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Hanns-Ulrich Lachmund, 40, hat (fast) alles erreicht: den Lehrstuhl an der Fachhochschule in Bramme, das Eigenheim für Uta und die drei Kinder, und es ist so gut wie sicher, daß er demnächst Rektor wird ... Ein fähiger Verwaltungsjurist hat seinen Weg gemacht. Uta, die ihr Studium der Kinder wegen aufgegeben hat, fühlt sich manchmal ein wenig unausgefüllt, ist aber doch glücklich in ihrer harmonischen Ehe. Die Lachmunds sind eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Und dann ... Eines Abends kommt Lachmund eben zurecht, um eine junge Frau am Selbstmord zu hindern; in letzter Sekunde reißt er sie vor dem herandonnernden Zug vom Gleis – und ganz Bramme ist des Lobes voll. Hoch klingt das Lied vom braven Mann. Nun, der Karriere wird's nicht schaden. Lob, Anerkennung – und Dankbarkeit. Ann-Kristin, die junge Frau, ist rührend dankbar. Sie verfolgt Lachmund geradezu mit ihrer Dankbarkeit. Sie will alles für ihn tun. Was anfangs rührend wirkte, dann eher komisch, wird lästig, störend, schließlich bedrohlich, am Ende existenzgefährdend: Ehekrise, Schwierigkeiten an der Hochschule; unerträgliche Nervenbelastung – die heile Welt der Lachmunds droht zu zerbrechen. In seiner Not wendet sich Lachmund an den befreundeten Psychologen Hillermeier und bittet um Rat – brieflich, denn der Freund hat eine Gastprofessur in Kalifornien. Und Hillermeier tut, was er kann, aber die Katastrophe steht unmittelbar bevor. Die Zündschnur glimmt; das Pulverfaß ist randvoll. Unterdessen sucht Hauptkommissar Kämena noch immer erfolglos den mysteriösen Frauenmörder, der Bramme schon seit geraumer Zeit in Atem hält.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2017
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–ky & Co.
Die Klette
Ihr Verlagsname
Hanns-Ulrich Lachmund, 40, hat (fast) alles erreicht: den Lehrstuhl an der Fachhochschule in Bramme, das Eigenheim für Uta und die drei Kinder, und es ist so gut wie sicher, daß er demnächst Rektor wird ... Ein fähiger Verwaltungsjurist hat seinen Weg gemacht.
Uta, die ihr Studium der Kinder wegen aufgegeben hat, fühlt sich manchmal ein wenig unausgefüllt, ist aber doch glücklich in ihrer harmonischen Ehe. Die Lachmunds sind eine Familie wie aus dem Bilderbuch.
Und dann ...
Eines Abends kommt Lachmund eben zurecht, um eine junge Frau am Selbstmord zu hindern; in letzter Sekunde reißt er sie vor dem herandonnernden Zug vom Gleis – und ganz Bramme ist des Lobes voll.
Lob, Anerkennung – und Dankbarkeit. Ann-Kristin, die junge Frau, ist rührend dankbar. Sie verfolgt Lachmund geradezu mit ihrer Dankbarkeit. Sie will alles für ihn tun.
Was anfangs rührend wirkte, dann eher komisch, wird lästig, störend, schließlich bedrohlich, am Ende existenzgefährdend: Ehekrise, Schwierigkeiten an der Hochschule; unerträgliche Nervenbelastung – die heile Welt der Lachmunds droht zu zerbrechen.
In seiner Not wendet sich Lachmund an den befreundeten Psychologen Hillermeier und bittet um Rat – brieflich, denn der Freund hat eine Gastprofessur in Kalifornien. Und Hillermeier tut, was er kann, aber die Katastrophe steht unmittelbar bevor.
Prof. Dr. Hanns-Ulrich Lachmund
sieht den Gipfel schon dicht vor sich und stürzt ab.
Uta Lachmund
will ihn halten und läßt ihn dann doch fallen.
Ann-Kristin Angeleidt
kennt keine Gnade, wenn es um Dankbarkeit geht.
Prof. Dr. Alexander F. Hillermeier
droht bei der Umsetzung von Theorie in Praxis zu scheitern.
Erwin Schultz
behauptet, nur bis 3 zählen zu können.
Feuer soll man nicht in
Papier einwickeln
Chinesisches Sprichwort
Die Briefe und anderen Dokumente, die wir hier einem größeren Leserkreis vorlegen, sind ein Zufallsfund. Bei der Arbeit an einem wissenschaftlichen Projekt stießen wir auf den Fall Lachmund. Er faszinierte uns besonders deshalb, weil er zeigt, wie nahe sich oft die gegensätzlichsten Eigenschaften und Gefühle in der Realität sein können: Würde und Lächerlichkeit, Normtreue und Verbrechen, Leistungsfähigkeit und Unzulänglichkeit, Liebe und Haß.
Über die Liebe ist viel geschrieben und gesungen worden. Daß sie nicht nur alles ist, was wir brauchen – all you need is love –, sondern auch zur unerträglichen Last werden kann, ist uns selten so deutlich geworden wie in den Dokumenten zum Fall Lachmund. Möge jeder aus dieser Erkenntnis die ihm angemessen scheinende Lehre ziehen.
Wir sind allen, direkt oder indirekt, Beteiligten dankbar, die uns ihre Unterlagen – insbesondere zum Teil umfangreiche Briefwechsel – zur Verfügung gestellt haben. Unser Wunsch wäre es, daß auch diejenigen, die uns zunächst keine Zustimmung geben wollten, nachträglich ihr Einverständnis zu der Veröffentlichung erklären und auf rechtliche Schritte verzichten, die den Verlag und uns in Bedrängnis bringen könnten.
Daß wir die Namen der beteiligten Personen und einige sonstige Daten verändert haben, liegt auf der Hand. Im übrigen haben wir uns ganz auf die eigenen Darstellungen der Akteure verlassen und nur sie zu Worte kommen lassen. Auf verbindende Kommentare haben wir deshalb durchweg verzichtet; da, wo uns die wiedergegebene Korrespondenz allzu lückenhaft erschien und das Verständnis des Gesamtzusammenhanges irgendwie hätte leiden können, haben wir die Beteiligten gebeten, bestimmte Schriftstücke aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Dem Leser wird es also gelingen, ein abgerundetes Bild der Ereignisse zu gewinnen.
– ky & Co.
… Dieser dritte Frauenmord innerhalb von nur fünfzehn Monaten hat die Bevölkerung erneut in Angst und Schrecken versetzt. Nach Einbruch der Dunkelheit gleicht Bramme in vielen seiner Ortsteile einer verlassenen Stadt. Im Bereich der Brammermoorer Heerstraße, in deren Nähe zwei der drei schrecklichen Verbrechen begangen worden sind, haben sich viele Bürger zu sogenannten «Begleitgemeinschaften» zusammengeschlossen, um Frauen und Mädchen von abends stattfindenden kulturellen und sportlichen Veranstaltungen abzuholen und in Gruppen nach Hause zu bringen.
Über den möglichen Täter gibt es nach Auskunft von Kriminalhauptkommissar Kämena, dem Leiter der Brammer Mordkommission, noch immer keinerlei Anhaltspunkte. Festzustehen scheint lediglich, daß alle drei Verbrechen von ein und derselben Person verübt worden sind. Darauf, so heißt es im Polizeibericht, deuten vor allem gewisse ‹magische Zeichen› hin, die man auf den Körpern der Opfer gefunden habe, über die Kämena aber keine genaueren Angaben machen wollte, um die weiteren Ermittlungen nicht unnötig zu erschweren. Auch wolle und müsse man um jeden Preis verhindern, daß der Täter dadurch Nachahmer finden könnte …
Prof. Dr. H.-U.Lachmund
Bramme, den 14. März 1982 Trappenkamp 24
Liebe Anverwandte, liebe Freunde!
Aus Anlaß meines 40. Geburtstages möchte ich alle, die uns nahestehen, am
Sonnabend, dem 3. April 1982,
um 19.30 Uhr,
zu einer kleinen Feier einladen – und zwar in die
«Ritter-Stuben»
(Trappenkamp 11 – zwischen Eisenbahn und Barkhauser Dorfstraße).
Mitzubringen sind nichts weiter als gute Laune und alte Erinnerungen. Devise: Mit Lust und Lachen lassen wir die Runzeln kommen (Thomas Hardy).
In diesem Sinne
Ihr bzw. Euer
Hanns-Ulrich L.
Rechtsanwalt Dr. Rudolf Grünthaler
an Prof. Lachmund
Oldenburg, den 24. 3. 82
Lieber Kollege Lachmund,
wohl selten hat mich eine Einladung so erfreut wie die zu Ihrem 40. Geburtstag. Sie als «Anwalt» Ihrer Justizverwaltung und ich als Anwalt vieler Strafgefangener sowie auch als Mitglied verschiedener Anstaltsbeiräte – wie oft haben wir da im Ring gestanden und erbittert aufeinander eingeschlagen (mit Worten natürlich). Als ich Sie dann neulich in der HÖV-Bibliothek gesehen habe, wollte ich mich zuerst hinter einem der Bücherregale verstecken, aus Angst vor dieser Begegnung – und war dann tagelang erstaunt darüber, wie herzlich sie in Wirklichkeit ausgefallen ist … Sie kennen ja meine grünroten Ambitionen und Betätigungen – und so ist dies, mit der Einladung zusammen, schon das zweite Wunder; das erste hatte ja darin bestanden, daß man mir den Lehrauftrag an der HÖV überhaupt genehmigt hatte. Meine Freunde werfen mir schon vor, ich würde mich als Feigenblatt bzw. Aushängeschild mißbrauchen lassen. Vielleicht ist das auch wirklich so. Doch dagegen steht die Tatsache, daß man bei uns doch noch über die ideologischen Gräben hinweg miteinander reden kann, daß man befreundet sein kann, auch wenn man politisch anderes versuchen und erreichen will. Freundschaft unter Andersdenkenden – wenn sie möglich ist, ist das ein Stück realer Hoffnung.
Unter diesem Gesichtspunkt und in diesem Sinne komme ich sehr, sehr gerne von Oldenburg nach Bramme und freue mich sehr auf diesen Tag.
Mit herzlichem Dank
und ebensolchen Grüßen
Ihr
Rudi Grünthaler
Prof. Dr. Alexander F. Hillermeier
Diplom-Psychologe,
an Hanns-Ulrich Lachmund
Gießen, den 25.3.1982
Mein lieber Hanns,
war das eine Überraschung, als ich gestern zwischen Bankauszug, Verlagsprospekten und dem Handzettel eines superpreiswerten Fensterputzers im Briefkasten Deine Einladung fand. Ich war mir erst gar nicht sicher, ob das nicht wieder einer jener unverschämten Reklamebriefe wäre, die neuerdings oft mit handgeschriebener Adresse, ohne Absender und mit einer schönen Sondermarke versehen, versandt werden. Ein gemeiner Trick, den immer stärker werdenden Drang nach persönlicher Ansprache auszunutzen, der uns normierte Bürger in einer Zeit um sich greifender Formulare, Computerausdrucke und Schreibautomatenbriefe nach allem greifen läßt, was noch einen Hauch von Spontaneität und Unvollkommenheit verspüren läßt.
Und dann war’s tatsächlich ein persönlicher Brief, und das von einem Freund, den ich schon seit so langer Zeit nicht mehr gesehen habe. Zehn Jahre sind’s doch mindestens her, oder? Ich muß mal nachrechnen. «Prof. Dr. jur. H.-U.Lachmund» – Du hast es also auch geschafft, Dein mühsam eingepauktes Wissen auf ein titelgeziertes Podestchen zu stellen und es als Ware dem Staate und seinem heranreifenden Akademikernachwuchs anzudienen, ha-ha. Unsere gemeinsame Heidelberger Zeit, unsere Bude in der Römerstraße über der Metzgerei bei Frau Endemann und ihrem Dackel, stundenlange Skatmatchs und Politdiskussionen im Kakaobunker und im «Cave» und sonst noch so viele «Memories of Heidelberg» fielen mir plötzlich wieder ein, mit all den dazugehörenden Gefühlen der Freiheit (und manchmal der Leere), der Begeisterung über alles Freche und Neue, das uns von zu Hause weghob, der Wut über den «Muff von tausend Jahren», der uns von den ollen Profs (vor allem bei Euch Juristen) von den Anschlagbrettern und aus den Verbindungshäusern entgegenschlug.
Mensch, Hans, ist das schön, daß Du Dich mal gemeldet hast! Leider muß ich Dir aber auch gleich sagen, daß ich Deiner Einladung nicht folgen kann: Ich stehe mitten in den Vorbereitungen für einen einjährigen Aufenthalt in den USA. Ein paar amerikanische Psychologen haben mir auf Vermittlung eines Kollegen, der vor Jahren auch mal dort war, eine Gastprofessur angeboten, die ich natürlich mit Freuden angenommen habe. Dieses Land der unbegrenzten Widersprüchlichkeiten, das wir ebenso hassen wie wir ihm nacheifern, möchte ich doch einmal mit eigenen Augen sehen.
Ich ziehe freilich ungern für längere Zeit fort, weil es meiner Mutter im Moment wieder recht schlecht geht. Sie leidet seit längerer Zeit an einer Multiplen Sklerose, deren einzelne Schübe bisher glücklicherweise nur mit langem Abstand aufeinanderfolgen. Das trifft sie dann aber immer hart. – Seit etwa einem Jahr ist sie in einer an sich ganz guten Klinik in Bad Zwischenahn, bekommt da aber m.E. zuviel Cortison verabreicht, gegen das ich nun mal eine tiefsitzende irrationale Abneigung habe.
Ich merke, ich kann Dir gar nicht alles auf einmal schreiben, was mir in den Sinn kommt (dies ist übrigens der erste handgeschriebene Brief dieser Länge von mir seit vielen Jahren; ich staune über mich selber). Vielleicht treffen wir einmal wieder zusammen und quatschen wie früher bis in die Puppen – bis um fünf Uhr früh der Wecker unserer Nachbarin (wie hieß sie doch noch, Klautschik oder so ähnlich?) uns zum Ende mahnt und wir uns über ihr morgendliches Stöhnen und Schimpfen amüsieren!
Vielleicht hast Du Lust, mir irgendwann zu Ostern kurz von Deiner großen Feier zu berichten? Und dann teil mir auch gleich mit, an welche erhabene Wissenschaftsinstitution es Dich verschlagen hat (gibt es in Bramme eine neue Uni oder liegt das so, daß Du von dort immer zur Uni in einer unserer altehrwürdigen Hansestädte fahren kannst?), ob Du einem Weib für ewig verbunden, mit Kindern und etwa auch einer Geliebten gesegnet bist – pardon, dafür wärest Du wahrscheinlich viel zu treu, wenn ich an unsere Diskussionen von früher denke, über Partnertausch und Wohngemeinschaften und die kapitalistische Funktion der Ehe. Du hast damals wacker das Banner der Monogamie hochgehalten und für die Stabilität der Familie plädiert und damit meine Kollegen vom SDS schier zur Verzweiflung gebracht. Du siehst, ich erinnere mich noch sehr gut daran; vielleicht hab ich mich auch in Erinnerung an Deine moralischen Korsettstangen bis heute nicht getraut, meine Freiheit aufzugeben und mich, statt mich auf viele Frauen zu legen, auf eine festzulegen (au wau, hätten wir damals gesagt).
Ich wundere mich über meine wieder aufflammende Anhänglichkeit, die mir altem Zyniker eigentlich gar nicht so recht ansteht, und grüße Dich herzlich, und zwar zusammen mit einem ganzen Rucksack voll guter Wünsche für die zweiten, die mittleren 40 Jahre Deines Lebens.
In Freundschaft und in Gedanken Dein Alex
PS. Ab 1. 4. werde ich über’n Teich sein. Meine Adresse dort wird lauten:
398 Bellagio Road
Los Angeles, Calif., 90024
USA
Telef. 472. 5211
HÖV-INFOInformationsblatt der
Hochschule für Öffentliche
Verwaltung Bramme
Ausgabe April 1982
Prof. Dr. jur. Hanns-Ulrich Lachmund – 40 Jahre alt –
Glückwunschadresse des Präsidenten der HÖV
Wir leben in einer Zeit, in der die Kritik um der Kritik wegen geübt und geliebt wird, wo wir – die Intelligenz dieses Landes – unseren höchsten Genuß darin finden, die Fehler und Konflikte, die Mängel und Macken anderer Menschen und anderer Organisationen in amüsant-verspielter Weise vorgeführt zu bekommen. Spiegel-Kinder, die wir alle sind, brauchen wir dieses süße Gift allwöchentlich, um in Schwung zu kommen; doch wir haben lange nicht begriffen, wie tödlich es auf Dauer ist, wie es die Hoffnung zerstört, den Glauben an das Gute im Menschen, wie es jeden Versuch des Aufbruchs sinnlos erscheinen läßt, weil ja doch alles umsonst zu sein scheint.
Weil das so ist, gebührt all denen unsere größte Hochachtung und unser aufrichtiger Dank, die dennoch voller Lebensmut und Lebenskraft sind – ja, soviel davon haben, daß alle jene davon profitieren können, die ihnen im täglichen Leben begegnen. Es sind nur ganz wenige, die uns derart aufrichten können und uns den Halt geben, dessen wir so dringend bedürfen – und unter diesen wenigen fällt mir einer immer wieder ganz besonders auf: Der Kollege Hanns-Ulrich Lachmund, der seit einigen Semestern das Fach Bürgerliches Recht an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung betreut.
1942 als Sohn eines mittleren Beamten in Treuenbrietzen (südlich von Berlin) geboren, hat er nach Ablegen des Abiturs (1961 an einem Westberliner Gymnasium) von 1962–1970 in Heidelberg Jura studiert, um dann nach der zweiten juristischen Staatsprüfung als Referent in den Öffentlichen Dienst einzutreten. Bald in die Justizverwaltung übergewechselt, hat er sich vor allem der dringend notwendigen Reform des deutschen Strafvollzugs zugewendet und war vor seinem Wechsel an die HÖV zwei Jahre lang selbst Leiter einer größeren Justizvollzugsanstalt. Einer größeren Öffentlichkeit ist er vor allem durch sein Buch ‹Der Behandlungsvollzug in der Bewährungsprobe› bekannt geworden, während die juristischen Fachkollegen – neben seinen vielen Aufsätzen – vor allem sein Werk ‹Grundlagen des Schuldrechts› schätzengelernt haben, ein unverzichtbares Standardwerk in Lehre und Praxis.
Damit aber gerate ich nun schon wieder in die Gefahr, diesen Geburtstagsglückwunsch beinahe zu einer Grabrede werden zu lassen. Aber wäre das denn so schlimm? Wären wir Menschen denn nicht um ein Erhebliches glücklicher, wenn man unsere guten Seiten und Taten schon zu unseren Lebzeiten würdigte und nicht erst dann, wenn wir es nicht mehr hören können?
Hanns-Ulrich Lachmund soll es hören, weil dies zum einen unser aller Geburtstagsgeschenk ist und zum andern Mahnung wie Bitte an ihn sein soll, auch in seinen nächsten Lebensjahrzehnten stets das zu bleiben, was er bis heute geworden ist: Das Beständige inmitten des Zerfallenden, der Granitfels inmitten bröckelnden Mauerwerks.
Mit ihm bin ich darin einig, daß wir, wollen wir als Gesellschaft überleben, wieder dahin kommen müssen, dem Positiven in und um uns den Stellenwert zu geben, der ihm zukommt, ohne dabei das Beklagenswerte ringsum verkleistern zu wollen.
In diesem Sinne wünschen die Kollegen, die Studenten und die Dienstkräfte der HÖV Hanns-Ulrich Lachmund und seiner Familie alles erdenklich Gute.
Rainer Hirsch-Lampert
Hanns-Ulrich Lachmund
an
Alexander F. Hillermeier
z. Z. Los Angeles, USA
Bramme, den 14. April 82
Lieber Alexander,
gleich nachdem ich auf meine förmliche Einladung einen so persönlichen Brief von Dir bekommen habe – herzlichen Dank dafür! –, wollte ich Dich anrufen, doch unter der alten Gießener Nummer, die mir von der Auskunft mitgeteilt wurde, meldete sich niemand mehr. Und da unsere prekäre finanzielle Lage (der Hauskauf hier in Bramme!) das Telefonieren in die USA schlichtweg verbietet, will ich nun auch meinerseits einen längst vergessenen Brauch wieder aufleben lassen: das Briefeschreiben. Nun, so ganz aus der Übung sind wir ja beide nicht, was das Schreiben als solches betrifft, aber ein persönlicher Brief ist doch sicher etwas ganz anderes als ein Fachartikel oder ein Buch. Apropos Buch: Ehe ich’s vergesse – gerade haben Uta und ich Dein neuestes Werk gelesen. Besser gesagt: genossen; Deine mit allerliebsten Geschichten angereicherte ‹Psychologie des Erziehungsalltags›. Es ist wirklich phänomenal, wie Du als kinderloser Junggeselle das normale deutsche Familienleben schilderst und analysierst … Ja, Psychologe müßte man sein!
Wir haben es sehr bedauert, daß Du nun doch nicht zu meinem 40. kommen konntest – Dir ist viel entgangen. Ein bißchen deprimierend war es schon, nun die Schwelle zum Greisenalter überschritten zu haben. Die Kinder haben mich zwar sehr erheitert, aber allein die Tatsache ihrer Existenz und ihres Heranwachsens (Ture mit seinen zwölf Jahren ist nun schon beinahe einen halben Kopf größer als ich) ist ja auch schon etwas, was einem das Memento mori immer wieder ins Gedächtnis ruft: Nicht mehr lange, dann sind wir die Generation, die Platz machen muß.
Du siehst, lieber Alexander, auch ich bin bald behandlungsbedürftig. Nicht zuletzt aber auch wegen Deiner wieder aufgefrischten Erinnerungen unserer Heidelberger Zeit. Ja, je älter man wird, desto wohler tut es einem offenbar, in den alten Erinnerungen herumzukramen. Wie groß mein Bedürfnis danach ist, magst Du daran erkennen, daß ich schon ein paarmal das Gefühl hatte, Dich hier in Bramme – aber auch nahebei in Bremen! – über die Straße gehen zu sehen. (Solltest Du wirklich hier in der Nähe gewesen sein, ohne uns schnell einmal guten Tag zu sagen?! Deine Mutter in Bad Zwischenahn, gleich um die Ecke hier, und Du nie bei uns in Bramme?)
Ja, damals standen wir beide noch am Fuß des Berges, den wir – es gab ja auch noch so etwas wie ‹Lebensziele› damals – in den nächsten zwei Jahrzehnten erklimmen wollten. Nun stehen wir wohl auf dem Gipfel oben und sollten die verbleibenden zwei, drei Jahrzehnte dazu verwenden, das Erreichte zu genießen. Ich für meinen Teil jedenfalls, ich tue es. Vielleicht wirst Du sagen, daß es ja auf dieser Welt noch andere, vor allem auch höhere Berge geben könnte, die zu ersteigen sich lohnte, doch mich interessieren sie nicht. Ich bin da, wo ich hinwollte; das einzige Ziel, das ich mir noch gesetzt habe, ist, im nächsten Jahr Präsident der HÖV zu werden – aber das bleibt ja derselbe Griffel, nur bekommt man sozusagen eine kleine Krone aufgesetzt. Ansonsten will ich, wie gesagt, das Leben genießen, das Glück, Uta und die drei Kinder zu haben, und wenn ich noch etwas sammeln will, dann nicht Titel, Ehrungen und Ämter, sondern jene kleinen Alltagserlebnisse, die die eigentlich erfüllten Augenblicke unseres Lebens sind.
Gerade kommen Svenja und Ole, mir das obligate Gutenachtküßchen zu geben. Svenja erklärt sich sogar bereit, ihrem kleinen Bruder noch etwas vorzulesen, so daß ich weiterschreiben kann. Eigentlich wäre das ja Tures Aufgabe, aber der darf mit seinen fast dreizehn Jahren noch vor dem Fernseher sitzen. Svenja ist im Januar neun geworden, und Ole, unser Nesthäkchen, wird im September sechs und könnte dann auch schon in die Schule kommen. Wir zögern aber immer noch etwas, zumal ja Uta glücklicherweise nicht zu arbeiten braucht und den ganzen Tag Zeit für die Kinder hat. Andererseits wäre es jetzt auch Zeit für sie, wenn sie ihr damals unterbrochenes Studium jemals wieder aufnehmen will. Doch wer mag sich heutzutage noch entschließen, Lehrerin zu werden?
Nun ist es schon gleich neun, und ich muß, ehe ich ins Bett sinke, noch ein wenig meine morgigen Lehrveranstaltungen vorbereiten. Leitthema: «Die Abwicklung von Rechtsgeschäften des täglichen Lebens». Das macht immer wieder Spaß, obwohl ich damit nun auch schon zum drittenmal «auftrete», seit ich hier an der HÖV in Bramme bin.
Laß mich jetzt noch ein wenig von meiner Geburtstagsfeier berichten, die wir mit genau 28 Gästen in den «Ritterstuben» hier am Stadtrand von Bramme mit allem Drum und Dran begangen haben. Ich schreibe Dir mal auf, welches Menü Dir entgangen ist (mögest Du damit für Dein Nichtkommen bestraft sein!):
Geräuchertes Forellenfilet
Sahnemeerrettich
Beeftea
Wacholdergebeizte Rehkeule mit Wildrahmsauce,
Pfifferlinge, Prinzeßbohnen, Kroketten,
gefüllte Birne mit Preiselbeeren
Vanilleeis mit flambierten Himbeeren
Na, läuft Dir da nicht das Wasser im Munde zusammen? Wenn ich da so an den Pamps denke, den Du da manchmal in Heidelberg für uns zusammengekocht hast …
Vor dem Essen gab es eine sehr hübsche Rede meines Vaters – Du kennst ihn ja. Er war sehr glücklich darüber, daß sich all die Mühen seines Lebens nun gelohnt haben und der Sohn das geworden ist, wonach er immer gestrebt hatte. (Eine Kopie seines Festgedichts füge ich bei; der Gute hatte für jeden Gast eine mitgebracht.) Auch meine Mutter hat diesen Tag genossen … Was wir wohl denken werden, wenn unsere Kinder einmal vierzig werden? Nach vielen besinnlichen Augenblicken, wie sie zu einem Tage wie diesem nun einmal unverzichtbar gehören, haben wir dann mit Unterstützung einer kleinen Drei-Mann-Kapelle bis in den Morgen hinein getanzt, nur unterbrochen von einem Vorfall, von dem ich Dir – das ist Chronistenpflicht – noch schnell berichten muß:
Du kennst ja noch aus unserer Heidelberger Zeit meine große Schwäche für die Astronomie. Es tut mir heute noch leid, wie oft ich Euch damals mit meinem selbstgebastelten Fernrohr geweckt habe. Immer wenn diese verdammte Dachluke runtergedonnert ist …
Doch zum Geburtstag zurück. Ich trete also vor die Tür, um mal wieder frische Luft zu schnappen und mir ein bißchen die Beine zu vertreten, aber auch, um mal für ein paar Minuten mit mir allein zu sein. Eine wunderbare Nacht. Kein Nebel, kein Dunst, keine Wolke am Himmel – über mir nur Sternenstaub. Obwohl es mir nasse Schuhe einbringt, gehe ich ein wenig die Wiese entlang, die sich von den «Ritterstuben» zum Bahndamm hinaufzieht. Selten habe ich in unseren Breiten die Milchstraße in solch wunderbarer Fülle gesehen wie in dieser Nacht. Und ich war mir sogar sicher, den Andromeda-Nebel, unsere Nachbargalaxie, als kleines, milchiges Fleckchen mit bloßem Auge erkannt zu haben. Was fällt einem in solchen Augenblicken alles ein? Goethes «Verweile doch, du bist so schön»? Ganz sicher. Ich war erfüllt von einer tiefen Dankbarkeit, dankbar dafür, mit diesem meinem Leben so ein Glückslos gezogen zu haben: Uta und die Kinder, und neben der Familie nun auch einen Beruf, der mich voll ausfüllt. Die Zuneigung meiner Studenten – ihr Beifall bedeutet mir ungeheuer viel! Das war es, was ich vorher als Beamter des höheren Dienstes in der Verwaltung immer vermißt habe, vor allem in meiner Zeit als Direktor mehrerer Justizvollzugsanstalten …
Derart gedankenverloren erreiche ich den Bahndamm und werde vom Signalhorn eines heranratternden Güterzuges brutal in die Wirklichkeit zurückgerissen. So was nennt man einen Todesschrecken, was ich da bekommen habe. Ein nahes Signal stand auf Grün, ich war noch gute zehn Meter vom Bahndamm entfernt; mich konnte der Lokführer da unten auf der Wiese kaum gesehen haben. Warum also sein wiederholtes Warnsignal?
Dann endlich begreife ich: Oben auf dem Bahndamm läuft eine Frau mit ausgebreiteten Armen der Lokomotive entgegen. Ich sehe das im Schein der Sterne und des gerade aufgehenden Mondes wie im Lichte der drei Scheinwerfer vorn an der Lok. Nun, mit ein paar Sprüngen bin ich oben auf den Gleisen und reiße das Mädchen im letzten Augenblick herunter.
Damit war’s dann erst einmal für eine gute Stunde mit der Gemütlichkeit unserer Geburtstagsfeier vorbei: Feuerwehr, Krankenwagen, Polizei – plötzlich waren mehr Gäste da, als uns lieb sein konnten. Die Frau, sehr jung, eher noch ein Mädchen, nicht mal zwanzig wohl, wurde schnell in ein Krankenhaus gebracht. Über ihre Person wie über ihre Motive weiß ich nicht das allergeringste. Sie hat sich bei mir bis jetzt auch noch nicht gemeldet. Uta – Du kennst ja ihre «soziale Ader» – wollte sich anfangs ein wenig um die Ärmste kümmern und hat wohl wegen der fehlenden Informationen auch schon unseren neuen Freund und Nachbarn angesprochen, den wackeren Herrn Kriminalhauptkommissar Karl Kämena – aber der hat in diesen Tagen und Wochen wenig Zeit, denn zum einen hat er gerade als Nebenamtler einen Lehrauftrag bei uns an der HÖV übernommen, zum anderen ist er voll damit beschäftigt, einen Triebtäter zu fassen, der hier in Bramme sein Unwesen treibt.
