haben.«

»Nur die Guten«, murmelte der.

Jana nahm das Glas mit Weißwein in die Hand. »Der ist schon einmal gar nicht schlecht.«

Martin nickte zustimmend. »Magst du Wein?«, fragte er.

»Mehr als Bier, auch wenn ich quasi aus der Stadt des Bieres komme. Ich bin mit einem Gastronomen befreundet, der sich selbst wahrscheinlich eher als Wirt bezeichnen würde und der über einen gut gefüllten Weinkeller verfügt.«

»Und was für Weine schenkt dein Freund aus?«

»Er hat viele Österreicher, einiges aus Franken sowie ein paar Italiener und Franzosen. Ich denke, es ist eine sehr persönliche Auswahl.«

»Da fehlen unbedingt noch ein paar Badener!«, meinte Martin.

»Du hast ja eine Woche Zeit, mich zu überzeugen«, lächelte Jana. »Ich nehme dann gerne ein paar Testflaschen mit. Georg dürfte schwieriger zu gewinnen sein als ich.«

Jana war froh, als sie gegen zehn nach oben in ihr Zimmer ging, dass das weitere Gespräch im Allgemeinen geblieben war. Sie hatte ein wenig von ihrem letzten Fall erzählt und mit den Mädchen über ihre Zukunftspläne geplaudert. Auch Martin hatte das Thema ›Hexen‹ nicht wieder angesprochen. Sie nahm sich vor, Franziska noch einmal zu fragen. Sie hatte als Kommissarin zwei Jahre in Weilheim verbracht, daher war ihr kleinstädtischer Tratsch, aber auch seine bisweilen dramatischen Folgen, nicht unbekannt. Eine Viertelstunde später lag sie im Bett und war kurz darauf eingeschlafen.

3. Samstag

Jana wachte auf, als sie Stimmen auf dem Gang vernahm, und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Kurz vor acht. Sie hatte – zumindest gefühlt – traumlos geschlafen und fühlte sich zum ersten Mal seit Tagen beim Aufstehen wach. Sie stand auf, zog die Vorhänge zur Seite und öffnete das Fenster. Die Kühle des Morgens machte ihr Lust, wieder einmal laufen zu gehen, eine Routine, die sie in den letzten Wochen sträflich vernachlässigt hatte. Laufschuhe und Sportshorts hatte sie eingepackt.

Am Boden der Treppe kam ihr Franziska aus der Küche entgegen. »Du bist aber früh dran für Urlaub.«

»Ob du es glaubst oder nicht, ich fühle mich zum ersten Mal seit Wochen ausgeschlafen und habe Lust auf einen kurzen Lauf.«

»Und was heißt ›kurz‹ bei dir?«

»Ich denke, ich werde in Richtung Hexen laufen«, erwiderte Jana grinsend.

Franziska drohte ihr mit dem Finger: »Ich muss dir ein wenig mehr zu den Frauen erzählen, damit du den Unfug verstehst, den Martin da von sich gibt. Vielen Männern sind die drei einfach unheimlich.«

»Waren manche Frauen den Männern nicht schon immer ein wenig unheimlich?«, lächelte Jana. »Außerdem gibt es ja glücklicherweise keine Hexenverbrennungen mehr.«

»Da hast du recht«, meinte Franziska nachdenklich. »Na dann viel Spaß, Frühstück gibt es, wenn du wieder da bist.«

Kaum war sie die Treppe zum Hof hinuntergegangen, kam Melitta angeschossen und strich ihr um die Beine. Martin schaute aus der Halle, zog die Augenbrauen hoch und schlenderte zu ihr herüber.

»Sehr schick«, kommentierte er lächelnd. »Wenn dich die männliche Dorfbevölkerung sieht, werden sie heute Abend alle hechelnd vor der Tür stehen.«

»So schlimm?«, fragte Jana.

»Nö, aber Blicke, neidische und bewundernde, wirst du sicher bekommen. Wohin willst du denn joggen?«

»Wo ich gestern mit Melitta spazieren gegangen bin.«

Melitta hatte ihren Namen gehört, setzte sich und sah Jana hechelnd an.

»Und?«, fragte Martin.

Jana stöhnte. »Geht das denn ohne Leine?«

»Sie joggt auch mit den Mädchen, aber die kommen in den Ferien nicht vor zehn aus den Federn.«

Jana sah Melitta an: »Und?«

Melitta bellte einmal laut. Damit war es entschieden und sie machten sich auf den Weg.

Es waren mehr Leute als am letzten Nachmittag auf der Straße und sie kassierte durchaus den einen oder anderen Blick. Melitta gab wieder den Weg vor, Jana vermutete, dass sie den gleichen Weg wählte, den Eva und Lena liefen. Er führte nicht durch den Friedhof, aber auf denselben Weg durch die Weingärten wie gestern. Als sie am Haus der Haberers vorbeikamen, trat eine jüngere Frau aus dem Haus, die von Melitta fröhlich mit Gebell begrüßt wurde und ihnen zuwinkte. Kurze Zeit später joggten sie in einen Wald, in dem es kühler wurde und wo es nach Moos und Laub roch. Nach ungefähr einem Kilometer, als Jana sich überlegte zu stretchen und umzukehren, fing Melitta an, nervös herumzutänzeln und lief dann in den Wald.

»Melitta!«

Jetzt war genau das eingetreten, was Jana befürchtet hatte. Sie hatte keine Ahnung, was der Hund vorhatte, und ohnehin keine Ahnung von Hunden. Nach wenigen Minuten kam Melitta angelaufen, bellte Jana wie verrückt an, sprang wieder in Richtung Wald und bellte weiter.

»Soll ich mitkommen?«, fragte Jana den Hund, aber der bellte einfach weiter. Sie hatte keine Lust, sich im Dickicht die Beine zu zerkratzen, aber da Melitta sich nicht abbringen ließ, folgte sie ihr in den Wald. Hundert Meter und einige Kratzer später blieb der Hund stehen und bellte. Jana kam näher und nahm einen Geruch wahr, den sie nur zu gut kannte. Sie musste sich Gewissheit verschaffen, aber wie würde der Hund reagieren?

»Sitz, Melitta.«

Der Hund gehorchte zu Janas großem Erstaunen. Da sie keine Handschuhe dabei hatte, schob sie mit den Fingerspitzen das Laub von der Stelle, die Melitta verbellt hatte. Nachdem sie die oberste Laubschicht beiseitegeschoben hatte, nahm die Zahl der Insekten zwischen den vermodernden Blättern zu. Als sie vorsichtig eine weitere Schicht entfernt hatte, blickte sie auf eine menschliche Hand. Es war eindeutig eine menschliche Hand und der stärker werdende Geruch war der Geruch des Todes. Autolyse nannte das Doktor Goldstein, ihr Münchner Pathologe.

Jana stand auf, trat ein paar Schritte zurück und holte tief Luft. Sie hatte kein Handy mitgenommen.

»Melitta.«

Der Hund erhob sich und kam zu ihr. Sie streichelte ihn. »Das hast du gut gemacht. Wir müssen jetzt zurück und die Polizei alarmieren. Komm!«

Sie liefen den Waldweg entlang, durch den sie gekommen waren, schneller als Jana geplant hatte, und sie war etwas außer Atem, als sie am Haus der Haberers ankamen. Anna saß auf einer Bank vor dem Haus und hatte eine Tasse in der Hand, die sie neben sich stellte, bevor sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit aufsprang.

»Was ist denn?«

»Ich muss telefonieren.«

»Was ist denn passiert?«

Jana schüttelte den Kopf: »Kann ich bitte das Telefon benutzen?«

Anna Haberer nickte und ging ins Haus. Jana mit Melitta an ihrer Seite folgte ihr. Im Gang befand sich ein altmodisch wirkendes Telefon. »Keine Angst, es funktioniert«, bemerkte die alte Frau lächelnd.

Jana griff nach dem Hörer, zögerte und fragte: »Was genau ist denn die Adresse Ihres Hauses?«

»Wen wollen Sie denn anrufen?«

»Die Polizei.«

Anna Haberer war blass geworden. »Das Haus hier hat keine wirkliche Adresse. Sagen Sie ihnen, das Haus der Haberers hinter dem Friedhof. Aber was ...?«

Jana wählte die 112.

»Ich möchte einen Leichenfund melden. Nein, das ist kein Scherz. In Stopfingen, in der Nähe des Hauses der Familie Haberer, hinter dem Friedhof.«

»…«

»Ich bin nicht von hier, zum Donnerwetter! Schicken Sie einen Streifenwagen und alarmieren Sie die Kriminalpolizei, die Spurensicherung und die Forensik!«

»…«

»Ja, ich weiß, wovon ich spreche, und nein, ich schaue nicht zu viel Tatort, und jetzt setzen Sie gefälligst Ihren Hintern in Bewegung!«

Sie legte auf.

Die alte Frau neben ihr schmunzelte. »Sie lassen sich aber auch nicht die Butter vom Brot nehmen.«

Jana realisierte, wie relativ spärlich sie bekleidet war.

»Was haben Sie denn gefunden?«

»Das haben Sie doch gehört.«

»Haben Sie ...«

»Nein, ich nehme zum Joggen keine Handschuhe mit.«

»Sind Sie Polizeibeamtin?«

»Ja.«

»Und Sie würden sich gerne ein wenig passender kleiden, bevor Ihre Kollegen kommen.«

»Das wird sich vermutlich schwer machen lassen.«

»Na, Martin wird Ihnen doch von den Hexen erzählt haben.«

Langsam wurde Jana die alte Frau ein wenig unheimlich.

Anna Haberer lachte verhalten. »Meine Enkelin ist ungefähr so groß wie Sie. 1,85, oder?«

Jana nickte.

»Kommen Sie, wir finden eine Jeans und ein Sweatshirt. Damit können Sie Ihren Kollegen besser entgegentreten.«

Anna Haberer hatte eine Jeans und ein dunkelblaues Sweatshirt in den Beständen ihrer Enkelin gefunden, die Jana wie angegossen passten. Sie saßen gemeinsam mit einer Tasse Tee auf der Bank vor dem Haus, als der erste Streifenwagen blau blinkend davor hielt.

»Haben Sie angerufen?«, wollte ein uniformierter Polizist wissen, nachdem er ausgestiegen war.

»Sie haben sich aber Zeit gelassen«, antwortete Jana und ging zum Zaun.

»Und Sie glauben, Sie haben wirklich eine Leiche gefunden?«

»Ich war joggen und der Hund hat angeschlagen. Ich habe mit den Fingerspitzen einen kleinen Teil freigelegt.« Sie sah den jungen Polizeimeister an. »Eine Hand.«

»Und wenn es ein Witz ist? Plastik?«

»Auch dann sollten Sie es sich ansehen. Aber es ist kein Witz. Die Autolyse hat bereits eingesetzt.«

Der junge Mann sah sie verständnislos an.

»Oder in Ihren Worten: Es riecht. Soll ich Ihnen den Ort zeigen?«, fragte Jana.

»Bitte.«

Sie wandte sich um. »Kann Melitta hierbleiben, Frau Haberer? Sie würde nur einen vermeintlichen Tatort weiter kontaminieren.«

»Klar«, meinte die alte Frau lächelnd und kraulte den Hund.

Jana ließ sich in den Passat fallen und sagte: »Folgen Sie einfach dem Weg in den Wald.«

Sie hatte versucht, sich die Stelle einzuprägen, an der sie anhalten und zu Fuß ins Unterholz gehen mussten, denn es gab einen bemoosten Baumstumpf am Wegrand. Ein paar Minuten später meinte sie: »Jetzt bitte langsamer. Bei dem Baumstumpf da vorne müssen wir in den Wald.«

Sie gingen zu dritt und folgten dem Weg, den Jana und Melitta gegangen waren und der sich aufgrund der geknickten Zweige und der zertretenen Pflanzen nachvollziehen ließ. Kurz darauf standen sie an dem Platz, an dem Jana die Hand freigelegt hatte. Sie winkte die Beamten zu sich, ging in die Knie und deutete auf die Hand. »Für was halten Sie das?«

Der ältere der beiden ging ebenso in die Knie und rümpfte ob des Geruches die Nase. »Ich denke, Sie haben recht, wir verständigen die Kollegen.«

---ENDE DER LESEPROBE---