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Als Matthias an seinem letzten Arbeitstag das Büro verlässt, stellt er fest, das alle Menschen auf einmal verschwunden sind. Während er sich in der Zeit der Einsamkeit mit sich selbst konfrontiert sieht, ereilt auch anderen dasselbe Schicksal. Zusammen mit dem ehemaligem Kommissar, Erik Decker, macht die Gruppe sich auf, um das Geheimnis der verschwundenen Menschen zu ergründen. Doch während manche aus der Gruppe durch harmlose Entscheidungen in die Einsamkeit gelangten, sind andere durch ihre dunklen Geheimnisse in diese Situation geraten. Daniel Hartmann mischt in diesem Werk Gesellschaftskritik mit Krimi, Drama und blutigem Horror.
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2017
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„Es regnet wie im Tropenwald.“ murmelte Peter, der am Fenster stand. Sein Hemd war nassgeschwitzt. Er kam, aufgrund seiner fülligen Statue, von allen Kollegen am wenigsten mit der langanhaltenden Hitze zurecht.
„Sei doch froh, dass es eine kleine Abkühlung gibt.“ kommentierte Matthias, der ebenfalls die Arbeit zur Nebensache machte und sein Butterbrot aß.
„Das Problem ist, dass die Luftfeuchtigkeit dann noch schlimmer ist. Wir hatten jetzt 5 Tage am Stück zwischen 35 und 40 Grad und jetzt der Regen...ich kriege da Atemnot.“ erklärte Peter.
Im Hintergrund kündigte sich durch ein bedrohliches grummeln ein Gewitter an.
„Das wird schwül ohne Ende.“ fügte er hinzu.
Matthias zuckte nur mit den Achseln. Er war froh, dass es nun mehrere Tage am Stück warm war, denn er hasste den Winter und liebte den Sommer umso mehr. Ihn beschäftigte mehr, dass es die letzte Spätschicht sein würde, die sie nun gemeinsam im Büro verbrachten. Es war vor 5 Monaten, als sie zusammengerufen wurden und erfuhren, dass die Firma bald mangels Auftragslage schließen würde. 5 Jahre hatte er für die Delta GmbH und Co KG gearbeitet, und noch nie hatte er sich irgendwo in einem Betrieb so Wohl gefühlt wie dort.
Die meisten seiner Kollegen hatten bereits das sinkende Schiff verlassen und sich schnell um eine neue Firma bemüht oder aus Trotz die Arbeitslosigkeit in Kauf genommen indem Sie einfach nicht mehr erschienen.
Doch er und Peter gehörten zu denen, die bis zum bitteren Ende bleiben würden, auch wenn es bedeutete, dass man von den 280 Kollegen, die sich bis zur Verkündung noch ein Großraumbüro teilten, nun zu den letzten 12 gehörten.
Aus einem sinnlosem Ehrgeiz heraus hatte Matthias sich vorgenommen, der Letzte zu sein, der das Büro verlässt und sich absichtlich für die Spätschicht bis 23 Uhr eintragen lassen. Peter würde eine Stunde vor ihm gehen. Sabrina und Thomas waren um 19 Uhr gegangen und hatten sich unter Tränen mit einer Umarmung verabschiedet.
„Weisst du denn mittlerweile, was du ab nächsten Monat machen wirst?“ fragte Matthias.
„Ich habe schon eine Jobzusage für den Apple Kundensupport. Nächste Woche werde ich dort eingearbeitet.“ antwortete Peter.
„Du verzichtest freiwillig auf einen Monat Freistellung? Bezahlt werden für einen Monat Nichtstun?“ runzelte Matthias die Stirn.
„Apple ist genau mein Ding.“ grinste Peter. „Ich freu mich schon drauf...weiß eh nicht was ich so lange zuhause soll.“
„Ich weiß da schon was.“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Nacken, um Gemütlichkeit zu symbolisieren. „Ich werde mir aus dem Internet sämtliche Wrestlingkämpfe der 90er runterladen und einfach mal nichtstun bis ich Blutblasen am Arsch habe.“
„Nee Ey, Wrestling ist voll nicht mein Ding.“ lachte Peter.
„Ja..was da heute läuft ist Mist, aber in den 90ern war das cool.“ kommentierte Matthias. „Bei mir läuft der Rechner zuhause schon. Wenn ich zuhause bin ist die Festplatte vollgerotzt mit Wrestling.“
„Also nutzt du die Freistellung. Hast du denn schon was neues für danach?“ fragte Peter.
Matthias überlegte kurz.
„Ich habe 2 Jobangebote bekommen. Das eine ist so was wie hier, allerdings wesentlich schlechter bezahlt und das andere ist die Skyline Corporation.“
„Was ist dat denn?“ fragte Peter neugierig und holte einen Apfel aus seiner Lunchbox, die er sich für den Rest der Schicht aufbewahrt hatte.
„Die bauen Windkanäle,um die Aerodynamik von Autos zu entwickeln, aber ich müsste dafür nach Stuttgart ziehen.“ erklärte Matthias.
„Oh, das ist aber ein ganz anderes Level als das hier.“ stellte Peter fest. „Und sowas traust du dir zu?“
„Ich weiss nicht.“ zuckte Matthias mit den Achseln „Ich habe zwar Physik studiert, allerdings habe ich nichts daraus gemacht und lieber dann was einfaches gemacht wie sowas hier.“ er deutete mit dem Kinn auf den Monitor, womit er die letzten 5 Jahre Kundendatensätze bearbeitet hatte.
„Klingt ja nicht uninteressant, muss ich ja sagen.“ gab Peter zu und lief mit trägen Schritten wieder zurück an seinen Arbeitsplatz, wo der Monitor bereits im Standbymodus gewechselt war. „Dann werde ich jetzt mal wieder so tun als ob ich arbeite.“
„Ich denke, ich werde weiter Kundendatensätze bearbeiten...keine Lust so weit wegzuziehen.“ murmelte Matthias, ohne auf Peter einzugehen. Es war eher ein Selbstgespräch.
„Wissen musst du das. Kann Vor und Nachteile haben.“ biß Peter in seinen Apfel.
Matthias wechselte in sein E-mail Postfach, um für Skyline seine Absage zu verfassen.
Durch die Fenster blitzte es, da das Gewitter im vollem Gange war. Dicke Regentropfen prasselten gegen die Fensterscheiben.
„Mir wird der Laden hier trotzdem fehlen.“ unterbrach Peter nach wenigen Minuten die Stille, nachdem er gegen die Fenster stierte und nachdachte.
„Ja, mir auch.“ bestätigte Matthias
„Mir kann beim bestem Willen keiner erzählen, dass man den Standort nicht retten konnte.“ sagte Peter nach weiteren 2 Minuten überlegen. „Der Witz ist ja, das Delta GmbH gar keinen Auftragsmangel hat, sondern lediglich keinen Großkunden für diesen Standort hier finden konnten.“
„Genau.“ nickte Matthias. „ Ich habe mal recherchiert und herausgefunden, dass die Standorte Potsdam und Dresden alleine 3 Großkunden bekommen haben. Wenn man uns nur 15% des Volumens übertragen hätte, hätte der Standort gerettet werden können.“
„Aber das wollen die ja nicht.“ wurde Peter ungewollt lauter „Die wollen ja nicht den Standort retten und Arbeitsplätze sichern, die wollten schon länger die Bude dicht machten. Das hätte uns schon klar sein müssen als die bei der vorletzten Betriebsversammlung sagten, dass der Standort 47.000 Euro Verlust im Monat gemacht hat.“
„Tja, aber was will man machen..is halt so, ne?“ zuckte Matthias erneut mit den Achseln und warf die leere Lunchbox, die mittlerweile an manchen Stellen abgebrochen war, in den Papierkorb.
Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
„Am letzten Arbeitstag arbeitest du noch ganz normal?“ fragte Peter erstaunt.
„Quatsch!“ winkte Matthias ab „Ich rufe meine Frau an.“
„Aso.“ nickte Peter und begann selber im Internet zu surfen. Schon seit mehreren Tagen suchte er bei Ebay ein bestimmtes Spiel für seine Konsole.
„Schatz?...Ja ich bin es.“sprach Matthias in den Hörer. „ Ja hier ist alles ruhig.Aber hatte ich am letzten Tag auch nicht anders erwartet......Sind die Kinder etwa noch wach?.....Ach so, hat sie wieder Fieber....Okay, nicht schön.....Ich wollte uns nach Feierabend Pizza mitbringen, brauchst also nichts zu kochen.....Okay, dann fahre ich zur Notapotheke und bringe Fiebersaft mit....Ja ich dachte auch wir hätten noch welches, aber ist ja kein Problem.....ja so um halb 12 werde ich zuhause sein..Ja..ich dich auch. Bis nachher.“
„Deine Tochter wieder krank?“ rief Peter aus dem Hintergrund, nachdem Matthias aufgelegt hatte.
„Ja, mal wieder. Letzte Woche war es Malte, und jetzt Jennifer wieder. Seit sie in den Kindergarten gehen sind sie ständig krank.“ seufzte Matthias.
„Liegt daran, weil Kindergärten generell Bazillenschiffe sind. Ein Blach ist ja immer krank und steckt dann die anderen an.“ meinte Peter.
Matthias war froh, dass seine Frau nicht im Raum war, denn sie mochte es nicht, wenn jemand Kinder als „Blagen“ bezeichnete. Andererseits war es Peter auch nicht krumm zu nehmen, denn er war nun seit 9 Jahren eingefleischter Junggeselle und hat seine Interessen irgendwann auf Computerspiele und I-Phones verlagert.
„Ja, ist schon was dran.“ räusperte Matthias sich.
„Noch 10 Minuten, dann verlasse ich dieses Gebäude hier zum letzten Mal.“ sagte Peter trüb mit Blick auf die Uhr. Genau 21.50 Uhr. Matthias hatte nun noch 1 Stunde und 10 Minuten vor sich, die ebenfalls schnell umgehen würden.
Draußen grummelte und blitzte das Gewitter weiter vor sich hin.
„Jetzt muss ich auch noch gleich durch dieses Scheisswetter.“
„Wenn du die Stunde noch wartest, kann ich dich auch am Bahnhof absetzen.“ bot Matthias an, denn er wusste das Peter auf Bus und Bahn angewiesen war und zur Bushaltestelle ungefähr 15 Minuten Fußweg vor sich hatte.
„Nein nein, ist gut gemeint von dir, aber ich möchte einfach nur nach Hause und dann bin ich noch länger unterwegs.“ lehnte Peter dankend ab.
„Okay...musst du wissen.“ zuckte Matthias erneut mit den Schultern. Es war ihm auch ganz Recht, denn auch er wollte schleunigst nach Hause und er musste noch zur Pizzeria und zur Notapotheke, den Fiebersaft für seine Tochter holen.
„Nein nein...Danke trotzdem.“ bekräftigte Peter.
Zum letzten Mal fuhr Peter den Computer runter und zog sich seine Jacke über. Mit gemächlichen Schritten lief er auf Matthias zu. Auch Matthias stand auf, um seinen zukünftigen Ex Arbeitskollegen zum Abschied zum umarmen.
„Ich hasse lange Abschiede...machs gut.“ sagte Peter kurz angebunden und löste die Umarmung kurzerhand wieder.
„Du auch.“ antwortete Matthias wehmütig.
Mit grossen aber leisen Schritten verließ Peter das Großraumbüro. Matthias setzte sich wieder an seinen Platz und widmete sich wieder seinem Monitor. Nun war sein letzter Arbeitskollege gegangen. Noch eine Stunde,dann würde auch seine letzte Schicht in dieser Firma enden.
Er öffnete das Fenster seines privaten E-mail Accounts, wo er die Absage an die Skyline Corporation verfasst hatte.
Das Telefon klingelte und Matthias nahm ab. Es war ein Kunde der Fragen zur Rechnung hatte.
Während Matthias sich die Rechnung aufrief, las er noch einmal die Absage, die er verfasst hatte quer.
Was der Kunde reklamierte, interessierte ihn nicht mehr sonderlich. Selbst wenn er jetzt auflegen oder irgendein Schwachsinn erzählen würde..was sollten sie tun? Ihn rausschmeißen?
Der Text für die Absage war okay, die richtige E-mail Adresse ebenfalls eingetragen. Mit einem Mausklick ging er auf „E-mail senden“. Die Absage war verschickt. Die Bestätigung „Die E-mail wurde erfolgreich versendet“ erschien auf dem Monitor. Nun hatte er wieder den Kopf frei für den Kunden.
„Ich habe die Rechnung gerade überprüft...Sie können sich online ebenfalls die Verbrauchsübersicht aufrufen. Haben Sie sie gerade vor sich? Dann können wir das gerne gemeinsam durchgehen.“ schlug er vor. Doch auf der anderen Seite der Leitung herrschte Schweigen.
„Hallo?“ fragte Matthias nach.
Im Hintergrund grummelte von weit her ein Donner vor sich hin.
„Hallo?..“wiederholte er, doch nach wie vor war nichts zu hören.
„Herr Schwarz? Sind sie noch da?“ fragte er erneut nach, doch in der Leitung blieb es stumm.
„Muß am Gewitter liegen.“ sprach er mit sich selbst und legte den Hörer, mit der Erkenntnis, dass die Verbindung zum Kunden getrennt wurde, auf.
Noch 50 Minuten, dann würde er ebenfalls das letzte Mal dieses Büro verlassen, doch bis dahin würde er noch 5 bis 6 Anrufe entgegen nehmen müssen, da die Kunden oft sehr spät abends anriefen. Denn zu diesen Uhrzeiten konnte man auf kurze Wartezeiten spekulieren.
Zu seiner Überraschung gönnte ihm die Leitung allerdings eine Verschnaufpause. Er loggte sich aus seinem E-mail Postfach aus und ging auf Youtube, um sich alte Wrestlingkämpfe anzusehen. Jetzt, da keiner seiner Vorgesetzten mehr da war, könnte er theoretisch alles sogar mit Ton schauen, doch es würde ein schlechtes Bild für den Kunden machen, wenn sie anriefen und Wrestling im Hintergrund hören würden, weshalb er sich dafür entschied, so wie die letzten 2 Jahre auch, auch bei seiner letzten Schicht sich die Zeit mit den Wrestlingvideos ohne Ton zu vertreiben.
Auch 10 Minuten später kam noch kein Anruf rein. Hatte etwa ein Blitz in die Leitung geschlagen, weshalb ihn niemand mehr erreichen konnte? Doch das konnte nicht sein, denn immerhin funktionierte noch das Internet einwandfrei.
Parallel öffnete er ein weiteres Fenster, um sich in sein Facebook Account einzuloggen. Vielleicht hatte seine Frau ihm irgendetwas geschrieben. Schließlich wusste sie, dass sie auf der Arbeit nicht anrufen durfte. Doch in seinem Facebook Postfach gab es keine Neuigkeiten. Allerdings stellte er auch irritiert fest, das keiner seiner 259 Facebookfreunde in der letzten viertel Stunde irgendetwas gepostet hatte. Waren etwa alle schlafen gegangen? Kaum zu glauben, wo doch sonst sogar nachts um 3 irgendjemand eine Flasche Bier oder die Lebensweisheit des Tages postete.
Mittlerweile waren es nur noch 12 Minuten, bis die Schicht zu Ende sein würde. Darauf, dass er genug Zeit hatte sich noch ein letztes Mal in diesem Großraumbüro umzuschauen, war er nicht eingestellt. Kein Kunde rief so wie sonst an, der ihn von dem Abschiedsschmerz ablenken konnte.
Draußen setzte wieder heftiger Regen ein. Ob Peter noch trocken an der Bushaltestelle angekommen ist? Er wagte es zu bezweifeln. Es wunderte ihn, dass er ihn nicht so wie sonst vom Fenster aus beobachten konnte, wie er über den riesigen Parkplatz ging. So als ob er gar nicht draußen angekommen wäre. Doch welchen Grund sollte er haben, sich noch im Gebäude aufzuhalten? Vielleicht hatte er sich aber auch so sehr beeilt, dass er ihn nicht gesehen hatte. Schließlich war er ja auch 3 Minuten mit Herrn Schwarz am Telefon beschäftigt. Wenn Peter gerannt ist, wäre es durchaus denkbar, dass er genau in diesen 3 Minuten über den Parkplatz verschwunden ist.
Noch 2 Minuten dann ist die letzte Schicht beendet. Die Telefonanlage zeigte an, dass alles in Ordnung wäre, doch trotzdem rief niemand an.
„Wahrscheinlich wieder in der letzten Minute, damit ich noch ne viertel Stunde unbezahlt hier bleiben und Rechnungen erklären kann.“sprach Matthias mit sich selber. Doch diesmal irrte er. Die letzten Sekunden brachen an.
10...9...8...7...6...5....4....3...2...1
„....und aus.“ sagte er laut und drückte den Knopf, um das Telefon zu sperren. Herr Schwarz war tatsächlich sein letzter Kunde gewesen. Hätte er das eher gewusst, hätte er eine knappe Stunde eher nach Hause gehen können.
Zum letzten mal zog er sich die Jacke in dem Gebäude an und griff nach seinem Wagenschlüssel.
So wie Peter zuvor, sah nun auch er wehmütig ein letztes Mal auf den Monitor, die die Meldung „Die Anwendung wird heruntergefahren“ aufzeigte.
„Das war es dann wohl.“ sagte er leise und lief durch den dunklen Flur die Treppe hinunter.
Durch den Regen lief er über den Parkplatz zu seinem Wagen und stieg ein. Sein Auto war das einzige auf dem grossen Parkplatz, was allerdings nicht verwunderlich war, da er der einzige war, der noch auf dem Gelände war.
Im Schrittempo rollte er vom Gelände, um sich gedanklich in Würde von der Firma, wo er die letzten Jahre gearbeitet hatte, zu verabschieden.
Es fiel ihm schwer, da er dort viele Kollegen kommen und gehen gesehen hatte. Die Kollegen, die er nicht leiden konnte, konnte er mit einer Hand zählen. Mit den anderen hatte er dort viel Spaß gehabt. Und nun waren sie aller verstreut und würden bald woanders arbeiten. Ihn eingeschlossen.
Gerade auf der Hauptstraße angekommen, wählte er die Handynummer seiner Frau, um sich zu vergewissern, dass zu Hause alles in Ordnung sei. Doch zu seiner Überraschung ging nach 5 mal klingeln die Mailbox dran.
Vielleicht war etwas passiert und er sollte sofort nach Hause durchfahren. Andererseits hatte er versprochen, dass er von der Notapotheke das Medikament gegen das Fieber seiner Tochter mitbringen würde.
Vielleicht war seine Tochter auch einfach wieder nur aus ihrem Bett gekommen, was sie regelmäßig tat und seine Frau war dabei, sie wieder ins Bett zurückzubringen. Sicher würde sie in 3 oder 4 Minuten zurück rufen. Mit dem Gedanken, dass es das nur sein könne, fuhr er zur Notapotheke und parkte direkt vor der Tür.
Er steckte sich den Kragen hoch, damit es nicht in seine Jacke reinregnen konnte und lief zur Tür der Notapotheke. Die Klingel war von außen zu hören, doch in der Apotheke rührte sich nichts.
Matthias schaute auf das Schild im Schaufenster, um sicherzugehen, dass die Apotheke auch wirklich Notdienst hatte, doch sah, dass das Schild mit seiner Erkenntnis übereinstimmte. Es war Mittwochabend und da hatte genau diese Apotheke Notdienst. Es musste also jeden Moment jemand öffnen.
Doch auch nach 2 Minuten passierte auf der anderen Seite immer noch nichts. Er betätigte die Klingel erneut und wieder war sie von außen zu hören, doch von innen rührte sich niemand. War die Dame, die sonst den Notdienst übernahm etwa im Tiefschlaf? Fragte er sich. Er klingelte weitere 3 male schnell hintereinander. Doch drinnen im Dunkeln rührte sich immer noch nichts.
Er holte das Handy aus seiner Jackentasche um nachzusehen, ob seine Frau mittlerweile versucht hatte, zurückzurufen oder wenigstens eine Nachricht zu schreiben, dass alles in Ordnung wäre. Doch auf dem Display war nichts.
Laut Messenger-Status war sie um 22.02 Uhr das letzte Mal online gewesen. War sie etwa eingeschlafen? Nun gut, es wäre nicht das erste Mal, dass er nach Hause kam und seine Frau schlafend auf der Couch liegt. Doch das war eigentlich nur dann der Fall, wenn sie die Nacht zuvor wenig geschlafen hatte. Letzte Nacht, überlegte er, waren sie halbwegs zeitig zu Bett gegangen, weshalb die Einschlaf Theorie eigentlich untypisch war. Doch was sollte es anders sein?
Er warf einen letzten Blick in die dunkle Notapotheke, wo sich immer noch nichts rührte und lief wieder zurück zu seinem Wagen.
Scheinbar hatte das Gewitter die Menschen erschreckt, denn außer ihm war niemand auf der Straße. Das einzige, was ihn von seinem Zuhause trennte, waren die roten Ampeln, an denen er zwischendurch stehen bleiben musste.
Mittlerweile hatte der Regen nachgelassen und zu einem leichtem Nieselregen abgeebbt.
Im Wohnzimmer brannte Licht, als er den Wagen am Bordstein vor der Tür parkte. Seine Frau schien tatsächlich auf der Couch eingeschlafen zu sein.
Er stieg aus und lief durch den Nieselregen zur Haustür. Mit einem letzten Blick zurück auf die Menschenleere Straße, schloß er die Tür auf. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass der Fernseher nicht wie sonst lief, wenn seine Frau auf der Couch eingeschlafen war. Alles war still im Haus. Der Haustürschlüssel klackte leise, als Matthias ihn auf der Kommode ablegte und ins Wohnzimmer schlich.
Der Fernseher war eingeschaltet, doch das Bild war schwarz. Scheinbar hatte der Blitz auch ins Kabelnetz eingeschlagen, weshalb kein Programm mehr zu erkennen war.
Doch die Couch, wo er seine Frau liegend erwartete, war leer.
War sie vielleicht zu seiner Tochter nach oben gegangen und vielleicht dort im Bett eingeschlafen? Das war schließlich auch schon mal passiert. Mit dieser Theorie im Hinterkopf lief er leise, um niemanden zu wecken, die Treppen hinauf. Vorsichtig schob er die Kinderzimmertüre auf. Doch die Betten waren leer. Weder seine Frau, noch seine Kinder lagen drin. Doch wo waren sie?
Matthiass Kopf wurde heiß und innerhalb von wenigen Sekunden hatte sich ein Schweißfilm auf seiner Stirn gebildet.
Hastig lief er ins gemeinsame Schlafzimmer, wo er ebenfalls niemanden vorfand.
„Schatz???“ rief er durchs Haus. Nun war es ihm egal, ob jemand geweckt werden könnte. Panik rann durch seine Adern. „Schatz...? Wo seid ihr??“
Doch er erhielt keine Antwort.
„Wo bist du so lange gewesen?“ fragte Thorben besorgt,als er die Wohnungstür öffnete.
„Ich war spazieren.“ antwortete Alexandra.
Misstrauisch sah er seine Freundin an.Ihre Augen waren blutunterlaufen, so als hätte sie geweint.
„Spazieren...“ wiederholte er ungläubig. „Wir haben gleich 11 Uhr nachts.“
„Ja und? Bist du mein Vater?!“ giftete sie zurück und lief an ihm vorbei in die Wohnung.
„Du hättest wenigstens mal eine Nachricht hinterlassen können. Ich komme nach Hause, niemand ist da..ich weiß nicht wo du bist,...“ zählte er auf.
„Ich war spazieren, hab ich doch gesagt!“ Sie zog ihren Mantel aus und hielt ihm ihre Hände hin.
„Fühl mal, mir ist Arschkalt...“
Er merkte, dass es ihre Art war, vom Thema abzulenken, doch er versuchte den Spagat, sich nicht ablenken zu lassen und trotzdem seine schwangere Freundin nicht aufzuregen.
„Setz dich erstmal, ich mache dir einen heissen Kaffee.“ ließ er sich fürs erste auf das Ablenkungsmanöver ein, doch er war sich bewusst, dass er gleich weiter nachhaken würde. Alexandra war selber jemand, die immer wissen wollte wo er ist und auch wenn er 10 Minuten später von der Arbeit nach Hause kam, sollte er erklären, wo er in diesen 10 Minuten gewesen ist. Schließlich könnte auch eine andere Frau dahinter stecken, mit der er einen Quickie auf seinem Rücksitz hatte. Seit sie schwanger wurde und sie sich zunehmend unattraktiver fühlte, fing es an und war mit wachsendem Bauch schlimmer geworden.
Gleiches Recht für alle, so erwartete er ebenfalls, dass sie nicht einfach ohne eine Nachricht zu hinterlassen, einfach weg ist.
Er stellte ihr den Kaffee hin, den sie im Klammergriff annahm. Während er sich ihr gegenüber setzte, ließ er sie nicht aus dem Augen und wartete darauf, dass sie von alleine die Wahrheit erzählen würde. Doch Alexandra schwieg.
„Und?...Wo warst du nun...spazieren?“ fragte er zögerlich.
„Ich war am Kiosk mir n Kaffee holen und bin ein bisschen herumgelaufen.“ antwortete sie. Thorben sah ihr tief in die Augen. Er glaubte ihr nicht.
In den letzten 3 Tagen hatte sich das Verhältnis zwischen den beiden ein wenig angespannt. Als sie sich kennenlernten, war Alexandra mit Markus, ihrem damaligem Freund zusammen. Schon nach dem zweiten Wiedersehen verliebten die beiden sich ineinander.
Lange hatte Thorben gewartet, dass sie ihn verlassen würde. Erst vor wenigen Wochen ist sie den Schritt gegangen. Als Alexandra Markus kennenlernte, hatte er ein ernstes Drogen und Alkoholproblem. Zwar verdiente er gut, doch da er seine Rechnungen nicht bezahlte, half Alexandra regelmäßig aus,um ihm vor dem Gefängnis zu bewahren. Es war eine Art Hörigkeit, die sie dazu veranlasste, ihm immer aus der Klemme zu helfen, und dass obwohl er sie regelmäßig verprügelte. Erst, als sie herausfand, dass seine regelmäßigen Unternehmungen mit den Kumpels im Bordell endeten, löste sie sich, zumindest emotional und körperlich von ihm. Dummerweise hatte sie ihn da schon geheiratet.Doch sie entschied sich dazu, bei ihm zu bleiben, um sich das ganze Geld, was sie Jahrelang in ihn investiert hatte, zurückzuholen.
So lange sie ihn bekochte und seine Wäsche wusch, störte Markus sich nicht sonderlich an dem, was sie tat. Jede Nacht verbrachte sie bei Thorben und wenn er nicht zur Arbeit musste, hatten sie auch tagsüber Zeit für gemeinsame Unternehmungen.
Zwischendurch, meistens wenn Markus zu viel getrunken hatte, beschwerte er sich, das Alexandra zu wenig zu Hause wäre und er erwartete, dass sie daheim blieb um zu kochen oder zu putzen.
Anfangs trat Thorben gar nicht in Erscheinung und wartete eine Straße weiter auf sie. Doch als sie merkte, dass Markus ziemlich gleichgültig war, so lange etwas zu Essen auf dem Tisch stand und seine Wäsche sauber war, holte er sie auch direkt vor der Tür ab.
Thorben liebte sie, auch wenn die Situation ihn mehr als nervte. Er hasste das Risiko, dass sie einging, nur um sich ihr Geld wiederzuholen. Wenn sie bei ihm zu Hause war, ließ er nur selten sein Handy aus den Augen, denn schließlich konnte jederzeit etwas passieren. Oft nutzte er die gemeinsamen Stunden, um auf sie einzureden, endlich Klarschiff zu machen und „auf das Geld zu scheissen.“ Doch Alexandra vertröstete ihn Monat für Monat.
Es war ein sonniger Samstag, der alles ändern sollte. Sie hatten beschlossen, in Köln den Dom zu besichtigen und pünktlich um 13.00 Uhr stand Thorben in der Einfahrt,um Alexandra abzuholen.
„Wir müssen noch eben zum Motorradclub Motoröl holen für den Lackaffen.“ sagte sie, als sie zu ihm ins Auto stieg.
„Kann der sein Scheißöl nicht alleine holen?“ verdrehte Thorben die Augen.
„Ich hab dafür seine Karte, wenn der selber geht, muss ich dem seine Karte geben. „ antwortete sie und setzte ihren Hundeblick auf.„Ich dachte mir, wenn der heute Abend zur Arbeit ist, hole ich ein paar Sachen zum anziehen aus dem Schrank und gehen irgendwo hin.“
Es nervte ihn, dass die selbstverständlichsten Dinge, wie ein gemeinsamer schöner Abend immer an Bedingungen geknüpft war, doch da er ein harmonisches Wochenende haben wollte, willigte er ein. Gemeinsam fuhren sie zum Motorradgeschäft und besorgten das Öl.
„Der sagte zwar, es reicht ihm wenn ich es heute Abend bringe, aber ehrlich gesagt ich hab kein Bock, auf die Uhr zu schauen, weil der Arsch sein Motoröl braucht. Bringen wir dem das jetzt? Dann haben wir bis morgen mittag Ruhe.“ schlug sie vor.
„Hmm..ja meinetwegen.“ murmelte Thorben und sie machten sich auf den Weg zurück.
Alexandra ging ins Haus und Thorben wartete draussen. Während er sich auf die Motorhaube seines Citroens hockte und eine Zigarette anzündete, dachte er nach, wie es noch so lange weitergehen soll. Vor 5 Monaten hatte Alexandra ihm gebeichtet, dass sie schwanger wäre. Er freute sich, denn er mochte Kinder. Der bittere Beigeschmack war, dass sie noch verheiratet war. Was, wenn sie ihn, bis das Kind auf der Welt ist, immer noch nicht verlassen hatte? Allein schon, wenn er herausfindet, dass sie schwanger ist, würde das Ganze eskalieren, da sie sich ihm schon lange verweigerte.
Die Haustür ging auf und Alexandra stand unter dem Türrahmen.
„Jetzt weiss ich, warum der auf sein Motoröl bis heute Abend warten konnte. Dieses Dreckschwein sitzt auf der Couch und schaut Kinderpornos!“ rief sie. Schon im selben Augenblick stand Markus in Boxershorts hinter ihr und riß sie wieder ins Haus.
Thorben konnte Alexandra schreien hören.
„Fass mich nicht an, du ekelhaftes Dreckschwein!“
„Ich mach das, weil du mich fertig machst! Irgendwas muss ich ja machen, wenn du nicht willst!“ brüllte er.
„Du sollst mich nicht anfassen!“ wiederholte Alexandra.
Thorben lief zur Terassentür und klopfte an die Scheibe.
„Lass Alexandra los!“ rief er.
Ein Faustschlag knallte mit Wucht von innen gegen die Scheibe der Terrassentür.
Mit einem durchgedrehten Blick sah Markus ihn an.
„Setz dich in dein Auto und verpiss dich!!“ schrie er.
Er wunderte sich selber, dass er diesmal keine Angst hatte. Doch darin war seine Liebe und sein ungeborenes Kind.
„Zuerst soll Alexandra rauskommen.“ rief er zurück.
Markus rüttelte an der Terrassentür. Er war so rasend vor Wut, dass er scheinbar vergaß, dass er die Tür einfach nur aufmachen brauchte.
„Ich hab gesagt du sollst dich verpissen!“ brüllte er erneut.
Insgeheim hoffte Thorben, das er rauskommen würde. Für die ganze Zeit, die er seine Freundin schikanierte, und jetzt, dass er sie bedrohte. So durchgedreht Markus in diesem Augenblick war, würde er ihm die Scheisse aus dem Leib prügeln.
Doch die Abrechnung sollte warten. Im selben Augenblick stolperte Alexandra aus der Tür und hechtete Richtung Auto.
„Nichts wie weg hier!“ keuchte sie.
Thorben lockerte seine Hände wieder, die fest zusammengepresst zu Fäusten geballt waren und marschierte ebenfallsin die Richtung seines Wagens, stieg ein, startete den Motor und die beiden fuhren davon.
„Was war denn los?“ fragte Thorben, nachdem sie sich mit dem Auto einige Kilometer entfernt hatten.
Eine Weile gab Alexandra keine Antwort, doch wenige Minuten später, erzählte sie was los war.
„Er hatte es scheinbar nicht gehört, dass ich ins Haus kam. Ich schlich mich ins Wohnzimmer und da lag er auf der Couch. Er hatte sein Handy quer auf den Tisch gestellt. Da lief ein Video von einem 12 jährigem Mädchen und der lag da und war...“ Sie schüttelte sich angewidert.
„Wir fahren jetzt erstmal nach Hause.“ schlug Thorben vor. Auch wenn eine Eskalation nicht das war, was er sich wünschte, doch es war endlich etwas passiert, dass sie endlich einsah, dass es so nicht weitergehen konnte.
Alexandra lebte sich in seiner Wohnung ein, die sie ihm zuvor bereits dekoriert hatte. Außer dass das Handy die ganze Zeit vibrierte, da Markus wie ein Wahnsinniger ständig versuchte, anzurufen, war fürs erste Ruhe. 4 Wochen später kam Thorben von der Arbeit nach Hause, als Markus gerade in seinem Wohnzimmer saß. Thorben schluckte und wusste im ersten Augenblick nicht, wie er sich verhalten sollte.
Markus stand auf und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ich denke, für mein Verhalten von letztens ist eine Entschuldigung fällig.“sagte er und lächelte ihn an. Ein Verhalten, eine Geste, die Thorben nicht zuordnen konnte. „Ich hatte sehr viel Streß auf der Arbeit...war mir alles zuviel.“ fügte er hinzu.
Unsicher sah Thorben Alexandra an.
Sie nickte und versuchte zu lächeln.
„Solche Tage haben wir alle mal.“ sagte Thorben kleinlaut und zog sich ins Bad zurück. Um sich nicht blöd zu fühlen, ging er unter die Dusche und machte sich frisch. Es dauerte eine halbe Stunde, bis Markus endlich verschwand.
„Kannst du mir mal erklären, was das für ein skurriler Besuch war?“ fragte Thorben irritiert.
„Es ist alles gut, Schatz.“ versuchte Alexandra ihn zu besänftigen. „Ich habe ihm gesagt, dass ich erstmal hier bleibe.“
„Was heisst denn hier erstmal?! Ich dachte das Thema ist gegessen..es wird eine Scheidung eingereicht und gut ist!“ zischte Thorben.
„Ja, mach ich auch noch. Aber wenn ich ihm das jetzt sage mit der Scheidung, sperrt er die Karte. Und dein Konto ist mit 1500 EUR im Minus.“ erklärte sie.
„Das ist mir doch scheissegal! Ich will sein scheiß Geld nicht!!“ muchste Thorben.
„Ich brauch die Karte nur noch, bis dein Konto geglättet ist. Markus bekommt nächsten Monat eine Sonderzahlung, dann räum ich ihm bis auf die Miete und das er was zu essen hat, das Konto leer, damit es uns finanziell gut geht und dann reiche ich die Scheidung ein, Versprochen. Aber wichtig ist doch erstmal, dass ich hier bei dir bin, oder?“
„Und was hast du dem gesagt, warum du hier bist?“ fragte Thorben irritiert.
„Ich hab ihm gesagt, dass ich erstmal 6 bis 8 Wochen hier bleibe, bis sich die Situation beruhigt hat...und er hat es akzeptiert.“ antwortete Alexandra.
„Der akzeptiert, dass du bei nem anderen Typen wohnst?“ hinterfragte Thorben ungläubig.
„Ja.“ antwortete Alexandra „Weil er davon ausgeht dass ich dann wiederkomme. Der kommt ja alleine nicht klar. Der kann sich ja noch nicht mal alleine etwas zu essen machen.“
Mit der Faust in der Tasche nahm Thorben es hin, dass sie 2 mal in der Woche zu ihm fuhr, um seine Wäsche zu waschen. Doch dass er regelmäßig schrieb, dass er sich mit ihr treffen wolle, ärgerte ihn.
Doch Alexandra wollte diese Ehe friedlich beenden, was Thorben für ein unmögliches Unterfangen hielt.
„Möchtest du noch Kaffee?“ fragte Thorben besorgt, was Alexandra mit einem Kopfschütteln ablehnte.
„Hast du was von dem Lackaffen gehört heute?“ fragte er. Er kannte die Antwort bereits. Erst letzte Nacht hatte Markus nachts um 3 vor der Tür gestanden und Sturm geklingelt. Er wolle reden. Als Alexandra das letzte Mal 2 Tage zuvor zum Wäsche waschen dort war, hatte er die Gunst der Stunde genutzt, als sie auf Toilette war, um ihre Handtasche zu durchwühlen und den gesamten Inhalt herauszuholen. Erst, als sie wieder bei Thorben zu Hause war, hatte er die Sachen durchgesehen und den Mutterpass gefunden.
„Hat einfach nur mit seinen Nachrichten genervt.“ antwortete Alexandra.
„Sonst nichts? Dir nicht aufgelauert oder so?“ hakte Thorben ungläubig nach.
„Was soll das? Ist das ein Verhör oder so?“ wurde Alexandra zickig.
„Nein, aber wir haben es mit einem Irrem zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der sich mit ein paar Nachrichten nerven zufrieden gibt, nachdem er hier nachts um 3 randaliert hat.“
Alexandra stand auf, ohne darauf zu reagieren. Thorben blieb sitzen. Wenige Sekunden später kam Alexandra mit einer angebrochenen Flasche Eierlikör wieder.
„Sach mal....“ Er riß die Augen weit auf. „Was glaubst du was du da tust?“
„Ich trink was...ich möchte schlafen, dann kann ich wenigstens durchschlafen wenn die Flasche leer ist.“ Sie öffnete die Flasche und setzte sie an, um zu trinken. Doch Thorben stand hastig auf und riß ihr die Flasche aus der Hand.
„Bist du bescheuert?! Willst du unser Baby umbringen?!“
„Ist doch eh alles scheißegal.“ entgegnete Alexandra.
„Wie meinst du das?“ Seine Augen waren weit aufgerissen.
„Egal.“ Mit einer abwinkenden Handbewegung beendete sie das Thema.
„Nein, nicht egal. Was ist los?! Du bist stundenlang spazieren, siehst total verheult aus und bist total komisch.“ Er wurde ungewollt laut.
„Ich hab Unterleibschmerzen, das ist alles.Und jetzt lass mich in Ruhe.“
Sie stand auf und ging ins Schlafzimmer. Thorben blieb noch eine Weile im Wohnzimmer sitzen. Irgendetwas stimmte nicht, und das wusste er.
Er schmiegte sich wie jede Nacht an sie und legte seine Handfläche auf ihren Bauch. Doch diese Nacht nahm sie seine Hand und wischte sie unsanft von ihrem Bauch weg. Er war zu müde, um sich darüber jetzt Gedanken zu machen. Doch morgen würde er sie weiter beobachten.
Es war Donnerstagabend, als Alexandra dabei war, die Wäsche zu waschen. Thorben saß auf der Couch und spielte ein Spiel auf seinem Handy. Zwar beherrschte er das Spiel, doch in Wahrheit war er in Gedanken versunken. Zu viele Informationen, die er vor wenige Minuten bekam, die es erstmal zu verarbeiten gab. Die Frage, was er nun tun solle, rannte durch seinen Kopf. Womit hatte er so ein Schicksal verdient? Seine Freundin hatte ihm erst eine Woche später erzählt, dass sie sich an diesem ominösen Abend mit Markus getroffen hatte. Wieder eines ihrer Versuche, alles friedlich zu regeln. Doch sie hatte ihm immer noch nicht alles erzählt, doch ihre Andeutungen mit dem, was er selber festgestellt hatte, reichte, um sich ein Gesamtbild zu machen.
Schließlich stand er auf und zog sich seine Jeanshose über.
„Wohin gehst du Schatz?“ fragte Alexandra, die gerade dabei war, Wäsche zu sortieren.
„Ich gehe eine Runde spazieren. Ich brauche etwas frische Luft.“ antwortete Thorben. Er zog sich die Jacke über und ging in die Küche.
„Jetzt noch?“ hinterfragte Alexandra.
„Ja...mir geht es nicht gut. Ich muß ein wenig raus.“
Er ging in die Küche um sich eine Zigarette zu stopfen.
„Bist du denn in 20 Minuten wieder hier?Ich mach uns ne Kleinigkeit zu essen und dann können wir noch gemeinsam einen Film schauen wenn du Lust hast.“
„Joah, 20 Minuten..halbe Stunde...“ er griff zu dem Messerblock und zog das Fleischermesser heraus und schob es sich unter die Jacke, ehe er durchs Wohnzimmer an ihr vorbei ging und sich zur Wohnungstür bewegte.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“ fragte sie besorgt.
„Ja, es ist alles okay...wirklich.“
An der Tür drehte er sich nochmal um und sah ihr tief in die Augen.
„Ich liebe dich Schatz.“ sagte er in einem ernsten Ton.
Alexandra sah ihn einige Augenblicke schweigend an, dann lächelte sie.
„Ich liebe dich auch.“ sagte sie schließlich.
Alle Lichter waren aus, als Thorben mit langsamen Schritten auf das Haus zubewegte, in dem Markus wohnte. Den Wagen hatte er eine Straße weiter abgestellt, damit er bei den Nachbarn kein Aufsehen erregt. Es war mittlerweile Mitternacht durch und nun würde alles schlafen. Selbst Markus schien nicht mehr wach zu sein, denn sein Motorrad stand vor der Tür. Doch im Gegensatz zu den frühen Abendstunden war das flackern des Fernsehers durch das Fenster nicht mehr zu erkennen.
Erschöpft setzte er sich gegenüber der Haustür auf den Boden und atmete seufzend aus.
Den ganzen Tag schon hatte er sich mit den Gedanken rumgeplagt, was er tun solle.
Noch heute morgen war er auf dem Spielplatz gewesen, wo er sich oft ausgemalt hatte, dass er dort mit seinem Sohn Seilbahn fahren würde, wenn er 4 oder 5 Jahre alt ist. Erst vor 3 Wochen hatte er den Kinderwagen im Internet bestellt, den Alexandra sich so sehr wünschte. Diesen einen mit den Speichenfelgen und der extrem weichen Federung. Es sollte eine Überraschung werden.
Seit diesem ominösen Abend, wo Alexandra spazieren war, hatte sie ihn nicht mehr an ihren Bauch gelassen. Wenn er mit ihrem Bauch sprach, so wie er zuvor immer getan hatte, damit sein ungeborener Sohn sich an seine Stimme gewöhnt, drehte sie sich weg und sagte schroff, er solle das sein lassen.
Heute morgen, als sie schlief, hatte er seine Hand auf ihrem Bauch abgelegt. Doch...es bewegte sich nichts, selbst nach einer Stunde gab sein Sohn kein Lebenszeichen von sich. Allgemein war ihm so, als wäre ihr Bauch wieder dünner geworden.
Für ihn bestand kein Zweifel...der Platz war leer. Sein Sohn hatte die Welt bereits wieder verlassen, bevor er sie betreten hatte.
Sie hatte es ihm verschwiegen, weil sie wusste, dass er dann durchdrehen würde. Markus hatte es erfahren, dass seine noch Ehefrau ein Kind von einem anderen erwartet und hatte es getötet. Es konnte nicht anders gewesen sein.
Schluchzend holte er das Messer aus der Jacke hervor. Die Klinge blitzte im Mondschein kurz auf.
Tränen rannten über seine Wangen.
„Daddy hat versagt. Daddy hat nicht richtig auf dich aufgepasst.“ wimmerte er leise vor sich hin. „Verzeih mir mein kleiner...Verzeih mir.“
Langsam erhob er sich von dem Platz, an dem er gesessen hatte und ging mit langsamen Schritten Richtung Haustür.
Mit einem leisen Klimpern holte er den Haustürschlüssel heraus, den er Alexandra aus der Handtasche genommen hatte. Den Schlüssel hatte sie noch, damit sie ins Haus kam, um seine Dreckswäsche zu waschen, wenn er auf der Arbeit ist.
Leise schloß er die Tür auf. Sein Herz pochte bis in den Kopf. Er traute sich kaum zu atmen, so leise war er.
Im Wohnzimmer war ein unruhiges schnarchen zu vernehmen.
Da lag er mit freiem Oberkörper auf der Couch. Es war dunkel im Raum, doch die Silhouette konnte er sehen. Die Bauchdecke bewegte sich ungleichmäßig. Alexandra hatte ihm mal erzählt, das Markus unter Schlafapnoe litt und allein deshalb schon lange nicht mehr mit ihm in einem Bett schlafen wollte, da sie es schlimm fand, dass er zwischendurch im Schlaf nicht mehr atmete.
Als Thorben diesen Abend plante, hatte er nicht ausgeschlossen, dass er ihm einfach ein Kissen ins Gesicht drückt. Atemstillstand. Vielleicht könnte er seinen Sohn rächen, ohne Spuren zu hinterlassen.
Nachdenklich begutachtete er die Klinge des Messers. Wäre es nicht zu gnädig, es mit einem Kissen zu tun?
„Papa, ich hab dich lieb.“ hörte er die Stimme eines Kleinkindes neben sich. Die Stimme seines Sohnes, so wie er sie sich immer vorgestellt hatte. Doch zeitgleich vor seinem innerem Auge der leere Platz im Kinderwagen. Zeitgleich das Bild, wie er alleine über den Spielplatz läuft und an der Seilbahn steht. Die Hauptperson, weshalb er hierherkam....fehlt.
Noch vor kurzem hatten sie sich einen neuen Esstisch gekauft, der größer war, damit der kleine Platz hatte, um bei Mama und Papa zu essen. Dieser Platz würde für immer leer bleiben...Für immer,.
Die Knöchel wurden Weiss, so fest umklammerte er den Griff des Messers.
Irgendwo würde der kleine Engel jetzt im Himmel auf ihn herabblicken. Wahrscheinlich würde er sagen „Tu es nicht Papa...es ist nicht schlimm. Ich hatte mich auf der Welt ja noch nicht eingelebt.“ Vielleicht würde er aber auch erwarten, dass er seinen Tod rächen würde.
Thorben näherte sich weitere 3 Schritte an den schlafenden Rivalen heran.
Eine Stimme der Vernunft schaltete sich in seinem Kopf ein.
„Vielleicht hat das Baby auch nur geschlafen, als du deine Hand drauf gelegt hast. Nicht das du einen unschuldigen tötest.“
Thorben hielt inne, ohne den festen Griff des Messers zu lösen. Was war, wenn die Stimme der Vernunft Recht hatte? Konnte er damit leben, einen unschuldigen getötet zu haben?
Andererseits, was wenn Markus doch seinen Sohn getötet hatte? Keine Gelegenheit wäre besser als die jetzige. Keine Alexandra, die ihn davon abhalten könnte. Der Täter, der zum Opfer wird, liegt schlafend vor ihm und er hatte es geschafft, in sein Haus einzudringen, ohne bemerkt zu werden.
Ihm war, als ob Alexandras Kugel kleiner geworden war, es hatte sich nichts mehr gerührt. In den letzten Tagen hatte er oft in das leere Babybett hineingeschaut und sein Gefühl sagte ihm, dass dieses Babybett für immer leer bleiben wird. Und alles was die Stimme der Vernunft entgegenzusetzen hatte, war ein „Vielleicht hat das Baby auch einfach nur geschlafen.“
Er hab den Arm mit dem Messer. Erneut blitzte die Klinge auf, da durch einen Spalt in der Jalousie das Licht der Straßenlaterne herein schien.
Vor seinem innerem Auge lief eine Erinnerung ab, wie Alexandra mal zu ihm sagte „Ich würde gerne mal wissen, wie es ist, einen Menschen mit einem Messer zu erstechen. Einfach nur so aus Neugier.“ Damals war er entsetzt, denn eigentlich wollten sie nur entspannt den Abend genießen und Walking Dead im Fernsehen schauen, als sie damals auf dieses Thema kam.
„Tut mir leid, mein Schatz. Ich werde es leider eher erfahren als du.“
Mit einer Wucht raste die Klinge, von Thorbens rechtem Arm gelenkt nach unten und durchbohrte Markus Brustkorb.
Markus riß die Augen weit auf. Entsetzen war in seinem Gesicht. Blut spritzte, als hätte man einen Felsen ins Wasser geworfen.
Thorben hob erneut den Arm und rammte es ihm ein weiteres Mal in den Brustkorb. Die Wut und die Verzweiflung verlieh ihm eine rohe Kraft, dass auch die Knochen ihn nicht abhalten konnten, das Messer immer wieder und wieder ihm ins Herz zu rammen.
Markus schrie, doch nur für einen kurzen Augenblick.
Doch der Mörder rammte es ihm noch einige weitere Male durch den Brustkorb. Markus musste sterben. Er durfte nicht wieder aufstehen. Der Mörder seines Sohnes musste sterben !!
Erst, als der letzte Muskel von Markus Körper zum stillstand kam, hielt Thorben inne.
„Du hast ihn umgebracht. Du hast ihn eiskalt und blutrünstig ermordet!“ hallte eine Stimme seines Gewissens in seinem Kopf nach.
In seinem Gesicht und auf seinen Sachen klebte das ganze Blut, das nach oben gespritzt war. Daran hatte er, als er zu Hause beschlossen hatte, Markus zu ermorden, nicht gedacht, dass er von oben bis unten mit Blut beschmiert sein würde. Eigentlich wollte er unaufällig das Haus wieder verlassen und zu Hause mit Alexandra was essen und dann schlafen gehen.
„Du musst erstmal raus hier!“ ermahnte ihn eine innere Stimme.
Er war froh, dass es dunkel war. Diese niedergemetzelte Leiche müßte furchtbar aussehen. Das Messer...er musste es verschwinden lassen. Er durfte es nicht hier sauber machen. Er musste zusehen, dass er jetzt keine Spuren hinterläßt.
Doch wo sollte er mit dem Messer hin? Die Fingerabdrücke, die er hinterließ, konnten von anderen Tagen gewesen sein, wo er im Haus war. Doch wo zur Hölle sollte er nun mit dem Messer und den blutigen Sachen hin? Mittlerweile war die Kriminaltechnik soweit, dass man, selbst wenn man alles 5 Jahre später aus dem Wasser fischt, die Spuren zu ihm zurückverfolgen konnte. Wohin damit??
„Du musst erstmal raus hier!“ wiederholte die Stimme in seinem Kopf sich.
„Ja...raus hier...Erstmal raus hier. Wohin ich die Sachen verstaue kann ich mir im Auto immer noch überlegen. Erstmal unbemerkt raus hier.“ sprach er mit sich selber, steckte das Messer wieder unter seine Jacke und schlich zur Haustür. Durchs Fenster schaute er, ob vielleicht jemand von den Nachbarn am Fenster stehen könnte, bevor er die Tür vorsichtig öffnete und hinausschlich, streng darauf bedacht, keine Lichtschranke zu aktivieren.
An den Lichtschranken vorbei schlich er sich auf den Hinterhof, um über die Mauer hinter dem Geräteschuppen zu klettern. Durch den Schutz der Büsche verweilte er eine Weile hinter der Mauer um auszuspähen, ob er nicht gerade in dem Moment, wo er aus den Büschen kommt, jemand entlang läuft.
Doch auch nach 10 Minuten blieb es ruhig. Zu ruhig. Nicht ein Mensch kam vorbei, doch auch kein Auto war zu hören, obwohl hinter dem nächsten Häuserblock schon die nächste Hauptstraße war.
Es dauerte weitere 10 Minuten, bis er den Mut aufbrachte, die Büsche zu verlassen um im gleichmäßigem Schnellschritt zur Seitenstraße zu laufen, wo er seinen Citröen geparkt hatte.
Erleichtert atmete er aus. Niemand hatte ihn gesehen. Alexandra würde sich sicher schon fragen wo er denn so lange bleiben würde. Doch zu seiner Überraschung stellte er mit Blick auf sein Handy fest, dass sie ihn nicht ein einziges Mal versucht hatte, zu erreichen.
„Du bist einen Weg gegangen, dem dir niemand folgen wird.“ hörte er wieder die Stimme in seinem Kopf in einem mahnenden Unterton.
Er startete den Wagen und machte sich auf den Heimweg. Thorben wusste immer noch nicht, wohin er mit den blutverschmierten Sachen sollte, weshalb er fürs erste sich dafür entschied, die Sachen und das Messer im Keller zu verstecken. Bis jemand die Leiche finden würde, wäre es morgen früh, also hatte er noch die ganze Nacht Zeit, sich Gedanken zu machen, wo er alles verschwinden lässt.
Im Schutz der Dunkelheit stieg er aus seinem Wagen aus, den er auf dem dunkelsten Parkplatz, der frei war, abgestellt hatte. Dadurch, dass die Straße frei war und kein Auto ihm im Weg stand, war er innerhalb von 7 Minuten wieder zu Hause.
Hastig schloß er die Wohnungstür aus und hechtete durch den dunklem Hausflur die Treppen hinab in den Keller, um sich im eigenem Kellerraum eingeschlossen, die blutigen Sachen auszuziehen. Eigenartig war, das Alexandra nicht am Fenster stand und Ausschau nach ihm hielt, wie er vermutete. Hatte sie etwa doch etwas geahnt und ihn verlassen? Wenn er ehrlich zu sich selber war, konnte er es ihr nicht verdenken. Er war immer gut zu ihr gewesen und seine Tat war aus einem ehrenhaftem Motiv...Rache!
Doch konnte man mit einem Mörder unter einem Dach leben? Einen Mörder lieben?
Oft betonte sie, dass sie Markus mittlerweile hasste, dafür, dass er sie wie Dreck behandelt hatte. Doch wenn sie sehen würde, wie er ihren zukünftigen Ex Ehemann zugerichtet hatte..könnte es nicht das gute Bild, was sie von ihm hatte, verändern?
Wie könnte er erwarten, dass sie ihn nach so einer Tat liebt, wenn er selber Zweifel an sich hat? Nein, nicht für die Tat. Fast jeder hätte an seiner Stelle nicht anders reagiert und den Mörder seines ungeborenen Babys unschädlich gemacht. Nein, die Tat war in Ordnung und wenn in seiner Seele eine Gerichtsverhandlung stattfinden würde, wo er selbst auf einer Anklagebank sitzt und der Richter sein Gewissen ist, würde sein Anwalt ihn mühelos da raus hauen.
Nein..es war nicht die Tat an sich. Es waren die Gefühle, die durch seine Adern rauschten, als er sie vollbrachte. Er hat jedes einzelne Mal, wo er das grosse Messer in den Brustkorb von diesem Bastard gerammt hatte, genossen. Und das war das, wofür er sich im Nachhinein schämte. Diese rastlose Sucht nach seinem Blut und dieses sadistische Bedauern, dass er durch die Klinge des Messers viel zu schnell sterben und zu wenig Schmerz verspüren würde.
Er zog die blutigen Sachen aus und legte sie samt Messer in einen Müllsack, den er sorgsam unter eines der Umzugskartons legte, die schief gestapelt und noch nicht ausgeräumt in der Ecke des Kellerraumes standen.
Ein Kaffee zur Beruhigung, das würde ihm jetzt guttun. Dabei könnte er sich Gedanken machen, wohin er mit dem Müllsack soll.
Barfuß und in Unterwäsche sprintete er leise die Kellertreppe wieder hinauf, schloß die Tür der Wohnung auf und trat ein. Es brannte noch Licht, Alexandra war also auf keinem Fall schlafen gegangen. Sie würde eh nicht schlafen gehen, bevor er wieder zu Hause ist. Wahrscheinlicher war es, dass sie auf der Couch sitzt und ihn gleich schweigend ansieht und auf eine Erklärung von ihm wartet, wo er so lange gewesen sei.
Doch was sollte er sagen? „Schatz? Ich habe deinen Mann gerade bestialisch mit einem Messer umgebracht?“
Andererseits, wie erklärt man, dass man 1 ½ Stunden spazieren ist und dann in Unterwäsche mit getrocknetem Blut eines anderen Menschen an Händen und Gesicht wieder nach Hause kommt? Es gab heute Abend leider nur diese eine Erklärung. Die Wahrheit....und hoffen das ihre Liebe zu ihm stark genug ist, dass sie ihm irgendwann verzeihen würde, dass er die Bestie rausgelassen hat, die in jedem von uns Menschen wohnt.
„Schatz? Ich bin wieder da.“ rief er mit zittriger Stimme durch den Wohnungsflur. Doch es blieb ruhig.
„Schatz?“ wiederholte er und betrat das Wohnzimmer, wo er Alexandra sitzend auf der Couch vermutete. Doch die Couch war leer. Das Abendessen, was Alexandra fertig gemacht hatte, stand auf dem Tisch und war bereits kalt. Ihr Handy lag daneben.
Sie hatte das Handy immer bei sich, also musste sie noch zu Hause sein.
„Schatz?“ rief er ein klein wenig lauter, während er durch die Küche auf den Balkon lief, wo sie theoretisch auch noch sein könnte, da der Wäschetrockner dort verstaut war.
Doch auch dort war sie nicht.
Vielleicht wäre es doch noch eine Chance, dass er ihr nicht sagen musste, was er getan hatte. Im schnellen Schritt lief er ins Badezimmer, um sich Hände und Gesicht zu waschen. Selbst in den Haaren hatte er Blutreste kleben, so hoch war es gespritzt.
Vielleicht hatte sie einen Verdacht, dass er so was vorhatte und war zu Markus gefahren, um ihn davon abzuhalten. Schließlich hatte er öfters im Wutkopf gesagt, dass er ihn irgendwann umbringen würde. Doch warum hatte sie dann nicht angerufen?
Vielleicht hatte sie in der Hektik das Handy vergessen und war einfach rausgestürmt um ihm zu folgen. Doch wäre sie nach einigen Schritten nicht wieder zurückgekommen um ihr Handy zu holen um ihm eine Nachricht zu schreiben oder ihn anzurufen?
Durch das Wasser, das aus der Brause kam, wurde das Blut wieder flüssig. Das Abwasser, das durch den Duschabluß lief, färbte sich rot. Schließlich musste er damit rechnen, dass morgen früh die Polizei vor der Tür steht. Das ganze Blut musste also verschwinden. Auch aus seinen Haaren. Trotz des ganzen Afters Shaves, das er sich mit den Händen auf die Haut klatschte, hatte er das Gefühl, er würde nach Blut stinken. In der Nase hielt sich der Geruch der eisernen Flüssigkeit, obwohl er so sauber war, wie schon lange nicht mehr. Nun würde er sich etwas anziehen und sich auf die Suche nach Alexandra machen.
Hoffentlich würde er sie rechtzeitig finden, so dass ihm noch genug Zeit blieb, den Müllsack verschwinden zu lassen.
Unter der Dusche, kam ihm die Idee, die Leiche in kleine Stücke zu hacken und zu verstecken. Wo keine Leiche, da keine intensive Suche. Doch das Problem war, dass es in wenigen Stunden wieder hell werden würde. Es war verdammtes Glück, dass er nicht gesehen wurde, wie er das Haus betrat und wieder verließ. Nun das Risiko eingehen, dass er doch gesehen werden würde? Das wäre dumm.
Auch wenn die Frage, wo seine Freundin gerade ist, ihn quälte und er am liebsten alle Zeit aufbringen würde, sie jetzt zu suchen, musste alles, was ihn belastet, verschwinden.
Als er sich etwas übergezogen hatte, rauchte er sich eine Zigarette, während er weiter überlegte, wo Alexandra sein könnte, ehe er wieder in den Keller ging und den Müllsack hervorholte. Es konnte nur sein, dass sie sich auf den Weg zu Markus gemacht hatte. Sicher würde sie gerade vor der Tür dort sitzen und darauf lauern, dass er vielleicht rauskommen könnte. Schließlich wird sie gemerkt haben, das er den Haustürschlüssel eingesteckt hatte.
Entschlossen, dort als erstes nachzusehen, warf er den Müllsack in den Kofferraum, setzte sich wieder in den Wagen und machte sich auf den Weg dorthin. Diesmal war er weniger auf Vorsicht bedacht als zuvor und fuhr bis zum Hauseingang. Vielleicht wurde das sogar weniger verdächtig, wenn man ihn jetzt sehen würde. Welcher Mörder fährt schon so offensichtlich zurück zum Tatort?
Der Citröen kam zum stillstand, doch dort saß Alexandra ebenfalls nicht. Er sah sich das Haus von außen an und es wurde für ihn selber unbegreiflich, dass hinter diesen Mauern eine zermetzelte Leiche in einer Blutlache liegt.
Als Matthias auf der Couch aufwachte, war es taghell. Der 3 Tagebart kratzte und sein Hemd, dass er seit seiner letzten Spätschicht immer noch trug, roch nach Schweiß. Er wusste nicht wie lange er geschlafen hatte, jedenfalls war es hell, als er eingeschlafen war. Entweder war es wieder oder immer noch hell. 2 ½ Tage hatte er nach seiner Frau und seinen Kindern gesucht. Doch dabei machte er eine weitere Feststellung die ihn erschreckte so wie auch irritierte. In der ganzen Zeit hatte er nicht einen einzigen Menschen gesehen. Selbst als Deutschland in der Fußball WM im Finale gespielt hatte, war auf den Straßen mehr los gewesen als im Moment. Selbst als er dann zur Polizeiwache gefahren ist, um eine Vermißtenmeldung zu machen, war das Polizeipräsidium wie leergefegt. Nicht ein einziger Polizist war zu sehen. Er hätte genausogut alle Büros betreten können, um sich an die Computer zu schaffen zu machen, niemand hätte es gemerkt.
Wo waren sie alle hin? Und was noch wichtiger ist, warum war er nicht weg?
Alle Verwandten und Bekannten, die er anrief, gingen weder ans Telefon, noch öffnete irgendjemand die Tür. Seine Eltern nicht, ebensowenig wie seine Geschwister. Ihm war so, als wäre er nun der einzige Mensch auf dieser Welt.
Auch die Tiere schienen größtenteils verschwunden zu sein. Ab und an konnte er einen Vogel draussen sehen, doch es war eher die Ausnahme. Wo immer seine Familie gerade war, die meisten Tiere schienen mit ihnen dorthin zu sein.
Selbst bei Facebook blieb es ruhig. Niemand postete etwas. Der letzte Eintrag war nach wie vor von seiner letzten Spätschicht. In sämtlichen Messengern war keiner mehr sehr viel später als 22 Uhr vorgestern online.
In der Annahme, das nur seine Stadt betroffen wäre, fuhr er mit seinem Wagen durch die Nachbarstädte, doch auch sie waren Menschenleer. Die Geschäfte waren alle geschlossen und blieben es auch, weil kein Mensch da war, der sie öffnen konnte.
Hatte er, als er auf seiner letzten Schicht war, eine Apokalypse versäumt? Aber warum wurde ausgerechnet er in diesem Bürogebäude verschont?
Wo sollte er noch suchen? Diese Einsamkeit schien nicht nur in seiner Stadt zu sein. Selbst alle Fernseh- und Radiosender hatten ihre Sendungen eingestellt.
Es schienen nirgendwo mehr Menschen auf dieser Welt zu sein.
Einige Städte weiter in einem Naturschutzgebiet qualmte das letzte Überbleibsel eines Feuers. Thorben hatte Alexandra noch gesucht, bis die Morgendämmerung langsam einbrach. Er hatte noch etwas anderes zu tun. Er musste die Sachen verschwinden lassen, bevor es wieder hell wurde. Etwa 15 Kilometer in einem abgelegenem Naturschutzgebiet verbrannte er die blutigen Anziehsachen. Ein Hammer, den er von Zuhause mitgenommen hatte, benutzte er, um solange auf die Klinge des Messers einzustanzen, bis sie zerbrach. Das wiederholte er, bis von der Messerklinge nur noch Scherben übrig waren.
Noch während er das Feuer brannte, grub er mit der Schaufel, die er von zu Hause geholt hatte, ein tiefes Loch, wo er die Einzelteile des Messers und die Überreste der verbrannten Anziehsachen vergrub.
Er war sich nicht sicher, ob das ausreichen würde. Doch zumindest würde es, wenn sie die Leiche finden, die Suche erschweren. Sicherlich würde die Polizei ihn als erstes verdächtigen. Denn als sein Nachfolger wäre er automatisch verdächtiger Nr.1. Die meisten Morde werden aus Eifersucht oder Habgier betrieben. Wenn aus irgendwelchen Gründen herauskommen sollte, das Alexandra von ihm schwanger war, könnte man leicht 1 und 1 zusammenzählen, dessen war er sich sicher. Doch solange keine Tatwaffe gefunden wird, würde es schwer sein, ihm etwas nachzuweisen. Ob es ausreichen würde, dass er die Sachen verbrennt? Klar würde man die Überreste irgendwann finden, doch wie lange würde es dauern, die Spuren auszuwerten und eine Verbindung ausgerechnet zu der Leiche, die in einem Haus 15 Kilometer von hier, auf der Couch liegt, ziehen?
Erst als er wieder in seinem Citröen saß, kam ihm der Gedanke, dass er die Überreste des Messers vielleicht doch besser irgendwo anders hätte vergraben sollen. Denn mit den Sachen fand man automatisch auch die Tatwaffe. Doch es war nun zu spät. Mittlerweile war es hell geworden, und das Risiko, dass man ihn jetzt sieht, wie er alles nochmal ausgräbt um es irgendwo anders neu zu vergraben, war zu groß.
Allgemein kam mit zunehmender Stunde Gleichgültigkeit dazu. Sein Baby war weg, seine Freundin spurlos verschwunden. Was spielt es für eine Rolle, dass er seinem Leben, das in einen Scherbenhaufen verwandelt wurde, draußen in Freiheit oder im Gefängnis nachtrauert?
Sollen sie ihn doch fassen. Nun ist alles egal. So was von egal.
Was für einen Sinn machte es nun, Alexandra weiter zu suchen? Es war offensichtlich, dass sie nicht von ihm gefunden werden wollte. Das einzige, was er jetzt nur tun konnte, war, wieder nach Hause zu fahren, sich hinzulegen und zu schlafen. Entweder würde Alexandra, die doch wieder zu ihm zurückkommt, ihn wecken, oder die Polizei würde ihn gewaltsam aus dem Bett holen und ihn verhaften. Alles egal. Scheissegal!
Als er zu Hause ankam, war er einfach nur noch müde. Mittlerweile war er seit 24 Stunden wach und in der Zeit allerhand erlebt. Machte es Sinn, jetzt noch auf der Arbeit anzurufen und sich krank zu melden? Wofür, wenn er sowieso mit hoher Wahrscheinlichkeit in wenigen Stunden sich im Gefängnis als brutaler Mörder wiederfindet?
Andererseits könnte es auch genausogut sein, dass sie die Leiche heute noch nicht finden. Oder Alexandra auf einmal wieder zu nach Hause kommt und von allem gar nichts mitbekommen hat. Könnte es nicht sein, dass sie einfach auch nur spazieren und nachdenken wollte? Aber ohne Handy? Das sieht ihr nicht ähnlich.
Er wählte die Nummer von der Arbeit, doch niemand ging ran. Was war auf einmal los? Es sollte schon längst jemand dort sein, um seine Krankmeldung entgegenzunehmen. Und das bereits seit 2 Stunden. Oder könnte es vielleicht sein, das er so durcheinander war, das ihm entgangen war, dass es Sonntag ist? Zumindest hatte er auf dem Weg nach Hause keinen Menschen, gesehen. Und das, obwohl schon alle auf dem Weg zur Arbeit sein müssten. Normalerweise war die Autobahn durch den Berufsverkehr voll. Doch alle schienen noch in ihren Betten zu liegen.
Übermüdet stellte er seinen Handywecker, in dem Vorhaben, wenigstens eine halbe Stunde zu schlafen und es dann erneut zu versuchen. Sein Schädel brummte. Bei den Gedanken und dem lange wach sein, stellte sich ein Müdigkeitstinitus ein. Doch in dem monotonem piepen schlief er schließlich ein.
Als er wieder aufwachte, schaute er entsetzt auf das Handy. Der Wecker des Handys hatte ganze 3 mal geklingelt, doch er hatte so tief geschlafen, dass er es nicht gehört hatte.
Mit Entsetzen stellte er fest, dass die Uhr auf dem Handy 16.26 Uhr anzeigte.
Mist! Auf der Arbeit wird sein Vorgesetzter bereits Amok laufen. Es war ihm schon 2 mal passiert, dass er verschlafen hatte. Zwar sagte man ihm dann, das die Personalabteilung versucht hätte, ihn zu erreichen, doch auf dem Display hatte er nie einen Anruf in Abwesenheit, obwohl nach einem Abgleich der hinterlegten Rufnummer sich herausstellte, das die Rufnummer korrekt war.
Er rief die Anruferliste auf und wählte erneut die Nummer von der Arbeit. Doch es war dasselbe Ergebnis wie heute morgen. Niemand ging ran.
Erneut vergewisserte er sich, dass es nicht Sonntag war. Was war los? Warum ging niemand an das verfluchte Telefon?!
Nikolaj und seine Weggefährtin Anna saßen, wie jeden Abend, vor dem Bahnhofskiosk. Es war mittlerweile das zweite Jahr, dass sie nun auf der Straße ohne Obdach verbrachten. Zumindest war es Sommer und zumindest für Nikolaj war das Leben auf der Straße erträglich. Im Winter war das Leben die absolute Hölle. Die Obdachlosenheime waren überfüllt und manchmal versteckten die beiden sich über Nacht in der Kirche, um den Kältetod zu entrinnen.
Bis zu seinem 15.Lebensjahr lief sein Leben noch halbwegs geradeaus. Seine Eltern hatten sich zwar getrennt, als er gerade mal 8 Jahre alt war, doch das Leben bei seinem Vater bescherte ihm wenigstens noch eine halbwegs normale Kindheit.
Als er 12 war, lernte sein Vater seine jetzige Lebensgefährtin kennen. Wie es mit Patchworkfamilien nun mal so ist: Manchmal kommen die Kinder mit dem neuem Partner des Elternteils klar, manchmal allerdings leider auch nicht.
Petra, seine neue Stiefmutter, mochte ihn nicht und es kam regelmäßig zu Streitereien, Doch wenigstens eskalierten diese nicht. Irgendwann zog Nikolaj sich in seinem Zimmer zurück und ging seine eigenen Wege, die allerdings nicht selten daraus bestanden, dass er die Schule schwänzte, um mit Kumpels oder mit seiner Freundin abzuhängen.
Als Luca, sein Stiefbruder, auf die Welt kam, brach für Nikolaj eine ungemütliche Zeit an. Sein Vater machte für das neugeborene Baby das Zimmer frei und baute Nikolajs Bett in der Abstellkammer auf, in dem manchmal noch nicht mal das Licht anständig funktionierte. Eines Abends entbrannte ein weiterer Streit zwischen Nikolaj und seiner Stiefmutter und endete in der Eskalation, als er sagte, das er dieses Baby hasse und alles noch besser war bevor Petra in sein und das Leben seines Vaters kam.
Als sein Vater später nach Hause kam, setzte er sich zu ihm ins Zimmer auf sein Bett und teilte ihm mit, dass es für alle Beteiligten besser wäre, wenn er den Haushalt verließe.
Wenige Tage später kam Nikolaj in einem Jutel unter. Eine Einrichtung für Jugendliche. Ein Domizil, wo Betreuer zur Verfügung standen und die Jugendlichen unterstützten, mit Arbeit und Wohnung sich ein neues Leben aufzubauen.
Seine damalige Freundin Christina unterstützte ihn damals ebenfalls und er suchte sich zumindest eine Wohnung, die durch das Arbeitsamt finanziert wurde.
Die Jobsuchen verliefen meistens eher negativ. Zwar fand Nikolaj schnell irgendwelche Jobs die im Verhältnis zur Verantwortung sogar ganz gut bezahlt waren, doch er verlor sie nach maximal 14 Tagen wieder, weil es ihm an Disziplin fehlte und nicht selten zu spät zur Arbeit erschien.
Doch das Arbeitsamt unterstützte ihn weiter finanziell und so hatte er wenigstens ein Dach über den Kopf.
Als er eines Sonntagsabends nach einem Wochenendtrip nach Hause kam, sollte das Leben für ihn eine dramatische Wendung haben. Er war schon verwundert, als er im Hausflur einen Karton vorfand, wo seine persönlichen Unterlagen drin waren.
Das Schloß in der Tür war schon lange überflüssig. Die Scheibe in der Tür wurde von seinem Vermieter im Vollrausch eingeschlagen, als ein Streit zwischen den beiden wieder eskalierte. Seitdem betrat er seine Wohnung immer, indem er durch den Rahmen griff, wo bis vor kurzem eine Glasscheibe war und betätigte den Türknauff.
Irgendetwas war an diesem Sonntag anders. Es stank nach abgestandenen Bierflaschen, als er vor der Tür angekommen war. Von der Nachbarin, eine junge Dame, die mehr bei ihrem Freund als zu Hause war, konnte es nicht kommen.
Vorsichtig öffnete er die Tür. Irgendetwas stimmte hier nicht.
Als er die Wohnung betrat, kam er aus dem staunen nicht mehr heraus. Irgendjemand war hier. Auf dem Boden lagen Anziehsachen, die er nicht kannte. Vor dem Fenster standen mindestens 20 leere Bierflaschen auf dem Boden. Eine Spielkonsole, die nicht seine war, war vor dem Fernseher aufgebaut. Ein Handy war am Strom zum aufladen angeschlossen.
Was war hier los? Einbrecher konnten es nicht sein. Welcher Einbrecher lässt sein Handy zum laden zurück?
Er hob das Handy vom Boden auf und zog das Ladegerät heraus, damit er sich das Display ansehen konnte.
Das Handy war in einem deutschem Netz, doch die Sprache auf serbisch eingestellt. Er wählte die Nummer der Polizei und es dauerte nur wenige Minuten, bis ein Streifenwagen vorbei kam. Doch das Ganze endete damit, dass die Polizei den Vermieter aus dem Bett holte, der ihnen allerdings sagte, das Nikolaj dort kein Mieter mehr wäre und 3 Serben dort eingezogen wären. Die Polizisten wollten von Nikolaj einen Mietvertrag sehen, damit er nachweisen kann, dass er tatsächlich Mieter dieser Wohnung wäre. Ein Nachweis, den er natürlich nicht hatte. Auch sein Einwand, das man schließlich nicht seinen Mietvertrag immer bei sich hätte, ließen sie nicht gelten. In dem Karton mit den persönlichen Unterlagen, war er nicht dabei. Den hatte der Vermieter vorsorglich verschwinden lassen. Nikolaj war nun derjenige, der von der Polizei nach draußen geleitet wurde. Sie würden die neuen Bewohner überprüfen. Dabei war es auch geblieben.
Als ob das alles nicht genug wäre, kam Christina zu dem Entschluß, das Nikolaj nicht der Mann wäre, mit dem man sich etwas aufbauen kann.
Beim Arbeitsamt gewährte man ihm nur Hilfe, wenn er einen Wohnsitz angeben könne. Sein Bitten und Flehen, das Christina ihn bei seinen Eltern für 2 oder 3 Wochen aufnehmen würde bis er eine Wohnung gefunden hätte, liefen ins Leere. Er war auf sich allein gestellt.
Das war seine Geschichte.
Seitdem war er am Bahnhof untergetaucht. Anna hatte ihn vor einem knappem Jahr angesprochen und ihn in die Obdachlosenclique eingeführt. Einen wirklichen Gefallen hatte sie ihm allerdings damit nicht getan, denn dort hatte er auch die ersten Berührungspunkte zur Drogenszene und zur Prostitution.
„Ob Marcel heute noch kommt?“ hinterfragte Anna.
„Keine Ahnung.“ zuckte Nikolaj mit den Achseln. „Er ist sonst um die Uhrzeit schon längst hier.“
„Nicht dass die ihn erwischt haben.“ befürchtete sie. Das wäre ein Desaster, denn Marcel war deren Drogenkurier. Wenn sie ihn tatsächlich erwischt haben, würde sie weiter auf dem trockenem sitzen.
„Ich hab auch kaum noch Kohle.“ gab er zu bedenken. „Könnte es mir eh nicht leisten wenn ich keine Sonderpreis kriege.“
Anna stand auf und sah ihn von oben herab an.
„Ich weiß. Ich würde dir gerne was geben, aber viel habe ich auch nicht.“
Sie sah sich um und bemerkte einen älteren Mann, der scheinbar irritiert zwischen den Aufgängen der Bahngleise hin und her irrte.
Mit langsamen Schritten ging sie auf ihn zu und stellte sich neben ihm, um ihn direkt anzusehen.
Der Mann merkte es und erwiderte ihren Blick.
„Hast du Lust zu ficken?“ fragte Anna indiskret.
Der ältere Mann sah sie eine Weile nachdenklich an, schüttelte dann aber den Kopf,
„Schwirr ab.“ sagte er in einem schroffen Ton, was Anna überraschte, da er, bis er sprach, ganz nett aussah. Sie hatte ihn falsch eingeschätzt. Sie war in dem Glauben, dass er das geeignete Opfer wäre, dem man die Brieftasche aus der Jacke zieht, während man ihn befummelt und er wollüstig ihr die Zunge in den Hals schiebt.
„Bin ich dir zu jung, Opa?“ fragte sie frech. „Das sollte dich nicht stören. Du bist nicht der erste jenseits der 50, der mich ficken darf.“
„Ich mag keine Muschis, und jetzt verzieh dich.“
Für einen kurzen Moment sah sie ihn weiter irritiert an, lief dann aber gemütlichen Schrittes zu Nikolaj zurück.
„Du wirst nachher mit mir teilen.“ grinste sie.
„Wie meinst du das?“ fragte Nikolaj.
