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Der Kinderbuchklassiker im Doppelband Berlin in den 1930er Jahren: Erwin und sein Freund Paul gehören einer Hinterhofbande an, die wie Pech und Schwefel zusammenhält. Unbedingt wollen sie einen Fußball haben, aber sie können sich keinen leisten. Erwin muss sich einiges einfallen lassen, um das Geld aufzubringen. Doch dann muss Paul wegziehen – wie sollen sie nun zusammen Fußball spielen? Im zweiten Band finden die Kinder einen Weg, wie Paul un seine Familie wieder in das Haus zurückziehen können. Außerdem nehmen die Jungs ganz gegen ihre Prinzipien ein feines Mädchen aus dem Vorderhaus in die Bande auf. Das Mädchen heißt Mirjam, und mit ihr und Erwin als Anführern erlebt die Bande ihre tollste Zeit … Bände 1 und 2 in einer Ausgabe!
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2016
Lisa Tetzner
Erwin und Paul - Die Geschichte einer Freundschaft Das Mädchen aus dem Vorderhaus
Lisa Tetzner, geboren 1894 in Zittau, war Märchenerzählerin, Kinderfunkleiterin und Autorin von sozial engagierten Romanen, die Jugendliche bis heute fesseln. Ihre Bücher über ›Die Kinder aus Nr. 67‹ und ›Hans Urian‹ waren und sind große Erfolge. 1933 folgte sie ihrem Mann Kurt Kläber, alias Kurt Held, in das Schweizer Exil. Sie starb 1963 in Carona (Kt.Tessin).
Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage, auch zu E-Book-Ausgaben, gibt es bei www.blubberfisch.de und www.fischerverlage.de
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2013 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main
Erstmals erschienen bei Sauerländer 1947
Alle Rechte vorbehalten.
Covergestaltung: Suse Kopp, Hamburg
Coverillustration: Helmut Dohle
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-7336-0243-7
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Liebe Leser!
Erwin und Paul – Die Geschichte einer Freundschaft
1 Das gestohlene Brot
2 Der Fußball
Der große Wunsch
Der Wunsch wird erfüllt und noch mehr
Die Enttäuschung
Der große Entschluss
Das Mädchen aus dem Vorderhaus
1 Der Streit um Piddel
Ein trauriger Anfang, der leider dazugehört
In Berlin
Mirjam
Aus dem Tagebuch der Mirjam Sabrowsky
Erwins Misserfolg
Fortsetzung aus Mirjams Tagebuch
Die Schlacht um Piddel
2 Der Maskenball
Tante Mathilde ist einverstanden
Der Zauberkünstler Battista Barretta
Das große Fest
Glossar
Kurze Notiz zu Autorin und Werk
Die Geschichten der »Kinder aus Nummer 67« beginnen in der großen Stadt Berlin. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob im Jahre 1932 oder schon 1931. Aber ich habe sie selber miterlebt, und was ich nicht erlebte, das haben mir meine Freunde Erwin und Paul erzählt. Sie sind die Haupthelden der Geschichte. Allerdings ist Mirjam ebenso wichtig und auch Hans Suter, ein junger Schweizer; ich will auch gleich den Franzosen Pascal, Lukas Gellert und den Schweden Mikolai, Macky, den Amerikaner, und den kleinen Neger Cimbalo, den Russen Serge und den Engländer Lloyd erwähnen. Ihr werdet sie aber alle erst später kennen lernen.
Vielleicht könnten die Geschichten auch in New York, in London oder Paris geschehen, in jeder größeren Stadt, wo viele Menschen in dichten Straßen und hohen, sonnenlosen Häusern eng zusammen wohnen. Aber sie gehören doch nach Berlin, und das ist sehr entscheidend, nicht nur, weil die richtigen Berliner Jungen ihre eigene Aussprache haben, ganz besonders meine Freunde Erwin und Paul, sondern aus Gründen, die ihr erst später erfahren werdet.
Was die Aussprache meiner Freunde betrifft, so kann ich sie selber manchmal nicht verstehen. Aber vielleicht ist das überall so. Ein Kölner spricht kölnisch, ein Hamburger hamburgisch, ein Pariser pariserisch und ein Londoner spricht den Slang der Londoner Straßen. Ein Zürcher dagegen redet Zürichdeutsch und ein Basler Baseldeutsch. Ich habe mir Mühe gegeben, alles so hinzusetzen, dass auch andere es verstehen. Aber hätte ich alles säuberlich hochdeutsch gesetzt, dann wären es eben nicht mehr meine Freunde Erwin und Paul gewesen, und schließlich sollt ihr doch sie kennen lernen und lieb gewinnen, denn ihr werdet später noch viel von ihnen erfahren.
Ich sage immer »später«, weil es diesmal eine sehr lange Geschichte wird, oder besser mehrere Bände, die alle zusammengehören. Ich weiß, ihr liebt lange Geschichten. Oft sind euch zwei Bände noch nicht genug. Wenn ihr einen Helden lieb gewinnt, wollt ihr immer noch mehr von ihm erfahren.
Ich bitte euch, gewinnt Erwin und Paul, auch Mirjam und alle ihre Schicksalsgefährten lieb, denn ihr werdet sie durch viele Jahre ihres Lebens begleiten. Wenn ihr von ihnen Abschied nehmt, sind sie schon keine Kinder mehr. Aber dann, meine Freunde, habt ihr eine große Zeit miterlebt, eine Zeit, in der sich vieles veränderte und große Dinge geschahen, von denen später die Menschen in den Geschichtsbüchern lesen müssen um sich die Jahreszahlen einzuprägen.
Uns drücken keine Jahreszahlen. Wir erleben nur, was ich euch erzähle, und das ist einfach das, was die Kinder aus Nummer 67 und ihre Freunde erlebten. Im Übrigen ist es ganz gleich, welchen Band ihr zuerst lest und welchen später; ihr werdet die Geschichten sogar verstehen, wenn ihr nicht alle Bände lesen könnt.
Lisa Tetzner
Schon oft habe ich mir Gedanken gemacht, wie es wohl einem Haus zumute ist, in dem sehr viele Menschen leben und viele Dinge geschehen.
Das Haus, in dem meine zwei Freunde Erwin und Paul wohnten, hatte vorn ein Vorderhaus mit zwei Aufgängen, a und b. Fünf Stock hoch waren an jedem Treppenabsatz zwei Wohnungen mit Menschen darin. Rechts und links standen die Seitenhäuser mit den Aufgängen a, b, c, d, und daran schloss sich das Hinterhaus mit den Aufgängen e, f, g. An jedem Treppenabsatz gab es drei Wohnungen. Da lebten die Schulzes, Kuntzes, die Gabriels und Israels, die Richters, Brackmanns, Biedermanns, Familie Lebben, Hennig, Weyermann, Familie Klein, Familie Groß, Familie Kurze, Lange und so weiter. Zu jedem Aufgang führte eine schmale Holztreppe.
Wie oft mag diese Treppe müde sein, weil sie immerzu getreten wird und Lasten tragen muss. Denn keiner gibt ihr ein freundliches Wort, sondern alle trampeln nur eilig auf und ab. Ihr braucht mich nicht zu unterbrechen und mir vorzuhalten: Das alles spürt eine Treppe nicht, sie ist aus Holz und dazu da. Aber warum soll sie nicht trotzdem etwas fühlen und ihre eigenen Gedanken haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich ärgert, wenn Erwin mit unabgeputzten Schuhen den Straßendreck auf ihr abstreicht. Oder warum sollte sie nicht bekümmert sein, wenn die Witwe Weyermann mit durchgelaufenen Schuhsohlen und sehr nass nach Hause kommt. Denn sie beobachtet ja am besten, wie viel dünner jeden Tag die Sohle wird. Ich bin sicher, sie seufzt oft unter den vielen Tritten und denkt: Es ist zum Davonlaufen! Sie zerkratzen mich, zerbeulen und beschmutzen mich und denken nicht daran, mich zu schonen. Aber freilich: Solche Treppen sind sehr geduldig. Sie knarren höchstens einmal, aber sonst schweigen sie still und halten aus. Und das tut auch das ganze andere Haus, mitsamt seinen vielen Fenstern, Türen und Zimmern. Es knistert und knackt nur manchmal, aber dann verstehen wir nicht, was es bedeuten soll.
Als Erwin einmal mit Paulchen im Hinterhaus saß, sagte er: »So ein Haus hat es viel besser als wir Menschen. Es braucht nich zu essen und nich zu trinken, is nie hungrig und hält doch feste, einen Tag wie den anderen, und alles is gut.«
Paul aber sagte: »Ich möchte trotzdem kein Haus sein und immerzu stinken wie das unsrige.«
Dass es manchmal stank, war begreiflich. Ihr braucht euch nur auszurechnen, wie viel Leute in diesem Haus kochten. Denn jede Wohnung hatte eine Küche und alle Küchen gingen auf den Hof, auf dem die Kinder spielen mussten. Bäume gab es hier nicht. Der Himmel mit der Sonne war weit über den Dächern, er schien so weit fort zu sein, dass sie fast nie nach ihm hinsahen. Sie merkten ihn nur, wenn es regnete oder wenn die Sonne so stark brannte, dass es ihnen zu heiß wurde. Wollten die Leute mehr von der Sonne und dem Himmel haben, so mussten sie aus der Stadt hinausfahren. Aber das konnten nur die Hausbewohner, die genug Geld in der Tasche hatten um eine solche Reise zu bezahlen.
Jetzt werdet ihr sicher gern wissen wollen, was für Berufe die Leute hatten, die in dem Haus mit den vielen Aufgängen wohnten. Die meisten Männer in dem Haus waren Arbeiter: Maurer, Tischler, Schlosser, Dreher, Setzer, Handlanger. Sie waren den ganzen Tag auf Arbeit. Denen ging es zu jener Zeit so schlecht, dass sie gar nicht mehr daran denken konnten, einen Ausflug zu machen, sondern froh sein mussten, wenn sie in dem Haus wohnen bleiben durften.
Es gab Straßenhändler in dem Haus, Zeitungsverkäufer, Chauffeure, einen Eismann, der im Winter mit warmen Würstchen handelte, auch einige Ladenbesitzer, einen Briefträger und einen Straßenbahnschaffner, sogar einen Zauberkünstler.
Und im Vorderhaus, über der Bäckerei Hennig, wohnte die Frau Manasse vom Maskenverleihgeschäft. Wenn sie die verschiedenen Masken- und Tierköpfe, Ritterkostüme und Teufelsgewänder zum Lüften ans Fenster hängte, dann standen alle Kinder unter ihrem Fenster und hätten sich so gerne ein einziges Mal verkleidet. Aber Frau Manasse mochte die Kinder nicht und lieh ihnen nie etwas.
Erwin Brackmann stand im Hof und pfiff nach Leibeskräften. Er hielt dazu drei Finger auf einmal in den Mund, und wenn er damit fertig war, trampelte er vor Ungeduld mit den Beinen hin und her. Donnerwetter, wo blieb denn Paulchen heute? Er war längst reisefertig. Seine Schirmmütze klebte tief über den Augen. Seine neue Botanisiertrommel hatte er fest unter den Arm geklemmt. Er hatte sie erst vor einigen Tagen von einer Tante geschenkt bekommen und wollte sie Paul vorführen. Der würde Augen machen.
Donnerwetter! Wo blieb Paul?
Erwins Vater stand im Torbogen zum Vorderhaus und wurde ungeduldig. Wenn Paul Richter noch lange auf sich warten ließ, dann verpassten sie den Zug. Sie wollten doch ihren Sonntagsausflug machen. »Zu Mutter Grün«, wie Vater Brackmann das nannte. Er machte das seit Jahren mit seinem Erwin, und Paul durfte mit, weil Vater Richter Ausflüge nicht liebte. »Nee«, sagte der, »geht ihr man alleine! Wozu soll ich mir in die volle Vorortsbahn quetschen. Ich mach mir nichts aus Nudeltopf!« Er ging lieber ins Wirtshaus und spielte Karten.
»Jeder, wie er mag«, meinte Vater Brackmann. Die Mütter gingen auch nur selten mit, denn für alle war das Fahrgeld zu teuer, und sie mussten bei den kleinen Geschwistern bleiben. Dieser Paul, wo der bloß heute blieb? Erwin pfiff noch einmal drei Oktaven höher und dringender um seine Ungeduld auszudrücken. Oben im vierten Stock des linken Seitenflügels, Eingang d, wurde endlich ein Fenster geöffnet, und Frau Richter, Pauls Mutter, beugte sich heraus. Sie sah ein bisschen verweint aus. Irgendetwas schien da nicht zu stimmen. »Paule kommt gleich«, rief sie herunter. »Geht man schon voraus!«
Erwin wandte sich zum Gehen. Er hatte aber noch nicht das Tor verlassen, da kam Paul. Er knöpfte sich noch im Laufen seine Jacke zu, und die Schuhbänder flatterten rechts und links von seinen Beinen hinterher.
»Wo bleibste denn so lange?« Erwin sah Paul erstaunt an.
»Sonst bist du immer eine Viertelstunde vor der Zeit im Hof und trappst*[1] dir die Beine ab.«
»Hier«, sagte Paul – er war noch erschöpft – »hier ist das Geld für die Bahn und den Kaffee«, und damit reichte er Vater Brackmann fünfzig Pfennige. »Schon gut!«, sagte der und steckte das Geld ein.
»Und nun machen wir Dauerlauf, damit wir den Zug um 35 noch erwischen!« Es war eine herrliche Sache, mit Vater Brackmann durch die stillen Straßen zu laufen. Immer hopp, hopp, eins, zwei – eins, zwei. Darüber vergaß Paul ganz, dass er noch vor zwei Minuten schreckliche Angst gehabt hatte, nicht mitzudürfen. Nicht etwa, weil er sich hatte etwas zuschulden kommen lassen, sondern aus Gründen, die er zunächst noch nicht verstand und übersah. Das heißt, er wusste selbst nicht, was los war. Er wusste nur, dass sein Vater gestern sehr bedrückt heimgekommen war. Er hatte der Mutter etwas zugerufen und die Mutter hatte gleich zu weinen angefangen. Sie wollte es scheinbar gar nicht glauben. Sie sagte immer: »Ach nee, nee, nur det nich!« Paul hatte sich nicht darum gekümmert, weil er gerade ein Barometer basteln wollte. Aber heute Morgen, als er seinen Vater um das übliche Ausflugsgeld bat, da erklärte der Vater plötzlich: »Das geht nicht mehr. Das muss jetzt alles anders werden. Du bleibst von nun an hier. Ausflüge, det is Luxus. Du kannst auch uff de Straße spielen!«
Paul erschien es schrecklich, an einem solchen warmen, schönen Sonntag in der Stadt zu bleiben und auf der heißen Straße zu spielen; schließlich hatten Erwins anhaltende Pfiffe und Mutters Bitten es doch noch erreicht, und da war er nun und wollte gar nicht weiter darüber nachdenken, sondern sich einfach freuen.
Freuen konnte man sich auf den Ausflügen mit Vater Brackmann unbändig. Gleich am Bahnhof fing es an. Der Zug war so überfüllt, dass niemand mehr ins Abteil gelassen werden sollte.
Aber Vater Brackmann rief einfach: »Ach wat, in euerm Nudeltopf fehl ich ja noch als det Beste. Je mehr ihr mit mir gekocht werdet, umso besser haltet ihr euch!« Da hob und zog man ihn lachend hinein. Auch Erwin und Paul krochen dazwischen, und dann ging die Tür nur mit Mühe und Not zu. Keiner konnte sich mehr rühren. Erwin musste seine Botanisiertrommel ganz dicht unterm Kinn halten, damit sie ihm nicht zerquetscht wurde. Aber Vater Brackmann fand das alles knorke*. Er erzählte sofort eine Geschichte von den Heringen in der Tonne, die besser würden, je mehr sie gepresst und je enger sie gelagert würden. Alle Mitreisenden mischten sich ins Gespräch. Sie lachten und nannten Vater Brackmann den »Oberhering«. Unaufhörlich erzählte Vater Brackmann Geschichten oder ließ die Umstehenden Gegenstände raten. Keine Minute langweilte man sich mit diesem Vater. Wenn die Leute aussteigen mussten, wünschten sie ihm einen guten Sonntag und winkten ihnen. Auch wenn sie allein waren, blieb es lustig, denn dann spielte Vater Brackmann »Ich sehe was, was du nicht siehst«, und zwar sah er nicht Dinge im Wagen, sondern Dinge, die in der Fahrt draußen vorüberflogen. Paul und Erwin drängten sich an die Fensterscheibe um in der gleichen Fahrgeschwindigkeit diese Dinge zu erwischen und dann triumphierend zu erklären: »Das Haus dort! Nein, der Hund da! Jener Baum dort!« Paulchen war fast neidisch, dass er nicht so einen Vater hatte. Denn in allen Dingen war dieser Vater etwas Besonderes.
Einmal hatte er miterlebt, wie Erwin beim Ballspiel am Sonntag in Grünau ein Fenster einschlug. Paul hatte ihn sogar im Verdacht, dass es nicht so ganz aus Versehen geschah. Und dann lief er einfach zu seinem Vater und sagte: »Au wei, Vater, guck mal, was mir passiert ist!« Paul wusste genau, wenn es ihm passiert wäre, wäre er sofort weggelaufen um’s ja nicht gewesen zu sein. Erwins Vater aber kam, besah sich den Schaden und sagte nur: »Dumme Sache, wirklich dumme Sache! Aber das kann vorkommen, das ist mir früher auch passiert!«
Paul blieb der Mund offen stehen vor Staunen, als er das hörte. Freilich, sie verzehrten dann mehrere Male auf ihrem Sonntagsausflug keinen Kaffee und Kuchen, denn irgendwie musste die Sache wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Erwins Vater war kein reicher Mann. Er war ein Arbeiter, genau wie Vater Richter, und arbeitete mit ihm im gleichen Betrieb. Aber Vater Brackmann hatte eine Art, solche Dinge zu tun. Wunderbar! Paul fand, dass mit ihm sogar auf Kaffee und Kuchen verzichten lustig wurde. Dann pfiffen sie nämlich vier Minuten lang um die Wette oder aßen nur ihre trockenen Stullen*, würgten schrecklich daran, schluckten und spuckten und nannten das »Glasscheiben futtern«. Ja, so war Vater Brackmann, und jeder begreift, dass es wirklich ein Vergnügen war, mit einem solchen Vater Sonntagsausflüge zu machen.
Sie wanderten singend auf den See zu. Dort kannte Vater Brackmann eine Stelle, die weder sumpfig noch tief war, und sie durften ins Wasser gehen.
»Zieht euch aus«, sagte er, »und dann rin ins Vergnüjen! Bis dorthin, wo det Ruderboot is, dürft ihr, weiter nich. Und wenn ihr ersauft, dann ruft vorher!«
Erwin zog sich bereits aus, und er wunderte sich, dass Paulchen heute so langsam und schweigsam war. »Wat bummelste denn und besinnst dir so lange?«, fragte er. Paul war plötzlich wieder eingefallen, dass das alles vielleicht jetzt zu Ende sein sollte. Er hatte schon gar keine Lust mehr, sich auszuziehen. Warum hatte sein Vater heute Morgen gedroht, ihm diese Freude wegzunehmen? Es musste doch irgendetwas Unerwartetes geschehen sein? Er hätte so gern gewusst, was es war. Er dachte dabei an allerhand. Hing es mit Vaters Arbeit zusammen? Mit seinem Lohn? Er wollte Vater Brackmann fragen. Der musste es wissen, weil er mit Vater zusammen arbeitete.
Es war, als ob Erwin seine Gedanken erraten hätte, denn er fragte plötzlich: »Du, Paule, wat war denn heute Morgen los? Warum kamste denn so spät?«
»Ach«, sagte Paul, aber er sah dabei nicht Erwin, sondern Vater Brackmann an. »Ich weiß nich, da ist wohl was mit Vater, er meinte wegen weniger Geld haben. Ich glaube, es hängt mit den schlechten Zeiten zusammen.«
Vater Brackmann aber schlug sich mit beiden Händen gegen die Stirn und sagte: »Natürlich, Richter gehört zu den Entlassenen.« Und ganz laut sagte er zu Paul: »Jawohl, deinen Vater hat’s geschnappt. Er ist arbeitslos geworden.«
Nun war das Wort gefallen, vor dem sich Paul so gefürchtet hatte. Ein kleiner Junge, dessen Vater in die Fabrik geht, weiß, dass sich das ganze Leben verändert, wenn die tägliche Arbeit wegfällt. Er hatte es in der letzten Zeit immer wieder gehört und gesehen. Aber da es bis jetzt noch nicht seine Angelegenheit gewesen war, hatte er sich nicht darum gekümmert. Fünfzehn Jahre stand sein Vater schon im gleichen Werk hinter der Drehbank. Durch sie schien das Leben behaglich und sorglos. Nun sollte das aufhören?
Erwin horchte auf und kam näher: »Wat sagst du da? Das ist ja eine dumme Kiste.« Aber mehr wusste er nicht zu sagen. Denn er sah gerade einen schönen, großen Schmetterling, dem jagte er nach um ihn in seine Botanisiertrommel zu stecken. Und zum ersten Mal ärgerte sich Paul über seinen Freund Erwin. Er wird ihn doch nur daheim aufspießen und das ist »eine dumme Kiste«, nicht das andere, dachte er. Der Schmetterling tat ihm plötzlich Leid. Er wünschte, dass Erwin ihn nicht bekommen sollte. Aber Erwin bekam ihn doch. Aus Freude darüber wollte er von Pauls arbeitslosem Vater überhaupt nichts mehr hören, sondern beschäftigte sich mit dem Schmetterling.
Vater Brackmann war anders. Er klopfte Paul zärtlich auf die Schulter und sagte: »Sei man nicht traurig, das wird auch wieder anders. Vater find’t schon was. Is ja ein tüchtiger Arbeiter. Und außerdem muss es auch bald besser werden für uns alle!« Aber dann sprachen sie nicht mehr darüber. Es waren schon so viele Väter arbeitslos. Morgen konnte es auch Vater Brackmann treffen.
Am nächsten Tag ging Paul wie gewöhnlich zur Schule und am übernächsten ebenfalls. Er dachte schon: So sehr veränderte sich das Leben gar nicht! Denn dass sein Vater jetzt tagsüber zu Hause saß und die Zeitung las, störte ihn nicht.
Aber eines Tages merkte er, dass das Essen anders eingeteilt wurde, und auf seiner Frühstücksstulle lag keine runde Wurstscheibe mehr, sondern nur Schmalz. Je länger Vater von seiner Drehbank wegbleiben musste, umso mehr häuften sich derartige Dinge. Geld und Essen wurden immer knapper. Vater lief täglich herum und suchte eine neue Arbeit. Niemand konnte ihn einstellen. Einmal fand Mutter für einige Tage eine Aushilfsstelle. Da schien es wieder besser zu gehen. Aber dann war auch das vorbei. Und nun merkte Paul immer mehr, dass sich vieles verändert hatte.
Er konnte tatsächlich nicht länger zu den Ausflügen mit. Zweimal hatte ihn noch Vater Brackmann eingeladen, auf seine Kosten mitzukommen, aber Paul hatte selbst gehört, wie sein Vater zu ihm sagte: »Lass man, Karl, wer weiß, wie lange du selbst noch an deiner Stelle bist. Paul muss nich so verwöhnt werden. Ick geh mit ihm in’n Stadtpark.« Und zu Paul sagte er: »Weißt ja, Junge, wie viel wichtiger für das Geld Brot oder Fett sind als so ein bisschen Ausflug, auf dem man das teure Geld wegschmeißt.« Paul wusste das und sah das ein.
Mit Vater in den Stadtpark zu gehen, war langweilig. Sein Vater war nicht Vater Brackmann. Er sagte überhaupt kein Wort. Er zog nur stumm an seiner Pfeife, und wenn er den Mund auftat, rief er höchstens: »Stoß doch nicht immer mit den Schuhspitzen auf die Erde, du wetzt unnötig die Schuhe ab.« Das machte wirklich nicht viel Spaß. Es gab auch sonst nichts Besonderes in einem Park zwischen Häusern und Straßen. Erwin, dachte Paul, mein Freund Erwin, der liegt jetzt im Wasser oder unter den grünen Bäumen, und am Abend bringt er Kaulquappen mit und baut ein Aquarium. Und dann stieg in ihm immer so etwas auf, dass er entweder mit den Schuhen die Steine aus dem Weg stoßen musste oder losheulen. Denn die Sache mit Erwin quälte ihn am meisten. Seit mein Vater arbeitslos ist, ist das keine richtige Freundschaft mehr. Der ist so stolz auf seine Botanisiertrommel, denkt an seine Schmetterlinge und macht sich wichtig. Was aus mir wird, kümmert ihn gar nicht! Deshalb fühlte sich Paul jetzt oft verlassen und dachte: »Ach, nun erst recht!« Dieses »nun erst recht« bedeutete: »Nun lass ich mir erst recht nicht anmerken, wie mir zumute ist.«
Eines Tages, als Paul seine Mütze aufsetzte um in die Schule zu gehen, lief er gewohnheitsmäßig zuerst in die Küche zu Mutter und sagte: »Mutta, gib mir meine Frühstücksstullen!« Aber da sagte Mutter – und das gehörte auch zu einer der neuen Veränderungen des Lebens: »Paulchen, ich kann dir keine mehr mitgeben. Sonst langen wir nicht mit Brot und Fett, denn es gibt erst am Dienstag wieder Unterstützung.«
Also ging Paul ohne Frühstücksbrot in die Schule, und Erwin merkte natürlich gleich, dass er keine Stullen aus der Tasche zog, als es zur großen Pause läutete und alle Jungen in den Hof frühstücken gingen.
»Was ist denn los?«, fragte er, »hast du’s vergessen?«
»Natürlich, wat denn sonst!«, antwortete Paul. »Hab’s vergessen.«
Er sagte das sogar etwas unfreundlich, eben aus dem Gefühl, »nun erst recht nicht«.
Erwin hatte aber wirklich sehr freundlich gefragt, denn wenn Erwin auch noch so glücklich war und am Sonntag mit seinem Vater aus der Stadt hinausfahren konnte, Kuchen essen oder Schmetterlinge fangen oder allerhand Pflanzen sammeln, er hätte es tausendmal lieber gehabt, wenn Paul dabei gewesen wäre, wie in alten Zeiten. Auf Pauls unfreundliche Antwort hin sagte er gar nichts, sondern teilte einfach sein Brot in zwei Hälften. »Da, nimm von mir.« Und nun konnte Paul nichts anderes tun als essen, denn er war hungrig. Er nahm das Brot und sagte: »Danke!«
Am nächsten Tag musste er sich etwas anderes ausdenken und er sagte: »Hab keinen Hunger!« Das war eine sehr schlechte Ausrede. Jetzt bot ihm Erwin natürlich nichts von seinem Brot an.
Erwin war aber nicht so gedankenlos, wie Paul glaubte. Als Paulchen jetzt niemals mehr Brot aus der Mappe zog, erschrak er und merkte: Richters müssen sparen.
Nun kann man sehen, was Erwin für ein guter Freund war. Er ging fast jeden Tag zu Paul und sagte: »Du, Paul, nimm mir doch mein Brot ab, ich bin so nudeldicke satt und kann nicht mehr essen.« Das sagte er nur, weil er gemerkt hatte, dass Paul sonst das Brot nicht annahm. Paul aber sagte: »Na, meinswegen, gib’s her.« Denn er war immer hungrig. Man konnte auch schon sehen, dass er nicht mehr ganz satt wurde. Er war viel schmäler geworden. Er sah auch blass aus. Der Klassenlehrer hatte schon zweimal gesagt: »Richter, fehlt dir was? Bist du krank? Du siehst so schlecht aus!« »Ach nein«, antwortete Paul, »mir is nichts.« Er war hungrig.
Man konnte sehen, dass er hungrig war
Seiner Mutter und seinem Vater ging es auch nicht anders. Aber schließlich konnte er nicht immer Erwins Brot essen, sondern musste sich daran gewöhnen, nichts zu haben.
Der Hunger allein hätte sich vielleicht auch noch ertragen lassen. Aber schwer war etwas anderes. Er hatte nur einen dünnen Sommermantel. Inzwischen war es Winter geworden. Ein schrecklich kalter Winter. Jetzt fror Paul, dass er klapperte. Wie wenn sich alles gegen ihn verschworen hätte, sah er eines Morgens, dass seine Schuhe ein großes Loch in der Sohle hatten. Während man sonst solche Löcher ohne großen Familienrat und Beschluss einfach zum Schuster trug, musste man jetzt erst berechnen, ob Pauls Schuhe noch in der Woche oder in der nächsten oder übernächsten Woche besohlt werden konnten, weil erst Vaters Schuhe zum Besohlen fortgebracht werden mussten oder weil die Miete fällig war.
Seht, solche Sorgen hatte Paulchen. Aber davon sprach er am liebsten nicht, sondern er spielte nach wie vor mit den anderen Jungen Murmeln oder ging mit ihnen über den Kellerfenstern angeln. Beim Angeln hatte man die Hoffnung, dann und wann ein Geldstück an den Magneten springen zu sehen. Ein Geldstück, das achtlose Passanten verloren hatten und das vom Asphaltrand der Straße aus in ein Kellerloch gerutscht war. Es blinkte dann, wenn man genau hinsah, zwischen den Gitterstäben der Keller, und mit Geduld und mit Hilfe eines Magneten oder eines Steckens mit feuchter Seife konnte es wieder ans Tageslicht befördert werden. Glückte das, so vergaß man den Hunger und alles andere Traurige. Der Hunger hatte tückische Eigenschaften!
Hatte er je zuvor auf die Semmelbeutel und Milchflaschen geachtet, die vor den Wohnungstüren standen, wenn er am Morgen zur Schule ging? Nein! Jetzt aber sah er ganz genau, beim Eismann Lange hatten sie noch nicht die Milch hereingenommen, im dritten Stock links bei der Witwe Weyermann hingen noch zwei Brötchen in dem bestickten Beutel an der Türklinke. Auch der Tischler Sperber und der Chauffeur Biedermann hatten Milch und Brötchen vor der Tür stehen. Und während er, Paul Richter, aus dem vierten Stock die Treppe herunterkommt, muss er bei jedem Absatz daran denken, wie Milch schmeckt und wie gut warme Brötchen sind, wenn man sie in der großen Pause aus der Schultasche ziehen kann. Er hat nur eine magere Suppe oder Grütze im Magen und er weiß, in der großen Pause wird er wieder dastehen und zusehen, wie alle anderen ihre Brote vertilgen, während er selbst Hunger hat. Hier aber liegen vor seinen Augen Brötchen und stehen Milchflaschen. Sie scheinen keinem Menschen zu gehören, sondern nur auf ihn zu warten, und es ist mit einem Mal wie in den alten Märchen. Die Semmeln beginnen mit ihm zu reden. Sie sagen: »Nimm mich mit. Ich will gegessen sein. Pack mich ein und iss mich auf.« Die Milch in den Flaschen bekommt ein Gesicht und lacht ihm zu: »Trink mich doch, Paulchen, trink mich doch!« Weiß der Teufel, er muss verhext sein. Das zuckt ihm in den Fingern. Er möchte zugreifen, aber dann rennt er schnell, doppelt rasch zur Haustür hinaus und schaut sich nicht mehr um, sondern springt durch den Hof auf die Straße und läuft zur Schule, die Hände in der Tasche.
»Quatsch«, denkt er, »ich bin doch kein Dieb!«
Wenn er aber in der vorletzten Stunde Hunger bekommt und die anderen essen sieht, wird er unschlüssig und denkt: »Einmal, nur ein einziges Mal, tu ich es doch.«
Eines Morgens kommt er wieder die Treppe herab, er steckt seine Hände fest in die Taschen um nicht zuzupacken. Aber plötzlich sagt eine Stimme in ihm ganz laut: »Ach, wegen so ein paar Semmeln!«, und er bleibt vor der Tür der Witwe Weyermann stehen, reißt den bestickten Beutel vom Knopf und steckt ihn ein. Und vor der Tür des Chauffeurs Biedermann hält er noch ein zweites Mal und nimmt die Halbliterflasche Milch, stopft auch sie in seine Tasche und rennt, ohne sich umzusehen, auf die Straße.
Die Semmeln beginnen mit ihm zu reden
In einem fremden Hausflur trank er die Flasche Milch aus. Und weil er so lange keine Milch getrunken hatte, staunte er, wie gut sie schmeckte. Die leere Flasche schob er heimlich unter eine Kellertreppe. In der Schulstunde seufzte er noch ein paar Mal über das, was er getan hatte. Richtig war das sicher nicht, so viel wusste er schon. Aber nun war es nicht mehr zu ändern. »Wegen so ein paar Semmeln?« Hatte das nicht der Semmelbeutel selber zu ihm gesagt? Ja, die Semmeln mussten verhext sein. Früher hatten sie nie mit ihm gesprochen. Er hatte sie überhaupt nicht angesehen. Oder hatte ihn der Hunger behext? Er konnte es nicht unterscheiden. Er wollte jetzt nicht darüber nachdenken. Er aß seine Semmeln und freute sich, dass er wenigstens etwas zu kauen hatte.
Hier muss ich die Geschichte einmal kurz unterbrechen. Denn es gibt hier vieles zu bedenken. »Wegen so ein paar Semmeln!«, dachte Paul. »Wegen so ein paar Semmeln!«, sagen vielleicht auch viele von euch. Aber es ist doch eine sehr gefährliche Geschichte. Wir können sie drehen und wenden, wie wir wollen – Paul war ein Spitzbub geworden. Viele Leute sagen auch nur kurzweg »ein Dieb«. Und ein Dieb ist ein schlechter Mensch. Ein Dieb gehört ins Gefängnis. Ein Dieb muss bestraft werden. So ist es festgelegt worden. Denn wo kämen wir auf unserer Welt hin, wenn solche Dinge erlaubt würden?
Wenn die erwachsenen Leute und Richter sich mit diesen Fragen beschäftigen, da gibt es »mildernde Umstände«. Wisst ihr, was mildernde Umstände sind? Bei Paulchen sagen wir in diesem Fall kurzweg: der Hunger. Darum bitte ich euch, denkt nur nicht gleich, von jetzt an ist der Paul aus der Geschichte ein schlechtes Kind. Das war er ganz gewiss nicht.
Ich glaube, ihr könnt euch alle selbst an die Nase greifen, wenn ihr ein wenig nachdenkt. Denn wer von euch hat noch nie etwas Unrechtes an sich genommen – irgendein Stück Schokolade oder ein Stück Kuchen, das er nicht nehmen sollte und trotzdem heimlich und unerlaubt aufschleckte? Ihr nennt das »naschen«, aber es ist fast das Gleiche. Bei Paulchen haben wir noch dazu die mildernden Umstände des Hungers festgestellt. Er hatte doch schon selbst gemerkt – der Hunger machte ihn schwach, der Hunger hatte ihn behext. Ihr aber hattet vielleicht keinen Hunger.
Viel schlimmer wurde etwas anderes. Er hatte es nur ein einziges Mal tun wollen, aber nun musste er es immer wieder tun, es wurde ihm zur Gewohnheit. Er nahm einmal diese Semmeln, ein andermal jene. Er steckte sich die Milchflaschen ein. Er schlüpfte sogar ins Vorderhaus, lief in die verschiedenen Seitenaufgänge und stahl sich von dort einen Semmelbeutel. Und beim dritten und vierten Mal fand er es schon gar nicht mehr schlimm. Er gewöhnte sich daran. Wenn er am Morgen keine Brötchen erwischen konnte, weil irgendein Mitbewohner die Treppe heraufkam, so schlich er am Nachmittag, wenn der Lehrling Gustav vom Bäcker Hennig die Nachmittagslieferungen zurechtmachte und seinen Korb im Vorflur niederstellte, so lange um den Korb herum, bis der Augenblick gekommen war und Gustav sich umwandte oder nochmals in den Laden zurückgerufen wurde. Dann riss er schnell ein Paket heraus und freute sich, wenn er eine Tüte erwischte, in der Hörnchen oder Salzstangen waren. Er dachte gar nicht daran, wie schlimm diese Geschichte für den armen Gustav ausgehen könnte.
Gustav fuhr ahnungslos mit seinem Korb zur Kundschaft. Er gab überall die bestellten Tüten ab. Plötzlich fehlte eine. Er konnte die Tüte für Frau Inspektor Meißel nicht finden. Er suchte und suchte und drehte alle Tüten um. Jetzt dachte Gustav: Bin ich verhext? Ich hatte doch selber die Tüte für Frau Inspektor Meißel zurechtgemacht und in den Korb gelegt. Ich kann sie nicht verloren haben. Das hätte ich gemerkt. Doch die Tüte war und blieb verschwunden und Gustav musste nach Hause gehen, ohne sie abgeliefert zu haben. Zunächst dachte er: Einmal macht ja nichts. Aber einmal macht schon viel. Denn eine Stunde später klingelte im Bäckerladen das Telefon.
»Hallo – Bäcker Hennig.«
»Hier ist Frau Inspektor Meißel!«
»Ja, bitte.«
»Herr Hennig, wo bleiben meine Semmeln?«
»Ihre Semmeln? Die sind doch schon längst hingebracht worden!«
»Nein, sie wurden nicht gebracht.«
»Das begreife ich gar nicht.«
»Es ist aber so. Schicken Sie sofort neue. Wir sitzen beim Kaffee und warten.«
»Ich werde neue schicken und auch sofort mit meinem Jungen sprechen.«
»Mit dem Jungen sprechen« hieß: Gustav gehörig ausschimpfen.
»Warum und weshalb! Wo hast du die Ware Meißel? Du hast sie verbummelt, du hast sie aufgegessen!«
Der unschuldige Gustav musste büßen, was Paulchen Unrechtes getan hatte, obwohl Gustav immer wieder versicherte »Ich weiß doch selber nicht, wo die Brötchen abgeblieben sind« und »Ich habe sie ganz bestimmt nicht verbummelt, die muss einer geklaut haben!«. Bäcker Hennig erklärte: »Ich ziehe dir die Semmeln vom Lohn ab, damit du Acht geben lernst.« Denn er war sehr genau und hielt Ordnung unter seinen Brötchen.
Also wurden Pauls Brötchen dem unschuldigen Gustav vom Lohn abgezogen. Und darum ist es eben nicht mit »wegen so ein paar Brötchen« abgetan und es ist ganz richtig, wenn man sagt: Wo kämen wir auf dieser Welt hin, wenn solche Dinge erlaubt würden.
Nun wollen wir zu Pauls Entschuldigung annehmen, dass er gar nicht erfuhr, was für böse Folgen seine Taten für Gustav hatten, und dass er sich auch nicht überlegte, wie erzürnt die Bestohlenen waren.
»Wo ist das Brot?«
Einige Tage später sollte Erwin in der Bäckerei Brot einkaufen. Da kam die Witwe Weyermann in den Laden. »Herr Hennig«, sagte sie, »denken Sie nur, jetzt sind mir schon vier Mal hintereinander meine Frühstückssemmeln gestohlen worden und jedes Mal ist dabei auch ein bestickter Frühstücksbeutel verschwunden. Das geht doch nicht so weiter!«
Sie hatte das kaum gesagt, da drehte sich Frau Klein, die auch im Laden stand, um und rief: »Was sagen Sie, auch bei Ihnen? Bei mir sind nicht nur die Brötchen fortgenommen worden, sondern auch die Milch. Einfach weg war sie, wie in den Erdboden gesunken. Wenn der Dieb nur wenigstens die leere Flasche dagelassen hätte! Man hat doch heute wirklich kein Geld über. Aber jetzt ist das Geld für das Flaschenpfand auch weg!« »Du lieber Himmel, was ist denn nur plötzlich in unserem Haus los!« Der Bäcker legte vor Schreck alle Ware aus der Hand und setzte sich. »Frau Manasse im Vorderhaus hat sich auch schon beschwert.«
»Und«, rief nun Frau Weyermann wieder, »bei Biedermanns sind auch bereits zwei Mal die Semmeln samt der Milch verschwunden. Sollte am Ende Ihr Lehrling Gustav« – sie dämpfte die Stimme, damit Gustav neben ihr in der Backstube nicht hörte, was für eine schlechte Meinung sie von ihm hatte – »sollte Gustav nicht ehrlich sein?«
»Ja, natürlich, Gustav«, meinte nun auch Frau Klein. Und sie wussten doch gar nicht, wie unrecht es war, den armen Gustav so zu belasten und zu verdächtigen.
