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Ein Leben für ein Königreich. Einst lag vor der jungen Normannin Emma eine glänzende Zukunft als Königin von England. Nachdem sie König Æthelred einen Sohn gebar, schien ihr Platz an seiner Seite sicher. Aber das Königreich wird regiert von Angst – voller Misstrauen bangt der König um seine Macht. Als der einflussreiche Edelmann Ælfhelm ein Bündnis mit dem Dänenkönig schmiedet, bezahlt er dafür mit dem Leben. Der Preis für Æthelreds Rache ist hoch: Der Hof ist zerrissen, im Norden des Reiches wuchern Intrigen und Verrat. Brandschatzend und mordend fallen die Wikinger an den Küsten ein, Englands Dörfer sind ihnen hilflos ausgeliefert. Inmitten des bröckelnden Königreichs riskiert Königin Emma ihr Leben und die Krone, um ihren Sohn zu schützen. Aber verhelfen ihre Allianzen ihm zum Thron? Oder werden sie das Land nur weiter ins Unglück stürzen?
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Seitenzahl: 732
Veröffentlichungsjahr: 2016
Patricia Bracewell
Historischer Roman
Ein Leben für ein Königreich.
Einst lag vor der jungen Normannin Emma eine glänzende Zukunft als Königin von England. Nachdem sie König Æthelred einen Sohn gebar, schien ihr Platz an seiner Seite sicher. Aber das Königreich wird regiert von Angst – voller Misstrauen bangt der König um seine Macht. Als der einflussreiche Edelmann Ælfhelm ein Bündnis mit dem Dänenkönig schmiedet, bezahlt er dafür mit dem Leben. Der Preis für Æthelreds Rache ist hoch: Der Hof ist zerrissen, im Norden des Reiches wuchern Intrigen und Verrat. Brandschatzend und mordend fallen die Wikinger an den Küsten ein, Englands Dörfer sind ihnen hilflos ausgeliefert. Inmitten des bröckelnden Königreichs riskiert Königin Emma ihr Leben und die Krone, um ihren Sohn zu schützen. Aber verhelfen ihre Allianzen ihm zum Thron? Oder werden sie das Land nur weiter ins Unglück stürzen?
Patricia Bracewell stammt aus Kalifornien. Dort lehrte sie Literatur und Komposition, bevor sie zu schreiben begann. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Oakland.
Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel «The Price of Blood» bei Viking/Penguin Group, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2016
Copyright © 2016 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«The Price of Blood» Copyright © 2015 by Patricia Bracewell
Redaktion Jan Henrik Möller
Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Umschlagabbildung Stephen Mulcahey/Arcangel Images; shutterstock.com
ISBN 978-3-644-55721-5
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Ron und ...
Karte Südengland
Karte London
Dramatis Personæ
Angelsächsisches England, 1006–1012
Glossar
Im Jahr unseres Herrn 979
Prolog
A.D. 1006
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
A.D. 1006
Kapitel zehn
Kapitel elf
A.D. 1006
Kapitel zwölf
A.D. 1007
Kapitel dreizehn
A.D. 1008
Kapitel vierzehn
A.D. 1009
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
A.D. 1009
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
A.D. 1009
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
A.D. 1009
Kapitel vierundzwanzig
Kapitel fünfundzwanzig
A.D. 1009
Kapitel sechsundzwanzig
A.D. 1010
Kapitel siebenundzwanzig
Kapitel achtundzwanzig
Kapitel neunundzwanzig
Kapitel dreißig
A.D. 1011
Kapitel einunddreißig
Kapitel zweiunddreißig
Kapitel dreiunddreißig
A.D. 1012
Kapitel vierunddreißig
Kapitel fünfunddreißig
Kapitel sechsunddreißig
A.D. 1012
Kapitel siebenunddreißig
Nachwort der Autorin
Danksagung
Für Ron und Dot, die meine frühesten Erinnerungen teilen.
* markiert fiktive Figuren
Königsfamilie
Æthelred II., König von England
Emma, Königin von England
Kinder des englischen Königs in der Reihenfolge ihrer Geburt:
Athelstan
Ecbert
Edmund
Edrid
Edwig
Edgar
Edyth
Ælfgifu (Ælfa)
Wulfhilde (Wulfa)
Mathilda
Edward
Emmas Haushalt
Aldyth, Nichte des Ealdorman Ælfhelm
Elgiva, Tochter des Ealdorman Ælfhelm
*Pater Martin
*Hilde, Enkelin des Ealdorman Ælfric
*Margot
Wymarc
Robert, Wymarcs Sohn
Hochrangige Geistliche
Ælfheah, Erzbischof von Canterbury
Ælfhun, Bischof von London
Wulfstan, Bischof von Worcester, Erzbischof von Jorvik
Hochrangige Edelleute
Ælfhelm, Ealdorman von Northumbria
Ufegeat, sein Sohn
Wulfheah, sein Sohn (Wulf)
*Alric, sein Gefolgsmann
Ælfric, Ealdorman von Hampshire
Godwine, Ealdorman von Lindsey
Leofwine, Ealdorman von Western Mercia
Eadric von Shrewsbury
Godwin, Wulfnoths Sohn
Morcar von den Five Boroughs
Siferth von den Five Boroughs
Thurbrand von Holderness
Ulfkytel von East Anglia
Uhtred von Northumberland
Wulfnoth von Sussex
Die Normannen
Herzog Richard II., Emmas Bruder
Herzogin Judith
Herzoginwitwe Gunnora, Emmas Mutter
Robert, Erzbischof von Rouen, Emmas Bruder
Die Dänen
Sven Gabelbart, König von Dänemark
Harald, sein Sohn
Knut, sein Sohn
Hemming
Thorkell
Tostig
Ætheling: Prinz, Anwärter auf den Thron. Alle legitimen Söhne der angelsächsischen Könige wurden als Æthelinge bezeichnet
Beor: alkoholisches Getränk der Angelsachsen, wahrscheinlich aus fermentierter Gerste
Breecs: angelsächsisches Wort für Hosen
Buhle: uneheliche(r) Geliebte(r)
Burh: «befestigter Platz», eine angelsächsische Festung
Ceap: die Marktstraße
Cemes: ein langes Untergewand aus Leinen für Männer
Ceorl: ein freier Mann, weder Edelmann noch Sklave oder Leibeigener
Cyrtel: ein Frauengewand
Danegeld: «Dänengeld», «Dänensteuer», eine vom König erhobene Abgabe; das Geld wurde für Tributzahlungen genutzt, um Wikingerangriffe abzuwenden
Danelag: eine Gegend in England, die ungefähr Yorkshire, East Anglia und das mittlere und östliche Mercia umfasst, wo sich während des 9. und 10. Jahrhunderts in mehreren Wellen Skandinavier ansiedelten
Ealdorman: Titel der wichtigsten weltlichen Amtsträger der angelsächsischen Könige in England, meist Angehörige der mächtigsten Adelsgeschlechter, vom König ernannt; der Ealdorman regierte im Namen des Königs eine Provinz, er führte eine Streitmacht an, trieb Steuern ein und fungierte als Richter
Five Boroughs: eine Region in Mercia, die Leicester, Nottingham, Derby, Stamford und Lincoln umfasste; übte im spätangelsächsischen England bedeutenden politischen Einfluss aus
Flǽscstrǽt: wörtlich Fleischstraße; Fleischmarkt unter freiem Himmel
Fyrd: angelsächsisches Heer, auf Befehl des Königs oder eines Ealdorman aufgestellt, meist anlässlich einer Bedrohung durch die Wikinger
Gafol: der Tribut, der einem feindlichen Heer gezahlt wurde, um Frieden zu erkaufen
Gerningakona: altnordische Bezeichnung für eine Frau, die magische Praktiken ausübt
Godwebbe: ein kostbares Tuch, häufig lila, meist aus Seide; wahrscheinlich eine Art changierender Taft
Haga: ein umfriedetes Grundstück; ein Anwesen innerhalb einer Stadt
Handfasting: eine Heirat oder Verlobung; Zeichen einer festen Bindung ohne religiöse Zeremonie oder Austausch von Eigentum
Hibernia: lateinischer Name für Irland
Hird: Kriegergefolgschaft der Nordmänner; die Feinde der Engländer
Hufe: ein altes Flächenmaß; nach der Anzahl der Hufen wurden die Steuern bemessen
Kasel: ein liturgisches Gewand
Lindsey: Gebiet im Osten Englands zwischen den Flüssen Witham und Humber im nördlichen Teil von Lincolnshire
Reeve: Grundbesitzverwalter; eingesetzt von Königen, Bischöfen und Edelleuten, um Städte, Dörfer und große Anwesen zu verwalten
Sámi: indigenes Volk im Norden Skandinaviens, dem wahrsagerische Fähigkeiten zugeschrieben wurden
Scyrte: ein kurzes Männergewand; Hemd
Skalde: (nord.) Hofdichter und -sänger, Geschichtenerzähler
Skop: (angelsächs.) Hofdichter und -sänger, Geschichtenerzähler
Smoc: ein Hemd oder Untergewand
Thegn: Angehöriger des Dienstadels im angelsächsischen England; der Titel zeigt eine persönliche Beziehung an; die höchstgestellten Thegns dienten dem König selbst; als Landeigner gegenüber seinem Herrn zu bestimmten Leistungen verpflichtet
Wergeld: wörtlich «Manngeld»; Sühnegeld, Entschädigungszahlung für das Leben einer Person
Witan: «weise Männer», der Rat des Königs
Wittum: Güter, die bei der Eheschließung in den Besitz der Frau übergehen, damit sie versorgt ist, falls der Mann stirbt
Wyrd: Schicksal, Bestimmung
gelangte Æthelred, Sohn von Edgar … auf den Thron … Es heißt, sein Leben sei am Beginn grausam gewesen, erbärmlich in der Mitte und schmachvoll an seinem Ende …
Er wurde vom Schatten seines Bruders verfolgt, der fürchterlich den Preis des Blutes forderte. Wer konnte zählen, wie oft er seine Streitmacht zusammenrief, wie oft er befahl, Schiffe zu bauen, wie oft er seine Edelleute aus allen Teilen des Reiches um sich versammelte, und all das führte doch zu nichts.
Das Böse konnte nicht befriedet werden … denn aus Dänemark sprossen unentwegt Feinde hervor wie die Köpfe einer Hydra, und nirgends gelang es, Vorkehrungen zu ihrer Abwehr zu treffen …
Die Geschichte der englischen Könige
William von Malmesbury
12. Jahrhundert
Fastnachtsdienstag, März 1006 Calne, Wiltshire
Æthelred lag auf den Knien, den Kopf zwischen den Händen vergraben, niedergedrückt von der Last seiner Krone und seiner Sünden. Irgendwo über ihm begannen die Vesperglocken zum Abendgebet zu läuten, und während sie ertönten, fühlte er, dass seine Lippen unkontrollierbar zitterten, wie von einer fremden Macht gesteuert.
Die vertraute, verhasste Lähmung überkam ihn, und obwohl er sich anstrengte, den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen zu halten, zwang ihn ein Wille, der viel mächtiger war als sein eigener, den Blick zu heben. Die Luft vor ihm verdichtete sich, kräuselte sich düster wie die schwarze Oberfläche eines Weihers im Wind. Ein Schmerz bohrte in seiner Brust, und er schauderte vor Kälte und böser Ahnung, während die Welt um ihn herum sich auflöste. Auch die Geräusche verstummten, bis er nichts mehr wahrnahm als die Kälte, den Schmerz und die wabernde Dunkelheit vor ihm, die sich ausdehnte und eine menschliche Gestalt annahm.
Oder eher die Gestalt dessen, was einmal ein Mensch gewesen war. An Hals und Brust klafften Wunden wie ein Dutzend Mäuler, die zerfetzte Kleidung war blutdurchtränkt, und das dräuende Gesicht war schaurig totenbleich. Der Schemen seines ermordeten Bruders näherte sich, er wusste nicht, ob aus dem Himmel gesandt oder aus dem Schlund der Hölle. Kein Wort kam über seine Lippen, aber Æthelred spürte eine Bosheit, die von dem Toten ausging und sich auf den Lebenden richtete, und er wich voller Angst und Abscheu zurück.
Doch er vermochte den Blick nicht abzuwenden. Eine lange Weile hielt die Erscheinung ihn in ihrem Bann, bis sie zu verblassen begann und er eine weitere Gestalt bemerkte – einen Schatten hinter dem Schatten. Dunkel, undeutlich, in Düsternis gehüllt, schwebte dieser kurz in der verdichteten Luft, dann verschwand er wie der erste.
Von dem Bann befreit, hörte Æthelred jetzt wieder das Läuten der Vesperglocken und die Stimmen der Betenden, er roch den Honigduft der Kerzen, der den widerwärtigen Gestank seines eigenen Schweißes nicht ganz überdecken konnte. Wieder ließ er sein goldenes Haupt in die Hände sinken, doch jetzt war es schwer vor Angst und von einer entsetzlichen Vorahnung geplagt.
In diesem Jahr wurde Ælfheah zum Erzbischof geweiht; Wulfheah und Ufegeat wurden geblendet; Ealdorman Ælfhelm wurde erschlagen …
Angelsächsische Chronik
März 1006 Bei Calne, Wiltshire
Königin Emma hielt ihre weiße Stute an, als sie die Kuppe einer Anhöhe über dem weitläufigen königlichen Anwesen erreichte, auf dem der König die Fastenzeit verbrachte. Hinter ihr ließ eine Gesellschaft aus dreißig Männern, Frauen und Kindern, die sich zum Schutz vor dem beißenden Wind in schwere Mäntel gehüllt hatten, die Reittiere nach dem langen Aufstieg rasten. Vor ihr, in mittlerer Entfernung am Fuß des Abhangs, ragten das Schieferdach und die goldverzierten Giebel der königlichen Halle hoch über den Nebengebäuden und dem umgebenden Palisadenzaun auf. Diese Halle war das Ziel ihrer Reise, und ihr Anblick erfüllte Emma mit Erleichterung, denn es war spät am Tag, und ihre Leute waren erschöpft.
Während sie die Straße vor ihr überblickte, durchbrach ein einzelner Sonnenstrahl die Wolkenmassen, die sich am Himmel auftürmten, und tauchte die Felder in der Ebene in goldenes Licht. Der von Ackerfurchen durchzogene Boden schimmerte noch unter dem jungen Grün hindurch, das, so Gott wollte, für den Spätsommer eine reiche Ernte verhieß.
Allerdings schien Gott sich gegen England gewandt zu haben. Seit zwei Jahren hatten nun schon verregnete Sommer die Verheißung des Frühjahrs zunichtegemacht, sodass Nahrung und Futter knapp waren. Im letzten Winter hatte das Land unter einer Hungersnot gelitten, die viele Leben forderte, und wenn die kommende Ernte nicht reichlich ausfiel, würde es unter den Ärmsten des Landes noch mehr Todesopfer geben.
Emma hatte getan, was in ihrer Macht stand – sie hatte Almosen an das Volk in ihrer Umgebung verteilt und sich den verzweifelten Gebeten der Gläubigen angeschlossen, die Gott um Gnade anriefen. Jetzt, da das goldene Licht auf dem grünen Tal unter ihr lag, betete sie, dass ihre jüngste Bemühung – die Pilgerfahrt zu den Ruhestätten von Englands meistgeliebten Heiligen – endlich Gottes Segen über Æthelreds Reich beschworen haben mochte.
Sie blickte sich um, sah an der von Pferden gezogenen Sänfte vorbei, in der sich ihr Sohn mit seiner Amme befand, und suchte nach ihren drei jungen Stieftöchtern. Wulfhilde, gerade erst acht Winter alt, schlief in den Armen des Dieners, der hinter ihr im Sattel saß. Ælfa kauerte zusammengesunken auf ihrem Pferd, in die Falten ihres Mantels vergraben. Edyth, mit ihren zwölf Jahren die Älteste, starrte ausdruckslos auf den Landsitz hinunter, ihr Gesicht unter der pelzgefütterten Kapuze wirkte müde und blass.
Emma machte sich Vorwürfe, den Mädchen zu viel abverlangt zu haben, denn sie waren seit Tagesanbruch unterwegs. Sie wandte sich wieder nach vorn, um ihren Trupp weiterzuführen, als der Wind plötzlich drehte und ihr heftig ins Gesicht schlug. Ihr Pferd tänzelte nervös, und während sie sich bemühte, die Stute im Zaum zu halten, stürmte eine weitere heftige Bö gegen sie an wie eine gewaltige Hand, die sie wegschieben wollte.
Ein seltsames Unbehagen überlief sie, ein Prickeln im Nacken, und sie hielt mit zusammengekniffenen Augen Ausschau nach etwas, das ihre Unruhe erklärt hätte. Am Fahnenmast auf dem Glockenturm des Landsitzes hing das Banner mit dem Drachen von Wessex, das Zeichen für die Anwesenheit des Königs. Er würde sie in Empfang nehmen – wenn auch ohne eine Spur von Liebe oder Zuneigung, denn zu derartigen Gefühlen war er nicht fähig. Æthelred war mehr König als Mensch, so unbarmherzig und kalt wie ein Raubvogel. Manchmal fragte sie sich, ob er überhaupt jemals geliebt hatte, und wäre es nur sich selbst.
Sie freute sich nicht darauf, wieder mit ihrem Herrn und Gemahl vereint zu sein, doch das allein erklärte nicht ihre plötzliche böse Ahnung.
Während sie zögernd innehielt, begann ihr Sohn zu schreien, ein durchdringender, fordernder Klagelaut, den sie nicht überhören konnte. Sie schüttelte ihr Unbehagen ab – sicher war es nur ihre eigene Erschöpfung, die ihr so zusetzte –, gab den Männern ihrer Leibgarde einen Wink, die Führung zu übernehmen, und folgte ihnen den Hang hinunter.
Kaum war sie durch das Tor des Landsitzes geritten, da bemerkte sie einen Trupp von Gefolgsmännern, die zu den Küchen hinter der großen Halle strebten. Einer von ihnen trug die Standarte des Æthelings Edmund. Während ein Reitknecht Emma aus dem Sattel half, fragte sie sich, warum Edmund wohl hier war. Er war im Februar mit seinen älteren Brüdern Athelstan und Ecbert nach London aufgebrochen, um die Befestigungsanlagen der Stadt und die große Brücke über die Themse instand zu setzen. Alle drei waren angewiesen, dortzubleiben, bis sie zum Osterfest in Cookham wieder mit dem Hof zusammentrafen. Also was tat Edmund heute hier?
Erneut überkam sie das Unbehagen, das sie auf der Anhöhe gespürt hatte. Aber sie hatte Pflichten zu erfüllen, ehe sie ihre Neugier befriedigen konnte. Sie führte ihre Stieftöchter und die Bediensteten in ihr Quartier, wo bereits ein wärmendes Feuer prasselte, die getünchten Wände mit besticktem Leinen behängt waren und im hinteren Teil des Raumes ihr großes, mit Vorhängen ausgestattetes Bett bereitstand. Drei Dienerinnen richteten gerade Schlafstätten für die Töchter des Königs, und eine vierte trat vor, um Emma den Kapuzenmantel und die schlammigen Stiefel auszuziehen.
Sie schlüpfte aus dem Mantel, dann sah sie sich im Raum nach den Frauen ihres Haushalts um, die vorausgeschickt worden waren und sicher all diese Vorbereitungen überwacht hatten.
«Wo sind Margot und Wymarc?», erkundigte sie sich, noch immer verunsichert durch das plötzliche Unbehagen, das sie beim Blick auf den Landsitz empfunden hatte.
Ehe jemand antworten konnte, trat Wymarc raschen Schrittes herein, und Emma schloss sie erleichtert in die Arme. Zwar waren sie nur für eine Woche getrennt gewesen, doch es kam ihr viel länger vor. Wymarc war eine heitere, tröstliche Seele in ihrem Haushalt, schon seit sie gemeinsam von der Normandie nach England aufgebrochen waren. Seitdem waren vier Jahre vergangen – vier Jahre, seit Emma als die friedenstiftende Braut des englischen Königs am Portal der Kathedrale von Canterbury gestanden hatte und Wymarc nur einen halben Schritt von ihr entfernt.
In der vergangenen Woche hatte Wymarc ihr gefehlt.
«Margot ist mit Robert zum Mühlteich hinuntergegangen», berichtete Wymarc, «um nach den Entenküken zu sehen.» Sie schüttelte den Kopf. «Es ist ein Wunder, dass eine Frau in ihrem Alter mit meinem kleinen Sohn Schritt halten kann, aber sie schafft es.»
Emma lächelte, als sie sich vorstellte, wie Margot, klein und munter wie ein Zaunkönig, Hand in Hand mit einem Kind von nicht ganz zwei Jahren ging. Aber schließlich hatte sich Margots Leben seit jeher um Kinder gedreht. Als Heilerin und Hebamme hatte sie Emma von Geburt an begleitet und war von allen Getreuen, die Emma in England hatte, am ehesten ein Mutterersatz für sie.
Emma warf einen raschen Blick zu Wulfa und Ælfa, die gerade ihre schlammbespritzten Cyrtel gegen frische Kleidung tauschten.
«Die Mädchen werden sich freuen, Margot wiederzusehen», bemerkte sie. «Ælfa ist heute Morgen gestürzt und braucht eine Salbe für die Wunde an ihrem Knie. Und Edyth» – sie wies mit einer Kopfbewegung zu einem der Betten, auf dem Æthelreds älteste Tochter lag und die Knie an den Leib gezogen hatte – «hat gestern zum ersten Mal ihren Monatsfluss bekommen. Natürlich fühlt sie sich elend, und sie hat sich in den Kopf gesetzt, sie wäre krank. Von mir lässt sie sich nicht beruhigen, aber ich nehme an, Margot wird sie überzeugen können, dass sie nicht daran sterben wird.»
Bei diesen Worten verdüsterten sich Wymarcs sonst so fröhliche braune Augen, und der warnende Blick, den sie zu den Mädchen warf, verriet Emma, dass etwas nicht stimmte, Wymarc es ihr jedoch nur unter vier Augen erklären konnte.
Sie zog rasch saubere Strümpfe, ein leinenes Unterkleid und einen Cyrtel aus dunkelgrauer Wolle an, dann nahm sie Wymarc beiseite.
«Was ist los?», fragte sie, während Wymarc ihr einen seidenen Schleier reichte. «Hat es etwas mit Edmund zu tun? Ich habe seine Reiter gesehen, als ich in den Hof kam.»
«Ich bete, dass es nicht wahr ist», flüsterte Wymarc, «aber es geht das Gerücht, in London sei einer der Æthelinge gestorben.» Sie griff nach Emmas Hand und drückte sie fest. «Emma, ich weiß nicht, um welchen es sich handelt.»
Der Schleier entglitt Emmas Fingern, ohne dass sie es merkte. Sie starrte Wymarc an und vergaß vor Entsetzen beinahe zu atmen. Edmund war mit Athelstan und Ecbert in London gewesen. War es möglich, dass einer von ihnen tot war?
Heilige Maria, betete sie, mach, dass es nicht Athelstan ist.
Sie weilte seit neunzehn Sommern auf Gottes Erde, hatte vier davon als Ehefrau und Königin erlebt und ein Kind geboren, das der Thronerbe Englands war. In all der Zeit hatte sie nur einen einzigen Mann geliebt, und – Gott möge ihr vergeben – es war nicht ihr Gemahl, sondern sein ältester Sohn.
Emma verschränkte krampfhaft die Hände, um ihr Zittern zu unterdrücken, presste sie gegen ihren Mund und schloss die Augen.
«Herr, hab Erbarmen», flüsterte sie, dann sah sie Wymarc an. «Ich muss zum König.»
Wieder kam ihr der Moment in den Sinn, als sie von der Anhöhe auf den Landsitz hinuntergeblickt hatte und von dieser plötzlichen bösen Ahnung erfasst worden war. Hatte sie gespürt, dass etwas in der Luft lag – ein so schwerer Verlust, dass ihr die bloße Vorstellung unerträglich war?
Heilige Jungfrau, betete sie noch einmal im Stillen, mach, dass es nicht Athelstan ist.
Sie atmete ein paar Mal tief durch und ging gemessenen Schrittes hinaus, um sich die Angst nicht anmerken zu lassen, die ihr das Herz zusammenkrampfte. Sie versuchte, nicht daran zu denken, wie elend ihre Welt ohne Athelstan wäre.
Am Eingang zur großen Halle nickte sie den Wachen zu und trat leise ein. Fackeln brannten in den Wandhalterungen, und in der Feuerstelle in der Mitte des Raumes loderte ein Feuer, doch der riesige Saal, in dem um diese Zeit eigentlich die Vorbereitungen zum Abendessen in vollem Gange sein sollten, war beinahe leer. Æthelred saß in seinem großen Lehnstuhl auf der Estrade, und vor ihm kniete Edmund. Der König hatte sich vorgebeugt, und sein lohfarbenes, von silbernen Strähnen durchzogenes Haar bildete einen starken Kontrast zu dem dunkleren, zerzausten Schopf seines Sohnes. Der Truchsess des Königs, Hubert, stand ein wenig abseits und diktierte einem Schreiber etwas; nicht weit von ihnen drückte sich eine kleine Schar verängstigt aussehender Diener herum.
Von Grauen erfüllt, schritt Emma rasch und schweigend zur Estrade und ließ sich auf dem Stuhl neben dem König nieder. Æthelred schien ihr Eintreten gar nicht zu bemerken, so gebannt lauschte er Edmunds Worten. Jetzt bemerkte Emma mit Schrecken, dass Edmunds Gesicht tränennass war. Sie zwang sich, ihm schweigend zuzuhören und die drängende Frage hinunterzuschlucken, die ihr auf den Lippen lag.
«Es begann ganz plötzlich, und er litt von Anfang an furchtbare Qualen», berichtete Edmund mit gedrückter Stimme. «Die Ärzte gaben ihm ein Abführmittel, aber davon schien es ihm nur noch schlechter zu gehen. Sie ließen ihn zur Ader, um ihn von den üblen Säften zu befreien, doch ihnen war anzusehen, dass sie sich selbst nichts davon erhofften. Sie sagten, es sei ein innerer Verfall und nur ein Wunder könne ihn retten. Mit Mohnsaft versuchten sie, seine Schmerzen zu lindern, aber das wenige, was er davon schluckte, spie er gleich wieder aus. Es war, als ob ein Teufel jede Hilfe für ihn abwehrte und ihn nicht einmal schlafen ließ. Sein Leiden war entsetzlich, mein Herr. Solche Qualen hatte er nicht verdient.»
Edmunds Stimme brach, doch er holte tief Luft, fasste sich wieder und fuhr fort.
«Am Morgen des zweiten Tages traf der Bischof mit den Reliquien des heiligen Erkenwald und einer Schar Priester ein. Sie beteten um ein Wunder, aber gegen Mittag begann ich Gott anzuflehen, Er möge seinem Leiden ein Ende machen.» Wieder atmete er schwer. «Wenigstens dieses Gebet wurde erhört. Ich komme geradewegs von Ecberts Totenbett zu Euch, mein Herr. Athelstan hat darauf bestanden, dass einer von uns Euch die Kunde persönlich überbringt.»
Emma ließ den Kopf in die Hände sinken, unfähig, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie trauerte um Ecbert, und sie trauerte auch für Athelstan, der seinen liebsten Gefährten verloren hatte. Doch noch während sie aus Mitleid weinte, sprach sie im Stillen ein Dankgebet, dass wenigstens Athelstan am Leben war.
«Warum weint Ihr, Herrin?», fuhr Edmund sie schroff an. «Euer eigener Sohn gedeiht gut, oder nicht? Und Ecbert hat Euch doch nichts bedeutet.»
Sie blickte in das von Trauer gezeichnete Gesicht ihres Stiefsohnes. Seine Worte überraschten sie nicht. Mit seinen siebzehn Jahren war er jetzt ein erwachsener Mann, doch er war ihr schon als Knabe mit Argwohn und Ablehnung begegnet.
«Ich bin kein Unmensch, Edmund», sagte sie. «Ich trauere ebenso sehr um Ecbert, wie ich um jedes Kind meines Gemahls trauern würde.»
«Ecbert würde nicht wollen, dass –»
«Edmund.» Æthelreds Stimme ließ seinen Sohn verstummen.
Ausnahmsweise einmal war Emma dankbar für das strenge Regiment, das der König über seine Kinder führte. Sie wollte nicht mit Edmund streiten, nicht ausgerechnet jetzt.
Der König starrte einen Moment lang schweigend ins Leere.
«An welchem Tag», fragte er, «und zu welcher Stunde ist Ecbert gestorben?»
«Vor zwei Tagen», antwortete Edmund. «Am Fastnachtsdienstag, kurz vor der Vesper.»
Æthelred schloss die Augen und hob eine zitternde Hand an die Schläfe. Emma konnte nur ahnen, was er empfand. Quälte ihn der Gedanke daran, wie sehr sein Sohn gelitten hatte? War er zornig auf diesen gnadenlosen Gott? Sie wollte ihm gerade tröstend eine Hand auf den Arm legen, als seine nächsten Worte sie zurückhielten.
«Ich bitte Euch, meine Dame, lasst uns mit unserer Trauer allein. Schickt meine Töchter zu mir. Ich will ihnen mitteilen, dass ihr Bruder tot ist.»
Das traf Emma wie ein heftiger Schlag – eine brüske Erinnerung daran, dass sie eine Außenseiterin war, eine ausländische Königin, über die der König nach Belieben verfügen konnte wie über eine geschnitzte Figur auf einem Spielbrett.
Ohne ein weiteres Wort verließ sie die Halle.
Gekränkt und von Trauer erfüllt, kehrte sie in ihr Gemach zurück und richtete den Töchtern des Königs aus, dass er nach ihnen verlangte. Dann nahm sie ihren Sohn vom Schoß der Amme. Edward schmiegte sich zufrieden an ihre Schulter und griff fröhlich nach ihrem blonden Haar, das zu einem dicken Zopf geflochten war. Während sie unruhig im Raum auf und ab ging und Trost in dem warmen, milchigen Geruch ihres Sohnes suchte, verfolgten sie Edmunds Worte und seine giftigen Blicke wie ein böser Traum.
Sie fürchtete, dass sein Zorn ebenso sehr gegen ihren Sohn gerichtet war wie gegen sie selbst. Sie hatte nun schon länger als ein Jahr beobachtet, wie dieser Zorn wuchs und schwelte – seit Æthelred damals den ungeborenen Edward zu seinem Thronerben erklärt hatte. Indem er die Söhne seiner ersten Frau enterbte, hatte der König Emmas sämtliche Stiefsöhne gegen ihr eigenes Kind aufgebracht. Brüder gegen Bruder; eine Schar von Kains gegen ihren winzigen Abel.
Athelstan hielt die Feindseligkeit seiner Brüder im Zaum – ihr zuliebe, wie sie annahm. Aber wie lange würde es ihm noch gelingen?
Bereits früher waren königliche Brüder um der Krone willen ermordet worden. Æthelred selbst hatte erst zehn Sommer gezählt, als sein Halbbruder, König Edward, getötet wurde. Niemand war jemals für den Mord zur Rechenschaft gezogen worden. Stattdessen hatten gewisse Männer im engeren Kreis um den jungen, neu gekrönten Æthelred an Rang und Vermögen gewonnen.
Besorgt fragte Emma sich, wie viele mächtige Männer es wohl geben mochte, deren Interessen es schaden würde, wenn ihr Sohn eines Tages auf den Thron gelangte. Wie viele Unterstützer der älteren Æthelinge wären bereit, einen unliebsamen Halbbruder zu beseitigen, um den Weg für die Söhne von Æthelreds erster Frau zu ebnen?
Bei diesem Gedanken wurden Emmas Knie weich, und sie musste sich setzen. Sie schmiegte ihre Wange an Edwards helles, seidiges Haar und drückte ihn an sich. Er war ihr Schatz, ihr alleiniger Daseinsgrund. Sein Leben lag in ihren Händen, und Ecberts Tod erinnerte sie einmal mehr daran, wie gefahrvoll das Leben war, selbst für einen Königssohn.
«Ich werde dich vor allen Feinden beschützen», flüsterte sie, «das verspreche ich dir.» Dann dachte sie an Athelstan, der jetzt allein in London um seinen Bruder trauerte, und sie fügte hinzu: «Selbst vor jenen, die ich liebe.»
März 1006 Calne, Wiltshire
Der nächste Tag brach ohne Sonne an, denn schwere Regenwolken waren aufgezogen. Während Æthelred die vorgeschriebenen Trauerriten für seinen toten Sohn vollzog, plagten ihn Gedanken, die so finster waren wie der verhangene Himmel – Gedanken, die nicht aus Trauer entsprangen, sondern aus Zorn. Trauer, so fand er, war ein Gefühl, das ihm wenig nutzte. Es war besser zu wüten, als zu weinen. Besser, seinen Zorn gegen einen gnadenlosen Gott und den rachsüchtigen Geist eines ermordeten Königs zu richten, als um den Tod eines Unschuldigen zu trauern.
Himmel und Hölle hatten ihn verflucht, dessen war er gewiss – die bittere Frucht der Sünden früherer Zeiten. Er hatte den Mord an seinem Bruder, dem König, mit angesehen, hatte weder die Stimme noch die Hand erhoben, um ihn zu verhindern; er hatte einen Thron bestiegen, der ihm nicht zustand. Für diese Verfehlungen quälte ihn der grausame Schemen seines Bruders noch immer, trotz allem, was er unternommen hatte, um den abscheulichen Geist zu befrieden.
Ecberts Tod war ein weiteres Zeichen dafür, dass Edward – oder auch Gott selbst – ihn strafen wollte. Schreine und Kirchen, Gebete und Bußübungen hatten ihm keinen Frieden verschafft. Das Unglück verfolgte ihn nach wie vor.
Jetzt wurde ihm klar, dass der Preis für Vergebung viel zu hoch war: Gott und Edward forderten von ihm sein Königreich und seine Krone, und diesen Preis war er nicht bereit zu zahlen.
Im kalten Herzen der königlichen Kapelle kniend, tat er einen feierlichen Schwur: Er würde dem Himmel trotzen; auch der Hölle würde er trotzen und allem anderen, was ihn vom Thron stürzen wollte, ob es nun tot oder lebendig war. Denn er stammte aus dem Hause König Cerdics. Keiner seiner Vorväter hatte jemals seinem Anspruch auf die Krone entsagt, bis zum letzten Atemzug nicht, und auch er würde es nicht tun.
Was blieb denn noch von einem König, wenn er nicht mehr König war?
Gegen Nachmittag verzogen sich die Gewitterwolken, aber als sich der Haushalt zur Hauptmahlzeit des Tages versammelte, brodelte in Æthelred noch immer der Zorn auf den Gott, der sich gegen ihn gewandt hatte. Er nahm seinen Platz auf der Estrade ein und forderte den Abt Ælfweard, der zu seiner Rechten saß, mit einer unwirschen Geste auf, den Segen zu sprechen, als plötzlich am hinteren Ende des Raumes Unruhe aufkam. Eine hochgewachsene Gestalt trat aus dem Windfang in den Saal. Ganz in Schwarz gekleidet, mit dem langen weißen Bart eines alttestamentarischen Propheten, kam Erzbischof Wulfstan gemessenen Schrittes auf die hohe Tafel zu.
Dies, dachte Æthelred, ist Gottes Antwort auf meinen trotzigen Schwur. Wie eine Aaskrähe war Wulfstan – Bischof von Worcester, Erzbischof von Jorvik – gekommen, um ihm mit seiner heiseren Stimme Gottes Wort zu verkünden.
Der König und alle Übrigen erhoben sich, während der Erzbischof die Halle durchquerte. Wulfstan ging betont langsam, schwer auf seinen Bischofsstab gestützt, und zeichnete im Vorbeigehen immer wieder das Kreuzzeichen über die gesenkten Köpfe der Versammelten.
Der alte Mann wirkte erschöpft, stellte Æthelred fest. Das war ungewöhnlich für Wulfstan, der sonst stark und lebhaft wie ein brünstiger Hengst war und diese Kraft – wie Æthelred widerstrebend einräumen musste – ebenso sehr in den Dienst seines Königs wie in den seines Gottes stellte. Aber was hatte ihm heute so zugesetzt? War es Ecberts Tod, oder brachte er Kunde von weiterem Unheil?
Emma war bereits aufgestanden und trat hinter dem Tisch hervor, um dem Erzbischof den Begrüßungskelch zu reichen und kniend seinen Segen zu empfangen. Wulfstan gab erst seinen Bischofsstab, dann den Kelch einem wartenden Diener, ergriff die Hände der Königin und beugte sich zu ihr vor, um ihr etwas zuzuflüstern. Æthelred beobachtete die Szene verärgert. Wulfstan stand schon seit langem auf Emmas Seite; überhaupt hatte seine fromme Königin die meisten hohen Kirchenmänner Englands für sich eingenommen.
Abt Ælfweard verließ pflichtschuldig die Estrade, um dem Ranghöheren Platz zu machen, und nun ging Æthelred auf die Knie, während der Erzbischof den Segen auf sein königliches Haupt herabrief. Nachdem der Geistliche sich die Hände gewaschen hatte und das Dankgebet endlich gesprochen war, ließ sich die Gesellschaft zum Essen nieder.
Mit einem angewiderten Blick auf die Fastenspeise, die ihm vorgesetzt wurde – Aalsuppe und Brot –, schob Æthelred das Essen von sich und wandte sich an den Erzbischof. Er wollte lieber gleich anhören, was der Mann ihm zu sagen hatte, dann hatte er es hinter sich.
«Seid Ihr gekommen, um mich zu ermutigen, Erzbischof?», fragte er bitter. «Bringt Ihr mir Worte des Trostes vom Allmächtigen, vielleicht die Verheißung, dass Er mich für den Verlust meines Sohnes entschädigen wird?»
Wulfstan schob ebenfalls seine Suppenschale beiseite.
«Ich bringe Euch keinen Trost, mein Herr, denn ich habe keinen zu spenden», erwiderte er, und in seinem kalten Blick lag keine Spur von Mitgefühl. «Also spricht der Herr», fuhr er fort, «eure Söhne sollen getötet werden und eure Töchter sollen hungers sterben, dass keiner von ihnen übrig bleibe, wenn ihr nicht Buße tut für die Bosheit eurer Herzen.» Seine grauen Augen glänzten im Kerzenlicht wie scharfer, funkelnder Stahl. «Ich bin gekommen, mein Herr, weil ich um dieses Königreich und sein Volk bange.» Er schwieg kurz, ehe er hinzufügte: «Und ich bange um seinen König.»
Furcht vor göttlicher Rache. Natürlich – das war Wulfstans Lieblingsthema, die Schlechtigkeit der Menschen und die Notwendigkeit der Buße. Aber Gott benutzte Menschen als Werkzeuge, um jene zu geißeln, die Er strafen wollte, und deshalb waren es die Menschen, die Æthelred fürchtete, auch wenn er es nicht eingestand.
«Euer Königreich ist von Sünde besudelt, mein Herr», fuhr Wulfstan unerbittlich fort, «und selbst die Unschuldigen werden dafür leiden. Der Tod des Æthelings und die Hungersnot, die wir erlitten haben – das sind Zeichen des Allmächtigen. Gottes Strafe wird uns alle treffen, vom König bis zum niedersten Sklaven, und keiner wird der Gerechtigkeit entgehen. Wenn wir nicht Buße tun, wird Gott uns vernichten.»
Æthelred knirschte mit den Zähnen. Er hatte es mit Buße versucht, aber Gott hatte seine Gebete und Wiedergutmachungsversuche ein ums andere Mal zurückgewiesen. Der abscheuliche Geist seines Bruders wandelte noch immer auf der Erde – wie, wenn nicht durch den Willen Gottes? Sollten andere Gott um Hilfe anrufen; er würde es nicht mehr tun. Sollte doch Wulfstan den Himmel mit Gebeten bestürmen – das war schließlich seine Aufgabe als Bischof. Vielleicht würde Gott ihn erhören.
Er spielte mit einem Stück Brot herum, während er mit halbem Ohr zuhörte, wie Wulfstan in ernstem Ton die sündhaften Taten der Männer und Frauen von Worcester aufzählte. Ehebruch, Mord, heidnische Riten und die mangelnde Freigebigkeit knauseriger Edelleute fanden sich darunter, aber Æthelred interessierte sich nicht für die kleinen Sünden der Leute von Worcester.
«Wie steht es denn mit Eurem Bischofssitz im Norden, Erzbischof?», erkundigte er sich nach einer Weile, als Wulfstan eine Atempause machte. «Welche schwarzen Sünden haben die Männer von Northumbria auf ihre Seelen geladen?»
Wulfstans kalte Augen – die Augen eines Eiferers in einem verbissenen Gesicht – bohrten sich in Æthelreds.
«Der Herr sprach zu mir, von Norden her wird das Unglück ausbrechen über alle, die im Lande wohnen. Beim Propheten Jeremia steht diese Warnung geschrieben, mein König, und Ihr tätet gut daran, auf seine Worte zu hören.»
Æthelred schloss die Augen. Himmel, dieser Mann strapazierte seine Geduld wirklich bis zum Äußersten. Hier sprach er nun von Prophezeiungen und Warnungen – aber welches weitere Unheil kündigten sie an?
Stirnrunzelnd warf er sein Brot auf den Tisch.
«Ich könnte mir die Worte Eures Propheten sehr viel besser zu Herzen nehmen, wenn Ihr sie mir verständlich auslegtet», grollte er. «Welches Unglück braut sich im Norden zusammen, und wer steckt dahinter?»
Wulfstan legte seine Hände zusammen und stützte das Kinn auf die Fingerspitzen.
«Die Männer im Norden hegen keine große Liebe zu ihrem König.» Er schüttelte den Kopf. «Selbst ihrem Erzbischof begegnen sie mit Argwohn. Es stimmt, dass sich in Jorvik Unruhe zusammenbraut, aber ich kann nicht sagen, wer dahintersteckt.»
Konnte er es nicht sagen, fragte sich Æthelred, oder wollte er es nicht?
«Was ist mit meinem Ealdorman?», fragte er weiter. «Wie verfährt er mit den Männern in Northumbria und im Danelag?» Ealdorman Ælfhelm hatte die Aufgabe, das verdammte starrsinnige Volk im Norden unter den Willen seines Königs zu zwingen, aber Æthelred hegte schon länger den Verdacht, dass der Mann sich in Northumbria nicht besonders für ihn einsetzte, sondern vielmehr seine eigenen Interessen verfolgte. Bei Licht betrachtet, stanken Ælfhelms Machenschaften nach Arglist und Heimtücke.
Wulfstans schmale Lippen schienen noch schmaler zu werden. Was immer Ælfhelm trieb, dem Erzbischof gefiel es jedenfalls nicht.
«Wie ich hörte, hat er großen Einfluss auf die Edelleute des Nordens», sagte Wulfstan, «allerdings weiß ich nicht, was sie miteinander verhandeln. Lord Ælfhelm pflegt mich nicht ins Vertrauen zu ziehen.»
Nein. Ælfhelm war gewiss kein Mann, der sich einem Erzbischof anvertraute. Aber offenbar wusste Wulfstan etwas über den Ealdorman, das er nur ungern enthüllen wollte. Der König spürte es und schwieg abwartend, bis Wulfstan endlich weitersprach.
«Ich beschwöre Euch, mit Lord Ælfhelm über diese Dinge zu reden, mein Herr. Auch ich werde mit ihm sprechen, wenn der Hof zu Ostern zusammenkommt, denn ich habe Grund zu der Annahme, dass einige Männer im Norden Verbindungen zu Heiden und Schurken aus fremden Ländern pflegen. Sie müssen gefügig gemacht werden, den Zorn Gottes und die Härte des Gesetzes fürchten lernen.»
Æthelred murmelte etwas Zustimmendes, doch in Gedanken war er bei den Schurken aus fremden Ländern, von denen der Erzbischof eben gesprochen hatte. Er hätte gern mehr über sie gewusst und über ihre Verbindungen zu den Männern von Northumbria, womöglich gar zu Ælfhelm selbst. Doch von Wulfstan würde er keine Einzelheiten erfahren, das war dem König klar. Der Erzbischof war kein Mann von deutlichen Worten.
Was seinen Ealdorman betraf, so zweifelte der König stark an Ælfhelms Fähigkeit, die Männer im Norden gefügig zu machen. Oder vielleicht mangelte es auch eher an seinem Willen. Ælfhelm war der mächtigste und reichste der großen Männer im Land, aber er gierte stets nach noch mehr Macht und würde jedes Mittel nutzen, um sie zu erlangen. Das bedeutete Bündnisse mit jenen, die einen Groll gegen die Kirche oder die Krone hegten, und solche Männer gab es zweifellos viele.
Also welche Allianzen schmiedete Ælfhelm? Sein älterer Sohn war vor Jahren mit einem Mädchen aus den Five Boroughs verheiratet worden, der jüngere im vergangenen Frühjahr mit einer Witwe, die Ländereien entlang des Flusses Trent besaß. Beide Eheschließungen hatten den Einflussbereich des Ealdorman weiter nach Norden hin ausgedehnt, und jetzt hatte er nur noch ein Kind zu vergeben: Elgiva, seine ebenso schöne wie heimtückische Tochter.
Sie war eine richtige Hexe, das wusste Æthelred aus eigener Erfahrung. Als er seiner normannischen Braut erstmals überdrüssig geworden war, hatte Elgiva ihn monatelang in ihren Bann geschlagen. Zweifellos hatte ihr Vater dahintergesteckt. Und jetzt benutzte Ælfhelm Elgiva gewiss, um sich einen mächtigen Verbündeten unter den Lords des Nordens zu sichern, die nicht gut auf den König zu sprechen waren. Mit welchem Ziel wusste Æthelred nicht, er konnte es sich allerdings denken. Die Männer nördlich des Humber hatten nie willig das Knie vor den Königen im Süden gebeugt. Es wäre ein Leichtes, sie dazu zu bringen, ihren Eid auf das Haus Cerdics zu brechen.
Verrat. Sehr wahrscheinlich war das das Übel, welches laut Wulfstans Propheten über das Land hereinbrechen würde.
Sein Blick glitt über die Gesellschaft in der Halle zu dem Tisch gleich unterhalb der Estrade, wo die Damen der Königin saßen. Eigentlich hätte Ælfhelms Tochter, das leidige Weibsstück, unter ihnen sein sollen. Als er sie nicht entdeckte, fluchte er im Stillen. Nachdem Wulfstan die Tafel verlassen hatte, um mit einer Schar Priester zu sprechen, wandte Æthelred sich an Emma.
«Wo ist eigentlich die Dame Elgiva?», erkundigte er sich.
Emmas grüne Augen betrachteten ihn mit arglosem Erstaunen. «Ich nehme an, sie weilt noch in Northampton, mein Herr. Ihr hattet ihr doch gestattet, zur Hochzeit ihrer Cousine Aldyth mit Lord Siferth von Mercia dorthin zu reisen.»
Gütiger Himmel, das hatte er ganz vergessen. Aber das war vor einem Monat gewesen, als der Hof sich in Sutton aufhielt, nur zwei Tagesritte von Ælfhelms Anwesen entfernt. Seitdem war die Königin auf Pilgerfahrt gegangen, und der Hof war hierher nach Wiltshire umgezogen.
«Sie hat Euch also nicht auf Eurer Pilgerreise begleitet?», vergewisserte er sich.
«Nein, mein Herr. Ich hatte erwartet, sie bei meiner Rückkehr hier anzutreffen.»
Æthelred runzelte die Stirn. «Man hätte mich darüber unterrichten sollen, dass sie noch in Northampton ist.» Ælfhelm hatte sein kleines Weibsstück jetzt seit einem Monat bei sich. Der Himmel mochte wissen, was die beiden ausheckten. Er warf einen Blick zu Emma. «Wulfstan hat den Verdacht, dass sich im Norden etwas zusammenbraut. Ich würde mein halbes Königreich darauf verwetten, dass Ælfhelm dahintersteckt, und wahrscheinlich spielt Elgiva eine Rolle in seinen Plänen.» Herrgott, am Ende würde diese Angelegenheit ihn tatsächlich sein halbes Königreich kosten.
Voller Groll gegen sich selbst, seine Königin, den Erzbischof – und am allermeisten gegen Gott – erhob er sich und rief nach einem Diener, der ihm den Weg zu seinem Gemach leuchten sollte. Er würde noch heute Abend einen Boten zu Ælfhelm schicken und ihn auffordern, mit seiner ganzen Familie zum Osterfest an den Hof zu kommen. Sein weiteres Vorgehen hing davon ab, wie der Ealdorman darauf reagierte.
Während er die Halle verließ, schenkte er den Männern und Frauen seines Haushalts keine Beachtung, denn er war ganz in seine Gedanken versunken. Er rief sich noch einmal alles ins Bewusstsein, was der Erzbischof gesagt oder angedeutet hatte. Wulfstans Rede mochte ihm nicht viel darüber verraten haben, was in Ælfhelm vorging, aber er verfügte noch über andere Quellen als den Erzbischof – überall im Norden, wo immer sich etwas zusammenbrauen mochte, hatte er seine Späher. Er würde herausfinden, welchen Verrat Ælfhelm und seine Sprösslinge im Schilde führten, und dann würde er Mittel und Wege finden, dem ein Ende zu machen. Er würde zuschlagen, ehe seine Feinde und ihre ausländischen Verbündeten ihm sein Königreich entreißen konnten, das schwor er sich.
März 1006 Landsitz Aldeborne, Northamptonshire
Als Elgiva erfuhr, dass ein Bote des Königs mit einer Nachricht für ihren Vater eingetroffen war, geduldete sie sich nicht, bis sie in die Halle gerufen wurde, um die Neuigkeiten zu erfahren. Denn darauf hätte sie lange warten können, das war ihr klar. Ihr Vater trug gern seine Macht zur Schau, indem er mit Informationen knauserte.
Also machte sie sich selbst auf den Weg, gefolgt von einer Dienerin mit einem Becher und einem Krug Met, der stark genug war, selbst einem Riesen die Zunge zu lösen. Als sie die große Halle betrat, hatte ihr Vater bereits Männer von seinen diversen Gütern versammelt. Reeves, Stall- und Waffenmeister, Jagdaufseher und ihre Untergebenen – insgesamt etwa zwanzig Mann – standen in Grüppchen im Raum verteilt und warteten darauf, mit ihrem Herrn zu sprechen.
Wenn ihr Vater auf dem Landsitz weilte, war die Halle fast ausschließlich mit solchen Männern bevölkert, und er duldete nicht, dass Elgiva sich lange unter ihnen aufhielt. Seit sie von der Hochzeit ihrer Cousine hierher zurückgekehrt war, hatte er dafür gesorgt, dass sie ihre Gemächer kaum verließ und keinen Kontakt mit diesen Männern hatte, damit nicht etwa einer von ihnen begehrliche Blicke auf sie warf.
In seinem Eifer, die Keuschheit seiner Tochter zu bewahren, schien ihr Vater vergessen zu haben, dass sie fast ein Jahr lang die Buhle des Königs gewesen war. Damals hatte er weggeschaut, weil er hoffte, durch diese Verbindung seinen Einfluss auf den König zu stärken. Zweifellos hatte er ebenso wie Elgiva damit gerechnet, dass der König seine normannische Braut verstoßen und stattdessen sie zur Frau nehmen würde. Aber Emma und die Bischöfe hatten den König schließlich davon überzeugt, dass er sich seiner Königin nicht so einfach entledigen konnte, und zum großen Ärger von Elgivas Vater und zu ihrer eigenen Enttäuschung behandelte der König sie fortan kühl. Die Tändelei mit ihm hatte ihr nichts weiter eingebracht als ein paar hübsche Schmuckstücke, die er ihr geschenkt hatte.
Seitdem hatte der König das Bett mit einer Anzahl von Gespielinnen aus weniger einflussreichen Familien geteilt, während Elgiva unter den wachsamen Blicken der Königin gehalten wurde wie ein Vogel im Käfig. Und nun hatte sich ihre Lage noch verschlimmert, denn jetzt brachte sie ihre Tage und Nächte hier unter der viel zu strengen Aufsicht ihres Vaters zu.
Während sie sich einen Weg durch das Gedränge bahnte, hielt sie nach ihrem Vater Ausschau und entdeckte ihn in einem schmalen Streifen Sonnenlicht, der durch eines der hohen verglasten Fenster in die Halle fiel. Elgiva versuchte, seine Stimmung abzuschätzen, doch sein Gesicht verriet ihr nichts. Es war kalt wie immer, bedrohlich, steinern und düster wie sein Gemüt. Er bot einen einschüchternden Anblick – sein gefurchtes Gesicht mit den groben Zügen sah aus wie aus zerklüftetem Fels gemeißelt. Sein schwarzes Haar, grober als das ihre, aber ebenso dicht und lockig, war von weißen Strähnen durchzogen, sein ehemals schwarzer Bart ergraut. Er war kein sanftmütiger Mann, würde sie vielleicht eher mit einer Ohrfeige als mit einem Kuss empfangen, doch den Honigwein würde er sicher gern annehmen.
Elgiva nahm ihrer Dienerin den randvollen Becher ab und ging damit kühn auf ihren Vater zu.
«Guten Tag, mein Herr», sagte sie und warf einen neugierigen Blick auf das Pergament in seiner Hand, auf dem sie das Siegel des Königs erkannte.
Ihr Vater nahm den Becher, trank einen tiefen Zug, musterte sie durchdringend und sagte – nichts.
Sie wartete und verfluchte ihn insgeheim dafür, dass er wieder einmal seine Machtspielchen mit ihr trieb. Ihm war klar, was sie wollte, doch es bereitete ihm Vergnügen, sie zappeln zu lassen.
Er trank noch einmal, dann wischte er sich mit dem Handrücken den Mund ab und wedelte mit dem Pergament vor ihrem Gesicht.
«Ich nehme an, meine Tochter», sagte er, «du möchtest gern erfahren, was für eine Nachricht mir der König geschickt hat, wie?» Er beugte sich hämisch grinsend zu ihr vor. «Vertrau mir, junge Dame, es ist nichts, was dich betrifft.» Damit leerte er seinen Becher und hielt ihn der Dienerin hin, um sich nachschenken zu lassen.
Elgiva wand sich innerlich. Der Met war dazu bestimmt, ihm die Zunge zu lösen, nicht, seine Sinne zu vernebeln. Ihr Vater war schon in nüchternem Zustand schwierig genug. Wenn er betrunken war, dann war es erst recht unmöglich, an ihn heranzukommen.
«Aber immerhin gibt es Neuigkeiten», erwiderte sie mit sanfter Stimme, trotz des Zorns, der in ihr hochkochte. «Ich würde sie gern hören.» Sie lächelte ihn an, doch er erwiderte ihren Blick mit gewohnt finsterer Miene.
«Der zweite Sohn des Königs ist gestorben», sagte er schließlich und warf das Pergament achtlos auf den Boden.
Elgiva starrte ihn an. Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, und sie wünschte nichts mehr, als dass es eine Lüge wäre. Sie hatte gehofft, einen Ætheling zu heiraten – entweder Athelstan oder Ecbert –, denn ihr war geweissagt worden, dass sie eines Tages Königin sein würde. Wie anders konnte sie das erreichen als durch eine Verbindung entweder mit dem König selbst oder mit einem seiner Söhne? Aber der König war nun einmal an seine teiggesichtige Königin und ihr halb normannisches Balg gebunden und damit unerreichbar für sie. Und wenn ihr Vater die Wahrheit sprach, war nun auch Ecbert verloren.
«Das kann ich nicht glauben», flüsterte sie. «Weihnachten war er noch wohlauf. Was ist geschehen?»
«Das steht nicht in der Botschaft.» Ælfhelm zuckte die Achseln. «Aber der König hat ja genügend Söhne, da wird ihm der eine nicht übermäßig fehlen.»
«Dennoch wird es die Osterfeierlichkeiten am Hof überschatten.» Immerhin würde Athelstan noch dort sein, und vielleicht brauchte er ja nach dem Verlust seines Bruders Trost.
«Auch das betrifft dich nicht», erwiderte ihr Vater, «denn weder du noch ich werden an der Feier zu Cookham teilnehmen, auch wenn der König anscheinend unsere Anwesenheit wünscht. Ich fürchte, wir müssen ihn enttäuschen, aber ich werde deine Brüder hinschicken, damit sie mich vertreten.»
Wieder einmal überraschte er sie. Indem er die Einladung des Königs zum österlichen Rat ausschlug, würde er den ohnehin argwöhnischen Æthelred wahrscheinlich erst recht misstrauisch machen. Warum sollte er das tun?
«Meine Brüder können Euch wohl kaum ersetzen, mein Herr», sagte sie schmeichlerisch, «schließlich seid Ihr der Größte unter den Ealdormen, und ihr Rat kann an Euren nicht heranreichen. Außerdem, warum sollten wir nicht an der Zusammenkunft teilnehmen? Die Königin wartet sicher schon seit Wochen darauf, dass ich in ihren Haushalt zurückkehre, und inzwischen –»
«Bist du so versessen darauf, deine königlichen Herrschaften wiederzusehen?», fuhr er ihr über den Mund. «Jetzt, da es mir gelungen ist, dich vom Hof zu entfernen, sehe ich keinen Grund, dich dorthin zurückzuschicken. Du gehörst mir, Elgiva, nicht dem König, und ich lasse nicht zu, dass Æthelred meine Pläne für dich durchkreuzt, indem er dich wieder in sein Bett holt oder dich womöglich hinter meinem Rücken verheiratet.»
«Was für Pläne?», wollte Elgiva wissen. Das hatte sie schon seit Wochen befürchtet – dass er sie hierbehielt, weil er sie für seine Zwecke benutzen wollte, ohne Rücksicht auf ihre eigenen Wünsche.
«Das wirst du noch früh genug erfahren», entgegnete er. «Bis dahin lasse ich dich nicht von meiner Seite, schließlich habe ich schlechte Erfahrungen damit gemacht, dich der Obhut anderer anzuvertrauen.»
Elgiva funkelte ihren Vater an, und er starrte zurück, offenbar in der Überzeugung, es sei ihm gelungen, sie unwissend zu halten, blind und taub, so hilflos wie ein neugeborenes Kätzchen. Doch da täuschte er sich, denn sie wusste über seine Angelegenheiten besser Bescheid, als er ahnte.
«Ich weiß von Eurem häufigen Umgang mit den nördlichen Lords, mein Herr», zischte sie, «und ich habe gehört, dass sogar Männer von jenseits des dänischen Meeres an den Verhandlungen –»
Blitzschnell schleuderte er seinen Becher zu Boden und packte sie am Arm, mit der ganzen Kraft eines Mannes, der es gewohnt war, ein Schwert zu führen. Elgiva fand sich in eine Ecke gestoßen, wo die Männer in der Halle sie nicht sehen und hören konnten.
«Hüte deine Zunge, Mädchen, sonst schneide ich sie dir heraus», fauchte Ælfhelm. «Und wo wir schon einmal dabei sind, steck deine neugierige kleine Nase nicht in meine Angelegenheiten. Ich schwöre dir, ich freue mich auf den Tag, da ich dich deinem Ehemann übergeben kann und keine Scherereien mehr mit dir habe.»
«Und wann wird dieser Tag sein?», versetzte sie. «Ich nehme an, recht bald, schließlich zähle ich bereits zwanzig Sommer – Ihr müsst mich verheiraten, ehe ich zu alt bin und meinen Wert für die Männer verliere!»
«Du hast deinen Wert bereits verloren, schließlich bist du von der Lust des Königs befleckt.» Er schüttelte sie, dann begann er zu ihrem Erstaunen zu grinsen. «Aber keine Angst, meine Tochter», sagte er heiter, wobei er schon ein wenig lallte. «Deine Verlobung steht so gut wie fest. Du wirst mir noch einmal dafür danken.»
Er taumelte gegen sie, und Elgiva wurde klar, dass der Met seine Wirkung mehr als getan hatte. Von jetzt an würde ihr Vater weniger auf der Hut sein, was er sagte.
«Wer ist es denn?», fragte sie. «Wen soll ich heiraten? Ich werde mit Freuden zu ihm gehen, sofern Ihr mich nicht gerade an einen dänischen Wüstling verkauft habt.»
Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da packte er sie mit einer Hand am Hals.
«Ich sagte, hüte deine Zunge!», fuhr er sie an. «Und jetzt geh zurück in deine Kammer; ich habe dir nichts weiter zu sagen.»
Damit stieß er sie von sich, und Elgiva verließ mit zusammengepressten Lippen die Halle.
Ihr Vater hatte nicht alles preisgegeben, aber was er gesagt hatte, genügte.
Er hatte das Unvorstellbare getan – sie einem dreckigen dänischen Kriegsfürsten versprochen, einem Wilden, der genügend Gold besaß, um sich eine edle Frau und großen Grundbesitz in England zu erkaufen. Welchen Preis hatte ihr Vater wohl für sie verlangt? Wie auch immer die Vereinbarung aussehen mochte, sie war hinfällig, denn sie, Elgiva, würde niemals einen Dänen heiraten. Sie hatte mit angesehen, wie dänische Krieger ihre alte Amme geschändet und ermordet hatten, und ihr Vater wusste sehr wohl, wie sehr sie diese Männer hasste und fürchtete. Wenn er versuchte, sie zu einer Heirat mit einem dieser Barbaren zu zwingen, würde sie ihn eigenhändig umbringen.
Aber dazu würde es nicht kommen. Der Bote des Königs war sicher noch hier, um zu essen und sich auszuruhen, während ein frisches Pferd bereit gemacht wurde. Wenn es ihr gelang, mit ihm zu sprechen, konnte sie selbst dafür sorgen, dass es nicht zu dieser Heirat kam.
Sie schickte die Dienerin – sicher eine Spionin ihres Vaters – mit dem Rest des Mets zum Vorratshaus. In ihrer Kammer angekommen, ging sie zu der Truhe mit ihren kostbarsten Schätzen, schloss sie auf und nahm eine Handvoll Münzen heraus. Das sollte wohl genügen, um sich die Dienste des königlichen Boten zu sichern und das Schweigen der Stallknechte ihres Vaters zu erkaufen, falls welche in der Nähe waren.
Mit der bangen Befürchtung, zu spät zu kommen, eilte sie zu den Ställen.
Dort stellte sie erleichtert fest, dass der Mann des Königs noch nicht aufgebrochen war. Er überprüfte gerade den Sattel seines Pferdes, während ein junger Stallknecht die Zügel hielt und dem Wallach beruhigend zuredete. Sonst war niemand in der Nähe.
Elgiva ging zu dem Jungen, der das Pferd hielt, flüsterte: «Du hast mich hier nicht gesehen», und drückte ihm eine Münze in die Hand. «Verstanden?» Als er grinsend nickte, fügte sie hinzu: «Du bekommst noch mehr, wenn du dafür sorgst, dass niemand hereinkommt, solange ich hier bin.»
Er lief eifrig zur Stalltür, um Wache zu stehen, während Elgiva sich dem Boten zuwandte. Der Mann hatte es offenbar eilig, sich wieder auf den Weg zu machen, und beachtete sie gar nicht. Elgiva trat neben ihn und flüsterte eindringlich: «Ich bin Lord Ælfhelms Tochter. Ich will, dass du dem König eine Botschaft von mir überbringst.»
«Gewiss, meine Dame», erwiderte er, während er weiter an den Sattelgurten hantierte. Am liebsten hätte sie seine Hand gepackt und ihn gezwungen, sich ihr zuzuwenden. Doch das war nicht nötig – im nächsten Moment schien er mit seinem Werk zufrieden und drehte sich endlich zu ihr um. «Wie lautet Eure Botschaft?»
Elgiva zögerte. Konnte sie ihm überhaupt vertrauen? Was, wenn er geradewegs in die Halle ihres Vaters marschierte und ihm alles berichtete, was sie gesagt hatte?
Sie blickte ihm forschend ins Gesicht. Er war jung, kaum mehr als ein schlaksiger Knabe, mit blondem Haar und glattem Gesicht. Jetzt, da er sie ansah, blitzte in seinen Augen Interesse auf und etwas, das sie als Bewunderung deutete. Sicher würde er Mitgefühl für eine Frau aufbringen, die unter der Knute ihres grausamen Vaters stand. Und selbst wenn er sie verraten sollte – keine Strafe ihres Vaters konnte schlimmer sein als eine Heirat mit einem Dänen.
«Du musst ihm sagen», begann sie, sah ihn ernst an und rang sich ein paar Tränen ab, «dass mein Vater mich gegen meinen Willen einem dänischen Mann versprochen hat und dass ich den König um Hilfe anflehe, denn nur er kann die Verbindung verhindern. Sag ihm auch, meine Brüder wissen von den Plänen meines Vaters, und der König darf ihnen nicht trauen.» Sie nahm die Hand des Mannes und legte vier glänzende Silberpennys hinein. «Kannst du das für mich tun?»
Er blickte auf die Münzen in seiner Hand, und seine Augen weiteten sich. Wahrscheinlich hatte sie ihm zu viel gegeben, doch das kümmerte Elgiva nicht. Wenn er tat, was sie ihm aufgetragen hatte, war das Geld gut angelegt.
«Ich werde ihm die Botschaft überbringen, Herrin», versprach er und steckte die Münzen rasch in den Beutel an seinem Gürtel, als fürchtete er, sie könne einen Teil zurückfordern.
«Kannst du dir das auch alles merken?», vergewisserte sie sich.
«Ich habe alles gut hier bewahrt», erwiderte er und tippte sich an die Schläfe. «In drei Tagen wird der König es erfahren, darauf gebe ich Euch mein Wort.»
Er nickte ihr noch einmal zu, und Elgiva trat zurück, während er sich in den Sattel schwang. Aus dem Schatten des Stalles heraus sah sie mit angehaltenem Atem zu, wie er zum Tor in der Umzäunung ritt. Wenn die Wachen ihn anhielten und Fragen stellten, würde er sie womöglich verraten, wenn auch unbeabsichtigt. Doch sie winkten ihn durch, und Elgiva seufzte erleichtert auf. Sie drückte dem Stallburschen noch eine Münze in die schmutzige Hand, dann eilte sie zurück in ihre Kammer in der befriedigenden Gewissheit, die abscheulichen Pläne ihres Vaters durchkreuzt zu haben.
Jetzt lag die Angelegenheit in den Händen des Königs. Er würde natürlich toben, wenn er erfuhr, was ihr Vater plante – wahrscheinlich würde er ihm eine Geldstrafe auferlegen oder einen Teil seines Grundbesitzes einziehen, weil er eine solche Verbindung auch nur in Erwägung gezogen hatte.
Ihre Brüder würden wahrscheinlich dasselbe Schicksal erleiden. In Wirklichkeit war Elgiva gar nicht sicher, ob die beiden in die Pläne ihres Vaters eingeweiht waren. Aber selbst wenn sie sie zu Unrecht beschuldigt hatte – was machte das schon? Sie hatten sie all die Jahre schlecht behandelt, und jetzt rächte sie sich.
Sie alle sollten bestraft werden, besonders aber ihr Vater. Er hatte sie viel zu lange von seinen Beratungen ausgeschlossen, Pläne für ihre Zukunft geschmiedet, ohne auch nur einen Gedanken an ihre Wünsche und Interessen zu verschwenden. Er hatte sie wie eine Närrin behandelt und nicht begriffen, dass sie ihm viel nützlicher sein konnte, wenn er sie ins Vertrauen zog. Jetzt würde er erkennen müssen, dass sie über eigene Mittel verfügte, und es würde ihm noch leidtun, dass er derart ihren Verstand unterschätzt hatte und glaubte, sie werde sich widerstandslos seinem Willen beugen.
März 1006 London
Eine Prozession schwer beladener Karren rollte von der Themsebrücke zur East Ceap. Athelstan trieb sein Pferd an, um sie zu überholen, und verzog das Gesicht wegen des Lärms, den die hölzernen Räder auf der Schotterstraße verursachten. Es war kurz nach Mittag, die Sonne hatte den Dunst über dem Fluss aufgelöst, und in London herrschte wie üblich reges, lautes Treiben und Gedränge.
Und es stank, wie Athelstan bemerkte, als er einen Karren mit Körben voller Fisch vorbeilassen musste, der durch ein Seitentor auf eine der größeren Hagas von London fuhr, ehe er selbst in die Æthelingstrete einbiegen konnte.
Vor einer Woche, als Ecberts Sarg auf demselben Weg zur Abtei St. Paul’s getragen worden war, hatte in den Straßen Stille geherrscht. Der Boden hatte an jenem Tag eher einem Fluss als einer Straße geglichen, und Dunst und Nebel hatten schwer in der Luft gehangen, aber die Männer und Frauen, die die Æthelingstrete säumten, um den Trauerzug vorbeiziehen zu sehen, hatten schweigend dagestanden – eine Geste der Achtung für seinen Bruder, die ihn noch immer berührte.
Zehn Tage waren seit Ecberts Tod vergangen, doch an jedem dieser Tage hatte Athelstan sich ein Dutzend Mal dabei ertappt, wie er sich umwandte, um den Bruder anzureden, der sein ständiger Begleiter gewesen war, seit er denken konnte – nur um sich wieder einmal bewusst zu werden, dass Ecbert nicht mehr da war. Athelstan fragte sich, ob er sich jemals an sein Fehlen gewöhnen würde. Er hatte es jedenfalls versucht, indem er sich in die Arbeit stürzte – gerade überwachte er den Bau eines neuen hölzernen Turms auf der Londoner Seite der Brücke. Das beschäftigte seine Gedanken und hielt ihn in Bewegung, aber es vermochte doch nicht die Leere zu füllen, die Ecbert hinterlassen hatte.
Er ritt durch den hölzernen Torbogen auf das Gelände, das in London als Haga der Æthelinge bekannt war – für gewöhnlich eine treffende Bezeichnung, doch seit Ecberts Tod und Edmunds Aufbruch nach Wiltshire war er der einzige Ætheling in London gewesen. Das schien sich jedoch geändert zu haben, wie er feststellte, als er die gesattelten Pferde im Hof sah, deren Mäuler schäumten. Edmund musste zurückgekehrt sein.
Athelstan übergab sein Ross einem Stallknecht und ging sofort in die Halle, wo sein Bruder ihn bereits erwartete, noch im Mantel und verschmutzt von der Reise. Edmund saß an einem Tisch, einen Becher in der Hand, mit einem so abweisenden Gesichtsausdruck, dass die anderen Männer in der Halle – Sklaven, Wachen und Vertraute – sicherheitshalber auf Abstand blieben.
Selbst an guten Tagen konnte sein Bruder abschreckend wirken, das wusste Athelstan. Edmund war von jeher stämmig, aber jetzt, mit siebzehn, überragte er alle seine Brüder. Athelstan konnte sich nicht mehr erinnern, wann er Edmund zuletzt im Ringkampf besiegt hatte. Es lag Jahre zurück.
Allein aufgrund seines Äußeren hüteten sich die Leute, Edmund in die Quere zu kommen.
Der Stille, Düstere, so hatte ihre Großmutter, die Königinwitwe, ihn genannt. Das sind immer die Gefährlichsten. Wenn er etwas sagt, tut man gut daran, auf ihn zu hören.
Im Augenblick starrte Edmund in seinen Becher mit Ale, als könnte er darin das Schicksal der Welt lesen und hätte soeben den Weltuntergang vorhergesehen.
«Du siehst ziemlich mitgenommen aus», stellte Athelstan fest und setzte sich seinem Bruder gegenüber. Kein Wunder, wenn man bedachte, welche Nachricht er dem König überbracht hatte. «Wie schlimm war es?»
Edmund trank einen tiefen Zug, dann stellte er den Becher ab und starrte missmutig vor sich hin.
«Er wollte sämtliche Einzelheiten erfahren», sagte er matt, «sodass ich in der Erzählung alles noch einmal durchleben musste.» Er atmete tief durch und fuhr sich mit einer Hand durch das dichte braune Haar, das ihn von seinen sächsisch blonden Brüdern unterschied. «Man kann es ihm wohl nicht verdenken, er wollte eben Gewissheit haben, dass alles Menschenmögliche für Ecbert getan wurde.» Er trank seinen Becher leer und schob ihn von sich. «Während ich ihm Rede und Antwort stand, kam sie herein. Hat auf jedes Wort gelauscht. Tat so, als würde sie um Ecbert trauern. Als ob ihr irgendwer abnehmen würde, dass sie den Tod eines Mannes beweint, der womöglich einmal zwischen ihrem Sohn und dem Thron gestanden hätte.» Er warf Athelstan einen finsteren Blick zu. «Ach nein, ich vergaß», korrigierte er sich, «du würdest es ihr wohl abnehmen.»
«Lass das, Edmund», wehrte Athelstan müde ab.
Emma war ein ständiger Streitpunkt zwischen ihnen. Edmund sah sie nicht als Mensch, als Frau aus Fleisch und Blut, sondern als ein Werkzeug ihres Bruders Richard, des normannischen Herzogs, und damit als eine Bedrohung für alle Söhne aus der ersten Ehe des Königs. Was Athelstan selbst betraf … Doch er schob den Gedanken an Emma entschlossen von sich. Er dachte ohnehin viel zu oft an sie.
«Konntest du den König davon überzeugen, dass wir alles versucht haben, um Ecbert zu retten?» Hatten sie denn wirklich alles getan, was in ihrer Macht stand? Diese Frage quälte ihn schon die ganze Zeit wie ein weher Zahn.
«Du meinst, ob der König dir die Schuld an Ecberts Tod gibt?»
