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Joanne ist eine ganz normale Zehnjährige. Bis zu dem Tag, als ihr ein Gaukler im Stadtpark ein altes, in Leder gebundenes Buch schenkt. Von nun an ist alles anders. Als sie einschläft an diesem Abend fängt sie an das Buch zu träumen. Die letzte der Reinen Prinzessinnen ist sie, eine Zauberin, die ihr Handwerk allerdings zunächst erst einmal lernen muss. Doch dafür bleibt nicht viel Zeit, muss sie doch der guten Hexe Elline gegen die böse Xebalia helfen. Das Buch der Zaubersprüche muss sie dafür suchen. Aber auch die Gegenseite hat ihre Helfer und auch diese können in beiden Welten agieren. Das geschenkte Buch droht gestohlen zu werden. Wenn das geschieht kann Joanne nicht wieder aufwachen. Da ist es verdammt gut, wenn man sich auf seine beste Freundin Babs verlassen kann…Joanne ist eine ganz normale Zehnjährige. Bis zu dem Tag, als ihr ein Gaukler im Stadtpark ein altes, in Leder gebundenes Buch schenkt. Von nun an ist alles anders. Als sie einschläft an diesem Abend fängt sie an das Buch zu träumen. Die letzte der Reinen Prinzessinnen ist sie, eine Zauberin, die ihr Handwerk allerdings zunächst erst einmal lernen muss. Doch dafür bleibt nicht viel Zeit, muss sie doch der guten Hexe Elline gegen die böse Xebalia helfen. Das Buch der Geschichte muss sie dafür suchen. Aber auch die Gegenseite hat ihre Helfer und auch diese können in beiden Welten agieren. Das geschenkte Buch droht gestohlen zu werden. Wenn das geschieht kann Joanne nicht wieder aufwachen. Da ist es verdammt gut, wenn man sich auf seine beste Freundin Babs verlassen kann…
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Christian Knopp
Die Hexenchroniken
Eine Prinzessin erwacht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Ein Zauberer im Stadtpark
Die Prinzessin erwacht
Zickenalarm auf dem Reiterhof
Kann ein Traum wehtun?
Versammlung auf Nordlicht
Was ist eine Prinzessin?
Babs muss helfen
Ein Auftrag für die Prinzessin
Babs wird informiert
Aufbruch
Was ist Traum, was Wirklichkeit?
Hindernisse
Die Brücke über die Schlucht
Begegnung im Wald
Das Land der Glücklichen
Die Insel im großen See – Teil I
Babs passt auf
Die Insel im großen See – Teil II
Die Rückkehr der „Ollen Furie“
Babs auf gefährlicher Spur
Flucht von der großen Insel
Babs in höchster Not
Der Flug auf Kroll
Joanne kann wirklich zaubern
Joanne schläft und wacht auf
Die letzte der Reinen Prinzessinnen in beiden Welten
Joanne will träumen
Der Kampf um Engelspforte
Joanne gibt nicht auf
Ein magischer Ort
Die Macht der Reinen Prinzessin
In der Rabenhöhle
Das Siegesfest
Epilog
Impressum neobooks
Grollend rollte der Donner aus, vermischte sich mit dem Geräusch des strömenden Regens.
Der nächste Blitz riss einen zerklüfteten Berg aus der finsteren Nacht, ließ eine dunkle, drohende Burg darauf sehen. Ein einzelnes Licht drang aus einem der oberen Turmfenster.
Fast mit dem Blitz zusammen fiel der Donner. Genau über der Burg wütete das Gewitter, wahre Sinnfluten fielen aus den tiefschwarzen Wolken. Sturm trieb den Regen beinahe waagerecht durch die Luft.
In den Mauern der Burg tobte unterdessen eine Schlacht wie am Himmel. Im Handstreich genommen war die Burg worden. Aus der Dunkelheit riss der nächste Blitz eine mit hoch erhobenem Schwert mitten auf dem Burghof stehende Gestalt. Vom Sturm weggerissen wurden die Worte des Anführers der Eindringlinge. Doch deutlich genug waren sein Zeichen mit dem Schwert. In den Turm, hinauf zu dem Licht, das war ihr Ziel.
Weit in den Nacken legte der Anführer seinen Kopf, brannten seine Augen sich an dem einsamen Licht in der Dunkelheit fest. Ein Schatten verdunkelte es, für einen Augenblick vermeinte er das Brausen von Schwingen durch den Lärm des Unwetters zu vernehmen.
Mühelos rannten die Eindringlinge die Tür zum Turm ein. Drei Verteidiger stellten sich ihnen mutig. Hinweg gefegt wurde ihr Wiederstand vom Anführer. Edel waren dessen Züge, zeugten von dessen hoher Herkunft. Verzerrt waren sie jedoch. Nichts als Wut und grenzenlosen Hass sah man dort.
Nach rechts wandte sich der Anführer. Ungerührt vom nun stetig stärker aufbrausenden Kampflärm hinter sich stürmte er die gewundene Treppe zum Turm hinauf. Auf einem Podest erwartete ihn ein alter Krieger. Unvollständig war dessen Kleidung, das Kettenhemd fehlte, Schwert und Gurt hatte er in der Linken. Erst im letzten Moment gelang es dem Alten die Waffe zu ziehen.
Beiseite gefegt wurde sie vom hoch aufgeschossenen Angreifer, prallte klirrend gegen die Mauer. Blonde Locken quollen unter dem Helm hervor. Kaum zu zügeln war der Hass, brennenden Feuern glichen die Augen.
„Wo ist er? Wo ist Gelm, der Wurm?“
„Dafür werdet Ihr büßen. Ihr…“
„Schweigt, Graf Gaalen. Sagt mir nur, wo ich ihn finde, den Wurm, damit ich ihn zertreten kann.“
„Er ist nicht hier, Prinz Julien“, schrie der alte Graf zurück. „Das sagte ich Euch bereits…“
„Das ist eine Lüge“, donnerte der mit Prinz Julien angesprochene zurück. „Beiseite, Graf.“ Eine Handbewegung schleuderte den alten Mann gegen die Gangmauer. Eine Bank als Hilfe benutzend schlug der Anführer der Eindringlinge die Tür zu einer Kammer ein, welche der Graf zuvor mit seinem Körper zu schützen versucht. Sofort stürmte der Anführer der Eindringlinge hindurch.
Die Kamer war leer. In einer Ecke lagen allerlei Unrat, dunkle Tücher, zerbrochenes Holz und dergleichen mehr. Rechts und links waren in Bauchhöhe Bretter an der Wand, helle Kerzen brannten darauf. Das war das Licht, welches sie von draußen gesehen. Doch was immer die Kerzen beleuchtet war jetzt zerstört.
Woran Prinz Julien allerdings ohnehin kein Interesse hegte. Rasch durchsuchte er den Raum. Und fand, wonach er gesucht. Wie von Geisterhand tat sich neben dem Kamin ein geheimer Gang auf.
„Wo endet der Gang?“ rief er laut zu dem Alten, der inzwischen von zwei seiner verängstigten Diener flankiert wurde.
„Ich werde…“ Das drohend erhobene Schwert schnitt dem Grafen die Worte ab. Mehr jedoch noch sagte dem ein Blick in das Gesicht seines Gegenübers, keinerlei weitere Verzögerungen würde der dulden.
„Er…er endet in dem kleinen Wald am westlichen Fuß des Hügels.“ Gebrochen war die Stimme des Grafen. Ein solcher Hass brannte in den Augen seines Gegenübers, nichts würde diesen stoppen. „Was werft Ihr ihm vor, Prinz?“ straffte sich die Gestalt dann aber erneut.
Der Angesprochene blieb ihm eine Antwort schuldig. Stattdessen deutete er stumm auf zwei seiner Männer ihm zu folgen. „Blockiert die Tür hier“, befahl er dem Rest. „Wir treffen uns im Wald. Schnell:“
Ohne ein weiteres Wort verschwand er eine neben dem Eingang hängende Fackel greifend im Gang. Eine enge Treppe führte nach unten. Kaum breiter als ein ausgewachsener Mann war sie. Schier endlos wand sich die Wendeltreppe hinab. Schließlich, als er schon fast geglaubt sie würde nie aufhören erreichte er deren Ende. Ein kaum breiterer Gang schloss sich an. Nicht lang war der, recht bald sah er die zuckenden Blitze am offenen Ende. Ein Felsen hatte dessen Ausgang ursprünglich verschlossen, war jetzt beiseite gerollt.
In den nachlassenden Regen hinaustretend verließ Prinz Julien den muffigen Gang. Er befand sich jetzt auf einer kleinen Lichtung. Langsam zog das Gewitter ab. In einem der seltener gewordenen Blitze sah er die Burg dunkel oben auf dem Hügel liegen. Die Lichtung war leer. Am südlichen Ende, wo die Äste zweier großer Eichen ein dichtes Dach bildeten, fand der Anführer der Eindringlinge die Spuren von Pferden. Mindestens zwei Pferden. Jemand hatte hier auf den Elenden gewartet, dachte er mit neu aufsteigendem Hass.
Ein unmenschlicher Schrei entrang sich seiner Brust, mit ungeheurer Kraft hieb er sein Schwert in den Stamm einer Eiche. Gelm war ihnen entkommen.
„Joanne, komm bitte.“
Keine Reaktion
„Joaaaannnee!“ Ein lauterer Ruf.
Keine Antwort.
„Joa…“
„Ich komme, Mama.“ Eine helle Kinderstimme klang durch den Hausflur.
„Joanne, wir müssen los. Beeil dich!“ Der Stimme ihrer Mutter war deutlich die Verzweiflung anzuhören.
„Mami, die neue Reithose ist so süß“, kam die Zehnjährige langsam in die Diele geschlendert. Sich vor den bis auf den Boden reichenden Spiegel stellend drehte sie sich verzück, studierte ihr Aussehen intensiv im Spiegel.
„Ja, ja…die bei Meyer & Bolte wissen, was sie verkaufen…“ Die Stimme von Joannes Mutter verlor sich. Mit gefurchter Stirn blickte sie auf das Display ihres Handys. „Zieh dir eine Jacke an, Schatz“, murmelte sie abwesend. „Wir müssen los, ich…du…, verdammt…“
„Mama, es ist dreißig Grad draußen. Ich…“
„Wie? Was...? 30 Grad? Ja, natürlich…ich, also, pass auf, Joanne, Schatz. Du wirst heute eine Doppelstunde Reiten, okay?“
„Oh ja!“ rief die Zehnjährige begeistert.
„Ich ruf gleich Petra, deine Reitlehrerin an. Doppelter Tarif, dann sollte das gehen… Ich, sag mal, wie siehst du eigentlich aus?“ Zum ersten Mal hob Joannes Mutter den Kopf vom Handydisplay, sah ihre Tochter an. „Du hast jetzt gleich singen, Jo. Es ist 30 Grad draußen, in der dicken Reithose schwitzt du dich tot.“ Sie schüttelte den Kopf. „Komm, zieh das aus. Ich pack die Hose in die Reittasche, jetzt ist Rock angesagt. Sonst krieg ich dich doch kaum raus aus den Dingern. Los jetzt, wir haben nicht mehr viel Zeit. Ausziehen und hol den Rock.“ Wohl wissend, Joanne konnte nicht gleichzeitig beide ihre Anweisungen befolgen ließ sie das Handy auf die Schuhkommode fallen, eilte sie zum Badezimmer den Rock zu holen.
Joanne blieb im Flur zurück. Mit ihren zehn Jahren hatte sie zwar noch so manche Probleme beim Lesen, doch für die WhatsApp ihrer Mutter reichte es meist. Reithose oder Rock waren dagegen uninteressant.
„So, hier haben wir ihn…“, kehrte ihre Mutter zurück. „Joanne, du hast die Hose ja immer noch an. Los jetzt, beeil dich.“
Ohne große Eile streifte Joanne die Hose ab, ließ sie achtlos auf links gezogen auf dem Boden liegen.
„Joanne, du…ja, Elisabeth Richter hier“, Joannes Mutter hatte ihr Handy mühsam mit der Schulter eingeklemmt während sie nach der Reithose angelte, „ja...Tschuldigung, ich rufe gleich nochmal an…ja..., bis gleich…Tschüss.“ Sie lächelte breit ins Telefon das ihr gleich darauf entgleitend polternd auf dem Boden landete. „Joanne, los, mach jetzt“, fauchte sie ihrer Tochter den Rock reichend. Eine kurze Prüfung ergab die weitere Funktionsfähigkeit des Handys. Das keine drei Sekunden später auch wieder am Ohr war. „Ja, Angelo? Ja? Lisbeth hier...ja…, was...? Ja, ja, also, Marie hat einen Termin für mich abgemacht…in zwanzig Minuten, ja…ja, ich bin da…, ja…ja, mit Nägeln. Und Strähnen...ja…bis gleich…“
„Mama, was sind „sefr“?“ Diese Nachrichten bestanden aus unendlich vielen Abkürzungen. Joanne kannte sehr viele, „DK“ stand beispielsweise für dumme Kuh, „sefr“ schien allerdings neu zu sein.
„Das sind Se…äh Fransen, Schatz, Fransen. In den Haaren, weißt du?“
„Ja, Fransen kenne ich, Mama. Und das „se“?“
„Steht für…sag mal, liest du meine Nachrichten?“
„Aber Mama.“
„Ich...ach, vergiss es. Also, hier ist dein neuer Nachmittag, Schatz.“ Klick, das breite Lächeln wie vorhin am Telefon war wieder da. „Jetzt singen, wie gehabt. Ich ruf gleich ein Taxi an, das bringt dich und Babs von dort zum Reiten. Ich buch bei Petra ´ne Doppelstunde für euch beide, die zahlt auch eben das Taxi. Und um sechs komme ich euch abholen. Zufrieden?“
Joanne verzog das Gesicht.
„Wie wäre es mit anschließend einem riesen Eis?“
„Ute hat die neuen Reitstiefel, die mit den Schnallen. Die sehen so super aus, Mama.“
„Deine sind nagelneu, Joanne.“
„Ja, aber hast du die gesehen?“
„Du willst doch nicht die gleichen Stiefel tragen wie Ute?“ wechselte Joannes Mama die Taktik.
„Nein, Mama, natürlich nicht. Aber die haben solche Stiefel mit echten Westernbildern bei…bei diesem Western Reit Geschäft. Die sind sooo toll. Bitte!“
„Okay…okay, also gut, machen wir anschließend. Jetzt aber ab ins Auto mit dir.“
Breit grinsend eilte Joanne hinaus die Reittasche geflissentlich ignorierend. Wenn Angelos Schönheitssalon bei ihrer Mutter angesagt war bekam man was man wollte. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
Gegen zehn nach sechs rollte die E-Klasse von Joannes Vater auf den staubigen Platz des Pferdehofes. Weder sie noch Babs hatten ernsthaft damit gerechnet, Joannes Mutter würde pünktlich sein. Dass stattdessen allerdings ihr Vater kam, das hatten sie nun wirklich nicht erwartet.
„Papi, hallo“, schrie Joanne laut auf ihren Vater zu rennend kaum, dass dieser angehalten.
„Hey, halt, nicht umbringen“, wehrte der lachend ab, fing seine Tochter aber dennoch auf.
„Was machst du denn schon zu Hause?“
„Glück, manchmal muss man halt auch das haben“, lächelte Mark Richter breit.
„Hast du nur viel zu selten“, knuddelte Joanne ihren Vater weiter. Der war Vertreter für Werkzeugmaschinen, Chef des Rudels, wie er es selbst meist nannte und jede Woche unterwegs.
„Hallo Mark“, kam nun auch Babs zu ihnen.
Joannes Vater nahm den beiden ihre Reitkappen und den restlichen Kram ab, warf ihn hinten in den Kombi. „Los hinein mit euch“, kommandierte er fröhlich die hinteren Türen öffnend. „Toni wartet schon, hab extra den besten Platz reserviert.“
„Aber Papa, hat Mama nichts gesagt: ich will die Stiefel!“ Joanne, eben noch fröhlich trat wütend gegen den Beifahrersitz.
„Hey, aufhören, junge Frau, ja?“ kam der scharfe Kommentar ihres Vaters. Und dann wesentlich freundlicher: „Natürlich hat mich Mama informiert. Ich hielt es dennoch für eine bessere Idee, erst das Eis zu nehmen.
„Papa…“
„Joanne, die Stiefel laufen nicht weg. Mutter Sonne schon, die geht irgendwann unter. Und nun Schluss, ich freu mich schon auf Toni. Erzählt mal lieber wie war das Reiten? Wow, Doppelstunde!“
Während Joanne sich noch mehr dem Schmollen hingab fing ihre Freundin an zu erzählen. Mark Richter wusste, Joanne würde bald mitmachen. Eis essen, jetzt als erstes, war einfach die bessere Idee. Denn Stiefel kaufen war für Barbara, Joannes Freundin, reichlich langweilig. Das konnte man später noch machen. Lisbeth hatte es ihm erzählt, als er anrief. Sie habe das mit den Stiefeln versprochen. Da er seine Frau bei Angelos erreichte wusste Mark, sie hätte dem Mädchen auch eine Motoryacht samt Besatzung zugesichert, wenn diese sie nur bei dem Termin ungestört ließ.
Tonis Eisdiele befand sich mitten im Zentrum von Neustadt. Und dennoch im Grünen. Das lag daran, sie grenzte direkt an den städtischen Park. Bei solchem Postkartenwetter wie in den letzten Wochen natürlich ideal. Die Schlange vor dem Tresen war meterlang, alle Tische belegt. Ohne Marks ebenso geniale wie einfache Idee mit dem Reservieren hätten sie keine Chance auf einen Platz gehabt. So hatten sie seinen Lieblingsplatz bekommen. Am Rande der Terrasse zum Stadtpark. Mitten drin und doch nicht genervt, denn kein Durchgangsverkehr der Kellner oder anderer Gäste, Schatten von den Bäumen, Paradies, genau hier bist du.
Die beiden Mädchen hatten die Spezialität des Hauses genommen. Ein riesiger Becher mit sechs Kugeln nach eigener Wahl, gezuckerte Früchte und oben drauf Sahne. Das sah mindestens so gut aus wie es schmeckte, war bestens geeignet alle womöglich vorhandene schlechte Laune im Keim zu ersticken. Mark hatte sich nicht geirrt, seine Tochter schaufelte mit sichtlichem Genuss das Eis in sich rein, Stiefel konnten warten. Er selbst hatte es bei der kleinen Ausgabe belassen, löffelte diese allerdings mit nicht weniger Genuss. Dabei ließ er seine Blicke ziellos umherschweifen. Die Straße vor dem Eiskaffee war voll mit sommerlich gekleideten Leuten, im Park zu seiner rechten war der Rasen mit Sonnenanbetern übersät.
Nicht allzu weit von ihrem Platz entfernt, auf einem etwas größeren gepflasterten Areal am Rande des Parks führte ein Zauberer seine Kunststücke auf. Auf ihrem Platz saßen sie etwas höher, konnten dem Geschehen bestens folgen. Der Mann war gerade beim Jonglieren, fünf Bälle, er machte das fantastisch. Mark wies die beiden Mädchen auf den Gaukler hin, mit gemischtem Erfolg. Babs war sofort fasziniert, Joanne schaute eher gelangweilt. Was unfair war denn der Mann gab sich wirklich Mühe. Die Bälle waren verschwunden, nun war Diabolo dran. Das waren zwei Stöcke mit einer Schnur dazwischen auf der man etwas rotieren ließ was wie ein doppelter Eierbecher aussah. Hochwerfen, fangen und dabei mit dem Publikum Scherze treiben, der Mann war fantastisch. Alles sah völlig mühelos aus. Hätte er noch mehr Hände besessen, wahrscheinlich wäre ohne weiteres auch noch das Leeren einer Eisschale möglich gewesen.
Mit einem letzten großen Schwung warf der Gaukler das Diabolo in die Höhe, fing es hinter seinem Rücken auf. Dann folgte eine tiefe Verbeugung. Begeistert klatschte die Menge Beifall. Auch Mark beteiligte sich daran. Sich wieder dem Eisbecher zuwendet sah er gerade noch aus den Augenwinkeln wie der Mann nun eine Fackel anzündete. Seine Aufmerksamkeit wurde von Toni abgelenkt. Sie hatten bereits ein Vermögen bei ihm gelassen, persönlicher Service gehörte einfach dazu. Toni war erstaunt Mark bereits an einem Donnerstag zu sehen, nach der Erklärung folgte das Lob auf das wie stets ausgezeichnete Eis. Eine Hymne, an der sich auch Babs beteiligte. Das Joanne schwieg fiel erst nicht auf, doch als Toni breit lächelnd wieder verschwand sah Mark doch zum Stuhl seiner Tochter hinüber. Den leer zu finden verwunderte ihn sehr. Er folgte Babs Blick. Und war gleich darauf ebenso fasziniert wie sie.
Der Zauberer hatte angefangen mit Feuer zu spielen. Mark konnte sich vage erinnern etwas Ähnliches bereits einmal im Fernsehen gesehen zu haben. Mit Sicherheit noch nie bei einem Gaukler unter freiem Himmel. In diesem Rahmen wurde mit brennenden Stöcken jongliert, Feuer gespukt und derartige Sachen vorgeführt. Dieser Mann jedoch ließ das Feuer tanzen. Zwei kleine Flammen brannten auf jeder seiner Handflächen. Er ließ sie dort rotieren und hüpfen, den Arm empor wandern, eine über seinen Rücken kriechen, so dass mit einem Mal beide auf einer Seite waren. So sehr Mark sich auch bemühte, er konnte nicht erkennen, wie die Flammen am Leben erhalten wurden.
Sein Erstaunen sollte allerdings noch gesteigert werden. Der Mann hatte sich Hilfe aus dem Publikum geholt. Und zwar niemanden anders als Joanne. Ohne auch nur die Spur Unsicherheit zu zeigen stand Joanne neben ihm. Allerdings auch ohne die Spur eines Lächelns im Gesicht. Der Mann ging in die Knie, lächelte das Kind freundlich an. Mark konnte ihn murmeln hören, wahrscheinlich etwas wie „hab keine Angst, dir passiert nichts“, verstehen konnte er es nicht. Aber sehen, was auch alle anderen sahen. Der Zauberer ließ eine Flamme von seiner Hand auf Joannes wandern. Diese zuckte nur kurz, dann blickte sie nur noch starr auf die Flamme. Wieder murmelte der Mann etwas, Joanne fing an ihre Hand mit der Flamme zu bewegen. Zuerst unbeholfen, fast wäre die Flamme heruntergefallen. Schnell griff der Gaukler zu, erneutes Gemurmel. Nun bewegte sie die Hand langsamer. Ähnlich wie der Mann vor ihr. Und nun funktionierte es. Die Flamme begann zu tanzen, kreisen, und als sie die Hand ruckartig nach oben hob hüpfte sie kurz in die Luft. Das Lächeln erschien wie hin gemalt auf Joannes Gesicht. Auf die Aufforderung des Mannes hin sah sie ihm noch einmal zu, wie er die Flamme über die Schulter auf die andere Seite wandern ließ, folgte scheinbar mühelos dem Beispiel. „das kitzelt“, vernahm Mark undeutlich ihre Stimme.
Noch breiter lächelnd nahm der Zauberer Joanne die Flamme wieder ab. Sie beide in die Linke nehmend stülpte er die Rechte drüber, schloss unvermittelt die Hände nur um sie gleich darauf leer und unverbrannt ins Publikum zu halten. Joanne Beifall klatschend verneigte er sich mehrmals tief. Dann bat er das Publikum um Ruhe, bedankte sich überschwänglich bei seiner vorübergehenden Assistentin. „Du warst großartig, noch einmal einen riesen Applaus für die junge, mutige Dame bitte“, rief er fröhlich zu den Menschen. „Na, wollen doch mal sehen, ob wir nicht etwas für dich haben.“ Er kramte in seinem kleinen Bollerwagen herum, auf dem alle seine Utensilien verstaut waren. Schließlich zog er ein Buch hervor. „Hier, hier junge Dame, ich glaube das könnte was für Euch sein. Wer so mutig ist, der hat auch solch ein tolles Geschenk verdient. Mögt Ihr Pferde?“
„Ja, sehr“, lächelte Joanne zurück. Mark konnte sehen, wie ihre Wangen vor Freude brannten. Na bitte, dachte er, Toni war die richtige Entscheidung gewesen.
„Gut, hier sind jeeeede Menge drinnen“, reichte ihr der Zauberer das Buch. „Und auch Ritter, schöne Burgfräuleins und noch viel mehr großartige Sachen.“ Er zögerte kurz, schien Joanne zu fixieren. „Applaus, bitte noch einen Applaus für unsere Flammenkönigin“, rief er dann.
„Wow, das hast du toll gemacht“, rief ihr Babs entgegen als Joanne zum Tisch zurückkam. „Tat das nicht weh?“
„Ne, ne, hat nur irgendwie gekitzelt“, lachte Joanne aufgekratzt zurück.
„Wow, das hätte ich auch gerne versucht.“ Neidisch sah Babs ihre Freundin an. „Ob er mich auch mal lässt?“
„Da wirst du leider aufs nächste Mal warten müssen“, mischte sich Mark freundlich ein. „Das war seine letzte Nummer, er packt zusammen.“
„Och, schade“, sagte Babs enttäuscht.
„Zeig mal was du dahast“, griff Mark nach dem Buch. Es war schwer, in echtes Leder eingebunden, glaubte er zu erkennen. Reich verziert war der Einband, zeigte einen dunklen Wald, davor eine kleine, gebückte, sehr alte Frau. Links von der Frau saß ein junges Mädchen in einem leichten, weißen Kleid auf einem großen braunen Pferd. Ein kleines Bündel, wahrscheinlich ein Baby, war in ihrem Arm. Auf der anderen Seite der Alten war vom Zeichner ein Ritter gestellt worden. Groß und blond in schillernder Rüstung und drei Adlern auf dem Waffenrock darüber. Das ist mit Sicherheit der Königssohn dachte Mark leicht lächelnd. Und dort links im Hintergrund neben dem dunklen Wald, das sollte seine Burg sein, schmunzelte er weiter. „Das Königreich“ stand in verschnörkelter Schrift quer über den Einband. „Na, da hast du ja einen Schmöker bekommen. Nur nicht das Lesen vergessen“, meinte er belustigt wohl wissend, Joanne zog das Fernsehen und Filme vor.
„Ja, Papa, ja, ganz bestimmt“, glühte sie im Moment allerdings noch. Eifrig schlug sie mit Babs die ersten Seiten auf. Sofort waren die beiden Mädchen in eine Diskussion über Pferde verwickelt. Und Mark wunderte sich, wie schnell der Zauberer verschwunden war. Schon war nichts mehr von ihm auf dem Platz zu sehen. Aufgelöst wie ein Geist, dachte er schmunzelnd.
Manchmal sind wir der Wahrheit am nächsten, wenn wir am wenigsten damit rechnen.
„Hallo junge Frau, ich glaube es wird Zeit.“
„Ja, Papa, ja…gleich.“ Joanne hob den Kopf nicht um einen Zentimeter.
„Joanne, es ist nach acht. Du hast Schule morgen. Ab mit dir ins Bett.“ Mark trat neben seine Tochter.
Die auf ihrem Bett saß und ihn immer noch nach Kräften ignorierte. Sie war in Gitarre üben vertieft. Mit einer Verbissenheit die an Besessenheit erinnerte. Mark blieb stehen und beobachtete sie lächelnd. Er hatte mal, eigentlich mehr im Scherz gesagt, das wäre es doch, mit dem Pferd ausreiten, dann abends schön am Lagerfeuer sitzen und Gitarre spielen. Alte Country Lieder singen, jemand erzählt Spukgeschichten, so richtig schön zum Gruseln und wohl fühlen. Tja, es sah so aus als wäre es bei Joanne auf fruchtbaren Boden gefallen. Reiten, auch mit ausreiten ins Gelände, konnte sie bereits. Was fehlte war noch das Gitarre spielen. Woran sie arbeitete. Häufig und intensiv. Es hörte sich schon gar nicht schlecht an. Auch wenn die Gitarre reichlich groß bei ihr wirkte.
„Gut, Maus, gut. Hört sich schon wirklich gut an“, sagte er in eine Pause hinein. „Aber nun ist Schluss. Ihr schreibt eine Mathe Klausur morgen, habe ich gehört.“
„Wir machen was?“ hob Joanne den Kopf, sah ihren Vater eine Grimasse ziehend an.
„Ihr schreibt Mathe K…, ach, Arbeit, Arbeit, nennt ihr das.“
„Ach so, ja, machen wir“, winkte Joanne gelangweilt ab. Ein rascher Blick ins Notenheft, neue Akkorde erklangen.
„Ja, ich weiß ja, alles Pipikram“, lachte Mark. „Aber auch Pipikram muss erst mal gemacht werden. Und ausgeschlafen zu sein hilft da ganz ungemein. Glaub mir.“
Ohne mit dem Spiel aufzuhören zog Joanne die nächste Flappe. Sie kannte diese Vorträge ihres Vaters. Und auch wenn er tausend Mal Recht hatte, sie wollte einfach noch nicht ins Bett.
„Okay, Töchterchen, ignorieren hilft hier nicht. Schluss mit Gitarre und ab ins Bett.“
„Oh Papa, bitte, noch diese Seite. Setz dich, ich spiel dir was vor.“
„Joanne...“
„Papi, bitte.“ Kopf leicht schief gelegt, Stimme und Gesichtsausdruck in der richtigen Mischung zwischen Traurig und Trotz, ja, so sollte es gehen. Mama musste man zu Angelo lassen, Papa bekam man so weich.
„Na gut, Aber nicht so lange“, ließ Mark sich seufzend neben Joanne aufs Bett fallen, die ein strahlendes Lächeln anknipste.
„Gut, Papa, „Scheris haus in nearlans“, das üben wir gerade.“
„Ich bin schon ganz gespannt“, lächelte Mark noch breiter. Seit zwei Jahren übten sie Englisch, dennoch war es immer noch besser zu wissen, was Joanne sagen wollte, wenn sie Englisch sprach. Scheris haus in nearlans, There is a house in New Orleans, nicht so schlecht, aber Wissen war hier nicht hinderlich.
Beherzt griff Joanne in die Saiten, Mark fand es wäre wirklich schon sehr gut. Sein Versuch, die zwei ihm bekannten Textzeilen mitzusingen brachten ihm allerdings einen scharfen Blick ein. Er mochte über viele unentdeckte Talente verfügen, Singen gehörte mit Sicherheit nicht dazu.
Joanne beendete das Lied, freundlich aber bestimmt griff ihr Vater nach der Gitarre. Sie würde kein Ende rein bekommen, wenn er das nicht tat, wusste er. Den Protest ignorierend verfrachte er das Mädchen ins Badezimmer zur Abendtoilette. Und von dort direkt ins Bett. Die Kleine war Meisterin der Verzögerung, da musste man manchmal schon entschieden sein.
„Na, hast du noch ein bisschen in dem Buch gelesen? Ist ja ein wirklich beeindruckender Schmöker.“ Mark nahm das Buch von dem Zauberer in die Hand, das auf Joannes Nachttisch lag.
„Ja, ein bisschen.“
Mark kannte das, Bücher lesen war nicht Joannes Ding. Noch nicht, hoffte er, dass das noch kommen würde. „Aber da sind doch großartige Pferde drinnen oder nicht?“
„Ja, ja…warte mal Papi…“, zu spät merkte Mark, welchen Fehler er begannen hatte. Einem Stehaufmännchen nicht unähnlich kam Joanne aus ihrer bereits liegenden Position wieder hoch, nahm ihm energisch das Buch aus der Hand. „Hier, Papi, hier…, den musst du dir ansehen.“ Mit flinken Fingern hatte sie ein paar Seiten überblättert. Auf einer Doppelseite war wenig Text, dafür umso mehr Bild. Es war eine beeindruckende farbige Zeichnung von drei Rittern auf einem flachen Hügel. Weit hinter den Dreien war eine mächtige Burg vor einem strahlend blauen Meer zu sehen. Doch das interessierte Joanne nicht, auch die Ritter ließen sie kalt. Was sie ihrem Vater zeigen wollte war das Pferd des einen. Das müsste dasselbe wie vom Einband sein, plapperte sie. Da wo vorne das Mädchen drauf saß. Schnelles umblättern, da, Papa, schau, da, siehst du das…ja, das ist dasselbe. Ein grau braunes mächtiges Pferd war es. Das Pferd stieg hoch auf die Hinterbeine während der prächtig gewandete Ritter auf dessen Rücken in offensichtlicher Freude vor Begeisterung auf die Burg deutete.
„Das ist Derl, Papa, das große grau braune Pferd“, nickte Joanne eifrig.
„Aha, und wer reitet das Pferd?“
„Das ist…ist, ich glaube der heißt Varon oder so.“
„Äh, warte mal kurz…“, Marks Augen flogen flink über den Text, „...also, das ist Valmond de Gallonver auf deinem Liebling“, verkündete er dann mit tiefer, gewichtiger Stimme. „Siehst du, der in blau und braun gekleidete mit den drei Adlern auf der Brust. Und die anderen beiden sind…äh, Balwar Fournier mit den schwarz braunen Rechtecken und Gayon von Richilon. Der hat den goldenen Löwen auf der Brust.“
„Oh, das ist so ein schönes Pferd von dem Varon.“ Lächelnd strich Joanne über das Bild als würde sie das Pferd streicheln.
„Ja, das ist es“, säuselte Mark zurück eine erneute Namenskorrektur unterlassend. „Aber das ist es morgen auch noch.“ Jetzt klang seine Stimme nun entschlossen. „Ab jetzt, Schluss.“ Das Buch zuschlagend legte er es auf den Nachtisch.
„Papa…“
„Nix, Schluss, morgen Mathe, dann wieder Pferde. Noch Bibi Blocksberg?“
„Natürlich“, schmollte Joanne leicht.
„Welche?“
„Die Vampire.“
Mark durchsuchte schnell den Speicher von Joannes MP3 Spieler, fand die Bibi Blocksberg Folge. Ohne solche Untermalung war an einschlafen nicht zu denken, wusste er. Diskussion überflüssig.
Als die ersten Takte der Anfangsmelodie erklangen drückte er seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn und knipste die Nachttischlampe aus. „Schlaf gut, Maus.“
„Ja, Papa.“
„Und träum was Süßes.“
„Ja.“
Mark lehnte die Tür an, Bibi Blocksberg wurde leiser. Nachher, wenn Joanne schlief, würde einer noch den MP3 Spieler ausmachen müssen. Na ja, dachte er, wenn sie denn nur schlief, war das mit Sicherheit zu verkraften.
„Herr, Herr, sie bewegt sich.“
Die Stimme klang leise, irgendwie dumpf, als käme sie aus einer Gruft.
„Rasch, schick einen Boten zu Valmond.“
Es war dunkel. Nicht vollständig, aber was immer Helligkeit spendete war nicht besonders groß. Joanne merke das jemand neben ihr stand, doch sehen konnte sie nichts.
Sie drehte den Kopf auf die andere Seite, sah den schwachen Schein einer kleinen Kerze. So langsam zog sich ihre Stirn kraus. Ein weiterer Atemzug später verstärkte sich das noch mehr. Eine Kerze in ihrem Schlafzimmer war schon ungewöhnlich. Der Geruch, den sie nun wahr nahm allerdings noch mehr. Die Stimme vorhin hatte wie in einer Gruft geklungen, der Geruch erinnerte auch stark daran. Naja, und ´ne Kerze passte auch zu einer Gruft. Alles ganz schön und gut, nur ihr Zimmer war keine Gruft…
„Wo bin ich?“ Langsam richtete sich Joanne auf, blinzelte in die schwach erleuchtete Umgebung. Das war ein Albtraum, schoss es ihr dann durch den Kopf. Ein gewaltiger sogar. Ganz bestimmt.
Sie lag auf einem riesigen Bett, das hundert prozentig nicht ihr eigenes war. Ein mächtiges Bett war es, zwei mal drei Meter mit Sicherheit. Weich war das Bett, und auch wenn sie es noch nie gespürt hatte, das musste Seide sein woraus sowohl ihr Laken wie auch die Decken bestanden. Ja, ihre Eltern hatten manchmal tolle Einfälle…Angst, du bleibst wo du bist, verstanden?
Ein plötzliches Geräusch von links stoppte Joannes Rundblick. Es war die Tür, deren schwachen Umriss sie schon zuvor gesehen hatte. Nun war sie so heftig aufgestoßen worden, mit einem lauten Knall krachte sie an die Wand. Hinter der Tür war mehr Licht, doch wer auch immer die Tür aufgestoßen stand nun darin. Und war so groß, fast kein Platz blieb mehr im Rahmen.
„Sie ist wach, Herr, sie ist wach“, vernahm Joanne wieder die Stimme von vorhin.
„Ja, sie ist wach.“ Die neue Stimme, jene von dem Mann aus dem Türrahmen, war kaum zu verstehen. „Oh ja, Prinzessin, Ihr seid wach.“ Der Mann machte zwei kleine Schritte, dann sank er vor Joannes Bett auf die Knie.
Joanne zuckte zurück, packte die Bettdecke fester vor der Brust. Larry, Larry fehlte, bemerkte sie unvermittelt. Larry die Ente, ihr Kuscheltier. Der hätte jetzt bestimmt geholfen. Wobei, der Mann da vor ihr roch so unangenehm, ob Larry da wirklich hätte helfen können?
„Prinzessin, wir sind so froh Euch wieder bei uns zu haben. Nach so langer…“
Der Kniende wurde unvermittelt unterbrochen. Von einer schmalen blonden Frau, welche ihn beiseitestoßend am Bett erschien. Sie wusste nicht warum, aber die Frau flößte Joanne sofort Vertrauen ein. Ebenso Zuversicht, irgendwie würde jetzt alles…na, wenn schon nicht gut so doch auf jeden Fall besser werden. Als die Frau allerdings den Mund öffnete war beides schlagartig wieder dahin. Kein Laut drang über ihre Lippen, dafür bewegte die Frau ihre Hände und Finger. Joanne hatte so etwas schon einmal in einem Film gesehen. Das war Zeichensprache. Die Frau konnte nicht sprechen. Und das nächste Zeichen von ihr war auch eindeutig, nein, hören konnte sie auch nicht.
„Sie heißt Euch willkommen zurück im Leben, Prinzessin“, sagte der immer noch kniende. „Sie wird sich um Euch kümmern. So wie sie all die Jahre auf Euch aufgepasst hat.“
Joanne wich in ihrem Bett noch weiter zurück, packte die Bettdecke so fest, weiß stachen die Knöchel hervor. Ihre ziellos herumtastende Linke fand etwas. Sie stutzte kurz, traute sich dann die Frau und den Knienden für einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Ja, das war tatsächlich Larry. Larry die Ente. Ursprünglich mal die Hülle für ein Wärmekissen. Da hatte Larry noch in einem hellen gelb geleuchtet, jetzt war er mehr ins schmutzig graue abgedriftet. Was reichlich egal war, Larry war die Hilfe, die man jetzt brauchte.
„Was…was habt Ihr da?“ stotterte der Kniende überrascht.
Larry war neben Joannes Gesicht erschienen.
Bevor die was sagen konnte wirbelten die Hände der Blonden durch die Luft.
„Ah, das ist dein Fetisch, Fleschka hat ihn für Euch gemacht.“
„Ja…Fatisch, ja…“ Joanne nickte hektisch. Sie versuchte sich in den Fuß zu kneifen. „Au“, schrie sie unvermittelt. Nur die Bilder vor ihren Augen änderten sich nicht.
„Was habt Ihr, Prinzessin?“ Hecktisch schoss der Kopf des Knienden nach vorne.
„Nichts…nichts…“ Joanne ließ den Satz unvollendet, sah unschlüssig zwischen der Frau und dem Mann hin und her. Das Kneifen hatte wehgetan. Weh getan! Sie war keine Fachfrau Albträume betreffend aber Schmerz und Träumen passte nicht zusammen, so viel war sicher. „Ähhh…“
