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In „Huldrychs Ende“ entführt Thomas Michael Glaw seine Leser:innen in eine Welt skurriler Figuren, mysteriöser Intrigen und schräger Wendungen. Am Morgen nach einem schillernden Fest auf Schloss Iringsburg, das die Eröffnung der 250. Buchhandlung des Librorius Imperiums feiert, erschüttert ein rätselhafter Todesfall die literarische Szene. Der Chef des Hauses wird leblos auf der Terrasse aufgefunden und Hauptkommissar Louis Lukaschonsky, wie immer in seinen unverkennbaren Trenchcoat gekleidet und begleitet von seinem treuen Dackel Waldemar, steht einem schier unlösbaren Rätsel gegenüber. Unterstützung findet er in der charmanten Kommissarin Jana Vecera, die ihren Chef nicht nur um Haupteslänge überragt, sondern auch mehr Grips besitzt als er und Waldemar zusammen. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach der Wahrheit hinter dem rätselhaften Tod des Buchhandlungsbesitzers.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Lektorat: Ulrike Parnow
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar
1. Auflage
Dr. Glaw + Lubahn GbR - Mediathoughts Verlag
Copyright 2024 Dr. Glaw + Lubahn GbR - Mediathoughts Verlag
Grafische Gestaltung: Florian L. Arnold
Druck und Bindung: Finidr, Printed in Česká republika
ISBN: 978-3-947724-53-6
»Alle Ding sind Gift und nichts ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.«
Paracelsus (1493-1541)
Huldrych Librorius
verlegt Bücher und trinkt ein Glas Orangensaft zu viel
Christian Librorius schielt nach des Vaters Fränkli
Caspar Kurt Casper ist ein Arschloch und ein geiler Kerl
Bertolt Bildric
verlegt Schlüpfriges und rutscht darauf nicht aus
Gundula Hexenstaller
verkauft Esoterika und verbreitet Furor
Georg Grundinger kann weit mehr als nur schwafeln
Felicitas Tattersall
steht für Kultur und will mit dem Kopf durch die Wand
Daniel Maier-Sanfts Liebe erfährt ein rüdes Erwachen
Hauptkommissar Louis Lukaschonsky
füttert Dackel Waldemar mit Weißwürsten
und
Oberkommissarin Jana Vecera
löst den Fall und sitzt am Ende in einem Citroën DS
Freitag
Huldrych Librorius hatte geladen und alle kamen. Der Innenhof von Schloss Iringsburg, in einem sanften Flusstal südlich von München gelegen, war mit Fackeln erleuchtet, livrierte Diener öffneten die Türen teurer Limousinen, junge Männer in weinroten Jacken parkten die Luxuskarossen anschließend in der Tiefgarage. Ein liebevoll gepflegter Citroën DS fiel aus der Masse heraus. In ihm saßen drei Herren, die die meisten ihrer Bewunderer unter den Namen Theophilus von Laberheim, Plaudrian und Liberschwafel kannten. Die Herren waren im Hauptberuf Krankenpfleger, Hauptschullehrer und Gastwirt, aber ihre wahre Liebe gehörte der Literatur, deshalb begeisterten sie sich fürs Buchbloggen und gingen für ihre Autoren durchs Feuer. Aus genau diesem Grund hatte sie Huldrych Librorius heute Abend eingeladen.
Librorius war Verleger und Buchhändler. Nicht irgendein Verleger und nicht irgendein Buchhändler. Der Züricher Librorius Verlag war seit fünfzig Jahren eine der Trutzburgen der hohen Literatur, hatte ein Dutzend Literaturnobelpreisträger unter Vertrag und wurde nicht müde, zu erklären, wie wichtig schöne Bücher für eine blühende Kultur seien. Auch im Buchhandel hatte es Huldrych mehr mit dem Klotzen als dem Kleckern. Am heutigen Abend sollte die Eröffnung seiner zweihundertfünfzigsten Buchhandlung im deutschsprachigen Raum gefeiert werden. Im Herzen Münchens hatte er einen seiner größten Konkurrenten aus dem Feld geschlagen und ein wahrer Buchtempel würde morgen in Anwesenheit des bayerischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst und des Münchner Oberbürgermeisters eröffnet werden. Ehre, wem Ehre gebührt.
Nachdem die Gäste das knapp vier Meter hohe Eingangsportal durchschritten hatten, erklommen sie eine dunkle, aus Mooreiche gefertigte Treppe in den ersten Stock, wo sich in einem hell erleuchteten Raum alles, was in Kunst, Kultur und Literatur Rang und Namen hatte, versammelte, um der Feier zum neuesten Schachzug des ungekrönten Königs der Buchwirtschaft den passenden Rahmen zu verleihen. Für derartige Veranstaltungen musste Huldrych seinem calvinistischen Herzen stets einen Stoß versetzen, auch wenn er wusste, dass heutzutage das Sein das Bewusstsein prägt. Über die Lippen gekommen wäre ihm ein solches Bekenntnis zum dialektischen Materialismus nie. Stattdessen hielt er in makellosem Smoking mit einem Glas Champagner in der Hand in der Mitte des Raumes Hof. Kellner in Livree stellten sicher, dass er in Strömen floss.
In just diesem Moment schoss eine dunkelgraue, runde Kugel durch den Saal, die sich als Dr. Egon Ederschmid, von seinen Freunden zärtlich ›Meister Eder‹ genannt, entpuppte. Huldrych gelang es, sein Champagnerglas von der rechten in die linke Hand zu nehmen, bevor er vom Vorsitzenden des bayerischen Buchhandelsverbands kräftig durchgeschüttelt wurde.
»Was für ein Fest, mein lieber Huldrych! Was für ein Fest! Sie haben diesen Abend mehr als verdient.«
Huldrych lächelte ein schmales Lächeln. »Vielen Dank, Egon. Ich weiß deine Unterstützung zu schätzen« Er gab sich immer Mühe, bei Veranstaltungen Hochdeutsch zu sprechen, aber er konnte seine Kindheit im Aargau nie ganz verbergen.
»Dieser Empfang hat fast etwas Royales, wieso ist das Fernsehen nicht da?«
»Weißt du, mir ist die Privatsphäre meiner Gäste wichtig und außerdem denken die Leute dann, der Librorius verdient zu viel Geld.«
Dr. Ederschmid bemerkte die drei Buchblogger, die in einer dem Abend wenig angemessenen Garderobe den Saal betraten. Theophilus von Laberheim trug ein weinrotes Samtjackett zu einem weißen Hemd und einer lila Fliege, Plaudrian hatte sich in einen dunklen Anzug gezwängt, der schon bessere Zeiten gesehen hatte, und Liberschwafel trug einen Trachtenjanker zu einer speckig glänzenden Lederhose. Aufmerksamkeit hatte eben in der Literaturszene ihren Preis. »Musstest du diese Vögel einladen?«, raunte Dr. Ederschmid.
»Was willst du, Egon? Die Herren haben zwar nur ein paar hundert Follower, wie das heute heißt, aber sie werden wahrgenommen. Sie sind, auch wenn sie das stets abstreiten, Teil einer Marketingmaschine und für ein paar Glas Champagner und ein nettes Büffet habe ich sie auf meiner Seite.«
»So siehst du das?«
»Ach komm, wir müssen uns doch nichts vormachen. Du siehst es doch genauso.« Er trank einen Schluck Champagner.
»Aber die drei, Huldrych?«
»Warum nicht, sie bringen etwas Farbe herein. Entschuldige mich einen Moment.«
Eine Dame mit grau-violettem Haar, die ein schwarzes, raschelndes Seidenkleid mit Netzärmeln trug, unter deren Brüsten ein goldenes Pincenez baumelte und die einen schwarzen Pudel an der Leine führte, hatte den Saal betreten und blickte sich suchend um. Huldrych Librorius ging gemessenen Schrittes auf sie zu, während die Gäste, die mit der Münchner Buchszene nicht vertraut waren, sie verstört ansahen. Huldrych ergriff ihre rechte Hand, die in einem schwarzen Spitzenhandschuh steckte und deutete einen Handkuss an.
»Wie schön, dass Sie kommen konnten, Gundula.«
»Schön, dass Sie sich meiner erinnern, Sie größenwahnsinniger Aargauer.«
Gundula Hexenstaller hatte es nicht nötig, sich einen öffentlichkeitswirksamen Namen auszudenken. Sie hieß wirklich so. Eingeweihte Kreise nannten sie die Gundel Gaukelei der Münchner Buchhändler. Sie war Inhaberin eines alteingesessenen esoterischen Buchladens in der Türkenstraße und bei allen Kulturveranstaltungen stets in der ersten Reihe. Wenn man in München erst einmal bekannt genug war, erhielt man selbstverständlich Freikarten. In der Staatsoper hatte man sie schon in der ehemals königlichen Loge gesehen. Gundula kannte eben den Finanzminister.
Ein livrierter Herr tauchte neben Huldrych auf und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Genießen Sie den Abend, meine Liebe. Wir plaudern später weiter«, meinte er zu ihr.
Er wandte sich ab, durchmaß langsam den Raum, hier nickend, da eine Hand schüttelnd und blieb vor einigen Paravents stehen.
»Meine Damen und Herren, liebe Freunde. Es ist mir ein großes Vergnügen, Sie heute Abend hier zu begrüßen. Erfolg bedarf des Teilens und es ist mir ein Bedürfnis, den Erfolg unserer gemeinsamen Bemühungen um die Buchkultur in angemessenem Rahmen zu feiern. Das Buch ist nicht nur zurück in der Gesellschaft, es steht endlich wieder auf der großen Bühne. Greifen Sie zu, liebe Freunde.«
Bei diesen Worten trugen Bedienstete die Paravents zur Seite und gaben den Blick frei auf ein Büffet, das dem Geschmack des Hausherrn entsprach: Beinschinken im Teig, Luzerner Chügelipastetli, Spanferkel, Thurgauer Geflügelsalat, Innerschwyzer Fleischsalat, Schweinebraten mit Backpflaumen, Appenzeller Mostbröckli, Bündnerfleisch, Tessiner Salami und Zampone.
Die drei Buchblogger hatten sich strategisch so positioniert, dass sie unter den ersten am Buffet waren. Zurückhaltung galt bei den anderen Anwesenden ebenso wenig. Wieder einmal erwies sich Bert Brechts Bonmot ›Dummheit frisst, Intelligenz säuft‹ als falsch. Zumindest Kulturschaffende erfreuten sich an beidem.
»Das Herz im Leib dürfte dem alten Geizkragen zerspringen«, meinte Theophilus, als die drei mit voll beladenen Tellern einen Bistrotisch gekapert hatten.
Liberschwafel zuckte mit den Schultern. »Wieso? Er isst gerne, er trinkt gerne und er versteht sich auf Marketing.«
»Aber von Literatur hat er keine Ahnung!«
»Du vergisst, dass er den Librorius Verlag eigenhändig zu dem gemacht hat, was er heute ist.« Liberschwafel war Gastwirt und Brauer, hieß mit bürgerlichem Namen Georg Grundinger und verstand deutlich mehr vom Geschäft als seine zwei Kumpane.
***
Auch wenn das Buffet einiges auffuhr, was zu seinen Leibspeisen gehörte, hielt sich Huldrych Librorius vornehm zurück, wie es sich für einen Gastgeber gehört. Ein Kellner hatte ihm ein Glas Dôle aus dem Valais gebracht, als Caspar Kurt Casper neben ihm auftauchte. Fast überschlank und wie immer sonnengebräunt, trug der Feuilletonchef von Radio München an diesem Abend weißes Hemd und blauen Anzug, wie ihn jeder aufstrebende Manager im Moment trug. Seine nackten, aber ebenso gebräunten Füße steckten in schwarzen Monks. CKC, wie ihn Freund und Feind nannten, hielt ein Glas Champagner in der Hand und hatte sich noch nicht am Büffet bedient.
»Gratuliere zur Zweihundertfünfzigsten, Herr Librorius.«
»Danke. Sie sollten die Chügelipastetli probieren, Herr Casper.«
»Ich bin sicher, der Hausherr hat genügend bestellt. Ich habe da etwas läuten hören, dass Sie an der Buchpreisbindung sägen.«
»Sehen Sie hier eine Säge? Außerdem scheint mir das nicht der richtige Moment für ein Interview.«
»Das ist höchstens ein Hintergrundgespräch.«
»Sprechen Sie mit meiner Tochter, die ist für PR zuständig. Kommen Sie morgen zur Eröffnung?«
»Tut mir leid, da bin ich auf einem Symposium.« Er blickte sich suchend im Raum um und deutete dann auf einen zierlichen, jungen Mann mit einem rötlichen Struwwelkopf, dem ein dunkles Jackett um die Schultern schlotterte. Er stand etwas verloren an einem Tisch und stocherte auf seinem Teller herum. »Das ist Daniel Maier-Sanft, meine neueste Entdeckung. Kluger Junge, sehr belesen. Er wird morgen dabei sein.«
Huldrych wollte etwas antworten, als eine Dame mit einem reichlich beladenen Teller an ihren Tisch trat.
»Herr Librorius«, meinte sie mit einem Kopfnicken und fuhr zu Casper gewandt fort: »Auf der Jagd, CKC, oder ist das für die Kolumne ›Kultur trifft Kommerz‹?«
»Da könnte ich ja dich interviewen.«
Die hier so provozierend auftretende Dame hörte auf den Namen Elisabeth von Born und war alles andere als eine Revolutionärin, auch wenn sie sich ab und an gerne so gab. Sie besaß drei florierende Buchhandlungen im Süden von München, hatte gerade den dritten Ehemann in die Wüste geschickt und war als Sklaventreiberin berüchtigt. Ihre Mitarbeiterinnen – sie beschäftigte nur Frauen – sprachen von ›Bornout‹.
»Frau von Born«, meinte Huldrych und winkte einem Kellner, »trinken Sie ein Glas Dôle dazu.«
»Wie haben Sie es denn geschafft, dieses vermeintliche Juwel am Marienplatz dem anderen Kraken wegzuschnappen?«
»Ich vermute mit Schweizer Geschäftssinn«, beantwortete CKC die Frage.
»Wenn Sie das sagen, Herr Casper«, lächelte Huldrych.
Er hatte schlicht und ergreifend mehr bezahlt, außerdem kannte er den Besitzer der Immobilie.
»Dass Sie es wagen, das Wort Buchkultur in den Mund zu nehmen, fasziniert mich. In Ihren Läden geht es doch nur um den schnöden Mammon.«
»Und warum bezahlen Sie die Buchhändlerinnen in Ihren schöngeistigen Tempeln so mickrig?«
»Woher ... woher wollen Sie das wissen?«
»In den letzten Jahren sind einige zu uns gewechselt.«
»Ich muss auch leben.« Sie schob sich eine Gabel voll Fleischsalat in den Mund: »Sagen Sie mal, ist da etwas dran an dem Gerücht ...«
»Dazu sagt er nichts«, kommentierte CKC.
***
Auf den Tisch der drei Buchblogger fiel ein Schatten und als sie von ihren fast geleerten Tellern aufblickten, stand ein Riese im Smoking vor ihnen, der ein Halstuch in Regenbogenfarben trug.
»Na, ihr drei Pfeifen«, meinte der Riese, »schlagt ihr euch wieder mal auf anderer Leute Kosten den Bauch voll?«
Bertolt Bildric war 1,95 Meter groß und breitschultrig. Sein üppiges Haar wogte in Locken und ein Schnauzbart erinnerte an Jimmy Hendrix. Bildric war Verleger. Nicht irgendein Verleger, sonst hätte ihn Huldrych nicht eingeladen. Der Riese hatte vor einigen Jahren seine Großtante Amalie beerbt und begonnen, kleinere Verlage aufzukaufen. Er bezeichnete sich gerne als ›der Große unter vielen Kleinen‹, was ihm bei seinen Kolleginnen und Kollegen in der Branche keine große Beliebtheit eingetragen hatte.
»Hallo, Großmaul«, antwortete Liberschwafel, während seine beiden Kollegen rot anliefen. »Seit wann lädt dich denn der etablierte Buchhandel ein?«
Die Verlage Bertolt Bildrics, den seine Freundinnen liebevoll BeBi nannten, veröffentlichte überwiegend Schlüpfriges, was man in der Tat weniger in den behüteten Kulturtankstellen des deutschen Buchhandels fand.
»Huldrych hat eben Sinn für Humor«, grinste der Riese.
»Da steckt doch garantiert mehr dahinter«, brummte Theophilus von Laberheim. »Diese Großbuchhändler schrecken vor nichts zurück.«
»Nicht einmal vor euch.« Bildric grinste. »Habt ihr gehört, dass er die Buchpreisbindung torpedieren will?«
»Das schafft er nie«, meinte der dritte im Bunde, Plaudrian, der auf den bürgerlichen Namen Helmuth Wiesengrund hörte und im wirklichen Leben Hauptschülern den Gebrauch der deutschen und englischen Sprache beibrachte. Letztere beherrschte er allerdings selbst nicht sonderlich gut. »Die großen Verlage geben doch den Ton an.«
»Wenn du dich da mal nicht täuschst. Gundel weiß irgendetwas, jedenfalls ist sie stinksauer.«
Die drei Blogger sahen einander irritiert an, dann suchte Liberschwafel mit den Augen nach Gundula Hexenstaller und begann, nachdem er sie gefunden hatte, sich einen Weg zu ihr zu bahnen.
Bildric nahm sein Glas vom Tisch, zuckte mit den Schultern und nahm seine Runde durch die angeregt plaudernden Gäste wieder auf.
***
Bedienstete hatten die hohen Türen auf den Balkon geöffnet und die kühle Nachtluft begann durch den Raum zu wehen. Huldrych stellte sein Glas auf einem unbesetzten Tisch ab und betrat den breiten Steinbalkon, von dem aus man das Loisachtal überblickte.
»Bist du glücklich?«, fragte Silvia Delgardis, die hinter ihn getreten war. Er erkannte ihre Stimme, drehte sich um und blickte ihr in die Augen.
»Was ist schon Glück.«
»Eine Griessuppe, eine Schlafstelle?«
Er lächelte. »Eher ein Glas Dôle und Chügelipastetli.« Er drehte sich wieder um, blickte über das Tal und nahm ihren Duft wahr, als sie neben ihn trat.
»Es ist immer wieder schön hier mit dir zu stehen«, meinte sie.
Er nickte nachdenklich. »Das ist heute mehr Pflicht als Kür, weißt du. Natürlich freue ich mich über den geschäftlichen Erfolg, aber wir werden ihn, wenn der Sturm vorüber ist, zusammen etwas stiller feiern.«
Sie schmiegte sich an ihn.
»Ich sollte da wieder rein. Die ersten scheinen zu gehen.« Damit strich er ihr leicht über die Schulter und betrat erneut den großen Saal.
Samstag
Er konnte nicht anders. Seine innere Uhr klingelte seit mindestens fünfzig Jahren um sechs. Heutzutage rekelte er sich gerne zehn weitere Minuten im Bett, bevor er die Beine heraus schwang und in die alten Pantoffeln schlüpfte. Seine Tochter hatte ihm ein neues Paar geschenkt. Vor ein paar Jahren. Zu Weihnachten. Er hatte sich bedankt und die Schuhe ignoriert.
Zwanzig nach sechs durchmaß er langsam den Gang vom Südflügel des Schlosses zu den Räumlichkeiten, in denen er gestern die Gäste empfangen hatte. Die Gespräche hatten ihn amüsiert. Die meisten, die sich in diesem Gewerbe bewegten, hatten keine Ahnung. Letztlich ging es nur um Geld. Ausschließlich wenn man genug davon verdiente, konnte man es sich leisten, unbekannte Autoren, die etwas zu sagen hatten, in das Programm zu nehmen und zu fördern. Nur wenn man als Buchhändler groß genug war, konnte man vernünftige Rabatte mit den Verlagen aushandeln.
Er öffnete den rechten Flügel der Türen in den Saal, um den anbrechenden Morgen auf dem großen Balkon zu genießen. Die dienstbaren Geister hatten getan, wofür sie bezahlt wurden. Der Raum war gelüftet, nur ein Hauch von Zigarrenrauch hing in der Luft. Auf einem Tisch stand noch die Schüssel mit Orangen und die Orangenpresse. Er fragte sich, ob seine Tochter, die seine Vorliebe für einen frühen Orangensaft kannte, das angeordnet hatte. Egal. Es war ein guter Beginn für diesen Samstag. Er presste sich zwei Orangen in ein Glas, fügte aus der Kühlbox einen Eiswürfel hinzu und betrat den Balkon, auf dem er gestern mit Silvia gestanden hatte. Silvia. Die letzten drei Jahre hatte er so nicht geplant. Sein ganzes Leben, zumindest der erwachsene Teil davon, war geplant gewesen. Silvia hatte ihn aus heiterem Himmel getroffen. Er atmete die kühle Luft des frühen Morgens tief ein, ließ seinen Blick über das Loisachtal schweifen, schwenkte den Eiswürfel in seinem Glas und leerte es in drei langen Zügen.
Zwei Minuten später war er tot.
Maria Dössegger betrat kurz nach sieben den Saal. Auf dem Tablett, das sie in der Hand hielt, befand sich eine gefüllte Teekanne, ein Kännchen Milch und eine große Tasse. Sie stand seit über 25 Jahre im Dienst von Huldrych Librorius und kannte seine Gewohnheiten besser als er selbst. Nach einem Glas Orangensaft und einem morgendlichen Spaziergang waren es zwei große Tassen Tee mit Milch, die ihr Arbeitgeber zu sich nahm. Als sie Huldrych auf der Terrasse liegen sah, stellte sie das Tablett auf dem Tisch neben der Schale mit den Orangen ab und ging unsicheren Schrittes auf ihn zu. Hysterie war nie Teil des Aarauer Charakters gewesen. Sie ging in die Knie, fühlte seinen Puls, schloss die Augen in seinem verzerrten Gesicht und strich ihm über die kalte Stirn. Sie war immer der Meinung gewesen, dass ihr Chef sich zu viel zumutete, dass er zu viel wollte, dass seine Kinder ...
Huldrych war tot. Es war offensichtlich. Der Mann, den sie seit einem Vierteljahrhundert bewundert, sogar geliebt hatte, war nicht mehr. Sie holte tief Luft, ließ seine Hand sinken, verließ den Saal und wählte auf dem nächsten Telefon die 112.
»Ich habe gerade Huldrych Librorius tot auf dem Balkon gefunden.«
»Und Sie sind?«, wollte die anonyme Stimme wissen.
»Maria Dössegger.«
»Von wo rufen Sie an?«
»Von Schloss Iringsburg. Ich bin die Hausdame.«
»Und der Mann ist tot?«
»Er fühlt sich kalt an.«
»Wir schicken Ihnen den Notarzt und die Polizei.«
***
Anderthalb Stunden später fuhr ein taubenblauer BMW 2002 tii auf den Hof. Ihm entstieg ein kaum 1,65 Meter großer Mann, um dessen Knie ein Trenchcoat schlotterte und in dessen linkem Mundwinkel ein kalter Zigarrenstummel hing. Kriminalhauptkommissar Louis Lukaschonsky betrat mit gewohnter Lässigkeit den vermeintlichen Tatort. Hinter ihm verließ Dackel Waldemar den Wagen, der im Präsidium so lange gebellt hatte, bis er ihn mitgenommen hatte. Lukaschonsky hatte sich mit Mitte zwanzig entschlossen, Recht und Gesetz zu mehr Achtung zu verhelfen und die Polizeischule besucht. Dank eines ausgeprägten Talents zur Selbstdarstellung hatte er es bis zum Hauptkommissar gebracht. Seine beachtlichen Ermittlungserfolge verdankte er weniger seinen kriminalistischen Fähigkeiten als jenem langbeinigen Wesen, das gerade die Treppe herunterkam. Kriminaloberkommissarin Jana Vecera zeichnete sich nicht nur durch ihr langes, blondes Haar und Körbchengröße D aus, sie überragte ihren Chef auch um Haupteslänge und besaß mehr Grips als er und Waldemar zusammen.
»Jana, was haben wir denn hier Schönes?«, fragte Lukaschonsky, während Waldemar um ihre Beine strich und um eine Streicheleinheit bettelte, was sein Herrchen höchstens nach dem dritten Bier versuchte und sich bisher immer eine Abfuhr eingehandelt hatte.
»Der Notarzt geht von einem Herzinfarkt aus, die Haushälterin ebenso, die Tochter hat einen Nervenzusammenbruch und der Sohn ist verkatert.«
»Das heißt, ich kann wieder fahren? Was soll denn das? Warum lassen Sie mich in aller Herrgottsfrüh hier herauskurven?«
Sie lächelte und blickte ihren Chef, dessen Wangen sich gerötet hatten, von oben an. »Ich habe nicht nur Sie, sondern auch unsere Spurensicherung und Doktor Goldstein verständigt.«
In diesem Moment fuhr der graue Kombi der Kriminaltechniker auf den Hof, gefolgt von einem dunkelgrünen Jaguar, dem ein älterer, elegant gekleideter Herr entstieg, der eine altmodische Doktortasche vom Rücksitz nahm und zu ihnen hinüber schlenderte.
»Jana, was soll der Auftrieb, wenn der Mann an einem Herzinfarkt gestorben ist?« Lukaschonsky war laut geworden.
Doktor Goldstein war bei ihnen angelangt und blickte Jana durch seine goldumrandete Brille an. »Herzinfarkt?«
»Guten Morgen, Herr Doktor«, antwortete Jana. »Das ist die Meinung Ihres anwesenden Kollegen.«
»Und Sie sind wieder einmal anderer Meinung?«
»Sie kennen doch meine Meinung zu niedergelassenen Ärzten und Forensik.«
Der Arzt, der ihre Meinung offenbar teilte, sah sie auffordernd an.
»Im Gegensatz zu Herrn Lukaschonsky hatte ich die Gelegenheit, den Schauplatz des vermeintlichen Herzinfarkts unter die Lupe zu nehmen und den Toten einer kurzen Betrachtung zu unterziehen.«
Sie sagte ›Betrachtung‹, denn sie wusste, dass Goldstein auf das Wort ›Untersuchung‹ allergisch reagierte. Das war sein ärztliches Vorrecht.
»Und was ist dabei herausgekommen?
