Die Johann-Strauss-Verschwörung - Maria Jelenko - E-Book

Die Johann-Strauss-Verschwörung E-Book

Maria Jelenko

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Beschreibung

Mysteriöse Anschlage auf Walzerkönig Johann Strauss - ein Detektivroman der besonderen Art. "Die Johann-Strauss-Verschwörung" von Maria Jelenko entführt den Leser in das Jahr 1872, als der berühmte Komponist Johann Strauss (Sohn) auf dem Höhepunkt seiner Karriere stand. Mit Werken wie der Tritsch-Tratsch-Polka und dem Donauwalzer hatte er sich weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus einen Namen gemacht. Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten: Auf der Reise zum spektakulären Weltfriedensfest in Boston fühlt sich Strauss zunehmend beobachtet und verfolgt. Ist dies nur Einbildung, oder steckt eine Intrige eines Besessenen dahinter? Als ein Mord geschieht, scheint sich das Netz um ihn zuzuziehen. Ein geheimnisvoller Beschützer taucht auf, doch kann Strauss ihm wirklich trauen? Tauchen Sie ein in diesen fesselnden historischen Kriminalroman voller Spannung und Humor. Maria Jelenko bietet einen detaillierten Einblick in das Leben des berühmten Komponisten, seine Werke und seine Bedeutung für die Musikwelt und zeichnet mit leichter Hand ein authentisches Bild des 19. Jahrhunderts, der Kultur und der politischen Verhältnisse. Ein mitreißender Roman, der Musik- und Geschichtsliebhaber gleichermaßen begeistern wird.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Maria Jelenko wuchs in Wien und den USA auf und studierte Politikwissenschaft sowie Publizistik in Wien. Sie begann ihre berufliche Laufbahn bei einer Wirtschaftszeitung und in Kulturinstitutionen, bevor sie als Chefredakteurin die Online-Auftritte verschiedenster österreichischer Tageszeitungen aufbaute und leitete. Die Autorin lebt in Wien und im Waldviertel, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Dieses Buch ist ein Roman. Die Umstände, unter denen sich die Geschichte abspielt, entsprechen jedoch weitgehend historischen Tatsachen. Weitere Informationen finden sich im Nachwort.

© 2025 Emons Verlag GmbH

Cäcilienstraße 48, 50667 Köln

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, unter Verwendung der Motive von Shutterstock/Lisa-S; Husjak

Lektorat: Julia Lorenzer

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-98707-277-2

Historischer Kriminalroman

Originalausgabe

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Für meine Familie

Ein Abend und eine halbe Nacht im Sperl, wenn die Gärten in Üppigkeit blühen, ist der Schlüssel zum Wiener sinnlichen Leben. Charakteristisch ist der Anfang des Tanzes. Strauß beginnt seine zitternden, nach vollem Ausströmen lechzenden Präludien, sie klingen tragisch, wie eine noch vom Schmerz der Geburt umklammerte Glückseligkeit; der Wiener legt sich sein Mädchen tief in den Arm, sie wiegen sich aufs Wunderlichste in den Takt. Man hört noch eine ganze Weile diese langgehaltenen Brusttöne der Nachtigall, mit denen sie ihr Lied anhebt und die Nerven bestrickt, bis plötzlich der schmetternde Triller hervorsprudelt; der eigentliche Tanz beginnt mit seiner ganzen tosenden Geschwindigkeit, und hinein in den Strudel stürzt sich das Paar. Diese Orgien dauern bis gegen den Morgen, da nimmt Österreichs musikalischer Held Johann Strauß seine Geige und geht heim, um einige Stunden zu schlafen, um von neuen Schlachtplänen und Walzermotiven zu träumen für den nächsten Nachmittag in Hietzing. Die heißen Paare stürzen sich in die warme Wiener Nachtluft hinaus und das Kosen und Kichern verschwindet nach allen Straßen.

Heinrich Laube (1806–1884)

PROLOG EIN TOTER AN BORD

Es war Nacht auf hoher See. Schnaufend wälzte sich der gigantische Dampfer »Rhein« durch den Atlantik, mit knapp zwölf Knoten von Bremerhaven Richtung New York. Der massive schwarze Rumpf trotzte den tintenblauen Wellen, die sich im Glanz der Sterne schäumend an ihm brachen. Der Seegang in dieser Nacht war stärker als zuvor, das Tosen des Meeres umspülte das träge Schiff. Die Segel, frühere Meister des Windes, hingen nutzlos herab. Die eiserne Kraft der Moderne hatte sie überflügelt. Der rhythmische Takt der Dampfmaschine durchdrang die salzige Luft, schwarze Rauchschwaden stiegen aus den Schornsteinen auf und vermischten sich mit den Wolken am Horizont.

Unter den Passagieren des Zwischendecks herrschte eine seltsame Ruhe. Es waren größtenteils Auswanderer, die, eingepfercht in ihren Stockbetten, ihre Heimat hinter sich gelassen hatten und in den unbeleuchteten Schlafräumen von einem besseren Leben in der Neuen Welt träumten. Das monotone Stampfen der Schiffsmotoren, das Klatschen der Wellen – all das war nur wenige Tage nach Abfahrt des Ozeanriesen für sie zu einer fernen Melodie geworden. An den scharfen Gestank nach Erbrochenem, der vom unablässigen Schwanken des Schiffs herrührte, hatten sie sich längst gewöhnt. Selbst das Geräusch der leeren Spirituosenflaschen, die im Takt der Maschinen rhythmisch auf dem Boden rollten, nahmen sie kaum noch wahr. Der Alltag auf dem tosenden Meer hatte sie stumpf gemacht für die Unannehmlichkeiten, die das Leben für Passagiere der Holzklasse mit sich brachte. Hoffnungen und Sehnsüchte hatten von ihren Gedanken Besitz genommen, während sie dem Unbekannten entgegenstrebten.

Weit über ihnen hüllte die Nacht das verlassene Deck in einen kühlen Schleier aus weißer Gischt und milchigem Licht, das die Mondsichel auf das Schiff der norddeutschen Reederei Lloyd warf. Der scharfe Wind brachte die Taue zum Knarren, die Planken zum Vibrieren. Der Gestank vom Rauch aus den Schornsteinen und der ölige Geruch der Maschine aus dem Schiffsbauch lagen schwer in der Luft und vermischten sich mit dem algigen Dunst. Die einzige Laterne an der Bordwand des Decks warf einen flackernden Schatten auf eine wachsame Gestalt – es war der leicht torkelnde Nachtwächter Erwin aus der Kaiserstadt Wien, der sich, gehüllt in Regenmantel und Regenhut, bei seinem abendlichen Rundgang an der salzverkrusteten Reling festhielt und dem Rufen der im spärlichen Mondlicht jagenden Seevögel über dem Schiff lauschte, bevor er seine Runde fortsetzte, in der Hand eine Flasche Schnaps. Auf dem Weg Richtung Bug hielt er kurz inne. Die Umrisse einer Person schälten sich aus der Dunkelheit.

»Wer da?«, schrie Erwin gegen den salzigen Wind. Eine Böe trieb seinen Ruf jedoch jäh in die nächtlichen Gewalten des tosenden Wassers, er blieb ungehört.

Es war der europaweit gefeierte Musiker Johann Strauss junior, den seine Schlaflosigkeit an die frische Luft getrieben hatte, während seine Gedanken unablässig um seine bevorstehenden Konzerte in Boston und New York kreisten. Allein in Boston hatte er sich für das gigantische Weltfriedensjubiläum, das vom 17. Juni bis zum 4. Juli stattfinden sollte, zu nicht weniger als sechzehn Konzerten verpflichtet. Bei jedem Konzert würden laut Organisatoren mindestens zweitausend Musiker teilnehmen und seine Walzer begleiten. Diese Dimensionen waren selbst für Strauss, der in seiner Heimat durchaus an Superlative gewöhnt war, unvorstellbar. Nein, es waren weniger die Strapazen der bevorstehenden Veranstaltungen, die ihm in den letzten Tagen den Schlaf raubten. Vielmehr war es eine zähe Angst, die dem ohnehin hypernervösen Komponisten unruhige Nächte bereitete. Eine Angst, von der er bereits in seiner Heimatstadt Wien ergriffen worden war, als er sich nach langem Hin und Her zu der Reise durchgerungen hatte, und die ihn seit Beginn dieses ihm äußerst waghalsig erscheinenden Abenteuers in eine fremde Welt nahezu lähmte.

Strauss strich sein dichtes schwarzes, von einem Windstoß zerzaustes Haar aus der gewölbten Stirn. Nervös suchten seine dunklen Augen das leere Deck ab, während er gezielt auf eine windgeschützte Ecke in der Mitte des Dampfers zusteuerte. Hier fühlte er sich sicher, hier rauchte er gern eine Zigarre, um sich von der ihn ständig begleitenden Angst abzulenken. Furchtsam kontrollierte er das dunkle Wasser auf ein mögliches Hindernis. Was, wenn der Kapitän eingeschlafen ist und das Schiff unkontrolliert gegen einen aus den Fluten ragenden Felsen donnert? Was, wenn es mit einem entgegenkommenden Dampfer kollidiert? Oder gar mit einem Wal?

Er besann sich. »Was bin ich doch für ein Narr!«, rief er aus, während sich über seiner leicht gebogenen Nase eine Falte bildete. Verärgert über die sich unermüdlich im Kreis drehenden Gedanken versuchte er, sich mit einer energischen Handbewegung auf etwas anderes zu konzentrieren. Sein Erfolgsstück »Donauwalzer« schoss ihm in den Kopf, während er angestrengt die gewaltigen Wassermassen unter sich fixierte, um zur Ruhe zu kommen. Doch er blieb unruhig, fühlte sich beobachtet – nicht nur in diesem Moment. Diese Empfindung hatte ihn von Anbeginn der Reise begleitet. Jemand schien ihm auf Schritt und Tritt zu folgen. Jetzt, in der unberechenbaren Dunkelheit der Nacht, verstärkte sich dieses Gefühl noch. »Eine Schnapsidee, dass ich mich zu dieser verdammten Überfahrt überreden hab lassen«, entfuhr es ihm unwillkürlich. Hilfesuchend blickte Strauss hinauf zum Krähennest, das sich hoch oben am vorderen Mast des Schiffs befand, darauf hoffend, einen diensthabenden Matrosen zu erspähen. Doch soweit er das von seinem Platz aus beurteilen konnte, war die Aussichtsplattform leer – um diese Uhrzeit kaum verwunderlich.

Der Musiker versuchte, seine Gedanken abzuschütteln, und holte sich die Erinnerungen an die letzten Vorbereitungen vor seiner Abreise zurück ins Gedächtnis, während er immer noch auf die Weite des Ozeans starrte. In Wien hatte er ein Testament aufgesetzt, in dem seine Frau Henriette, die er liebevoll »Jetty« nannte, als Universalerbin eingesetzt war. Jetty war in der erst kürzlich bezogenen Villa in Hietzing zurückgeblieben, um sich um seine Finanzen zu kümmern. Für den Fall, dass nicht nur ihm, sondern auch ihr während seiner Abwesenheit etwas zustoßen sollte, hatte er die Gründung einer Stiftung für verarmte Künstler angeordnet. Außerdem musste er wegen seiner Amerikareise seinen langjährigen Künstlervertrag mit der russischen Stadt Pawlowsk brechen und einen möglichen Schadenersatzprozess in Kauf nehmen. Die hohe Summe, die ihm mit der Amerikareise winkte, würde seine sommerlichen Einkünfte in Pawlowsk jedoch bei Weitem übertreffen. Das war mit ein Grund, warum er sich für dieses Abenteuer hatte breitschlagen lassen.

Nachdenklich strich sich der Maestro über den kräftigen Schnurrbart und die stattlichen Koteletten, wie er es immer zu tun pflegte, wenn er sich konzentrierte. Dabei kam ihm in den Sinn, wie viel Arbeit ihn nach seiner Rückkunft nach Wien erwarten würde. Im Jahr darauf sollte nicht nur die Wiener Weltausstellung stattfinden, bei der er mit einem eigens dafür zusammengestellten Orchester, der »Wiener Ausstellungskapelle«, in einer gigantischen Halle aufzutreten plante. Auch das fünfzigjährige Jubiläum des musikalischen »Familienimperiums Strauss« stand mit einem Wohltätigkeitskonzert im Musikverein bevor. Mit Grauen dachte er an dieses Ereignis. Waren doch seine geliebte Mutter Anna und sein Bruder Pepi zwei Jahre zuvor verstorben. Zuletzt war die Beziehung zu Pepi und seinem anderen Bruder Edi von Streitereien und Intrigen geprägt gewesen. Trotz der ständigen Querelen hatte er Edi die Strauss-Kapelle überlassen, um für sein neues Projekt, die Operette »Indigo und die 40 Räuber«, den Rücken frei zu haben – die richtige Entscheidung, wie der Erfolg des Stücks später zeigen sollte. Zudem wollte er nach seiner Rückkehr mit der Operette »Der Karneval in Rom« beginnen. Jetty plante die Uraufführung für den kommenden Frühling. Und mit der »Fledermaus« ging ihm bereits die Musik für eine weitere Operette durch den Kopf.

Strauss’ Gedanken wurden jäh unterbrochen, als er unmittelbar hinter sich Geräusche wahrzunehmen glaubte. Erst einen dumpfen Ton, dann klang es, als würde ein klirrender Säbel auf Stein stoßen. Oder war es doch eher ein Quietschen? Abrupt drehte er sich um und spähte ums Eck. Seine Augen suchten fieberhaft nach der Quelle der Laute, die ihn so plötzlich aus seinen Überlegungen gerissen hatten. Doch er konnte nichts Konkretes entdecken. Da, für einen flüchtigen Moment meinte er trotz der Dunkelheit und der Gischt einen Schatten zu erkennen, der kaum zehn Meter von ihm entfernt zu Boden sank, und dann noch einen.

Der Maestro schüttelte den Kopf. »Mein Schlafmangel bringt mich noch um den Verstand«, grummelte er und griff umständlich in seine Manteltasche, um sein Zigarrenetui hervorzukramen. Beim Versuch, die Zigarre anzuzünden, scheiterte er jedoch – der Wind hatte an Kraft zugelegt. Keine Chance, das Streichholz am Brennen zu halten. Mit einem genervten Seufzer knöpfte er die obersten Messingknöpfe seines dunkelblauen Mantels zu, steckte die Rauchutensilien wieder in seine Tasche und tastete sich vorsichtig über die gischtnassen Planken zum Stiegenabgang, um zu seiner Kajüte zurückzukehren.

Doch was war es tatsächlich, das die Aufmerksamkeit des Musikers erregt hatte? War es nur Einbildung gewesen, wie er vermutete? In Wirklichkeit hatte es sich um einen schrillen Schrei gehandelt, der jedoch beinahe zur Gänze vom tosenden Lärm des Windes und der Wellen weggetragen wurde. Den Schrei eines jungen Mannes mit rötlichem Haarschopf. Der Mann war zu Boden gestürzt, als ihn jemand von hinten niederrang. Zuvor hatte ein kurzer Kampf stattgefunden, daher der dumpfe Aufprall, den Strauss zuerst vernommen hatte. Der Rotschopf hatte schließlich einen Brüller von sich gegeben, als ihm sein Angreifer ein Messer seitlich in den Rücken stieß. Unbemerkt musste ihm jemand mit leisen, entschlossenen Schritten auf das Deck gefolgt sein. Doch wer mochte Interesse daran gehabt haben, den jungen Mann niederzuringen, um ihm dann ein Messer in den Rücken zu jagen? Und warum ausgerechnet hier, mitten auf hoher See? Und was hatte dieser Mann, der jetzt leblos dalag, überhaupt zu nächtlicher Stunde dort zu suchen gehabt? Hatte er, so wie Johann Strauss, ebenfalls an Schlaflosigkeit gelitten? Oder war er dem Musiker unbemerkt gefolgt?

Weder die kurze Rauferei noch der gellende Schrei des Opfers wurde von den Passagieren der »Rhein« vernommen. Nicht von denen, die auf dem Zwischendeck lagen, und auch nicht von den betuchten Gästen der ersten Klasse in ihren Luxuskabinen.

Als der Nachtwächter seine letzte Runde drehte und an Deck kam, wäre er fast über den Leichnam des Unbekannten gestolpert, der in einer Blutlache auf den Planken lag. Vor Schreck ließ Erwin seine beinahe leere Flasche fallen.

»Jessas!«, entfuhr es ihm. »A Leich!«

Sofort raffte er seinen vom Salzwasser triefenden Mantel und eilte zur Schiffsglocke, die mit der Kapitänskajüte verbunden war. Am Horizont schälte sich langsam die Morgendämmerung aus der Dunkelheit der Nacht und malte den Himmel vorsichtig in sanfte Pastelltöne, als der beleibte Kapitän Johann Carl Meyer atemlos bei der Schiffsglocke ankam.

Das stolze Dampfschiff pflügte seinen Weg durch die wilde See und hinterließ eine schimmernde Spur aus Gischt und Schaum, als ein Leichnam, eingewickelt in ein altes Segeltuch, von der Reling ins Meer geworfen wurde. Man schrieb den 8. Juni 1872, genau ein Jahr vor dem großen Börsenkrach, der den Wiener Aktienmarkt ruinieren würde. Und ein englischer Detective nahm auf der Suche nach der wahren Todesursache die Fährte auf.

ZAHNWEH-HERRGOTT

»Dieser Lump!« Johann Strauss junior, Sohn des legendären Komponisten Johann Strauss, runzelte verärgert die Stirn, während er im Speisezimmer seiner Hietzinger Villa bei Spiegelei mit Speck saß und in der Morgenausgabe der Neuen Freien Presse schmökerte. Vor ihm türmte sich frisches Gebäck in einem Brotkorb, daneben ein duftender Gugelhupf und verschiedene Käsesorten. Der Musiker nahm seinen Kneifer von der Nase und warf die resche Kaisersemmel, in die er gerade gebissen hatte, auf den Frühstücksteller. Seine beiden Doggen sprangen erschrocken auf.

»Was bedrückt dich?«, wollte seine Frau Henriette, »Jetty«, wissen, die ihm gegenübersaß und mit unerschütterlicher Gelassenheit Rechnungen sortierte. Sie trug ein aus einem glänzenden silbergrauen Seidenstoff gefertigtes Kostüm, das reich mit Faltenvolants sowie goldfarbenen Seidenfransen und Knöpfen verziert war. Ihr dunkles Haar war zu einem kunstvollen Knoten aufgesteckt.

»Der Zirnig, der Trottel, hat schon wieder einen neuen Vertrag bekommen, diesmal vom Dommayer.« Wütend knallte Strauss ihr die Zeitung vom 30. April 1872 vor die Nase und wies mit dem Finger auf eine kurze Notiz, über der ein Bild seines musikalischen Kontrahenten mit seinem überdimensionierten Kaiser-Franz-Joseph-Bart abgebildet war.

Jetty las vor: »›Der ehemalige Strauss-Verleger Matthias Hasleitner hat für Strauss’ aufstrebenden Kompositionskonkurrenten Friedrich Zirnig einen Supercoup gelandet: Ein ganzes Jahr lang darf Zirnig, Kapellmeister des Arbeiter-Bildungswerks, im Café Dommayer dreimal wöchentlich auftreten. Ausgerechnet im Dommayer! Am 15. Oktober 1844 hatte hier Johann Strauss Sohn mit seiner neu zusammengestellten Kapelle debütiert, seinen ersten großen Walzer (›Gunstwerber‹) dirigiert und damit einen durchschlagenden Erfolg verzeichnet. Zirnig bestreitet nebstbei auch das Promenadenkonzert in den Blumensälen der Gartenbau-Gesellschaft, das Johann und Josef Strauss vor zwei Jahren zu wohltätigen Zwecken veranstalteten und bei dem sie sich vor der Abreise nach Pawlowsk vom Publikum verabschiedeten. Zirnig ist der neue Publikumsliebling, weil er –‹«

»Nicht weiterlesen, das ertrage ich nicht!« Strauss fuhr seine Frau an, die erschrocken zusammenzuckte. »Publikumsliebling. Pah, wenn ich das nur höre! Da beschere ich den vergnügungssüchtigen Wienern Monat für Monat und Jahr für Jahr Melodien, die zu den besten zählen, die dieses Jahrhundert gehört hat, und dann das.« Er sprang auf. »Undankbares Pack!«, rief er empört, fuhr sich durch sein krauses Haar, entriss Jetty die Zeitung und knallte sie auf den Tisch.

Durch den Radau aufgeschreckt, steckte sein Diener Stefan Detoni, den das Ehepaar »Stepi« nannte, vorsichtig den Kopf zur Tür herein, um zu sehen, was seinen Herrn so erregte.

»Lass den Fiaker spannen!«, befahl ihm Strauss.

Von der Maxingstraße her drang der Lärm eines neumodischen Omnibusses in den Raum. Die drei Jahre zuvor gegründete »Wiener Allgemeine Omnibus-Aktiengesellschaft« führte unter anderem auch eine Linie nach Schönbrunn. Die Busse schnaubten und polterten unterhalb der einstöckigen Strauss-Villa vorbei und erzeugten einen entsetzlichen Gestank und dabei auch noch ohrenbetäubende Hup- und Motorengeräusche.

»Herrschaftszeiten, dieser Lärm!« Der Musiker knallte das Fenster zu, aus dem man einen freien Blick auf die kaiserliche Sommerresidenz Schloss Schönbrunn hatte. Lärm war etwas, das der Komponist sehr schlecht vertrug. Ob seiner zahlreichen Auftritte in den Wiener Konzertsälen und des stetigen Drucks, ständig neue Musikstücke zu schaffen, um die unersättliche Musikleidenschaft der Wiener Gesellschaft zu befriedigen, war sein bereits fragiles Nervenkostüm seit geraumer Zeit überlastet. Seine innere Unruhe und seine Ängste wurden auf eine harte Probe gestellt. Das pulsierende Leben der Stadt hatte sich in den letzten Jahren zu einer undurchdringlichen Klangkulisse verdichtet. An jeder Ecke boten Verkäufer den vorbeieilenden Passanten laut schreiend ihre Zigaretten, Heizkohle oder frisch gedruckte Tageszeitungen an. Das Hämmern von Werkzeugen hallte aus den Handwerksbetrieben oder von den Pflasterarbeiten auf den Straßen. Monoton polternde Maschinen dröhnten aus den zahllosen Fabrikhallen bis in die hintersten Gassen der Außenbezirke. Der Lärm der Pferdebahnwägen oder, wie die Wiener zu sagen pflegten, »Glöckerlbahnen«, die wie kriechende Schlangen unvermittelt um die Ecken bogen, war allgegenwärtig. Dazu gesellte sich das unaufhörliche Getrampel der Kutschen. Und schließlich hallte das Singen des Windes immer wieder durch die engen Straßen Wiens. Kurzum, die moderne Zeit hatte der Ruhe vergangener Epochen ein Ende gesetzt.

»Jetzt beruhig dich wieder! Du musst da drüberstehen, das einfach ignorieren. Dann ist Zirnig der Verlierer.« Die um sieben Jahre ältere Jetty, der Ruhepol in dieser Ehe, war ebenfalls aufgesprungen und hatte die Schulter ihres Mannes ergriffen. »Schau dich an. Mit deinen sechsundvierzig Jahren bist du längst ein gemachter Mann. Vom Hasleitner hast du gerade einmal allerhöchstens fünfzig Gulden für eine Tanzkomposition bekommen, vom Spina kriegst du zehnmal so viel, und das seit über acht Jahren! Und du ärgerst dich über den Zirnig? Der Hutmacher ist doch gegen dich ein armseliger Tropf. Dem zahlt der Hasleitner höchstens zwanzig Gulden für einen Walzer.« Jetty setzte sich wieder. Dann fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort: »Und vergiss eines nicht: Du darfst bei der Wiener Weltausstellung nächstes Jahr mit deinem Orchester auftreten, nicht er! Eigentlich wäre er dafür vorgesehen gewesen. Du weißt, wie gerne er das gemacht hätte.«

Strauss zog seine dunklen Brauen zusammen und sah seine Frau nachdenklich an. Wie fast immer hatte sie recht, wenn es ums Geschäftliche ging. Zirnig war talentiert, keine Frage. Der gelernte Hutmacher, der nun in der Obhut seines ehemaligen Musikverlegers Matthias Hasleitner stand, mit dem er selbst sich vor Jahren überworfen hatte, konnte ihm bei Weitem nicht das Wasser reichen. Ja im Grunde musste er einem fast leidtun, bedachte man, wie wenig er im Verhältnis zu ihm, Strauss, verdiente. Und er wusste, dass Zirnig alles dafür gegeben hätte, bei der Wiener Weltausstellung in der Rotunde im Prater zu stehen und ein Orchester zu dirigieren. Doch diese Ehre würde ihm selbst zuteilwerden. Schließlich war er der Walzerkönig von Wien! Und er wusste auch, dass Zirnig gern eines seiner Werke beim Concordia Ball der Pressevertreter in den Sophiensälen aufführen wollte. Dieser Ball galt als einer der glamourösesten in ganz Wien. Nicht nur, weil der Veranstalter das sommerliche Schwimmbad im Winter zu einem Tanzparkett umfunktionierte – eine besonders raffinierte Idee, wie Strauss fand –, sondern auch, weil sich hier alle wichtigen Politiker und Journalisten einfanden, um zu tanzen und sich zu vernetzen. Aber der Ball war nun einmal fest in der Hand seiner Familie. Zuerst in der seines Vaters, später waren die Säle zur Wirkungsstätte von ihm und seinen beiden Brüdern samt ihren Kapellen geworden. Strauss dachte an die Stücke, die er dem Ball gewidmet hatte, etwa die Walzer »Morgenblätter« oder »Leitartikel«.

»Vielleicht solltest du nach deiner Amerikareise wieder einmal auf Kur fahren? In Bad Ischl plant Elisabeth Gräfin Seilern und Aspang, eine Villa zu bauen, sie will dich unbedingt dorthin einladen, wenn sie fertig ist. Möglicherweise bereits im Herbst.«

»Ich fahre nicht wieder in den depperten Kurort und schon gar nicht nach Amerika, wie oft soll ich dir das noch sagen! Was, wenn mich einer dieser Indianer massakriert?« Ärgerlich strich sich der Musiker eine schwarze Locke aus der Stirn.

»Geh, Schani! Bad Ischl war doch für dich stets ein Ort der Entspannung. Bei der Sommerfrische konntest du dich noch jedes Jahr von den Mühsalen erholen und neue Energie tanken«, rief ihm Jetty in Erinnerung. »Und was die Reise betrifft: Du sagst doch immer, dass du dich dein ganzes Leben lang weiterentwickeln willst. Also musst du den nächsten Schritt wagen – auch wenn er über den Ozean führt.« Ihre dunklen Augen blitzten gewieft.

Johann Strauss sollte beim großen »Weltfriedensfest« in Boston in einer gigantischen, eigens errichteten hundertfünfundsechzig mal hundertfünf Meter großen Halle seine Walzer und Polkas zum Besten geben. Für dieses Engagement würde er stattlich belohnt werden.

»Ich will nicht fahren! Gerade läuft hier in Wien alles so gut. Man feiert meine Musik, ich bin sogar erfolgreicher, als mein Herr Papa es jemals war. Und du weißt doch, dass ich das Reisen hasse.« Der Komponist legte seine Stirn in Falten und strich sich über den Schnurrbart und die Koteletten, bevor er fortfuhr: »Die Vorbereitungen für die Weltausstellung in Wien im kommenden Jahr mit dem neuen Orchester und das fünfzigjährige Bestehen unseres Familiengeschäfts mit dem Wohltätigkeitskonzert im Musikverein werden uns viel Zeit abverlangen.«

»Die Leitung dieses Konzerts kannst du getrost deinem Bruder Edi überlassen«, entgegnete seine Frau kühl und fügte hinzu: »All die Vorbereitungen liegen ohnehin in meiner Hand. Ich selbst werde dich nicht nach Amerika begleiten, sondern in Wien bleiben und mich während deiner Abwesenheit um die Geschäfte kümmern.«

Strauss schien davon unbeeindruckt zu sein. Im Gegenteil: Dass er ohne sie nach Boston reisen sollte, machte ihn für dieses Unternehmen nur noch unempfänglicher. Zwar hatte er tatsächlich ein gutes Gefühl dabei, wenn sie die organisatorischen Vorbereitungen für ihn übernahm, aber ohne ihre Begleitung über den Atlantik auf einem dieser Dampfschiffe? Unmöglich!

»Vor hunderttausend Zuschauern wirst du in Boston spielen, zweitausend Musiker sollst du dirigieren, hat der Organisator, Patrick Gilmore, versprochen. So eine Gelegenheit darfst du dir nicht entgehen lassen. Du musst auf mich hören!« Und Jetty legte nach: »Erinnere dich, du hast es mir zu verdanken, dass du letztes Jahr von all deinen Funktionen deines Titels als k.u.k. Hofball-Musikdirektor und den damit verbundenen Pflichten entlassen wurdest und dass dir das Obersthofmeisteramt zugestanden hat, den Ehrentitel bis an dein Lebensende weiterzuführen.«

Wieder einmal hatte Jetty recht. Dieser Titel war ihm besonders wichtig gewesen. Ohne ihr geschäftliches Geschick wäre ihm dieser Schachzug niemals gelungen. Dann hätte er auch den Rücken nicht frei gehabt für die Produktion der Operette »Indigo und die 40 Räuber«, mit der er im Vorjahr einen so überwältigenden Erfolg gefeiert hatte. Doch das war etwas völlig anderes. Bei der Amerikareise ging es um Leben und Tod – jedenfalls in den Augen des Künstlers. Trotzig rief er aus: »Mein Entschluss steht fest: Ich werde nicht nach Boston fahren!«

Mit diesen Worten nahm Strauss seine Jacke vom Garderobenständer, setzte seinen Hut auf, schnappte sich seinen Spazierstock und rauschte an der verdutzten Jetty vorbei zur Eingangstür. Die beiden Hunde umschwänzelten ihn erfreut, weil sie dachten, ihr Herrl würde sie auf einen Morgenspaziergang in den Schlosspark mitnehmen, wie meistens um diese Zeit. Doch an diesem Tag war nicht daran zu denken. Mit einem lauten Knall schmiss er die Tür hinter sich zu und stieg in den Fiaker, der vor der Villa auf ihn wartete. »Zum Heinrichshof!«, gebot er dem Kutscher.

Kopfschüttelnd blickte Jetty ihrem Mann nach. Wie sollte dieser verletzliche Mensch, der nach außen hin immer ruhig und galant war, innerlich aber vor Anspannung und Nervosität jeden Moment zu zerplatzen drohte, das alles nur bewerkstelligen? Auch von seiner Statur her war ihr Gatte nicht sehr robust. Wenn man bis in die Morgenstunden auf der Bühne steht, mit Kutschen auf schlechten Fahrwegen von Ball zu Ball hetzt, seine Zeit in stickigen, mit Kerzenlicht notdürftig beleuchteten Sälen verbringt, dann baut man keine Muskeln auf, sondern wird kränklich und schwach, dachte sie. Und Bewegung an der frischen Luft war ihm verhasst, bis auf seine tägliche kurze Runde mit den Hunden im Schlosspark.

Wie früher sein Vater hatte der Komponist einen vollen Terminkalender. Im Sommer spielte er jeden Montag im »Dommayer«, am Dienstag und Freitag im Volksgarten, mittwochs im »Großen Zeisig«, donnerstags in »Valentins Bierhalle«, samstags in »Engländers Restauration« und am Sonntag im »Casino Unger« in Hernals. Dazu kamen noch Konzerte im Prater, im »Sperl«, in den Sofiensälen und den k.u.k. Redoutensälen sowie in Schwenders Etablissement oder im »Casino Zögernitz« in der Döblinger Vorstadt.

Jetty seufzte. Sie kannte dieses Leben nur zu gut. Immerhin hatte sie selbst jahrelang in England und Wien Auftritte als Opernsängerin absolviert. Wegen der vielen Bälle war die Wintersaison noch hektischer, wenn die Wiener Gesellschaft noch intensiver als sonst nach modernen und immer neuen Musikstücken lechzte. Oft musste die Kapelle geteilt werden, dann dirigierte Strauss die ersten Tänze einer Veranstaltung, übergab den Taktstock einem Subdirigenten und eilte zur nächsten. Im Frühling erst hatte er die anstrengende Faschingssaison hinter sich gebracht. Nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen und dem für das Kaiserreich erniedrigenden Ausgleich mit Ungarn war die Tanzwut besonders ausgeprägt. Die Wiener suchten Ablenkung in der angespannten und von Unruhen geprägten Stimmung. Verhaftungen und Verurteilungen von demonstrierenden Arbeitern, die sich gegen die Repressionen wandten, hatten vor wenigen Monaten zu massiven Protesten und mehrtägigen Krawallen geführt. Diese staatlichen Maßnahmen einschließlich der Auflösung von Arbeiterbildungsvereinen verstärkten die Unzufriedenheit und das Aufbegehren in der Bevölkerung. Nein, Jetty beneidete ihren Gatten nicht um seinen gehetzten Alltag. Eine weitere unliebsame Folge neben seiner inneren Unruhe war seine Schlaflosigkeit. Während sie darüber sinnierte, fiel ihr Blick auf eine Anzeige in der Zeitung.

»Cigarettes Indiennes aus Cannabis Indica«, stand da fett gedruckt. Und darunter: »Dieses neue Mittel wird von einer großen Anzahl von Ärzten in Frankreich und in anderen Ländern empfohlen, um verschiedene Affectionen der Atmungswerkzeuge zu bekämpfen. Das Einathmen des Rauches dieser Zigaretten wirkt wohltätig gegen die heftigen asthmatischen Anfälle, nervösen Husten, Heiserkeit, Schlaflosigkeit, Kehlkopfleiden und vieles mehr.«

Sollte sie ihm solche Zigaretten besorgen? Nein, besser nicht. Vielleicht, dachte sie, während sie sich erneut den vielen Rechnungen und Korrespondenzen zuwandte, brauchte der Schani die innere Unruhe, um dieses Meer an unerschöpflichen Melodien zu kreieren? Na ja, wenigstens bestritt er nur noch Auftritte, bei denen er ein fixes Engagement hatte.

Mit ihrer goldenen Tintenfeder unterzeichnete sie eine Rechnung. Ihre Gedanken wanderten nach Bad Ischl. Den Sommer über nahm ihr Mann oft an gesellschaftlichen Ereignissen und musikalischen Aufführungen in dem Kurort teil. Bad Ischl war ein Zentrum der österreichischen und internationalen Gesellschaft, und Strauss war ein gern gesehener Gast bei Konzerten und Bällen. In den letzten Jahren hatte er den kaiserlichen Ort jedoch vermehrt durch Pawlowsk bei St. Petersburg getauscht. Den diesjährigen Vertrag mit Pawlowsk würde sie auf jeden Fall stornieren müssen, wenn sie ihn dazu überreden konnte, doch nach Boston zu fahren, überlegte sie. Dann sammelte sie die am Tisch ausgebreiteten Zettel ein, um den beiden Doggen ihr Essen zuzubereiten.

Vorbei am Schloss Schönbrunn wackelte der Fiaker an diesem ersten vorsommerlichen Vormittag Ende April durch die Vororte von Wien – erst durch Hundsturm, dann durch das belebte Margareten. Die Knospen der Forsythien blühten in leuchtendem Gelb, der Duft des Frühlings erfüllte die Luft. Die Pferde trabten in einem gemächlichen Rhythmus, während Strauss nervös an seinen Nägeln kaute. Kaum saß er in einer Kutsche, begleitete ihn die Angst vor einem Unfall. Um sich abzulenken, sinnierte er über den Anfang einer möglichen nächsten Operette, die ihm sein Freund Richard Genée kürzlich schmackhaft machen wollte. »Der Karneval in Rom« sollte das Stück heißen. Gleich zu Beginn der Aufführung reiste ein Maler mit der Kutsche durchs Land und verliebte sich in ein junges Mädchen. Strauss, angeregt durch seine eigene Fahrt und um seine Angst zu vertreiben, summte eine Melodie. Ja, dies könnte tatsächlich die Ouvertüre zu der neuen Operette sein.

Der Fiaker quälte sich durch die engen Gassen von Mariahilf, wo die Menschen bereits emsig ihren Geschäften nachgingen. Weiter vor sich hin summend streiften seine Gedanken zu Florenz »Flo« Ziegfeld, seines Zeichens Direktor der Musikakademie in Chicago und Agent in Europa für das Bostoner Weltfriedensjubiläum, das größte Musikfestival der Welt. Ihn sollte er im Café Heinrichshof treffen. Ziegfeld war der Sohn eines friesischen Auswanderers, der erst wenige Jahre zuvor mit seiner Familie nach Chicago gezogen war. Der Musikagent war im Auftrag des jungen und ehrgeizigen Organisators des Festivals, des Kapellmeisters der US-Unionsarmee und Impresarios Patrick Gilmore, nach Wien gekommen, um den Vertrag mit Strauss zu finalisieren. Strauss hatte Gilmore im Vorjahr kennengelernt, als sich der Ire auf seiner Europareise in Wien aufhielt. In der Kaiserstadt war er auf der Suche nach den besten Musikern Europas gewesen, die im Auftrag des US-Präsidenten im Rahmen des »World’s Peace Jubilee«, der hundertjährigen Unabhängigkeitsfeier der USA von England, bei einem riesigen Musikfestival auftreten sollten. Die beiden hatten sich angefreundet, und in seinem Überschwang hatte Strauss seinem neuen Freund seine Teilnahme an dem Festival zugesagt.

Nun war Ziegfeld extra angereist, um in Wien noch offene Punkte rund um das Übereinkommen zu besprechen. Für den Maestro stand jedoch fest: Er würde dem Amerikaner, wie schon zuvor Jetty, klarmachen, dass die Reise für ihn auf gar keinen Fall in Frage kam. Er war hier in Wien viel zu beschäftigt. Dass er sich in erster Linie vor der Überfahrt ängstigte, würde er wohlweislich für sich behalten.

Sie hatten sich im Café verabredet, obwohl Strauss es hasste, ins Kaffeehaus zu gehen. Wenn er nicht beruflich hinmusste, vermied er diese gesellschaftlichen Treffpunkte. Überhaupt war ihm die Öffentlichkeit lästig. Jeder einzelne Auftritt am Dirigierpult kostete ihn Überwindung. Und so war er nur selten in Kaffeehäusern oder an anderen öffentlichen Orten zu sehen, wenn er nicht gerade dirigierte. Aber Ziegfeld hatte darauf bestanden, dass sie sich im Heinrichshof trafen. Danach wollte Strauss ihn zu einer Matinee in der Oper einladen. Dort gab man an diesem Tag Eduard Bauernfeld und Franz Schubert. Das Konzert war wegen Bauarbeiten vom Musikverein ins Opernhaus verlegt worden.

Der Fiaker hatte den majestätischen und prachtvollen Heinrichshof im Herzen Wiens erreicht, der vis-à-vis der nur drei Jahre zuvor im Beisein von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth eröffneten Hofoper auf einer Länge von fünfzig Metern am Opernring lag. Gegenüber der Oper befand sich auch das Palais Todesco, in dem Jetty, geborene Treffz, eine Juwelierstochter, früher residiert hatte, als sie noch die Lebensgefährtin des betuchten Industriellen Moritz von Todesco und als Sopranistin an der Oper aktiv war.

Im Erdgeschoss beherbergte der Heinrichshof das gleichnamige Café – ein beliebter Treffpunkt von Musikliebhabern und Opernfreunden. Strauss ließ sich absetzen und drückte dem Kutscher beim Ausstieg eine Münze in die Hand. Wegen seines morgendlichen Ausbruchs war er viel zu früh dran. Als er durch die moderne Glastür das Entree betrat, fiel sein Blick auf eine Runde eleganter Herren, die neben dem Eingang an einem Ecktisch unter einem der vielen fünfzehnköpfigen Luster saß. Inmitten des Quartetts hockte kein Geringerer als Friedrich Zirnig.

Der leicht untersetzte Musiker saß mit dem Rücken zu Strauss – und doch erkannte dieser seinen Konkurrenten an dessen Haltung und seiner Frisur, sein spärliches Haupthaar trug er stets seitwärts gekämmt. Von hinten konnte man die Spitzen seines voluminösen Schnurrbarts erahnen, die ihm seitlich aus dem Gesicht hervorstanden. Sogar von hinten sieht er aus wie ein typischer Wiener Strizzi, dachte Strauss. Seitdem er ihn einmal öffentlich so bezeichnet hatte, war Zirnig bei den Wienern der Spitzname »Strizzi«, die nicht sehr rühmliche Bezeichnung eines Kleinkriminellen, geblieben.

Zirnig war gerade dabei, sich lauthals über eine Person auszulassen. Strauss hielt abrupt inne – noch befand er sich in einem toten Winkel des Raumes, konnte aber jedes Wort genau vernehmen. Bei näherem Hinhören wurde ihm gewahr, dass er selbst das Objekt dieser Brandrede war. Zirnig schimpfte unverhohlen über ihn, nannte ihn abfällig »Jud« und spielte damit auf seinen jüdischen Großvater an, der in Wien das Wirtshaus »Zum heiligen Florian«, auch »Judenwirtshaus« genannt, geführt hatte. Er hatte sich in der Donau ertränkt, weil es zu wenig Geld abwarf und er seine Familie nicht ernähren konnte. Zirnig bezeichnete Strauss auch als einen »oberflächlichen Möchtegern-Musiker«, der »nichts anderes machte, als seinen gleichnamigen Vater zu kopieren«, der ja der »eigentliche Walzerkönig« gewesen sei. »Dabei …«, sagte Zirnig, und seine Stimme bekam einen höhnischen Klang, »… dabei war sein Bruder Pepi tausendmal begabter als er!«

Josef, genannt »Pepi«, ebenfalls Komponist und Konzertmeister, war zwei Jahre zuvor in Warschau während eines Konzerts auf der Bühne kollabiert. Die Familie hatte den Bewusstlosen sofort zurück nach Wien gebracht, wo er kurz vor seinem dreiundvierzigsten Geburtstag verstarb. Seinen Tod hatten die Gazetten als »mysteriös« und »schleierhaft« bezeichnet.

»Wahrscheinlich steckte sein eifersüchtiger Bruder hinter seinem Ableben«, äußerte Zirnig jetzt eine gewagte und unverschämte These. »Das Familienunternehmen hat er ja auch erfolgreich zerstört.« Damit spielte er wohl auf die Verwerfungen zwischen den drei Brüdern an, die jahrelang musikalisch zusammengearbeitet und sich gemeinsam mit Jetty um das Management des erfolgreichen Musikunternehmens gekümmert hatten.

Strauss kochte innerlich vor Wut. Wie konnte dieser aufgeblasene Kerl in aller Öffentlichkeit so über ihn sprechen? Am liebsten hätte er ihn angesprungen und erwürgt. Doch der Musiker besann sich. Würde er sich in diesem Moment gehen lassen, so wären die Titelseiten der Zeitungen nicht nur am nächsten Tag, sondern die kommenden Monate mit Sicherheit ihm gewidmet, die Klatschreporter würden den Vorfall genüsslich ausweiden. Einen gesellschaftlichen Eklat konnte er sich nicht leisten. Immerhin hatte er einen Ruf zu verteidigen. Und der war nicht immer der beste gewesen. Eine Zeit lang hatte er mit dem Vorwurf der Reporter zu kämpfen gehabt, nachlässig und impulsiv zu sein und das Geld mit vollen Händen auszugeben. Und als junger Mann war er eine Weile vom höchsten Adel geächtet worden, weil er sich nach den Revolutionsjahren den Freiheitskämpfern angeschlossen und mehrere einschlägige Stücke komponiert hatte, darunter die »Barrikaden-Lieder«, der »Revolutions-Marsch«, die »Studenten-Polka« oder der »Studenten-Marsch«. Durch diese Kompositionen, so hieß es, unterstütze er die revolutionäre Strömung und beziehe damit auch eine politische Haltung. Einige seiner Stücke waren sogar verboten worden. Und als er während eines Auftritts eine Passage der »Marseillaise« einbaute, musste er sich vor der Polizei verantworten. Allein seiner Redegewandtheit war es zu verdanken gewesen, dass er einer Anklage entkam.

Während Strauss den Worten seines Widersachers lauschte, erkannte er, wie groß dessen Hass und Neid auf seinen Erfolg sein musste, wenn er ihn auf diese Weise öffentlich diskreditierte. Die Worte seiner Frau gingen ihm durch den Kopf. »Du musst da drüberstehen, dann ist Zirnig der Verlierer.« Er dachte erneut daran, dass er, Strauss, und nicht wie ursprünglich vorgesehen Zirnig den begehrten Auftrag erhalten hatte, bei der Wiener Weltausstellung im kommenden Jahr das Orchester zu leiten, was ihm nicht nur eine Menge Geld, sondern auch einen weiteren Titel und viel Ruhm und Ehre einbringen würde. Und so stolzierte er selbstbewusst und aufrecht am Tisch des Quartetts vorbei.

Nicht ohne Genugtuung bemerkte er, dass das Lästermaul im Eck jäh verstummte, als er vom ehrerbietenden Ober mit den Worten »Schön, dass Sie uns wieder einmal beehren, Maestro«, begleitet von mehrmaligen Verbeugungen, einen Tisch am Fenster zugewiesen bekam.

Sofort wirbelten mehrere Köpfe herum. Jemand, der dermaßen devot begrüßt und als »Maestro« angesprochen wurde, musste etwas ganz Besonderes sein. Im nächsten Moment ging ein Tuscheln durch den Raum. Die Gäste des Cafés erkannten den umtriebigen Musiker selbstverständlich sofort, schließlich war er beinahe täglich Thema der Berichterstattung in den Kulturteilen der Zeitungen. Man nickte Strauss wohlwollend zu, die Damen schenkten ihm ihr charmantestes Lächeln, und Strauss, der ganz in seinem Element war, grüßte zwinkernd zurück. Dass ihm die Herzen der Damen zuflogen, war für ihn längst zur Gewohnheit geworden. Triumphierend nahm der Musiker die verstohlenen Blicke von dem Tisch zur Kenntnis, an dem die vier Herren saßen, die gerade ausgelassen über ihn gelästert hatten.

Ziegfeld erschien nicht. Stattdessen hatte er einen Boten ins Café geschickt, um Strauss mitzuteilen, dass er soeben mit Verspätung aus Amerika angereist sei, sich erst im Hotel »Weiße Rose« in der Taborstraße einquartieren müsse und Strauss bitte schön vor der Oper auf ihn warten solle. So blieb dem Musiker nichts anderes übrig, als zu einer Zeitung zu greifen und die Zeit bis zur Matinee mit Lesen totzuschlagen. Schließlich ging er dazu über, die Noten, die ihm in der Kutsche durch den Kopf gegangen waren, auf einer Serviette niederzuschreiben. Zweimal wurde er dabei von Gästen unterbrochen, die ein Autogramm von ihm erbaten.

Ziegfeld wartete vor dem ehrwürdigen Eingang, als Strauss schließlich vor dem Opernhaus auftauchte. Der Theater- und Musikproduzent aus Chicago präsentierte sich als imposante Erscheinung, gekleidet in einen makellos sitzenden dunklen Anzug, der ihm die Aura weltmännischer Souveränität verlieh. Sein Haar, modisch nach amerikanischem Vorbild in der Mitte gescheitelt, vervollständigte dieses Bild.

Gerade als Strauss seinen Gast mit einer höflichen Geste willkommen heißen wollte, umringte eine Schar junger Damen den gefeierten Musikstar. Ihre Augen leuchteten in Erwartung eines begehrten Autogramms, ähnlich den Gästen im Café zuvor. Mit einem freundlichen Lächeln und bewundernswerter Geduld signierte Strauss die ihm dargebotenen Karten, während er zugleich die widerspenstigen Locken, die ihm in die Stirn gefallen waren, lässig nach hinten strich und seinem wartenden Gast ein entschuldigendes Zeichen zukommen ließ.

Kaum in der Loge, schleuderte Strauss dem überraschten Ziegfeld impulsiv die Worte entgegen: »Es tut mir leid, aber Sie sind umsonst nach Wien gekommen. Niemals werde ich nach Amerika fahren! Es ist zu riskant. Mit Sicherheit würde ich bei der Überfahrt ertrinken.« Er hatte seine Scheu, über seine Angst zu sprechen, über Bord geworfen.

Mit ruhiger Stimme erinnerte ihn der Dreißigjährige: »Sie können nicht in Wien bleiben. Sie haben doch den Vertrag bereits unterschrieben.«

»Das ist nicht wahr. Das muss Jetty hinter meinem Rücken getan haben. Ich habe nichts unterschrieben. Damit ist das Thema für mich abgeschlossen«, entgegnete Strauss aufgebracht, bevor er in versöhnlicherem Ton hinzufügte: »Jetty und ich freuen uns aber, wenn Sie morgen bei uns in Hietzing dinieren. Es gibt Taube, und die ersten Erdbeeren sind reif.«

Ziegfeld sagte zu. Den Rest der Matinee verbrachten sie gemeinsam beim Genuss der Musik.

Als der Amerikaner am nächsten Tag in der Strauss-Villa ankam, regnete es in Strömen. Es war ein warmer Frühlingsregen, und die Natur dankte es ihm mit einem Duftbouquet aus Blüten und frischen Blumen. Überschwänglich empfing das Ehepaar den Gast aus Chicago. Jetty war besonders bemüht, weil sie hoffte, Ziegfeld würde ihren Mann doch noch überreden, die Reise anzutreten. Dreieinhalbtausend Pfund, das war ja nicht nichts! Von dem Geld könnten sie jahrelang ohne Stress und mit nur wenigen Auftritten leben. Ihr Mann könnte sich währenddessen neuen Stücken widmen – weitere Operetten komponieren oder an seiner zweiten Oper arbeiten.

Der Gastgeber hatte ein schlechtes Gewissen, den Musikmanager enttäuscht zu haben. Das Hausmädchen Anna servierte als Vorspeise Taube, danach gab es Schnitzel, bevor sie Palatschinken und schließlich Erdbeeren mit Zucker auftischte. Zur Taube schenkte Strauss Ziegfeld ungarischen Tokajer ein. »Ich will ja nicht unhöflich sein«, bemerkte er in Anspielung auf seine brüske Zurückweisung am Vortag. »Aber eine solche Reise mit all den Strapazen und meiner Neigung zur Seekrankheit würde ich schwerlich überleben«, erklärte er, während sie anstießen. »Außerdem kennen Sie ja die hygienischen Bedingungen auf einem solchen Schiff«, brachte er ein weiteres Argument vor.

Der Musikveranstalter probierte es noch einmal und ließ all seine Überredungskünste spielen, um ihn von der Reise zu überzeugen. »Gilmore hat mich gebeten, Ihnen zu übermitteln, dass Sie zusätzlich zu der vereinbarten Gage freie Überfahrt und während des gesamten Aufenthalts freie Kost und Logis erhalten, auch für Ihre charmante Frau und Ihre Dienerschaft – koste es, was es wolle!« Das Geld würde er bei der Anglobank in Wien hinterlegen.

»Geben Sie sich keine Mühe. Meine Entscheidung steht fest«, entgegnete ihm Strauss mit entschlossener Stimme.

»Das können Sie Gilmore nicht antun!«, rief Ziegfeld, der nun sichtlich ungehalten wurde. »Gilmore hat sein ganzes Leben dem Traum gewidmet, mit der Macht der Musik die Welt zu verändern, sie als Friedensinstrument einzusetzen. Mit Ihrem Rückzieher widersetzen Sie sich dem Projekt des Friedens! Hat Ihnen Gilmore überhaupt die Empfehlungsschreiben von US-Präsident Ulysses S. Grant und dem Bürgermeister von Boston gezeigt?«

»Keine zehn Pferde, nicht einmal der liebe Gott könnte mich zu der Reise bewegen. Der US-Präsident kann mir den Buckel runterrutschen«, antwortete der Maestro zum großen Kummer seiner Frau.

Als sie ihrem Gast spätabends einen Fiaker rufen ließen und sich von ihm verabschiedeten, war die Stimmung im Hause Strauss im Keller. In der Nacht ging ein schweres Gewitter über der Stadt nieder. Schlaflos wälzte sich der Musiker im Bett. Nicht einmal die Baldriantropfen, die ihm seine Frau auf den Nachttisch gestellt hatte, halfen ihm.

Am nächsten Tag hatte der Regen aufgehört und den Duft von frischer Erde und Waldluft hinterlassen. Der Haussegen in der Hietzinger Villa hing wegen der Entscheidung immer noch schief.

Nach dem Frühstück flehte Strauss seine Frau an, ihm den Amerikaner endgültig vom Hals zu schaffen. »Schick ihm ein Telegramm ins Hotel. Sag ihm, er soll mich künftig mit dem Thema in Ruhe lassen, weil ich sonst nicht zu meinem bitter notwendigen Schlaf finde und unfähig bin zu arbeiten.«

Nachdem Jetty die Nachricht an den Amerikaner geschickt hatte, äußerte sie ihrem Ehemann gegenüber ihren Unmut über seine Entscheidung und über die »Peinlichkeit«, damit vertragsbrüchig geworden zu sein. Nur zu gut wusste der Komponist, dass er den Vertrag sehr wohl unterschrieben hatte, als Gilmore bei ihm in Wien gewesen war.

Beim Mittagessen sprach Jetty kein Wort mit ihrem Mann. Sie konnte nicht fassen, dass er ein solch attraktives Angebot ausschlug. Als sie ihre Haushälterin Anna bat, Johann auszurichten, dass sie nach dem Essen in die Stadt fahren und am Abend nicht auf ihn warten werde, hielt es Strauss nicht mehr aus. Er hasste es, seine Frau unzufrieden zu sehen, und so entschloss er sich, über seinen Schatten zu springen. »Ich werde Ziegfeld aufsuchen und mich für meine plötzliche Stimmungsschwankung persönlich entschuldigen.« Und so ließ er einen Fiaker kommen.

»Vergiss nicht, du hast heute um achtzehn Uhr eine Aufführung im Kursalon Hübner!«, rief ihm seine Frau nach, immer bemüht, die Termine ihres Mannes im Auge zu behalten. Jetty war halbwegs versöhnt. Immerhin würde Johann die Sache selbst ausbügeln.

»Ins Hotel ›Weiße Rose‹ in die Taborstraße«, rief Strauss dem Fiaker zu. In der Kutsche verfiel er ins Meditieren. Vielleicht hatte Jetty ja recht, und er sollte den Vertrag doch einhalten. Wenn mir Ziegfeld ein schlagendes Argument liefert, werde ich ihm wohl zusagen, dachte er. Dann ging ihm erneut die Melodie vom Vortag durch den Kopf. Er zog die Serviette aus der Jackentasche, auf die er im Café Heinrichshof notdürftig die Noten geschmiert hatte, und ergänzte sie um weitere Takte.

Jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als der Fiaker abrupt anhielt. Die Pferde schnaubten. »Was ist da los?« Strauss warf einen Blick auf die Straße. Zwei augenscheinlich betrunkene Männer versperrten den Weg und forderten den Kutscher auf, vom Wagen zu steigen. Sie waren ärmlich gekleidet, unrasiert und machten einen erbärmlichen Eindruck. Wirklich gefährlich wirkten sie nicht. Der Kutscher blieb unbeirrt sitzen und gebot auch seinem Fahrgast, nicht auszusteigen. Was genau ihr Ansinnen war, konnte Strauss aus dem Wageninneren nicht vernehmen. Auch nicht, als ein lautstarkes Wortgefecht folgte.

»Was wollt ihr?«, richtete sich der Kutscher an die Männer.

Plötzlich zog einer der beiden ein Taschenmesser aus der Hosentasche und fuchtelte wild damit herum. »Gib mir dein Geld!« Man konnte kaum seinen Worten folgen, so betrunken war er.

Strauss bekam es mit der Angst zu tun. Er griff in seine Jacke und warf ihnen ein paar Münzen zu. Gleich darauf waren zwei Polizisten zur Stelle und überwältigten die beiden. Die Polizei in Wien war allgegenwärtig, nachdem man erst drei Jahre zuvor nach dem Muster der französischen sergents de ville mit kaiserlichem Beschluss die Wiener Sicherheitswache eingerichtet hatte. Sehr beliebt waren die Beamten bei der Bevölkerung nicht, aber man akzeptierte ihre Gegenwart, immerhin hatte sich die Anzahl der Gewaltdelikte seitdem verringert. Viele Wiener dachten mit Schrecken an das Spitzelwesen des ehemaligen Staatskanzlers Metternich zurück, der ein auf einen Polizeiapparat und Zensur gestütztes Regime aufgebaut hatte, um die staatliche Ordnung zu halten und jedwede revolutionäre Bewegung zu unterdrücken.

Um die Sache rasch zu beenden und aus Mitleid mit den Trunkenbolden entschied sich Strauss, von einer Anzeige gegen die Männer abzusehen. Kreaturen dieser Art gab es viele in der Stadt. Meist handelte es sich um ausgebeutete Arbeiter, die ihre Familien nur schwer ernähren konnten und deswegen zu Branntwein griffen. Viele Wiener hausten im Elend. Wer nicht das Glück hatte, aus einer bürgerlichen Familie zu stammen und eine entsprechende Ausbildung genossen zu haben, kam nur schwer über die Runden.

Als der Komponist im Hotel »Weiße Rose« ankam, traf er Ziegfeld in der Lobby an und erfand sogleich eine neue Ausrede. »Stellen Sie sich vor: Auf dem Weg zum Hotel sind vor der Kutsche zwei Schweine über den Weg gelaufen. Das ist ein untrüglich schlechtes Omen. Es ist mir deshalb absolut unmöglich, nach Boston zu kommen!«

Ziegfeld war ein schlagfertiger Mann. Sein Vater war Bürgermeister im deutschen Jever gewesen, bevor er nach Amerika ausgewandert war. Er selbst galt als Intellektueller. So leicht konnte Strauss ihm nichts vormachen. »Wissen Sie denn nicht, dass Schweine Glück bedeuten? Ihnen sind gleich zwei Schweine vor die Kutsche gelaufen? Na, ein untrügliches Zeichen für doppeltes Glück. Sie sind der glücklichste Mann der Welt! Nicht nur werden Ihnen die Auftritte Erfolg bringen, auch die Überfahrt von Bremerhaven aus wird von Glück beseelt sein.«

Strauss hörte ihm aufmerksam zu und widersprach ihm nicht. Stattdessen fragte er, was es kosten würde, von dem Kontrakt zurückzutreten.

Ziegfeld, der es gewohnt war, Geschäfte zu machen, überlegte kurz. Das beste Argument bei diesem Mann, wie auch bei dessen Ehefrau, war Geld. »So viel Geld ist in Wien gar nicht vorhanden«, antwortete er schlau und musterte sein Gegenüber abwartend.

Anstatt sich dazu zu äußern, spielte der Komponist die Mitleidskarte aus. »Die Wahrheit ist: Mein Arzt hat mir eine Kur empfohlen. Erst kürzlich hatte ich einen Nervenzusammenbruch.« Das war nur zur Hälfte korrekt. Der Musiker war bereits ein Jahr zuvor von seinem Hausarzt zu einem weiteren Kuraufenthalt gedrängt worden. Mehrmals war er bereits in Bad Ischl und in Bad Hofgastein gewesen, um sich von Überreizung und Stress zu erholen. Doch für eine weitere Kur war in seinem umtriebigen Alltag schlicht keine Zeit. Und Nervenzusammenbrüche waren bei ihm keine Seltenheit. Einmal im Monat musste er sich für mindestens einen Tag zurückziehen, um sich von den täglichen Strapazen zu erholen.

Doch Ziegfeld blieb hart. »Sie haben ja keine Ahnung, in welche Unkosten Ihr Engagement uns bis jetzt schon gestürzt hat. Sie haben recht: Ist ein Mann wirklich krank, so kann er unmöglich reisen. Doch würden Sie nach Ihrer Krankheit gefragt werden, so müssten Sie antworten: ›Furcht vor der Reise!‹ Wie peinlich wäre das für Sie! Herr Strauss, die modernen Dampfschiffe, vor allem die aus Deutschland, sind absolut sicher. Und der Hochsommer ist die beste Reisezeit. Da ist der Atlantik ruhig. Stürme auf See sind zu dieser Zeit so gut wie nicht zu befürchten. Nein, mein lieber Herr Strauss, Sie dürfen Ihr Land nicht in Verlegenheit bringen.« Als Strauss ihn unsicher anstarrte, legte der Veranstalter nach. »Mir können Sie nichts vormachen. Ich bin vor ein paar Jahren aus Deutschland ausgewandert. Voriges Jahr musste ich den Brand in Chicago miterleben und mit meiner Familie unter einer Brücke Zuflucht suchen. Ich sage Ihnen, ich habe genug erlebt. Jemand wie Sie kann mich nicht erschüttern. Notfalls werde ich den ganzen Sommer in Wien bleiben, um Ihren Vertragsbruch anzufechten. Wussten Sie übrigens, dass die anderen Boston-Stars bereits fix gebucht sind?«

Das saß. Diese Blöße konnte Strauss sich nicht geben. Eine innere Stimme sagte dem Musiker, dass er keine Wahl hatte. Widerwillig gab er Ziegfeld seine Zustimmung für die Reise.

Als Sicherheitspfand für den Fall, dass der Komponist doch noch einmal seine Meinung ändern sollte, hielt Ziegfeld fünfhundert Pfund Honorar zurück. Dieses Geld solle sich Strauss persönlich in Bremen abholen, bevor er am 1. Juli in Bremerhaven den Dampfer »Rhein« besteigen würde. Die restlichen dreitausend britischen Pfund könne er indes bei der Anglo-österreichischen Bank in Wien abrufen.

Zur Feier ihres Vertrages lud der Veranstalter den Musiker zum Mittagessen ins Griechenbeisl ein, wo sie auf die bevorstehende Reise anstießen.

Nachdem sich Strauss von Ziegfeld verabschiedet hatte, eilte er Richtung Stadtpark. Die Laternen begannen bereits zu leuchten, während die Dämmerung hereinbrach, und warfen ein warmes goldenes Licht auf die belebten Straßen. Dieser elegante Konzertsaal im Stadtpark von Wien diente ihm oft für Aufführungen. Auf keinen Fall wollte er zu spät kommen. Pünktlichkeit war ihm heilig.

Mit im Gepäck hatte er an diesem Tag die Schnellpolka »Im Sturmschritt« und »Die Bajadere« sowie die Walzerstücke »Tausend und eine Nacht« und »Neu-Wien«, ein modernes, zeitkritisches Stück, das sich mit Frauenemanzipation, der Inflation und der Wiener Stadtsanierung befasste.

Der Walzerkönig wurde mit tosendem Applaus gefeiert und musste zweimal Zugaben präsentieren. Doch Strauss war nicht wohl zumute. Immerzu musste er angstvoll an seine bevorstehende Reise denken. Was Jetty wohl sagen würde, wenn sie erfuhr, dass er nun doch zugesagt hatte?

Nach dem Konzert packte er eilig seine Noten und seine Violine und verließ den Kursalon durch den Hintereingang, um Autogrammjäger und sonstige Bewunderer zu meiden. Beinahe wäre er über einen Leierkastenmann gestolpert. Er spielte seinen Walzer »Liebeslieder«, wie Strauss mit Genugtuung feststellte. Die Musik passte ausgezeichnet zu der abendlichen Frühlingsstimmung im Park. Kurz zögerte er, ob er dem Werkelmann eine Münze geben sollte. Der alte Mann trug einen Zylinder und eine abgenutzte Jacke, stellte Strauss trotz des spärlichen Lichts fest. Er lächelte ihm freundlich zu und ging weiter. Nach wenigen Metern wurde er von einer freizügig gekleideten Dame mit auffallend weißer Haut angehalten, in der Hand hatte sie eine Zigarette. Eigentlich war sie mehr ein Mädel, keine fünfzehn Jahre alt. Kokett lächelte sie ihn an.

»Kennen Sie diese Musik?«, fragte er sie und deutete zu dem Leierkastenmann.