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Mit ihrer Erzählung über das Leben in Lancashire bewegte sich Frances Hodgson auf vertrautem Terrain. Aufgewachsen in der ersten Industriestadt der Welt, kannte sie das Schicksal der arbeitenden Frauen nur allzu gut – ob sie nun in der Kohlegrube oder in einer Spinnerei schufteten. Doch erst nach dem Tod ihres Vaters und der darauffolgenden Armut infolge der durch den Amerikanischen Bürgerkrieg ausgelösten Baumwollknappheit in Lancashire begann sie zu schreiben. Dort heiratete sie 1872 Swan Burnet. "Die kleine Miss" war ihr erster Roman, aber keineswegs ihr schlechtester. Ein düsteres Porträt des Lebens in einem Bergarbeiterdorf und dennoch eine freudvolle und erhebende Lektüre.
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die kleine Miss
Frances Hogsen Burnett
2025 ©Verlag Heliakon
Umschlaggestaltung: Verlag heliakon
Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Übersetzerin: Charlotte Dannenberg
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
1. Kapitel
Sie sahen nicht aus wie Frauen; einer, der fremd hier in der Gegend war, hätte wenigsten leicht durch ihr Aussehen irregeführt werden können, wie sie so in einer Gruppe neben dem Eingange zur Grube standen. Es waren ihrer etwa ein Dutzend — alles ,,Grubenmädchen”, wie sie genannt wurden; Weiber, die einen Anzug trugen, der mehr als zur Hälfte dem männlichen Anzug entsprach, und die laut lachten und unharmonisch lachten. Manche von ihnen hatten auch, weiß, der Himmel! Gesichter so hart und grob, wie die rauesten ihrer gleich ihnen im Kohlenbergwerk beschäftigten Brüder und Männer und Liebsten. Sie hatten ihr Leben zwischen den Kohlengruben zugebracht und hatten früh und spät im Schacht gearbeitet, seitdem sie nur alt genug waren, an der schweren Arbeit mitzutun.
Es war also nicht zu verwundern, dass sie die ganze Blume weiblicher Bescheidenheit und Anmut verloren hatten. Ihre Mütter waren, als sie jung waren, auch “Grubenmädchen” gewesen, ihre Großmütter ebenfalls; sie waren in rauem Heim geboren worden; sie hatten kaum ihr Brot gehabt und hatten hart und schwer gearbeitet; sie hatten im Kohlenstaub und im Kohlenschmutz geatmet, und so oder so schien dieser Staub und Schmutz ihnen anzuhaften und sich in ihren Naturen zum Vorschein zu drängen, so wie er aus ihren derben und ungewaschenen Gesichtern zu lesen stand. Im ersten Augenblick schreckte man vor ihnen zurück; trotzdem konnte sich niemand des Mitleids mit ihnen verschließen.
Da war auch nicht ein Tüttelchen Weichheit, das sie in ihrem halbwilden Dasein hätte regeln oder auch nur beeinflussen können.
An dem Abend, von welchem ich hier erzähle, war die Gruppe an dem Grubeneingang weit lebhafter noch als gewöhnlich. Sie lachten, schwatzten und scherzten — es fielen der Scherzworte manche, denen es an Derbheit nicht fehlte — und dann und wann fand auch, wie jemand, der auf der Horche stand, hätte hören können, ein recht energischer Ausdruck der Bekräftigung oder Beteuerung ohne Bedenken und Zögern den Weg über ihre Lippen, ganz so, als wenn dergleichen Klänge ihrer aller Ohren nicht fremd seien.
Die meisten von ihnen waren jugendlichen Alters, wenn auch einige unter ihnen schon als gereifte Personen gelten konnten, und die Hauptfigur in der Gruppe — diejenige, welche in der Mitte der anderen stand — war ein noch recht junges Mädchen. Sie unterschied sich aber von den übrigen in mehreren Hinsichten. Während diese im Wachstum mehr oder minder zurückgeblieben waren, war sie auffällig groß und stark. Sie trug dieselbe grobe Kleidung, wie die ärmste von ihren Genossinnen; die Art aber, wie sie sie trug, wich von der Art der anderen ganz außerordentlich ab. Die barchentne Männerjacke stand am Hals offen und zeigte einen hübschen, von der Sonne gebräunten Hals. Der Männerhut überschattete ein Gesicht mit dunklen Augen, die eine Art von animalischer Schönheit zeigten, und ein wohlgeformtes Kinn. Es hatte den Anschein, als wenn alle die derben Scherzreden, die in der Frauengruppe hier fielen, auf dieses Mädchen gezielt würden.
»Ich sage dir, Hanne«, sagte die eine von den Frauen, »wir bringen es so weit, dass du sein Schatz bist, ehe noch vier Wochen vergangen sind.«
»Jawohl! Jawohl!« lachten ihre Kameradinnen, »dahin bringen wir es! Es bleibt dir ja nichts übrig, als dich dreinzuschicken. Gegen den LondonMann kann sich niemand stellen. Sein Schatz musst du werden, Hanne! das sagen wir jedem ins Gesich.«
Johanna Lowries sah sich trotzig um.
»Mich zum Schatz von solch einem Esel zu machen, wird keinem gelingen«, sagte sie, »ich mag von Männern ohnehin nie viel hören. Ich bin ihrer mehr als überdrüssig und gar, mir so einen wie den, nah kommen lassen, wäre mir gerade das Rechte. Und ein Uondoner ist er auch gar nicht. Er ist bloß aus dem Süden, und der Süden, der ist nicht London.«
»Er hat aber doch Londoner Manieren an sich«, warf eine andre dazwischen — »redet doch als wie geschniegelt und gebügelt. Einer aus Lancashire ist er nicht, das könnt’ bloß ein Dummrian sagen.«
»Ich seh’ nicht ein, weshalb er damit hinterm Berg halten sollte«, sagte Johanna grob — »er red’t nicht wie unsersgleichen, aber in seiner Art ist er doch gut genug.«
Ein lautes Gelächter unterbrach sie.
»Ich dächte, hätt’st ihn vor einer Minute erst einen Esel geschimpft«, riefen mehrere Stimmen auf einmal. »Ei! ei! Miß Hanne! wirst doch wohl anderen Sinnes, he?«
In den Augen des Mädchens blitzte es gefährlich.
»Es gibt manch anderen, den ich Esel schimpfen könnt’«, sagte sie; »ich brauche gar nicht weit zu gehen, um Esel aufzufinden. Esel jagen ist der beste Sport, und der sicherste auch! Lasst den Aufseher seines Weges gehen, und mich auch! Für euch wird’s so am besten sein.«
Sie drehte sich um und schritt aus der Gruppe. Ein abermaliges Gelächter erschallte hinter ihr her, aber sie schenkte ihm keine Beachtung weiter — gab auch auf sonst nichts acht, nicht einmal auf die beiden Männer«, die in ebendiesem Augenblick an ihr vorübergingen und sich, als sie vorbei war, nach ihr umdrehten. «
»Ein herrliches Geschöpf!« sprach der eine von ihnen.
»Jawohl! ein herrliches Geschöpf!« wiederholte der andre — »und den Nagel auf den Kopf haben Sie getroffen mit Ihrer Rede, Derrick! Ein herrlich Geschöpf — und nichts anderes! Wundern sie sich über meine Unzufriedenheit?«
Die beiden Männer waren der junge Zivil-Ingenieur, der die Aufsicht über die Grube führte, und der ihm befreundete Reverend Paul Grace, der Hilfspfarren. Man konnte sich kaum zwei Menschen denken, die einander minder ähnlich waren, in körperlicher sowohl wie in geistiger Hinsicht, als diese beiden; und dennoch würde es eine schwere Aufgabe gewesen sein, zwei Naturen zu finden, die harmonischer zusammenstimmten und warmer für einander fühlten als diese. Es wanderten sich indes die meisten Leute hierüber und wollten nicht verstehen, wie die beiden zusammen befreundet sein konnten. Der weiche, nervöse Oxforder reichte Derrick kaum bis zur Schulter; sein fein geschnittenes Gesicht war seltsam weibisch und harmlos; die zarten Augen, die hinter seiner kleinen Brille schimmerten, zeigten einen abwesenden, träumerischen Blick. Man konnte nicht anders, als auf den ersten Blick zu sehen, dass dieses überkultivierte, rast und ruhelose, peinlich gewissenhafte kleine Herrchen kaum die Person war, die mit Riggan erfolgreich in die Arena treten konnte. Derrick schritt an seiner Seite wie ein jugendlicher Sohn Enaks — dessen Verstand eine nicht minder kräftige Entwicklung zeigte als seine Körpergestalt.
Er blickte noch einmal über die Schulter zurück nach Johanna Lowrie, ehe er auf Graces Äußerung eine Erwiderung gab.
»Nein! das tue ich nicht«, sagte er nach diesem zweiten Blick auf das Mädchen — »mir geht es ebenso! Ich bin mit mir selbst nicht zufrieden.«
Grace wurde im Nu warm. Nervös und Verstandesmensch, wie er war, geriet er leicht in Erregung, besonders dann, wenn sein Pflichtgefühl getroffen wurde.
»Dieses Mädchen«, sagte er, »hat seit ihrer Kindheit im Schacht gearbeitet. Ihre Mutter war ein Grubenmädchen ihr ganzes Leben lang, hatte schwer zu schaffen. Mangel und Entbehrung und schlechte Behandlung zu leiden. Ihr Vater ist Bergmann und lebt wie die meisten vom Gewerk, trinkt und spektakelt und prügelt sich. Ihr Daheim ist nicht anders, als wie sie es allerorten hier gesehen haben, seit sie hier sind. Das Mädchen konnte nichts daran ändern, selbst wenn sie es versucht hätte, und würde übrigens gar nicht wissen, wie sie es anzufangen hätte, selbst wenn sie Neigung dazu haben sollte. Sie hat, wird mir erzählt, eine Behandlung zu erleiden gehabt, unter welcher die meisten Frauen ihr Leben gelassen haben würden. Sie ist von diesem Vater, der, wie es heißt, ein richtiger Unmensch ist, gestoßen, geschlagen, zu Boden getreten worden. Und doch verlässt sie ihren Platz in ihrer armseligen Hütte nicht und macht sich zur Sklavin dieses Gesellen, fügt sich einem elenden, starren Schicksal. Was kann ich in einem solchen Falle tun, Derrick?«
»Sie haben es versucht, sich mit dem Mädchen zu befreunden?« sagte Derrick.
Grace errötete lebhaft.
»Es gibt keinen Mann, keine Frau, kein Kind in der Pfarrei«, gab er zur Antwort, »mit dem ich nicht nach bestem Wissen und Gewissen versucht hätte, Freundschaft zu schließen, und ebenso glaube ich, dass es kaum eine einzige Person in der ganzen Pfarrei gibt, mit der mir dies gelungen wäre. Warum kann ich in dieser Hinsicht nichts erreichen? Warum scheitert all mein Bemühen? Die Schuld muss an mir selbst liegen —«
»Das ist ein Irrtum von Anbeginn«, fiel ihm Derrick in die Rede; »von Schuld ist hierbei keine Rede; das ist sehr einfach ein bloßes Missgeschick. Ihre Pfarrkinder sind in einer so unglückseligen Geistesverfafsung, dass sie gar nicht imstande sind, für sie Verständnis zu fassen — und auf ihrer Seite liegt das Unglück vor, dass sie zuvörderst ermangelt haben, sich auf den richtigen Standpunkt zu stellen. Ich sage ‘zuvörderst’, bemerken sie das wohl! — lassen sie sich Zeit, Grace! und lassen sie auch ihnen Zeit!«
»Ich danke Ihnen«, sagte der Reverend Paul. »Aber da wir jetzt einmal von diesem Mädchen reden — von dieser ‘kleinen Miss Lowrie’, wie sie immer genannt wird — so glaube ich, dass sie Johanna heißt. Johanna Lowrie, das versichere ich ihnen, ist mir eine Last auf dem Herzen. Ich kann ihr nicht hilfreich sein, und kann sie mir doch nicht aus dem Sinn schlagen. Sie steht völlig abseits von ihren Kameradinnen. Sie hat die meisten der ihrer Klasse angehörenden Fehler, aber keine von ihren Narrheit, und steht in dem Ruf, halb gefürchtet, halb geehrt und geachtet zu werden. Den Mann, der es wagen würde, sich ihr mit der gröblichen Art der Liebeswerbung zu nahen, welche unter diesen Leuten hierzu Hause ist, würde das gereuen bis zum letzten Tage seines Lebens. Sie scheint trotzig genug, die ganze Welt herauszufordern.«
»Und ist es wirklich unmöglich, die Herrschaft über sie zu gewinnen?«
»Mehr als unmöglich! Das erste mal, als ich voll Teilnahme und Mitgefühl zu ihr ging, da fühlte ich mich wie ein Kind in ihren Händen. Sie lachte nicht ein einziges mal, trieb auch nicht Spott mit mir, wie es alle übrigen Menschen hier tun. Sie stand vor mir wie ein Fels und hörte zu so lange, bis ich zu Ende geredet hatte. ›Pfarrer‹, sagte sie dann, ›wenn ihr mich meiner Weg gehen lassen wollt, so will ich euch eurer Wege gehen lassen‹, und darauf drehte sie sich um und ging in das Haus hinein. Ich bin nichts als ‘der Pfarrer’ für diese Leute hier, und ‘der Pfarrer’ ist eben jemand, vor dem sie wenig Achtung und für den sie keine Sympathie fühlen.«
Er hatte nicht so unrecht. Die stämmigen, hart besaiteten Kohlenbergleute blickten von oben herab auf “den Pfarrer”. »Ein bisschen gar nichts von Mensch«, nannten ihn die bestgearteten unter ihnen in erhabener Verachtung seiner unbedeutenden körperlichen Beschaffenheit. Wahr ist es freilich, dass die Umrisse des empfindsamen kleinen Herrchens sich nicht in irgendwie beträchtlichen Maßen bewegten. Und dies war übrigens nicht alles, was hierbei in Betracht kam. Es war noch eine weitere Art von Verzagtheit, gegen die er insgeheim anzukämpfen hatte, wenn er es auch fast für entehrend gehalten haben möchte, hierüber Klage zu führen. Aber Derricks scharfe Augen hatten es seit langer Zeit schon gesehen, und da er dies recht gut begriff, so fühlte er mit einem Freunde demzufolge Mitleid. Dennoch gab sich der Pfarrer, trotz der mannigfachen Schlappen, die er erlitten hatte, noch keineswegs besiegt. Seine Natur war trotz allem eben nicht leicht zur Unterwürfigkeit zu bringen. Er war Jetreffs Johanna Lowrie an diesem Abend sehr warm — so warm in der Tat, dass das Interesse, das der bloße Anblick des Mädchens im Herzen Derricks wachgerufen hatte, beträchtlich gesteigert wurde. Die beiden Männer redeten noch immer von ihr, als sie bereits vor der Tür zu der bescheidenen Behausung, die Grace hier innehatte, Halt gemacht hatten.
»Sie kommen doch natürlich mit herein?« sagte Paul.
»Jawohl«, antwortete Derrick, »an einen Augenblick. Ich bin angegriffen, und eine Tasse Tee von Frau Burnie wird mir darum recht gut munden.«
Bei diesen Worten strich er das Haar von der Stirne zurück, wie er gewöhnlich zu tun pflegte, wenn er einigermaßen erregt war.
Als er eintrat, war es als ob das kleine Zimmer noch kleiner erschien, als es an sich war. Er war gezwungen, den Kopf gebückt zu halten, als er durch die Tür trat, und erst als er sich in den größten Sessel geworfen hatte, den das Zimmer aufwies, schien der schmucke Raum sein gewohntes Aussehen, seine richtigen Verhältnisse wiederzuerhalten.
Grace blieb vor dem Tisch stehen und griff mit jähem Erröten nach einem Brief, welcher zwischen zwei, drei Schriftstücken von sichtlich belanglosem Charakter lag.
»Es ist eine Nachricht von Miss Anice«, sagte er, während er nach dem Herd hin schritt und vorsichtig in das kleine viereckige Couvert sein Federmesser schob, es zu lösen.
»Doch nicht ein Brief, Grace?« sagte Derrick mit schwachem Lächeln.
»Ein Brief! O du Gott, nein! Sie hat mir noch niemals einen Brief geschrieben. Es sind immer nur Zettelchen mit irgendeiner Bemerkung geschäftlicher Art. Sie hat sehr bestimmte Ansichten über die Art der Abfassung von Briefen.«
Er las den Zettel und behändigte ihn dann Derrick.
Es war eine gedrängte, feste und sichere Hand, die frei war von jeder, auch der schwächsten Neigung nach überflüssigen Rundungen.
»Werter Herr Grace! — Vielen Dank für das Buch. Sie sind wirklich sehr gütig. Bitte, lassen sie uns etwas von Ihren Pfarrkindern hören. Ich fürchte, dass Papa sich sehr wenig über sie freuen wird; aber ich kann mich einer freundlichen Empfindung für sie nicht einschlagen. Großmütterchen wünscht, dass ich ihnen einen Gruß von ihr bestelle.
»Mit nochmaligem Dank und der Versicherung meiner Freundschaft für Sie,
Anice Barholm.«
Derrick faltete den Zettel wieder zusammen und gab ihn seinem Freunde zurück. Um die Wahrheit zu sagen, so machte der Brief keinen allzu günstigen Eindruck auf ihn. Ein Mädchen, das das zwanzigste Jahr noch nicht erreicht hatte und das in der Weise an einen Mann schreiben konnte, der sie liebte, musste doch ein wenig zu selbstgefällig und sicher sein.
»Sie haben mir niemals viel von dieser Angelegenheit erzählt, Grace«, sagte er.
»Da ist auch nicht viel zu erzählen«, entgegnete der Pfarrer, der natürlich wieder über und über rot wurde. »Sie ist die Tochter des Pfarrers, und es ist kein zweites Mädchen von der Art, wie sie auf der ganzen Erde zu finden. Ich kenne sie nun seit drei Jahren. Sie besinnen sich vielleicht darauf, dass ich ihnen, während sie in Indien waren, schrieb, ich hätte sie getroffen. Und übrigens verstehe ich absolut nicht, wie ich es fertig gekriegt habe, so weit zu gehen, da ich doch so wenig — so sehr wenig — dazu ermuntert, ja in der Tat überhaupt nicht ihrerseits ermuntert wurde; aber wie dem auch sei, es ist mir über den Kopf gewachsen. Meine Neigung für sie ist mit meinem Leben verwachsen und da liegt der Punkt. Sie hat sich nie um mich gekümmert. Des bin ich gewiss, sehen sie. Und das konnte ich auch wahrlich kaum erwarten. Es ist nicht ihre Art, dass sie sich um die Männer hat, da es doch gewiss ist, dass sich die Männer um sie haben. Aber eines Tages wird auch das kommen, das glaube ich bestimmt — wenn erst ’mal für sie der Rechte kommt«, setzte er hinzu mit einem leisen Lächeln. »Sie ist einfach das, als was sie sich da unterschreibt, meine Freundin Anice Barholm, und schon dafür bin ich ihr sehr dankbar. Sie würde selbst das nicht schreiben, wenn sie es nicht im Ernst so meinte.«
»Herr Du mein Gott«, unterbrach ihn Derrick, ungeduldig den Kopf zurückwerfend; »und die ist erst neunzehn Jahre alt, sagen Sie?«
»Erst neunzehn«, sagte der Pfarrer, in arglosem Vertrauen auf das Mitgefühl seines Freundes, »aber verstehen sie wohl, ein ganz anderes Wesen als jedes andere Frauenzimmer auf der Welt.«
Dann kam der Tee und das geröstete Brot herein, und sie setzten sich selbander zur Mahlzeit nieder. Derrick kannte Anice schon recht gut, ehe sie wieder vom Tisch aufstanden, und doch hatte er nicht viele Fragen gestellt. Er wusste, wie Grace sie im Haus ihres Vaters getroffen hatte — ein eigenes, selbstbewusstes, selten hübsches und recht jugendlich ausschauendes kleines Wesen, in deren kleinem Körper die Kraft und Entschiedenheit von einem halben Dutzend Frauen des gewöhnlichen Schlendrians steckte; er wusste, wie es den Anschein gehabt hatte, als ob sie Gefallen an ihm fände; wie ihre Innigkeit immer mehr gewachsen wäre; wie mit ihr seine sanfte, tief im Herzen wurzelnde Leidenschaft gewachsen wäre; wie er einzusehen gelernt hatte, dass er nichts, gar nichts zu hoffen habe — kurz, er wusste die ganze schlichte Geschichte, mit noch hundert kleineren Punkten, die alle während des Gespräches ans Tageslicht kamen.
»Ich bin ein wenig besorgt, inbetreff ihres ersten Besuches hier«, sagte Grace, indem er seine Tasse beiseite schob und besorgt dreinschaute. »Ich muss unbedingt glauben, sie wird enttäuscht und verwirrt sein über den halbwilden Zustand, in welchem das Volk hier lebt. Sie weiß nichts von den Bergwerkbezirken. Sie war noch nie in Lancashire und hat bisher immer im Süden gewohnt. Jetzt ist sie in Kent mit der Mutter der Frau Barholm. Und wenn ich auch in den kurzen Briefen, die ich ihr geschrieben, versucht habe, sie auf die raue, unebene Seite des Lebens vorzubereiten, die sie hier wird schauen müssen, so fürchte ich doch, dass es für sie unmöglich sein möchte, sich in die Wirklichkeit zu schicken, und es wird ihr wohl einen kleinen Stoß, oder so etwas, versetzen, wenn sie herkommt.«
»Sie kommt also nach Riggan?« fragte Derrick.
»In ein paar Wochen. Sie war bei Frau Halloway zu Besuch gewesen, seit der Pfarrer seine Stellung in Ashley-Wolde aufgegeben, und Frau Barholm erzählte mir heute, dass sie in ihrem letzten Brief davon gesprochen habe, einmal zu ihnen zu kommen.«
Der Mond schien silberhell, als Derrick auf die Straße hinaustrat, spät am Abend, und obgleich die Luft ein wenig kalt war, war es draußen doch keineswegs unbehaglich. Er hatte einen tüchtigen Marsch vor sich. Der Qualm und der Dunst der düsteren kleinen Stadt war ihm zuwider, und er hatte es vorgezogen, an dem äußersten Rand des Ortes sein Heim aufzuschlagen; aber er war ein Freund von derber Leibesübung und hielt die Entfernung zwischen seiner Wohnung und dem Felde seiner täglichen Arbeit nur für einen Vorteil.
»Auf dem Weg hin und her verdampfe ich immer eine tüchtige Portion überflüssigen Schweißes«, sagte er an der Tür zu Grace. »Der Wind, der von BoppartBrow herüberweht, hat es so an sich, fieberhafte Pläne zu zerstreuen und ruhelose Fantasien zu besänftigen; das tut einem gut. Ein Weg von einer halben Meile auf der Knoll-Chaussee genügt oft, einem, der von irgendeinem Leide irre, den Kopf zurechtzusetzen.«
Als er zur Nachtzeit die Ecke erreichte, wo er in die Knoll-Chaussee einbog, war sein Gemüt auf einer alten, alten Spur entlang geirrt, aber er wurde durch einen neuen Gegenstand abgelenkt — das war in der Tat niemand anders als Johanna Lowrie. Der Eindruck, den die Geschichte Johannas und ihr abgesondertes, mühsames Leben auf ihn gemacht hatte, war nicht leicht zu verwischen, weil das härteste Elend, das das Los einer Bevölkerungsklasse, an der er unwillkürlich Interesse nehmen musste, irgend mit sich bringen kann, auf eine förmlich dramatische Figur gehäuft war. Zugleich packte ihn ein schmerzliches Gefühl, dass sie es nicht verdient hätte; dass Elend und sie gar nicht zusammenpassten.
»Wenn sie in der Lage dieses anderen Mädchens gewesen wäre«, sagte er, »wenn sie das Leben dieser Anice gelebt hätte.« —
Aber er beendete seinen Satz nicht. Etwas auf dem Weg, nur noch wenige Ellen von ihm entfernt, zog seine Blicke auf sich — eine Gestalt, die am Wegrande saß, bei dem Häuschen eines Kohlenbergwerks — augenscheinlich ein kleines Mädchen, das ein bisschen betrübt und besorgt war, denn sie hatte den Kopf in die Hand gestützt, und schon in ihrer bloßen Stellung kam ein hartes Unglück, ein schwerer Kummer zum Ausdruck.
»Ein Weib«, sagte er laut. »Ich bin nur neugierig, was für ein Weib. Das ist nicht die Zeit für Weiber, so alleine hier zu sitzen.«
Er ging augenblicklich über den Weg hinüber, und an das Mädchen herantretend, berührte er leicht ihre Schulter.
»Na, mein Mädel«, sagte er gut gelaunt, »wo tut es dir denn weh?«
Sie hob den Kopf langsam, als schwindelte ihr. Ihr Gesicht war durch eine Brausche entstellt, und auf der einen Schläfe hatte sie eine Wunde, von der ihr das Blut die Wange hinunter sickerte; im Mondschein erkannte er Johanna. Er zog die Hand von ihrer Schulter und trat einen Schritt zurück. —
»Sie sind verwundet!« rief er aus.
»Ja«, sagte sie in vorsichtigem Tone, »ich bin verwundet — böse verwundet.«
Er fragte sie nicht, wie sie verwundet worden. Er wusste, gerade so gut als wenn sie es ihm gesagt hätte, dass es ihr Vater getan hatte in einem Anfall, in den ihn seine Trunksucht so oft hinein riss. Er hatte so etwas während seines Aufenthaltes hier bereits einmal gesehen, im Bergwerte. Aber so empörend er auch auf sein Schamgefühl wirkte, es war ihm doch nicht so entwürdigend erschienen, wie jetzt.
»Sie sind Johanna Lowrie?« fragte er.
»Ja, ich bin Joanna Lowrie — wenn ihnen irgendwas dran liegt, es zu erfahren.«
»Sie müssen irgendetwas für den Riss da auf ihrer Schläfe tun«, sagte er dann.
Sie legte ihre Hand darauf und wischte das Blut fort, als ob sie ungeduldig darüber wäre, dass es noch immer rieselte.
»Es wird so gut genug gehen«, sagte sie.
»Das ist ein Irrtum«, antwortete er. »Sie verlieren mehr Blut als sie denken. Kommen sie, ich will ihnen helfen.«
Sie rückte unwillig hin und her.
Aber er beachtete ihren Einwurf nicht. Er zog sein Tuch aus der Tasche, und nach kurzem Bemühen gelang es ihm, das Blut zu stillen. Dann verband er die Wunde. Vielleicht wurde Johanna gerührt durch sein mitleidsvolles Schweigen und die ruhige Bedachtsamkeit seines Wesens. Ihr Gesicht, das fast demütig, nach oben gekehrt war, trug für den Augenblick ein angstvolles Gepräge. Sie hatte die Lippen fest aufeinander gedrückt. Sie sprach nicht, bis er fertig war, und dann erhob sie sich und stand vor ihm fest und unbeweglich wie sonst.
»Ich danke ihnen«, sagte sie mit unterdrückter Stimme. »Mehr kann ich nicht sagen.«
»Denken sie daran gar nicht!« antwortete er. — »Ich hätte nichts Geringeres und Unbedeutenderes tun können. Wenn sie jetzt heimgehen könnten …«
»Ich werde heute Nacht nicht heimgehen«, unterbrach sie ihn kurz.
»Sie können doch nicht im Freien bleiben!« rief er aus.
»Wenn ich es tue, so wird es nicht das erste Mal sein«, und sie kreuzte seinen ängstlichen Blick mit einem Stolz, der es ihm zu verbieten schien, sie zu bemitleiden oder Fragen an sie zu stellen. Aber seine Teilnahme und seine Besorgtheit mussten sie doch gerührt haben, denn im nächsten Augenblick wurde sie weicher. »Ich habe es oft getan«, setzte sie hinzu, »und habe mich nie davor gefürchtet. Sie brauchen sich nicht zu sorgen, Herr; ich bin daran gewöhnt.«
»Aber ich kann doch nicht gehen und Sie verlassen«, sagte er.
»Sie können weiter nichts tun«, antwortete sie.
»Haben sie keine Freunde?« wagte er zögernd zu fragen.
»Nein, ich habe keine«, sagte sie, wieder in ihr herbes Wesen verfallend, und wendete sich ab, als ob sie willens wäre, der Unterredung ein Ende zu machen. Aber er wollte nicht von ihr gehen. Der Geist der Festigkeit und Entschlossenheit war seiner Natur eben so stark ausgeprägt zu eigen wie der ihren. Er riss ein Blatt aus seinem Taschenbuch, warf einige wenige Zeilen darauf und reichte es ihr hin. »Wenn sie dies Frau Thwaite geben wollten«, sagte er, »dann wären sie nicht gezwungen, die ganze Nacht unter dem freien Himmel zuzubringen.«
Sie nahm es ihm mechanisch aus der Hand; doch als er zu sprechen aufgehört hatte, verließ sie ihre Ruhe. Ihre Hand begann zu zittern, dann ihr ganzer Körper, und im nächsten Augenblick sank sie auf dem alten Fleck zu Boden, heftig schluchzend und das Antlitz in den Armen verbergend.
»Ich will es nicht nehmen!« rief sie, »ich will nirgends wohin gehen und niemandem sagen, dass ich wie ein Hund auf die Straße gejagt werde.«
Ihr Elend und ihre Scham schüttelten sie, als packte sie ein Wirbelwind. Aber sie war schließlich Herrin über ihre Aufregung.
»Ich sehe nicht ein, warum sie sich darum kümmern«, verwahrte sie sich halb grämlich; »andere Leute tun es ja auch nicht. Es kräht ja sonst den ganzen Tag lang kein Hahn um mich.« Ihr Haupt sank ihr wieder auf ihre Brust und sie zitterte über den ganzen Körper.
»Aber ich bin besorgt!« entgegnete er. »Ich kann sie hier nicht verlassen und will es auch nicht. Wenn sie mir vertrauen und tun, wie ich ihnen sage, dann werden die Leute, zu denen sie gehen, nichts weiter zu erfahren bekommen, als sie ihnen zu erzählen belieben werden.«
Es sprang in die Augen, dass seine Entschlossenheit sie wanken machte, und auf diese Wahrnehmung hin verfolgte er seinen Vorteil und brachte es schließlich dahin, da, sie langsam aufstand und das zur Erde gefallene Blatt aufhob.
»Wenn ich einmal gehen muss, dann muss ich auch«, sagte sie, es mit nervös zuckenden Fingern zerknitternd. Dann trat eine Pause ein, in der sie offenbar zögerte, ob sie ihm etwas sagen sollte, denn sie stand vor ihm mit einem Ausdruck der geduldigen Ergebung in ihren zur Erde geschlagenen Augen. Indes brach sie das Schweigen selbst, sah plötzlich auf, und ihre großen Augen ruhten voll auf seiner Gestalt.
»Wenn ich eine Dame wäre«, sagte sie, »dann wüsste ich vielleicht, was ich zu ihnen sagen sollte; da ich aber bin, was ich bin, so weiß ich es nicht. Vielleicht aber wissen sie, da sie ein feiner und gebildeter Herr sind, was ich gern sagen möchte, aber nicht sagen kann — vielleicht wissen Sie es.«
Während sie sprach, kämpfte auch jetzt noch in ihrer Natur die immer vorhandene Neigung zum Trotz gegen den besseren Instinkt zur Dankbarkeit; aber der bessere Instinkt gewann die Oberhand, und als sie vor seinem Blick die Augen niederschlug, erweichte ihr ganzes Wesen zu einer ungewöhnlichen Würde von Weiblichkeit. Er erkannte indessen, trotzdem er diesen Vorgang wahrnahm, dass viele Worte ihr nicht gefallen würden, daher war er in seiner Antwort so kurz wie möglich.
»Wir wollen nicht von Dank sprechen«, sagte er. »Ich kann ja auch einmal der Hilfe bedürftig sein; dann werde ich zu ihnen kommen, um sie mir zu erbitten.«
Ihr Haupt hob sich plötzlich — eine plötzliche Glut überkam sie.
»Wenn sie jemals auf dem Werk der Hilfe bedürftig sind, würden sie dann zu mir kommen?« fragte sie. »Es hat’ mal ’ne Zeit gegeben, wo ich den Herren hätte helfen können, wenn ich gewollt hätte. Wenn sie versprechen würden, dass sie …«
»Ich verspreche es«, antwortete er ihr.
»Und ich verspreche, sie ihnen zu gewähren«, sagte sie eifrig. »Das ist also abgemacht. Nun will ich meinen Weg gehen. Gute Nacht, Herr.«
»Gutes Nacht«, entgegnete er, indem er den Hut mit einem gerade so gewichtigen Diener zog, als er vor den feinsten Damen im Land oder vor seiner Mutter oder seiner Schwester würde gemacht haben; dann blieb er am Wegrand stehen und folgte ihr mit den Blicken, bis sie verschwunden war.
2. Kapitel
»Der alte Kerl hat ’mal wieder den Teufel im Schädel gehabt«, war die grobe Bemerkung, die man am nächsten Morgen über Johanna Lowries Aussehen machte, als sie in die Grube kam. Aber Johanna sah weder nach links noch nach rechts, und ging an ihre Arbeit, ohne ein Wort zu sprechen. Nicht einer unter den Arbeitern hatte sie jemals von ihrem Elend und den ihr zugefügten Misshandlungen sprechen hören, oder hatte bemerkt, dass sie auch nur ein einziges Mal die Tatsache nicht ignorierte, dass das Leben, welches sie führte, recht gut unter ihren Mitarbeitern bekannt war.
Als Derrick aus dem Weg zu seiner Arbeit an ihr vorbeikam, sah sie auf, mit einer schwachen, rasch ihre Wangen überfliegenden Röte und antwortete auf seinen höflichen Gruß mit einem kurzen, aber nicht unwilligen Nicken. Es war klar, dass selbst die Dankbarkeit sie nicht hätte veranlassen können, Derrick irgendwie zu Weiterem zu ermutigen. Dem ungeachtet aber fühlte er sich nicht zurückgestoßen, ja nicht einmal enttäuscht. Er hatte Johanna in ihrem kurzen Beisammensein gut genug kennengelernt, als dass er von ihrer Seite irgendwelches andere Benehmen hätte erwarten können. Er empfand nichtsdestoweniger Neigung für das Mädchen, weil er sich genötigt sah, sie neugierig und kritisch und aus der Ferne zu beobachten. Er beobachtete sie, wie sie an ihre Arbeit ging, still, selbstzufrieden und einsam.
»Die Lowriesche?« meinte einmal ein alter, ausgedienter Arbeiter, in Erwiderung auf eine Bemerkung Derricks. »He! Das ist gar ’was Apartes! Das ist gewiss! Die jungen Burschen haben halbwegs Respekt vor ihr. Sie merken, dass bei ihr ein bisschen Schulbildung da ist. Lesen kann sie, das darf man schon glauben, Meister«, sagte er mit einem Anflug verzeihlichen Stolzes auf diesen Bildungsgrad innerhalb seiner Sphäre.
»Nicht als ob etwa der alte Kerl auf dem Wege irgendwas für sie getan hätte«, fuhr der Arbeiter fort, der gar nicht böse darüber war, mit einem der Meister schwatzen zu können. »Er hat sein Lebtag nichts für sie getan, als dass er ihren Wochenlohn in Schnaps vertrunken hat. Aber da ist einmal ein paar Jahre lang einer mit einer Abendschule hierhergekommen, und die hat das Mädchen mit ein paar anderen von ihrem Alter fleißig besucht, und damals hat’s geheißen, sie wär ihnen allen über den Kopf gewachsen, hätte viel mehr gelernt als alle anderen, sodass es rein wie ein Wunder gewesen wäre. Da können sie schon versichert sein, wenn die sich mal was in den Kopf setzt, dann setzt sie es auch durch.«
»Hier«, sagte Derrick an jenem Abend zu Paul, als der Werkmeister in seinem Lehnstuhl saß, auf den Rost blickend und die Augenbrauen runzelnd — »hier«, sagte er, »haben wir ein Wesen mit der Majestät einer Juno — ein Weib — im Grunde kaum mehr als ein Mädchen den Jahren nach, das eine Rotte von Wilden durch die bloße Macht eines überlegenen Willens und Gemütes bändigt — und bei allem ein Weib, welches im Schacht einer Kohlengrube arbeitet, — die nicht ihren eigenen Namen zu schreiben versteht, und die von ihrem Teufel von Vater geschlagen und gestoßen wird, als wenn sie ein Hund wäre. Allgütiger Himmel!« setzte er heftig erregt hinzu. »Was tut sie hier? Was soll das alles bedeuten?«
Ehrwürden Paul hob beschwichtigend seine weiche Hand.
»Mein lieber Fergus«, sagte er, »wenn ich dürfte — wenn mein eigenes und das Leben anderer es mir gestattete, dann glaube ich, würde ich geneigt sein, es aufzugeben, so wie man andere Wirrnisse aufgibt, wenn sie einen zu Boden schlagen.«
Derrick blickte ihn an, in einem plötzlichen Anflug von Mitgefühl sich vergessend.
»Sie sind heute mehr als sonst entmutigt«, sagte er. »Was ist es, Grace?«
»Kennen Sie Sammy Craddock?« war die ein wenig abschweifende Erwiderung.
»Den alten Sammy Craddock?« fragte Derrick lachend »War es denn nicht der alte Sammy, der mit mir heut über Johanna Lowrie plauderte?«
»Das war er, jawohl«, sagte Grace seufzend. »Und wenn sie Sammy Craddock kennen, dann kennen sie eine der Hauptursachen meiner Entmutigung. Ich ging heut hin zu ihm — und ich habe es noch nicht ganz — in der Tat, noch nicht ganz überwunden.«
Derricks Interesse an den Leiden seines Freundes war wie gewöhnlich beim ersten Anzeichen der Trübsal rege. Es war der Teil seiner stärkeren und in ebenerem Gleichgewicht befindlichen Natur, der immer edelmütige Teilnahme und sanfte Trostesworte in Bereitschaft hatte.
»Es hat mich, so oder so, überrascht«, sagte er, »dass Craddock auch eines von den Dingen ist, mit denen man hier in Riggan zu rechnen hat. Es wäre mir angenehm, über ihn etwas Bestimmtes zu hören. Weshalb ist er in erster Linie ihre Hauptursache zur Entmutigung?«
»Weil er vor allen anderen derjenige Mann ist, mit dem es für mich besonders hart ist, umgehen zu müssen — weil er der boshafteste, der unehrerbietigste, der zänkischte alte Kerl aus ganz Riggan ist — und weil er, trotz alledem und alledem, so sehr oft recht hat, dass ich mich gezwungen sehe, eine gewisse Achtung vor ihm zu hegen.«
»Recht hat!« meinte Derrick, nachdenklich die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Das ist schlimm!«
Grace erhob sich vom Stuhl, bis unter die Haarwurzeln erglühend.
»Recht hat!« wiederholte er, »ja, recht hat, sage ich. Und wie, frage ich sie, kann ein Mann gegen das leiseste Element von Recht und Wahrheit ankämpfen, selbst wenn es sich auf Seite des Unrechtes stellen will und muss. Wenn ich die Augen dem Recht gegenüber verschließen könnte, um nur das Unrecht zu sehen, dann könnte ich mir wenigstens die Zufriedenheit eines Blinden verschaffen, aber das kann ich nicht — kann ich nicht. Wenn ich solche Sachen mit ansehen könnte, wie es Barholm tut« — Aber hier schwieg er still, sich selbst plötzlich Einhalt gebietend.
»Danken sie Gott, dass Sie es nicht können«, meinte Derrick ruhig.
Einige Minuten lang durchschritt Ehrwürden Paul schweigend das Zimmer.
»Bei den Leuten, die einstmals seine Mitarbeiter gewesen waren, gilt Craddock für ein Orakel«, fuhr er fort. »Sein Einfluss ist nicht viel von dem der Johanna Lowrie verschieden. Es ist der Einfluss, den ein starker Sinn auf schwächere übt. Seine scharf sarkastischen Reden sind unter den Einwohnern von Riggan sprichwörtlich, er belustigt sie, und er weiß es zu bewirken, dass sie alle ihm lauschen. Wenn er über “den alten Pfaffen” zu ihnen witzelt, dann fegt er alles vor sich her. Er kann in einer Stunde vernichten, was zu vollenden ich ein ganzes Jahr habe ringen müssen. Er war selbst ein Kohlengräber, bis er ausgedient hatte, und er kennt eben, sehen sie, die Natur der Leute.«
»Was hat er von Barholm zu schwatzen?« fragte Derrick, ohne indessen seinen Freund anzusehen.
»Oh!« rief der Pfarrer beteuernd, »das ist die allerschlimmste Seite davon — das ist elend — das ist gottlos! — Aber ich kann offen reden. Barholm ist immer, sozusagen, sein Trumpf; und das ist es, was mich niederschlägt. Er beobachtet Barholm mit dem Auge eines Adlers, und lässt auch nicht eine einzige Schwäche ungegeißelt. Er studiert ihn — er kennt seine liebsten Redereien und Gebärden auswendig und hat sie gebraucht, bis es jetzt in ganz Riggan keinen Arbeiter mehr gibt, der sie nicht erkennt, sobald sie ihm zu Ohren und vor Augen kommen — und dabei applaudieren sie ihm, wie ein Auditorium den Witzen eines populären Akteur applaudieren würde.«
Selbst so weit erklärt, sah die Sache noch schwierig genug aus; aber Derrick war nicht mehr über die Entmutigung seines Freundes verwundert, als er die Geschichte zu Ende gehört hatte und sie voll und ganz verstand.
Das Leben in Riggan war niemals weder glücklich gewesen noch erfolgreich geleitet worden. Die Anordnung war Männern überantwortet worden, welche für das Volk, das unter ihrer Obhut stand, kein Verständnis hatten, und Männern, für welche das Volk kein Verständnis fand; aber vielleicht war dieses Volk noch niemals in die Hände eines Mannes gefallen, der so wenig geeignet war, über Riggansche Leute zu herrschen, als es der gegenwärtige Pfarrer war, der Reverend Harold Barholm. Ein Mann, welcher seinen Beruf missverstanden hat und dem dieser sein Irrtum immer nur zu so schwachem Bewusstsein gelangt ist, kann leicht zum Stein des Anstoßes in jemand anderen Fußstapfen werden; wenn er aber durch seine geheimen Gewissensbedenken eingedämmt wird, so wird er kaum zu einem wirklichen Hemmschuh werden können. Ein Mann hingegen, welcher, nachdem er das Feld der Wirkungssphäre seines Lebens falsch aufgefasst hat und doch die Empfindung wohltuender Befriedigung in seinem Gemüt hat und festhält und keine Kenntnis gewinnt von der ihm für seinen Wirkungskreis anhaftenden Untauglichkeit, wird leicht in seiner mit Ernst gepflegten Unkenntnis und Unwissenheit mehr Schaden anstiften können, als er Gutes gewirkt haben dürfte, wenn er in diejenige Sphäre eingetreten wäre, für welche er Tauglichkeit besaß. Ein solcher Mann, wie ihn die letztgeschilderte Kategorie umfasst, war der Reverend Harold. Ein gutherziger, breitschultriger, taktloser, in sich selbst Genüge findender Mann, hatte er seine Aufgabe mit einer selbstgefälligen Empfindung erfasst, dass es keinem Arbeitsfeld, das seiner Tätigkeit übergeben würde, an Wohlfahrt und Gedeihen gebrechen könnte; er war jetzt und hier, wie immer und anderswo, zufrieden. Er war mit sich und der Entwicklung seines Verstandes und Geistes in Oxford zufrieden gewesen; er hatte sich zufrieden gefühlt in seiner ersten Pfarre zu Ashley-Wolde; er hatte sich wohl und zufrieden gefühlt bei den freundlich gesinnten, mit weicher Zunge begabten Männer und Weiber von Kent. Er hatte niemals die furchtsame Regung gefühlt, als könne er der Führung und Leitung ihrer Seelen nicht gewachsen sein, und war nicht im Geringsten über die Aussicht, die sich ihm in Riggan eröffnete, beunruhigt.
»Es ist ein wesentlich anderes Ding«, sagte er zu seinem Pfarrgenossen in seiner besten Stimmung, »und neu für uns — natürlich neu; aber wir werden es schon überwältigen — es wird uns der Mühe wenig genug machen, Grace.«
So trat er denn ohne jeden Schatten von einem Zweifel in den raschen Erfolg, der ihm hier winkte, und mit wohltätigem Vertrauen in die kirchliche Gewalt, wer immer mit ihr bekleidet sei, seinen Pfarrkindern einem nach dem anderen gegenüber. Er zeigte sich zu allen Tagesstunden in ihren Hütten, und schenkte einem jeden von ihnen den gleichen Gruß. Er war ihr neuer Pfarrer, und da er nach Riggan mit der Absicht gekommen, ihnen Gutes zu erweisen und ihre sittliche Lage zu besseren, so gedachte er auch, ihnen Gutes zu tun und sie zu bessern, ob sie nun damit einverstanden wären oder nicht. Sie mussten zur Kirche kommen; der Kirchgang war ihre Sache ebenso wohl wie er seine Sache war, in der Kirche Predigt zu halten. Alles dies wurde binnen einer halben Stunde in halb freundlich gemeinter, halb kirchlich gehaltener Unterredung, die mannigfach mit LieblingsTextworten aus der Bibel und mit theologischen Plattheiten gespickt wurde, abgesprochen, und daraufhin zog in das Herz des Mannes das Bewusstsein ein, dass er seine Pflicht getan und sie getreulich und schicklich getan habe.
Bloß ein einziger Mann lebte auf Erden, der ihm das Gleichgewicht hielt, und selbst dieses Mannes Eindruck auf ihn war nur ein zeitweiliger, und niemals von längerer Dauer als sein Besuch währte. Er war bei der Mehrzahl seiner Besuche mit einem verbissenen Groll empfangen worden; als er aber dem “alten Sammy Craddock” begegnete, trat ihm eine andere Art von Widerstand entgegen.
»Oh«, sagte Alt Sammy, »Du bist also der neue Pfarrer, he! bist Du es? Ich habe mir schon so was gedacht, als ob’n andrer ’neinspringen würde, sobald der alte Pfarrer mal weggenommen wird. Die Pastors, das sind solche Brennesseln, die so fix nicht aussterben. Nun, ich will euch was sagen; was ihr weiter noch zu reden habt, das redt’ nur mit dem alten Mädel da. Die ist ’wag gar Apart’s, mit der man schon ’ne Naht ’nunter schwatzen kann, wenn sie einem ’s Wort vergönnt. Ich bin heut ’mal nicht in der Laune, mich in Haarspaltereien einzulassen.« Und mit diesen Worten nahm er seine Pfeife vom Kaminsims und trollte von dannen mit der kalten Teilnahmslosigkeit eines Menschen, der sich durch Vorurteile nicht beeinflussen lässt.
Dies war aber nicht das letzte bei dieser Sache. Der Pfarrer kam aber und abermals, da er es sich zur Herzenaufgabe gemacht hatte, den alten Sünder zu einem richtigen Bewusstsein seiner vom christlichen Standpunkte unhaltbaren Verschrobenheiten zu bringen. Es musste doch eben ein sehr großer Triumph sein, solch einen Veteranen wie Sammy Craddock zu bekehren, und er hatte das feste Vertrauen, diesen Barbar für sich zu gewinnen. Aber das Ergebnis entsprach kaum dem, welches er erwartet hatte. Der alte Sammy stand auf seinem Boden so fest, wie ein eigensinniger Hartschädel nur eben stehen kann. Menschenfurcht war ein Ding, das er nicht kannte, und “Pastors” waren sein Lieblings-Sport. Er war so widerspenstig, so gottlos wie dergleichen Menschen nur irgend sein können, und fand eine besondere Freude und eine seines Eifers würdige Aufgabe darin, seine kirchlichen Widersacher gegeneinander zu hetzen. Er trat dem Reverend Harold mit sichtlichem Feuer entgegen. Er schleuderte ihm kühne Argumente entgegen und sarkastische Bemerkungen, deren Kühnheit noch stärker war. Er verspottete ihn öffentlich und stichelte nach ihm im Stillen und setzte ihn immer dem Gelächter der Bergwerker und Bergwerkerinnen aus mit dem theaterhaften Mimenspiel, das ihn in der Öffentlichkeit zu einer Art von Charakter gemacht hatte. Wie Derrick gesagt hatte, war Sammy Craddock eins von den Dingen, mit welchen man in Riggan rechnen musste. Zur Zeit seiner Jugend hatten seine Kameraden Angst und Furcht vor seiner Stärke gehabt; jetzt, wo er alt war, fürchteten sie seinen beißenden Witz. »Lasst ’n nur vom alten Sammy unter die Schere nehmen«, sagten sie sobald ein neuer Ankömmling Lust bezeigte, sich in Wortgefechte einzulassen, und keine Lust, sich ins Allgemeine zu schicken — »Alt-Sammy ist ganz der Kerl danach, ihm einen Nasenstüber zu versetzen — Alt-Sammy wird ihn schon klein kriegen, so ganz allmählich!« Und tatsächlich war denn auch die Streitsucht und die Schärfe von Verstand und Zunge bei diesem Craddock im Allgemeinen von Wirkung und Erfolg. So zog er denn Barholm auf, und so zog er auch den Pfarrgehilfen auf. Aus mancherlei Ursache war er aber gegen Herrn Grace niemals wirklich verbissen. Er sprach leicht weg von ihm und spottete im Wesentlichen nur über seine körperliche Unbedeutenheit, gab ihn aber niemals in der Öffentlichkeit dem Gelächter preis.
»Ich bin mir über den kleinen Knirps in meinem Sinne noch nicht recht klar«, pflegte er sententiös und mit wichtiger Betonung zu seinen Bewunderern zu sagen. »Er ist kein solcher Narr, wie es der alte Pastor ist; denn er ist einer, der ’n Narr ist von Herzensgrund, das ist er; und von falscher Auffassung ist bei ihm nicht die Rede. Ganz gewiss aber ist das richtig, dass ein kleiner Narr auch nicht besser ist, als ein großer.«
Und hierbei hatte die Sache ihr Bewenden gehabt. Gegen diese schrecklichen Wunderlichkeiten kämpfte Grace an — er kämpfte gegen rohe und verderbte Naturen — und was schlimmer war als alles andere, gegen die Gewalt, die aus seiner Seite ihren Platz hätte haben sollen. Und in Ergänzung zu diesen entmutigenden Dingen traten bei ihm noch die Schwierigkeiten hinzu, die ihm seine körperliche Zartheit schuf, und eine fast krankhafte Gewissenhaftigkeit. Ein Mann von rauerem Gefühl hätte die Würde besser getragen — oder sich selbst wenigstens weniger Kummer dabei bereitet.
»Ein Tropfen oder zwei von Barholms Blut in Graces Adern«, sagte Derrick, als er nach ihrer Unterredung auf der Knoll-Chaussee mit sich selber zurate ging — »ein paar Tropfen von Barholms reichem, behaglichen, trägen Blut in Graces Adern würden meinem Vikar wahrlich nicht schaden. Und doch würden es nur eben ein paar Tropfen sein dürfen«, meinte er hastig. »Im Ganzen wäre es, glaube ich, besser, wenn er etwas mehr von seinem eigenen Blute hätte.«
Am folgenden Tage kam Anice Barholm. Geschäftsangelegenheiten hatten Derrick am Morgen auf die Station geführt, und da er vorderhand aufgehalten war, stand er auf der Plattform, als einer der Londoner Züge hereinfuhr. Es kamen gemeiniglich in Zügen, die in Riggan anzuhalten hatten, so wenig Fahrgäste, dass die wenigen, die kamen, für die auf dem Bahnsteig umherstehenden Leute von einigem Interesse waren. So stand auch er da, starr auf die Wagen blickend, als ein Coupé erster Klasse geöffnet wurde, und ein Mädchen dicht bei ihm auf den Perron stieg. Bevor er ihr Gesicht sah, hätte er denken mögen, dass es noch ein Kind war von kaum mehr als vierzehn oder fünfzehn Jahren. Das war Derricks erster Eindruck; als sie sich aber ihm zuwandte, da sah er mit einem Blick, dass es kein Kind mehr war; und doch war es ein niedliches Gesicht, und ein eigentümlich jugendliches und liebliches Gesicht, mit dem zarten ovalen Schnitt, der weichen, durchsichtigen Haut und dem Bündel Locken von haselbraunem Haar, das ihr über die niedrige Stirne fiel. Sie hatte augenscheinlich eine weite Reise gemacht, denn sie war in einen Reisemantel gehüllt, und in der Hand hielt sie einen kleinen Blumentopf, der einen Strauß blauer Frühveilchen enthielt, — Veilchen, auf deren Blüte man in einem so weit nördlich gelegenen Orte wie Riggan noch wochenlang hätte warten können. Sie stand einen Augenblick lang auf der Plattform und blickte auf und nieder, als ob sie jemanden suchte, und dann, als sie sich vollständig versichert hatte, dass der Gegenstand ihrer Suche nicht zugegen war, blickte sie Derrick an in einer geschäftigem fragenden Art und Weise. Sie hatte die Absicht, ihn anzusprechen. Im nächsten Augenblick trat sie vor, ohne einen Schatten mädchenhaften Zauderns.
»Dürfte ich sie bemühen, mir zu sagen, wo ich einen Wagen irgendwelcher Art finden könnte?« fragte sie. »Ich möchte zum Pfarrer.«
Derrick zog den Hut, da er mit einem Blick die Gestalt erkannte, die ihm sein Freund gezeichnet hatte.
»Ich glaube«, sagte er mit weit mehr Zaudern, als sie selbst gezeigt hatte, »sie sind wohl Fräulein Barholm?«
»Ja«, antwortete sie, »Anice Barholm. Und ich glaube«, fuhr sie fort, »dass sie, nach dem, was mir Herr Grace gesagt hat, sein Freund sein müssen.«
»Ich bin einer von Graces Freunden«, antwortete er, »Fergus Derrick.«
Sie machte eine ihrer kleinen Hände frei und streckte sie ihm entgegen.
Sie war früher gekommen, als man erwartet hatte, so erklärte sie den Fall, und durch irgendeinen geheimen Zufall, oder sonst wie, waren die Briefe, die sie ihren Freunden gesandt, ihrer Ankunft nicht vorausgeeilt; deshalb wartete kein Wagen auf sie, und wenn Derrick nicht dagestanden hätte, so wäre sie ganz auf sich selbst angewiesen gewesen. Sofort wie die beiden sich einander vorgestellt hatten, waren sie auch schon Freunde miteinander.
Und Derrick begann, ehe er sie zu einem Wagen gebracht hatte, zu verstehen, was seinen Freund Paul veranlasst hatte, sie für eine Ausnahme des Mädchengeschlechtes zu halten. Sie sagte, sie wüsste, wo ihre Koffer wären, und war sich vollständig klar darüber, was mit ihnen geschehen sollte. Obgleich sie hübsch und zart genug aussah, war ihr auch nicht der kleinste Zug von Hilflosigkeit zu eigen. Als sie glücklich im Wagen saß, sprach sie mit Derrick durch das offene Fenster.
»Wenn sie heute Abend zur Pfarre kommen wollten, dass Papa sich bei ihnen bedanken könnte«, sagte sie, »so würden wir uns alle sehr freuen. Herr Grace wird dort sein, das wissen sie, und ich habe viele Fragen zu stellen, die sie, wie ich glaube, zu beantworten imstande sein müssen.«
Derrick ging wieder an seine Arbeit, in Gedanken natürlich bei Fräulein Barholm. Sie war ein anderes Geschöpf, als Mädchen sonst sind, das fühlte er; nicht nur in ihrer äußerst zarten Gestalt und ihrem süßen Gesicht lag der Unterschied, sondern noch in einem anderen, feineren und weniger leicht zu bestimmenden Umstand. Es war eine Spur von der vollen Entwicklung einer Frauenseele in dem Körper eines Kindes.
Als Derrick zum Bergwerk hinunterging, sah er beim Näherkommen, dass unter den Arbeitern an der Mündung der Grube einige Erregung war, und bevor er in sein Büro eintrat, blieb er einige Minuten auf der Schwelle stehen, um zu sehen, warum es sich handelte. Aber es war ein Streit, in den ein Hinzugekommener sich nicht leicht hineinmischen konnte. Ein Knäuel Weiber, die durch eine überhandnehmende Erregung von ihrer Arbeit abgelenkt worden waren, waren um ein Mädchen geschart — ein hübsches, aber bleiches und ohnmächtiges Wesen, mit einem hilflosen, verzagenden Antlitz — das furchtsam in ihrer Mitte stand, ein Kind an den Busen drückend — eine Zielscheibe für aller Blicke. Es war ein jammervoller Anblick und erzählte seine Geschichte selbst.
»Wo bist du gewesen, Lise?« Derrick hörte zwei oder drei Stimmen auf einmal rufen. »Was kommst du zurück? Ist es das, was dir dein hübsches Gesicht verschafft hat, he?«
Und dann wandte sich das Mädchen ihnen heftig entgegen, bleich, mit zornglühenden Augen, atemlos vor Erregung, keuchend und in heftige Tränen ausbrechend.
»Lasst mich in Frieden!« rief sie schluchzend; »Es braucht wahrlich keiner von euch den Mund aufzutun. Lasst mich in Frieden! Ich bin nicht wieder hergekommen, um von euch ’was zu erbetteln! He! Du, Hanne! Hanne Lowrie!«
Derrick drehte sich um, um sich über die Bedeutung dieses Hilferufs zu vergewissern; noch ehe er aber Zeit hierzu hatte, war Johanna selbst unter die Gruppe getreten, hatte sich den Weg durch sie hindurch gebahnt und stand jetzt in der Mitte, Auge in Auge mit den Bedrängern des Mädchens, schäumend vor Zorn, und Lise hing an ihrem Arm.
»Was haben sie denn gesprochen zu euch, Weib?« fragte sie. »He! Ihr seid mir aber wirklich eine wackere Sippe, dass seid ihr an Weibern könnt ihr Eure Kraft probieren! Freilich! könnt euch etwas einbilden drauf, hinter einem armen Ding von Mädel herzusein, wie der da!«
»Ich bin nicht wieder hierhergekommen, um ’was von Euch zu erbetteln!« schluchzte das Mädchen. »Eh’ ich das täte, wäre ich lieber heut oder morgen gestorben! lieber verhungert wäre ich in der’ Grube unten — und dazu kommt es auch noch!«
»Komm!« sagte Johanna — »gib mir das Kind!«
Sie beugte sich nieder und nahm es ihr vom Arm, und dann stand sie vor ihnen allen da — in den kräftigen Armen das Kind emporhaltend — eine so stolze Gestalt, eine Gestalt, wie in Erz gegossen, und doch eine Gestalt von so hehrer Weiblichkeit, dass ein Beben das Herz des Mannes durchzuckte, der sie beobachtete.
»Mädchen«, rief sie mit wohltönender Stimme, »seht ihr dies? Ein winziges, hilfloses Ding, das euer Gespöttel euch nicht zurückgeben kann! Ja! Seht es euch genau an, ihr alle! Von euch haben ein paar auch so ein Ding zu Hause liegen. Und wenn ihr euch das Ding angeschaut habt, dann seht euch die Mutter an! Siebzehn Jahr ist Lise, und die Welt ist schlecht mit ihr umgegangen. Ich will nicht sagen, dass die Welt mit irgendeiner von uns nett und recht umgegangen ist; aber diejenigen unter uns, die die Kraft gehabt haben, sich aufrechtzuerhalten gegen alles Unrecht, brauchen nun nicht über diejenigen herzufallen, die darunter zu Boden gesunken sind. Uns ist vielleicht alles in allein auch gar nicht viel Wahl gelassen. Aber ich will euch nur das sagen: wer was von der Lise zu reden hat, der hat es mit der Johanna Lowrie abzumachen.«
Roh, gemein und herzlos, wie die Mehrzahl von ihnen war, hatte Johanna die rechte Saite berührt. Vielleicht hatte der Anflug von Dramatischem in der Art, wie sie das Kind emporhielt, und ihr tapferes Eintreten für die Mutter zu dem Erfolg ihrer halb gebieterischen Ansprache mit das meiste beigetragen. Aber wenigstens schreckten die Ergrimmtesten unter ihnen vor ihren kühnen, zornigen Worten und der Glut in ihrem Gesicht zurück. Lise war in Zukunft vor ihnen sicher, das war gewiss.
An demselben Abend wurde Derrick, als er vor dem Nachhausegehen seine Papiere ordnete, durch ein Klopfen an der Bürotür von seiner Arbeit gerufen. Er öffnete und sah Johanna Lowrie draußen stehen, die halb beschämt, halb entschlossen dreinschaute.
»Ich habe geklopft, um sie um etwas zu bitten«, sagte sie kurz, ohne seiner Einladung, einzutreten und Platz zu nehmen, Folge zu leisten.
»Wenn ich irgendetwas tun kann …« begann Derrick.
»Es ist nicht für mich«, unterbrach sie ihn. »Da ist ein armes Mädchen, dem ich gern helfen möchte, wenn ich es könnte; aber das bin ich eben nicht imstande — ich bin zu arm und zu schwach dazu. Und ich kenne keinen, der es imstande wäre, als sie und den Pfarrer, und weil ich sie besser kenne, als den Pfarrer, so dachte ich, möchte ich sie am Ende einmal bitten, dass sie mit dem Pfarrer über das arme Mädel sprachen und ihn fragten, ob er ihr vielleicht ein bisschen Arbeit verschaffen könnte, sodass sie ein ehrsames Mädchen bleiben könnte.«
Derrick sah ihr in das hübsche Gesicht mit ernstem, ängstlich fragenden Blick.
