Die Hoteldetektivin - Alexander Eden - E-Book

Die Hoteldetektivin E-Book

Alexander Eden

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Beschreibung

Glitzernde Fassaden und dunkle Machenschaften – Emma Stein ermittelt

Berlin, Frühling 1913: Emma Steins Vater arbeitet als Hoteldetektiv im glamourösen Grand Hotel "Imperial“ am Wilhelmsplatz. Als er krankheitsbedingt ausfällt, übernimmt seine Tochter als bisherige Assistentin alle Ermittlungen hinter den Kulissen und der erste Fall lässt nicht lange auf sich warten. In Suite 204 findet Emma einen millionenschweren Hotelgast tot auf, der angeblich Suizid begangen hat. Doch sie ist sich sicher: Es war Mord. Emma beginnt auf eigene Faust nachzuforschen. Was zunächst wie ein Eifersuchtsdrama aussieht, führt sie bald zu einem hochbrisanten Erpressungsfall, der einen Rüstungskonzern und die aufziehende Kriegsgefahr betrifft. Während Emma in allerhöchsten Kreisen nach der Wahrheit sucht, wird sie selbst von unbekannten Feinden bedroht und kämpft schließlich nicht nur für Gerechtigkeit, sondern auch um ihr Leben.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch:

Berlin, Frühling 1913: Emma Steins Vater arbeitet als Hoteldetektiv im glamourösen Grand Hotel Imperial am Wilhelmplatz. Als er krankheitsbedingt ausfällt, übernimmt seine Tochter als bisherige Assistentin alle Ermittlungen hinter den Kulissen, und der erste Fall lässt nicht lange auf sich warten. In Suite 204 findet Emma einen millionenschweren Hotelgast tot auf, der angeblich Suizid begangen hat. Doch sie ist sich sicher: Es war Mord. Emma beginnt, auf eigene Faust nachzuforschen. Was zunächst wie ein Eifersuchtsdrama aussieht, führt sie bald zu einem hochbrisanten Erpressungsfall, der einen Rüstungskonzern und die aufziehende Kriegsgefahr betrifft. Während Emma in allerhöchsten Kreisen nach der Wahrheit sucht, wird sie selbst von unbekannten Feinden bedroht und kämpft schließlich nicht nur für Gerechtigkeit, sondern auch um ihr Leben.

Zum Autor:

Alexander Eden war zunächst Autor der »Harald-Schmidt-Show« und arbeitete lange Zeit als Drehbuchautor, bevor er anfing, historische Kriminalromane zu schreiben. Seine Buchreihe mit dem Privatdetektiv Hardy Engel, der im frühen Hollywood authentische Skandale aufklärt, ist preisgekrönt. Er liebt es, vor Ort zu recherchieren. Aufgrund seiner international arbeitenden Familie war er immer schon viel auf Reisen und mag Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und Kulturen – und Grand Hotels. Eden lebt in München. Mehr unter www.christofweigold.com

ALEXANDEREDEN

DIEHOTELDETEKTIVIN

Mord in Suite 204

Kriminalroman

HarperCollins

Originalausgabe

© 2026 by HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von bürosüd, München

Coverabbildung von © Magdalena Russocka / Trevillion Images und akg-image

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783749910137

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Urhebers und des Verlags bleiben davon unberührt.

»Das Herz einer Frau ist wie ein tiefer Ozean voller Geheimnisse.«

James Cameron, Titanic

Prolog

28. April 1913

»Hallo, hier ist die Hoteldetektivin. Herr Fritzsche, sind Sie da? Antworten Sie bitte.«

Aus dem Zimmer war nichts zu hören. Emma Stein klopfte erneut.

»Herr Fritzsche, ich muss mit Ihnen sprechen. Ich komme jetzt zu Ihnen herein, um mich zu versichern, dass in Ihrem Zimmer alles in Ordnung ist.«

Sie wartete einen weiteren Augenblick. Doch da sich in Suite 204 nach wie vor nichts tat, holte sie ihren Generalschlüssel heraus, steckte ihn in das Schloss und drehte ihn.

Die Tür öffnete sich. Ein muffiger Geruch empfing sie, mit einer metallischen Note, und sie verzog das Gesicht. Hier stimmte etwas nicht.

»Hallo?«

Es kam keine Antwort.

Sie betätigte den Lichtschalter, und auf einen Schlag erleuchtete der Deckenlüster aus Kristallglas den Vorraum mit der Garderobe. Auf der handgeschnitzten Konsole aus Rosenholz waren Handschuhe und ein glänzender Zylinder abgelegt, an der Garderobe hing ein schwarzer Umhang. Alles deutete darauf hin, dass Herr Fritzsche in der Tat anwesend war, auch wenn er sich nicht rührte. Die Tür zum nächsten Raum stand halb offen, bei den Suiten dieser Kategorie im Hotel Imperial ein vorzüglich möblierter Empfangssalon. Ein Industrieller wie Fritzsche nutzte ihn meist für geschäftliche Besprechungen oder gesellschaftliche Einladungen. Emma ging langsam auf die Tür zu, vorsichtig lugte sie in den Salon, dessen Vorhänge zugezogen waren. Sie erschrak.

Auf einem der Sofas saß eine dunkle Gestalt.

»Herr Fritzsche?«, fragte sie erneut. Die Gestalt bewegte sich nicht. Emma machte einen Schritt in den Salon hinein und ertastete links neben der Tür den Lichtschalter. Als die elektrischen Lampen des ausladenden Kristallleuchters an der hohen Decke auch hier ein gleißendes Licht erzeugten, konnte sie alles genau erkennen.

Auf dem blau-weiß gestreiften Sofa saß zurückgelehnt ein Mann, sein Kopf war seitlich auf die Brust gesunken. Ja, es war August Fritzsche, doch es war unverkennbar, dass er nicht antworten würde.

Mit pochendem Herzen trat Emma auf ihn zu. Sie betrachtete die starren Züge seines Gesichts mit den geschlossenen Augen. Auf den ersten Blick konnte sie keine Verwundung feststellen. Sie zog sich den Handschuh von der Rechten und legte ihm einen Finger auf die Halsschlagader, wie es ihr Vater ihr für einen solchen Fall beigebracht hatte. Sie fühlte keinen Puls, und Fritzsches Haut war vollkommen kalt. Er war tot.

Ein Toter in ihrem Hotel, der erste überhaupt, und sie war es, die ihn finden musste. Es war genau jener Moment, den man hoffte, niemals erleben zu müssen.

Doch Emma Stein spürte zu ihrer eigenen Überraschung noch etwas anderes in sich aufsteigen: Neugier. Spannung. Alle ihre Sinne waren geschärft. Man hätte es sogar als Jagdfieber bezeichnen können, was sie überkam, als sie nun begann, sich umzusehen.

Sie konnte noch nicht wissen, dass der folgende Fall sie bis zum Letzten fordern und ihr gesamtes Leben verändern würde.

* 1

Am Morgen zuvor hatte Emma Stein soeben ihren Dienst angetreten, als ein Mann um kurz nach acht, ohne anzuklopfen, in das Büro des Hoteldetektivs stürmte.

Er war um die fünfzig, trug einen makellos auf seinen hageren Leib geschneiderten Cutaway und einen vornehmen grauen Hut, und der nach oben gezwirbelte Schnurrbart in seinem hochroten Gesicht zitterte vor Wut, als er auf Französisch ausrief: »Es ist ein Skandal! Mon dieu, man hat mich bestohlen!«

In diesem Moment hielt er inne und starrte Emma irritiert an. Dann lüftete er verlegen seinen Homburg und neigte den Kopf zum Gruß.

Sie kannte das schon. Emma Stein wusste natürlich, dass der Anblick einer Frau hinter dem Schreibtisch eine beträchtliche Überraschung bedeutete und welchen ersten Eindruck sie mit ihrer schlanken Gestalt und ihrem ebenmäßigen Gesicht unter den hochgesteckten brünetten Locken auf jeden Gast machte. Ganz besonders auf jeden männlichen.

»Bitte melden Sie mich sofort dem Hoteldetektiv!«, forderte der Franzose, als er sich wieder gefasst hatte. Seine Haare standen wirr nach allen Seiten ab.

»Das bin ich selbst, Monsieur«, erwiderte Emma auf Französisch, sie sprach es gut und häufig. »Mein Name ist Emma Stein.« Sie achtete wie immer darauf, nicht zu breit zu lächeln. Sie begrüßte jeden Besucher mit einer zwar freundlichen, dabei aber seriösen Miene. Wer hierherkam, hatte ein Problem und musste das Gefühl bekommen, dass es bei dieser jungen Dame richtig aufgehoben war und sie damit angemessen umgehen würde.

»Wie kann ich Ihnen helfen, verehrter Monsieur?«

Viele der Hotelgäste kannte sie mit Namen und hatte in den vergangenen drei Jahren persönlich mit ihnen zu tun gehabt, große oder auch kleine Anliegen für sie geregelt. Doch dieser Mann war ihr unbekannt, das konnte Emma dank ihrem ausgezeichneten Gedächtnis mit Bestimmtheit sagen.

»Ich bin Maurice Bernhardt!«, rief der Mann mit vor Stolz blitzenden Augen.

Sie sah ihn mit hochgezogenen Brauen an. Dies war also der Sohn der weltberühmten Schauspielerin Sarah Bernhardt. Die Diva war am Tag zuvor mit ihrer Familie im Hotel Imperial angekommen. Es war ihr erster Besuch in Berlin, und sie hatte für beträchtliches Aufsehen gesorgt, wie Emma gehört hatte. Leider war sie selbst in anderer Sache unterwegs gewesen und deshalb den Bernhardts noch nicht begegnet.

»Aber natürlich, Monsieur Bernhardt, es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen. Setzen Sie sich bitte und erzählen Sie mir genau, worum es sich handelt.«

Sie zeigte auf die beiden bordeauxroten Plüschsessel für Besucher.

»Ich bestehe darauf, mit Ihrem Chef persönlich zu sprechen!«

Emma holte tief Luft. Die jungen Männer machten ihr immer Avancen und Komplimente, damit konnte sie umgehen. Die älteren hingegen unterschätzten sie, gerade weil sie Emma attraktiv fanden. Sie versuchten sich aufzuplustern und behandelten sie von oben herab, zumal sie oft jünger geschätzt wurde als auf neunundzwanzig Jahre. Es war ein Nachteil, den Emma erst durch Geschick in einen Vorteil verwandeln musste.

»Gibt es hier keinen Mann?«, fügte der Besucher stirnrunzelnd und mit Blick auf den verwaisten zweiten Schreibtisch hinzu, der sich neben dem großen Aktenschrank mit den Rollläden befand.

»Sie sehen doch, hier gibt es nur mich«, sagte Emma verbindlich. »Ich werde mich sofort um Ihr Problem kümmern, Monsieur Bernhardt. Bitte nehmen Sie doch Platz.«

Bernhardt blieb stehen. Der Telefonapparat auf ihrem Schreibtisch begann zu läuten, doch sie sah weiter ihren Besucher an, ganz ihm zugewandt.

»Meine Brieftasche ist gestohlen worden«, sagte er. »Direkt aus meinem Zimmer in Suite 101!«

Familie Bernhardt hatte selbstverständlich die beste Suite des ganzen Hotels bezogen, die große Ecksuite in der ersten Etage, von der aus man sowohl über die Wilhelmstraße als auch die Voßstraße blicken konnte. Sie verfügte über vier Zimmer – zwei Salons und zwei Schlafzimmer – und selbstverständlich über jeden Luxus, den der unaufhaltsame Fortschritt im Jahr 1913 zu bieten hatte: ein Badezimmer mit Wanne und heißem Wasser sowie einen eigenen Telefonanschluss, wie alle der vierhundertzwölf Zimmer des Hotels Imperial.

»Ich verstehe, Monsieur.« Emma tauchte die Feder in das Tintenfass und schrieb die Nummer auf den bereitliegenden Notizblock. Das Telefon hörte auf zu läuten, direkt danach begann es erneut. »Wer bewohnt sie denn alles mit Ihnen zusammen?«

»Meine Mutter, meine Tochter und ich.«

»Keine Zofe?«

»Meine Mutter duldet kein Personal in ihrer Nähe, ihr ist die Privatsphäre heilig.«

Das bedeutete, dass ihr Sohn solche Aufgaben mit übernahm, daneben fungierte er als ihr Manager, wie alle Welt wusste. Die Diva war mit siebzig Jahren immer noch auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, sie war einer der extravagantesten Gäste, die das Hotel je beherbergt hatte. Emma hatte schon einiges über die berühmte Familie gehört, nicht zuletzt, weil ihre Mutter Gertrude sich brennend für Sarah Bernhardt interessierte und alles über sie las, was sie in die Finger bekommen konnte. Sie hatte Emma auch begeistert vorgelesen, dass die französische Diva ab heute eine Woche lang im Königlichen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt auftreten würde.

»Wie alt ist Ihre Tochter, Monsieur Bernhardt?«

»Marie ist sieben Jahre alt.«

»Wie schön. Meine Paulina ist beinahe im selben Alter.« Emma gestattete sich ein kurzes Lächeln, dann fuhr sie fort: »Bitte schildern Sie mir die exakten Abläufe.«

»Ich habe mein Zimmer gestern Nacht nur kurz verlassen, da aus einem der benachbarten Räume ein penetranter Lärm drang, spät nachts gegen eins, es war wirklich unerhört. Ich ließ die Tür lediglich einen Moment lang offen stehen und ging um die Ecke, um die Quelle zu sondieren, dabei muss es passiert sein.«

Vermutlich als Offizier im Krieg gewesen, dachte Emma, so wie ihr Vater, bei Metz oder Sedan, nur auf der anderen Seite. Auch er drückte sich in zivilen Dingen häufig militärisch aus.

»Um welche Art von Lärm handelte es sich denn?«, fragte sie und hielt die Feder weiter gezückt. Er verzog das Gesicht, das sich noch mehr rötete.

»Um jene Art, von der es nicht schicklich wäre, sie vor einer Dame auszubreiten …« Monsieur Bernhardt zwirbelte verlegen seinen Schnauzbart.

»Ich verstehe. Konnten Sie denn genauer eruieren, woher er kam?«

»Und ob. Aus Suite 103, unverkennbar«, sagte er empört. »Lautes Liebesstöhnen, ein Duett, ich sage Ihnen, wie die wilden Tiere!« Er beugte sich vor. »Es sind eindeutig Amerikaner!«

Emma erinnerte sich auf Anhieb. In die Suite war tags zuvor ein junges amerikanisches Pärchen eingezogen, zwei vor Gesundheit strotzende, rotbackige Menschen, die sich auf Hochzeitsreise durch Europa befanden, was sie an der Rezeption nur zu gerne erzählt hatten. Der Empfangschef, Herr Woltemathe, hatte ihnen mit einem prächtigen Blumenstrauß gratuliert. So etwas war im Imperial selbstverständlich.

»Ich verstehe, und ich werde mich darum kümmern«, versicherte Emma. »Sie werden kommende Nacht in Ruhe schlafen können, das verspreche ich Ihnen.«

»Das wollen wir hoffen, meine Mutter braucht ihren Schlaf«, rief Monsieur Bernhardt. »Und dies soll ja schließlich ein anständiges Haus sein, hat uns jedermann gesagt.«

»Wir sind eines der ersten Grand Hotels in Berlin und unserem Ruf ganz und gar verpflichtet.« Emma erhob sich aus ihrem Stuhl. »Aber zunächst werde ich mich selbstverständlich des Rätsels Ihrer verschwundenen Brieftasche annehmen. Darf ich Sie dazu auf Ihrem Zimmer aufsuchen?«

»Ich bitte darum.« Maurice Bernhardt drehte ungeduldig seinen Hut in den Händen.

»Bitte geben Sie mir nur zehn Minuten und gehen Sie schon vor. Ich möchte mich zuvor im Hotel erkundigen, ob jemand etwas weiß oder gar eine Brieftasche gefunden wurde.«

»Selbstverständlich, Madame. Ich erwarte Sie dann oben.«

Als er ihr Büro verlassen hatte, atmete sie auf. Sie hatte ganz bewusst nicht erneut das Wort »Diebstahl« benutzt – denn ob es sich um einen solchen handelte, würde sich erst zeigen. Man glaubte gar nicht, wie oft es vorkam, dass eine solche Annahme sich als vorschnell herausstellte. Die 103 würde sie später bei einem ihrer Gänge durch die Etagen aufsuchen. Normalerweise hätte sie ihren Vater darum gebeten, doch er war wieder einmal abwesend. Außerdem fand sie, dass sich am besten eine Frau der Sache annehmen sollte. Jetzt würde das frisch verheiratete Paar sowieso noch schlafen, und das sollte es auch ruhig tun. Emma erinnerte sich unwillkürlich an ihre eigene Hochzeitsreise, die sie und Edmund nach Heiligendamm an die Ostsee geführt hatte. Sofort sah sie den endlosen weißen Strand vor sich, fühlte wieder den warmen Sand zwischen ihren Zehen, sah die Salzkristalle auf ihrer beider Haut und spürte in der Herzgegend ein wohliges Kribbeln … Aber für solche Gefühle war jetzt keine Zeit.

Im Spiegel überprüfte sie den Sitz ihres Kleides aus nachtblauem Taft mit der weißen Borte aus feinster Brüsseler Spitze und der Überjacke im selben Ton aus Gabardine, den ihrer Hochsteckfrisur, die sie im Hotel stets ohne Hut trug, und den der Schmetterlingsbrosche links neben ihrem Kragen, auf jedem Flügel besetzt mit drei flach geschliffenen Jadesteinen; ein Hochzeitsgeschenk ihres Mannes und ihr bestes Stück. Sie hatte in den letzten Monaten abgenommen, selbst ihre hohen Wangenknochen unter den meergrünen Augen traten deutlich hervor – das lag an der vielen Arbeit und den privaten Sorgen, die sie zunehmend mehr in Anspruch nahmen. Aber es war nicht zu ändern.

Der Anruf war von der Hoteldirektion gekommen, das hatte sie am Aufleuchten des linken Lämpchens gesehen, und musste folglich einen besonders dringenden Fall betreffen. Das war der eigentliche Grund, warum sie sich etwas Zeit geben wollte.

* 2

Emma öffnete die Tür und blieb stehen. Sofort traf sie wie eine Woge das laute Gewirr der Stimmen, das unverständliche Gemisch der Sprachen in der großen Lobby des Imperial.

Ihr Büro befand sich auf der rechten Seite des Empfangssaals mit dem imposanten hohen Glasdach, durch das die Frühlingssonne fiel und das bunte Gewimmel von Menschen darunter in ihr helles Licht tauchte. Von seiner Schwelle genau auf halber Höhe aus hatte sie schon manch wertvolle Beobachtung gemacht. Würde sie auf Anhieb erkennen, um welches Problem es sich bei dem Anruf handelte und wen es betraf? Sie war es gewohnt, sich solche Aufgaben zu stellen, als schlösse sie eine Wette mit sich selbst ab.

Zuerst blickte sie nach links zum Haupteingang. Durch die Drehtür strömte soeben von der Wilhelmstraße eine größere Gruppe neuer Gäste herein. Es waren Inder in exotischen Gewändern, angeführt von einem Maharadscha mit einem orange leuchtenden Turban und begleitet von zwei Pagen, die auf goldenen Rollwägen die mannshohen Schrankkoffer zur Rezeption transportierten. In seinem Gefolge befanden sich auch mehrere Frauen, sie durchschritten soeben ein gleißendes Viereck aus Sonnenlicht, das ihre tiefbraune Haut, die roten Punkte auf ihren Stirnen und ihre grasgrünen Seidenkleider leuchtend hervorhob. Emma wusste, dass es sich um bengalische Wickelsaris handelte. Sofort hatte sie auch betörende Düfte in der Nase, nach Zedernholz, Ozean und Kokos, mit einer Note von Curry – oder war das nur Einbildung?

Ihr Blick schweifte weiter. Wer verhielt sich auffällig, gehörte nicht in diese Welt der reichen und internationalen Gäste, die sich in ihren besten Anzügen und Kleidern, in mit Orden behängten Uniformen und mit wippenden Hüten über den Boden aus schwarz, weiß und beige gemasertem Marmor bewegten?

Drei Männer fielen ihr auf, die nahe des Eingangs neben einer Säule standen. Sie trugen Tweedanzüge und Ballonmützen. Einer von ihnen bediente eine Filmkamera auf einem hohen Stativ, kurbelte daran und schwenkte langsam quer durch den Raum, angeleitet von einem Mann mit Pfeife. Doch Emma wusste, es war ein Filmteam, das der Besitzer Dr. Ferdinand von Terzky engagiert hatte, um einen Reklamefilm über das Imperial zu drehen. Über dieses neue, höchst populäre Medium wollte er Werbung für sein Hotel machen, der Film sollte in Kürze in den mittlerweile zahlreichen Lichtspielpalästen Berlins, ja des gesamten Reichs, direkt vor dem Hauptprogramm gezeigt werden. Die drei Männer drehten bereits seit dem Vortag und hatten natürlich als Erstes vom Wilhelmplatz aus die prächtige, fünf Stockwerke aufragende neoklassizistische Fassade mit den Dachtürmen gefilmt.

Emma folgte der Perspektive der Kamera, die langsam über die Gäste schwenkte. Wer könnte hier gerade für Ärger gesorgt haben? Ihr Blick blieb an einer Truppe laut und erregt redender Italiener mit Strohhüten hängen – nein, sie stritten sich nicht, es klang bloß so. Dann an einem halben Dutzend Araberinnen in Burkas, die ihre Gestalten und Gesichter vollkommen bedeckten und sie äußerst geheimnisvoll wirken ließen. Etwas weiter steckten zwei Schwarzafrikaner im vornehmen Sonntagsstaat die Köpfe zusammen und sahen so aus, als ob sie eine sehr ernste Angelegenheit besprächen. Es waren zwei Diplomaten aus Französisch-Kongo, die sie bereits kannte, sie hatten Zimmer in der vierten Etage. Sie sahen auf und nickten ihr zu, Emma grüßte mit einem freundlichen Lächeln zurück. Monsieur Kasongo und Monsieur Ngoma, fielen ihr die Namen der beiden ein. Gesandte aus aller Herren Länder stiegen hier ab, denn schräg gegenüber des Hotels befanden sich das Außenministerium und das Palais des Reichskanzlers. Zudem wohnten derzeit vierzehn Prinzen, Prinzessinnen und andere Personen von höchstem Geblüt unter ihrem Dach.

Emma spürte, wie ein Glücksgefühl ihr Herz durchströmte. Jeden Tag, den sie hier verbrachte, genoss sie, es war eine märchenhafte Welt, in der sie sich mittlerweile vollkommen selbstverständlich bewegte. Wer war sie schon? Ein einfaches Mädchen aus einer kleinbürgerlichen Familie des Berliner Westens, dessen Vater zufällig Hoteldetektiv war, was ihr bereits früh einen Blick in eine ganz andere, viel größere Welt ermöglicht hatte.

Schon als sie sechs Jahre alt gewesen war, hatte sie viel Zeit in der Lobby und auf den Hotelfluren verbracht und ihren Papa beeindrucken wollen, indem sie ihm vermeintliche »Verbrecher« zeigte, die er würde »fangen« müssen. So in etwa hatte sie sich seine Aufgabe damals vorgestellt und schnell den Wunsch entwickelt, denselben Beruf zu ergreifen, so unrealistisch das für eine Frau auch sein mochte. Mit der Zeit hatte sich ihr Blick immer weiter geschult und geschärft.

Da: Neben dem kreisrunden Springbrunnen in der Mitte der Halle, der einen wasserspeienden Neptun mit zwei Nymphen darstellte, fiel ihr ein Leutnant in seiner prächtigen, preußisch blauen Uniform mit den goldenen Litzen auf. Er wirkte äußerst erregt und rief nun mit fuchtelnden Armen nach einem Pagen. Doch er wollte wohl lediglich eine Droschke reservieren lassen.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass jemand in dem Gewimmel der hin und her eilenden Menschen abrupt stehen geblieben war. Nun betrachtete sie ihn näher und identifizierte die dunkelgrüne Uniform eines Geldbriefträgers, der in seiner ledernen Umhängetasche gewiss hohe Beträge mit sich führte. Damit konnte er gut das Ziel eines Verbrechens sein, doch Emma vermochte nichts Besorgniserregendes zu entdecken. Er hatte nur rasch seine Kundenliste konsultiert und lief nun weiter.

Auch sie setzte sich in Bewegung und durchquerte das Vestibül in Richtung Empfangstresen, vorbei an Reihen von antikisierten Säulen und meterhohen Palmen. Die Ausstattung war luxuriös, an den Wänden hingen Gobelins mit Renaissancemotiven, davor standen antike Büsten. Emma richtete ihre Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Sitzgruppen, die Gäste und Besucher zum Verweilen einluden. Konnte es unter ihnen Streit gegeben haben? Hier sollte sich das gesamte gesellschaftliche Leben abspielen, eine Idee, die man von den großen Hotels der amerikanischen Metropolen übernommen hatte: Man brachte Menschen zusammen, damit sie sehen und gesehen werden konnten, statt dass man sie nach guter altdeutscher Art in ihre Zimmer verfrachtete, wo sie für sich blieben. Allerdings, das wusste die Hoteldetektivin nur zu gut, konnte dies zu Konflikten führen, Eifersuchtsszenen oder dergleichen. Denn auf den Sofas und Sesseln aus Chintz lagerten vor allem Damen, sie stellten sich und ihre erlesene Garderobe zur Schau, tauschten mit anderen Damen den neuesten Klatsch aus, andere hingen am Arm eines Mannes. Dieses Jahr waren »Pariser Hüte« in Mode, mit breit ausladenden Krempen, auf denen zahlreiche Stoffrosen und andere Gebinde drapiert waren.

Auf ihrem Weg grüßte Emma jeden der livrierten Pagen in weinroter Uniform, Mütze und weißen Handschuhen, ihnen lächelte sie fröhlicher und komplizenhafter zu als ihren Klienten, und alle grüßten sie freundlich zurück.

»Guten Morgen. Na, ist alles in Ordnung?«

Vielleicht würde einer von ihnen ihr einen Wink geben? Obwohl es kaum einer der Gäste ahnte, nichts blieb hier unbeobachtet, auch jenseits von Emmas scharfem Blick. Die Pagen meldeten dem Chefpagen alles, was ihnen auffiel, ebenso die Portiers dem Chefportier, die Rezeptionisten dem Empfangschef, all jene dem Hoteldirektor und dieser wiederum dem Chef und Besitzer des Imperial, Dr. Ferdinand von Terzky. Besonders wichtige Aufgaben gab jede dieser Parteien an den Hoteldetektiv weiter. Doch vieles erreichte Emma und ihren Vater auch direkt durch die Pagen oder wurde durch die Gäste an sie herangetragen, wie soeben. Heute würde es wohl ein besonders bewegter Tag werden, das spürte Emma.

Doch sie wurde enttäuscht, keiner der Pagen hatte ihr etwas zu melden, auch nicht der Chefpage Herrmann, dessen klugen Augen kaum jemals etwas entging. Das Problem, wegen dem sie zur Direktion gerufen wurde, musste eines sein, das auf einer besonderen Ebene angesiedelt war.

Nun erreichte Emma die Rezeption, die an diesem Vormittag stark von Gästen umlagert war. Sie waren gerade mit dem Nachtzug angekommen oder wollten abreisen, orderten in der Loge des Chefportiers Tickets für Theatervorstellungen oder Reisen, gaben am Postschalter Telegramme auf oder holten Briefe ab.

Der Hoteldirektor stand seitlich des Tresens an seinem Pult und hielt bereits nach Emma Ausschau. Er war extra aus seinem dahinterliegenden Büro herausgetreten, nun gab er ihr ein Zeichen, sie steuerte auf ihn zu. Rudolph Senfft war äußerlich betrachtet nur ein mittelgroßer, mittelalter, unscheinbarer Mann in einem perfekt sitzenden Frack, doch ohne ihn würde im Imperial gar nichts funktionieren. Emma trat näher.

»Guten Morgen, Herr Senfft. Ich wurde wegen einer Beschwerde aufgehalten, aus 103 kamen heute Nacht Beischlafgeräusche, ich werde mich darum kümmern. Und der Sohn von Madame Bernhardt meldet eine verschwundene Brieftasche, dort sehe ich gleich nach dem Rechten.«

»Wo ist denn Ihr Vater?«, fragte Senfft.

Sie zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Unterwegs, wahrscheinlich bespricht er sich wegen des anstehenden Staatsbesuchs.«

Zu jeder Zeit stand der Besuch irgendeiner Delegation bevor, und es gehörte zu den Aufgaben des Detektivs, sich vorweg mit deren Vertretern bezüglich der Sicherheitsmaßnahmen abzusprechen. Diese Woche erwartete man den russischen Außenminister.

»Gut, gut …«

Senfft beugte sich diskret vor. Emma sah ihn aufs Höchste gespannt an.

»Eines der Zimmermädchen ist verschwunden«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Mitten in seiner Schicht, es ist einfach wie vom Erdboden verschluckt.«

»Welches?«

»Aglaja Iwanowa.«

Ein heißer Stich fuhr ihr in die Magengrube. Aglaja war ihre beste Freundin im Hotel, eine zierliche, schüchterne Exilrussin, mit der sie sich oft austauschte und die über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe verfügte.

»Ich werde mich sofort darum kümmern, wenn ich bei den Bernhardts alles geklärt habe.«

»Danke, das sollten Sie unbedingt.«

Emma nickte Senfft zu und trat zu den Aufzügen, die sich rechter Hand der Rezeption befanden. Ein jeder war von einem hohen goldenen Rahmen umschlossen. Alle drei Personenlifte, wie auch der geräumige Gepäckaufzug, wurden pneumatisch gesteuert, sie waren, wie die Klingelzeichen im gesamten Hotel, auf Lichtsignale umgestellt, damit nicht ständiges Läuten die Gäste störte. Überhaupt war das Imperial natürlich auf dem absolut modernsten Stand; etwa seine Telefonanlage mitsamt der großen Zentrale, in der die Telefonistinnen saßen. Eingehende Telegramme wurden vom hoteleigenen Telegrafenamt per Rohrpost zum Empfang geschickt, gerade eilte wieder ein Page von dort mit einem Silbertablett voller Umschläge los. Sein Weg kreuzte den eines Kollegen, der aus der Garage im Untergeschoss heraufkam. Der hoteleigene Fuhrpark bestand aus einem guten Dutzend Limousinen neuester Bauart, die Chauffeure waren bestens geschult. Auch Emma selbst besaß seit vergangenem Jahr eine Fahrerlaubnis, als eine der ersten Frauen in Berlin. Die Gebühr für die Prüfung hatte das Hotel übernommen, und sie konnte bei Bedarf über ein Automobil verfügen. Sie war bereits länger nicht mehr gefahren.

Der Aufzug ganz links meldete nun per Blinkzeichen seine Ankunft, schon öffnete sich die Tür, und die Gäste stiegen aus. Ihn bediente ihr Lieblingsliftboy Bobby, ein aufgeweckter Achtzehnjähriger, dem das Käppi stets leicht schief auf dem weizenblonden Bürstenschnitt saß. Er grinste Emma zu, als sie einstieg, und sie grinste zurück.

»In den Ersten bitte, Robert«, sagte sie. Der Name war ein Privatscherz unter ihnen, seine Eltern hatten ihn nur einfach Bobby genannt. Er legte den Hebel um, und es ging nach oben. Gemeinsam mit ihr waren die Inderinnen zugestiegen, die sie zuvor beobachtet hatte, sie unterhielten sich in einer fremd singenden Sprache.

»103, die Hochzeitsreisenden, was fällt dir zu denen ein?«, fragte sie den Liftboy beiläufig.

»Janz süß, die beeden, sie quiekt im Bett wie’n Streifenhörnchen, det hört man bis zu mir«, sagte Bobby wie aus der Pistole geschossen. »Ihre Eltern sind uff der Titanic jestorben, heeßt et, det Erbe hatse plötzlich reich jemacht. Jeben jroßet Trinkgeld.«

Emma nickte nachdenklich. Der größte Ozeandampfer der Welt war erst im letzten Jahr auf seiner Jungfernfahrt mit elfhundert Passagieren gesunken, über dieses welterschütternde Ereignis war mit den allergrößten Schlagzeilen berichtet worden.

»Und die Bernhardt?«

Er zuckte mit den Achseln. »Exaltiert. Und sie hinkt, die Jute.«

»Ich suche Aglaja, wann hast du sie zuletzt gesehen?«

Emma wusste, dass Bobby das Zimmermädchen mehr oder weniger heimlich verehrte, ihr hatte er es offen anvertraut. »Heute noch jar nich, leider.«

Sie beschloss, ihn vorerst nicht weiter zu beunruhigen.

»Sag mir doch gleich Bescheid, wenn du sie siehst.«

Der Aufzug hielt, die Tür öffnete sich mit einem weiteren Blinkzeichen.

* 3

Emma zwinkerte Bobby zu, als sie im ersten Stock ausstieg. Hier befanden sich vier große Suiten, die besten, die das Hotel zu bieten hatte. Drei davon reihten sich links der Lifte auf, eine einzelne lag im rechten Winkel dazu voraus. Sie ging über den langen Flur mit den Wänden aus dunklen Edelholzpaneelen und Teppichen aus Isfahan, in die sie bei jedem Schritt tief einsank, als liefe sie über Gras. Ein blumiges Parfüm drang in ihre Nase, es schien ihr nach Reichtum und Exzellenz zu riechen. Die Pracht dieser Etage beeindruckte Emma jedes Mal aufs Neue, doch sie hatte sich angewöhnt, sich auch hier ganz normal zu geben, wenn sie auf kaiserlichen Adel, internationale Diplomaten oder höchste Zelebritäten traf.

Sie schritt auf das Portal der vorausliegenden einzelnen Suite zu, das von zwei hohen Ming-Vasen flankiert wurde. Emma öffnete die äußere, mit dickem Leder überzogene Tür der Suite und klopfte an die innere aus Palisanderholz mit wertvollen Intarsien. Sofort wurde geöffnet. Maurice Bernhardt blickte ihr ernst entgegen.

»Da sind Sie ja endlich. Passen Sie übrigens auf, wenn Sie meiner Mutter begegnen sollten. Sie kann zu Personal durchaus unausstehlich sein.«

Emma nickte ihm zu.

»Zeigen Sie mir bitte Ihr Zimmer.«

Sie durchquerten den Vorraum und betraten den ersten der vier großzügigen Räume, einen Salon. Mitten im Schritt hielt Emma überrascht inne, denn die wertvollen Rokokomöbel waren beiseitegeräumt, über den gesamten Boden erstreckten sich die Gleise einer elektrischen Spielzeugeisenbahn mitsamt dem Modell einer Landschaft mit Bergen und Häusern, und soeben dampfte die große Lokomotive schnaufend direkt auf sie zu. Ein siebenjähriges Mädchen mit mühsam zu Zöpfen gebändigten Korkenzieherlocken saß auf dem Boden und betätigte sich am Schalter als Lokführerin. Doch nun flog die Lok aus der Kurve, direkt vor Emmas auf Hochglanz polierte Schnallenschuhe. Die Waggons dahinter blieben auf den Gleisen stehen.

»Viel zu schnell, Marie«, sagte der Vater ungehalten zu der enttäuschten Kleinen, die sofort aufsprang und sich um die umgestürzte Lok kümmerte. »Bring nicht wieder alles durcheinander!« Er machte einen großen Schritt über die Gleise und den kleinen Bahnhof hinweg, der am Fuß eines grünen Berges mit Tunnel lag. Genau diese Landschaft hatte Emma neulich im Schaufenster des »KaDeWe«, des Kaufhauses des Westens am Wittenbergplatz, aufgebaut gesehen. Sie mussten sie im Ganzen gekauft und hierhergeschafft haben.

Emma lächelte dem Mädchen zu. Dank ihrer eigenen Tochter wusste sie genau, wie sie mit ihr umgehen musste.

»Du bist also Marie, ich heiße Emma. Wohin fährst du denn?«

»Vom Anhalter Bahnhof nach Paris«, sagte die Kleine und lächelte Emma zu. Die strich ihr zärtlich über den Kopf mit den Zöpfen und half ihr, die Lokomotive wieder auf das Gleis zu setzen.

»Dein Vater hat recht, du musst viel langsamer fahren, sonst machst du deine schöne neue Lokomotive noch kaputt.«

Marie nickte eifrig. Ihr Vater drehte sich ungeduldig zu Emma um.

»Lassen Sie sie doch spielen. Kommen Sie bitte«, drängte er. »Mein Portemonnaie lag hier drinnen auf dem Nachttisch und …«

»… jetzt ist es hier.« Emma zeigte auf einen offenen Güterwaggon, der direkt hinter der Lok angehängt war. Darin lag als einzige Last eine pralle Brieftasche aus dunkelbraunem Leder. Verblüfft starrte Maurice Bernhardt auf die Spielzeugeisenbahn, sein Gesicht lief rot an. Bevor er explodieren konnte, fragte Emma die Kleine: »Warum musste das Portemonnaie von deinem Vater denn in dem Zug mitfahren?«

»Na, man braucht doch Geld für die Billetts«, sagte Marie achselzuckend.

Emma lachte schnell auf, bevor der Vater einen Wutausbruch bekommen konnte, und überreichte ihm seine Brieftasche.

»Mach es lieber wie meine Tochter, bastle dir Spielgeld«, schlug sie vor.

»Maurice!«, ertönte in diesem Moment eine laute Frauenstimme hinter der Tür, die zur anderen Seite abging. Vater und Tochter fuhren herum. »Schick mir diese Frau mal herein! Mach schon!«

Maurice Bernhardt sah Emma an, Furcht und Gehorsam zeichneten sich auf seinem Gesicht ab. Er bedeutete ihr mit einer Geste, sie solle sich besser beeilen. Emma blieb nichts anderes übrig, sie öffnete die Tür und betrat das Schlafzimmer.

Auf dem Bett lag die berühmte Schauspielerin, die ihr aufgelöst entgegenblickte. Auch wenn Sarah Bernhardts Glanzzeit schon Jahrzehnte zurücklag, Emma sah ihr an, was für eine mesmerisierende Schönheit sie einst gewesen war. Für eine Frau von siebzig Jahren zeigte ihr Gesicht erstaunlich wenig Falten, die dichte pechschwarze Mähne hing ihr bis hinab zu den großen dunklen Augen, die ihr Gegenüber immer noch zu hypnotisieren wussten. Sie trug ein elfenbeinfarbenes Seidennegligé und hatte ihr Zimmer mit Tierfellen drapiert – Zebras, Antilopen, Leopard –, die sie extra mit sich führte, um sich überall wie zu Hause in Paris zu fühlen. Ohne Vorrede begann sie, mit großer Geste und heller, doch wohlklingender dramatischer Stimme zu klagen.

»Dieser Junge – zu nichts nütze, was eine Frau allemal besser machen kann! Kommen Sie her. Na los, kommen Sie schon.«

Emma trat näher. Wie von den anderen Gästen würde sie sich auch von der »göttlichen Sarah« nicht einschüchtern lassen – so nannte sie alle Welt. Vielmehr freute sie sich schon darauf, ihrer Mutter am Abend von der Begegnung zu erzählen.

»Madame?«

Sarah Bernhardt musterte sie mit einem prüfenden, unverhohlen neidischen Blick. »Sie sind hübsch. Wie heißen Sie?«

»Emma Stein, ich bin die Hoteldetektivin.« Sie wollte sich noch weiter vorstellen, doch sie kam nicht dazu.

»Lassen Sie sofort alles zusammenpacken, liebe Emma«, sagte die Bernhardt impulsiv. »Wir müssen noch heute Vormittag abreisen!«

Sie zeigte auf einen großen Schrankkoffer, der halb geöffnet in der Ecke stand. Ein halbes Dutzend Kleider war achtlos hineingeworfen worden. Madame Bernhardt hatte wohl schon selbst zu packen begonnen, so ernst war es ihr.

»Nur dass ich Sie richtig verstehe, Madame«, sagte Emma vorsichtig. »Soweit ich weiß, haben Sie doch heute Abend Premiere im Königlichen Schauspielhaus.«

»Das wird nichts werden«, erklärte die Diva kategorisch. »Ich kann nicht auftreten. Auf gar keinen Fall!« Sarah Bernhardt warf dramatisch den Kopf zurück. O nein, Emma jagte ein heißer Schauer über den Rücken. Was für ein Eklat, das durfte sie nicht zulassen. Sie würde alles unternehmen, was in ihrer Macht stand.

»Aber erklären Sie mir, wie kommen Sie denn plötzlich zu dieser Entscheidung? Sind Sie nervös vor der Premiere, geht es nur um heute Abend? Sie sind für die gesamte Woche gebucht, ganz Berlin will Sie sehen! Meine Mutter hat mir das erzählt, Sie sind Ihr großes Vorbild.«

Ein wehmütiges Lächeln umspielte Madame Bernhardts Lippen.

»Es wird nicht dazu kommen, liebe Emma, niemals. Denn ich weiß, dass ich mich vor aller Öffentlichkeit blamieren werde. Aber es handelt sich keineswegs nur um eine gewöhnliche Neurasthenie … Maurice, hilf mir packen!«, schrie sie nach draußen. »Sofort!«

Ihr Sohn öffnete die Tür und streckte den Kopf herein.

»Wie, Maman … Sie können nicht abreisen! Der Kronprinz und seine Gattin und ihr gesamter Hofstaat sind heute Abend Ihre Ehrengäste!«

Emma sandte ihm einen kurzen Blick und deutete ein Kopfschütteln an. Daraufhin verschwand er wieder und schloss die Tür hinter sich.

»Aber was ist es denn dann, Madame Bernhardt?«, sagte Emma, ohne weiter auf die »Neurasthenie« einzugehen. Mit dieser Bezeichnung wurde von den Ärzten ein niedergedrückter Gemütszustand umschrieben, der auch oft in Hysterie umschlug oder andere seltsame Verhaltensweisen hervorbrachte. »Ich beschwöre Sie, überstürzen Sie nichts. Reden Sie mit mir.«

»Oh, ich habe auch fürchterliche Schmerzen.« Die Bernhardt zeigte auf ihr rechtes Bein, das sie hochgelegt hatte. »Wirklich grauenvoll, ich kann damit nicht einmal richtig gehen. Soll ich es Ihnen vormachen?«

Sie stützte sich ab und versuchte ächzend, sich zu erheben.

Emma hob beschwichtigend die Hand. »Das sollten Sie zunächst ärztlich überprüfen lassen. Ich werde mich sofort darum kümmern.«

»Nein, es ist zu spät. Ich bin bereits entschlossen, abzusagen.« Madame Bernhardt ließ sich wieder in die Kissen sinken. »Meine Karriere ist zu Ende!«

Sie machte eine Kunstpause und schloss die Augen. Offenbar spielte sie immer eine Rolle und immer so, dass ihr Spiel selbst auf den hintersten Plätzen eines riesigen Auditoriums wahrgenommen worden wäre. Selbst wenn ihr Publikum nur aus einer Person bestand.

»Bitte, warten Sie noch. Ich rufe umgehend bei der Charité an, ich kenne dort genau den richtigen Professor.«

»Meinen Sie wirklich?« Hoffnung glomm in den Augen der Bernhardt auf. Doch gleich darauf verschwand sie wieder, und die Diva sackte zusammen. »Aber ein Auftritt heute Abend ist vollkommen ausgeschlossen!«

»Zur Not können Sie ja auch im Sitzen spielen. Oder die Premiere verschieben und sie nachholen! Zumindest den Auftritt vor dem Kaiser diese Woche sollten Sie doch unbedingt absolvieren.« Auch Kaiser Wilhelm II. war ein begeisterter Anhänger der Bernhardt und würde noch eine der Aufführungen im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt besuchen. Das war offiziell angekündigt worden.

»Der Kaiser, ja natürlich … Na gut, probieren Sie es«, gab die Bernhardt nach. »Marie darf nichts davon mitbekommen.«

»Keine Sorge, Madame Bernhardt, zum Glück ist sie ja ganz und gar mit ihrer Eisenbahn beschäftigt.«

»Gott sei Dank! Sehen Sie nur, wie weit es mit mir gekommen ist!«

Die Bernhardt ließ sich in die Laken sinken und legte den rechten Arm über ihr Gesicht, als ertrüge sie es nicht mehr, die Welt zu sehen, oder wie in einer der Sterbeszenen, für die sie so berühmt war.

Emma ging zurück in das Zimmer mit der Eisenbahn und begab sich zu dem Telefonapparat, der dort auf einer Konsole stand. Sie nahm den Hörer ab, sofort meldete sich eine Telefonistin, von der sie sich mit der Charité verbinden ließ. Die kleine Marie ließ die Lokomotive mit einem lauten Pfiff durch den Tunnel fahren, Emma lächelte ihr aufmunternd zu. Die Kleine war ganz in ihr Spiel versunken und würde das folgende, auf Deutsch geführte Gespräch nicht verstehen.

»Charité. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Hier Hotel Imperial, Emma Stein, stellvertretende Direktorin.« Dies war die Bezeichnung, die sie je nach Anlass manchmal offiziell benutzte, sie wurde besser akzeptiert als das Wort Hoteldetektivin. »Bitte stellen Sie mich zu Professor Dinkert durch, er kennt mich persönlich.«

Es dauerte nicht lang, dann meldete sich die dunkle, vertrauenerweckende Stimme des Professors. »Frau Stein? Geht es wieder um Ihren Herrn Vater?«

»Diesmal nicht«, sagte Emma mit unwillkürlich gedämpfter Stimme. »Ein sehr prominenter Gast unseres Hotels benötigt dringend Ihre Hilfe. Es ist Sarah Bernhardt, sie soll heute Abend vor dem Kronprinzen auftreten, doch sie fühlt sich indisponiert. Sie habe Schmerzen im Bein, doch ich glaube, dass es eher um ihren Kopf geht, daher rufe ich Sie an. Es ist wirklich von äußerster Dringlichkeit.«

Der Arzt brummte etwas und sagte: »Dann mache ich mich sofort auf den Weg.«

Emma atmete auf. »Haben Sie vielen Dank, Herr Professor!«

Sie überbrachte der Schauspielerin die gute Nachricht, dass die bestmögliche fachmedizinische Hilfe bereits auf dem Weg war, ein Professor der Charité höchstpersönlich. Sarah Bernhardt schien geschmeichelt und fürs Erste beruhigt zu sein. Den Rest würde der Professor übernehmen. Das sagte Emma auch Maurice Bernhardt. Der zückte mit rotem Kopf seine wiedergefundene Brieftasche und hielt ihr eine goldene Fünfmarkmünze hin.

»Bitte akzeptieren Sie dies als meine Entschuldigung dafür, dass ich Sie vergeblich bemüht habe.«

»Ich bitte Sie, es war sehr gut, dass Sie mich informiert haben. Vielen Dank.«

Mit einem weiten Schritt stieg Emma über den Spielzeugbahnhof hinweg zum Ausgang, wobei sie Marie ein weiteres Mal ein Zwinkern sandte und ein strahlendes Lächeln ihrer kleinen Freundin erntete.

Als sie im Gang auf den Aufzug wartete, gestattete sie sich einen Moment lang private Gedanken. Sie wusste in der Tat nicht, wo ihr Vater sich an diesem Morgen aufhielt oder warum er bislang nicht im Hotel erschienen war, und das machte ihr Sorgen. Die Arbeit als Hoteldetektiv teilten sie sich, und manchmal hatte er dafür in der Stadt zu tun, doch normalerweise sagte er ihr in solchen Fällen Bescheid. Nicht jedoch heute. Statt wie üblich gemeinsam mit ihr zur Arbeit zu fahren, musste Gustav Hartmann bereits weit vor dem Frühstück aufgebrochen sein, und auch ihre Mutter wusste nicht, wohin. Das war schon einmal vorgekommen, auch damals hatte sie ihn vor den Kollegen gedeckt, und danach hatte sie Professor Dinkert konsultiert.

Sie schüttelte die Gedanken wieder ab. Nun würde sie sich darum kümmern müssen, Aglaja zu finden. Hoffentlich war ihrer Freundin nichts zugestoßen.

* 4

Die Tür des linken Lifts öffnete sich, und Bobby blickte suchend heraus. Offenbar hatte er extra auf dieser Etage angehalten. Er wirkte mit einem Mal sehr besorgt.

»Ick habe mir erkundigt«, berichtete er ihr halblaut. »Aglaja war zuletzt im Fünften. Sie ist in det Zimmer eenes Herrn rinjejangen und seither nich mehr rausjekommen.«

»Fahr mich dorthin.«

Bobby nickte ihr zu, und sie gesellte sich zu der gemischten Schar seiner Passagiere. Es waren Neuankömmlinge, die auf Italienisch und Serbisch durcheinanderredeten.

Sie fuhr in die fünfte Etage und ging zu dem Zimmer, das Bobby ihr angegeben hatte. Dort horchte sie an der Tür und klopfte dann energisch.

»Hallo?« Sie verlieh ihrer Stimme den Klang von Dringlichkeit. »Ich komme von der Hoteldirektion und habe eine wichtige Nachricht!«

Sie lauschte und konnte drinnen Schritte vernehmen. Dann wurde die Tür einen Spalt weit geöffnet.

Es war ein männlicher Gast. Er war Ende dreißig, trug ein Bleistiftbärtchen und eine Nickelbrille mit runden Gläsern sowie einen bordeauxroten Morgenmantel. Die Luft hinter ihm war rauchgeschwängert und roch irgendwie nach Unheil.

»Ja, bitte?«, fragte er kalt und maß Emma mit einem Blick von oben nach unten und wieder hinauf. Was er sah, brachte ihn dazu, die Tür noch einen Spalt weiter zu öffnen.

»Es ist eine Nachricht für unser Zimmermädchen«, sagte Emma und lugte an dem Herrn vorbei. »Aglaja, sind Sie da drin?«

»Ja«, hörte sie die Stimme der Freundin.

»So eine Unverschämtheit, mich deshalb zu stören!«, herrschte der Mann sie an. Er hielt sich sehr aufrecht und rauchte eine ägyptische Zigarette in einer Elfenbeinspitze, die er zwischen zwei Fingern balancierte. Hinter ihm tauchte die bildhübsche Dienstbotin auf. Ihre Haare waren in Unordnung, sie sah verängstigt aus.

»Sie werden unten im dritten Stock gebraucht, Aglaja«, sagte Emma. »Jetzt sofort, ein Notfall.«

Zitternd drängelte sich Aglaja hinter dem Herrn hervor. Auch ihre schwarz-weiße Zimmermädchenuniform war derangiert, ja, eine Borte war sogar eingerissen und die zwei oberen Knöpfe der Bluse geöffnet.

Emma hatte keinen Zweifel daran, was sich hier abgespielt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass es nicht zum Äußersten gekommen war.

»Sie ist noch nicht fertig mit Aufräumen!«, protestierte der Mann und streckte einen Arm aus, um ihr den Weg zu versperren.

»Aber ich muss doch frische Handtücher holen«, sagte Aglaja mit ihrem zarten russischen Akzent.

Es war der abgesprochene Satz, der bedeutete: Ich bin in Not. Emma hatte ihn als Zeichen bestimmt und allen Zimmermädchen eingeschärft.

»Gehen Sie. Ich mache das hier für Sie fertig«, sagte sie.

Dem Mann blieb kaum etwas anderes übrig, als den Arm wegzunehmen und das Mädchen hinausschlüpfen zu lassen. Ihre Augen waren feucht, obwohl Emma wusste, dass ihre Freundin einiges aushielt und schon viel mit den Gästen erlebt hatte.

»Na gut, mein Fräulein, dann kommen Sie herein und übernehmen Sie«, sagte der Herr ölig und musterte unverhohlen Emmas Figur. »Sehr angenehm, ich bin Rittmeister von Gorski, Adjutant im Generalstab des kaiserlichen Heeres.« Er knallte die Hacken zusammen, obwohl er nur Pantoffeln trug, und hob die Hand zu einem militärischen Gruß an den mützenlosen Kopf. »Mit wem habe ich denn das Vergnügen? Mit der Hausdame?«

»Diese Position ist bei uns nicht vergeben. Ich bin die Hoteldetektivin«, antwortete Emma. Sie machte keine Anstalten, das Zimmer zu betreten. »Warten Sie einen Moment, Aglaja. Ich habe noch einen Auftrag für Sie.«

Das Zimmermädchen blieb stehen und reckte ihr Kinn. Ihr war klar, dass sie Emma mit diesem Mann keineswegs alleine lassen sollte.

»Die Hoteldetektivin?« Der Rittmeister im Morgenmantel bedachte sie mit einem amüsierten Grinsen. »So etwas gibt es hier, tatsächlich?«

Er machte den Eindruck, als hätte sie ihm soeben die Existenz eines sprechenden Schimpansen bekannt gegeben.

»Emma Stein«, stellte Emma sich ungerührt vor. Sie war mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen, gegen die sie sich hatte behaupten müssen. »Aber reden wir über Sie, Herr Rittmeister. Wem sind Sie denn als Adjutant zugeordnet? Ich habe selbst Bekannte im Generalstab.«

»General von der Marwitz«, sagte der Mann und stand erneut stramm. »Ich bin von ihm abgestellt, um ein wichtiges großes Manöver vorzubereiten. Wen kennen Sie denn?«

Emma sah ihn nachdenklich an. Bei aller Neugier und Aufgeschlossenheit war ihr Blick auf die Gäste doch gnadenlos realistisch, und das musste er auch sein.

»Mein Mann wurde beim 1. Garde-Ulanen-Regiment in Potsdam ausgebildet. Und im Generalstab kennt er …«

»Ihr Mann?« Der Rittmeister wirkte jetzt verunsichert. »Er ist also ein Kamerad?«

»Nicht mehr, er ging danach zur Polizei und wurde Kriminalkommissar.« Seine Betroffenheit schien noch zu wachsen. »Und jetzt ist mein Gatte in Tsingtau und leistet dort seinen Dienst als Polizist in unseren Kolonien.«

Der Rittmeister entspannte sich wieder.

»In China? Das finde ich hochinteressant. Kommen Sie doch herein und erzählen Sie mir mehr davon, gnädige Frau.«

Er trat zur Seite und zeigte lächelnd in den verqualmten Raum. Emma gab Aglaja ein Zeichen mit den Augen.

»Das werde ich nicht, Herr Rittmeister. Wenn Sie überhaupt einer sind.«

»Wie bitte?«

»Ihr militärischer Gruß war nicht korrekt«, sagte Emma. »Er war sogar ganz und gar unvorschriftsmäßig, als Gattin eines ehemaligen Soldaten weiß ich genau, wie man ihn ausführen muss.« Sie machte es vor: führte ihre Hand waagerecht nach oben, nicht im rechten Winkel wie der Mann vor ihr eben, und legte sie an einen imaginären Mützenschirm. Der vermeintliche Rittmeister erblasste und taumelte einen Schritt zurück. Aglaja sah erstaunt von Emma zu ihm. »Die Frage ist also: Wer sind Sie wirklich? Und was haben Sie hier bei uns im Hotel vor?«

»Aber …«, stammelte der Mann und ließ die Zigarettenspitze sinken. »Ich werde …« Er fasste sich wieder. »Das werde ich mir von Ihnen nicht bieten lassen!« Seine Hand schnellte nach vorne und wollte Emma zurückstoßen, um im nächsten Moment die Tür seines Zimmers schließen zu können. Mit einer blitzschnellen Drehung wich Emma der Bewegung aus, sein Arm stieß ins Leere, sie war plötzlich neben ihm und klemmte sein Ellbogengelenk mit ihrer Achsel ein. Er stöhnte vor Schmerz und Überraschung auf.

»Aglaja, hol den Aufzug und lass Bobby kommen«, sagte Emma, wobei sie den Gast weiter fest in ihrem Griff hielt. Aglaja drehte sich um und lief los.

»Herr von Gorski, Sie werden mir als Erstes Ihre Dienstpapiere zeigen.«

»Die habe ich leider nicht bei mir«, knirschte der Mann.

»Dann müssen wir uns eingehend unterhalten.«

Bei dem folgenden Verhör im Detektivbüro stellte sich heraus, dass Rittmeister Waldemar Edler von Gorski – als solcher hatte er sich am Empfang eingetragen – keineswegs ein Mitglied des kaiserlichen Generalstabs war. Er hatte nicht einmal eine Uniform dabei und auch keinen Pass, weder einen militärischen noch einen zivilen. Als Emma ihm mit der Anforderung seiner Akte drohte, gestand er, dass er tatsächlich nicht gedient hatte. Und zwar, da er wegen Plattfüßen als untauglich ausgemustert worden war.

In Wahrheit hieß er Egbert Krepp und entpuppte sich als verkrachter Schriftsteller aus Neuruppin, das uneheliche Kind einer Zugehfrau.

Der Hochstapler war nun sehr kleinlaut und beichtete der Hoteldetektivin zerknirscht, dass er vorgehabt hatte, die falsche Identität und die Autorität eines Offiziers zu nutzen, um bei Damen der höheren Gesellschaft Eindruck zu schinden und sich gegebenenfalls von ihnen aushalten zu lassen. Doch er verwies darauf, dass es zu irgendwelchen Verbrechen ja gar nicht gekommen sei.

»Ach nein? Dann begleichen Sie doch bitte sofort Ihre Zimmerrechnung für die letzte Nacht. Ich bestehe darauf.«

Verlegen gestand Krepp ein, dass er das nicht konnte – und nun gab er zu, dass er vergeblich auf einen Erfolg am ersten Abend und eine Mäzenin gehofft hatte, die das für ihn übernehmen würde. Somit hatte er sich der Zechprellerei schuldig gemacht.

Zudem ließ sich die Hoteldetektivin von dem Zimmermädchen Aglaja schildern, was in dem Zimmer vorgefallen war, und erfuhr, dass der angebliche Rittmeister erst groß angegeben und eine Verführung begonnen, sie dann, als das bei ihr nicht verfing, angegriffen und versucht hatte, sie sexuell zu nötigen, was zum Glück in letzter Minute durch Emmas Eingreifen verhindert worden war.

Daraufhin rief Emma im Polizeipräsidium am Alexanderplatz an und ließ Kriminalrat Plön vom Betrugsdezernat der Berliner Kripo kommen. Er war schon häufiger ihr Ansprechpartner in ähnlichen Fällen gewesen, und er kannte auch ihren Mann Edmund als Kollegen und früheren Kriminalkommissar im Sittendezernat.

Der verschmitzte, väterliche Kriminalrat nahm die Aussagen des Zimmermädchens und Emmas zu Protokoll, dann ließ er Krepp von seinen Beamten ins Polizeipräsidium überführen, wo er in Haft kam.

»Richten Sie Ihrem Gatten in China kollegiale Grüße von mir aus. Ich hoffe, es geht ihm dort gut?«, verabschiedete sich Plön.

»Oh danke, bestens – das werde ich tun, Herr Kriminalrat.«

Dabei verschwieg Emma, dass sie nur sehr lose mit Edmund in Kontakt stand und sein letzter Brief aus Tsingtau von Weihnachten datierte. Offenbar befand sich Edmund Stein seither auf einer ausgedehnten Inspektionsreise durch die Kolonialstädte der ostchinesischen Küstenprovinz.

Nach dieser aufregenden Episode kümmerte sich Emma zunächst um ihre Freundin.

Aglaja erholte sich in ihrem Dienstbotenzimmer im Rückgebäude bei einer Tasse Tee und zitterte immer noch am ganzen Leib. Sie trug nach wie vor die zerrissene Zimmermädchenuniform. Emma ließ sie sich als Erstes umkleiden.

»Komm, wir gehen etwas essen«, sagte sie dann und hakte sie unter.

»Eine Stärkung haben wir uns weiß Gott verdient«, gab die zarte Russin mit ihrem rollenden R zurück und versuchte ein Lachen.

Sie stiegen die Personaltreppe nach unten und passierten im hinteren Teil des Hotels den Großen Festsaal und den Teesalon, zwei riesige Säle, in denen fast jeden Tag Kongresse, Konferenzen und Konzerte stattfanden. Als sie die Lobby erreicht hatten, bogen sie auf Höhe der Rezeption in den Seitenflügel des Hotels, in dem sich das Restaurant befand. Hier duftete es köstlich nach Essen, und beide merkten jetzt, wie hungrig sie waren.

Dem Hotelrestaurant vorgelagert war eine holzgetäfelte, exquisite American Bar mit Sitznischen aus grünem Leder, in der hinter einer lang gestreckten Theke mit Barhockern eine gewaltige Batterie von Flaschen in Glasregalen auf die Gäste wartete.

Dies war das Revier von Emil Pentke, einem kräftigen Prachtburschen, der gerade seine Schicht begann und in einer blütenweißen Barkeeperschürze den Tresen blank polierte. Als sie am Eingang vorübergingen, blickte er hoch, und als er Emma erkannte, leuchteten seine kornblumenblauen Augen auf.

»Hallo, Frau Stein. Hallo, Fräulein Iwanowa.«

Emma grüßte ebenso freundlich zurück.

Mehr redete Emil meist nicht, eine würdige, geheimnisvolle Aura umgab ihn, als hätte er schon mit Ende zwanzig mehrere Leben gelebt. Emma setzte sich manchmal nach Feierabend auf einen Drink an seinen Tresen, doch sie wusste bisher lediglich, dass er höchst verlässlich und sehr erfahren im Umgang mit Menschen war. Und dass er hier von zwölf Uhr mittags bis tief in die Nacht Spirituosen aller Art kredenzte, mit denen er sich bestens auskannte. Auch die neue Mode einer Hotelbar war aus Amerika importiert worden, wie manche der Whiskys, Gins und Brände.

Die beiden Frauen gingen weiter zum riesigen Restaurantsaal. Er wurde auch von zahlreichen Gästen besucht, die von außerhalb des Hotels kamen, doch um diese Zeit waren nur ein paar wenige der mit feinstem weißem Leinen gedeckten Tische besetzt. Sie durchquerten den Saal und begaben sich durch den Kücheneingang in einen Vorraum, wo das Essen für das Personal serviert wurde.

Emma spürte, dass ihre Freundin nach wie vor sehr aufgewühlt war. Aglaja Iwanowa, aus St. Petersburg stammend, war als Kind mit ihren Eltern vor den Unruhen von 1905 geflohen und lebte seither in Berlin. Doch obwohl sie schon einiges durchgemacht hatte, steckte der soeben überstandene Schrecken ihr tief in den Knochen.

»Du bist natürlich eingeladen.« Emma legte ihre Hand auf die der Freundin. Aglaja hätte sich das Essen niemals leisten können, doch Emma erhielt das Tagesessen auf Kosten des Hauses und bestellte nun einfach zwei Portionen, bei Konstantin Wagner höchstpersönlich, dem Chef de Rang, der sonst nur im Restaurant die Bestellungen aufnahm.

Gleich nebenan befand sich die Küche, aus der das Klappern von Geschirr, das Stakkato von hackenden Messern, das Brutzeln der Bratpfannen und laute Rufe zu ihnen herüberdrangen und in der ein gutes Dutzend Köche an großen Gasherden mit dem Zubereiten der Mahlzeiten beschäftigt war. Sie konnten durch die auf und zu schwingenden Türen immer wieder einen Blick auf die Männer mit den hohen weißen Kochmützen erhaschen. Nur wenig später bekamen sie ihre Teller serviert, mit einer exquisiten Seezunge à la meunière, Petersilienkartoffeln und Salat, und sofort machten sie sich mit großem Appetit darüber her. Der französische Chefkoch Alain Rose hatte sich wieder einmal selbst übertroffen, er war in Paris bei dem weltberühmten Auguste Escoffier in die Lehre gegangen und dann von Dr. von Terzky nach Berlin abgeworben worden. Beide tranken zu ihrem Fisch Fachinger Mineralwasser. Plötzlich öffnete sich die Tür zum Restaurant, und Barkeeper Emil erschien mit einer Flasche gekühltem Weißwein, um deren Schaft eine Serviette geschlungen war.

»Eine kleine Aufmerksamkeit«, sagte er und schenkte ihnen jeweils ein Glas ein. »Sie sehen so aus, als ob Sie’s gebrauchen könnten.«

Als Emma sich bedankte, errötete sie. Er hielt diskret einen Finger an die Lippen und ging wieder hinaus.

»Wie er dich immer ansieht«, kicherte Aglaja. »Also, wenn du nicht verheiratet wärst, bei dem hättest du Chancen.«

Emma lächelte. »Bin ich aber. Achte lieber darauf, wie Bobby sich um dich sorgt. Ohne ihn wäre das vorhin nicht gut ausgegangen.«

»Der ist doch viel zu jung, noch ganz grün hinter den Ohren«, sagte Aglaja und entfernte eine Gräte aus ihrer Seezunge.

»Na und? Ich glaube, er wäre genau der Richtige für dich.« Emma prostete ihr zu und kostete den exquisiten Wein. Sie hatte sich gemerkt, was auf dem Etikett stand, ein Chablis Domaine Gérard Duplessis, Jahrgang 1896. Er war leicht, zugleich herb und sehr erfrischend, auf ihrer Zunge nahm sie Aromen von Äpfeln und grünem Gras wahr. Sie liebte guten Wein und bildete sich auch hierin fort.

Nach dem Essen trennten die beiden Freundinnen sich, und jede ging wieder ihrer Arbeit nach.

Emma begab sich in ihr Büro. Hier stellte sie besorgt fest, dass ihr Vater immer noch nicht eingetroffen war oder gemeldet hatte, wo er sich befand. Doch ihr blieb für den Moment kaum etwas anderes übrig, als weiterzuarbeiten. So tippte sie auf der großen Schreibmaschine, wie es vorgeschrieben war, einen detaillierten Bericht über den Vorfall mit dem Hochstapler. Während sie noch dabei war, erhielt sie einen Anruf. Gespannt nahm sie den Hörer ab. Am anderen Ende meldete sich Maurice Bernhardt, der aufatmend berichtete, dass Professor Dinkert von der Charité gleich vormittags seinen Besuch bei Sarah Bernhardt gemacht hatte. Er hatte zuerst ihr schmerzendes Knie und dessen eingeschränkte Beweglichkeit begutachtet, dabei diskret ihren sonstigen Zustand erkundet und sie geschickt aufgemuntert. Schließlich war es ihm gelungen, Madame Bernhardt durch die Gabe eines Beruhigungsmittels – Laudanum, eine starke Opiumtinktur – zu stabilisieren und den Schmerz zu betäuben. Dieser war keineswegs eingebildet, wie ihr Maurice Bernhardt nun erzählte: Vor einigen Jahren hatte sie sich bei einem Bühnensturz in Rio de Janeiro eine schwere Verletzung zugezogen, seither war sie in Behandlung und hinkte.

»Meine Mutter wird heute Abend auftreten und den Kronprinzen mit seiner Entourage bestens unterhalten können. Ab morgen wird ihr Bein dann in der Orthopädischen Abteilung der Charité auf kundigste Weise behandelt werden.« Emma beglückwünschte ihn erleichtert.

»Haben Sie vielen Dank, verehrte Frau Stein.«

»Das ist doch nicht der Rede wert.«

»Aber ja, Sie haben die Karriere meiner Mutter gerettet!«

Nachdem sie aufgelegt hatte, blickte Emma auf ihre neue, höchst praktische Armbanduhr. Es war schon fortgeschrittener Nachmittag, und sie fand, dass dies die richtige Zeit war, um in Suite 103 nach dem Rechten zu sehen.

Diesmal war der mittlere Lift frei. Als Emma ihn betrat, spürte sie eine sanfte, seidenweiche Berührung an ihrem Bein und hörte ein Miauen. Es war die legendäre Hotelkatze des Imperial, Mia, die sich im gesamten Haus frei bewegen durfte und besonders gerne Aufzug fuhr. Eine wunderschöne weiße Angorakatze mit flauschigem Fell und hellblauen Augen, es gab Zeitungsartikel aus aller Welt über sie, und die Gäste fragten schon bei der Ankunft nach ihr. Bewundernd und unter aufgeregten Ausrufen beugten sich zwei Herren mit türkischem Fes zu ihr hinab und streichelten sie, während Mia schnurrend zu Emma aufblickte, die sie besonders gerne mochte. Als diese im ersten Stock ausstieg, fuhr Mia jedoch weiter nach oben, sie hatte wie stets ihre eigenen Pläne und war oft tagelang auf irgendeiner Erkundung unterwegs.

Emma ging zu dem Zimmer und klopfte.

»Hier ist Emma Stein, ich komme von der Hoteldirektion.«

Es dauerte einige Zeit, dann öffnete das amerikanische Honeymoon-Paar, das sich offensichtlich in aller Eile Morgenmäntel übergezogen hatte.

»Bitte entschuldigen Sie vielmals die Störung«, sagte Emma in ausgezeichnetem Englisch und brachte dann den Vorwand vor, den sie sich zurechtgelegt hatte: dass sie nur einmal nachsehen wolle, ob es den beiden neuen Gästen auch an nichts fehle, ob sie sich wohlfühlten?

Beide bejahten enthusiastisch und baten sie herein, sie hatten gerötete Wangen und dunkle Ringe unter den Augen. In ihrer Suite roch es nach Schweiß, es hätte dringend gelüftet werden müssen. In der Mitte des Salons stand ein großer silberner Kübel mit geschmolzenem Eis und zwei leeren Flaschen Dom Pérignon.

Der Ehemann, John Seymour aus Cincinnati, vom Typ her der Quarterback einer College-Football-Mannschaft mit breiten Schultern, wechselte ins Deutsche. Er gestand, er habe in Heidelberg studiert und seine Frau deutsche Vorfahren, deshalb liebten sie alles in diesem Land, und er rief mit lautem Bass aus, der Aufenthalt in diesem Hotel gestalte sich einfach »wunderbar«.

»Das freut mich«, sagte Emma diplomatisch und betrachtete ihre Fingernägel. »Gleichwohl werden Sie verstehen, dass es für das Hotel wichtig ist, sicherzustellen, dass sich alle Gäste wohlfühlen.« An diesem Punkt rötete sich das Gesicht der jungen Ehefrau noch mehr. »Und niemand seine gewohnte Nachtruhe missen muss, zum Beispiel.«

Nun reagierten beide in höchstem Maß verlegen.

»Ich hoffe, dass diese nicht beeinträchtigt worden ist?«, fragte der Ehemann mit seinem kantigen Akzent. Emma versuchte, keine Miene zu verziehen, während sie die Antwort mit einem wohlwollenden Lächeln verweigerte.

»O mein Gott, das war mir gar nicht bewusst«, sagte die Ehefrau Theodora beschämt.

»Wir sind sehr verliebt …«, fügte Mr. Seymour nun hinzu, und es schien Emma, als ob er gleich trotzig werden würde.

»Und das ist wunderschön«, beschwichtigte sie. »Vielleicht darf ich einmal kurz mit Ihrer Frau alleine sprechen?«

»Natürlich.« Der Mann erhob sich. »Ich muss mich sowieso rasieren gehen.«

Mit dem athletischen Gang einer Sportskanone verschwand er im Badezimmer.

Theodora Seymour raffte ihren rosaseidenen Morgenmantel mit dem weißen Pelzbesatz unter dem Kinn zusammen.

»Es tut mir so leid, verehrte Mrs. Stein! Ich weiß gar nicht, was über mich gekommen ist …« Sie stutzte und wurde noch röter, sofern das ging. »Das heißt …« Sie unterbrach sich, Tränen traten ihr in die Augen. »Was es in einem auslöst, den Untergang eines so gewaltigen Schiffes zu überleben, Sie können sich das nicht vorstellen!«

Emma stutzte. »Sie waren selbst auf der Titanic?«, fragte sie entsetzt. »Nicht nur Ihre Eltern, die …«

»… gestorben sind, weil sie uns ihre Plätze im Rettungsboot überließen. Gleich danach haben wir uns verlobt. Aber ich fühle mich schuldig und gleichzeitig so lebenshungrig …«

Emma nahm ihre Hand.

»Sie beide sind frisch verheiratet und lieben sich, daran ist nichts Falsches. Es ging mir auf meiner Hochzeitsreise nicht anders.«