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«Was für ein großartiges Buch! Eine faszinierende, kaum bekannte Epoche, eine spannende, dicht erzählte Geschichte und Figuren von großer Lebendigkeit.» (Diana Gabaldon) Im Jahre des Herrn 1001 beginnt für die junge Emma ein neues Leben. Ihr Bruder, Herzog der Normandie, gibt sie dem englischen Herrscher zur Frau. Es geht um Macht und Politik, um Emma geht es nicht. Und König Æethelred scheint auch alles andere als in Liebe zu seinem neuen Weib entbrannt. Emma wird schnell bewusst, dass sie nicht nur Königin ist, sondern mehr noch eine Gefangene, Geisel in einem bösen Spiel. Doch so zart die junge Frau wirkt, so unbeugsam kämpft sie um ihren Weg zur Macht und für ihren Sohn. Doch dann befällt Unglück das Land: Sven Gabelbart, König der Dänen, überzieht mit seinen Wikingerhorden die englischen Reiche mit Brand, Raub und Mord. Und wieder ist Emmas Schicksal offen …
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Seitenzahl: 722
Veröffentlichungsjahr: 2014
Patricia Bracewell
Historischer Roman
«Was für ein großartiges Buch! Eine faszinierende, kaum bekannte Epoche, eine spannende, dicht erzählte Geschichte und Figuren von großer Lebendigkeit.» (Diana Gabaldon)
Im Jahre des Herrn 1001 beginnt für die junge Emma ein neues Leben. Ihr Bruder, Herzog der Normandie, gibt sie dem englischen Herrscher zur Frau. Es geht um Macht und Politik, um Emma geht es nicht. Und König Æethelred scheint auch alles andere als in Liebe zu seinem neuen Weib entbrannt. Emma wird schnell bewusst, dass sie nicht nur Königin ist, sondern mehr noch eine Gefangene, Geisel in einem bösen Spiel. Doch so zart die junge Frau wirkt, so unbeugsam kämpft sie um ihren Weg zur Macht und für ihren Sohn.
Doch dann befällt Unglück das Land: Sven Gabelbart, König der Dänen, überzieht mit seinen Wikingerhorden die englischen Reiche mit Brand, Raub und Mord. Und wieder ist Emmas Schicksal offen …
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel «Shadow on the Crown» bei Viking/Penguin Group, New York.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2015
Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
«Shadow on the Crown» Copyright © 2013 by Patricia Bracewell
Karte Peter Palm, Berlin
Redaktion Jan Henrik Möller
Umschlaggestaltung any.way, Cathrin Günther, nach dem Original von Viking Penguin Books
Umschlagabbildung Richard Jenkins; akg-images
ISBN 978-3-644-53791-0
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Widmung
Der englische Hof 1001–1005
Glossar
Karte
A.D. 978
Prolog
A.D. 1001
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
A.D. 1002
Kapitel acht
Kapitel neun
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
A.D. 1002
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel vierundzwanzig
A.D. 1003
Kapitel fünfundzwanzig
Kapitel sechsundzwanzig
Kapitel siebenundzwanzig
Kapitel achtundzwanzig
Kapitel neunundzwanzig
Kapitel dreißig
Kapitel einunddreißig
Kapitel zweiunddreißig
Kapitel dreiunddreißig
A.D. 1003
Kapitel vierunddreißig
Kapitel fünfunddreißig
Kapitel sechsunddreißig
A.D. 1004
Kapitel siebenunddreißig
Kapitel achtunddreißig
Kapitel neununddreißig
Kapitel vierzig
Kapitel einundvierzig
Kapitel zweiundvierzig
Nachwort der Autorin
Danksagung
Leseprobe: Die Königin
Prolog
A.D. 1006
Kapitel eins
Für Lloyd, Andrew und Alan
Æthelred II., angelsächsischer König von England
Kinder des englischen Königs in der Reihenfolge ihrer Geburt:
Athelstan
Ecbert
Edmund
Edrid
Edwig
Edward
Edgar
Edyth
Ælfgifu (Ælfa)
Wulfhilde (Wulfa)
Mathilda
Ælfhelm, Ealdorman von Northumbria
Ufegeat, sein Sohn
Wulfheah, sein Sohn (Wulf)
Elgiva, seine Tochter
Ælfric, Ealdorman von Hampshire
Ælfgar, sein Sohn
Hilde, seine Enkelin
Ælfheah, Bischof von Winchester
Godwine, Ealdorman von Lindsey
Leofwine, Ealdorman im westlichen Mercia
Wulfstan, Erzbischof von Jorvik und Bischof von Worcester
Richard II., Herzog der Normandie
Robert, Erzbischof von Rouen, Bruder des Herzogs
Judith, Herzogin der Normandie
Gunnora, Herzoginwitwe der Normandie
Mathilde, Schwester des Herzogs
Emma, Schwester des Herzogs, Tochter Richards I.
Sven Gabelbart, König von Dänemark
Harald, sein Sohn
Knut, sein Sohn
Ætheling: Prinz, Anwärter auf den Thron; alle legitimen Söhne der angelsächsischen Könige wurden als Æthelinge bezeichnet
Braies: französische Bezeichnung für Hosen, aus Leinen gefertigt
Brünne: Kettenhemd
Buhle: uneheliche(r) Geliebte(r)
Burh: «befestigter Platz», eine angelsächsische Festung
Chausses: französischer Begriff für eine Art Strumpfhose oder lange Strümpfe
Chemise: Untergewand
Cyrtel: ein Frauengewand
Danegeld: «Dänengeld», «Dänensteuer», eine vom König erhobene Abgabe; das Geld wurde für Tributzahlungen genutzt, um Wikingerangriffe abzuwenden
Danelag: eine Gegend in England, die ungefähr Yorkshire, East Anglia und das mittlere und östliche Mercia umfasst, wo sich während des 9. und 10. Jahrhunderts in mehreren Wellen Skandinavier ansiedelten
Ealdorman: Titel der wichtigsten weltlichen Amtsträger der angelsächsischen Könige in England, meist Angehörige der mächtigsten Adelsgeschlechter, vom König ernannt; der Ealdorman regierte im Namen des Königs eine Provinz, er führte eine Streitmacht an, trieb Steuern ein und fungierte als Richter
Fyrd: angelsächsisches Heer, auf Befehl des Königs oder eines Ealdorman aufgestellt, meist anlässlich einer Bedrohung durch die Wikinger
Godwebbe: ein kostbares Tuch, häufig lila, meist aus Seide; wahrscheinlich eine Art changierender Taft
Handfasting: eine Heirat oder Verlobung; Zeichen einer festen Bindung ohne religiöse Zeremonie oder Austausch von Eigentum
Herepath: eine Heerstraße
Hird: Kriegergefolgschaft der Nordmänner; die Feinde der Engländer
Kalenden: der jeweils erste Tag eines Monats im alten römischen Kalender, der immer auf Neumond fiel
Pluviale: Chormantel, ein klerikales Gewand in der Form eines langen Umhangs, oft aus Seide und kunstvoll bestickt
Reeve: Grundbesitzverwalter; eingesetzt von Königen, Bischöfen und Edelleuten, um Städte, Dörfer und große Anwesen zu verwalten
Sachs: messerartige, einschneidige Waffe
Skalde:(nord.) Hofdichter und -sänger, Geschichtenerzähler
Skop:(angelsächs.) Hofdichter und -sänger, Geschichtenerzähler
Tafl: ein beliebtes Brettspiel im frühmittelalterlichen England und Skandinavien, hat Ähnlichkeiten mit dem modernen Schachspiel
Thegn: Angehöriger des Dienstadels im angelsächsischen England; der Titel zeigt eine persönliche Beziehung an; die höchstgestellten Thegns dienten dem König selbst; als Landeigner gegenüber seinem Herrn zu bestimmten Leistungen verpflichtet
Wergeld: wörtlich «Manngeld»; Sühnegeld, Entschädigungszahlung für das Leben einer Person
Witan: «weise Männer», der Rat des Königs
Wittum: Güter, die bei der Eheschließung in den Besitz der Frau übergehen, damit sie versorgt ist, falls der Mann stirbt
Wyrd: Schicksal, Bestimmung
A.D. 978 In diesem Jahr, am fünfzehnten vor den Kalenden des April, wurde König Edward zu abendlicher Stunde an den Toren der Burg Corfe ermordet, und man begrub ihn zu Werham ohne jegliche königliche Ehren. Eine schlimmere Tat ward nicht getan, seit Menschen nach Britannien kamen … Æthelred empfing die königlichen Weihen. In diesem selben Jahr sah man oft einen blutigen Himmel, am deutlichsten um Mitternacht, wie Feuer in der Form dunstiger Strahlen. Wenn die Morgendämmerung nahte, verflog die Erscheinung.
Angelsächsische Chronik
Am Vortag des Sankt-Hilda-Tages, November 1001 Bei Saltford, Oxfordshire
Sie schritt um die von Eichen umstandene Lichtung, dreimal in die eine und dreimal in die andere Richtung, während sie leise ihre Schutzzauber sprach. In der vergangenen Nacht war ein böses Omen erschienen: Ein Schleier aus rotem Licht war schimmernd über den Mitternachtshimmel getanzt, wie eine Bahn scharlachroter Seide, die zwischen den Sternen wehte. Schon einmal, im Jahr vor ihrer Geburt, hatte eine solche Lichterscheinung den Tod eines Königs angekündigt. Jetzt stand gewiss ein ähnliches Ereignis bevor, und auch wenn ihre Hexenkunst den Tod nicht zu bannen vermochte, wob sie doch ihre Zauber, um schweres Unheil vom Reich abzuwenden.
Nachdem das Werk getan war, nährte sie das Feuer, das in der Mitte des uralten Steinkreises brannte. Dann ließ sie sich davor nieder, um den nahenden Besucher zu erwarten, der sie um eine Weissagung bitten würde. Noch ehe die Sonne einen Fingerbreit über den Himmel gewandert war, erschien auf der Anhöhe die Gestalt einer Frau, in Mantel und Schleier gehüllt, eine Hand auf den Wächterstein gelegt. Langsam folgte sie dem Pfad in das Tal und zwischen den Bäumen hindurch in den Tanz der Riesen, bis auch sie ihren Platz am Feuer einnahm. Sie bot auf ihrer Handfläche Silber dar.
«Ich möchte das Schicksal meiner Herrin erfahren», sagte sie.
Das Silber wechselte von einer Hand in die andere, und unwillkürlich tat die Seherin einen kurzen Blick in ein Herz, das gebrochen und verödet war, beherrscht von einer düsteren, fehlgeleiteten Liebe. Doch das Silber war gezahlt, und auf ihr Kopfnicken wurde eine Haarsträhne in die Flammen geworfen. Die Seherin forschte im Feuer nach Visionen, und schon bald stürmten lebhafte Bilder auf sie ein, die ihr in den Augen schmerzten und sich ihr wie Dolche ins Herz bohrten.
«Deine Herrin wird eine Verbindung mit einem mächtigen Herrscher eingehen», verkündete sie schließlich, «und ihre Kinder werden Könige sein.»
Doch wegen der Düsternis im Herzen der Frau, die ihr am Feuer gegenübersaß, verschwieg sie, dass eine andere von fern her kommen und dass die Lebensfäden der beiden sich ineinander verstricken würden, bis sie auf Lebzeiten – oder auch darüber hinaus – nicht mehr voneinander zu trennen wären. Sie verschwieg, dass eine Zeit bevorstand, in der grüne Felder zu Asche verbrennen und Unschuldige sterben würden, alles um einer Krone willen.
In der kommenden Nacht würden wiederum böse Omen am Himmel erscheinen, das wusste sie, und die Sterne hoch über ihr würden Blut weinen.
A.D. 1001 In diesem Jahr gab es in England großen Aufruhr, denn die Dänen fielen ein, plünderten, brandschatzten und verwüsteten das Land, und wo sie hinkamen, hinterließen sie Grauen und Verheerung … Sie trugen reiche Beute zu ihren Schiffen; dann zogen sie weiter zur Isle of Wight, und nichts und niemand stellte sich ihnen in den Weg; weder wagte eine Schiffsflotte ihnen zu trotzen noch eine Streitmacht zu Lande. Es war wahrhaftig eine schlimme Zeit, denn sie ließen nicht ab von ihrem bösen Tun.
Angelsächsische Chronik
24. Dezember 1001 Fécamp, Normandie
Der Winter des Jahres 1001 wäre als der kälteste und härteste in die Geschichte des nordwestlichen Europa eingegangen, wenn die Geschichtsschreiber darüber Buch geführt hätten. Spät im Dezember jenes Jahres brach aus dem arktischen Norden ein Sturm mit entsetzlicher Wucht los, der ganz Europa verheerte, am schlimmsten jedoch traf er die beiden Reiche, die einander an der Meeresstraße gegenüberlagen.
In der Normandie begann es mit einem plötzlichen Temperatursturz und einem Eisregen, der die Äste und Zweige der edlen Obstbäume im fruchtbaren Seine-Tal überzog. Auf den Regen folgte peitschender Wind, und er brach die spröden, gefrorenen Zweige und verstreute die Verheißung der nächsten Sommerernte über weite, eisbedeckte Felder. Einen ganzen Tag und eine Nacht lang wütete der Sturm, und als seine Wut endlich erschöpft war, legte sich leichter Schnee lautlos wie ein Segen über die verwüstete Landschaft.
Die Mönche von Jumièges und Saint-Wandrille bedauerten im Schutz ihrer Klostermauern den Verlust ihrer Apfelernte, neigten die Köpfe und beteten um Gelassenheit, den göttlichen Willen hinzunehmen. Die Bauern drängten sich in ihren gebrechlichen Holzhütten zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen, und beteten um Erlösung, denn das Ende der Welt schien nahe. Und im neuerbauten herzoglichen Palast in Fécamp, wo Herzog Richard und seine Familie sich zum Weihnachtsfest versammelt hatten, zog Emma, die fünfzehnjährige Schwester des Herzogs, leise ihre schweren Stiefel über die dicken, wollenen Strümpfe und betete, ihre schlafende Schwester möge nicht aufwachen – doch vergebens.
«Was tust du da?», drang Mathildes Stimme, heiser und voller Missbilligung gegen die Jüngere, unter aufgetürmten Bettdecken hervor.
Emma zerrte unbeirrt an ihrem Stiefelschaft.
«Ich gehe hinunter zu den Ställen», antwortete sie.
Mit einem Seitenblick zu ihrer Schwester versuchte sie, deren Stimmung abzuschätzen. Mathildes dünnes, braunes Haar war zu einem straffen Zopf geflochten; dadurch wirkte ihr Gesicht spitz und lang und das Stirnrunzeln, mit dem sie ihre jüngere Schwester bedachte, umso strenger.
«Du kannst doch in diesem Unwetter nicht nach draußen gehen», wandte Mathilde ein. «Du wirst dir den Tod holen.» Ehe sie weitersprechen konnte, wurde sie von einem heftigen, quälenden Hustenanfall geschüttelt.
Emma ging zu ihr, nahm von einem Tisch neben dem Bett den Becher mit verdünntem Wein und hielt ihn ihrer Schwester hin.
«Der Schneefall hat aufgehört», sagte sie, während Mathilde kleine Schlucke aus dem Becher nahm. «Ich werde mich schon nicht erkälten.»
Tatsächlich wurde Emma nur sehr selten krank. Ganz anders als Mathilde – die Arme war das einzige schmächtige, dunkelhaarige und kränkliche Kind in der achtköpfigen Schar blonder, robuster Riesen, die ihre Mutter zur Welt gebracht hatte.
Nachdem ihre Schwester genug getrunken hatte, nahm Emma ein Umschlagtuch vom Fußende des Bettes und warf es sich über ihr dichtes, helles Haar.
«Du willst sicher nach deinem elenden Pferd sehen.» Mathilde brachte nur noch ein schwaches Krächzen heraus. «Ich verstehe dich nicht. Bei Gott, du umsorgst all diese Viecher, als wären sie Kinder. Es ist gemein von dir, mich hier allein zu lassen.»
Doch Emma war nun einmal gern im Freien, sie liebte Pferde, Hunde und die Jagd und ritt am liebsten am Fuß der hohen Kreidefelsen an der normannischen Küste entlang. Sie versuchte gar nicht erst, sich ihrer Schwester zu erklären, die all das verabscheute. Es tat ihr leid, dass Mathilde krank war und sich langweilte, aber sie selbst musste endlich etwas frische Luft schnappen und wenigstens für kurze Zeit allein sein, sonst würde sie den Verstand verlieren. Sie beide waren jetzt seit drei vollen Tagen hier zusammen eingesperrt.
Sie nahm einen schweren, pelzgefütterten schwarzen Mantel vom Haken an der Wand und legte ihn sich um.
«Ich bin bald zurück», versprach sie.
Doch Mathilde war noch ein weiterer Einwand eingefallen.
«Was ist, wenn die Männer von den Schiffen zurückkehren, während du dort draußen bist?», fragte sie. «Diesen dänischen Rohlingen ist nicht zu trauen. Sie würden dich womöglich belästigen, wenn sie dich allein und schutzlos antreffen.»
Emma dachte über diese Warnung nach, während sie ihren Mantel am Hals schloss.
Der dänische König, Sven Gabelbart, hatte ihren Bruder um Erlaubnis ersucht, mit seinen Schiffen an der Nordküste der Normandie zu überwintern, und Herzog Richard hatte eingewilligt, weil er sich den reizbaren, kriegerischen König nicht zum Feind machen wollte. Doch zu Richards Erzürnen war Gabelbart mit seinem eigenen und einem Dutzend weiteren Schiffen vor zwei Tagen in den Hafen von Fécamp eingelaufen, sodass Emmas Bruder aus Höflichkeit gezwungen war, den König zu sich und seiner Familie in den Palast einzuladen.
Sven Gabelbart hatte die Einladung gern angenommen und sich mit zwanzig seiner Begleiter in der großen Halle eingerichtet. Sie waren grobschlächtige Krieger mit finsteren Gesichtern, die trotz des reichen Goldschmucks an ihren Armen und Handgelenken kaum Ähnlichkeit mit zivilisierten Männern hatten. Mathilde, die an Fieber erkrankt war, hatte das Bett gehütet, ebenso wie Richards Frau Judith, die erst wenige Wochen zuvor ein Kind geboren hatte. So hatte Emmas Mutter, die Herzoginwitwe Gunnora, allein mit ihrer jüngsten Tochter an der Seite dem König bei seiner Ankunft in der großen Halle den Begrüßungskelch gereicht. Die Herzogin war stolz auf ihre dänische Abstammung und ihre Blutsbande zum dänischen Thron, doch was Sven Gabelbart betraf, gab sie sich keinen Illusionen hin. Sie stellte ihm Emma mit steifer Höflichkeit vor und schickte das Mädchen dann mit sämtlichen anderen jungen Frauen in die privaten Gemächer.
Emma war froh gewesen, sich entfernen zu dürfen. Gabelbart hatte sie mit seinen kalten, berechnenden Augen durchbohrt und mit einem stummen Kopfnicken begrüßt. Sein düsterer Blick ruhte auf ihr, als sei sie keine Frau, sondern ein Gegenstand, eine Handelsware – irgendein Tand, wie er ihn auf dem Markt in Rouen kaufen könnte. Sie war errötet, als er sie so unverschämt anstarrte, und wäre am liebsten auf der Stelle davongelaufen. Doch sie hatte sich gezwungen, gemessenen Schrittes hinauszugehen, mit hocherhobenem Kopf, wobei sie sich der lüsternen Blicke von Gabelbarts Gefolgsleuten nur allzu bewusst war.
Diese Männer bestritten ihren Lebensunterhalt durch Mord und Raub. Zwar waren sie christlich getauft, aber im Herzen hingen sie noch immer ihren heidnischen Göttern an – so munkelte man jedenfalls. Ihre grimmigen, wettergegerbten Gesichter hatten Emma in der Nacht im Traum verfolgt, und sie hatte ebenso wie ihre Brüder gewünscht, Gabelbart und seine Männer wären nie nach Fécamp gekommen. Heute jedoch hielten sich keine Dänen im Palast auf.
«Die Männer sind zum Hafen gegangen, um nachzusehen, welchen Schaden der Sturm an ihren Schiffen angerichtet hat. Sie werden kaum vor der Dunkelheit wiederkommen. Bis dahin bin ich längst zurück, und ich verspreche dir, dass ich dir dann Gesellschaft leiste, bis wir die Kerzen löschen.» Damit schlüpfte sie zur Tür hinaus, ehe Mathilde sich weitere Einwände ausdenken konnte.
Draußen im menschenleeren Hof war die Luft so eisig, dass sie in der Lunge schmerzte. Emma hielt sich auf dem Weg zu den Ställen dicht an der Mauer, tastete sich mit einer Hand an den Steinen entlang, während sie vorsichtig über den gefrorenen Schlamm und Schneematsch stapfte, den die Männer und Pferde aufgewühlt hatten. Ihre schneeweiße Stute Ange begrüßte sie wiehernd. Emma vergrub ihr Gesicht am Hals des Pferdes und wärmte ihre Wange an dem dichten Winterfell. Doch im nächsten Moment schreckte sie auf, denn vom Hof drangen Stimmen und Geräusche herein.
Konnten die Männer schon so bald zurückgekehrt sein? Sicher nicht alle, dann hätte der Lärm viel größer sein müssen.
Im Schutz ihres Pferdes spähte Emma durch das breite Stalltor hinaus und sah Richard und Sven Gabelbart, die ihre Pferde am Zügel über den Hof führten. Emma hatte immer gemeint, ihr Bruder sei groß, aber der Dänenkönig überragte ihn noch um einen halben Kopf. Die beiden Männer waren im gleichen Alter – für Emmas Begriffe sehr alt, denn Richard war mehr als zwanzig Jahre vor ihr geboren. Doch der dänische König mit seinem weißen Haar und dem langen, weißen Bart, den er in der Mitte geteilt und zu zwei Zöpfen geflochten trug, wirkte noch viel älter, und es lag eine Strenge in Sven Gabelbarts Haltung und Miene, eine Härte und Ruchlosigkeit in seinen Augen, die sie ängstigten. Sogar Richard flößte er Angst ein, das erkannte sie deutlich, auch wenn ihr Bruder die Angst mit Höflichkeit überspielte.
Sie konnte gut darauf verzichten, dem Dänenkönig noch einmal zu begegnen, und außerdem würde ihr Bruder zornig werden, wenn er sie hier entdeckte. Deshalb hielt sie sich hinter ihrem Pferd verborgen und wartete darauf, dass die beiden Männer sich wieder entfernten. Die jedoch schienen es trotz der Kälte nicht eilig zu haben. Richard berichtete gerade in stockendem Dänisch über den Stammbaum des Pferdes, das der König am Zügel führte, und mühte sich ab zu erklären, worauf er bei der Zucht seiner Rösser Wert legte.
Emma schmunzelte darüber, wie unbeholfen ihr Bruder sich in Svens Sprache ausdrückte. Er hatte wie alle Kinder der Herzogin Gunnora Dänisch mit der Muttermilch aufgesogen, doch wie die meisten seiner Geschwister hatte er früh das Interesse an der Sprache verloren. Emma hatte sich als Einzige weiter damit beschäftigt und sprach jetzt Dänisch ebenso fließend wie Fränkisch, Bretonisch und Latein. Sie hatte sogar ein wenig Englisch gelernt, die Sprache der Geistlichen, die manchmal über die Meeresstraße kamen, um ihren Bruder zu besuchen.
Weder Richard noch ihr Bruder Robert, der Erzbischof, wussten von Emmas Gabe der Zungen, wie ihre Mutter sie nannte. Gunnora hatte Emma dazu angehalten, ihre außergewöhnliche Fähigkeit für sich zu behalten. Benutze sie, um zuzuhören, hatte sie gesagt, nicht um selbst zu reden. Du wirst staunen, was du auf diese Weise alles erfährst.
Jetzt hörte Emma also zu, und sie begriff mit Schrecken, dass das Gespräch zwischen ihrem Bruder und dem dänischen König sich von der Verpaarung von Pferden zu der von Menschen gewendet hatte.
«Eine eheliche Verbindung wäre in unser beider Interesse», sagte Sven Gabelbart gerade. «Ich habe zwei Söhne zu verheiraten. Eine Eurer Schwestern wäre mir gerade recht, und ich verspreche Euch, eine solche Heirat brächte Euch großen Gewinn ein. Andererseits hättet Ihr auch viel zu verlieren, wenn Ihr sie ablehnen würdet.» Einen Moment lang blieb es still, ehe der König herausfordernd hinzusetzte: «Ich frage mich, wie viel Ihr wohl zu opfern bereit wäret.»
Emma schlug erschrocken eine Hand vor den Mund, als sie die unverhohlene Drohung in Gabelbarts Worten erkannte. Was hatte er vor? Würde er seinen Wikingern befehlen, die Normandie zu überfallen, wenn Richard nicht eine seiner Schwestern als Braut für einen von Gabelbarts Söhnen nach Dänemark schickte?
Mit angehaltenem Atem wartete sie auf Richards Antwort.
«Meine Schwestern sind noch allzu jung für eine Heirat.» Die stockende Erwiderung ihres Bruders klang so beiläufig, dass Emma sich fragte, ob er die Worte des dänischen Königs überhaupt richtig verstanden hatte.
«Das Alter spielt keine große Rolle», entgegnete Gabelbart, jetzt in liebenswürdigem Ton. «Mein jüngster Sohn hat erst zehn Winter erlebt, aber er ist ebenso wie sein älterer Bruder bereits ein kundiger Seefahrer und Krieger. Und was Eure Schwestern betrifft …» Er schwieg kurz, und Emma krallte nervös ihre Finger in Anges Mähne, während sie darauf wartete, dass er weitersprach. «Ihr solltet sie nicht zu sehr behüten. Das Fräulein Emma scheint reif für einen Mann. Ihr tätet gut daran, sie jetzt zu einem guten Preis zu verheiraten, sonst ist es womöglich bald zu spät.»
Emma spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Scham und Zorn rangen in ihrem Inneren mit Angst und Entsetzen. Richard würde gewiss nicht einwilligen, sie nach Dänemark zu schicken! Es war ein raues, unzivilisiertes Land, kaum zum Christentum bekehrt. Zwar reichte der Stammbaum ihrer Familie in die nördlichen Lande zurück, doch das lag in der Vergangenheit. In der Zukunft würde es sicher keine solche Verbindung geben. Dänemark war ein Land voller Krieger, beherrscht von einem ruchlosen König. Sven Gabelbart war nicht durch Erbfolge auf den Thron gelangt, sondern durch einen Kampf auf Leben und Tod gegen den eigenen Vater. Richard durfte sie nicht in eine solche Familie einheiraten lassen!
Das Blut pochte ihr in den Ohren, sodass sie sich anstrengen musste, um zu verstehen, was ihr Bruder auf Gabelbarts Worte erwiderte.
«Euer Ansinnen ehrt meine Familie sehr», sagte Richard, und seine Stimme nahm einen schmeichlerischen Ton an, als er in seinem gebrochenen Dänisch fortfuhr: «Doch Ihr werdet sicher verstehen, dass eine Heirat eine delikate Angelegenheit ist, die man nicht überstürzt entscheiden sollte. Es gibt zu vieles zu bedenken und abzuwägen. Übrigens, wie Ihr ja wisst, habe ich zwei Schwestern. Die Ältere habt Ihr noch nicht kennengelernt, und natürlich verlangt die Tradition, dass sie als Erste heiratet.»
Emma hörte nicht mehr, was der dänische König darauf erwiderte, denn die Stimmen der beiden Männer wurden vom Klimpern des Zaumzeugs übertönt, als die Stallknechte die Pferde an ihre Plätze im Stall führten. Emma blieb wie angewurzelt stehen, das Gesicht an Anges Hals vergraben. Ihr schwirrte der Kopf von dem, was sie eben gehört hatte.
Ihr Bruder würde Sven Gabelbarts Antrag sicher nicht leichthin ablehnen. Richard war ein Realist. In seinen Augen wäre das Opfer einer Schwester ein geringer Preis, um Frieden zwischen der Normandie und Dänemark zu erkaufen. Für die Braut jedoch wäre es einfach schrecklich, in ein feindliches, fernes Land verbannt zu werden. Mathilde würde sicher ebenso entsetzt darüber sein wie Emma. Die bloße Vorstellung schnürte ihr die Kehle zu.
Nein, so etwas konnte ihr Bruder keiner seiner Schwestern antun. Er würde sie nicht so weit fortschicken. Ihre älteren Schwestern hatte er an mächtige Edelleute in der Bretagne und in Franken verheiratet, hatte dadurch seine Grenzen abgesichert und sein Vermögen beträchtlich vermehrt. Sicher würde er auch Mathilde und sie auf ähnliche Weise einsetzen, denn die Grenzen der Normandie waren lang, und Richard brauchte Verbündete.
Aber Richard war auch ehrgeizig. Eine königliche Heirat, und sei es mit einem Sohn des barbarischen Sven Gabelbart, würde sein Ansehen unter den Mächtigen Europas steigern. Gabelbart mochte mehr wikingischer Kriegsherr sein als christlicher König, doch er war in ganz Europa gefürchtet, und das machte ihn zu einem wertvollen Verbündeten. Emma konnte sich gut vorstellen, dass Richard sich von solchen Überlegungen leiten ließ, und ihr graute bei dem Gedanken daran, was er nun womöglich in seinen privaten Gemächern mit dem dänischen König plante.
Sie flüsterte Ange ein paar zärtliche Worte ins Ohr, dann eilte sie zurück in den Palast, denn sie fürchtete, Gabelbarts Männer könnten ihrem Herrn gefolgt sein und schon bald eintreffen. Sie beschloss, Mathilde nichts von dem zu erzählen, was sie gehört hatte. Natürlich würde ihre Mutter in der Angelegenheit noch ein Wörtchen mitzureden haben, doch Emma bangte um ihre ältere Schwester.
Ein feiner Stachel der Angst hatte sich in ihrem Inneren festgesetzt. Sie traute Richard nicht.
25. Dezember 1001 Rochester, Kent
In England überraschte der heftige Schneesturm in jenem Dezember zahllose Reisende in den hochgelegenen Teilen der Kreidehügel von Wessex, raubte ihnen die Sicht und begrub sie, mitunter nur wenige Schritte von einem rettenden Unterschlupf entfernt. In der Nähe von Durham in Northumbria türmte sich der Schnee so hoch auf dem Strohdach der großen Halle Lord Thorkelds, dass es unter der Last einbrach und den Hausherrn mitsamt seiner Familie und seinen Gefolgsleuten – insgesamt zwanzig Personen – unter sich begrub. Auf der Isle of Wight spülte eine Sturmflut ein ganzes Dorf ins Meer. In Devon legte sich eine fünfzehn Fuß hohe Schneedecke über die Überreste der einst florierenden Städte Pin-hoo und Clyst, deren Häuser, Werkstätten und Lagerräume bereits im vergangenen Sommer von plündernden Dänen dem Erdboden gleichgemacht worden waren, und löschte sie vollends aus, als hätte es sie nie gegeben.
In Rochester saßen König Æthelred II. von England und seine Berater zum winterlichen Mahl in dicken Pelzen an der Tafel, denn selbst hier in der großen Halle war es bitterkalt. Doch auch ein milderes Wetter hätte ihre Stimmung kaum aufheitern können. Sie tranken ihr weihnachtliches Ale in verbissenem Ernst statt heiterer Festlaune, und keine weibliche Gesellschaft zierte ihre Runde. Die Mutter des Königs, fast fünfundzwanzig Jahre lang eine bedeutende Person am Hof, war vor etwa fünf Wochen vor ihren Schöpfer getreten – im November, am Sankt-Hilda-Tag. Am Heiligen Abend nun hatte die Gemahlin des Königs ihr elftes und letztes Kind geboren und am Weihnachtsmorgen ihr Leben ausgehaucht. Ihr erkalteter Leichnam lag unter dem Holzgewölbe der königlichen Kapelle, beklagt von ihrem Gefolge. Das Kind, das zu früh geboren war und vielleicht seinen Verlust spürte, kam in den Armen seiner Amme nicht zur Ruhe. Wann immer das Tosen des Sturms und das Stimmengewirr der Männer für einen Moment nachließen, tönte das schwache Wimmern des Neugeborenen durch die Halle wie das Klagen einer verirrten Seele zwischen Himmel und Erde. Die Frauen, die es versorgten, schüttelten die Köpfe und schürzten die Lippen. Es war abzusehen, dass das Kind nicht lange auf dieser Welt weilen würde, denn es trank nicht.
Die Männer, die dem König an der hohen Tafel Gesellschaft leisteten, scherten sich wenig um das Schicksal des Neugeborenen, denn Æthelred hatte schon zahlreiche Söhne, von denen ein paar bereits erwachsen waren. Was ihm nun fehlte, war eine Frau, und sie waren entschlossen, eine für ihn zu finden, ob er es wollte oder nicht. Allerdings waren sie uneins darüber, wo nach ihr zu suchen wäre.
König Æthelred, von seiner Vergangenheit heimgesucht und voller Sorge um seine Zukunft, saß zwischen ihnen, die hochgewachsene Gestalt über seinen silbernen Teller gebeugt, die rechte Hand um ein vergoldetes Trinkhorn gekrampft. Dreiundzwanzig Jahre auf dem Thron hatten mehr Furchen in sein Gesicht gegraben, als man bei einem Mann von nicht einmal vierzig Wintern erwartet hätte. Graue Strähnen in seinem lohfarbenen Haar zeugten vom harten Leben des Herrschers, und die gebeugte Haltung seines Kopfes verriet, dass die schwere goldene Krone ihm mehr Last als Zierde war.
Der König musterte seine Berater mit wässrigen blauen Augen. Ihm war wohl bewusst, dass sie deutlich in zwei Lager gespalten waren, was seine Heiratsaussichten betraf. Die Männer, deren Länder im Norden lagen, standen Ælfhelm nahe, dem Ealdorman von Northumbria. Sie drängten darauf, dass Æthelred Ælfhelms Tochter Elgiva zur Frau nahm – ein schönes, betörendes Mädchen, das, wie er argwöhnte, ebenso ehrgeizig war wie der Vater. Eine Heirat zwischen ihnen würde das Band zwischen dem König und den nördlichen Herrschern festigen, deren Loyalität gegenüber Ælfhelm und untereinander stärker war als die Treue zu ihrem König, das wusste Æthelred.
Die Lords aus dem Süden hingegen redeten ihm zu, er solle sich eine Braut von jenseits der Meeresstraße nehmen, aus der Normandie. Sie rieten ihm, die Schwester des Herzogs zu heiraten und sich mit ihrem Bruder gegen die Dänen zu verbünden, die englische Städte und Klöster plünderten. Æthelred ahnte, dass es nicht leicht werden würde, den normannischen Herrscher für ein solches Bündnis zu gewinnen. Die Wikinger bezahlten Herzog Richard reichlich dafür, dass er ihren Schiffen an seiner Küste Zuflucht gewährte und sie ihre Beute auf seinem großen Markt in Rouen verkaufen ließ. Wenn Æthelred eine der Schwestern des Herzogs heiratete – und wenn er den Bund mit genügend Gold besiegelte –, wäre Richard vielleicht bereit, den Dänen seine Häfen zu verschließen, sodass ihre Überfälle auf die englischen Küsten ein Ende hätten.
Vielleicht, dachte Æthelred, vielleicht aber auch nicht.
Der Lärm in der Halle, der während des Mahls etwas nachgelassen hatte, schwoll wieder an, als die Männer sich die Bäuche vollgeschlagen hatten und zum Trinkgelage übergingen. Æthelred gab seinem Mundschenk einen Wink, sein Trinkhorn nachzufüllen, dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und schaute unter schweren Lidern düster in die Runde, bis sein Blick schließlich an Ælfhelm von Northumbria hängen blieb. Der Ealdorman hatte sich von der Bank erhoben und stand jetzt mit einer Gruppe aus Edelleuten und Geistlichen in ein ernstes Gespräch vertieft. Sein Gesicht war so gefurcht wie eine verwitterte Felswand und ebenso undeutbar. Æthelred war es noch nie gelungen, die Regungen des Geistes hinter dieser steinernen Miene zu durchschauen, aber er hätte sein halbes Königreich darauf verwettet, dass Ælfhelm an diesem Abend um Unterstützung dabei warb, seine Tochter mit dem König zu verheiraten.
Und diese Unterstützung würde er zweifellos bekommen. Es war Tradition, dass der englische König seine Braut aus einem der hochrangigen Adelsgeschlechter des Reiches auswählte. Æthelreds verstorbene Gemahlin und auch seine Mutter waren die Töchter nördlicher Landesherren gewesen. Allerdings waren ihre Väter gefügiger gewesen als Lord Ælfhelm. Dem König kam es so vor, als sei Ælfhelm kein Sterblicher, sondern aus Granit und Stein gehauen. Æthelred hegte weder Zuneigung noch Vertrauen zu dem Mann, auch wenn er es sich wohlweislich nicht anmerken ließ. Und obwohl der König wusste, dass es klug war, seine Feinde an sich zu binden, schien ihm das eheliche Bett doch eine allzu enge Bindung. Ælfhelm hatte außer seiner Tochter auch noch Söhne, und diese gierten ebenso wie ihr Vater nach der Macht, die durch eine königliche Heirat zu gewinnen war. Diese Macht – in Verbindung mit dem Reichtum ihrer Familie und ihren Allianzen im Norden – würde Æthelred womöglich mehr Ärger einbringen, als irgendein Mädchen wert war.
Was das Mädchen selbst betraf – als der König Elgiva zuletzt begegnet war, hatte sie gerade einmal dreizehn Lenze gezählt. Allerdings hatte sie wesentlich älter gewirkt; ihr Körper wies bereits üppige weibliche Rundungen auf, und ihr Mund war rot und sinnlich wie eine reife Frucht. Sie war eine geborene Verführerin, und wäre sie älter gewesen, dann hätte er sich womöglich vergessen und wäre der Versuchung erlegen. Doch ihre Jugend hatte ihn zurückgehalten. Hinzu kam, dass sie sich ihrer Macht über Männer offensichtlich bewusst war – auch das hatte seine Begierde gedämpft. Inzwischen war Elgiva sechzehn, reich und schön, Tochter einer mächtigen Familie, deren Grundbesitz an seinen eigenen heranreichte; wenn er sie nicht selbst heiratete, musste er sie scharf im Auge behalten. Der Mann, der sie zur Frau nahm, durfte auf keinen Fall Ansprüche auf den Thron haben, sonst müsste Æthelred womöglich um seine Krone fürchten.
Der König trank große Schlucke Met. Seine Gedanken wanderten weiter zu Richard von der Normandie, der noch zwei unverheiratete Schwestern hatte. Das war auch schon alles, was er über die beiden wusste. Über Richard hingegen wusste er einiges: Er war ein anmaßender Emporkömmling, der Spross dänischer Plünderer, die Gebiete im Norden des Frankenreiches überfallen und sich darin niedergelassen hatten, um Pferde zu züchten und Bälger zu zeugen. Richards Stammbaum war in keiner Weise mit Æthelreds edler Ahnentafel vergleichbar, und auch wenn Richard selbst Christ war und sich den Titel «Herzog» anmaßte, war er doch in Wahrheit kaum mehr als ein dänischer Seeräuber. In seiner Jugend war er sogar selbst zur See gefahren wie ein Wikinger und hatte an der irischen Küste Gold und Sklaven erbeutet, und die Drachenboote waren in seinen Häfen stets willkommen gewesen. Gerüchten zufolge lagen auch jetzt gerade dänische Langschiffe im Schutz der normannischen Küste, die Laderäume angefüllt mit Beutegut aus England. Von dieser Seite betrachtet, wäre es ein geschickter Zug, eine von Richards Schwestern zu ehelichen und mit ihr ein Kind zu zeugen. Vielleicht würde dem normannischen Herzog dann die Sicherheit der englischen Küsten mehr am Herzen liegen.
Æthelred runzelte die Stirn. Wenn er eine Normannin zur Frau nahm, würde er seine nördlichen Lords vor den Kopf stoßen, und sie würden sich untereinander noch enger verbünden – gegen ihn. Würde er dagegen Ælfhelms Tochter anstelle des normannischen Mädchens heiraten, dann wäre die vielleicht einzige Chance vertan, sein Reich vor den Wikingern zu schützen. Wohin er sich auch wandte, ob nach Norden oder nach Süden, ihm drohte in jedem Fall Gefahr. Jede neue Ehe wäre ein Pakt mit dem Teufel, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er überhaupt nicht wieder geheiratet. Er war der König. Er brauchte keine Frau in seinen Hallen.
Wieder trank er einen tiefen Zug aus dem vergoldeten Horn, doch der süße Met, der ihm eigentlich wie Feuer durch die Adern rinnen sollte, wärmte ihn nicht. Stattdessen kroch ein frostiger Schauder wie Grabeskälte über seine Arme und strich mit eisigen Fingern sein Rückgrat hinauf. Eine Schwere lastete auf ihm, ein schwarzes Grauen, vor dem es kein Entkommen gab. Flüsternd stieß er einen Fluch aus, um die Heimsuchung abzuwenden, die unentrinnbar auf ihn zukam. Seine Sicht verschwamm, der Lärm des Gelages verstummte, und aus den dunklen Winkeln stürmten Schatten auf ihn ein, bis sie die Estrade erreichten und sich vor ihm zu einer einzigen pulsierenden Dunkelheit zusammenzogen. Aus dem düsteren Herzen starrte ihm das Gesicht seines toten Bruders mit glühenden Augen boshaft entgegen.
Er versuchte zu beten, zu fluchen, doch er brachte keinen Laut heraus außer dem leisen, gestaltlosen Heulen, das die Stimme des Albtraums war. Das Trinkhorn fiel ihm aus der Hand, aber er hörte nicht, wie es auf dem Boden aufschlug. Er hörte nur einen schwachen Klagelaut wie das Geheul des Windes, wenn er sich an den weißen Klippen über der stürmischen See brach. Der Laut schwoll an, bis er seinen ganzen Kopf erfüllte; wieder wollte der König schreien, umklammerte seinen Kopf, während Hände nach ihm griffen, und endlich verblasste die schwarze Geistererscheinung vor ihm und verschwand.
Erschrockene Stimmen drangen an seine Ohren, jemand hielt ihm einen Becher an den Mund und drängte ihn zu trinken, doch er stieß den Becher von sich und schüttelte die Hände ab, die ihn stützen wollten. In einem verzweifelten Versuch, sie abzulenken, verlangte er nach Musik, und schon erklangen die Harfe und der Gesang seines Skops.
Seine Männer nahmen wieder ihre Plätze ein, aber als Æthelred sich verstohlen in der Halle umsah, begegneten ihm verhaltene, besorgte Blicke. Was glaubten sie eben gesehen zu haben? Einen betrunkenen König, dem der Met den Geist verwirrt hatte? Einen Mann, der vom Gram über den Tod seiner Frau überwältigt war?
Immer noch besser als einen König, der vom Geist seines Bruders heimgesucht wurde.
Dreimal schon war ihm der Schemen, der einst sein Bruder gewesen war, auf diese Weise erschienen und hatte ihn mit funkelnden Augen angestarrt. Zuerst hatte er ihn vor einem Monat gesehen, als er wie ein riesenhafter Vogel über seiner sterbenden Mutter schwebte. Drei Tage darauf, während er den Leichnam der Königinwitwe zu seiner Ruhestätte im Kloster Wherwell geleitete, hatte er Edwards Gesicht als düsteren Schatten im Halbdunkel der Kapelle erblickt, die durchdringenden Augen auf ihn gerichtet. Und heute Abend war es wieder erschienen, um ihn zu quälen. War es seine Wyrd, sein Schicksal, von nun an für immer von seinem toten Bruder heimgesucht zu werden, jetzt, da er der letzte noch lebende Zeuge von Edwards Tod war?
Was rief die Toten ins Reich der Lebenden herüber? Und was musste geschehen, damit dieser Geist in sein Grab zurückkehrte?
Æthelreds Gedanken wanderten zu seiner verstorbenen Frau, Ælfgifu, die kalt und reglos auf ihrer Bahre lag. Morgen würde er ihren Leichnam mit dem Schiff an seine letzte Ruhestätte im Kloster von Minster bringen. Würde ihn auch dort der Geist seines Bruders erwarten, so wie in Wherwell? Æthelred schauderte bei dem Gedanken daran. Heute Abend würde er um Erlösung beten, er würde Gott um Gnade und Vergebung für den Tod seines Bruders anflehen. Er würde sogar um Seelenfrieden für seine Mutter bitten, auch wenn er nicht daran zweifelte, dass ihr die Qualen der Hölle bestimmt waren.
25. Dezember 1001 Landsitz Aldeborne, Northamptonshire
Elgiva von Northampton – Urenkelin von Wulfsige dem Schwarzen, Enkelin der Edelfrau Wulfrun von Tamworth und einzige Tochter von Ælfhelm, dem Ealdorman von Northumbria – stand am Fenster ihres Gemachs und blickte zufrieden in den Schnee hinaus, der sich erneut um die Mauern des väterlichen Landsitzes türmte. Die hohen Verwehungen würden es den Männern tagelang unmöglich machen, das Haus zu verlassen, und das kam ihr äußerst gelegen.
Sie setzte sich auf einen Schemel und gab einer Dienerin einen Wink, den hölzernen Laden zum Schutz vor der Kälte zu schließen. Ihr dickes wollenes Tuch fest um sich geschlungen, versuchte sie ihre Ungeduld zu zügeln, während ihre alte Amme hinter ihr stand und mit geschickten Fingern ihre dunkle Lockenpracht bändigte. Heute Abend zum Julfest musste sie schön sein. In der Halle erwarteten sie königliche Besucher, und wenn alles nach ihren Wünschen verlief, würde sie schon bald mit dem ältesten Sohn des Königs das Bett teilen. Danach würde es für ihren Vater ein Leichtes sein, die nötigen Einzelheiten zu verhandeln, damit sie den Königssohn heiraten konnte.
Sie hob einen silbernen Spiegel auf und betrachtete ihre makellos geschwungenen dunklen Augenbrauen, dann drehte sie den Spiegel so, dass er ihr Groas gealtertes Gesicht unter dem Schleier aus grauem Leinen zeigte. Dieses Gesicht war Elgiva so vertraut wie ihr eigenes, und doch lagen hinter den trüben grauen Augen Geheimnisse, die sie nie hatte ergründen können.
«Erzähl mir noch einmal von der Weissagung», verlangte sie.
Ein wissendes Lächeln erhellte Groas sonst so düstere Miene.
«Du bist zur Königin bestimmt, Herrin», sagte sie. «Deine Kinder werden Könige sein. Du brauchst nur die Hand auszustrecken, um zu ergreifen, was du dir wünschst.»
Elgiva schürzte die vollen Lippen und betrachtete sich dabei im Spiegel.
«Das ist meine Absicht», erwiderte sie. «Heute Abend werde ich Athelstan dazu bringen, mich zu begehren.» Sie wollte sein fleischliches Verlangen wecken, ebenjene Gelüste, gegen die die Priester in ihren Predigten wetterten.
«Wie könnte er anders?», fragte Groa. «Du bist ebenso schön wie reich. Selbst der König hat dich begehrt, und damals warst du noch ein Kind.»
Elgiva lächelte und erinnerte sich genüsslich an ihre Begegnung mit dem König in der Weihnachtszeit vor drei Jahren. Sie hatte sich die Hilfe einer Dienerin erkauft, um sich von einem Gebetsabend im Gemach der Königsgemahlin Ælfgifu davonzustehlen, und draußen im dunklen Korridor war sie unverhofft mit dem König zusammengestoßen. Æthelred hatte sie aufgefangen und dabei fest an sich gezogen, und dann hatte er sie viel länger als nötig festgehalten, während er sich erkundigte, ob sie sich wehgetan habe. Als Erwiderung hatte sie ihm ihr verführerischstes Lächeln geschenkt und ihren Körper an den seinen geschmiegt. Er hatte sie in den Armen gehalten und dann, mit einer Geschicklichkeit, die sie wider Willen bewunderte, eine Hand in den Ausschnitt ihres Cyrtels geschoben, um ihre Brust zu streicheln. Sie hatte ihn gewähren lassen – natürlich, weil er der König war und auch weil sie viel zu überrascht war, um zu protestieren. Außerdem hatte es ihr gefallen. Wer hätte gedacht, dass ein so alter Mann so geschmeidige Hände haben konnte?
Sie hatte sogar zu hoffen gewagt, er werde sie in sein Gemach führen, aber gerade in diesem entscheidenden Augenblick war einer seiner Diener auf den Plan getreten, um ihn zu irgendeiner Besprechung zu rufen, und das war das Ende ihres kleinen Stelldicheins mit Æthelred.
Elgiva neigte den Spiegel etwas tiefer, um ihre vollen Brüste und die Halskette aus schwerem Gold zu betrachten, die ein Geschenk ihres Bruders Wulf war. Wulf war es gewesen, der ihrem Vater den Vorfall mit dem König hinterbrachte. Ihr Vater, der ein jähzorniger Mann war und nicht lange fackelte, hatte sie so heftig geohrfeigt, dass ihre Nase und ihre Lippe bluteten. Er hätte noch ein zweites Mal zugeschlagen, wäre nicht Groa dazwischengegangen, die nach dem heidnischen Amulett an ihrem Hals griff und drohte, ihn zu verfluchen. Das hatte ihrem Vater Einhalt geboten, denn er fürchtete Groa mit ihren Flüchen und Zaubertränken. Stattdessen hatte er Elgiva mit Beschimpfungen überschüttet, hatte sie ein liederliches Weibsstück und eine Hure genannt und sie noch am selben Tag vom Hof fortgeschickt. Sie hasste ihn noch immer dafür, aber es war ihr eine Lehre gewesen. Von nun an überlegte sie es sich zweimal, ehe sie ihrem Lieblingsbruder ihre Geheimnisse anvertraute.
«Ich bin froh», sagte sie jetzt, «dass ich dem König nicht meine Jungfernschaft geschenkt habe. Es wäre eine Vergeudung gewesen.»
«Da er bereits eine Frau hat», erwiderte Groa, deren Gesicht im Spiegel jetzt wieder den vertrauten grimmigen Ausdruck zeigte, «hätte es dir wohl wenig genützt.»
Nun, es hätte ihr weitere Reichtümer einbringen können, Grundbesitz und Geld, wenn sie die Buhle des Königs geworden wäre, doch sie war bereits eine der begütertsten Frauen im Reich und eine der wenigen, die wirklich selbst über ihren Besitz verfügten. Jedenfalls wäre sie so nicht Königin geworden, und das war ihr eigentliches Ziel. Schließlich hatte Groa gesagt, sie würde Mutter von Königen werden, und das musste doch heißen, dass es ihr bestimmt war, Athelstan zu heiraten, der sicher seinem Vater nach dessen Tod auf den Thron folgen würde.
Und nun würden Athelstan und zwei seiner Brüder in den nächsten beiden Wochen hier unter diesem Dach das Julfest feiern. Das war eine ideale Gelegenheit.
Zu allem Glück war ihr Vater verreist. Allerdings hätte er beinahe ihre Pläne zunichte gemacht, indem er darauf bestand, dass sie ihn zur Julfeier des Königs in den Süden begleitete. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte sie den Weihnachtstag auf den Knien zugebracht, im stillen Gebet mit der Königsgemahlin und ihren Hofdamen. Doch sie hatte ihren Vater mit einer List umgestimmt. Bei der Erinnerung daran lächelte Elgiva in sich hinein. Wie finster ihr Vater die Stirn gerunzelt hatte, als sie beiläufig die Hoffnung äußerte, während ihres Aufenthalts am Hof ihre Bekanntschaft mit dem König zu vertiefen. Drohend hatte er die Hand gehoben, und sie fürchtete schon, er werde sie erneut schlagen, aber Groa hatte sie gerettet, indem sie sie unter wütendem Schelten hastig aus dem Raum zerrte. Von da an war keine Rede mehr davon gewesen, dass sie mit in den Süden reisen sollte, und jetzt, da ihr Vater und ihr älterer Bruder fort waren, konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Wulf würde sie bestimmt nicht hindern.
«Ich finde, der Herr Athelstan hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem König», bemerkte sie. Beide hatten goldenes Haar und ein kantiges, attraktives Gesicht.
Groa schnaubte. «Als ich ihn heute Morgen auf dem Hof gesehen habe, sah er eher aus wie einer, der sein Pferd besser pflegt als sich selbst.»
«Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt», versetzte Elgiva unwirsch. «Im Übrigen urteilst du ungerecht. Nach einem Ausritt sieht jeder Mann zerzaust aus.» Außerdem hatte Athelstan so etwas an sich, eine unbewusst großspurige Haltung, die sie unwiderstehlich anzog. Mit seinen sechzehn Jahren war er der Thronerbe von ganz England, und niemand wusste das besser als er selbst.
Sie hatte auf den Stufen vor der großen Halle gestanden und zugesehen, wie er durch das Tor hereinritt. Als er den Kopf hob und ihre Blicke sich trafen, hatten seine blauen Augen sie verwirrt und augenblicklich in Bann geschlagen. In diesem Moment hatte Elgiva es erkannt: dieses Bewusstsein, was er war und wer er war. Es umgab ihn wie ein Mantel, und von dem Augenblick an hatte sie den Wunsch verspürt, sich in diesen Mantel einzuhüllen.
Eines Tages würde Athelstan der mächtigste Mann im Reich sein, und Elgiva glaubte fest daran, dass ihr Schicksal sich mit dem seinen verflechten würde. Für die nächsten zwei Wochen würde er ihr Gast sein – ihr blieb also reichlich Zeit, um sein Begehren zu wecken und ihn davon zu überzeugen, dass er sie zur Frau haben musste.
31. Dezember 1001 Landsitz Aldeborne, Northamptonshire
Es war der siebte Abend der Weihnachtsfeierlichkeiten, und Athelstan stand mit seinen Brüdern inmitten der Festgesellschaft am Feuer in der großen Halle von Aldeborne. Das Unwetter war endlich vorüber, und es schien, als hätten sämtliche Gutsbesitzer in Northampton sich hinausgewagt, um dem Herrn Wulfheah und seiner Schwester Elgiva an der Tafel Gesellschaft zu leisten. Köstliche Düfte zogen durch die holzvertäfelte Halle, deren geschnitzte Balken mit grünen Zweigen geschmückt waren, und beim Anblick der Keulen, die über der Glut schmorten, lief Athelstan das Wasser im Mund zusammen. Die hohe Tafel am Kopfende der Halle war, wie an jedem Abend seit seiner Ankunft, mit schneeweißem Leinen, silbernen Tellern und Talgkerzen gedeckt. Heute hatte man außerdem zahlreiche Tische in der Halle aufgestellt, und der Lärm der Gästeschar war geradezu ohrenbetäubend.
Als Athelstan sich gerade umwandte, um etwas zu seinen Brüdern zu sagen, wurde es plötzlich still im Raum, und er sah, dass Elgiva und Wulf auf die Estrade getreten waren, um mit der förmlichen Begrüßung ihrer Gäste zu beginnen. Die Geschwister gaben ein eindrucksvolles Paar ab. Beide waren schwarzhaarig und gutaussehend, doch während Elgiva mit ihrem zierlichen Körperbau und den feinen Gesichtszügen elfenhaft grazil wirkte, hatte ihr Bruder die hochgewachsene, kräftige Gestalt eines Kriegers. Beide waren in dunkles Scharlachrot gekleidet, und Elgivas schimmerndes Gewand umschmeichelte ihre Figur in einer Weise, dass es jedem Mann im Raum in seinen Beinkleidern unbehaglich werden musste. Ihr Haar war zu einer kühnen Lockenpracht frisiert, die ihr Gesicht umrahmte und ihr offen über den Rücken wallte, und wenn ihre sinnlichen Lippen sich zu einem verführerischen Lächeln verzogen, hätte ein Mann schon aus Stein sein müssen, um das Lächeln nicht zu erwidern.
Er musste es wissen. Schon von dem Moment an, als er vor einer Woche durch das Tor von Aldeborne geritten war, hatte sie ihn mit diesem Lächeln bedacht – und mehr. Am Weihnachtsabend hatte sie ihm den Willkommenskelch mit Ale gereicht, wie es Sitte war, und ihm dazu einen Kuss gegeben, den man durchaus nicht sittlich nennen konnte. Athelstan war völlig überrumpelt gewesen, doch er war nicht so töricht, die Sache allzu ernst zu nehmen. Jedenfalls zu Anfang nicht. Aber dann hatte sie ihm an der Tafel den Platz an ihrer Seite zugewiesen, und die vielen beiläufigen Berührungen von Knie, Schulter oder Hand während des ausgedehnten Mahls hatten ihn schier verrückt gemacht vor Verlangen, das keine Speise stillen konnte. Bereits da war er auf ihr kleines Spiel eingegangen, und auch wenn er es seit nunmehr sieben Abenden spielte, hatte es doch nichts von seinem Reiz eingebüßt. Sie erregte ihn nach wie vor. Heute Nacht würde er wieder einmal Erleichterung in den Armen der hübschen, blonden Küchenmagd finden, die er sich auserkoren hatte – ein Mädchen, das außer ein paar Silbermünzen keine Gegenleistung von ihm erwartete.
Da lag das Problem bei Elgiva, dachte Athelstan, während er beobachtete, wie sie mit dem Willkommenskelch voller Ale durch die Halle schritt. Mit ihr das Bett zu teilen würde ihn weit mehr kosten als etwas Silber. Wenn er mit ihr ein Kind zeugte – auch ohne christliche Heirat oder Handfasting –, hätte das politische Auswirkungen, die das Machtgleichgewicht in England weiter zugunsten der nördlichen Landesherren verschieben würden.
Elgivas Bruder Wulf musste sich dessen bewusst sein. Er war fünf Jahre älter als sie und hatte einen Sitz im königlichen Rat. Da er nichts unternahm, um das kleine Spiel seiner Schwester zu unterbinden, musste er wohl einverstanden sein. Wusste ihr Vater davon? Hatte er sie womöglich sogar angestiftet? Der Ealdorman war nicht selbst anwesend, er konnte sich also unschuldig stellen, falls zwischen Elgiva und einem der Æthelinge ein Funke überspringen sollte. Die Schuld – und der Zorn des Königs – würde einzig und allein ihn treffen.
Die ganze Zeit hatte er den Blick nicht von Elgiva gewandt. Jetzt beugte sich sein Bruder Ecbert zu ihm hinüber und flüsterte: «Warum zum Teufel holst du sie nicht einfach in dein Bett, statt dich noch länger zu quälen?»
Athelstan warf ihm einen düsteren Blick zu. «Das Fräulein bringt allzu schweres Gepäck mit, das weißt du genau», murmelte er. «Pass auf, dass ich heute Abend nicht mehr als einen einzigen Becher Met trinke, sonst verliere ich womöglich den Verstand und nehme mir, was sie mir anbietet. Warum holst du sie denn nicht in dein Bett, Ecbert, wenn sie dir gefällt?»
Ecbert schnaubte. «Mich würde sie nicht einmal auf einem Silbertablett nehmen», entgegnete er. «Traurig, aber wahr.»
«Sie hat es auf den ältesten Ætheling abgesehen», stellte Edmund fest. «Aber bilde dir nur nichts darauf ein, denn es liegt nicht an deinem guten Aussehen.»
Edmund hatte die Lage richtig erkannt. Athelstan war sich der schweren Bürde der Verantwortung nur allzu bewusst, die er als ältester Sohn des Königs trug. Wenn er heiratete – was wohl kaum zu Lebzeiten seines Vaters geschehen würde –, dann musste er seine Wahl aus politischen Überlegungen heraus treffen, nicht aus persönlicher Neigung. Jegliche Verbindung mit einem Fräulein von Stand würde diesem Fräulein und seiner Familie eine Waffe in die Hand geben, die sie gegen den König richten konnten. Jedes andere Mädchen im Reich konnte er in sein Bett holen, nur keine, die der Krone würdig war.
Elgiva, die gerade in diesem Moment vor ihn trat, um ihm den Kelch mit Ale zu reichen, war eine verbotene Frucht. Während er trank, blickten ihre dunklen Augen in seine, doch anders als sonst war ihr Ausdruck sehr ernst, und sie achtete darauf, dass ihre Finger die seinen nicht berührten.
War das nur wieder ein neuer Spielzug, oder hatte sie vielleicht von seinen Schäferstündchen mit der Küchenmagd erfahren? Er hoffte, dass dem Mädchen keine Strafe drohte. Für alle Fälle musste er dafür sorgen, dass sie reichlich entschädigt wurde.
Was auch immer hinter dieser plötzlichen Kühle stecken mochte, er musste seine Rolle spielen. Mit einer steifen Verbeugung erwiderte er Elgivas Blick und sagte: «Eure Schönheit, mein Fräulein, ist uns allen ein Geschenk.»
Elgiva begegnete Athelstans verhaltenem Blick und nahm das Kompliment mit einem knappen Nicken entgegen. Sie wusste, dass er sie begehrte. Sie sah es am Ausdruck seiner blauen Augen, spürte es bei jeder flüchtigen Berührung in den Fingerspitzen.
Und doch lag er lieber bei einer Küchenmagd als bei der Herrin von Northampton. Wulf hatte es ihr erzählt und spöttisch hinzugefügt, Athelstan zöge im Bett offenbar eine erfahrene Frau vor. Da könnte ich dir Nachhilfe geben, meine Liebe, hatte er geflüstert, hatte ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und gelacht, als sie entrüstet davonstolzierte.
Jetzt trat Wulf neben sie, legte eine Hand an ihre Taille und lenkte sie mit einer leichten Liebkosung ab. Sie entzog sich ihm, beachtete Athelstan nicht weiter und lächelte stattdessen Ecbert an, dem sie beim heutigen Festmahl den Platz an ihrer Seite zugewiesen hatte. Der älteste Sohn des Königs sollte ruhig zu spüren bekommen, dass er nicht der einzige Ætheling im Saal war.
Während sie tafelten, schien der jüngere Bruder ihre unverhoffte Zuwendung zu genießen und begann, eine Reihe derber Geschichten zum Besten zu geben, die er selbst offenbar ungemein unterhaltend fand. Er erinnerte sie an einen ungestümen jungen Hund, mager und tollpatschig, ohne die Anmut seiner Brüder. Selbst Edmund, der Jüngste der drei, kurz und stämmig wie ein Baumstumpf, hatte mehr Vorzüge als der schlaksige Ecbert, der nur aus Armen und Beinen zu bestehen schien und, wie sie fand, herzlich wenig im Kopf hatte. Sein Pferdegesicht und sein wieherndes Lachen machten ihn auch nicht gerade anziehender. Es war ein Jammer, dass er noch zu jung für einen Bart war, denn sie fand, es könne dem Gesamteindruck nur förderlich sein, wenn weniger von ihm zu sehen wäre.
Nun, immerhin schien er offenherzig und völlig arglos. Vielleicht würde sie von ihm etwas über Athelstan erfahren, das sie nutzen konnte, um ihn in ihren Bann zu schlagen.
Sie gab einer Dienerin einen Wink, Ecberts Becher nachzufüllen, den er bereits dreimal geleert hatte. Dabei bemerkte sie einen Diener, der leise von hinten auf die Estrade getreten war, um Wulf und Athelstan jeweils eine Wachstafel zu überreichen. Als Wulf seine Tafel öffnete, erkannte Elgiva das Siegel ihres Vaters, und sie vergaß die Frage, die sie gerade an Ecbert hatte richten wollen. Stattdessen wandte sie sich an ihren Bruder.
«Was schreibt mein Vater?», fragte sie ihn. Wenn die Botschaften heute Abend eintrafen, mussten sie von Rochester losgeschickt worden sein, sobald das Wetter es zuließ. Zweifellos handelte es sich um wichtige Nachrichten.
Wulf antwortete nicht, sondern warf einen Blick zu Athelstan, der seine Botschaft las.
«Eine traurige Kunde», bemerkte ihr Bruder mit düsterer Miene. «Es tut mir leid, mein Herr.»
Elgiva hielt den Atem an. Es musste eine Todesnachricht sein, anders war der betroffene Ausdruck ihres Bruders nicht zu erklären. Ging es etwa um den König? Gütiger Himmel, wenn er tot wäre, dann würde der Witan gewiss Athelstan zum Nachfolger bestimmen. Das konnte ungeahnte Auswirkungen auf ihre eigene Zukunft haben. Der neue König würde eine Frau brauchen, und ihr Vater würde dafür sorgen, dass Athelstan sich seine Gemahlin in Northampton suchte. Womöglich könnte sie noch vor Ostern Königin sein.
Doch Athelstan hatte die Tafel vor sich abgelegt, stand jetzt auf und ließ den Blick über die Festgesellschaft gleiten. Sein Gesicht war ernst, und sobald er sich erhob, richteten sich alle Blicke aus der Halle auf ihn. Die Gäste verstummten erwartungsvoll.
«Mein Vater, der König, bittet mich», begann er mit einer Stimme, die durch den ganzen Saal hallte, «Euch mitzuteilen, dass am Weihnachtsmorgen meine Mutter, die Dame Ælfgifu, nach der Geburt eines Sohnes verstorben ist. Bedauerlicherweise ist das Kind seiner Mutter in den Tod gefolgt. Ich bitte Euch alle, die Ihr hier versammelt seid, heute Abend für ihre Seelen zu beten.» Er wandte sich an Elgiva und Wulf. «Ich möchte allein mit meinen Brüdern sprechen. Bitte entschuldigt uns.»
Elgiva sah zu, wie die Brüder sich von der Tafel entfernten. Der Tod ihrer Mutter mochte für die drei wohl schmerzlich sein, dachte sie, für alle anderen jedoch war ihr Ableben kaum von Bedeutung. Die Gemahlin des Königs hatte ihm zahlreiche Kinder geboren, aber viel mehr hatte sie nicht getan, denn sie war eben nur seine Gemahlin gewesen, nicht seine Königin. Ihr Tod würde keine Auswirkungen auf das Königreich im Allgemeinen oder auf Elgivas Welt im Besonderen haben.
Sie wandte sich an ihren Bruder, der die Tafel in seiner Hand nachdenklich betrachtete.
«Was schreibt mein Vater?», fragte sie noch einmal. «Ich nehme an, die Söhne des Königs werden morgen nach Rochester aufbrechen.» Jedenfalls musste diese Nachricht das Ende der Festlichkeiten bedeuten.
«Sie reisen nicht in den Süden», erwiderte Wulf. «Dazu besteht kein Anlass, denn ihre Mutter liegt bereits im Grab. Mein Vater gibt Anweisung, dass wir den Æthelingen unsere Haustruppe zur Verfügung stellen, die sie zum Landsitz des Königs in Saltford begleiten soll. Dort wird er zu ihnen stoßen, aber er schreibt nicht, wann. Ich denke, es wird nicht sofort sein.» Er tippte mit einem Finger auf die Tafel, dann warf er Elgiva einen abschätzenden Bick zu. «Wie es scheint, wird der König wieder heiraten, und zwar schon sehr bald. Ich habe Anweisung, hier bei dir zu bleiben für den Fall, dass du an den Hof gerufen wirst. Mich dünkt, meine liebe Schwester, mein Vater hegt die Hoffnung, dass du Æthelreds Braut wirst.»
Elgiva starrte ihren Bruder mit offenem Mund an, während sie im Geiste die Möglichkeiten durchspielte, die sich eben neu aufgetan hatten. Den Vater zu heiraten statt den Sohn, das war nicht die Zukunft, die sie sich vorgestellt hatte. Kam es ihr gelegen? Nun, zumindest würde sie dadurch sehr viel früher als erwartet eine Machtstellung erlangen. Dennoch war sie nicht sicher, ob diese Ehre nach ihrem Geschmack wäre, und eigentlich hatte sie auch eine andere Machtstellung im Sinn gehabt.
«Warum sollte der König heiraten?», fragte sie, an Wulf gewandt. «Æthelred ist ein alter Mann, und er hat sieben Söhne. Wozu braucht er eine Braut, die ihm noch mehr Söhne schenkt?»
«So alt ist er nicht», widersprach ihr Bruder. «Und wie du ja zweifellos weißt, liegen ihm fleischliche Gelüste nicht fern. Wie heißt es in der Schrift – lieber heiraten als in der Hölle schmoren.»
Sie runzelte die Stirn. Sie wollte einen König heiraten, und doch …
«Seine erste Gemahlin wurde nie zur Königin gekrönt», wandte sie ein. «Was nutzt es, einen König zu heiraten und doch keine Krone zu erlangen?»
Wulfs Hand näherte sich von hinten, wie um sie zu liebkosen, doch stattdessen fühlte sie plötzlich seinen Griff schmerzhaft im Nacken, unnachgiebig wie ein Schraubstock, aus dem sie sich nicht befreien konnte, ohne eine Szene zu machen.
«Denkst du eigentlich nie über deine eigenen kleinlichen Interessen hinaus, meine liebe Schwester?», zischte er ihr ins Ohr. «Bilde dir nicht ein, bei dieser Verbindung ginge es um deinen persönlichen Vorteil. Es geht allein darum, meinem Vater stärkeren Einfluss auf den König zu verschaffen, nicht deiner maßlosen Eitelkeit zu schmeicheln. Du wirst tun, was dir befohlen wird, den Mann heiraten, der für dich ausgesucht wird, und es deinem Vater und deinen Brüdern überlassen, die Bedingungen auszuhandeln.»
Damit ließ er sie los. Während sie sich verstohlen den Nacken rieb, blickte sie lächelnd zu ihm auf, um gegenüber den Gästen, die die kleine Szene beobachtet hatten, den Schein zu wahren.
«Nun, darf ich denn wohl fragen, ob mein Vater bereits über meine Verlobung verhandelt? Ist es mir erlaubt, Vorbereitungen für meine Hochzeit zu treffen?» Sie würde neue Kleider brauchen, Schmuck, mehr Personal und Einrichtung für die Frauengemächer im Palast zu Winchester. Wie viel Zeit blieb ihr?
«Die Sache ist nicht ganz so einfach», erwiderte Wulf.
Das klang nicht gut.
«Wie meinst du das?»
«Du bist nicht das einzige Fräulein, das der König in Betracht zieht.»
Dabei grinste er anzüglich. Sie begriff, dass er mit ihr spielte, sie zwingen wollte, ihm die Neuigkeiten mühsam zu entlocken, und die Macht genoss, die er in diesem Moment über sie hatte.
«Du lügst», entgegnete sie, entschlossen, nicht auf sein Spiel einzugehen. «Es kann keine andere geben – es liegt doch auf der Hand, dass seine Wahl auf mich fallen muss.» Nachdem sie sich ein wenig an den Gedanken gewöhnt hatte, erschien ihr die Aussicht auf eine Heirat mit Æthelred, dem König mit den geschmeidigen Händen, auf einmal durchaus verlockend.
«Bist du dir da so sicher, meine Liebe?», fragte Wulf, und seine dunklen Augen funkelten spöttisch. «Ich an deiner Stelle wäre es nicht. Mein Vater nennt keine Namen, aber er macht unmissverständlich klar, dass es noch andere gibt, die als Braut in Frage kommen. Der König überlegt zur Stunde, welche die vorteilhafteste Wahl wäre.» Er beugte sich zu ihr hinüber, um ihr ins Ohr zu flüstern. «Wärest du mit nach Rochester gereist, dann hättest du vielleicht deine Reize nutzen können, um Æthelred für dich zu gewinnen. Doch leider bist du ja hiergeblieben. Arme Elgiva – es scheint, als hättest du unseren Vater doch besser zur Weihnachtsfeier an den Hof begleitet.» Er biss ihr kurz ins Ohrläppchen, dann erhob er sich, um sich zu einer Gruppe von Gästen unterhalb der Estrade zu gesellen.
Elgiva blickte ihm nach und fragte sich, ob er ihr die Wahrheit gesagt hatte. Wenn ja und wenn der König sich tatsächlich anderswo nach einer Braut umsah, dann wäre ihre Entscheidung, zum Julfest hierzubleiben, womöglich der schlimmste Fehler ihres Lebens gewesen.
Januar 1002 Fécamp, Normandie
Die kalten, harten Fröste des frühen Januar hielten die Landstriche an der Küste fest im Griff, und so ragten die hohen Masten der dänischen Langschiffe noch viele Tage nach dem Jahreswechsel im Hafen von Fécamp auf. Als die Schiffe endlich in See stachen und der Straße der Wale zurück zu ihrem Heimatland folgten, atmete das Volk in der Stadt erleichtert auf, und im herzoglichen Palast ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang wie in anderen Wintern.
Die Frauen im Haushalt des Herzogs brachten die hellen Stunden gemeinsam im Gemach von Richards junger Frau Judith mit Nadelarbeiten zu. Die leichteren Sommertuniken, Mäntel, feine Unterwäsche aus Leinen sowie die Chausses und Braies, die den Mitgliedern der Herzogsfamilie gehörten, waren aus ihren Truhen gekramt, sorgfältig auf Risse und andere Schäden untersucht und zum Flicken in verschiedene Stapel sortiert worden.
